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Full text of "Nord Und Sued 1901 Bd 096"

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2Zorb mb Siib. 


(Eine 5 e u t f dj e ZITonatsfcfjrift. 


Ijerausgegefren 


non 

» 

Paul Cirtbau. 


Scdjsunbneunsigftet Battb. 

OTit btn Portrait» port: 

P«ter 2lltrnber<j, ®eorg Freiherr oon ®tnpt«ba, Herrn. 



3$re$lau 

Sdjlefifd}* Sudjbturferei, Kauft* anb Derfags*Kn(ialt 
v . 5. Scfypttlaenber. 




3 «ljalt bes 96. Banbes. 

Sanuar — ffeütuar — Höärä- 

m- 

4* 

Seite 

2H. Beerei in Jjirfdjberg. 

Das nerlorene parabies \os 

Karl Blinb in £onbon. 

(Englanb unb bie fübafrifanifdjen ^reijiaaten. <£in 3 eitgefd?ic^tlidpcr 
KficfblicF mit perfdnlidpn (Erinnerungen 88 

€ridj Boljn in Breslau. 

Der ^afl Hottje . 223 

Däfaugiers. 

Der ridjtige Sdjmerbaudj. Uebertragen non Sigmar IHefjring in Berlin. 25? 

lj. ^ranf in Breslau. 

§>n>e i munberlidje £7 eilige aus Ejalbaften. (Eine SF^e 209 

3ofep^ 3oeften in Bonn. 

<5ottfrieb KinFel unb feine rfjeinifdje tjeimat ?8 

Ceorg 3 rr S an 9 in Bresben. 

<5eorg ^reiljerr non (Dmpteba. (Eine £ebens* unb SdjaffettsfFijje . . 193 

Uuguft ^riebrid) Kraufe in Breslau. 

ZZeera 283 

fynnridy BTeyer in BTündjen. 

2luf ben Eingang Zlmolb BöcFlins ; 302 

Bemljarb 21 Tun 3 in XDien. 

§nr (Erinnerung an Zlbolf pikier 3\7 

Sigmunb ZTTfinj in XDien. 

Das 3 ufänftige dondaoe 56 

®eorg ^rei^err oon £>mpte5a in Bresben. 

Keinijeit 258 

Unton ^reüjerr Don perfall in Sdjlierfee. 

König IDiglaf. (Epifdje (E^ätyung \ 319 



3 n ^ a ^ 9 6 ‘ 23anbes. 

(Elfe pol?I in Breslau. 

(Ein ^riiljlingsraufd} 363 

$tancts Xafmann in Blanfenburg a. I}. 

€djt ober Unecht? 217 

iHayimilian Stracf m JDürjburg. 

€in tnoberner ^ranenlob. peter Miltenberg $3 

£>scar XDilbe f . 

ißriffel, (Solb unb (Sift. (Eine Stubie in (Srün. <Jrei nadj bem 

€nglifdjen ©on JDilfyelm 5 dj ölermann 30$ 

1 (. IDoermann in 2 )resben. 

Die djineftfcfje Knnft ©om €nbe ber ^an»Dynaftien bis 3 tmt 19. 3at|r* 

tymbert n. dfyr 395 

Jluguft IDunfdje in Dresben. 

Die Sdjönljeit bes Milten Ceftaments in feinen poetifdjen Sänften. 326 

Ijeinrid) < 5 fcfyalig in Dresben. 

(ßeorg peele. (Ein Bilb ans Sfyafefpeares IDerbejeit 3$6 

* * 

* 

IHein <$reunb 3ofef 27t 

Bibliographie 130 2*8 *03 

Btbliograptyfdje Hotten *33 27 \ $06 

Ucbcrfldjt ber mic^tigjten §eitfd?riften4luffäöe ©on (Ernji lDeilanb»£flbecf 136 27$ $u 


mit ben portraits ©on: 

Peter Miltenberg, (Seorg freitjerr ©on 0mpteba f tteera, rabirt 
©on 3ofyann Einbner in mündjen. 




2Iorö unb Siib. 


(Eine 6eutfd?<> 2TT o n a t s f d? r i f t 


£)erausgegeben 


von 

Paul Ctnfcau. 


XCVI. 3ani>. — 3 a »uat — fjeft 286. 

(tritt einem portrait in Babirtmg : peter Ultenberg.) 



2 &re£Iau 

SdjWfifdje Budf&rurferei, Kunß. nnb Derlags.Hnflalt 
v. 5. 5d?ottlaenber. 





ßöntg XDiglaf. 

€ptf dje ©rjäljlung. 

Don 

SCnton ffretfjert ban Verfall. 

— Sdjlierfee. — 

önig ginn fofl au f ^ em ©iedEjbette. 

Sor üjm hing auf bet (Säule ton ©idjenljol} feine Sßetpr, 
ber jerljauene ©cbilb mit ben golbenen Sudeln, bet Retten* 
panjer, ber ©turmfiut mit ben gtügeln be§ ©eeabler«, ba« mädfjtige 
6<f)ladE|tf<f)roert unb ber ©peer. 

gljm ju Raupten ftanb ein Dofie« 2Beib in meinem Sinnen. ®ie 
SBndfit be« 9?ot£)t)aare3, ba« if)r über bie roeifjen ©futtern flofi, bänbigte 
ein golbener Steif, ber bie -ütitte ber ©time umfdjlofe. 

$a« 2Beib mar ICrptljo, bie (Sattin be« fierbenben ©reife«, be« 
Sfogelfönig« Dffa einjige 5Co<f)ter, um bie Rönig ginn auf ber 2Bal)lftatt 
gefreit, »or ber Seidfie be« bejtegten Sater«. 

3n Der SCiefe ber £aHe, roeldf>e ba« Sidfjt ber gadfel im ©ifenring 
nicht erreidfjte, ftanb ein SJtann, fdfiroarj gerüftet, bie gäufte auf ba« 
©diniert geftemmt. ©in fdjroarjer Satt roattte if)tn auf bie Srujt herab, 
Md jum Sd&roertfnauf. 

©ein Slici mar auf biefe« SBeib gerietet, unb immer roieber etjiuang 
et fidf) furjen ©egenblidf, — feinblidjen, trofcigen jroar, — aber er erjroang 
ihn. — ®er SDtann roar 2lefcf)ere, Rönig ginn« ©dbroertlianb feit sroanjig 
gahren, ber ben Singeln Dffa fdfilug, feinen ©rbfeinb. 

Rönig ginn ad&tete nicht auf ba« SBeib unb nicht auf beit SJtaun, 
fein Sluge ruhte auf bem ©dfjilb, in bem ba« glacferlüfit ber gadtet gar 
luftige Silber fdfjuf: — ba fdfjroiHt ba« SDteer um ©renbel, fein treue« 
©djiff, ba« flirrt non ©rj. ©r ftebt norne am ©teuer, uom roeifeen ©ifdbt 

l* 




2 Unten Freiherr »en perfall tn Sdjlierfee. 

umfprübt, unb fpä^t nach ber Küfte großer ©haten. — ©er Fimmel blaut, 
ruhig flimmert baS SReer; 33eooaS Sühtfpeer h at es tont ©iS befreit. 
@r jiebt ton ber ginnburg herab an ben ©tranb, golbig baS 4?aar, RblanE 
bie Senben. $iltegunt nabt, baS StorblanbSfinb, bie wonnige Sraut, auf 
blumenbefränjtem Stüftfchiff.' SBergeffen ift Kampf unb Stubm in ihren 
weißen Sinnen, bie fdbwarje Jinnburg wirb jum SiebeSbof. — Sluf bem 
SJteere gaufein leiste Kähne, bie bunte ©ödier tor ber ©onne fdjüfcen. 
Jn ben ©tätten wiehern jiertiche Stoffe, nur jur Jagb unb Äurjweit bien* 
lieh- 33tumen blühen in ben terwilberten ©arten, — als bie fdjönfte ber 
fleine SBiglaf, beS Königs ©tolj unb Hoffnung. — ©ine feurige Sßolfe 
Siebt über baS SMlb. ©ie ©chtacfjt tobt auf bem SBafungfelb. ©in 
ftirrenbeS 3lttern bewegt baS @rj. — König Offa liegt in feinem S3lute, 
bie fdböne ©rtRho ftebt in Jeffeht baneben. ©a oergißt er ftiltegunt, bie 
ihm erft tor einem Jahre ber ©ob geraubt, tergißt, wer ©rtRbo ben SJater 
erfchlagen, löft felbft bie JeRetn unb wirbt um ihre föanb. ©ie giebt 
fte, nicht wie fonft Jungfrauen ju geben gewohnt, mit terf<hämten SBangen, 
fonbern mit grimmem Sachen. 

„SBenn ©u’S wagft, König," fagte fte brobenb. — 

SBaS hätte König Jinn nicht gewagt? 

SleRhere, ber ©etreue warnte; er lachte feiner. ©rtRbo würbe 
Königin. — 

©ie war nicht ^iltegunt, ber ©onnenfehein ber Jinnburg, — unb er 
war nicht mehr ber blonblodige Jinn mit ben fdjlanfen Senben, aber fte 
faß im Statbe ber ÜRänner unb fcheute nicht bie SJtübfal ber SJteerfabrt, 
tor Sittern hielt fte ihm bie ©reue unb wußte ju tergeffen, was gefebeben 
auf bem SBafungfelb. 

Stur ©ineS quälte ihn. Steigere, ber SRißtrauiRhe, warnte nicht mehr; 
in ftummer ©hrfurcht biente er ber Herrin, febeS SBinfeS gewärtig, unb 
manchmal brang ihm ein Sölicf oom Sluge, ftieg ein oerrätberifcheS Stotb in 
fein bunfleS Slntlife, baS wilben ©rimm in ihm entfachte. 

Jeßt fatn ber ©ob, er fab ihm feft in’S Sluge, aber SBiglaf war noch 
jung unb bet fanften &iltegunt ©offn; — wenn Slefchere um ©rptbo wirbt? 
©r wirb um fte werben. — 

©er ©rimm trieb t>on Steuern baS matte SBlut, unb bie Jauft frattte 
ftch in’S SJärenfett, baS ben bürren Seib bebeefte. — Unb Re wirb beS 
SBafungfelbeS gebenfen, feinen ©brgeij ftacheln, SBiglaf ftürjen, ben SSater 
rächen. — @S judtte bem König im Slrme, als wollte er nach bem ©chwerte 
greifen. Sllter ©bot! ©«für ift es ju fpät. ©in ©ebanfe froch langfam 
burch fein mübeS $aupt, ein oerbaßter, unjählige SJtale befämpfter — 
SBiglaf! 

©rfüllte ihn SleRhereS RnftereS SBerben mit obtimächtigem ©rimm, fo 
war ihm nicht minber SBiglafS ^örtliche Siebe jur ©tiefmutter oerhaßt, bie 
ihm Unnatur f<hien, fowobl bem SKute nach, <*13 bem ftrengen ©egenfafc 



König IDtglaf. 


3 


beibet SBefen, — er faft mäbchenhaft, bet SJtutter Gbenbilb, — fie manm 
lieh in Slrt unb Silbung. Unb fie erroiberte mütterliche Steigung, mar 
ganj neränbert in feiner ©egenwart, tad)te unb fdherjte mie ein SJtäbdhen; 
eS ftanb ihr gor nicht ju ©eftdjjt. 

Sange fah er ju, jahrelang, bis er SBiglaf mit bem Schwerte um* 
gürtet oor wenig SJtonben. 

©a foQte ein Gnbe werben, bas ©ift fcEjTüoU ihm im £erjen gegen 
ben, ben er einjig lieben wollte. 

So fanbte er SSoten aus nach ^Britannien, wo SlethetrebS Tochter, 
Gabwine, h e tanblühte jur meerberühmten Schönheit, um ihre £anb p 
werben für feinen Sohn unb Grben feines ©fjroneS. 

©amatS brohte ihm no<h nicht ber ©ob, unb baS gurdjtbatfte lag p 
tieffi noch w feiner S3ruft, — je|t war eS Ijeraufgefiiegen unb ftanb in 
greifbarer Stäbe oor ihm. 

Slefchere war ber geinb, unb ihn p fotogen gab ei nur ein 9)tittel, 
— SBiglaf! 

SBiglaf foH um ©rrtfho werben. Stoch mar fein SBort ©ebot. 

Unb bie Sritannin? geben ©ag muhten bie Soten mit bem gawort 
fommen- Sßirb fie bie Schmach gebulbig tragen? 

SBaS fümmerfs ihn! GS rofien ohnehin Schilb unb Speer, unb 
SBiglaf, ber junge gant, fott um ben hohen $reis nur ringen. 

Slefdhere gilt'S oor Sittern, bem SSerhafcten. 

S3on Steuern reifte fi<b ber SBitte in ber müben 33ruft unb fdheudhte 
ben ©ob, beffen gittidhe ihn fchon fühl umrauf chten. 

Jtönig ginn hob fi<h aus ben Äiffen, baS weihe £aar fiel ihm biä 
auf bie Schultern, unb mit ber jitternben Stedhten ftridj er ben langen 
33art, wie ei fein S3rau<h war, wenn er ©iefeS fann. 

„Slefdhere!" rief er mit einer Stimme, bie noch immer an Schlacht: 
ruf mahnte. 

Slefdhere trat bidht oor ihn, baS föaupt ehrfurdfjtSoolI gebeugt. 

Äönig ginn bticfte ihn lange an, über bie mädfjtige Stirne hufdfjte 
Schatten unb Sicht; lange galjre war er ihm greunb unb SBaffenbruber, 
unzählige SJtale becfte ihn fein treuer Schilb, bis fie fam, ba begann ber 
langfame SSerrath. 

Unb wenn er ihm Unrecht thäte, ihm unb ihr? GS gilt ben Slbfdhieb 
für immer. Slbfdhieb? Gr lauert ja nur auf ©einen ©ob. 

„Slefdhere, was hältft ©u oon SSiglaf? Sage es offen." 

„SBiglaf ift $ilteguntenS Sohn." 

,,©aS hoifet oon weicher Slrt, fein ßriegSmann, nicht fo, Slefdhere?" 

„©arum rieth ich jur SBerbung um Gabwine, bie Sritannin, ebler 
£err — " 

„Gabwine foU noch Äinb fein, fladhshaarig, unb lieblich wie ber 
SJtai, wie fott fie erfe|en, was SBiglaf fehlt." 



4 2lnton ^rettjerr von perfall In Sdjlterfee. 

„®ie Bunbfc&aft fott e« mit bem mächtigen Britannien, nicht 
©abnrine — " 

„Bunbfdhaft ifi roanbelbar, roa« ich erfahren. SBüfjt’ i<h ein ftarfeS 
SBeib an SBiglaf« Seite, ba« feine SJtannheit roedte, ich ftürbe leister, 
Slefdhere — " 

,,®a« Bebenlen fommt ju fpät, mein König, jebe Stunbe erwarte 
id> bie Boten jurüd non Britannien — " 

„Qi giebt fein gufpät, fo lange ich lebe, unb ich lebe noch, Slefchere." 
König ginn fprad) ei mit fräftigem ^o^ne. 

„Stoch lange, König, wenn ei ©ott gefällt," entgegnete Stefd^ere ge* 
laffen. „SBober aber nimmft ®u ba« ftarfe SBeib, ba« lafe’ mich roiffen." 

„SBober?" König ginn ladEjte in feinen toei&en Bart. ,,©i, roett reicht 
mein Slrm nidit mehr, bo<b gerabe roeit genug — " 

®a roanbte er lieh unb ergriff bie £>anb feine« SBeibe«, ba« n»ie ein 
SDtormorbilb ihm ju Raupten ftanb. 

„fCrptbo, fei SBiglaf« SBeib! — SBa« ftarrft 35u fo? gft l*e ni<f)t 
ftarf? gft fie ihm btut«uerroanbt, fprid&t ein ©efefc bagegen — " 

„Sie felbft nor SlUem, bie freie Herrin — " erroiberte Slefdjere, ben 
flammenben Blicf auf f£n)tf)o gerichtet. 

„SBeifjt ®u ba« fo getnife? SBeiß er ba« fo geroifc?" roanbte fid» ber 
König an fein SBeib, bie geffel ihrer .§anb umfpannenb. 

£rptbo fdjtug ben meinen iDtantel nor ba« Slnttifc, ihr hoher Seib 
erbebte. 

,,gd) fann mich fo rafcf) nicht faffen, höbe SKitleib, mein ©emahl." 
„§ole SBiglaf, Slefchere," befahl König ginn. 

Slefdjere jögerte, umflammerte feft ben Knauf be« Sdfiroerte«, ein 
trofciger Blid traf ben König, ©mpörung fämpfte mit ber alten Streue. 

£>a fafjte ginn ber 3°m, unb er redte fidj auf feinem Säger unb 
griff mit lefcter Kraft nad& feinem Speer. 

„$ole SBiglaf, Slefchere," fdhrie er, ba« Slntlih feuerrotb- £>ann fanf 
er jurüd auf bie Kiffen, unb ber Speer fiel flirrenb ju Boben, nur ber 
Blid roar brobenb auf ben greoler gerichtet. 

Steigere neigte ba« £aupt unb ging; unter ber Pforte roarf et nodh 
einen Blid auf $rptbo, bie mit nerhülltem Raupte nor bem Säger be« 
König« ftanb. 

Sange hcrrfdjte Schweigen in bem ©emadi. 

begann ber König, ohne aufjufehen, „®u liebft bod) SBiglaf?" 
„Sil« feine jroeite SJhitter, roie e« meine Spflidjt ifi." 

®er König blidte auf. Xrrjttjo hatte bie Slugen gefenft, ihr Slntli| 
bebedte bie Stotbe be« UuroiHen« ober ber Scfatn. 

Unb hofi ©u ihn nie in ©ebanfen neben mich gefleHt, ben blühenben 
güngling neben ben ©rei«?" 



König JDiglaf. 


5 


©rtfthoS 33 ruft roogte ungeftüm. „Unb roenn id) eS tfiat, faf> id) 
einen Knaben neben einem gelben." 

©in freubigeS Sicht nerflärte bie »erfaHenen 3ü0« König gitwS. 

„@r fotl aber fein Knabe mehr fein, grieslanb brauet einen neuen 
König, ben fottft ®u ihm geben. ,3$ ^abe ©einen • 33ater getöbtet, 
id) roar ein ©reis, als id) ©ich iu uoßfter gugenbblüthe jum 33Beibe nahm, 
unb ®u baft mir bie ©reue gehalten. SBarum foUft ®u ihn uerfdjmähen, 
ber mit reinen Rauben ©ir nabt, ber in feiner gugenb prangen bie Siebe, 
bie ®u felbft nicht teugneft, rafcE) jur stamme anfachen wirb, nach ber 
©ein betjjeS $erj geroift fdjon längft begehrt. 2Beitbe ®idj nicht ab, idj 
bin nid&t ber ©hör, ber fidb felbft belügt. 2Bcr fein 33lut beljerrfcht wie 
©u, ift gröfjer als ber, ber feine SBaHung leugnet, ©rtftho, id> roarne 
©id)! ©er ©ob fietjt Har. Saffe ©id) in ©einer Starte nidjt oont 
finfteren $etbentbum betbören, nur in ber ©rgänjung unfereS SBefenS liegt 
baS SiebeSgtficf; id) b«be eS an mir felbft erfahren, ©erabe heraus, was 
©u mir auch warft, ®u fonnteft mid) bie blonbe £iltegunt nicht »ergeffen 
machen. So lange fte lebte, galt ne mir als ein Kinb, nur als ein fthöneS 
Spietjeug in ber SBaffenruhe, — als ne geftorben, roar es, als ob bie 
Sonne erlofdien. @S fror mir baS in meinem falten ©ifen. SBaS 
mir $ittegunt war, roirb ©ir SBiglaf fein, bie Sonne ©einer fünftigen ©age. 
3efct rebe, unb roenn ®u bie Stunbe mir erleichtern roittft, fag’ ,3a‘." 
©rptho fämpfte einen fdjroeren Kampf. 

„König atethelreb roirb bie Schmach, feiner ©odjter angetban, blutig 
rächen," begann ne, einen 2luSroeg fuchenb. 

„So furchtfam auf einmal, ©rtftho? Unb roie lange ift eS her, baft 
®u mid) jum Kriege hefeteft mit biefem ftoljen S3riten, bem ©rbfeinb ©eines 
Stammes, nur auf Stefdjeres ©rängen gabft ®u nach, ber bamals fdjon 
©abroine für SBiglaf auSerfehen, mit ber SlhnungSfraft feiner brünftigen 
Siebe meine geheimften iftläne burdifchauenb." 

„93on Siebe fprichft ®u, £>err?" fragte ©rpttjo. 

„3a, ®u h<»ft SRedjt, Siebe unb 3lefcfjere! 33on grimmigem 93ertangen 
fpredhe ich, uon roilber ©hrfudft, bie fein 9Rittel feheut, jum 3iele ju 
fontmen, bie ben 33ranb ber Seibenfdjaft roirft in ©eine 33ruft, baS blutige 
33ilb beS aSaterS heraufbefdftroört, fjaft unb 3wietracht fäet, rief» felbft unb 
©ich iu ben 2lbgrunb jielft, — baS ÜlHeS beiftt 2lefchere." 

König ginn fanf, erfdjöpft non feinem 3°rne, in bie Kiffen juriief. 
„2lber nicht ©rtftfto, £err," entgegnete gelaffen bie Königin. 

„dlod) nicht, baS glaube ich ©ir, aber roie lange roirb eS währen, 
einen ©ag, eine 2Bodje, ©u entroeidjft ihm nicht, unb in bem ©tauben 
muft ich fterben." 

©ine ©hräne löfte fi<h »on ben grauen SBimpern unb blieb im rociften 
33arte hängen, baS eherne Slntlifc jurfte in jähem Schmerje. 



6 Jlnton ^rcttjcrr pon perfall in rdflierfee. 

Gitten Slugenblicf fab ©rptbo mit einem feltfamen Säcbeln auf ben 
fterbenbcn ©reis, ber feibft ben blutigen ©eift beS SBaterS befdbroor, bann 
marf fic fidb not ii)tn auf bie Knie, itjre roeifjen Sirme untfdblangen ben 
bittren Seib, iljre &anb roifdbte bie ST^räne ab. 

' „yUcf)t fo laffe uns fdbeiben, König Jyinn. ©u feibft fiaft baS «Sieget 
gebrochen non meinem fDtunbe, fo böte mich an." ^rtjtfjo beugte ft<b bid)t 
über ibit. „2US ©u auf betn SSafungfetbe vor ber Seidje meines SkterS 
um meine &anb roarbft, ba F;afete idb ©ich unb fdbrour bem geliebten lobten 
Stadbe! ®aS gutd)tbarfte erfann mein §irn, tücfifcben SJtorb, jabrelange 
Cual. ®a fab idb, tteimgefebrt in biefe 23urg, jum erften 9Me SBiglaf, 
Fanm bem Knabenalter entmachten. ©er offene greimutl), mit bem er 
mir entgegenfant, baS eble SJiitlcib, ttod) ju Finblüb rein, um meinen ©tolj 
äu franfen, fein bober Slnftanb, fein fdböneS Slntlifc, feine ©eftalt, — idb 
roeifj eS feibft nicht, idb bachte an leine s J?ad)e mehr, idb fühlte midb nicht 
mehr in fyeinbeSlanb, — unb als idb ©i<b bann mieberiab, fanb idb feine 
,3üge roieber in ©einem Slntlib, mtb ber Jpaß jerfdbinolj wie Sdbnee im 
(Sommer. $db roadbte über meine Steigung, bie ntidb fdbamrotb machte, 
unb fleibete fie .beglüeft in baS reine ©etoanb ber SDtutterliebe. 3$ hätte 
eS nidbt abgemorfen, audb nadb ©einem ©obe nicht, — ich fdbroöre eS bei 
©ott, unb baft idb mit Slefdbere für bie Werbung um bie 33ritin mar, fei 
©ir ein 33eroeiS bafür, — jebt aber, ba ©u eS feibft begebrft, ba ©ir 
jutn ©roft im ©obe ift, roaS idb ©ir bisher ängftlidb »erbarg, Kränhmg 
fürdbtenb, jebt befenne idb eS frei, — ja, idb liebe SBiglaf, roie fein SBeib 
ihn je lieben fann. 3<h Ejabe ihn geliebt »otn erften Slnblicf an unb roerbe 
ihn lieben, fo lange mir bie Sterne fdbeinen; unb wenn mich nidbt MeS 
täufdbt, liebt er midb roieber, unb nur bie Gfjrfurdbt »or ©einem eblen 
Raupte bänbigt feine ©lutb. 3efct fpricb mir nodb »on STefdbere, ben ich 
baffe, roie idb SBiglaf Hebe. 

©rptbo batte in ihrer Grregung bie Steränberung nidbt gefeben, bie 
mit bem .Könige »or fidb gegangen, jejjt erfdbraf fie; fein sBlicf roar erftarrt, 
jeber 3 U 5 feines StnttifceS, über baS ein fahler grauer Schleier fidb 
30g. ©er SJtunb ftanb offen, nur bie roeifeen £aare sitterten auf bem 
mächtigen Raupte. 3efet fam ©rptbo erft baS SJeroufjtfein ihrer un= 
bebadbten Siebe. 

,,©u baft bodb feibft — |)iltegunt roar ©eine Sonne, nicht ©rptbo." 

„■ÖUtegunt!" flüfterten mübfam bie bleichen Sippen König ginnS, unb 
bie Starre löfte fidb- „&iltegunt!" 

©a öffnete fiel) bie ©büre, ein Jüngling trat ftünnifdb ein. GS Hang 
fein Gr3 an feinen fdblanfen ©liebem, an bem bellen SebetfoHer, ber bie 
Sruft umfing, blinfte üppiges ©efebmeibe, am golbgetriebenen lofen ©ürtel 
hing ber fur3e ^riefenbotdb, baS 33lonbl)aar, baS in locfigetn ©eringel über 
bie Schultern fiel, hielt fein Gifenreif, fonbern ein golbburdbroirfteS SJanb 
über ber blenbenb roeigen Stirne feft. 



König EPtglaf. 


7 


©in fptoffenber Bart umrahmte ein 3tnttife, baS gu mäbchenbaft ge= 
roefen märe, bitten bie ftarfen Brauen fidE) nicht fo ftolg übet groei Btau= 
äugen geroölbt, aus benen ein männliches SBotien fprad), — ÜBiglaf, 
Äönig tfinnS Soljn unb ©rbe. 

ÜSiglaf blidte erft uerroirrt auf baS 33itb oor i^m, — ©rntbo über 
ben Sätet gebeugt, — bann ftürgte et cor, non fdjlimmer 2lf)nung erfaßt. 
„Sodj lebe ich, Söiglaf," fagte ber Äönig. 

SBiglaf fdjalt fidE) felbft ob feiner 4?aft, bie ben Äranfen beunruhigen 
mufete. 

„Sergeibe, Sätet, mein Ungeftünt! 3<h backte, ber Bote fei jurücl non 
Britannien, ba ©u mi<b bolert liefecft," mich er neriegen aus. 

„Äannft ©u iie nidEit mehr ermatten, ffiu Ungeftümer?" 

„©aS meniger, Bater, im ©egentbeit, gerabe heraus, ich mollte, fie 
lehrten nie gurüd." 

„Bon ber btonben ©abroine, beten Schönheit alle 2)?eere preifen? 
ffionadj ftebt ©ir benn fonft ©ein ftolger Sinn?" 

„9iadj ihr am festen, Bater, benn ich b«ffe fie, ehe ich fie gefeben, 
bie aufgegroungene Braut. Bater, noch einmal bitte id) ©id), — Stutter, 
hilf mir, — taffe mich frei, — ich bin ber Stann nicht für bie btonbe 
Schöne — " 

„Unb für rceldje bift ©u benn ber 9)iann, SBiglaf?" 

„©aS roeiß ich fetber nicht, — für feine nielleicht, unb roenn ich eS 
nwre, fo müfete fie non anbeter 2lrt fein roie ich felbft, fo niel roeifj ich 
geroih, nicht blonb, nicht non meit gerühmter Schönheit, — ftarf, ein 
ganges 9Seib, gu bem ich auffeben fann, mie hier gut Diutter — " 

„Unb roenn ich nun ein folcheS SBeib für ©ich müßte, SBiglaf, roaS 
gefhieht mit Äönig 2letbelreb, ber nicht fäumen roirb, bie Schmach gu 
röchen?" 

„Stit Äönig 2tetbetreb? ©i, ben roerfen mir in baS 2)?eer, fammt 
feiner fdhönen Blonben, baS folt bie £o<bgeitSfeiet geben." 

„2Biglaf! 0 bah i<b noch fold^eS 23ort nemebmen barf aus ©einem 
SDtunbe. 3 n baS ÜDteer mit Äönig 2letbetreb unb feiner Blonben. ©aS 
märe noch ein Späh für mich geroefen. 3a, bann mit! ich nicht gögem, 
SBigtaf. 9lber baS 2Beib muht ©u mir nehmen, baS Starte, ©ange, gu 
ber ©u binauffeben fannft, fonft fann ich nicht helfen, millft ©u?" 

SBiglaf mar uerroirrt. ©ie regungslos auf bem Bater bingefunfene 
Kurier, bie baS &aupt nerbüllte, bie bunflen SEBortc. 2Bar fein ©eift oer= 
roirrt? Ober brobte neues Unheil? Schlimmeres nielleicht? 

„3<h nerftebe ©ich nicht, Bater. 3<h muh boeb fehett, urteilen — " 
,,©aS baft ©u BeibeS fefjon gut ©eniige unb gu ©einem Söofjt gefallen, 
hier, ©rptbo fei ©ein SBeib nach meinem ©obe — " 

SBigtaf taumelte gurüd, griff fich an bie Stirne. „fDJeinc Kurier? 
— hier, — bie Bhritcr?" 



8 2lnton ^teitjetr oon perfall in Sdjlierfee. -r — 

„Seine SJiutter roar ftiltegunt. gft Srptho ntcfjt fiarf? <SieE»ft ®u 
nicht auf ju ihr? Siebft Su jte nicht? 955 i r ft Su nidjt non iitt geliebt?" 

„Su bift franf, itater , baS Riebet uerroirrt 5Did^. Sprich Su, 
SDtutter, hilf tnir aus bem SGBirrfal biefer unerhörten Söorte." 

Srptho erhob fid>. „(SS foll fo fein, Sßiglaf, rtadf) bem lefeten SSiHen 
Seines 33aterS. SaS StaatSroohl, fagt er, erheifdje eS, bajj mir uns 
nerbinben." 

„®S fott fo fein? SaS StaatSroohl ertieifd^t eS? Unb Su — Su, 
3Jtutter?" 

„5<h gehorche, SBiglaf." 

„©ehordjft! gft nur ©ehorfam nöthig, um baS Ungeheure ju uotU 
bringen, nicht mehr?" 

„Srptho liebt Sich, rote fein SBeib je Sich lieben wirb," Hang bie 
Stimme beS Königs hohl. 

,,2tlS SJtutter bod), wie ich als Sohn fie liebe, «erehre, als bie Krone 
aller grauen — " 

„grag fie felbft!" Hang bie Stimme «lieber, fremb unb ferne. 

SBiglaf fd^raf jufammen. SrpthoS bunfleS 2luge ruhte in feuchter 
©luth auf ihm. SaS mar nicht mehr bie hohe SJtutter, baS mar baS 
SBeib, non bem er oft geträumt in fdiroitlen Mächten, um bann fdham* 
errötfjenb über foldje gteoel ju erroachen. — ©rauen fafjte ihn, unb hoch 
mieber geheime äßonne, rote aus einem bunflen tiefen Brunnen ftieg bie 
SSahrheit in ihm herauf. 

Unb hier, oor bem Sterbette beS SBaterS, foHte er laut bie furchtbare 
grage ftellen, bie er in bem uerfdjnnegenften SBinfel ber S3urg nicht an fi<h 
felbft geroagt hätte, uor ber er unbewußt jahrelang gejittert, roenn fie heim* 
tüdifdh heranfchlichr fein junges $erj ju umfchlingen. 

„Sprich, Srptho, ich fann nicht fragen — " prejjte er oerjroeifelt 
heraus. 

„grage Sich felbft," Hang mieber bie hohle Stimme aus bem Sämmer 
beS SetteS. „Ser Sob ift ba, fürchte feine Stahe." 

(Sin falter Schauer überriefelte SBiglaf, mit einem Stuffdhrei ftürjte er 
uor bem Sette auf bie Knie unb barg fein $aupt an ber Sruft beS 
Sterbenben, bie fich röchelnb hob. 

„£ege bie &anb mir auf ben Scheitel," flüfierte ber König. „Su 
auch, Srptfjo, feft jufammen unb fchroört bei meinem — " 

(Sitt fjomruf brang burdj bie Stacht, baS ©etöfe ber Sranbung über* 
tönenb, bie (ich an ber SJtauer ber ginnburg brach, ein jroeiter folgte, ein 
bumpfeS Staffeln, bie gugbrücfe fiel. 

König ginn horchte gefpannt. 

Slefdhere erfdjien in ber Shürmölbung unb ftiejj baS Schwert auf. 
„Sie Soten ftnb jurücf uon ^Britannien." 

„Stafh! Stafch'." befahl ber König, „geh roiH fie noch hären." 



König IDtglaf. 


9 


3tefd^erc jögerte, einen SButfebttcE auf ba§ ißaar roerfenb, bas jut 
©eile be3 Äönig« ftanb. „Sie naben mit erhobenem Speer, mein Äönig. 
Sa« bebeutet gute Söfung." 

„Saffe fte fommen, fage idj Sir, meine 3®it ift gemeffen." 

Jlefdjere ging. 

Äönig ginn ersoff bie &änbe ber Seiben. 

„©dfetnört bei meinem roeifeen fjaare ben Sreubunb, roa« fte audfe 
bringen mögen. 3Ber ifen bricht, fei be§ Sobe« fdjutbig." 

Srptfeo unb äßiglaf fcfe touren bei Äönig ginn« meinen paaren. 

Sa traten fdjon bie SBoten ein, roofet gerüftet, burcfenäfet non ber 
ftärmifdjen gafert, frifebe SDteerluft ging non ihnen au«. 

Ser greife SBecca unb ber junge 2üroin, ber SJtitdfebruber SBigtaf« unb 
fein treujter gugenbfreunb, ber ihm unnerfälfdbte Äunbe nerfpracf). 

33ecca trat nor unb beugte ba« Änie, auf feinen Speer fi<fe ftüfcenb. 
„Sanf bem Stflerhalter, Äönig ginn, baff Sir nodfe nergönnt, freubige 
Äunbe ju »ernehmen, unb höre. — 

Äönig Stetfeelreb, ber, nie Su non fernerem Seib befaßen, ba« Säger 
hütet, entbietet Sir freunbfdfeaftüchen ©rufe. ÜJtit gteuben nimmt er bie 
2Berbung Seinem Sofene« an. Schwere Sorge tragenb um fein t>otbe« 
Äinb Gabroine, bie er unbefdfeüfct jurüdftaffen fotlte im Streite ber SBöffer, 
fam jie ihm nrie #immel«fenbung, unb nur um Gine« bittet er, bafe Su 
ihm, — er Hegt am Sobe, — noch ben Sfablicf beffen gönnft, bem et 
fein Siebfte« annertraut, fammt Steidfe unb Ärone, benn fo ift fein hoher 
Sßiße, bafe Siglaf beibe Sßöffer in grieben unter feinem Scepter nereine, 
auf bafe ber Stame Gabroine, fo fagte er, jum griebenafeerolb roerbe für 
aße 3 e iten." 

Ser junge Stimm bänbigte mit ftdfetlicfeer Unruhe feine 3%® roährenb 
Secca« gemeffener SRebe. Gr fonnte e« trofc aßer bem Äönige fdfeulbigen 
Gferfurdfet nicht taffen, SGßigtaf begeifterte Sötirfe jujuroerfen; faum aber hatte 
Secca geenbet, ba bradj er lo«: „D mein Äönig, — Sßigfaf, — toa« 

fmb aße Steidfee unb Äronen gegen fte felbfi, ba« hotbefte grauenbitb, ba« 

je ein ßJtann gefdfeaut, gegen Gabroine! 

2Bir fahen iie non ber gagb jurüdHeferen ju Stofe, ben gaffen auf 
ber gauft. D SBiglaf! SBigtaf! Su roirft mir neibig fein um ben erften 
Shtblicf, mir bie greunbfcfeaft fünben. Senfe Sir bie jartefte SJtäbdfeen; 
haftigfeit, nur ein Suft non garbe unb ebelfter gorm, ba« in langen Socfen 
roaßenbe £aar roie Seibe glänjenb unb roeicf), ein milchiger gtacfes, in ben 
bie Sonne golbige Sinter fireut, ba« Stuge btau unb frei unb grofe roie 
ber £immel, roie ba« 3J?eer, unb bet Äirfchenmunb unb bie jorte &aut, 
roie ein SUienbtatt, auf bem ber griibtfeau rufet, unb babei bodfe feft im 
Sattel, noß Äraft unb geuer. Unb erft roenn fte f prüfet! Secca fage 
fetbft, feoft Su je lieblichere Saute nemommen, ftügere Söorte? Sa« ganje 

£au« erftrafelt non ifer, ber unterfte Änecfet füfett feeilfam ifere Stäfee. Sie 



JO 2litton ^reitjcrr pott perfall in Sd}lterfee. 

gab mir noch befonbere SSotfifiaft auf für ©id), SSBiglaf, ganj insgeheim 
5U beftellen. 3<h fagc es ®ir offen, unb märe eS ber größte ^reoel, baS 
Sötut wirbelte mir im Kopf, als fie fo innig mit mir fprach, meine £anb 
ergriff, mir in baS 2luge blicfte, unb gerabe IjerauS fagte ich ißt: gürfün, 
wie ich äßigtaf fenne, er wirb oerriicft, befömmt er Gu<h nur ju feilen." 

siltoin »ergajj in feinem ©ifet ben Drt, mo er fid^ befanb, unb ganj 
erfüllt »om Sehen, »ergoß er ganj ben ©ob. 

©S f (bauerte iljn jeßt felbft, ab? bie äiUrfung feiner ©dhilberang »öHig 
auSblieb, SBigtaf immer jinfterer fcfjaute, bie Königin !alt, regungslos wie 
fDiarmor ftanb. 

33ecca unterbrach juerft baS fdhwüle ©dhweigen. 

„König Sletfjelreb bat uns ben ebten Croain mitgegeben, ber heute 
nodj juriidf ehren foU, ihm ©einen SBillen betreffs ber 33erntäblung }u 
melben. ©r wartet, »orgelaffen ju werben." 

„«Sage ihm, 23ecca," begann ber König mit SJiühfal fpredljenb, „er foU 
feine 3 e ü beffer nüßen, wenn es fo eilt. fDtein ©oßn lacht ber blonben 
fßuppe, bie 3b* fo P reift, unb wählt fid) ein anber 2Beib." 

®a fprang SBecca auf unb näherte ftdß bent 95ette, wohl um ju fehen, 
ob feine Sinne ihn getäufdht, währettb 9Ilwin ratßloS auf SEigtaf ftarrte. 

„3<h bin eS fdjon, 9llter," röchelte ber König, feinen oerfdjwommenen 
SBlicf nodh einmal jwingenb, „gehorche unb ftöre ineine leßte ©tunbe nidht 
mit fragen." 

33ecca rang nad) SWäßigung in feinem geredeten 3ont, welche bie ihm 
fonft heilige ©djranfe ber ©hrerbietung 5U burdhbredhen brobte. ,,©S ift 
nidht möglich, König, baS fyieber quält ©idh — ®u fannft foldh’ Unrecht 
nidht wollen, foldh’ bobenlofe ©cfjmad), bie 9iad;e SlethelrebS nidht fo herauf* 
befdhwören, benn baS wiffe, fein ©djroert wirb in ber ©dheibe eines britanni* 
fdßen fDtanneS bleiben, wenn Droain bie unerhörte Sotfdfjaft bringt." 

„Unb baS fchredt ©idh fo, 93ecca?" erwiberte ber König mit fdhwadhent 
^ohne. 

„DiidhtS fdßrecft mich," fuhr Secca auf, „als ber föertuft ber ©hre, 
unb bie gilt eS für midh fo gut wie für ©ich. 3<h war ber 93ote ©eines 
KönigSworteS, brid)ft ©u eS, bredje icE) eS mit ®ir unb bebede mit 
©chinadh mein graues £aar. ©aS fannft ®u nicht »erlangen, »on bent 
fdhledhteften Kned)t nidit, König." 

„Unb id) holte es mit ©ir, iöecca," 2lefcf)ere fprach bie SBorte, ber 
untcrbejfen eingetreten. „3cf> gab ben 9iath, ber König billigte ihn, mein 
9lame ftefjt unter bem ©djreiben an 3lethelrcb. 

®a erhob fid) ber König mit teßter 9lnftrengung »on feinem Säger. 
„®u aud), alter SBolf? ©aS glaube id), Paß ©id) ber 3om faßt, weil 
®ir baS eble SBilb entgangen, baS ©u umfreift feit fahren, aber mir ift 
eS Sabung in ber lebten ©tnnbe nodh. £>öre, 33ecca ! 98enn Slethelreb nodh 



König tDiglaf. U 

fo blutige SRadbe Rnnt, fie ift ein EjarmloS SBaffenfpiet gegen öen Serratb, 
ber in her Srufi biefeS ÜDtanneS oerborgen lauert." 

©er Honig fanf erfdböpft juriicf. „gebt gefj unb fc^id ben Sriten 
fort. GS ift b aS lefete ÜRat, bafe Honig ginn befiehlt." 

Secca beugte baS $aupt. 

2lltoin ^atte feinen SBtid oon SBiglaf oenoenbet, ber mit ©rptbo 
fcfetoeigenb bem Stuftritt jubörte. gebt eilte er auf ihn ju, ergriff ibn bei 
ben .fjänben. „SBiglaf! Sei unferem Schwur ber greunbfdbaft, rebe! geh 
fann eS nidbt glauben, bafe in feinen SBorten Sinn ift. £>ell uns b«§ 
©unfel, baS uns ganj oenoirrt." 

„GS ift ja gebellt, 2ltwin," erwiberte freubig SBiglaf. „$abe ich ®ir 
benn nidbt mein Seib geflagt um meine Freiheit, bie fie mir nehmen 
wollten, bie hödbfte, föftticbfte eines jeben iDtanneS? .gäbe i<fe ©ich benn 
nictt gebeten, bie gafert mitjumadben, wenn irgenb möglich, ben mir 
oerfeafeten Sunb ju feinbern? Unb nun, ba ber Sater felbfl ibn gelöft, 
ganj roiber mein hoffen, nun bift ®u entfett, anfiatt ®i<fe mit mir ju 
freuen!" 

„SBeil idb unterbefe gefeben, fur}Rcf)tiger SBiglaf, gefeben, was icb 
auf biefer Grbe nimmer p feben glaubte." 

„Gin blonbeS 2Räb<ben, baS meinem oerliebten SUtoin ben Hopf oer* 
riidt, baS idb felbfierftänblicb baffe, weil idb’S lieben foH. 2lber ®u weifet 
ja nichts, unb idb febe ben ©runb nicht ein ber Serheimtidbung, es ift ja 
bes HönigS lefeter SBtHe, ba fieb’ b er > SUn>in, unb ®u, Secca, unb audb 
©u, Sefcfeere." 

SEBiglaf ergriff ©rptboS £anb. „&ier ftebt Sure fünftige Hönigin." 

GS war fein Saut p oemebmen, ftummeS Staunen, Gntfefeen. 

„9tun, roaS fiarrt gbt fo? Sft & nidbt altes griefenrecfet, bafe ber 
Sofen bie Stiefmutter freit, — unb wenn eS nicht fo märe, — recht ift, 
was ber Honig will. Sdbwärmft ®u uns jefet nodb oon ©einem blonben 
SJläbdfeen oor? 2llwin, nimm es bodb felbft, idb gönne es ®ir oon £erjen. 
9lodb fein ©lüdfwunfdb?" 

„®ie Herren fönnen Reh fo rafdh nidbt faffen," bemerfte ©rptbo, 
„audb lieben Re bie 2lbmedbSlung, inbefe GineS bebenft, eine neue Hönigin 
oertbeilt neue ©unft, unb gb* ftebt ja 2lHe feft in ber alten; oor 9lHcm 
aber, unb baS bredfee jebe Spifee eines böfen ©ebanfenS, ber Honig wiH’S!" 

„.'pittegunt — idb fomme f<f>on — auf bie grüne Sßiefe — nimm 
©ein .§aar in 2l<fjt — ber Sturm — gieb ©eine £anb — bie Sriicfe 
ift fdbmal — " 

2Hle oerftummten. Honig ginn träumte hinüber p feiner Sonne. 

Secca trat näher, warf nodb einen langen Stidl auf ben Sterbenben, 
jerbrüdfte eine ©b^äne im 2luge unb ging bann fdhmeigenb bem StuSgang p. 

„SBobin, Secca?" fragte 2lefdhere. 

„3u tbun, roaS ber Hönig befahl." 



12 21nton ^rcifeetr oon perfall in Sdjlietfee. ' 

„©er König? gfl baS nodfe ber König, roaS ba liegt unb tn irren 
träumen jidfe ergebt?" 

„gür micfe ift er’S, fo lange er atfemet," entgegnete ©ecca unb oer= 
liefe baS ©emacfe. 

Slefcfeere blieb, „gür midfe ift eS bereits SBiglaf. SBaS foH gefaben ? 
Sßodfe einmal warne idfe ©tdfe! SletfeelrebS 9Jtadfet ift grofe, fo grofe als bie 
Sdfemadfe, bie ifem gefdfeiefet burdfe ©idfe." 

„3tt»er nidfet fo grofe, als bie, bie mich binbet. ©arum gef)’ unb fpar’ 
©einen fRatfe," entgegnete SBiglaf, „wenn tdfe ifen braune, werbe idfe ©idfe 
feolen laffen — " 

Slefdfeere roanbte ficfe mit finfterer üJiiene. 

„UebrigenS fannft ©u ja bie Slbfage milbem," rief SBiglaf ifetn nadfe. 
„©er ©ater liege im Sterben, fein lefeter SBille — baS SESo^t beS Staates, 
©u bift bocf) fonft nidfet um SluSreben »erlegen — " 

Slefdfeere tadfete. „©aran erfenne icfe ©rinj SBiglaf roieber. ÜDtilbem ! 
©aS SBort fant nie aus bem SJlunbe GureS ©aterS. SBaS fagt gfer 
baju, Königin?" roanbte er (idb feöfenifdfe an ©rijtfeo. 

©iefe errötfeete unb fpra<fe: „gdfe bin felbft nidfet bafür, SBiglaf. 

gebe Sötilberung wäre Sdferoädfee, feiet tonn nur bie nacfte SBaferfeeit frommen, 
baS entfdfeloffene ©ragen jeber golge." 

Slefdfeere oerbeugte ftdfe, mit einem langen ©liefe auf ©rptfeo. „gdfe 
banF Gudfe, Königin, jefet gefeotefe’ idb gerne, unb wenn feunbert Sletfeelrebs 
fidfe riifien." Gr ging. 

©aS ©aar roar allein bei bem Sterbenben unb wagte niefjt ju fpredfeen. 

Gs ftanb §anb in ßanb oor bem Säger, ©ie ©räume König gimtS 
»erfdfeleierten (idfe immer mefet, aber immer roieber rang fidfe ber 9lame 
£iltegunt auf feine fafelen Sippen, julefet Hang er wie auS weiter, weiter 
gerne — 

®a umfaßte plöfelidfe ©rtjtfeo ben gfingting in roilber Seibenfdfeaft, 
jomig glöfete ifer ©lidf. „SBiglaf, liebft ®u midfe?" Unb er ftürjte »or 
ifer auf bie Knie unb umfaßte ifere ©eftalt unb fußte ifere &änbe. König 
ginn roar bei ^iltepnt gelanbet. — 


SltS SBiglaf ftdfe um SJUttemadfet, ermattet oon all’ ben Ginbrftcfen ber 
lebten Stunben auf feine Kammer fdfelidfe, faß Sllroin baoor als Sßädfeter 
in ooller Lüftung, wie er »om Sdfeiff geftiegen. Gr featte ben Sturmfeut 
abgetfean unb fdfelief, fein langes ©elodf fiel oome über. 

SBiglaf wollte an ifem oorttberfdfeleidfeen, er fdfeeute neue ©orroürfe, neue 
ÜJlär oon ber fdfeönen ©ritin, unb ifem roar baS ßerj fo »otl. — Sllroin 
erroadfete unb fab ifen ganj »errounbert an. 

„©ift ©u fdfeon nadfegefommen? gdfe badfet — " Gr fafe fid) fdfetaf* 
trunfen um. — ga, roo bin idfe benn?" 



König HJiglaf. 


\5 


„3n bet ginnburg, alter greunb, unb baS Seer brauft jwifdhen Sir 
unb ber Sdhönen — " erwiberte fpöttifdh Siglaf. „SaS machft Su beim 
ba? Stuf ber Siegftatt träumt ftd) oiel beffer »on folgen Singen. — " 

„Sraumt ftdh, fagft Su? — ga, jeßt weife idh, was midi» fyiex auf 
Sidb warten liefe! 2ludj ein Sraum, — non il»r, — ben id» Sir er= 
jäfelen fott — " 

„91a, roemt’S weiter nidjtS ift, bann fomrn nur herein. Vielleicht 
fdhlaf icfe ein barüber, es tbät mir wahrlich SJiot^." 

Siglaf trat ein, Sllwin folgte ihm. 

Sie Jtammer lag im Shurtn, bem SDleere ju. ©n fd)lid)teS Säger, 
an ben Sänben Saffen, mehr jur Äurjweil, ju gagb unb Spiel geeignet, 
als jum Sirieg. gn ber 6c!e ftanb eine £arfe aus eblem &olj gefügt. 

Siglaf warf ftdh mübe auf'ä Säger unb fdfjob ben 3lrm unter 
baS £aupt. 

2lwin nafem in ber tiefen Vifche ißlafe, bie weite 2XuSficE»t auf baS 
SReet bot, baS im Sedhfelfpiel beS SRonbeS unb ber oom Sturm gejagten 
Sollen brüHenb feine Sogen gegen bie fdjwarjen Säuern ber ginn* 
bürg roarf. 

„So, je|t fange an! Vielleicht bringt Sein Sraum feinen Vruber, 
ber mit fanfter £anb mein ftfirmifdjeS £er} beruhigt." 

„D wenn idh Sidh nur hinführen fönnte mit meinen fcferoachen Sorten 
na<h ber ftotjen JtönigSfefte, wo fte aufgeworfen. — 3d& Eenne Sief» bod», 
Schwärmer. — Senfe Sir, ringsum raufdjenben ©ic^tralb auf fanft ge= 
fchwetiten ^ügetn, aus bem lieblich blaue Seen leuchten, oietoerfdhlungene 
Sübbäclje; mitten heraus aus bem SalbeSgriin ragt bie Vurg, ein mächtiger 
Duaberbau, jebem Angriff geroachfen unb bodj uott Schönheit ber gorm, 
jierlidh im ©njelnen unb reich, nnb ringsum bliihenbe ©arten, in benen 
bie grüdjte beS SfibenS reifen. Ueber bte Salbhügel hinüber fdjroeift ber 
Vlicf bis jum Seere, baS in weitem ©ürtel ihn abfeh liefet, unb ben 
Sonner ber flippenreidien Vranbung feerüberfenbet. — 9iie fat» ich fo Straft 
unb SieblidjEeit geeint. — &ier wuchs fte auf, mitten im Satbfrieben, bei 
£irf<b unb 5Re&, unb bodh lieht man ihr baS Seerfinb an, mit bem Vlicf 
in baS Seite, bie flumme Sehnfudht, bie uns Me treibt, ben fübnen Suth. 
— 3®, ich fuge Sir, fo mäbdjenhaft fte fdjeint, fo lilienweiß unb jart 
oon Silbung, idh fann mir fte audh auf bem Sdhtacfetfelb benfen, baS ©fen 
auf ben blonben SodEen, — mag fein, bafe hierin gerabe ihr feltener SReij. 

„3<h null non ihrem feltenen Veij rfidht hören," rief Siglaf, ber ftdh 
unruhig hin unb tyt geworfen, plöfetid» ärgerlich, „nidhts »on ihrem Sdhlofe, 
oon ©<hen unb Seen. — Sen Sraum erjähle! ©nfdfiläfern foüji Su 
midh, nidht ärgern. Sen Sraum, — ober gehe!" 

„Sllfo ben Sraum!" begann 2ltwin. ,,©S war am lefeten Sage, idh 
madhte beS Sorgens eine ijSütfdh im nahen Salbe. Menbs juoor war 
SffleS abgerebet, was unfere Senbung betraf, — bie jefet fo fdhmähtidh — 



Jlnton ^reitjerr pon perfall in 5d)lierfee. — 

nun ja, idb toürg’8 fd^on hinunter, fo bittet e8 fcfemecft, — ba Jam fte mit 
entgegen. Sie liebt es, auf ju fein mit bem ©roffelfdblag; übet eine 
SBalbroiefe Jam fte feer, ben ©adfe entlang, bie £anb t»oU ©turnen, in 
fifetidfetem btauen ©eroanbe, ben Saum gerafft, be£ ©feaue8 falber, unb 
babei ein güfedfeen jeigeitb — — ©ag ©olb beg ÜJtorgenS übergofe fte 
ganj 

„©er ©raum — bet ©raum — " tief SBigtaf ungebulbig. 

,,©o matte bodfe, Ungebutbiger! (Sf»rfütd^tig grüfet’ idb fie. „SBofel 
gefdfetafen, ebte grau?" 

©a fterfte fte bag Stägcfeen in bie ©turnen, unb ein fanfteg Stotfe ftieg 
auf if)re SBangen. 

„Sticfet fo ganj, ©uer ißrinj tiefe mir Jeine Stube." „fßrinj SBiglaf? 
@i, bag roitb ihn bitter fdfenterjen, menn icfe’g ifem erjagte," Tagte idf) barauf. 
„Sagt, tperr," fragte fie bann, immer mit ben ©tunten tänbetnb, „er ift 
bodfe blonb unb uon fanfter 2Irt, audfe ift ifem bie fjarfe liebet unb ©efang, 
atg Sdfeilb unb Speer, — fo hört’ idf roenigfieng immer." 

„So, ba8 Jjörte fie?" unterbrach ifen SEBigtaf »erbroffen. „Unb baS 
pafet ifer natürlich, bem glacfegfopf! ©ett fönnt' idf) unter Jriegen, badfet* 
fie roofel, fo fdferoadfe idb fetber bin, — mit einem füfeen Säcbetn, einem 
Sluffdfelag ber tiefen btauen Slugen, — na, bie featt’ fidb gebrannt, 2ltroin, 
— i<b geftefe’ä ja fetbfi, idf bin nidfet fjart unb freue micfe fo am Seben, 
bafe idb Stieg baffe/ mag ifem feinb, Jlrieg unb SJtorb, ja, fetbft bie gagb 
madbt mir ©ebenJen, — aber SJtitbe an Stabern, oorerft am SBeibe, ifl 
mir jurn ©Jet. @8 ift ia ein SBiberfprucb, idb feb’3 roofel ein, aber eg ift 
fo. ©ietteidfet bin idb ftanf unb mitl meine Äranffeeit nidbt audb nodfe in 
Staberen fehen, — gteidboiet, — fie bat ©lücf, ©eine Sdböne. — Stur 
fort, jefet Jann idb rufig babei fcfetafen." 

SBigtaf manbte fidb mit heftiger ©eroegung unb brüdfte ba8 $aupt 
in bie Seberfiffen. 

Sttroin tädbelte nur tiftig. 

„gdfe ntufete fo im ©anjen bie Sdbitberung beftätigen," fuhr er fort, 
„ja, idb machte ben fehlet, biefetbe nodb 8 U »erftärJen, im fetben ©tauben 
roie ©u befangen, bafe ihr bag paffe, ©efonber» auf ba8 £arfenfpiel 
marf idb mich unb ben ©efang, idb madbte ben reinften SJtinnefänger au8 
©ir. ©o<b bie SBirJung mar eine ganj unerroartete. ©ie reine Stirne 
jog fidb m Ratten — gatten! 3Bie ich nur fo fdferoafeen Jann! ©abroine 
unb galten! groei rofige ©rübcfeen bitbeten tiefe jmifefeen ben blonben 
©rauen, in benen fidfe ber ©erbrufe gebettet, — unb bie langen ©Mmpern 
fenJten fidfe. „ga, fo feab’ ich ifen gar oft gefefeen, atidfe im SBadfeen. Seit 
gaferen fpriefet man ja oon ifent, bafe er gar nidfet bem ©ater gteidfee, einem 
jungen ©arben mehr, at8 einem Königgfofen au8 bem raufeen Stamme ber 
griefen. — ©ag Jontmt fo in ber ©infamfeit, — idfe mufe ©udfe fagen, 
c8 roar mir nidfet redfet, fo wenig eg micfe anging, unb idfe oertfeeibigte ifen 



\5 


König IPiglaf. 

mieberholt, wenn bauon bie Spraye war. 9Ran foC nur abmarten, was 
fi# noch hernuSfdhält aus bem ÜDlann; wer wie er nur für $ojjeS unb ©bleS 
fchwärmt, jur £arfe non großen Saaten Rügt, ben wirb’s auch noch brängen, 
fefbfi foldfje ju begehen. Sagt ihn nur jum ÜJiann reifen unb König fein^ 
i<5 ahn’ eS, et wirb noch Ülnbere non fid& fingen machen. 3<h fagte bloS 
fo, im inneren glaubte ich fetbft nicht baran, unb immer wieber erfdjien 
er mir jum iBerbtuß als Harfner in ben träumen, ben Kranj im $aar, 
— ba, es war nor brei Sagen, bie 9ta<ht, benor tarnt, — ba mat’g 
ganj anberS — “ 

Sßroin entging eg nicht, baß SBiglaf, ber ben ©cfjiaf nur beutelte, 
R4 auf ben 2lrm ftüfetc, um beutlidEjer ju hören, fo fpradj er ganj geheim* 
nifenoU mit §tüfterftimme, als ob ©abrotne feiber fpräclje, weit norgebeugt 
in’8 3Ronblidht, baS fein gebräuntes Stnttife mit einem grellen ©aum umgab. 

„3<h fdblief in ber Kammer neben bem SSater, eg ging nicht gut mit 
i^m heg Zageg, unb wie eg bann fo fomtnt, bie Sorge quälte ifin um 
mi<b, unb er fpradfj non SSermäblung, er nannte niele Dtamen, nur nid^t 
Siglaf, — unb eg war fonberbar, ich wartete nur barauf, — aber er 
nannte if)n nicht, ganj ärgerlich ging ich in meine Kammer. SRun, baß ich 
non ihm träumte, ift gewiß nichts SßunberbareS, aber wie? 3li<htS mehr 
non £arfe unb Kranj, in ftrahlenber Dififtung, baS $aupt behelmt, ftanb 
er auf bem 33ug eines ©djjiffeS. 3$ ftanb am SDteereSufer unb faß ihn 
»orüberfahren, fofort erfannte idh ihn unb rief ihm ju unb winfte ihm. 
6r ladhte, baß eg burch bie Sranbung gellte, unb fuhr weiter; in’S 3Jteer 
hinaus, unb idh tief immer ju unb rang bie £änbe; plöfclidfj, wie es fo 
im Sraume geht, ganj ohne gufammenhang, war idh bei meinem SSater auf 
bem ©djiffe, unb mir jagten hinter ihm her, unb immer wieber hört’ idh fein 
©elädfjter burdh ©türm unb SEogen. ©nblicß erreichten wir ihn, bie ©cßiffe 
fließen aneinanber, ein milber Kampf begann. @r fprang ju uns herüber 
unb hob baS ©dfjmert gegen ben Später, ba warf idh mein &aar wie eine 
Schlinge um feinen 2trm, baS ©dhwert entfiel ihm. ©r aber lachte nur, baS 
hätt’ idh gut gemacht, unb brücfte mir bie &anb unb meinem Sater bie £>anb, 
unb 9tHc, bie fidh eben mit bem Sobe bebroht, brächten ftdh bie $änbe wie alte 
ftreunbe. Sann war es heller Sag, bie ©onne fdhien, baS 2Jieer lag glatt 
wie ein ©piegel. Sieblidhe SDtufif erfdfjoU, an ben üRaften hingen SJlumen* 
fränje, fo fuhren wir jurüd an’S Sanb, nom lauten ^ubelruf begrüßt. 
Um feinen 3lrm hing noch immer bie ©dfjlinge, unb idh hielt ntidfj ganj 
fHH, um ite ja nicht ju löfen, ganj an ihn qefdhmiegt. Sa ptöfclidh hob er 
baS ©dhtoert unb hieb fie burdh, — i<h fdhtie auf cor ©dhmerj unb — 
erwadhte. Unb fo lebenbig war ber Sraum, baß idh ßaftig nach meinem 
§aare griff. 3dß gebe fonft nichts auf Sräume — a6er ben anbent borgen 
!amt 3ht unb warbt in feinem SRamen um meine £anb. 3ft baS nidht 
fonberbar, ober Rnbet 3hr einen ©inn heraus? 

»otb nnb 6flk. XCVI. 286. 


2 



\6 2Inton ^Jretljetr von petfall tn Sdjlterfve. 

„3hm, unb toaS h»ft ©u geantwortet?" fragte Sßiglaf Saftig, ber fich 
längft nöHig aufgeridfjtet unb begierig ber Stählung laufdhte. 

„9tun, ©u weifet ja, bin fonft nicht neriegen, bieSmal roar idh’S. 
©ein unbänbigeS ©elädbter bei folgern Slnblicf, ©ein Kampf mit Dem 
93ater, bie Sdhlinge, ©ein 3uhnuen. ©ute ©eutung roar nidit leidet. Qdb 
tnadbte eine ©enfenniene, ftüfete baS Kinn auf bie $anb, fdbüttelte ben 
Kopf, bann hott’ icfe’S fchon. ©aS ift fefer Har, fßrinjefe, begann idb roie 
ein SBetfer. ©er Kampf — nun, ber Stampf, — 3fer wolltet ihn ja längft 
als ,'pi’tben feljen, nidht immer mit ber &arfe unb bem Stranj. ©er ©raum 
fpiegelte nur ©ure geheimen ÜBünfdfie roieber; bafe er mit ©urem 93ater 
gefämpft, tf»ut nidfjtS jur Sache, bafür tft'S eben ein ©raum, bet MeS 
burdheinanber mengt. ®ie Sdhlinge aus ©urem $aar, nun, bie brauet 
iuo£)l feine ©eutung mehr. 2Ber gab’ fidh nidht gerne barin gefangen unb 
böt’ barauf bie .'gatib. Stber bafe er fie mit feinem Sdhroerte burdhgehauen, 
— baS ift bebenflidf). Sßieffeidht irrt 3fer @u<h bodh, fprinjefe, nieHeidht 
löfte jie fidh felbft, — ober — " 

„ÜRicfetS ober — " unterbradh fie midh ganj erregt. „3<b fehe ttodh 
bie Klinge blifeen unb baS £>aar ju 33oben fallen." 

„fjm, bann aHerbingS," fagte idh bebenflidf, „bann weife idf nur ein 
Wittel, um fdfjUmmer ©eutung ju begegnen, 3hr fnftpft bie Schlinge, bie 
ber Unholb im ©raume burdffdflug, in SBirflidhfeit non ÜReuetn, gerabe fo, 
mit bemfelben &aar. 3<h roette, er löft fie nicht sum jroeiten Wale." 

„$n 2Birflidhfeit? Wit bemfelben §aar? SSie meint 3h* baS?" 
fragte fie neugierig. 

„Sehr einfach," erroiberte idh. 3hr gebt mir ein Stücfdhen non bem 
Stüdf mit, baS im ©raume ju Soben fiel, unb er fott’S fein Sebtag am 
2lrme tragen, ©r wirb eS tragen, nerlafet ©udh barauf, unb nimmer löfen, 
als fättet Qhr’S ihm felbet umgerounben." ®a erröthete fie tief. „Weint 
ohr roirHidh," fagte fie, liefe ben Straufe ju 33oben fallen, griff nadh ihrem 
.paar, baS ifer offen roie ein Wantet um bie Sdhultern hing, unb nahm 
einen feibenroeidjen Strähn jroifdhen ihre fRofenfinger. „Wan fagt, baS 
habe idh oft gehört, im £aar lag’ ein gnnber. — &abt 3h* etroaS 
SdfiarfcS?" 

3ht fönnt ©udh benfen, roie rafdh tdf meinen ©oldh jog. ®a jögerte 
fie, als reue fie ber ©ntfcfelufe. 

„2Benn aber irgenb ein ^inbernife — es fommt oft genug anberS, 
als man glaubt, — idh fann ja fterben, ehe idh ihn gefehen, unb ein anbereS 
Sßeib fönnt’ biefeS Sßfanb nerfpotten. 3Serfprecf>t 3hr mir, bei ©urer ©fere, 
eS ju f<feüfeen oor jeber Sdhmadh?" 

Wit meinem Sehen fdhrour idh ih^ ju. 

„9!un, bann fdhneibet!" fagte fie unb hielt mir baS föftlidfe ©efpimtfl 
oor bie Ringer. 3<h ntufe eS fagen, ich hielt midh länger auf als nöthig, 
unb fte ladhte, als idh um bie Sänge mit ihr .feilfdhte unb ®ir ben 2lrm 



König IDtglaf. 


17 

eines ftleifdjerS jufpradj. GnbHd) waren wir eintcj. ©ie hielt ben Strähn 
mit jmei Ringern, ich mitten burdj, nahm einen SCf)ei[ nnb ftedte 
ihn rafh in meine ^CafdEje, als tonnte fie es noch einmal reuen. 

„©o, unb jefct jieht bie ©dhling’ nur feft," fagte fie, „locterer fann 
ich fte fetter machen," unb oerfhwunben toat fie in ben Grtenbüfdjen. 

3Uroin fhwieg unb fenfte baS gaupt. 

„Unb baS gaar?" fagte SBiglaf, „bie hlonbe Sode? h a ft ©u fie 
wirtlich mitgenommen? Sei ©ir? 3n ber ©afche ba?" 

Gr wies auf ben Seberbeutel, ber am SBehrgehäng SllminS hing. 

Sllroin fah nicht auf unb machte nur eine abmeljrenbe Sewegung mit 
ber ganb. 

„2BaS fann ®idj bie noch tiimmem, barnit ift’S nun oorhei." Gr 
athmete ferner auf. 

„Slber fehen fanttji ®u ue mid) hoch laffen?" brängte SBigtaf jefet. 

„®afc ®u deinen goljn barnit treibft? 9f ein ! 3 h will menigftenS 
SBort holten." 

„©oUft ©u ja, ©tarrfopf, aber anfehen toirb man fie hoch bürfen! 
Ober glaubft ®u aud) an ben 3auber, ber oon ihm auSgebt ?j unb toittft 
mich baoor wahren?" 

„Ster weifj! 2Jtan foH nicht fpafien mit folchen gingen, abgefehen 
baoon, es wirb ©ir nicht gefallen; wem lobernbe flammen baS 2luge ge* 
bienbet, auf ben fann ber fanfte ©dummer nicht mehr wirten, ber im 
gtühfonnenfhein über ftomfelber hufht." 

„®u fcbeinft fein greunb oon lobernben flammen, Sllmin?" 

„D warum niht, wenn ih oom ^roft erftarrt nah gaufe fomme unb 
ne mir oom heimlichen gerb entgegenleuhten, bin ih ihnen oon fersen 
gut, aber niht wenn ih fetter glühe, mir baS Stut focht in fhwüler Siaht, 
bann fehne ih mich nah einem grthfonnenfcbein, ber mir fanfte Stützung 
fächelt. Slber baS ift ©efhmadfadje, SBiglaf, barüber läjjt fih niht 
ftreiten." 

SUmin erhob fih- ,,©hlaf’ jefct, morgen ift ein fhmerer Sag für ©ich." 

■35a hielt ihn SBiglaf feft. „.galt ! 3c|t will ih bie Sode fehen. 
görft ®u, Äöntg Sßiglaf will!" 

3n bem Slntlifc beS QünglingS sudte eS brohenb auf. Sllmin fonnte 
ein fpöttifheS Säheln niht gans oerbergen, jugleih aber bliftte es in feinem 
Sluge Uftig auf. 

„SBenn ®u mir fo fontmfi, muh ih wohl." 

Gr griff in bie ©afdje, nahm ein IcberneS $äcfd)en heraus, baS er 
entrollte. 

„Slber nur fehen barfft ©u, niht berühren. ®aS haft ®u oerwirlt, 
— Äönig SBiglaf." 

311min hob mit einer rafdjen Bewegung ben Slrm, in feiner ganb 
fhwebte bie Sode, oom Stohtminb, ber burh baS fyenfter brang, teife be- 

2 * 



18 21 n ton ^rciljett non pcrfall in Sdjlietfee. 

roegt. D«3 «Dtonblicfet trieb fein Spiel bomit unb liefe fee fafe roeife er* 
fdbeinen, nur in ben £ärcfeen, bie fech faft roiberfpenfeig getrennt non il)t 
unb feitroärtS bogen, jitterte ein jarter golbiger Stimmer. 

SBiglaf gab fidb erft fedhtlidh 2Büfee, gleidhgiltig ju erfdjeinen, rafdh aber 
fdfjroanb baS oorbereitcte Säbeln non feinen Sippen, bie nadjläfftge Haltung, 
bie er angenommen; ftarr blicfte er auf bie Sode in 2llroinS $anb, als 
fäfee er ganj ÜEBunberbareS, beugte fidb nor, roie um fein Sßefen näher ju 
ergrnnben. 2Bie oon felbft unb nidjt oon feinem SSiHen geleitet, hob fidj 
langfam feine ^anb ifer entgegen, — griff barnadh, — bodb 2Htoin hob fee 
mit rafcbem «Rudi empor. 

„DaS ift miber bie 2lbrebe, König SQSigtaf," fagte er, baS 2Bort 
„König" abfidfelidj betonenb. ,,«Jtur feben ift ©udh erlaubt. «Ridfjt mabr, 
ein feübfäieS &aar! gefet ben!t ©udh erft baS Köpfdhen baju, anftatt meiner 
rauben ganft, jum hinter grnnb ftatt bet bäftem SRauer ben blüfeenb 
roeifeen «Raden." 

SBigtaf ftiefe jornig mit bem gufee auf. 

„«Dlufet Du benn immer fdhroahen!" bann ging er mit baftigen 
Stritten burdh baS ©emadh. „Säcberlidb! ©in £>aar, wie es taufenb SJtäbcfeen 
hier im Sanbe tragen." Dann fetrrte er roieber jurüdt. 2tlroin hielt noch 
immer bie Sodfe ho<h. 

„Sag’ bodh felbft, wenn Du Stugen haft unb nid&t ganj toll " 

Sßieber bannte ihn ber Slnblid an bie Stelle. Dber foH ber ßauber 
in ber Berührung liegen? 

„So lafe midf) bodh »erfucfeen, — idh fpotte ja nidht, — idh oerfpredhe 
es Dir — " 

Sltroin entjog ihm bie SocEe bieSmal nidht. 2Siglaf berührte fee, liefe 
fee burch feine Ringer gleiten., ©ine roohlige 35>ärme, roie fee oon bem 
©efpinnft ber Seibenraupe ausgebt, burdfjbrang fee. 

„2hm genügte jur «Prüfung, mein König," fagte 2Uroin, als SBiglaf 
nidht du ©nbe fam. Da fchraf biefer* auf roie aus einem Traume unb 
rife bie £anb gurüdf, als habe er fidh oerbrannt. 

„gort mit bem Ding!" rief er feuerrotb im Ülntlifc, „roeife ber Deufel, 
roeldher jungen £epe Du es geraubt Ejnfe, midh ju bethören, gort, fag’ id), 
unb baß Du Didb nid)t mehr feben läßt bamit. — «Rid)t einmal im $aufe 
roill idh’S haben, fjörft Du? 33 ei meinem 3°rn, Sllroin," rief er bem 
greunbe ju, ber baS Kleinob roieber forgfältig in baS Seber roicEette. 

„2ßie gljr befehlt, &err. Droain roirb ohnehin oor «Dtorgen ben #of 
nidht oerlaffeit, bem geh’ idh’S gleidfj mit. 2Benn idh eile, treffe idh ihn no<fe 
unten in ber Drinffeube bei Slefcfeere unb 33ecca, bie mit fdhroerftem 2Bein 
ihn ju beruhigen fucfeen." 

Sdhon roar er bei ber Dbüte, ba blieb SBigtaf, ber roie ein roilbeS 
Dffeer im Käfig erregt ben «Raum burdhmafe, ftehen. 



KSnig Wiglaf. 


19 


„2BaS hat biefer Dwain bamit ju tbun, — unb 3ie}rf)ere — unb 
33ecca? ®afe fie oon feuern bie Köpfe jufammenfteden?" Schalt’ baS 
®ing unb fdjweig’, ober fdE»aff eS irgendwie aus bet SBett. Verbrenn’ eS, 
»ergrab’ ei, wirf ei in’S SJieer, — nur hören unb feljen will idf nichts 
me^r baoon." 

„®afür will ich fcf)on forgen, ^err, unb jefct laßt Guren Schlaf nicht 
ftören. Ober fott ich 3u»or noch ba§ $enfter öffnen? GS buftet fo fonber= 
bar herinnen — " 

„®uftet?" SBiglaf h°b baS $aupt, „ich nterfe nichts, ©eh’ nur! 
©eh’!" 

„2Bie eS Guch beliebt, 4}ert." 2Itwin ging. 

SBiglaf aber brach in eine bette Sache aus. „®er »erliebte Starr! 
Salb hätt’ er mich angeftedt, aber baS macht ja nur mein eigenes heifeeS 
«tut. ®rptho liebt mich! ®aS waren bie Schauer, bie mich iebeS SJtal 
erfaßt, wenn nur ihre £anb meinen Scheitel berührt, ihr ©ewanb mich 
ftreifte. ®njtho wirb mein SBeib, — unb idh fott ganj bei Sinnen fein!" 

SBiglaf roanfte wie betrunfen bem Saget 3U, plößlich ftanb er ftitt. 

„SBahrhaftig, 2ltwin hat Siecht, ber fchtoere ®uft, idh fann faum 
athmen. — 3$ ntufe baS genfter öffnen." 

Gr roanfte in bie Slifdlje unb ftiefe baS genfter auf. 

®er Sturm pfiff um bie fdhroarjen SRauern, im £afen raffelten bie 
Schiffe an ben Slnlerictten. ®onnernb brachen fi<h bie SBogen. 

©ierig fog er bie frifdhe SReerluft, bann fröftelte es ihn, er fdhtofe 
baS fyenfter, warf n<h ungeftüm auf baS Saget. 

Schon fam ber erlöfenbe Schlaf über ihn, fein lefcter 33licf fiel noch auf 
ben Gidjentifdh in ber Stifte. ®ie Sitberfcljeibe feines ®ol<heS btifcte im 
Slonblidht auf. 2lber roaS mar baS? 2Bie ein gotbeneS gäbdhen treifte eS auf 
unb ab, flieg auf, roanb jich, neigte fidh 311 ihm, fanf 3urüd, erhob fi<h 
wieber, unb immer hafüger ging ber räthfelhafte Steigen! Gr »ersehnfachte 
nch, nicht ein ftäbdjen, ein ganseS ©efpinnfl bitbete fidh, breitete fidh aus, 
ein golbeneS Sieh jog ü<h »on 2Banb 3U 2Banb, — würbe immer enger — 

®a fprang er auf, trat an ben ®if<h. — 23erfdhwunben war ber Spul, 
nur ein ®oldf) lag an feiner Stelle. — Grmattet lehrte er wieber auf fein 
Säger juröd. ®er erfte 33lid, — ba äffte ihn fdhon wieber baS gabdhen. 
Sauernb richtete er ftdh jeßt auf, — 2Bie albern! GS war ein &aar, baS 
rieh feftgellemmt swifdhen Scheib’ unb ®ol<h, ein blonbeS £epenhaar! ®or= 
fidhtig fdjlidh er hin, hafdjjte bamadh wie nach einer fliege. — Qefct fühlte 
er es in feiner 4hanb. — hinaus bamit in’S SJieer, fonft wirb leine 
Siuhe. — 

Gr rife baS genfter auf, wollte ei abfdhütteln, aber ber SBinb liefe eS 
nicht ju, es flog ihm über ben Kopf surüd in bie bunlle Kammer. 

SBiglaf war jefct wieber »öttig wach unb ladhte über feine 3agb nach 
einem SRäbdbenhaar. 



20 - — ?(nton ^reitjert cott perfaü in Sdjlierfee. 

Gr warf fidfi auf baS Säger unb fd)toß bie 3tugen, — aber eS 
f»alf nidjtS, baS tgnar gab feine Stulje. Salb fdjiett eS in leifem Suftjug 
burcb baS ©unfel ju fdjmeben, halb fein SCntlifj ju flreifen, halb aus 
irgenb einer Gcfe herauSjuleuditen. 

Grft als ber SJtorgen über bem 9Jteere graute unb baS ©uttfel mich, 
fanb SBigtaf ben ©<hlaf, ber ben böfen 3 nu ber föfte. 

II. Gapitel. 

©er GiSmatl ror ber ginnburg fdjob fidj unb fragte ©ag unb 9lad)t, 
bidjtcr Siebet lagerte feit SBodjen unb füllte StüeS in fein büftereS ©rau, 
nur fpärlidj brang bann nnb mann beS Mittags ein fahler gelber ©djem 
hinburd), ber an bie tangfam fidj roieber hebcnbe ©onne mahnte. 

©o fange Sönig ginn noch lebte, ^errfd^te ber trüben 3eit jum ©rofc 
baS regfte Seben in ber Surg. ©etbft ein greunb ber ©afel unb jebet 
ritterlichen fturjweil, pflegte er bann feine Gblen um fidj ju oerfammeln, 
bie, fobalb ber ©cfjnee fdjmolj unb baS Gis brach, in affe 2Binbe ficf) jer* 
ftreuten, fei es, baß fie bie 9)ieerfa^rt fodte, ober bie gagb in ihren 
tiefen SBätbem, ober irgenb eine fyetjbe ; audj bie grauen bnrften nicht 
festen, oljne bie ja ©piet unb S^afet ohne SReij. 

9Jtan jagte ben gudjs unb ben Sären unb ben Gber unb fämpfte im £of 
mit ftumpfen SBaffen ju guß, ju Sferb, ftellte SBettfaljtten an auf bem 
Gife, um bann Stbenbs in ber §aUe bei fröhlichem 2Jiaf)le erft recht feinen 
fDtann ju ftetten. ©a fehlte bann auch ber ©änger nidjt, ber alles gelben; 
thum pries, alte ©Ute unb eble grauen. 

ge bidjter ber Siebet braunen braute, je fefter bas Gis bie Surg um* 
flammerte, befto wohliger fühlte man fi<h im £>aufe, beffen gajllühe Sßärme 
bie ber ©onne erfefcte. 9lnberS jefct, ba Honig ginn »on langer gahrt 
unter ber Grbe ruhte. 

9Sie auSgeftorben lag bie Surg. 

©aS mar recht unb gut; um einen Honig ginn trauert man billig 
eine ©omtenwenbe, aber es lag noch etwas in ber biden Suft, etwas 
SangeS, GrmartungSoolleS, baS mit ber ©rauer nidjtS }u thun tjatte. 

®ie Sotfchaft nach Sritannien unb ihr ÜluSgang mar fein ©eljeimniß 
geblieben, eben fo wenig bie &odjjeitSfeier, bie beoorftanb, wenn ber 2Befi< 
fturnt bie ©ctjoUen löffe. 

9Jtan mar »erfd)iebener 2lnfid)t barüber, fomeit überhaupt von einer 
2lnftdjt außerhalb ber ginnburg ju reben mar. ®ie HriegStuftigen freuten 
ftdj, nicht jroeifelnb, baß es im grühjaßt . an’S Stuften ging, wenn ©rptfjo 
an ber ©eite eines jungen Honigs herrfcfjte, bie griebfertigen trauerten, 
bah ihre langjährige Hoffnung auf SBiglafS milbe ßerrfdjaft fo unerroartet 
ju ©djanben geworben; GineS aber bebrüdte Seibe, bie Ungewißheit, wie 
man auf ber großen gnfel bie 3tbfage aufgenommen. 



König UHglaf. 


2 \ 


©er ©iSjug fcfjlofe furj nach bet 2lbretfe be§ erjürnten Dwain, bet 
allerbingg fdblimme Sieben führte, baS 2Jfeer unb bamit jeglichen SSerfebr, 
erfi baS ^yrü^ja^r fonnte bie Söfung bringen. 

®er lange traurige SBinter, bie laue SBärme ber Stuben, ber ein» 
förmige SicfitfreiS be$ Äien^oIjeS, in bem man fidb bewegte, erfcblaffte juleßt 
■Reugierbe, fyurdbt unb Hoffnung, unb ba auch oon ber 33urg fein friegeri» 
f<heS Beleben auSging, uergaß man fajt ben ganjen .fjanbel. 

Sludb auf SBiglaf brildte bie ftumpfe ©nge. ©in jäher ®b“tenbrang 
batte ibn erfaßt, feitbem er fidb als König fühlte. ©S brängte ibn, bie 
Kluft ju überfpringen, bie ibn t>on ®n)tl)o trennte, unb bodb fehlte ibm 
ber nötbige fßtaß }um 3lnlauf. So erging et fidb in fübnen planen, bie 
ber grübUng reifen follte. ®ämtne follten erbaut werben, bie bem ewig 
gierigen SJJeer ben ©inbrudb in baS offene Sanb wehren follten, neue ©e» 
feße gegeben werben ju Schuß unb Stedbt beS ©igentbumS, bie roiber» 
fpenftigen 2tefatten gebänbigt, bie ben SRaub ju See unb Sanb im ©rofien 
trieben, baS SSolf aus bem ®unfel blutiger Barbarei ju einem fieberen 
S)afein erjogen werben. 

SBiglaf wollte Slefdbere, in bem er jeßt mebr benn je feinen 2Biber» 
fadber erfannte, troß ber blinben ©rgebenbeit, bie er heuchelte, jeigen, baß es 
noch anbere StubmeStbaten gäbe, als Krieg unb ©roberung unb robe ©ewalt. 

Unb ®rptbo ging ju feiner greube oöHig in feinen fßlänen auf, er» 
gänjte fie nodb mit ihrem reichen ©elfte. Sticht er würbe ihr Schüler, wie 
fein Steter wünfdbte, ber, in ber Beit rauben ßelbentbumeS aufgewadbfen, 
nidbts SnbereS groß eradbtete, als Kampf unb Sieg, fonbern fie, bie oor 
wenig SJtonben nodb feine geftrenge SJtutter war, würbe feine Sdbülerin. 
®aS fonnte nur bie Siebe tbun, bie jeßt frei unb feffeHoS fie, bie Stolje, 
wieber ganj jum SBeibe machte. 

Sie wollte ihm nidbt mehr erhaben erfdbeinen, fie gab jtdb SJiiibe, audb 
bie leifefte ©rinnerung an bie fDtutter ju oerwißben, unb opferte freubig 
jebe ©röße ber Siebe; unb fo mädbtig ift biefe Seibenfdbaft, fo wanbelbar 
baS SBeib, baS oon ihr erfüllt, baß fidb ihr felbft ber Körper fügt, ©in 
neuer grfibling war über fie gefommen, jebe ftolje £ärte war aus bem 
eblen Slntliß gewinn, baS bunfle 3luge ftraf)lte jeßt ooll bingebenber 
SRilbe, felbft bie mächtigen formen fdbienen jartere Sinien anjunebmen, unb 
bie Stimme, gewohnt ju befehlen, Hang jeßt weidb unb mäbdbenbaft. 

SBiglaf war glücflidb, bis auf ben unbefriebigten ®rang, baS un» 
gebulbige SBarten; bie bunfle 2tngft, bie ihn in bem SlugenblidE gefaßt, als 
bet 33ater an ihn bie überrafdbenbe gorberung fteHte, baS bemütbige ©e» 
fühl, eine Sebrmeifterin mit auf feinem SebenSwege ju befommen, mar Iängft 
fiberwunben. 

®rptbo war baS SBBeib, baS ihm allein gebührte; baß fte an Bahren 
unb SebenSteife ihm oorauS, machte ihm feine Sorge mehr, baS gleicht 
bie Siebe aus. 



22 ynton Freiherr non perfall in Sdjlierfee. 

Sßettn er jefct an ben Slbenb badRe, an bem Sllroin ju ihm fam mit 
ber blonben Sode, an bie unruhige 9lacbt, bie er burdilebte, tonnte er nur 
mehr lachen, bamalS batte er noch eine fnabenRafte gurcht bot ©rptho, 
fab noch bie SRutter, bie Herrin in i^r, gan$ natürlich, baR baS 
fchmärmerifche 33ilb, baS 211min non ber SBritin entwarf, non feiner eigenen 
SSerliebtReit eingegeben unb in b aS Ueberirbifdje nerftärt, feine SBirfung 
auf iRn ausübte. 2Bie matt unb farblos erfdjien Re iRm jeRt, wenn er 
baran badete, fo matt unb farblos roie bie Sode felbft, bie er bamalS wie 
ein SBunber anftaunte. 

gn feiner Offenheit, ober recht gefagt, in einem geheimen ©efüRl ber 
©dwlb, baS ihn quälte, erjäRtte er ©rptRo ben ganjen Vorgang, allerbingS 
mit gehöriger Slbfcbroädiung ber SBirfung, welche berfelbe bamalS auf 
ihn Ratte. 

Sie lacRte baju, roie er erwartet. „SDtir roenn eS geRReRen roär’. idb 
holte mir bie Sode roieber, baS fei nerRdjert unb ©eine baju." ©abei 
Räderte es in ihren 2lugen, baR ihn baS ©eftänbniR faft reute. 

©inen ©ag barauf fragte Re ihn plötjlidh, roas benn mit bem $aare 
gefdjehen fei, ob Sltroin es surüdgefcRidt. 

©S ging ihr alfo bod) nidjt aus bem Äopfe, baS machte ihn Ruhig, 
er glaubte R<h ju einer SlotRliigc berechtigt, um ihr weitere nufclofe Unruhe 
ju erfparen. SUroin habe in feinem Aufträge Re in’S SJteer geworfen. — 
©odj eS war eine Siige; Re fam ihm wohl nicht fo glatt heraus. 

©rptRo fah ihn ungläubig an, fpöttifcR faR. ©S ging ihm bur<h unb 
burch, unb bitter bereute er baS SBort. ©ann muRte 211min aufgefudjt, 
um fein Schweigen gebeten werben, ba er iicR entRhieben weigerte, nach* 
träglich bie Söge feines £erm jur SBaRrReit ju machen., 

©aS uerruchte 9iefc non bamalS begann fdjon roieber feine golbenen 
gäben um ihn ju fpinnen. SBeunruRigenbe ©ebanfen famen ihm, ©rptRo 
liebte ihn, fein groeifel, roaRr unb innig, aus ihrem ganjen Sßefen fpradj 
bie Siebe, aber nie ben enbtofen SBinter ^inburch überfdjritt Re bie ©renje 
ber SBohlangemeffenheit. s Jlie nergaR Re Reh, immer war Re Herrin über 
Reh, unb nie faRte Re nur auf einen Slugenblid ber Sturm, ber in feinem 
gnnem nur in geffeln lag; oetgaR er Rdj aber, uon irgenb einem Sächeln 
einem lieben SBorte, einem niedeicht innigeren ©rud ber $anb uerführt, 
bann wies Re ihn nicht ftrenge, aber in einer SBeife in feine Sdjtanfen 
surüd, bie ihm baS 23lut in bie Sßangen trieb. 

„Sei oemünftiq, ßinb," lag für ihn ftets barin. Sieber hätte er 
ihren helfen 3 ont entfacht. 

©abei war immer 2lef<here um Re. gntmer roieber tauchte feine 
bunfle ©eftalt um Re auf, fein bleiches, regungSlofeS ©eRdjt mit ben 
ftechenben 2lugen, trofetg gegen gebermann, gegen feinen Äönig felbft, nur 
gegen Re boU ehrfurcbtsnoller gügfamfeit; unb wenn Re ihnt nicht gerabe 



— König tDiglaf. 23 

holb roar, jein büfiereg SBefen ne felbft 6ebrü<Jte, entbehren fonnte fie ifjn 
hoch nicht mehr. 

@o fam esS unroiflffirlich, bafs er ficE) »on 92euem immer mehr Sllroin 
näherte, ber ©rptho Ijimmebentm mit mihtrauifdjen Slugen betrachtete. 

©er Name „©abrotne" fam nie non Sltroing Sippen, aber auch bie 
Sebertafdje nie non feiner ©eite, bie SBiglafg ©lief immer non Steuern an= 
jog. Nächtelang fafjen fie beifammen in bem ©fmrmgelah, ber junge König 
unb fein Siebting. 

SBigtaf griff bann jur regten 3^1 ' n bie ©orten ber £arfe, 
aber er fpiette nicht wie früher nur fanfte melancholifcbe Sßeifen, fonbem 
fuhr roie im 3om hinein, bah bie ©tube fich fhroang unter ihrem 
©raufen. 

Sllroin aber fprach ben ©ept baju, erjagte halb non alten Königg; 
thaten, halb non eigenen Heerfahrten, ober er malte in bunten ©ilbern 
bie femfie 3ufunft aug, roie er ben SBeltenlauf fi<h bachte, roie’g einmal 
mürbe in niel hunbert fahren. Slnberg natürlich, ganj anberg, freier, 
fchöner, feine bumpfen Hauern, mehr Suft, mehr Sicht, bag ©olf nicht mehr 
in ärmlichen Jütten, ftumpf unb gebrücft, roie aug langem SBinterfcblaf 
erroachenb, ft<h feiner Kraft bemüht. ®ie ©trahen feft gegrünbet, alle 
Sänber nerfnüpfenb, bie ©täbte in ber reichen Kraft beg ©übeng, non 
benen bag Heerootf erft Kunbe braute. — Kunft mit Kraft nereint unb 
bag enge SBiffen erroeitert, bie ©eheimniffe ber Natur erforfcht, bie jefct 
noch roie ein bunflet Slip bie ©ruft bebtücfen. 

Unb SBiglaf hörte mit Slnbacht ben greunb, mifchte auch eigene ©Über 
barunter unb bachte, roenn nur enblich einmal bag ©ig bricht unb ber 
grühttng fomrnt, unb ©rptljo mein 2Beib, — bann roiH ich ihm f<hon 
jeigen, bah eg feineg galnhunbertg bebarf, feine ©räume ju erfüllen. 

Unb jefet brach roirflich bag ©ig, unb ber Frühling fam, — unb bie 
©rfüQung beg britten SBunfdjeg fotlten bie nächfien SBodjen bringen. 

Qn ber gimtburg roar bag Seben erroacht. ©ie follte ihr büffereg 
©eroanb oblegen unb weithin oerfünben, bah eine neue 3eit eingejogen in 
ihre Hauern. Sin allen ©den würbe gehämmert unb gejimmert, ab- 
geriffen, angebaut. Stuf ber ©eite gegen bag Heer ju jogen fich offene 
SBanbelgänge, beren fpifce ©ogen gierlidhe ©äulen aug blenbenb roeihem 
Harmor trugen; plumpe Slugfaüthore erhielten funftnoHe Krönungen; felbft 
ber mächtige runbe ©hitrm, ber weit in bag Heer »orfprang, non Klippen 
umgeben, muhte fich auf fein bemoofteg, tangberoachfeneg £aupt ein neueg 
©ach aug Kupfer auffefcen taffen, anftatt ber »erweiterten ©chinbeln, mit 
benen bigher ber ©türm fein ©piet getrieben. 

Hancher Krieggmann fdiüttelte ben Kopf ju ber ©eränberung. SBenn 
eg fo anfing, wo follte bag enben? D König ginn, roenn ©u bag 
erlebt hätteft! 



2^ 2lnton ^reiljerr con perfall in Sdjlierfee. 

gm gmtcrn ging eS noch toller ju. Sa mar Srptbo bic «Seele beS 
©anjen. 2lber nicht rote früher in Stall unb SRüjlfammer, mitten unter 
ben Knechten erfcFioH jefct ihre Stimme, fonbern vor ben SEBäfdfiefc^ränfen, 
in ber ©eiitibeftube, in ber Sulienb non grauenljänben mit ÜRabel unb 
gaben ficf) regten. Ser hcße Gifer ftrahlte non ihren langen, als ob iie 
je^t erft ihr wahret 9lrbeitSfelb gefunben. Serge non foftbaren Stoffen 
häuften fiel), benen bisher ber SDlober in ben Stiften unb Sdjränfen brol)te, 
funfelnbeS ©efchmeibe, ja feibft eine funftreidj gefchnifcte SBiege ftanb bereit, 
gefüllt mit feinftetn Seinen, an ber fie nicht norüberging, ohne ein roonnigeS 
Sehnen ju empfinben. Sa 3 üppige fRothhaar aber trug fie nidht mehr 

aufgelöft, fonbern in 3öpfe geflochten, bie ihr faft bis jum Saume ihres 
©eroanbeS hingen, unb ben fßupurgürtel mit bem fleinen Sold) erlebte 
je|t ein fdjlidjteS buntes Sanb. 

Ser ganje Haushalt freute fid) biefer 2Banbtung unb oerfprad) fidf) 
frol;e Sage, nur Stefdhere, ber Sdhroeigfame, btiefte immer fmfterer. 

So mar ber 9Jtai gefomnten, ber Sprich ber GiSfdfjoHen na<h bem 
Siiben mürbe immer fdbroächer. 3m feft nermahrten £afen fdhmücfte man 
bereits bas Schiff, auf bem nach alter griefenfttte bie &o<h}eit König 
ÜBigtafS ftattfinben füllte unter herrlichem ©epränge. 9Ran hatte „©renbl" 
baju auSerfehen, König ginnS Sdhladhtfchiff, baS feine ruhmreiche Saufbahu 
auf biefe ehrenvolle 2Beife befhliefsen foHte. 

Son 9iah unb gern nahten bie Gblen beS SanbeS mit ihren SRanneu 
in voller fRüftung, ihrem König ju hulbigen, ber an biefem Sage jum 
erften 2Rale bie Krone ginnS fid) auf bas £aupt febte. 

So meit bie 33urg fie faffen fonnte, fanben fie in ihren -Blauem 
gaftliche Aufnahme, bie Uebrigen lagerten mit bem von allen ©auen herbei* 
geeilten Slolfe in meit ein Umfreis, fo baff eS eher einem KriegSjug ju gelten 
fchien, als einem ^»odijeitsfeft. 

3Son allen Seiten aBaffenlärm, fRoffegeroieher, gelte unb Sagerfeuer, 
roährenb eS in bem &afen rcimmelte von Schiffen, groß unb flein, vom 
gifdjerboot bis jum eifenhcfchlagenen mohlhemannten Sd)Ia<htf<hiff, baS bie 
Herren von -Jlorben unb Süben unb von ben gnfeln brachte. 

geht mürbe 2tefcä>ere munter, er mar eS, ber aus bem ihm fonft ver* 
halten gefte eine maljre .fjeerfchau machte. $8alb mar er auf ben Skiffen, 
halb bei ben geltlagem, mit ben ^öfteren a3erathung pflegenb, bie üDJannen 
mufternb, ihre Starte, ihre 2luSriiftung. 

3Biglaf, bem eS bie Sitte verbot, vor bem grofeen Sag fidh unter bem 
ätot! ju jeigen, beunruhigte faft biefe unenoartete aSeranftaltung, bie er 
von ber 33urg aus betrachtete. 

Sein -Blißtrauen envachte von SReuem gegen Slefchere. Gr fanbte Stimm 
auf Kunbfcbaft aus, bodh er lehrte nur mit befter Siadhridht jurüd. 2llIeS 
fehe mit S3egeifterung bem Sag beS SoppelfefteS entgegen, 3EiglafS 
Dlame fei in iebem IDiunbe, unb nur bie Sreue fei eS, bie alte Siebe 



König tPiglaf. 25 

$um Stamme beS Könige lyinn, bie baS ©otf ffiex fo jafjtretcfi oer= 
fammelt. 

So mar bie einige ©Solle jcrfireut, bie feinen ^orijont ftörtc, unb 
©Siglaf fdjnmr fich taufenb ©ibe, bah er üjtten alte Siebe lohnen roollte, 
roie noch fein Stönig gethan. 

@8 mar am Slbenb »or bem ©ermählungSfefte. 2Bigtaf erfriert junt erften 
SKale, jiürmifdh begrübt non ben ©äften, an ber Seite iErptho» in ber SpaUe. 

S)a8 mar nicht mehr Äönig ginnS fiolje grau, bie man gewohnt roar 
im Heerlager geröftet ju feljen, bie ftolje Herrin mit ber bebeutungSoollen 
gälte auf ber; ©time, in ber, roie man behauptete, noch immer bie 
Stachegebanfen brüteten, gn foftbarm golbburdjroirften Stoff non 

fdjneeigetn ©Seih gefteibet, roie man hier ju Sanbe nie gefdhaut, ben golbencn, 
mit Stubinen befehlen Steif im $aare, im 2 lntlig ben ©Siberfcbein beS 
itmerften, längfi erfehnten ©lüdeS, roar ne b «3 2lbbilb cbelfter 21'eiblid)- 
feit, roährenb SBtglaf, baS roohlbefannte Schwert Stönig ginnS an ber 
Seite, ben StönigSmantel um bie breiten Schultern, ihr in ben wenigen 
SOlonben nadjgereift fchien, fo baff bie fchlimmften ©egner ber ©erbinbung 
(ich befehren muhten, bie oöllige Harmonie beS ©aareS anerfennenb. 

$>ie legte ©orge und). ©länjenb roinfte bie gufunft, nichts ftörte 
mehr beS gefteS greube, bie halb in tofenbem ©raufen bie &allc füllte. 

2lm toüftcn trieb es Sltroin, auch ihn hotte £ri)tho heute bejroungen, 
unb mit greuben geftanb er es fid) felber 311, bah fein ©ebenfen nicht ge- 
rechtfertigt roar. 

ga, wenn er bie fjotje fegt betraditete in bem gtänjenbeu Nahmen, ber 
fie umgab, ihre gtühenben ©liefe, bie für SBiglaf bie füfjefte Erfüllung 
bargen, bann fam cS ihm oon ber Stunbe unb bem ©Sein begeiftert felber 
oor, atö ntüffe bie fanfte ©abroine neben ihr erbleichen. 

©chon lange lauerte er auf giinftigc Gelegenheit, ber Stönigiit feine 
$ulbtgung barjubringen unb bamit ihr abjubitten, roaS er hinterrücfs fd)on 
an iht gefreoelt, aber ftetS roar fie untbrängt oon ©rohen, bie rooht gleiche 
©efühle trieben, — ba glüdte eS ihm ganj unerwartet. 

©ine ©olbfpange löfte fidh oon bem 9 lrme ber Königin unb fiel ju 
©oben, Sliemanb beachtete ben ©organg, ihm, bem Sauerer entging bas 
nidht. SRafdh fdhlidh er fidh hiu, hob fie auf unb wartete gelaffen, bis 
Xrptljo, aufmetffam geworben, nidht ohne leifen Spott fragte: „©i, üllroin! 
2 Ba 8 führt benn @u<h ju mir?" 

„®ie Straft eines hotfeeu ©SunfcheS, hohe Herrin," erroiberte 9 llroin. 

„Unb ber roäre? geh fürchte bie $ige ©urer SBünfdje." 

SHroin lieh fidh oor ihr - auf bie Jtnie nieber. „®er ©Sunfdh, ©udh 
ju hulbigen, roie es ©udh gebührt, ©eit Stunben roollte es mir nidht ge; 
lingen, ba jroang mein ©lief ben golbnen Steif, ©r löfte fidh oon ©urem 
2lrm. Stehröt ihn gnäbig aus meiner fjanb unb macht eine Äette barauS, 
bie midh ju ©urem ©flauen macht." 


26 2lntoit ^reißerr oon perfall in Sdjlierfee. 

©rpttjo naßm ben fWeif unb lächelte oerfdbmißt. „2Ba! 3b* bod) für 
ein ©lud habt, 211min, halb ift’l ein SReif, Salb eine Sode, bie ©udb ju 
(gefallen fällt. — Sebaltet ifjn jum ©ebenfen an biefen ©ag." 

2ltroin laut iolcbe ©unft ju überrafdbenb. Ungläubig fab er fie an. 

„Dßne Sorge, 2llroin," fuhr ©rptbo fort, „fein neuer 3auber foH 
©idb binben, — unb wenn ©u einmal Suft Saft, fenbe ben Steif getroft 
ber Socfe nach in’! ©teer, fein neuer SBortbrudE) foll ®i<b quälen — " 

„SBortbrudb?" 2llroin traf ba! 2Bort roie ein Schlag. 2tudb bie 
Umgebung hörte el unb nmrbe aufmerffam. „2Bie meint 3bt ba!, 
Königin?" 

„Sehr einfad) ! ©u oerfpradbft bod) 3emanb, ©troal ju toabren, unb 
fei’iS mit ©einem Seben, — nid)t fo?" 

„Qa, ba! tbat idb, Königin." 

„Unb roarfft bann bal ©troal in bal ©teer. 3ft bal SBort 
gebalten?" 

©ine allgemeine Seroegung bei ©rfiaunenl, ber ©ntrüftung entjianb 
ringlum. 

©rptbo blicfte jeßt garnidjt mehr fo bräutlid) milb. 2lu<h SBiglaf, 
ber eben mit einigen ©bien emfte gioiefpradj pflegte, mürbe aufmerffam 
unb trat näher. 

2ll! er ben ©runb bei 2tuffebeu! erfuhr, erfdpraf er, fein SlicE fudbte 
ben 2l(roin!, ber bleich, unter bet Sdimad) gebeugt, einen fdbmeren Kampf 
mit fidb felbft aulfocßt. 

2lHel roartete auf eine ©rflärung. 

©nblidb bradb er lol. „®u baft Siecht, Königin, ein Schürfe mär* ich, 
nidjt mertb, ein Scßroert ju tragen, nid)t roertb, »or ©ir ju fteben, hält* 
idb ßetban, mal ©u fagft — " 

3n ©rptbol 2lntliß juefte el auf. „©er König bat el ©ir bodb be= 
fohlen," fagte fie brobenb. 

2llroin fühlte ben flcbenben ©lief SBiglaf! auf fidb ruhen. 

„2lu<b ber Sefebl eine! König! fanit ©tannelroort nicht löfen, Königin, 
idb — idb bin — icb burfte ihm nidbt nadbfommen." 

„§aft alfo bie Socfe noch?" fragte ©rptbo baftig. „Sei ©ir? 
©atürlicß fo ein foftbarel fßfaub, um ba! man bem Sefebl eine! König! 
troßt. ©u baft el bei ©ir?" 

©rptbo! 2lntliß flammte jeßt in eifriger ©tutb- 3b re &anb fhredfte 
fidb begehrlich au!. 

silrotn fdbroieg troßig, ftarrte ju Soben unb umflammerte mit beiben 
•fjänben bie Sebertafdbe, bie an feiner SBeßr 'hing. 

„So taffe fie menigften! feljen. ©! ift nämlich ©abminen! &aat," 
manbte fie fidb ju ben ©rängenben, „ber Sritin, bie einft für meinen 
fßtaß beftimmt. ©in unüberroinbtidber 3auber foll barin liegen, ©u 
roeigerft ©idb? SBiUft audb meinem 23efe!jl troßen?" 



Unwilliges ©emurtnel ringsum. $Dtan brängte gegen ihn oor, als 
wolle man ©ewalt anwenben. 2Uwin aber fprang juriicf unb [legte bie 
$anb an’S Sdhioert. 

„©aß Kleiner mich berührt! — 

3cb geb’ mein 2Bort, blutig jebe Sdhmadh ju rächen, bie bem mir an* 
oertrauten fßfanb foU angetEjan werben, unb nicht jum jweiten SJtal fott 
mich bie Königin wortbrüchig nennen. 

SBilber Tumult entftanb, fdfjon blifcten Schwerter aus ber Scheibe. 
®a erhob fidh wie ©rjton 9IefchereS Stimme, ber ptöhticb neben ber 
Königin ftanb. 

„galtet KönigSfrieben! ©u fprichft non Scbmadh, 2tlwin, bie ©einem 
$fanbe brohe, unb fdjmähft batnit nur uns. ^dfj fe^c nur ©w’, wenn bie 
Königin ju fehen beliebt, — barum gieb! — " 

2tlwin faß ilpt haßerfüllt an, eS war, als ob er fiel) auf ben StegungS* 
lofen ftürjen wolle. „SBaS nerftehft benn ®u nom holben grauenbienft?" 
bracf) er los, „mit ber ©rabeSftimme!" ©amt eilte er haftig ju SBiglaf, 
ber bie Stirne runjelte unb unentfdfjloffen bem Auftritt jufaß. 

„3$ barf nicht, mein König, fdßühe mich!" 

©och Won hatte fidh ©njtßo ju SBiglaf gewenbet, unb eine eifente 
Kälte brang ihm non bem Slicfe in baS &erj, ber ihn iefct aus ihren 
Sfogen traf. 2QT baS ftolje Selbftgefühl, bas ihn beglücfte, erftarrte in ihm. 

ÜÄühfam raffte er ben lefcten Steft jufammcn. 

„S^h felbft fteße für jebe Unbill ein, bie ©ir wiberfahren foU, — ber 
■König! ©aS wirb ©ir wohl genügen," erflärte er in feftem ©one. Sefct 
gieb!" 

SCwinS SBiberftanb war gebrodhen. ©aS Sßort beS Königs jwctng 
ihn; fo griff er in bie ©afdße, nahm bie Sodfe heraus. — 

Stodß eimnal jögerte er, bann reichte er fie ber Königin. 

Sie hielt fle hoch, baß 2Hle fie faßen: röthlidhe Siebter fpielten barin. 

„ßdfjteS Sritengolb, fahl unb ftumpf." 

„©rptßo!" warnte SBiglaf. 

©a fdhoß ne auf wie eine getretene Schlange. „Sdhmäh’ i<h berat V 
3m ©egentheil, weil idh es für Schmach hatte, baß nur ber lleinfte ©heil 
oon ihr in ber feßmufcigen ©afdhe eines KnedhteS oerwefe, fo will idh bafür 
forgen, baß 211min fein SBort nidht bricht." 

Unb eße man fidß'S »erfaß, hielt fie bie Sodfe in bie gtamrne, welche 
not ißr auf erjenem Seudhter brannte. 

Sine bläuliche Stamme fprüfjte auf, ßob fi<b tote oon unfidhtbaren 
£änben getragen in bem Staunte, erlofch junt ffunfen, ber langfam bis jur 
©edfe ber §aüe fdhwebte. 

©rft herrfdhte bumpfeS Schweigen, währenb jebeS 2tuge bem feurigen 
Sßünftdßen folgte, bann erhob fidh mißbilligenbeS ©emurmet. 



28 2lnton ^reitjerr oon perfall in Sdjlierfee. 

Üllroin ftanb bleid), bie Sippe beijjenb, bie #änbe ju güwften geballt. 
„Königin! Qdj rath’ eS ©uch feibft, macht mich unfdjäblidj, — mein Blid 
oerroirrt fidj — " 

,,©u fjätteft roenigftenS meine Bürgfchaft einen fotlen, ©njtho," fagte 
©iglaf ftrenge. 

,,.§ab’ idi’S benn nicht getljan? ©aS Sieinfte ift bie flamme, fo flbet; 
gab ich iljr baS foftbare IfJfanb. 3$ bädjte, bie Britin feibft müfjte mir 
banlbar fein. Uitb nun bamit genug beS SdjerjeS, — benn ein Sdierj 
nur ift’S, non einem Äinbe erbad)t, bet unS nicht weiter fümmern fann. 
Safjt (Such baS IDtabl nicht ftören." 

©beit wollte man ihrem Söefeljle gehorchen unb fich jurüct auf bie 
ÜÄähe begeben, als baS &orn beS ©ärfjterS auf bem ©Ijurm tönte. 

MeS horste, ©er lam wohl noch fo fpät? ?lu<h war bie ©eife 
nicht bie beS ©iHfommS. 

Ülefchere war ber ©rfte aht genfter. ©reHer ffeuerfchein fiel herein. 
$e( 5 t würbe man unruhig. ©aS fragen begann, wilbeS ©rängen. 

©iglaf felbfi fprang auf. 

„®aS geuer auf ber ©ifilgaflippc brennt!" melbete 3lef<fjere bem Äönig. 
„©er ganje Fimmel ift geröthet gegen Storben," rief ©iner nom 
$enfier her. 

allgemeine ©rregung entftanb. Schon erfchoffen Stufe „©er ffeinb !" 
„3u ben ©affen!" 

,,©aS wollt 3hr benn!" rief ba jontig ©iglaf. „Soll fein geuer 
brennen, wenn ©iglaf .öoehjeit hält?" 

„©u irrfi, Äönig!" flärte 9lefdjere ihn gelaffen auf. „©ie ©ächter 
an ber Äüfte hüben ftrengen Auftrag, nur wenn ©efaljr in (Sicht, baS 
Reichen ju geben, baS auf ber ©ifilga bilbet ben Sdj(ufj ber geuerfette, 
bie fi<h ber Äüfte entlang bis jur ©renje nach Storben sieht. ©S ift ®e= 
fahr in Sicht, unb ich rathe felbfi — " 

©iglaf oerbrofj bie neue Störung. „Schwärt oon ©efaljr — woher 
benn fo plößlid)? — $at uns wer ben gtieben gefünbigt? spähen wir 
gemanb ben Ärieg erflärt? Dber foll ich mir oielleicht oon ein paar frechen 
Seeräubern baS geft ftören (affen? Sieh’ nach’! Sorg’, baff nicht unnü^e 
2lngft in bie Seute fährt. g<h will mein geft hoben! .Jpörft ©u, 
2lefcf)ere?" 

3n biefem 2lugenblicfc erfdjotl Särm oom £ofe her, bie gugbrüdfe 

raffelte nieber, $uff<hläge ertönten auf bem ^oljwerl, lauter 3 uru f 

9)tan follte nicht lange auf bie Söfung warten. 3 roe i gehamifchte 
Boten ftürmten auf eine ©eife herein, bie t)ö<bfie ©ile oerrieth, unb fiber= 
ftürjten ü<h gegenieitig in rafcher SJtelbung. 

©er ©ine fam oon ber ©ifitgaflippe; bie ganje Äüfte entlang flammten 
bie 3ei<hen, jwötf feien gemelbet, baS swötfte aber brenne auf ber Äüfte 
oon gorelanb. 2llfo fei oon ba ©efaljr su erwarten. 



König tüiglaf. 29 

Der anbere Bote Jam »om Säger braufeen »or ber Stabt. Die 
Söller feteit unruhig unb »erlangten nach ihren Rührern. 

SBilber Dumutt entflanb, man rief ben Knechten um bie SEaffen unb 
brängte jum SluSgang; bocfe äßiglaf, in bem ba§ Seroufetfein gährte, burd) 
ben »orhergegattgenen Sluftritt fcfeon in feinem Slnfefeen gefdjmälert ju fein, 
wollte wenigftenS jefet ben #etm zeigen, unb fteHte fidf felbft unter bie 
Pforte ben ©ilenben entgegen. 

„3# will bocfe fefeen, wer feicr befiehlt. Die furcht treibt 6 udfj, nicht 
ber SJtutfe. Sagt felbfi, wer fotl eS wagen, ohne allen ©runb in mein 
frieblidfe Sanb einjubredben, aufeer einer Sdiaar »on frechen Seeräubern, 
bie ein paar Schiffe leidet ju paaren treibt." 

„König Slethelreb!" rief Slefdfeere. 

©ine Sewegung ging butcfe bie $alle. 3eber hatte ben Stanten auf 
ben Sippen, ©rft wagte man nicht, ihn auSjufpredfeen, jefet ging et »on 
SJtunb ju -Dtunbe. 

Doch ehe Sßiglaf felbfe betroffen erwibern fonnte, erhob ber Sote »on 
ber Difelgallippe feine Stimme. 

„König Sletfeelreb ift tobt, feine Dodjter ©abwine feerrfdfet über 
Britannien, feit jrnei SJtonben fdhon. ©rft geftem braditen maliftfcfee Schiffer 
uns bie Siadhridfet." 

Sßiglaf lachte höhnifch auf. „Siun bift Du jc<jt beruhigt, Slefchere, 
ober fürdhteft Du baS Slonbdfeen, baS Du mir einft fo eifrig jugebacht?" 

©in fernes Staufen »on Stimmen, ein unbeftimntteS ©eraufd) ging 
braufeen bur<h bie Stacht. 

SergebenS bemühte man liefe, bem König ju Siebe feine Sorge 51 t 
»etbergen. 

,,.§errn — ich biit’ Such — ich befehle ©uch — " hcrrfchte Sßiglaf 
in fieberhafter ©rregung, „fdfeauf auf ©uren König." 

Dann ging er auf Drgtfeo ju, bie mit wogenber Stuft, erhobenen 
Hauptes bem Sorgang fcfeweigenb jugefefeen. „Drptfeo, »erjeih’ ben Kleine 
müthigen, ich fdfewöre Dir, fee foHen unfer geft nicht ftören. 3m ©egen* 
tbeil, e« foll ein lufeigeS Siacfefpiel geben. Das Schwert an meiner Seite 
raunt’S mir fdhon lange ju — unb was ich morgen ju ©efangenen mache, 
baS fdhenfe ich Dir }u eigen, mit Stecht über Seben unb Dob, ob Knecht 
ober ©betmann." 

„Db SJiann ober 9Beib?" fügte Drptfeo fragenb feinzu. 

„Unb wenn es bie Sritenlönigin fctber wär'," erflärtc 2ßiglaf, ihre 
fjanb ergreifenb. 

Drptfeo brücfte fee feft unb faf) ihm babei mit einem StuSbrudf in’S 
äuge, ber ihn 9ltleS »ergeffcn machte, was eben ihn bebrüdt. 

Die treuherzige Seforejnife ber SJtutter fprach barauS, unb bo<h wieber 
für ihr ^eiligfeeS ffirdfjtenbe fearte Siebe. Unb »on einem Sturm ber ©e= 



30 


2Intoit ^rci^err von perfall in Sdjlierfee. 


fü^te erfaßt, ießtang er jum erften SM nor aßen ©äßen ben SIrm um 
ihren £alS, baß Re Beibe ein ©anjeS bilbeten. 

„£ört Sitte, «Könnet unb grauen, «Ritter unb Rechte, toie i<ß ©rptbo 
hier umfaffe unb fchmöre fie 51 t lieben, ju fcFtüfeen, fo lange idj atbme, unb 
non ihr bagegen Vertrauen forbere unb feiten ©tauben, fo umfaffe i<b 
grieSlanb unb feßwöre, eS ju lieben unb ju f cbüßen, fo tange ich atbme, 
unb nertange bagegen non ibm Bertrauen unb feiten ©tauben. SBillft ©u’S 
mir gewähren, was i«b nertange, ©rptbo, fo fpriöß ein lautet 3 a." 

„ 3 a!" enoiberte ©rptßo laut unb oemehmtidj, ißr £aupt ju ibm 
erßebenb. 

„SBittß ®u mir’S gewähren, ftrieSlanb!" fpradj SBigtaf ju ben 33er* 
fammelten getnenbet, „fo iprid) ein lautes 3 a!“ 

®a Rogen alte Schwerter aus ben «Scheiben, treusten fi<b blißenb, 
ein begeifterteS „3a" erfd^ott non alten Sippen. 

SR an umbrängte it)n ftütmißb, alte $änbe ftredten fidß ißm entgegen, 
nur Sttwin blieb troßig ferne. 

Unterbeß batte bet Särm braußen, ben man in bet Erregung beS 
SlugenblidS ganj überhört, bereits bie Burg ergriffen, gacfetfdhein brang 
aus bem £of herauf, nenoorrene «Rufe, baS ©efumme erregter SRaffen. 
®abei tobte am «Racßtbimmet eine rothe ©luth, bie ineitbin baS SReer 

beföhlen. — rv pr „ , , 

3j}an tifi btc Stiftet ouf. Stufe ttciÄ) SKc^crc erfd^ouett, ttßQ bctti 


König. 

©in Leiter auf falbem abgetriebenen «Roß brach Heb Baßn. 

£aar nom SBinbe jerjauft hing »irr unter bem 4 ?elm hernor. 
öört Becca, — er fommt nom SReere," riefen Stimmen. 

”«aßt mich 511 m «König, — an ihn hab’ «h 33°tf<f»aft, — rief 

ber Sitte. 

®a etfdhien «SBiglaf am ^enfter. r _ _ 

cva ßabe fein ©eheimniß nor meinem Bott, fprtch offen, » cc ca. 
2Ber bat fi<h erfrecht, biefe heftige Stacht ju Röten? SBoßer fommß ®u, 
33ecca?" 

3<b fomtne non Korben, roo Utto lagert mit feinen Seuten, um 
morgen p uns s« Roßen, ©in «Reiter braute nor einer ©tnnbe bie Stad,, 
rieht, große Schiffe haben Sinter geworfen in ber Bwßt non gwetanb. 
©S wimmelt non KriegSnotf, baS auf ber ©üne friß «et^anjt; offen ge, 
fagt, mein König, ich baeßt’ an Slethetreb, auch ber Schtpbau beutet 
barauf hin, aber bet Bote fagt, baS hat er beftimmt gehört, baß ent SBetb 

ben jefet guigtaf. „®ann will i<ß ®it baS «Rätßfet 

töfen. König Slethetreb ift tobt unb ©abwine Königin non Britannien. 
Becca ftieß einen «Ruf beS ©rftaunenS aus. 

„Berftehft ©u jeßt? ©ie tiolbe ©abwine! 3 reue ©ich boih. 



König EDtglaf. 


3* 

„£err, bie ©adß’ iR emR genug, wenn es 33riten ßnb, emfter nodß, 
wenn fte bie Stadße führt, gleidßoiel ob SCßeib ober -Dlann." 

„borgen hoben mir fie hier, wenn mir nidbt nodßStadßtS matzten. 
— $anft Stefdßere, baß roir’S Wunen." 

„So laß blafen, 2Uter, — id» bin bereit," fd^rie SBiglaf hinunter, 
roarf baS genjter ju unb roanbte itd) roie trunfen jurüd in bie £aHe, in 
ber 3lHe3 ißn umbrängte. 

„jjabt 3^^ gehört? — 4?oR ®u’S gehört, SCrptßo ? ®ie 33ritin 
iji ba, ihre Sodfe einjutöfen. — 3a, Re ift’S, jroeifle nicht baran, unb Re 
fommt mir gerabe recht, in betten fott fie unfre freier fcßmücfen. D, 
foQji etroaS erleben, SErtjtßo, wie ich Re hoffe, — oerachte, bie ©djamlofe, 
bie meiner ©pur wie eine ßifcige ^ünbin folgt. 

. 3a, jeßt entlaß id) ©udj gerne, meine $reunbe, nur rafdß! StüRet 
Sure Hölter, in einer ©tunbe bin idh felbft bei Such, fo brenne idh not 
Segierbe. @he ber SJlorgen graut, Rnb mir auf bem SJtarfdße nadh 
tforelanb." 

3m 9iu leerte Rdh bie £alle. ®er (Sifer beS Königs roirfte nodh 
ftärfer als bie S3eforgniß. Stur Slroin jögerte nodh, in beffen 33ruR bet 
3ont über bie Königin, mit ber £reue gegen feinen greunb unb ßerm 
tämpfte, roäßrenb ©abroineS liebliches 33ilb oor ihm auftaudhte, SBlnmen 
in ber ßanb auf ber SBiefe fdhreitenb. 

„$u nodh hier?" fagte SBiglaf ladhenb, „unb follR bodh ber ©rfte fein, 
baS Siebdßen ju empfangen." 

„Um baS bitte idh eben," entgegnete Sllroin Rnfter, „baß idh ber 6rfte 
fein barf in ber Steiße." 

„®aS ßeifet an meiner ©eite," entgegnete SEßiglaf, „gerne geroährt. 
3d) roiU ißr eine ©dhlinge breßen, bie feRer hält, als $)u Re mir jugebadßt. 
3e§t laß uns allein, Sülroin, in einer ©tunbe fei bereit." 

Klrotu ging. 

Kaum faß Rdh SBtgtaf mit S'rptßo allein, eilte er ftürmifdß auf Re ju. 

„£ätte mir 3emanb oor einer ©tunbe nodh biefen 3luff diub geroeiSs 
tagt, idh hätte ißn töbten Wnnen in meinem 3orn, unb jefct iR mir gerab, 
als müßt' idh laut aufjubeln barüber. 2Ba» bin idß heute ®ir unb 2lHen, 
ber junge SEßiglaf, ber ©oßn eines großen SßaterS, unb morgen fdßon oieU 
leicßt bin idß ber ©ieger, ber Stetter! unb bann, — idß fann’S nicht leugnen, 
Sxtttßo, — nodh etroaS, — baS arme blonbe Kinb, baS idß betrogen, ging 
mir nidßt aus bem Kopf, ber Königin in ©taßl unb ©ifen, bie bie Stach* 
fudßt fdßroellt, ober bie roilbe Regier nadß meinem 33eRß, ber lad»’ ich, — 
unb nur nodß reiner unb liebenSroertßer Reßft SDu oor mir, bie micß oor 
ißr bewahrt." 

SErtRßo Rridß, rote Re gerooßnt, mit beiben 4jänben baS ©elocl juriidC 
aus feiner roeißen ©tirne unb faß ißm in bie Säugen, „©ag’ mir nodß 

Korb unb SSiU). XCTL 286. 3 



32 Litton ^teiljert oon perfall in Sdjlierfee. 

6ütS, SBiglaf, eRe ®u geRR, warum Raff ®u btefen ©ebanfen ftets »or 
mir »erborgen?" 

„SBarum? SBeil id) ®i<R nicht beunruhigen wollte. Slm ©nbe bätteft 
®u nodj geglaubt, ich — nun, ich — machte mir wirtlich ein SBilb baoon 

SllroinS ©dfflberung, — ober bie Code — ober gar, id) fürste tnicR 
»or SletRelreb. SBaS ReRft ®u mich fo an? 0 E)ätt’ id) bocE) aud) je|t 
gefdhwiegen ! gaft fommt es mir »or, als bätteft ®u mehr an fie gebadjt, 
als ich- ©prich bo<b, SCrtjt^o, ®u »erroirrft mich ganj. SJiorgen wirb 
bie ©acRe bo<h enben, wenn fie als ©cfangene »or ®ir ftebt, wenn ich 
©icR felber bitte, deinen $aR in ihrem SBlut ju füllen." 

SBiglafS fibertriebene Hifce wetfte immer mehr böfe StRnung in 
SErtRboS SBruft. 

„S)u irrfi, SBiglaf," fagte fie ruhig, „id> baffe Tie nicht, weil i<b fie nicht 
ffirbhte. ©in SBeib, baS an 9iad>e benft, hot auch int £raum nie geliebt." 

„©eliebt?" fuhr SBiglaf auf. „SLBie fannft S)u nur »on Siebe — 
im £raum — Äinbifdte ©diroärtnerei, weiter nichts! — 3 ur Siebe gehört 
»or 3Wem baS ©effcRt. 9tur ein SBlid beS SlugeS, baS geh’ id) ju, in 
bem bie ©eelen fich begegnen in jwingenber Sympathie unb nimmer laffen, 
unb ftiinb' ber Stob barauf." 

©in ©peerfcRaft ftieR auf ben Stoben auf. SBiglaf wanbte (ich er* 
fdjroden, Slefchere war’S, ber Reh angemelbet. 

„Sterjeib’, baR ich Such ftöre, mein Äönig, aber bie 3eit brangt, unb 
3b* feib noch nidht gerüftet. S)ie Äönigin bleibt boch in ber SBurg?" 

3)aran hatte SBiglaf noch nicht gebacht, er jögerte mit ber Antwort. 

„SBenn ich rathen barf, fo bleibt Re," erflärte 2lefdjere. 

„SllS UeberRüfftge, benER ®u wohl?" entgegnete SCrptRo herb. 

„SBenn es ©ach beliebt, ben ©(Rufe ber S3urg im Stüden überflüfRg 
ju nennen, ©ott geb’S, ich jweiRe baran." 

„®a8 heißt, S)u jweifelft an unferem Sieg über eine SRäuberbanbe, 
bie ein SJtäbdjen führt. S)a8 ftebt ®ir gut an, SlefcRete — " 

„SBeffet jebenfalls als ein Vertrauen, baS hinterher betrügt, ©inb 
wir im offenen gelb gefdjlagen, iR bie SBurg unfer ficherer Hinterhalt." 

„9hm, barauf hin bleib getroft, £rt)tbo," fagte SBiglaf, „am ©nbe 
führ idj’S ja felbR, — einer SBraut jiemt baS Hanbroert nicht; beffer tffs, 
S5u rüfteft baS geft, bis wir »om 3uge mit ber SBeute fommen. — 34 
fontme noch, ®ir Sebewobl ju fagen. — S)u erwarteft mich int £of, 
Stefchere." 

SBiglaf eilte Reh ju rüRen. 

„6r nimmt’S ju leidht," bemerfte SfcfcRere, allein mit StoRRo, „wie 
SllleS, was er tfjut. " 

„SlUeS?" fragte HCrptRo. 

„SllleS! ©3 fehlt ihm an SOtaR unb ©ewicht in allen SMngen, an 
richtiger ©djäfcung." 



K3ntg EDiglaf. 


33 


„Ebenfalls fdäfet er ®i4 ricfitig ein," entgegnete ©njtfeo »etbroffen, 
„all läftiger Slufpajfer. £aft ©u’S tricfjt enbtid) fatt, bal Spiet?" 

„34 benf, el foE erfl beginnen, unb ©u foEft mir banfbar fein." 
„34 ©ir banfbar? SBofiir? 

„3tun, für efertidjen SSeric^t — " 

„Ueber bie ScftMjt? SoE mir fein SBort nid^t genügen?" 

„Stüfjt über bie S4tn4t/ — über — roa8 bann fommt oieEeic^t, — 
über bie erfte Begegnung mit itjr. — ©0 ift nämttd) n>irfli4 bie ®o4ter 
SetfielrebS, bie mit einem &eer getanbet. 34 werbe in feiner niuftften 
3tälje fein, fein Slid wirb mir entgegen — " 

„Sttft ©u toE? Ober ftidf»t ©idj ber 3teib?" fuhr jefet ©rptfeo auf, 
nrie ein S4wert aul ber S4eibe. „6t feafet fie ja, bie }ubringli4e ©ime, 
unb bie erfte Begegnung wirb fein, bafe fte »or if»n, bem Sieger, im 
Staube fniet unb el ni4t roagt, ben Süd ju ttjm ju ergeben. 3efct weifet 
tBu ei im Soraul unb fannft ©ir jebe 3Jtelbung erfparen." 

©rptfeo manbte it4 jornig non ifim ab. 

„Unb wenn ifer Stitf ei bo4 wagte?" fufer 2lef4ere unberoegti4 fort. 
„6r fann 2lfle8 magen, wie 2Uroin erjäfett — " 

©njtfiol ©eftatt fiberlief ein SBeben; ei entging 2lef4ere ni4t. 

„3Jiit jroingenber Spmpatfeie," fefetc er feinju. 

©a judte ©rptfeo jufammen, ofene f'4 }u wenben. 

„©rbärmlüfeer ^ordjer!" ftüfterte fie. 

„3tun bann — bann — wenn ©u f4on in ber 3 Eäfee bift — bann 
— bann töbte fie — " 

@8 roar bal 3tufjif4en einer S4tange. 

©njtfeo manbte Ü4 jäl). „3tein, nicfet ©u, i4 wiE fie tobten, ©lieb 
für ©lieb." 3b r 2fattife roar af4fafet, nur ifere ütugen funfeiten, unb ifjre 
$anb legte fi4 jum erften 3 Me auf bie S4utter 3lef4ere8. 

©ben rooEte er glüdstrunfen unter ber füfeen Saft ft4 beugen, ba 
trat EBiglaf ein, glanjnoE gerüftet, roie ein junger ßrieglgott anjufdjauen. 

3luf bem ftäfelernen $elm fauerte ber ®ra4e Äönig ginnS gotbgetrieben, 
in purpurrot^en galten jpng ber furje SDiantel über bie funfelnbe Sriinne, 
joäfetenb an ben entblöfeten Seinen bal gefl ber Seeotter ben ©rud ber 
Sdpenen feemmte. 3w Sebergürtel aber fpng jierloS in ber rofeen Seher* 
f4eibe ba« S4wert bei Saterl, faft ju ma4tig für ben f4tanfen 
©lieberbau. 

@r ftufete einen 2lugenblid beim Slnbtid ©rptfeol. 

„©rptfeo! So btei4? ®u jitter ft? gur4t? Um mi4 gur4t?" 
6t eilte oor unb fing bie S4wanfenbe in feinem 2lrm auf. 

„#at ©ir geroife ber ginftere ba ben fDiutt) benommen? StWjt bo4, 
la4’ ifen aul. SDtorgen um biefe $eit — tjörft ®u bie j&örner! Sie 
rufen tni4 jum Sieg. 3 um erften fötale! SBeifet ®tt, mal bal feeifet? 
3tur ein liebe! 2Bort gieb mir mit auf ben ffieg." 


3 * 



ilnton ^reißerr pon perfaü in Sdjlierfee. 


3 « 


©rgtbo ßob tJjr .fjaupt, ba« wie ermattet an feiner Srufl lag. 33ittere 
$ersen«notb blidte aus ihren 3lugen. „SBiglaf! Sei ein Ü)tann! 3<h ßa*> 
fein SBort, ba« fiöfjer fteßt. — Sebwoßl! Unb feßre nur al« Sieger jurücf!" 

®a ftußte SBiglaf einen 2 lugenblidf. 

„3tur fagft ©u? — 2 lber wa« forg’ idß benn — " ©r 50 g ne 

ftürmifcß an ficfi unb preßte feine Sippen auf bie ihren. ©amt eilte er 
ßinau«, ohne umjufeßen. 

2 lcidßere f>af<fite vergeben« nadß einem Stidf au« ©rptßo« 2 lugen, bie 
ihr ©efießt oerbüttte, bann folgte er bem $errn. 

©rft als bie SBrücfe fnarrenb fiel, fdßredfte ©rptßo auf unb eilte an 
ba« fünfter, riß es auf. 

Sßigtaf ritt eben über beit £of, jur SRedßten 2 lefdßere, jur Sinfen 
2 lltoin. ÜJUt ftürmifdßem 3 ?uf begrüßte ihn bie bidßtgebrängte 2 Jtenge, über 
beren Raupten ber ©antpf ber fvacfeln 30 g, roährenb er felbft auf feinem 
fdhmarjen &engft, oom grellen ffeuerfeßein untfloffen, frd) au« ber pufferen 
9tadßt hob. 

©rptßo« ©lief hing an ißnt, unb ihr jfjerj bebte rote ba« eine« er* 
fdßredten ffinbe« — wenn er nodß einmal umfaß, mar Slefdfjere ein Sügner. 
@r reitet langfam burdß ben &of, lacht, reidßt bie &anb, ruft bem unb 
jenem ju ooH 3ugenbü6ermutb — unb fleht nidjt um — finbifeße« ^erj A 
halt ftitt. Qeßt öffnet ftd) fdßon ba« Sttußentßor, fdßon büdft er fidß, um 
bem nieberert Sogen auSjuweidßen — unb fleht nießt — ba, mit einem 
9tucf wirft er ben £engft herum unb wenbet fidß im Sattel unb feßwingt 
ben .fjetm ju ißr empor, baß fein blonbe« ©elod im geuerglafl erglüht. 

„Seb’ woßl, STrptho! fDJeine Königin!" tönt e« burdß bie SRadßt, uttfr 
„SBiglaf" tönt e« jubelnb bagegen. „SBiglaf! SJtein ßönig! ÜWein $elbl" 

©a ift ba« teueßtenbe Silb oerfdßwunben. ScßroarjeS Soll brängt 
lärmenb nadß, ber $adclfdßein erlifcßt, fnarrenb feßließt fteß ba« ©b°r. — 
©amt bämmert’« nodß einmal auf hinter ben bunften -Kauern, ein rotßer 
Sdßein, ber 3iuf „dgeil SBiglaf!" fdßroiHt an unb an unb roäljt fidb fort. 

©amt werben bie Säger lebenbig, bie ungesagten flammen im freien 
gelbe. ©in bumpfe« ©rößnen unb Älirren gebt burdß bie SRadßt, erftirbt 
allmäbtidß gegen Slorben, unbeitfdßroangere Stötße umfäumt bie ftüjie, 
bie SBadßtfeuer, welche unt ben £aß eine« jungen Käbdßen« in gtatnmen 
fteßen. — 

©rptßo aber ladßte ju bem Sillen, — er ßat nodß einmal untgefehen, 
— Slefdßere ift ein Sügner, unb fie ein tßöridßte«, glfidfelige« SEBeib. 

III. ©apitel. 

©ie Sanbung be« Sritenßeere« an ber Äüfte non gorelanb mar ungefiört 
oor fidß gegangen, ©ie Uferbeiooßner, bürftige« gifdßeroolf war uor ben 
großen Scßiffen in’« Sanb gefloßen, wa« lag baran, baß ben Jtüften entlang bie 



König IDiglaf. 


35 


<?euerjeidjcn flammten, man l;atte feinen ©runb, fein kommen geheim ju 
galten, fie erfparten nur einen Soten an ben falidjeit KönigSfnaben, ihm 
offene ffehbe ju füttbigen. 

3mifcf)en ben fallen ©üiten mürbe baS Säger aufgefc&lagen. ©aS 
2Eee r batte feit 3af»tjef)nten für 2'3cEe geforgt. £>ier mollte man bie 
Macht abmarteit unb neue 33ölfer,- roetdie ber ÜJtorgen bringen foEte. 

©5 mar eine miibe grühlingSnadjt; gruifdjen bem fernsten ©eroölf 
blifcten grojje «Sterne, trag unb ferner mäljten ftd) bie fdjroarjen 2Bogen 
gegen ben flauen ©tranb, eine meifje ©cfaumlime bilbenb. ©ann unb 
mann ertönte baS 33eHen eittcS ©eefjunbeS non ben Klippen unb Unfein 
ber, ben mof)l bie Sagerfeuer ftörten. 

Qm Uebrigen Ijerrfcbte mufterhafte 9tutje, faum baff baS Klirren einer 
SBaffe, ein forgfältig gebämpfter Mnruf, baS äöiehem eines ißferbeS fie 
unterbrach, gerabe als ob ber ganje Krieg, ber fi<h f»icr bereitete, fidf» ju 
tiefft in ben ©ünenfaitb »erfrochen. ©abei ftarrte es non SBaffen, unb 
jroölfhunbert fhreit^afte -Mannen lagerten um bie geuer. 

©aS eine brannte bidfjt nor bem ©ingange eines 3etteS, ^ a g fc cn 
SKittelpunft ju bilben fd)ien. StuS bunten ©eppidjen mit jierlidien ©d)il' 
bereien in ber Stunbe gefügt, fchüfcten es ringsum fdiroere ißelje, bie nach 
bem ©ingange forgfältig fdjloffen, nor iebern Suftjuge, roäfjrenb ben oberen 
ülbfchlufj eine 2lrt non Krone bitbete, non ber nach aßen ©eiten golbene 
Schnüre liefen. S3on ihm aus hätte man eher auf ein fröhliches geft 
rathen fönnen, wie auf ernften äBaffengang, hätten nicht bie -Männer, 
welche um baS fyeuer am ©ingange fafjen, bem roiberfprochen. 

3hte Stiftungen foroohl, als bie 2lrt, mie Re non Slnberen bebient 
mürben, bie in bampfenben ©traten beifee ©etränfe brachten, liefjen fte 
als Vornehme erfennen. 

©er ©ine, ein ©raubart non mächtigem Körperbau, ber über bem 
^anjer ein fdjneeroeifjeS SärenfeE als KoEer trug, gab ficf ficfitlich SJtülje, 
feine rauhe ©timtne ju bämpfeit. 

„©ag’, maS ©u roiüft, Droain," roanbte er fi<h an feinen Machbarn, 
beffen maflenber Stothbart im geuerfdiein erglühte, ,,id) halt’ bafür, SBeiber 
gehören nicht in’S gelb, fte hemmen nur jebe rafdie ©ntfdfjliefeung unb füEen 
bie Sruit beS KriegerS mit unnüfcer ©orge — " 

„Ober Segeifterung, mie man’S eben fühlt," entgegnete Droain, „jroie* 
fachen SJtuth, befonberS menn baS SBeib, non bem bie Siebe, bie ftänbige 
Mahnung an bie ©darnach ift, bie in ihm ein ganjeS SBolf erlitten — " 

„Unb Königin!" warf ein ©ritter ein. 

„Unb bie £auptfa<he nergefjt 3b r /' mifdite fi<h ein Vierter barein, 
bem Knabenalter faum entmachten, mie jur fröhlichen 3agb gefleibet in 
feinem mit -Mefftngblättchen nerjierten SeberfoEer, eine fleine SDWlfce aus 
Dtterfett, in bem eine -Möoeitfeber ftaf, im Sodenhaar, ein ßüfthom an 
ber ©eite. — 



36 2lnton ^teiltet* pon perfall in Sdjlierfee. 

„®ie lieblichfie, bie fdiöufte atter grauen, beren Stäbe fd>on ©uer 
robeä £>anbroetf abelt — " 

®a fuhr ber SBeifjbart auf. „SRoheS £anbroerf! ®a tjabt gbr’S, 
roenn’3 ©ud) ju roh, fo btexbt botf) ju £aufe. Seim Teufel, mir madjen’a 
fdjon allein. SBet non un« noch eine SUtabnung brauet, an baS, roa§ ge* 
fd&eben, ben fauf ich nid)t tfjeuer. Schaut’ nur bo<h einmal ben gierbengel 
an, roie er buftet! ©efjört fo roa3 in ein Säger? Unb fo ein gelt m it 
allem girlefans bedangen, bas reinfte Siebeäneft, unb bas ©ufcenb SBeiber, 
baä im Säger berumgirrt unb ben Solbaten baS SBtut »erbümtt. — Safet 
mich bocb aus, — roenigftena auf beni Schiffe hätten fie bleiben füllen, 
roie ich »orgefdjlagen." 

„2ßenn fie ben ©eruch nicht »ertragen fönncn unb ba« ©egaufel," 
erroiberte Droain, „roa« roittft ®u madien — " 

„So, ben ©eruch unb ba« ©egaufel fönnen fie nicht »ertragen? 2Bas 
riecht benn ba, um« gaufeit benn ba? ©in Schiff roie eine Surg fo feft 
gebaut, fo luftig — unb morgen — morgen fönnen fie ben Schlachtruf 
nicht »ertragen unb ben Schroertfdilag unb ba« Slut unb bie lobten." 

,,®a« glaub’ ich toieber roeniger," bemerfte Droain, „fo mäbcbenbaft 
fie auch gefinnt ift, ©u »ergibt bie Stäche, Säneurin. ©arin finb fie un£ 
überlegen, bie grauen." 

„®aä ift auch meine 3lnfi<ht," erfärte ber güngling mit ber Dtter* 
müfee felbftberoufit. 

©er 3llte nidte böbnifd) tachenb mit bem Kopf gegen ihn. „Sta, ber 
muff’« ja roiffen, ich aber fage ©u<h," fuhr er bann mit gebämpfter Stimme 
fort, „ich traue ber Stäche nicht. ®a« 2Bort überrafchte fi<herli<h au« 
biefem SJtunbe." 

„2Bie meinft ©u ba«, 'Slneurin?" fragte Droain faft hcrauSforbemb. 

„Sät« nicht mehr — " ba unterbrach er ii<h plöfclich mit einem gome«« 
btid auf ben güngling in ber Dttermüfce, ber fi<h weit »orbeugte, um fein 
SEBort ju »erlieren. „®a fpifct ber Äerl fdEjon roieber bie Dhren, jum 
©eufel, roenn man nicht einmal am geuer mehr offen reben fann, furj 
herauf, trag’« nur hinein, roenn ©u Suft baft, i<h pfeife brauf. geh 
roett’ roa« ghr rooht — " 

„SJtäfiige ©eine Stimme etroa«, Säneurin," roarnte Droain, mit 
einem Slicf auf ba« gelt, hoch er beroirfte nur ba« ©egentheil. 

,,SE3a« ghr roollt, roett’ i<h," fdirie jefet Slneurin »om geuer auf* 
fpringenb, „roenn’« brauf unb bran fömmt, roenn roir ben faubern $erm 
in ben Ätauen hoben, bann reut er fie mit feinem SJUlcbgcficht, aber bann 
hol’ hoch gleich — " ©in fräftiger gluch lag auf feinen Sippen. 

®a öffnete [ich ber gelteingang, ein SJtäbdienfopf fah h £ rauS. 

„Sßerbet ghr enblicb Stube geben! -Keine Herrin fann ja fein Säuge 
jutlfun, unb ift fdjon SKüternadit!" 



KSnig Wiglaf. 


37 


Slneurin lachte auf. „Unb morgen wedt ©uöh »ieQei(f»t ein trompeten; 
ftofe ober gar ber griefenruf. Da pafet einmal auf, Jungfer, ber wirb @ucf> 
gefallen." 

„Shdje! hört ghr: Tie Königin befiehlt’S," herrfdjte baS SBtäbdjen. 
„Teli fott heteinfontmen." 

Ter gunge mit ber Dttermüfce mafe ben alten 3lneurin mit einem 
hodfjmütfeigen Stid unb folgte bem Stufe beS üfiäbden* in baS 3elt. 

©in Raufen glühenber Kohlen am rafdj errichteten ©teinherb erfüllte 
ben heimlichen, mit gellen unb SDtatten auSgepolflerten Staunt mit einem 
fanften rofigen Sicht, unb eS buftete nad) @al6en. 

Sluf einem Ruhebett nabe ber geuerftetle ruhte ßabroine, bie Königin 
ber Sriten. 

girr glacfeShaar fei aufgelöfi ü6er baS fdjwarje Süffelfell, baS fte bedte. 

©in fernerer ©eufjer entrang ftd) ihrer Sruft, als ber güngling ein* 
trat, ftd) tief oemeigenb. 

„Teli, h®be SDtitleib mit mir unb fdiaffe Shthe. Ter Kopf fdjmerjt 
müh i um Serfpringen, unb id) glauöe, ich h a &e gieber! Stur eine ©tunbe 
Stoffe — idj hüte Tidf." 

„D Königin, toenn ghr wüfetet, was baS für ein Soll! Tie rauhe 
Stimme, bie ghr hört ba braufeen, baS ift ber alte Slneurin. ©ag’ idjj 
ihm was, brüllt er mich an, ober »erfpottet mich- D nidit nur mich, — 
ba lag* ja nid)ts baran, aber ©udh — 6ud) felbft — " 

TeliS ©tiiurne Hang ganj weinerlich. 

„Ter gute alte Slneurin mid) oeripotten? TaS glaub' idj nicht," 
meinte bie Königin. 

„3Sa$ fagte er benn?" 

„gdj bring’S gar nicht heraus, — fo — fo fränft’S midj." 

„Komm her, Teli — " 

Ter güngling folgte bem Sefeifl unb trat oor baS Säger. 

,,©o, unb jefet rebe." 

,,©r meint, — (Sott, er ift ja fdfon an bie jtebjig, — er meint, ein 
weibliches ÜBefen gehöre überhaupt nicht in’S Säger. ghr hattet lieber — 
es ift ja empörenb unb nur feinem Sitter ju oerseihen, — gf)t hättet 
lieber $u $aufe bleiben fotten — " 

Teli wartete oergebenS auf einen @ntrüftungSaus6rudj, bie Königin 
feufjte nur fdhwer auf. 

,,©r hat ja Stcdjt," fagte fie bann, mit (ich felbft fcfemotlenb, „ganj Siecfet." 

„Königin!" 

„9hm ja, roaS foll ich beim ba? gm Sßege ftefjen? Sin einmal 
nicht für ben Krieg geboren. SBoHt’ auch nicht. Twain allein ift fd^utb." 

„Unb bie ©chmach, bie man @ud) angetfjan?" fragte Teli. 

„StHerbingS, baS ift wahr! — Unerhörte ©dmtadj! Unb, warum 
frag’ idh nur immer? SBarum? TaS madht midh ganj franf." 



38 


Zlnton ^reiften: pon perfall in Sdjlierfee. 


©abroine famen immer bie ©Rrcinen, roenn ixe baoon fpracR. „2Iber 
bafür Rabe idR ja meine getbRerren, meine ©oibaten, mein ganges 33olf, 
baS für midR fäntpft. ®aS rnuftt ®u bod) etnfeEjen, ©eli — " 

„Unb ©ure perfönlidie SladRe, Königin? ©elüftet eS ©ucR benn nidRt, 
bein jreoler gegenüber gu fteRen, iRn gittern gu feRen oor feinem UrtReil?" 

„3a, ba fiaft ©u Siedet, baS mar ei audR, roaS mich bcftimmte, iRn 
oor mir gu feRen, iRm tn’S ©efidftt gu fragen, mag Rab’ idE) ®ir benn ge= 
tRan, ®u, — ®u ©raufanier — ®u ©ntfefglidRer — baft ®u midR fo 
Raffeft? Unb bann, ©eli — fie, — Re gu feiert — " 

©abroine Ratte bie ©ede gurüdgefcRtagen unb Ratte fidR aufrecRt ge- 
fefct. 3ft* ©eRcRt mar jeftt tief gerötRet, unb bie fünften äugen btiRten. 

„©iefeS fdRamlofe Sßeib, baS iRn oerfüRrt gu SßortbrudR unb SBerratR. 
D, roenn idj baran benfe, freue icR midR, baft idR Rier bin, bann fann idR 
ben ®ag nidRt erwarten. 2öie Re getagt Raben wirb über micft! Ueber 
bie oerliebte SRärrin, bie iRm eine Sode als SiebeSpfanb fdRidt, — biefeS 
roRe ©dRtäcRterroeib, unter &nlbroilben aufgeroacRfen, unb er, ein Halbgott 
gegen Re, ein RoRer ©eift, — ein — " 

„2lber ein roortbriicRiger ©dRuft," roanbte ©eli Reftig ein, faft bie 
fdRulbige ©RrfurdRt oergeffenb. 

„9iein, baS ift er nidRt, gereift nidRt, ©eli, — roaS fann fo ein Sßeib 
uidRt M ei aus einem unerfaRrenen QüngUng madRen, unb bet grimmige 
98ater, ber iRn groang. ©cftroadR ift er, unb barin Hegt feine ©dRulb. 
SKber ©u geRft gu roeit, — baS roiti idR nidRt — " 

„&m," madRte ©eli unb fraute fidR baS ^»aar, „bann roirb ei fdRon 
fo fommen, roie 2lneurin eben gemeint." 

„9Zun, roaS meinte er benn?" 

„®aft eS ©idR reut, roenn man iRn oor ©ein 2lngeftdRt bringt." 
„9?eut? 2Bie meint er bas?" fragte ©abroine ftuRig. 

„3Rn gu tobten, natürlidR." 

„©öbten?" ©abroine fuRr jäR oom Säger auf, iRre $aare gurüd* 
fdRleubernb. „3dR foU iRn tobten?" 

„^ebenfalls fein UrtReii fpredRen." 

„©ein ©obeSurtReil — iRm fpredRen?" ®ie blauen Stugen bHdften 
groft, baS RödRfte ©ntfefcen fpannte jeben 3» l 0 beS fdRönen StntiifteS. 

©eüs £aft gegen ben gremben roat augenblidiidR fo angefdRroolIen, 
baft er fein fDlitleib mit ber angebeteten ßerrin füRlte. 

„3dR groeiRe nidRt, baft eS baS gange £eer oerlangen roirb — " 
„©ein 93lut?" 

„©oldRe ©dRtnadR, einer Königin angetRan, — fann nur Slut 
tilgen — " 

„3a, idR roeift, baS ift fo ©efeft," entgegnete ©abroine oerroirrt, „aber 
eS roirb ja oRneRin SBlut Rieften, — baS muft bodR genügen — " 



König IDiglaf. 39 

„Unb er fott frei auSgeben für feinen fyreoel ? DaS fönnt 3pr nicht 
wollen, hohe fyrau — " 

„DaS nic^t, geroip nicht. D iä) will mit ihm fcftoit ins ©eridht geben. 
9Cuf ben Knien fott er mir Stbbitte thun. &art will idfj fein, rote noch 
einmal ein ÜJiann. Berböhnen roiH idh it)n tor bent ganjen $eere, — 
SltteS — SItleS, terlaffe Didh barauf. Keine Sdbtnad) roiH i<h i^m erfparen, 
nur nicht töbten roitt ich i^rt, Deli — " 

„Siun beruhigt ©udp, Königin, wenn er Slneurin in ber SchlndR be- 
gegnet, bleibt ©udj ber Schritt er f patt, unb er roirb ihm begeguen, terlapt 
©u<h barauf. 2 Bie id& fyött, roirb tor (Sonnenaufgang aufgebrochen gegen 
bie ginnburg. ffünffjunbcrt SJtann bleiben 31 t ©urem Scbup im Säger, 
jroei tollbemannte Schiffe, bie nach uns abgefegett, roerben beute Stacht 
weiter füblidh iln* Sttannfdhaft tanben, um ben $einb, wenn er uns entgegen* 
jieht, im SRücfen ju faffen, anbernfatts mit uns 3 U geineinfamen Angriff 
fi<b ju tereinigen. So iji ber ißlan gemacht, ober höbt 3h r anbere 
®eifung?" 

©abroine hotte ihm nur mit holbem Dpte jugeT>ört. 

„3<h? 2BaS nerfteh’ ich benn baoon!" erroiberte fte ärgerlich. Dann 
faßte fie fidE» rafd&. „Ober ja, ich bin bamit einterßanben, tollfommen. 
SRelbe baS, unb Iap’ midh allein 

Deli 30 g R<h mit ebrfurdhtSoollet Bewegung surücf. 

„Bleibft Du ober jiehfi Du mit?" fragte ©abroine in bem 
Slugenblicf, als er baS 3dt neriaffen wollte. 

„3$ ßeh e tot befonberen Dienft ber Königin," entgegnete Deli, „aber 
wenn 3br anberS befehlt — " 

„ 3 <h frage bodh nur." ©abroine ftampfte mit bem 3 upe. 

2llS bie galten beS 3 e l * e3 ßd> hinter Deli fd^toffen, fefcte fie Rd; aufs 
Säger unb ftarrte auf ben 23oben. 

„D er hat ja Siecht," roaS roiH ich benn hier ? „Stäche bie (Schmach!" 
waren bie lefeten Sßorte beS fterbenben BaterS. Unb ben einfamen 
Sinter biaburdfj wudjS ber &dp, bis er 3 um unerträglichen S<hnter 3 
würbe, ber Dag unb Sladjt ba brinnen wühlte, unb immer roieber ftanb 
fein Bilb tor mir unb ftadjelte ihn non Steuern auf. Unb Droain unb 
ber alte Slneurin, befcten unb hübten. Unbefriebigte Stäche tobte mit ber 
3eit, fagten Re. Schon weifen Dir bie SBangen, thue es Deiner bolben 
Sugenb ju Sieb unb räche SDidh- 3a Ketten fott er not Dir fnien, bann 
biß Du geheilt; aber tont Döbten fpradfjen Re nicht. 

3n Ketten fott er tor Dir fnieen, unb roaS bann — roaS bann? 
3hm Sanb unb Krone nehmen? 2BaS füminert mich fein Sanb unb feine 
Krone? 6 r roirb ihrer lachen unb mit bem geliebten SBeibe roeiter 3 iehen, 
Reh eine neue ju erfämpfen. 3ha gefangen mit nach Britannien führen? 
Dag für Dag in baS terhapte Slntlip fchauen? 3 u l e bt hat Deli bodh 



^0 2Xnton ^Jreifjerr t>on perfall in Sdflterfee. 

Stedfjt. 9lm Befielt roär’S, es erfpart mir ©in er bie fernere äßahl, für ihn 
unb für mich- 

Slneurin märe ber SRann, ®eli fiat Stecht Gr wirb fiel) roie ein 

jorniget SSBolf an feine gerfen f)eften unb nic^t ruhen " SGBenn fte 

felbft noch mit ifjm fptäc^e, — bann ift er oerloren, ber fd&öne Harfner! 

Gabroine trat ju bem ©ingang be3 Qfiff nadh ber Setfe, ba 

fufjr fie mit einem SluffdEirei jurüdf. Slneurin trat ein, als habe er ihre 
©ebanfen erratben. @3 mar ihr, als fäfje fte 33lut an feiner £anb, bie 
ftclj ehrfurdfitSnoU auf bie breite Stuft fegte. — 

„SBaS führt ®idj noch ^ier^er?" fragte fte barfct). 

„3ltIeS ift jum ülufbrucf) bereit, ich ermatte Seine Sefef)te." 

„3dfi badete erft um Sonnenaufgang." 

„Sie Schiffe, roeldhe mir erroarten, h a f> en bereits bas fjeuerjeidhen 
gegeben, fie roerben uns ber flüfte entlang folgen. 2Benn mir jefct auf* 
brechen, hoffe idh, bem fyeinb auf offener $aibe bie Stirne bieten ju 
fönnen, mäbrenb unfere greunbe ihn non ber See her im JRüdfen f affen. 

„©laubft Su, bafj 5tönig Sßiglaf felbft — ?" fragte Gabroine. 

„Gr rcoHte heute SOtoroen feine £iodhjeit mit STrtjtho feiern, melben bie 
Äunbfdhafter. 3<h rechne, baff bie unroillfommene Störung ihn hifeifl 
madht — " 

Gabroine judfte jufammen unb bifj ftdh auf bie Sippen. „Sorgt nach 
9Jtöglid&feit bafür, — baff er — " Gabroine ftodfte. 

„Sebenbig in unfere $änbe fällt," ergänjte SIneurin, „idh nerfteh 
©udf) roohl." : 

Gabroine athmete auf, — ein ganj anbereS SBort lag fdhon auf 
ihren Sippen, ber Slutige not ihr ^at eS roiber feinen ^Bitten in’S ©egen* ; 
theil nerfehrt, baS roar ein SBinf non Oben. \ 

„SaS ift mein SBiHe, 2lneurin!" fagte fie, mit SRüfie ihre IRuIje 
roahrenb. \ 

„Sonft nodfj einen Sefeht, Königin?" 

„Stein, tafet bie 3eW&*u ßcben!" SIneurin roar entlaffen. 

Gabroine fanf auf ihr Säger, ermattet non bem Stampf, ben fte 
eben geführt. 

Sie Körner ertönten bumpf, ein unbeftimmteS brohenbeS ©eräufdh 
ging burdh bie Stacht, nur bann unb roann roieherte ein ißferb, ober ftieff Gifen 
aufeinanber, bann rourbe es plöfctich tobtenftill, nur bie Sranbung raufdhte. 

Gabroine athmete erleidhtert auf, hüllte ftdh tu bie fchroarje Süffelbecfe 
unb ftredfte bie ntüben ©lieber. !f?efct roar fte bodfj froh, bafj fte mitgejogen. 

Sor bem 3elte fafj Seli allein, in eine Särenbedte gehüllt, unb träumte 
nor fidh hiu non bem großen Shoren, ber bie fdhneeroeifje §anb feiner 
Herrin oerfdhmäht, bie nur mit bem Saume feines SfermelS ju ftreifen, 
ihm höchftc SBonne roar. 


SBojt ber ginnburg nach Storben behüte ficE) ftacfjeä SRorafttanb, welches 
I»in unb roieber jum Stölauf beS SBBaffcrd mit Meinen ©räben »erfehen mar. 

SDtitten bur<h führte eine fefte ßeerftrafee, tinfs unb rechts burch einen 
Tamm gefd&üfet; fobalb fie baS fumpftge Thal »erliefe, »ertor fte flc^ in 
welliges, »on fpärlicfjem Kiefemwalb bebecEteS ßaibelatib. 

Tiefe ©trafee jogen König SBiglafS .§o<hjeitSgäfte, fo auSgelaffen 
Reiter, als gelte eS nur ein 2Baffenfpiet jur Sßürje beS morgigen gefleS; 
nur Steigere unb Secca, bie »orauSritten, blieben ernft unb ftumm. 

©ie waren nicht einig geworben über bett HngriffSplan. Steigere war 
eS, ber jum fofortigen 2lufbrudj brängte. ©S jieme fidEj nicht, ^odjjeit ju 
halten, ehe ber gfeinb aus bem Sanb, anberfeitS falle eS fcijmer, bie 33ölfer 
ju halten, bie ein günftiger 3ufall iefct jufammengeführt, fo fei eS baS 
Stoffe, bie Stacht noch baS ÜJfoor hinter fidEj ju bringen unb bei ben Kiefern* 
hügeln bem fjeinb bie ©djtadjt }u bieten, ber bei Tagesanbruch wohl 
felbft fi<h beeilen werbe, bie günftige ©tellung einjunefemen. 

Stocca hingegen, weniger ju»erfibhtlicfe, fürchtete baS -Dtoor im dürfen, 
im galle einer SWieberlage; auch hielt er ben $alt nicht auSgefchloffen, bafe 
man ju fpät fomtnen fönnte jur Stofefcung ber Kiefernhügel, was folle bann 
mit bem £eer gefdhefeen auf enger £eerftrafee, jwifefeen ben ©ümpfen eingefeilt. 

Sefdjere fetste feinen SEßiHen burch- Sßiglaf felbft, begierig, mit einem 
©chlage MeS ju beenben, mar bieSntal auf feiner ©eite. 

9Jtan hatte noch eine SDteile im fDloor, unb fefjon geigten fidh purpurne 
langgeflredfte ©treifen im fdhmeren bläulichen ©emölf, unb lintS unb rechts 
würben bie erjlen ©timmen laut im SDtoor; grofee Dteiher ftridhen flagenb 
auf, ©ntenfehmärme fauften burch bie Suft, in ben ©dhilffpifeen glühten 
fdhon rothe Siebter. Ta brängte Stefdfjere. 

Tie gülfrer eilten bie enblofe Sinte hin unb her wie Wirten, weldhe 
bie 4?eerbe treiben. 

©nblich traten bie Kiefernhügel aus bem Tämmer. Tie rotben 
©tämme leuchteten wie im fyeuer glühenb, währenb baS fefewarje Stabet 
wert wie eine unglücfSfchwangere SEolfe barüber lag. 

Ter Stoben auf ber ©eite ber ©trafee war fehl bereits feft genug, 
jur Stoff) ein ißferb ju tragen, fo tiefe Stefdfiere eine Steiterabtljeilung aus* 
fdhnjätmen, um bie $ügel ju erfunben, unb hielt unterbefe baS $ufe= 
»olf jurücf. 

©ie famen mit ber SDtelbung jurücf, bafe fein geinb ju fehen. 9tun 
ging es ftegeSbewufet im ©turmfehritt »orwärts. ©tanb er nicht auf ben 
bügeln, fo war er im offenen ^Bereich ber hinter ihnen liegenben fanbigen 
Tüne ein ftchereS Dpfer. 

TaS ©emölf hatte fidh jertheitt, glorreich jog ber Tag herauf. Storeits 
hatte bie Storhut, feften Stoben faffenb, ben engen SBeg »erlaffen unb näherte 
fidh, König SBigtaf an ber ©pifce, bem Kiefernmalb. Ta war eS, als ob 



^ 2 JJnton ^teitjerr t>on petfall in S<^Iiecfee. 

biefer felbft fid in Setoegung fefete. ©in roilber ©drei aus taufenb 
©tanneSfeljlen madte bie Suft erbeben. ©3 raufdjte unb braufte unter bem 
©türm bet ©dritte, unb roie ein Ungeroitter brad; eS beroor ouS bent 
SBalbe mit uernidjtenber äßudjt, hinter jebem Saum, mie aus ber ©rbe 
Ijeroor, non allen ©eiten büfcte ©ifen. 

©afd marf fid 3ltioin mit einer ©djaar oor ben König, ben erften 
Angriff erroartenb, verbinberte jebod boburd für bie Jtadfonunenben ben 
Sormarfd auf ber engen Straffe; ein roilbeS ©rüden unb ©rängen begann, 
baS ben ©tann nerroirrte, ben 2infd>ein ber ©efafjr cergröfjerte; unb fdon 
begann porn ber Kampf, ohne bafe ibn bie 9tüdipärt3ftel)enben überfein 
fonnten; nur SeccaS &eint mit ben Slblerflügeln ragte über SlUe, unb mo 
er auftaudtc, tuar’S, als ob ber. Kampf fid) fteHte. 3roeimal mar eS dm 
fdon gelungen, ben §einb bis an ben ©anb beS SBalbeS jutüdjubrängen 
unb baburdj feinen Seuten ©aum pr ©ntroidlung p fdaffen, aber immer 
oon ©euem brad er mit frifden Kräften fjeroor. 

©in SBeijjbart im meinen SärenfoHer auf fdneeroeijjem ©off, mie baS 
©efpenft beS Krieges fetber anjufdjauen, mar bie ©eete beS Angriffes, unb 
Secca entging es nidt, baff fidj fein ganjeS Slugenmerf auf ben König 
ridtete, — oon einer auSeriefenen ©cbaar umgeben, bie rooljt feine 2lbfidt 
fannte, trieb er fid mie einen Keil in bie ©taffen, bie fid um SBigtaf 
fdaarten. $n biefem aber mar ber (Seift $inn3 erroadt, eine tobernbe 
Kampfluft ging oon dm aus, bie auf $eben mirfte. ©ein Stntlife ftrablte, 
fein ©tunb jaudjte, unb fein ©dmert fud)te gierig ben geinb, nur oerbrog 
eS ifm, baff feine eigenen Seute dm nidit ©aum ließen, oorpbringen, ben 
SBeißbart p erreiden, ber ibm troßig ©dntäfiungen jurief. 

©a mar eS oor Sitten Slefdere, ber fid oorbrängte, dn mie ein Kinb 
beljanbelte, in SBafjrljeit aber dnt ben ©ufgn nidt gönnte oor ©rt)tf)o, 
fagte er nd iu feinem Ämtern. 

©abei füllte er ben langfamen ©rud ber ©taffen, bie dn fönnlid 
umfiammert hielten nad rüdroärtS. — 

©a fpornte er mit einem ©ud feinen £>engft, baß biefer um fid 
fdlagenb ©aum fdaffte. ©er SBciße, feine 2lbfid)t merfenb, tljat baS 
©leide, unb mitten in ber tobenben ©taffe, bie im engen ©ebränge fid 
felbft am Kampf tjinberte, ftanben fid bie Seiben gegenüber, einen Slugen* 
blid fid meffenb. 

So jmingenb mar ber 2lnblid, baß ringsum plöfclid ber Kampf jum 
Stegen fam; bann begann ein roilber ©eigen, ein 3lufroärtsfteigen jroeier 
fßferbeleiber, mieber ©üdroärtsfinfen, ©üfmermifden , ©dmettblifc unb 
flingenber ©dtag, Sluffdrei oon ©tenfd unb ©hier, ein Knirfden unb 
©däumen. ©o unlösbar mar bie Serfdlingung beS Kampfes, baß an 
ein £ilfeteiften beiberfeits nidt ju benfen mar, bafür oerbiß man fid/ 
oon ber SButl) ber Herren angeftedt, gegenfeitig mie SBolfSljunbe. — 



König HHglaf. ^3 

®a ging ein marferfdhütternber Sdfjrei irgenbroo au«: „©er Äönig ! 
©er Äönig!" — 

SBiglaf roanffe fdhroertlo« im (Sattei, bie gauft SHneurin« griff nach 
ihm, ba plöfcHdh mar ber Sattel teer, ber Äönig roie im SBirbel »er* 
fcf)nmnben. 

Sttroin hatte ihn, unterftüfct non fräftigen Rauften, hetauSgeriffen. 

3lebodh bie 3tüdroärt«beroegung, oerbunben mit ber rafdfj )idf> oer= 
breitenben Äunbe be« ©efdfiehenen, mirfte oerhängniffooll. ®ie Siachhut, 
bie ftdh in bem engen SBege nod(j nicht entroideln tonnte, mürbe oont ©amme 
gebrängt, ba« 93ilb ber Sluflöfung, roelche« baburd) entftanb, oemidjtete ben 
lefcten Steft non SBertrauen, fjaMoä ergof? fid^ SlDieS red^ts unb linl« in 
ba« weiche ÜJtoor, unb hinterher brängte Sitteurin roie ein SBibber in bie 
geopferten 2)iaffen. 

©« roar 2tlroin gelungen, SBiglaf, bem bie redete Schulter burdf» einen 
S|roertfd^lag gelähmt, in einen anberen Sattei ju bringen. ©« blieb ihm 
nicht« roie eilige $tud)t über ben ©ammroeg jurüd, roährenb ba« §tex, non 
bem nadEibrängenben- ffeinb in ba« SJtoor gefprengt, feiner nöüigen 93er= 
nidhtung entgegenging. 

SJtitten burdj bie SBernichtung linf« unb redfit«, begleitet non bem 
©obeSfcfjrei ber gaüenben ober ©rtrinfenben, bem Saud^en ber Sieger, 
ftünnte SBiglaf bafjin, non Sllroin müiifam in bem Sattel gehalten. 

hinter ihnen hielt 33ecca nnb Slefcfiere nodh immer bem geinbe Stanb. 

Sllroin trieb jur ©ile, bodh SBiglaf fühlte fidh unfähig, fid£) im Sattel 
jn halten. 

Sßlöfclidh fdhrooll ber Äampflärm im Studien ber fttüdfjtigen bebenflidh 
an. Sfrgenb etwa« SBerhängnifjoolIe« tiatte fid^ ereignet. 

SUroin blidte um unb fah e«. ©er SBeijje hatte fidfj burdhgerungen 
unb jagte nun roie ber ©lob felbft auf bem ©ammroeg hinterher. ©a 
gab e« nur nodh eine Stettung, mit rafdjem ©riff padte er SBiglaf unb 
ri& ben ©albbetäubten ju fidh auf feinen Sattel, ©in toller Stitt begann, 
©er ©ammroeg erbitterte, immer näher fam hinter ihm ber Schall ber 
ftufe. Stoch taufenb Schritt, unb ber ©ammroeg roar ju ©nbe, ba fonnte 
er SBiglaf ju ©oben taffen unb jur Stoth ben Äantpf mit bem SBerfotger 
aufnehmen. 

©a taudhte im bichten SDtorgennebel eine fdjroarje ÜJtaffe auf. Sie 
fdhien fidh Ihm entgegen ju roäljen, in bie ©liefe ju roadhfen, ein ©eräufdj 
ging oon ihr au«, ba« ihn jauchjen madhte. 

SBon Steuern fpornte er fein Stoff, SBaffen blifcten auf. ©ntfafc non 
ber ginnburg, lein 3 roe >f e l/ unb ber roabmmnige Steiter hinter ihm reitet 
in ben ©ob. 

®a§ Sßferb ädhjte unter feiner hoppelten Saft, nur nodh eine SJtinute 
halte au«! 



21 n t o tt Freiherr oon pcrfall in Sdjlierfee. 


„©er König! Stettet beit König!" rief er iit fieberhafter Grregung. 

©djallenber ©ä)(a<htruf antwortete, ber fein SBIut erftarren machte, e8 
war nicht ber ^riefen 9tuf. Speere fentten ft<h ihm entgegen, ba8 Stofe 
bäumte fidfe auf, roeigerte fi<h weiter ju gehen, bann mar er in einem utt* 
benlbaren 9lugenblid non Kriegern umringt, unb al8 ob er ftch bie ©eute 
nicht entreifeen laffen wollte, jagte ber furchtbare Sßeifee an feine ©eite, bie 
$anb auf feine ©djulter legenb. 

„®afe Keiner ihn berührt, er h at ben König im ©attell" fchrie 
er laut. 

SBehren war SBahnfiitn. — ©in bichter #aufe wäljte ftch heran, 
©le ©efafeung ber beiben ©duffe, bie 9lneurin bie Küfte abmärt« gefenbet. 

©he er ftch befamt, war SSÜmin non feinem König, ber bemufetlo« am 
©oben lag, getrennt unb gefeffelt. ©ann ging e8, nach Slneurin« SBefcEjt, 
mit bem ©efangenen midier ben ©ammweg juntd, um ben unterbefe nöllig 
beftegten ober in ba8 3Woor gebrängten Briefen ben Steft ju geben. 

©idjter Stebel war eingefallen, ber jebe 9lu8ftdjt hemmte, ©er Kampf* 
lärm war uerfhintmt. 

©er ©ag war entfehieben, 9Uwüt8 lefete Hoffnung, bafe ©ecca ftch 
gehalten, nernichtet. 

©or bem Kiefernmalb, ba, wo ber ©amntweg in ba8 SMoor münbete, 
tagen bie Seichen ber Sßaffenbrüber in wirren Raufen, währenb weit 
braufeen im ÜJtoor unb bem SJteere ;u ber tefete Kampflärm aus bem 
Stebelmeer fdhott, ber ©obeSfdjrei ber ©erfprengten, ber ^ubet ber ©ieger. 

Slneurin fanb feine Arbeit mehr. 

911min fah nur mehr, wie jroei Krieger ben ohnmächtigen König auf 
ben $engft be8 SBeifeen hoben unb biefer bann in coUfter $aft im Stebel 
oerfdjwanb. 

©rosige Krieg«Iieber fingenb, bie ©efangenen feöljnenb, jog ber $aufe 
ihm nach, bem Säger ber Königin ju. 

2Ba8 mar für 9llmin all ber ßolpt, all ber bittere ©cbmerj um fein ©oll, 
all’ bie 9lngfi um feinen $errn, gegen bie ©egegnung, bie feiner wartete. 

(@$lu6 foCat.) 


(Ein moberner Jraumlob. 

Peter 2Htenberg. 

Port 

jd&arfmiHan £>ttatft. 

— IDürjburg. — 

ift nidbt gerabe ein erbaulidbel ©efdbäft, oon 3eit ju 3eit Um* 

fdbau ju Ratten unter beit neuen Sängern, bie im beutfdben 

®idbtertoatbe if»re Stimme ergeben unb bie ifenen eben getoadb* 
Jenen Gebern fpreijen. ®enn fetten hört man aul bem monotonen ©e= 
jwitfdber einen eigenen f£on heraus, meift finb el attbefannte ÜBeifen, bie 
fte nadbpiepfen, unb bie Stebrjabt unter ihnen trägt bie färben, bie gerabc 
fJtobe finb, ober, mal nodb betrübenber, bie Stöbe oon geftem. 

2)a taufet man benn freubig erftaunt, wenn einmal einer fommt, 
ber fein eigen Sieblein fingt nadb eigener SBeife, ber nidbt nacbempftnbet 
unb nidbt nad^betet, ber ju fefien oermag mit eigenen Sfogen unb ju fagen 
weife, roal er gefeben unb wie er el gefeben. 6in foldber aber ift 

tßeter Stttenberg. „2Bie idb e$ fefee" war fein erfleS 33ucfe, mit bem 

er in bie Deffentlidbfeit trat, unb oon bem foeben bei S. gifcber in Stettin 
bie britte Sluftage erfdbeint. SHe britte Stuftage innerhalb oier Saferen — 
bies roill bei ber ©genart bei ©idfeterl etwa! fagen, benn er ift fein 
lanbläujtget Unterfealtunglpoet, ber bie Sefetuft ber großen Stenge ju 
befriebigen weife. 6t roenbet ftdb oielmebr an ein aulertefenel fßubtifum, 
baä roittenl ift, ftdfe in ihn feineinjutefen, ftdfe feiner ju bemädbtigen burdb 
liebeoollel Sterfenfen in feine ’&idfeturtgen. 2Bem biel aber gelungen, ben 
lohnt er burdb eineu ©inbticf in bie heitere fdböne SBett, bie er in fub trägt, 
eine 2Bett »oller fjarbenpradfet, oott herrlicher ©eftalten unb erbabenfter 
Harmonien. 



46 


IHajimtlian Strad in EDü^burg. 


„2öie icf) eS febe" war ein Programm, ©er ©idjter trat bamit 
t>or uns t)in als eine Fnbinibualität, als ©iner, ber felber gebt unb baS, 
raaS er fieijt uns fd)itbert, rote er ei fieht, mit einem SBorte, als „felber 
Giner". Qi ift nun eine trübfetige ©a<be, roenn ein Buch ni<f)t hält, roaS 
ber ©itel, ber uns anjieljt, ber uns im Voraus mit Fntereffe für ben 
Inhalt erfüllt, uerfprodjjen batte. ©ieS roar bei bem GrftlingSroerfe unfereS 
ÜlutorS feineSroegS ber Jall. ©leid), nad)bein roir bie erften Blätter ge* 
lefen, uns an einige 2Bunberli<bleiten ber ©iction geroöbnt, merften roir 
mit ©enugtfjuung, baß ber 2lutor uns feine 3lugen eingefefct, unb baff roir 
nun ©inge roabrnabmen, non benen roir normet nichts geahnt, ober baß 
roir altbelannte unb längft nevtraute ©egenftänbe non einer gang neuen 
©eite erblichen, in eine gang eigenartige Beleuchtung gerüdt fanben. Fn 
einer 3ieif)e non ©figgen fatjen roir baS ©reiben einer ©roßftabt an unS 
»orüberraufdben, baS bewegte Seben eines fafbionablen fdjroeiger Kurortes 
ficb nor uns abfpielen; baS gebeimnißuolle SBebcn in gelb unb Berg unb 
SBiefe unb 25?alb nahm unfere ©inne, bie mannigfachen Errungen unb 

Kämpfe ber 9)ienf^enfeele nabmen unfer £erg gefangen. Unb in biefer 
Form ber ©arftellung, in bet ©figge, geigte fid) ißeter Stltenberg gleidj 
in biefem feinem GrftlingSroerfe als ein ÜMfter. Bei ber Begeidjnung 
©Eigge bürfeit roir feboeb nicht an bie lanbläuftge Bebeutung biefeS SBorteS 
benfen. ©S ift nicht bie ©fijge beS ÜtomanfdjriftftetlerS ober ©ramenbidbterS, 
bie biefer in wenigen ©tunben aufs ißapier wirft, um ben Borrourf, ber 
ficb ibnt gerabe aufbräugte, fejtgu halten unb nachher in einem größeren 
SBSerfe in langer emfiger Arbeit auSjufül)ren; no<b weniger ift es bie ©figge 
beS ©ageSfdbtiftfieHerS, bie „unter bem ©trieb" im Feuilleton ber Leitung 
bem Sefer eine Biertelfiunbe angenehmer Unterhaltung bereiten fott. 

Btancbe Autoren fammetn biefe ©figgen, reiben ne roillfürlid) aneinanber 
unb geben baS fo ©efebaffene unter einem mehr ober weniger podenben 
©itel heraus. -Rein, mit foldjen ©figgen hoben roir es bei Slltenberg nicht 
gu tbun. ©eine ©figgen »ielmebr finb Kunftroerfe, peinlich fauber aus* 

geführt, correct in ber 3eidjnung, »oder ©timmungSjauber, »oll reiebften 
FbeengebalteS. Unb fie finb ade ©heile eines ©angen, roie bie ©teineben 
eines SJlofaifbilbeS, febeS roertb»oH an unb für fid» unb bebeutungSnott für 
baS gange Bilb. ©iefeS Bilb a6er ift bie $nnenroett beS ©idjterS, er 

felber bie $auptperfon ber meiften biefer ©figgen. 

2ludb fein groeiteS SBerE „3lfbantee", war eine ©figgenreilje. SUS »or 
etlichen Fahren bie 2lfcbanti=©ruppe bureb bie großen ©täbte ©uropoS jog 
unb aud) nach 2Bien fant, ba roar unfer ©idjter einer ihrer eiftigflen Be* 
fucher. Unroiberftehlidb fühlte er ficb t>on biefen 9taturfinbem angegogen, 
unb fein ißoetenauge roar entgücft »on ber ©rajie unb älnmutfj ber dJtäbdjen. 
Gin neuer 9?onffeau pries er bie Einfachheit unb innere Bornehntheit biefer 
Bienfdbeit, beobachtete fie im Bericht mit ber fie roie roilbe ©biete be* 
gaffenben Btenge, bie bei biefem Bergleidbe recht fdjledjt roeg Eam. @r be* 



€in mobertt er ranenlob. ^7 

fcftäftigte fidft fogar mit iftrer fcftroterigen ©pra^e, taufdftte ben SBeifen iftrer 
Sieber unb äetdftnete einige i^rer ftangnotten ©tropften auf. ©r t>erfterr* 
lichte fie in einer Steifte non ©fijjen, bie er bann unter bent ©itet 
„Stfftantee" fterauSgab. 2BiberftanbSloS gieftt ftdft ber Sefer bem StimmungS* 
Sauber biefer jarten buftigen ©ebicftte in ^ßrofa hin, a6er er muft fcfton 
ein gut ©tücf fßoet in ficft felfeer tragen, wenn er in biefer ©timmung 
trofc ber weniger poetifdft lautenben Söericftte beS ©efdftidfttSfdftreiberS über 
biefe fünfter beS fdftroarjen ©rbtfteÜS oerftarren will. ©iefe finbtidften ©e* 
fcftöpfe, beren Stainetät unb SiebenSroürbigfeit uns fo unroiberfleftlidft an* 
jieften, mären nämtidft bis in baS lebte ©rittet beS jüugft entfcftrounbenen 
Sfaftrftunberts einem fürchterlichen ©öfteitbienfte ergeben, beffen ftödftfte gefte 
mit 3J?enfcftenopfetn gefeiert mürben. 

3n biefen beiben 2Berten offenbarte ficft $eter Slltenberg als ein fein* 
finniger ißoet, ber nur ein Heines ©ebiet in ben ©efUben ber ^ßoefie an* 
baute, aber ftier bie erfreutidftften grücftte jeitigte. ©ie ©efellfcftaftsfreife, 
bie ben ©dftauplafc ber ©dftüberungen feines erften 33ucfteS bitben, tieften 
oermutften, baft ber ©icftter ju jenen ©liitftidften geftörte, an bie bie Slotft 
beS SebenS nicftt ftinanreidftt, bie nicftt ju ringen braudften im aufreibenben 
Kampfe umS ©afein. ©eine SBegeifterung für alles ©dftöne fcftien auf 
einen jungen 2Ramt ju beuten, roäftrenb fein ftarer SBlicf unb fein reifes 
Urtfteit auf einen erfahrenen SJtann fdfttieften tieften. 

Ueber alte biefe fragen giebt ber ©icftter auf’s SBereitnjitligfte in feinem 
briften 93ucfte 2(uSiunft, baS foeben in bemfetben Vertag (©. gifcfter, 
Sertin, 1901) erfdftienen ift, roie feine beiben »orftergeftenben SBerfe. ©S 
trägt ben ©itet „2BaS ber ©ag mir juträgt" unb enthält eine furjc 
Setbftbiograpftie beS ©icftterS. 

'•Beter Stttenfeerg ift im ftaftre 1862 tn SBien geboren, ©ein Sßater, 
oon bem er mit unenbtidfter Siebe unb tieffier SBereftrung fpridftt, ift .(lauf* 
mann. Unb et fetbfi — roaS ift er, ißeter Sittenberg, felberV Stun er ift 
ein ©icftter, ein glfidflidfter, freier Wann, ber ben Wufen lebt. Unb biefe 
ffreifteit gab iftm fein S3ater, ber iftn nicht jroang, irgenb einen 23eruf ju 
ergreifen, unb iftn gewähren tieft, wenn es iftn gelüftete, umjufattetn. „3$ 
rocr," fo erjäftlt unS ber ©idftter in biefer ©etbftbiograpftie, „3urift, oftne 
$uS ju ftubiren, Webiciner, oftne Webictn ju fiubiren, Sudftftänbfer, oftne 
Sücfter ju nerfaufen, Siebftaber, oftne je ju fteiratften unb julefct ©idftter, 
oftne ©icfttungen fternorjubringen! ©enn finb meine Keinen ©adften ©icft* 
tungen? ÄeineSroegS. @S finb ©jtractel ©ptracte beS SebenS. ©aS 
Sehen ber ©eete unb beS jufältigen ©ageS, in 2 — 3 ©eiten eingebampft, 
oom Ueberflüfftgen befreit, roie baS Stinb im £iebig=©ieget!" ©S folgt 
bann eine Slrt ©elbftportrait, baS unS ben ©idftter fo jeigt, wie er uns 
in feinen ÜBerfen entgegengetreten ift, unb baS uns ben ©dfttüffet ju 
manchen ©tngen giebt, bie mir in ben nun folgenben fünfunbfünfjig neuen 
©tobten hätte errafften muffen. 

Sott» unb «ffl». XCYI. 286. 


4 



48 


ITlajrimüian 5 tr atf in n?Hr3t>urg. 


©ieberum unb eä ©ebichte, ©ebid;te in $rofa, non bcr erften bis 
jur lepten ©fijje. ttttb bet $Dic^ter weij$ baä audj, wenn er c$ glei4 in 
2lbrebe [teilt. (Sr fdfjafft SJlenfäen, wie fie nur ber Sßoet erfc^affen fattu, 
er liebt eä, mit wenig ©orten niel ju fagen unb noch mehr errathen ju 
[affen, unb befd&äftigt unfere ^pfjantafie com erfien biä jutn lebten ©ort. 
„34 liebe", fo fagt er, „baä abgefürjte Verfahren", ben SEelegrammftil 
ber ©eele! 34 möchte einen 9Jtenf4en in einem ©ape fdfjilbern, ein 
lebnifc ber (Seele auf einer ©eite, eine SanbfdEjaft in einem ©orte! £ege 
an, ßünftler, jiele, triff in’3 ©4warse! Safta!" 

©aä uns Slltenberg in feinem neueften Suche giebt, finb lebigli4 
©4itberungen non ©eelenjuftänben unb ©eetennorgangen. (Sr erweift fi4 
liier als grünblWjer ftenner beS compticirten Organismus, genannt grauen* 
feele, unb ni4t minber grünbli4 h at er feine eigene $Pfp4* bur4forf4t. 
(Sr fpürt ihren geheimften Regungen nadh unb weife jebe, audh bie 
leifefte ihrer ©4n)ingungen, diaraf teriftif 4 barjuftellen. ©ehr oft febren 
in biefen ©fijsen bie ©enbungen toieber: „(Sr ba4te fi4*" — ober „Sie 
fühlte", ober „(Sr [teilte ftdh nor". @3 folgt bann eine (SntroidKung biefer 
©ebanfen, ©efühle unb SorfteHungen, bie fo ber Statur abgelauf4t, fo 
wahr ift, bafe wir man4mal nor (Srftaunen innehalten mit Sefen — meinen 
wir bo4/ ber S)i4ter höbe uns über unferen eigenen ©ebanfen unb (Sm* 
pfinbungen ertappt. (Sin 93eifpiel mag bteS neranf4auli4ou, eine ©fijje, bie 
für bie ©eelenmalerei 2lltenbergS befonberS dfjarafteriftif4 ift. ©ie lautet: 

23 oIfgangs©ee. 

StaS ©(hilf fteht 2 lbenbS fo fdjrecflid) ftiHe, tote öerbüftert unb in ftdh "felbft Der* 
funfen! SBie erfdjöbft bon urJbefdhreibltdhen £raurigf eiten! 

$>ie beiben Herren int Keinen öoote toaren gang gebrüdft. $te junge Staute aber 

jammerte: „2Scg botn böfen ©djilfe, oh weg, toeg " 

Unb DtochtS fagte fie aus ben Traumen: „StaS ©(hilf, baS ©(hilf oh, toeg, 
Weg " 

$ie beiben §erten machten an ihrem ßager, toährenb fie bon bem ©<hilfc bhantafirte. 

S)er 3 üngere fühlte: .,©tehe! (Sine Wirtliche äftärchenbrinaeffin, bie bom bergauberten 
©dhilfe träumt !" 

S>er keltere bachte: „Ster 9flärchenbrin3effinnen=£ricf gan§ einfach! Um romantifch 
bluffen! 3 ntmerhin gut unb gefchicft gefbielt. 23 raoo". 

2lm näcbften borgen aber fagte ber 3i'tngere au bem kelteren: „©ie, ift e& nicht 
bielleicht hoch nur ein Steicf, biefe boetifche ©motion mit bem ©dhilfe!? Um romantifch 
311 berblüffen — ?!" 

Ster keltere erwiberte: „©eben ©ie, mein lieber, ©ie finb um fo biel jünger als 
ich, haben bereits gar feine $oefie unb fßhaittafte mehr, ©ie blaSphcntircn ! ©ine Wirf* 
Iid)e TOrchenprinjefftn ift fie!" 

„O bitte, ermähnen ©ie es ihr gegenüber nie, bafe ich auch uur einen 2lugenblicf 
lang eS für einen STridf halten fonnte?!?" 

©beiter fagte ber Weitere 31t ber Staute: ,,©s toar ein Xricf, biefe ©ntotion mit bem 
©diilfe. Slber gut gefbielt!" 

„©dhänblidher! Swben ©ie baS toictteidjt bem Süngerett gefaßt?!?" 

„Satoohl. 2 lber er Wollte mich ohrfeigen bafür! ©r fagte, ©ie feien ehte toirKidje 
Ottärdjenbrmaeffut." 



n mobertter ^rauenlob. 


^9 


Sa bcfam bic Same ttnrflid^ ein a^ard&enbrmseffinnencSIntltö! 

„0el>en @te," fagte bet Weitere, „ba3 tft fein Sricf!" 

§iet fehen roir roirflidh beit „-Dtenfdhen in einem ©afce gefcftflbert", 
„ein ©rlebnifi bet Seele auf einer ©eite", eine Sanbfcfiaft, roemt aud) 
nicht in einem SBorte, fo bod) in roenigen SBorten. Unb bodj giebt uns 
hier bet ©idfjter com 2leufjern bet Sanbfcfiaft fo gut roie nidjtS: ©d^itf 
fefien mir unb SEBaffer, auf biefem ein Äaf>n, bet brei ißerfonen trägt. 
Slber „baS ©cfiilf fteht 9lbenbS fo fdhredlidh ftitle, roie oerbüftert unb in ftdj 
felbjt oerfunten! 2Bie etfdjöpft oon unbefdjreihlidien ©raurigleiten." 2llfo 
geroiffemtafjen bie ©eefe bet ßanbfdhaft giebt er uns, bie ©timmung, bie 
fte atfjmet, unb baburdh regt et nufere ©inbilbungSfraft in einem SJtajje 
an, bajj roir ein ganjes ©entälbe ju erbliden oermeinen, ©benfo oerfäfirt 
bet 2lutor mit ben auftretenben ^erfonen, nichts fagt er uns oon ihnen, 
als bafj eS jroei Werten ftnb unb eine ©ame, unb bafe bet eine ein 
älterer, ber anbere ein jüngerer $err ift. Qebe biefer brei ^ßerfonen rebet 
ungefähr brei ©äfce, unb roir glauben bo<h, fie leibhaftig oor uns $u 
feben. Unb eine ganje ^erjenSgefcfitchte, ein ganjer Vornan ift ba erjählt 
auf einer einzigen ©eite. 

Fn ber jroeiten ©fijje beS VudjeS erjählt uns ber ©idhtcr oon einent 
jungen 3Jläbdjen, baS fiel) einen neuen ©teljfragen oon ber Vloufe trennt 
unb auf bie gereijte {frage ber ÜJJtutter nicht antroortet. „©ift" überfdjreibt 
ber Sttutor biefe ©tubie, roeil baS ©dhroeigen ber ©odhter baS Veroenftjjlem 
ber SRutter erregt roie ©ift. Stuf bie roieberbolte (frage ber 3Jtutter legt 
bie ©oditer einen 2luSfchnitt einer englifdhen 3 e ^ tun 9 oor bie -Uiutter bin, 
unb biefe lieft mit ©ntfefcen: „Frauenhals. Fhr gef)t jahrelang unflug 
um mit ©urem foftbaren SSeftfee, bem &alfe, ©amen! Saffet fofort alle 
fteifen Umhüllungen roeg. 9lur in äufjerften Freiheiten fann jebeS Organ 
gebeihen unb 3lHeS überhaupt unb ju feinen ©diönheiten gelangen. Feber 
3roang ermorbet irgenb etroaS. ©aS lieber bie Prüfte, ber Äragen ben 
$als, bie heutige Otbnung bie ©eele. 3HleS roitb fditaff burdh ©inengung, 
elajKfch jeboch burdh F re Hein! Verbannt alle Seinenfragen, trennt bie 
fteifen ©inge oon ©uren Vloufeit fort, nehmet roeidie, feibene, ober gehet 
blo§! 33ertäbberlt ©uren £als nicht, laffet ihn ftdh tapfer roehren gegen 
Äälte unb ©türm. Feber Suftjug, jeber ©türm bringt ©einem £alfe 
©djönheitsfräfte, SJtäbdEjen! ©urnet! ©unten mobellirt ©einen £atS! 
6r fei fdhön in 3iuhe, noch fc^öner tn Veroegung! ©in VlähhalS ift 
faft ein moralifdjes Verbrechen." 

©ie SRutter ift aufjer ftdh unb möchte bie fämmtlidfien Leitungen oor 
bem Äinbe oerfteden. ©ie ©odhter aber fährt fort, ben Äragen abjutrennen, 
trofc beS Verbotes ber Vtutter, fte roiH lieh hanteln laufen, trofcbem bie 
SRutter ihr erflärt, fie fei oerrüdt, fte habe hoch „brei Fahre lang bet 
©hüuani geturnt". „2>?an mujj eroig turnen, Vtama," fagte bie ©odhter, 
„nidjt nur brei F a b*e bei ©himani". Unb boch trug baS junge ÜDiäbdhen 

4 * 


50 


JTtari mil tatt Stracf in IDürjburg. 


nidßt lange 3 e it nteßv roekße feibene Umtegefrägen, ober fogar ben ,£>alS 
ganj bloß. $rgenb eine alte Spante ßatte nämlich ju Htama gefagt: 
„2Beißt ®u, roaS eS ift ? ! (Sin Scanbai ift es, meine Siebe." 2lber 
manchmal beS 2lbenbS, im Sette nor bem (Sinfdßlafen nahm baS • junge 
Htäbcßen ben 3 e ü un fl3auSfd)nttt jur föanb, überlas ißn nodß einmal unb 
badete: „Htein ©ödjterdßen roirb freien £>als tragen unb fdjön unb ftarf 
fein, baß fie naefenb burdß bie Straßen fdßreiten fönnte in Sßinb unb 
SBetter! SJlein ©ckßterdien!" 

©iefe Stubie läßt uns einen tiefen (Sinblicf in baS Sßefen beS Ser* 
fafferS tßun, er offenbart tjier roieberum feine Kenntniß ber Htenfdßenfeele, 
unb infonberßeit ber fyrauenfeete, er befennt fid) pin begeifterten Sereßrer 
ber ^rauenfdjönßeit, unb er gießt feiner Seßnfudßt 2luSbrucf nneß einer 3eit, 
ba bie Hlenfdßßeit frei fein roirb non bem 3® a nge »eralteter ©efeße, »er* 
atteter Hioral unb oeralteter Sorurtßeile — einer 3eit, ba ftdß alles ©Ute 
unb Sdßöne in fyreißeit roirb entroideln fönnen. 

greißeit! (SineS ber ^aupttßemata beS ©idjterS. ©ie fyreißeit ift 
ißm bie Duelle nidßt nur alles Sdßönen, alles ©Uten, nein audß ade« 
SebenS überhaupt. (Sr ßat biefe ibeale ^reißeit für fidß felbft bereits er* 
rungen, unb er ffißlt fid) als ©röflet berer berufen, bie im 3odße ber fpflidßt 
feu^en, im Kampfe mit bem Sehen fieß aufreiben. (Sr roibinet fein 23ucß 
feinem Sruber ©eorg. „Hütten im fdßroeren bebrängenben Seben fteßenb," 
fo Tagte er non ißm, „arbeitenb, ringenb, ßat er bennodi baS tiefjte jartefte 
Serftänbniß geßabt für (Sinen, ber bie fßerfibie ßatte, träumenb, benfenb, 
betraeßtenb, bem ©efeße beS ßarten ©ageS fidß ju entjießen!" — ülltenberg 
nerfteßt fie rooßl, biefe gelben ber fjßflidßt, biefe SRingenben unb Kämpfenben, 
unb er fdßübert uns niete Gßaraftergeftalten foteßer Seute, bie unfere 21cßtung 
unb Stjinpatßie nerbienen. ®a ift ber faiferlicße SRatß, ein ©efcßäftSmann 
großen Stils, mit feinen Speculationen in Serbien. MeS ftanb babei 
auf bem Spiele, aber er blieb rußig unb unerfd)üttert. „2lHe feine 
Organe functioniren roie felbftnerftänblidß aus ©erooßnßeüen non Qaßr* 
taufenben in ftdßerem, ßeilfamem, ßarmontfdjem ©empo, roäßrenb er bie 
©eSorganifaüon ber neuen Seelen roeßmütßig unb ein wenig erftaunt mit* 
erlebt. „2BaS geßt in (Sud) nor?" fragt er nerrounbert — ober: „2lnfprüdße 
an baS Seben? Hiein ©ott, idß glaubte, es ßabe 2lnfprfidße an uns." 
©a ift bie fpoftnooije, ein junges Htäbcßen, baS fidß bem profaifeßen ©ienfte 
mit Sbt'oli^'nuS inibmet unb garnießt finbet, baß es ein froftiger 23eruf 
ft. 2i>ie ein 9titt in’S alte rontantifdße Sanb erfdjeint es ißr. Sie madßt 
einen &errn, ber einen recommaubirten SBrief naeß 2Beftafrifa aufgiebt, 
barauf aufmerffam, baß er ju niele Hiarfen aufgeflebt ßabe, ba SBeftafrifa 
nodß 3 ttm Sßeltpoftoerbanbe geßöre. Unb bei bem 2l'orte „SEeltpoftoerbanb" 
rourbe fie gan^ roug, „roie roenn fie in geitüffer Sejießung eine 2lngeßörige 
roäre biefer SSeltenfamilie." 2luS ißren ©räumen aber roirb fie für einen 
2lugenbli<f ßerauSgeriffen burdß bie oerroeifeube Semerfung einer alten Spoft* 



€tn moberner ^rauenlob. 


51 


Beamtin, ihrer SBorgefe^ten : „2Ba3 Braunen Sie einen fo gottoerftudhten 
harten aufmerffom ju machen, baß er §u oief ÜJlarfen gefteöt bat?! SBenn 
bet Staat an foldjen nichts oerbiente?! 2Boju ttüßen fte it>m fonfl?!" — 
Sber eS finb nur ©eitige, bie in bem Kampf um’S ©afeitt ihre 9tut)e, ja 
iljre QHufionen bewahren. ©ie meiften, bie itjre Ketten nodj füllen, bie 
nicht a6geftumpft finb gegen ben ©ruef unb bie Saft ihrer fyeffetn, feufjen 
ober rütteln baran in ohnmächtigem prange nach Befreiung. SRütjrenb 
fdjilbert er in ber ©tubie „ 33 orf r ü Ejliri g " bie armen ©ouoernanten, jene 
„nerroelKen Julias unb refignirten Seonoren", toie fte mit ihren ©dmfc* 
befohlenen hinauSjieben in ben 3|3arf unb iijre Spiele leiten. ßineS biefer 
armen ©efdjöpfe toirb auSgeicbolten, toeil bas Heine, itjr jur ©rjiefjung am 
oertraute 3Jfäb<ben bie Stacht geduftet Ijat — fte taffen bie SSertoeife, bie 
Schelte füll ergeben über fid) ergeben, ftifit, refignirt, oerroelft — aber in 
ihren traurigen -DUenen lieft man bas 2Bet; über ben ©ruef ber Ketten. 
3nnigeS SJtitleib erfüllt ben ©ichter mit jenen 23elabenett — aber auch 
nod) mit einem Keinen 3Jiäbd)en, baS Siofamunbe heifet, grofje 9)lärchen= 
äugen hat unb ftdj oerrounbert umfdbaut, als man ihr juruft, fte möge 
iur ©eite treten, fie ftöre bie Kreife ihrer baUfpietenben 2llterSgenoffinnen. 
Such biefe Keine fchon geftört in ber Freiheit ihrer Seroegungen! ©er 
©idjter geht nach -Saufe, ftumm unb in [ich gelehrt, nicht adjtenb beS ©rufjeS 
ber Keinen ©odjter feiner ©chroefter, bie nun oerrounbert jur ©rofjinutter 
läuft unb fagt: „©otmama, Dnfet ’limm!" UebrigenS fönnen roir eS uns 
nid)t oerfagen, ben Anfang jener ©Kjje bierberjufehen, bie einen Söegriff 
oon SlltenbergS SanbfdjaftSntalerei giebt, wenn er ausführlicher toirb, 
wenn er nidht bloS „bie Sanbfcfjaft in einem einigen ©orte fd&Ubern 
möthte". 

„Xer Sjimmel toar ttwifjblau uitb in fyvüljlingjbimft gebabet. Xie Kuppeln Don 
Äupferplatten fchirnmerten lila. Xer fyricS mit ben grtedn'dien natften ©öltent hob iich 
oon golbeticm ©runbe ab unb roar toie ein fd/öneS Xreiecf auf blauer Schiefertafel. Tie 
idjttrarjeit Cuabrigen raften gleichfam Bon ihren fdimalen fßoftamenten in ben JrühlingS» 
braratfl hinein. Sie braungrauen 2 lefte toaren roie KridfeHKradfel Bott Schülern in ben 
Mauen Jpihtmel gewidmet, unb bie fßappeln graBitirten nach oben roie natürliche aber ju 
braute unb jerfaferte Kirdbtbürme. ©d roar ber Sorfrübliitg. Unerhört burdjeinaitber» 
oerfchlungene unb Berbrehte 3 to cige trugen helle gelbe Klümpchen, unb bie Slmfcln jerrten 
an alten Stroljgebinben herum unb bejahen Sugenbübennuth für sehn. 2 Bie roemt fte 
Saßen entfliehen mühten, benahmen fie fidj; toie fdirecflidicb flüchten 3U111 Spähe. 2luf 
halbleeren Üketen ftanben gelbe Stiefmütterchen nur fo probetoeifc «uSgcftreut, unb 
irgenbtoo bunfelblaue föhacintben, toeldje fterben bürfett uubcroeitit Born ©ärtiter“ n. f. f. 

©enn unS 2lltenberg eine Sanbfdjaft fdjilbert, fo ti)ut er eS nie um 
ihrer felhft toillen; fie beutet auf ©timmuug hin, in ber fid) bie in ber 2anb= 
fdjaft auftretenben ^Jerfonen hefinbett, macht biefe Stimmung oerftänblid) ober 
ruft jte audh h erD or. ©ie ift ihm baS „milieu“, ebenfo roie b«S Souboir 
ober ber Salon, ober irgenb ein ©diauplafe, auf bem fid) bie £anblung 
abfpielt. &ier lann er, beffen SKjjen nach feinem eigenen ©orte „©ptracte" 
finb, er, ber baS ahgefürjte Verfahren lieht, fidh in faft niebertänbifdher 



52 


ITtajimiltan Strarf in tPfirjburg. 


ftleinmalerei ergeben, ©in niebtidjes Defdjen, eine SBafe non !ünftlerif<^er 
gorm, ober irgend welcher ©cqenftanb beS tägtidjen ©ebraudjeS, wenn ihn 
Äünftlerhaitb gebildet, fann unfern ©idjter in sßerjüdung »erfeßen, unb er 
öffnet uns über biefe atltäglidjen ©inge bie 2Iugen, baß mir fie mit i^m 
fdtnuen unb bemunbern. 2BaS er in biefer 23ejtel)ung SlUeS fleht, roaS iljn 
2ltleS in ©ntjüden ju »erfefcen »ermag, baoon giebt er in ber Stubte 
„$n ÜDtündjen" eine fßrobe. Gr tabett barin bie Seute, bie ohne 3 U ' 
fammenijang mit ben wuuberbaren Farben unb formen ber Statur leben 
unb fid) mit ©ingen umgeben, bie gefdmtadloS unb unnatürlich finb, mit 
SüppeS, bie einbrudSloS unb falt taffen, bie baS 2Iuge nidjt feffeln unb 
ben SdjönbeitSftnn nicht erfreuen. 2)tit wahrem ©ntjüden befdhrcibt er 
nun all bie Meinen ©iuge, bie bie neuen Äünftler bifben, bie ben SJtenfdjen 
„mit ber Statur uereinigen wollen unb ihren tiefen brächten." 

Stad) biefer Meinen 2lbfd)weifung, bie aber wohl in ber Statur beS 
©egenftanbeS begrünbet lag, feßren wir ju ben ©eftalten beS ©id^terS 
jurüd, bie offen ober im ©eheinten nach ber bödjften Freiheit tedbjen, unb 
bod) außer «Staube finb, ihre ftetten ju jerbredjen ober ju lodern. 3 U 

ihnen gehört jene ©ame, bie, in ber Stubie „SBalfüre", in ber ©per fißt 

unb fid) im 3<wberbanne beS Sßagner’fdten SJteifterwerfeS, baS ben obigen 
©itel führt, befinbet. Sie hat einen ©atten, ber fie bewunbert, »erefjrt, 
»erwähnt, — aber er »erfteljt fie bodj nid)t in ihrem innerften SSefen, unb 
fie fühlt: „$eber SJtenfd) fann jeugen ein 2idjt au$ feinem ©unfel, wenn 
ein 33rübertidjer ©ine finbet, bie fdiwefterlid)! ©inen Siegsgrieb jeugen! 
©och unfern Knaben?!" 

2lm Warften fpridjt er aus, was er mit biefer Freiheit meine, in ber 

groß angelegten ißofa=Scene „De libertate". ©in fjitrft hat einen ©idjter 

ju fi<h laben laffen, ber „ü rebours" lebe, alles hergebrachte b«ffe, ein 
StobeSpierre ber Seele fei. ©a fagt ber ©idjter: 

■fjürft! 23 ir Stile finb ©efangene, .Cferferfträflinge beS fiebenS, Stetruten mit 
gebunbener äRarfdjroute, ®aIeeren=3Jtenfd)en unferer ielbft 23ie in einer fchreeflichen bitten 
rotben diegclfaientc »erbringen Stile biefe tunen Jriften, bie ihnen üerlieljen finb, laffen 
baS füge Scbicffal, geboren worben ju fein, ungeniißt. Sinn gut, Wer wollte cmfbcgeljrett ? 
@o ift eS! ©djwcige, Betritt beS fiebeitS ! 

Slber Wie! Seligen wir uicfjt bie heiligen Begabungen, baS fiebert, welches unB ent* 
rinnt, in mtferen Bbantafieen , in träumen unb ©rbicbtiutgen feftjuhalten?! ©o finb wir 
ttünftler unferer felbft, fyarceure unferer eigenen ©eele! Unb Wie, Wetm ©ott felber mm 
ein fotdjer ffiinftler würbe unb einige fbarfame ©Eetttplare biefer 5tued)teS«©attung „SWenfdi" 
fdiaffte als SBefcn, bie frei finb Don bem allen, was uns jtoängt?! ©otteS fßhaittafie* 
©efdiöDfe! ©ottes Dichtungen ttnb Drättme felber?!? 

3a, ©ott, ber Sin titlet über alle Süitftler, fchafft hie unb ba um uns, bat SJtüben, 
baS fieben frei Don .ttnedjtfdinften uttb Banbett Dorjuführett, Sieitfdiencrcmplart unter 
hunbert SDlillionen ©flaDen, welche, loSgelöft ooit bem ©efetj ber fiebenSfdjwere unb feinen 
Drängen, ben Sluberen bie Freiheit neigen, ttidjt als 3beal ttnb nicht als ©djrecfgebtlte, 
bie iyre;f;eit an unb für fid), bie lymljeit, bie gclöft im SBelteitraume liegt, gebunben ttm 
in einem Organismus, ju einem OraattiSmuS umgeichaffen, einem freien 2J!enfdjen! 3 n 
einem Bettler, einem flönige Diclleicht, in einer Dirne, in einer Brinjeffin ! 



£tn mobetnec jraaenlob. 


53 


23alb finbcft bu, müßfcliger Jtampant, biefe burdi ©otteS Äiinftlerlaune „Organismus 

geworbene" Sßkltenfreüjcit als eine Sdjaufpielerin mit bramtrotfien $jaareit imb 

grauen Singen unb »unberbarcu SHrrnen, balb als einen Kaufmann, ber fid) plößlid) auf 
Jöergalmen jurücfjieöt, rote ein §ol)tnedjt lebt, Sdiroarjiöfjren mit greifenl)aftem SWoofc 
liebt unb nad) bem Sonnenfterbeit Älopfoögeln Iaii'dit, bem llr=2amtam beS 2Balbc8. 
Cber balb als junges TOabdjcn aus gutem .fjaufe, roeldieS unbetiimmert in freiem 
Seidjtfirat ihren ßeib oerfdienft, balb als einen Sföitig, ber mterbörte SJanten aitffüljrt, balb 
als eine Stfleße, bie jügettoB bem Slbgrunbe entgegeugalopmrt unb barauf pfeift, balb als 
eine ^tinjeffin, bie örenjen überfctireitet nnb im Unbegrenzten ßinfliegt unb fid) fdwufelt, 
leie ber Äonbor in all 3 » bünnen Höhenlüften, bem Qrbifdien fern unb außerhalb ber 
edmxrfraft ! Olm Sßarabiefe bes Unerlaubten u. f. f. 

SaS fßatabieS beö Unerlaubten — unerlaubt nur nach ber alten 
überlebten ßJtoral, aber nidjt nad» ber ÜKoral ber Sonuentinber, ber neuen 
2J?enfd)en, beren Goangeliunt ©oethe in bie Söorte jufammenfaßt: „Erlaubt 
ift, waS iich jiemt." 

Unb in greiheit hulbigt ber Sichtet ben grauen. Gr ift ein feiner 
Äenner ber grauenfeele, wie mir gelegen, er ift ein begeifterter Serounberer 
ber grauenid)önheit. „2)tein Se6en," fo fagt er in ber oben bereits an= 
gesogenen Selbftbiographie, „mar ber unerhörten Segeifterung für ©otteS 
ftunftwerf „grauenleib" gewibmet!" Sein gimmer ift, wie er uns gleich 
falls mittbeilt, faft auStapejirt mit Ülctftubien oon oollenbeter gorm. 
2leufeerft charafteriftifd) itnb bie Unterfdjriften, bie fie tragen. Sie eine: 
„Beautö est vertue," bie anbere: „GS giebt nur eine Unanftänbigfeit 

beS fjladten baS 9tadte unanftänbig ju f inbenl" gn 

biefem Säße brüdt fid) eine wahrhaft großartige antife greifjeit unb 
griffe aus, eine urfprünglidhe Äeufchheit, ber alle gitnperlidjfeit unb 
fßrüberie weltenfern liegen — eine wahrhaft ©oethe’fdje ©efunbheit ber 
Gmpfinbung. Unter ben Üfleuen fdfeint mir in biefem fünfte betten oon 
Siliencron ber nächfte ©eifteSoerwanbte unfereS SidjterS ju fein. fDiandjeS 
erinnert an Heinrich £eine, aber nirgenbs ift eine ©pur oon beffen 
GpniSmuS unb oon ber grioolität beS altern jDieifterS. 2?aS ben Sichter 
aber am meiften an einer fdtjönen grau in GuthufiaSmuS oerfeßt, ift ihre 
ipanb, ober ihr $aar, feiten rebet er oon ihren 2lugen ober ihren ©efichtS; 
jügen. Unb er ßulbigt ber Schönheit, wo er fie finbet, fie ift ihm ber 
©onnenftrahl, ber bie SBafferladie 3um flaren, gläitäenben «Spiegel umfehafft. 
Sie fdjöne grau, bie h»lbe gungfrau, ein fdjöncö slinb, ja fogat bie @e- 
faßene, bie Sime, beren güge ben göttlichen «Stempel ber Schönheit tragen, 
oermögen ihn in GnthufiaSntuS ju oerfeßen. giir gettoffene Siebe unb 
©unft ift er fietS bantbar, unb Dotier gärtlichfeit gebentt er ber ©eliebteu, 
ielbft bann, wenn fie auch nur bie ©enoffin einer s JJad)t ift. 9lße biefe 
Gmpftnbungen weife er Eiinftlerifd) ju geftalten, unb er tßut bieS ohne jebeS 
Sebenfen, benn er ift, wie er fid) felber nennt, ber 2Jiann ohne Gon= 
cefetonen, ber jebem Jtünftler juruft: „§abe 9)tuth 3U Seinen Utacftfjeiten! '' 

■JJtandimal freilich gehen auch bie freien 'Ulenfdjen 311 ©runbe unb 
werben Unfreie, ihr Srang in’S Unermeffene, bem fie eine geit lang folgen 


5^ ITtajimilian Stracf in iDiirjburg. 

mußten, wirb reicher erftidt im Jlummerjmang beS Sehens. SieS fdjilbert 
un§ Sttltenberg in ber ©tubie „©öbenbämmerung". Si e &elbin iji eine 
©diönljeit non Äinbtjeit an. ©gmnafiaften fchroärmten fie an, Jünglinge 
Ijulbigten ihr, Siebter unb Sterlinge, unb Men gab fie ihr befteS, ftrablen= 
beS IjeibnifcbeS Sädheln. ©ie mußte, bah fte fdiön mar. Güninal, in 
einer ©<hroimmfd)ute rief fie aus ber Sabine: „SReine Samen, roer mid) 
flauen miß, jaijtt bloS eine förone, baS ©elb gehört ber armen üDiatie" . 
'Biete gingen, jabtten eine Jerone — nur eine ttjat eS niefit, unb als Slnita 
biefc barum befragte, antmortete fie: „Sie Sßnberen tarnen nidit, um Seine 
s Prad)t 311 flauen, Mita, fonbern um einen gelß an Sir 31t entbeden. gdj 
aber roeifj, baff Su fehlerlos bift. Senn nur, roer ohne gehl ift, 
uerfiert baS ©diamgefühl, erhält ben grohfinn gried)ifdher bJJadttjeit, Mita!" 
Mer Gincr tarn unb begehrte fie 311m 2Beibe, oerfprad) ihr Siebe unb Sreue, 
fagte jebod) beftimint babei: „Mer bas heibnifdje Sädjcln miiffen ©ie auf» 
geben, meine Siebe." Unb fie gab baS „heibnifche" Sädjeln roirflidj auf, 
ja fie baufte ihm fogar noch, als er ihr fpäter fagte, er habe if)r ben grieben 
gegeben, an fid) felbft märe fie 3U ©runbe gegangen! 

Söefremblid) mirb ber Sichter uießeidjt fielen bleiben, bie gemißt ünb, 
ihm ohne großes 28 iberftreben auch auf einem MSfluge in’S ©eroagte 3U 
folgen, menn ihnen bie ©tubie „Gafe;Gl)antant" 3U £änben fommt. gi'mf 
©d»roeftern uom Ü’arietö, aus ben ^Regionen ber befannten „SarrifonS", 
fiten nach ber Horfteßung im Steftaurant unb fottpiren mit ihren Verehrern. 
Unb fie finb fo aüerliebft in ihrer naiuen 'Berborben^eit unb Unbefangenheit, 
bah bie fünf Gaoalierc fd)ier 3U Siditern roerben unb fie anhimmeln unb 
anfchreärnteit. Ueber biefe ©eene hat ber Sichter fooiel echte Sßoefte auS= 
gegoffen, bah mir baS Reifte bet ©ituation faum nodj empfinben, unb bie 
ÜSiberftrebenben merben unroiberftehüd) initgeriffen. Sie ©onne feiner 
Sichtung ift eben roie bie mirtliche ©onne. ©ie beftraljlt 31 ßeS, ©erechte 
unb Ungerechte, .frohes unb ßiiebereS. Sod) nein, — nidjt McS. gn 
eine Söelt firahlt fie nidit hinein, in eine 2Belt, bie er »ermuthlidj nicht 
fennt, in bie 9 Belt ber Enterbten, ber “Proletarier. SaS ift feineSmegS 3U 
bebauern. Senn aus jenen ^Regionen hat ber ÜRaturatiSinuS lange genug 
feine ©eftalten unb Gonflicte geholt. 

©leidjfam, als rooße er erproben, roie roeit er eS in ber Äürje, im 
Gpigrammatifd)cn bringen tönne, hat Mtenberg in fein neuefteS 93 u<h eine 
gan3e SReihe „gatts Heiner Sachen" eingereiht, ©ie finb meift aphoriftifch, babei 
aber faft ausnahmslos neu, überrafdjenb, prägnant. £ier ein 23 eifpicl: 

2er Stufe. 

2 er elfte Stufe fommt immer 511 früh uub nie 31t fpät. 
föterfe baS, 2u armer, „nicht märten fönnenber" äRaim! 
fbterfe baS, 2 u reidje, eroig märten fönnenbe fyrau. 

greilidi, manchmal »erführt ben Sidjter baS ©treben nad) gebrängter 
fliitje 3ur Unflarbeit unb Sunfelheit, jebod) finb berartige ©teßen nur 



<£ in moberner ^taueitleb. 


55 


feiten, unb man wirb burd) baS »tele Schöne unb Erfreuliche reichlich ent; 
f^äbigt. So ninrntt man aud) einige Sonberbarfeilen unb Sijarrerieeit ohne 
weiteren Unwillen I;in. Etwas ülttbeteS ift fdjoit weniger leidet ju übetfehen. 
So wa^r ber ©idjter ift, ein fo feiner Sfpdjologe unb fdiarfer (S^araf teriftifer , 
io wahr 2ltteS Hingt, was feine ißerfonen fagen, fo ftitifirt, fo unnaturaliftifdj 
ift bie ^ontt, in ber fie es fagen : fdjöne, elegante, gefeilte Safe, wie fie 
ber Sprache beS tägigen SebenS fremb finb — unb ba brid)t plöblidj ein 
foldier Sag ab ober fd)lie&t mit einem: „ s Jtun alfo" — ober — „unb 
überhaupt". 3 uroe ^ en fann man aud) baS goutiren — aber manchmal 
ftört es bodj. 3tid)t minber aber ftufet man, wenn man auf einen edften 
unoerfälfd)ten Sßiener 2luSbrucf ober auf Sffiorte, wie birectement u. f. w. 
ftöjjt. ©aS fann uns juweilen gerabejn aus ber poetifdhen ^ßufion herauS; 
reiben, in bie uns bie fonft fo originelle, fraftooße ©iction uerfefet. ©enn 
einige ber Sßtenbergifchen Stubien tefen fid) gerabeju wie ßMrdjen, anbere 
roie Saßaben unb wieber anbere wie Iprifdfje ©ebicbte. häufige SBieber-- 
ftolung eines Saftes tbut bie Sßirfung beS fRefrainS, unb Silber »on feltener 
flraft erregen unfere Pbantafie. fDtandje SBortoerbinbungen finb oon 
originetter Kühnheit. SBenn ber ©idjter fein bödjfteS Entlüden über etwas 
prächtiges auSfpredjen wiß, fo fpricftt er non einem „Ertract non prägten" 
— wer bädftte ba nidjt an ben „2IuSjug aßer töbtlidf» feinen Kräfte" im„fyauft"? 

Sßir fönnen biefe Setradjtung nicht fcblieffen, ohne auf eine grobe ©efaftr 
hinjuweifen, bie in ber bidfterifcben 2Irt 2I(tenbergS liegt ; baS Heine ©ebiet, 
rceldieS er bebaut, birgt bie ©efabr ber Sßtonotonie; baS Seftreben furj &u 
fein bie ber Sßlanierirtbeit. Sich felbft aber jum -Blittelpunft ber ineiften 
feiner Arbeiten }U machen, führt leicht jut Selbfibefpiegelung unb Selbft* 
oerherrlidhung. ©iefe filippen hat ber ©idhter in feinem neuen Suche, baS 
ein $eber lefen mufj, ber il;n wirtlich fennen lernen wiß, glüdlidj umfdjifft; 
manchmal, wenn audi feiten, ift er aber ganj nahe an ber ©renje ber oben 
bejeidmeten fjetjter angelangt. Sein nächfteS 25>erf wirb jeigen, ob er über 
fid) hinauSgefdjritten, ob er eS oerntocht hat, neue Sahnen etnjufdjlagen, 
bie ihm neue Aufgaben erfdjliefjen unb ihn oor ^rrthümem bewahren. 
$aS, waS er bis jefct erftrebt h Q t, hat er erreicht, unb was et feither 
begonnen, hat er als ein SDteifter ooßenbet. 




Das ^uftmfttge (£onclat>e. 

Don 

^igmunb jüütts. 

— tPien. — 

m grübling 1899 f»ielt man baS ßonclaoe für unmittelbar bfc 
uorftebenb. 3Jiit «Spannung ermattete alle SBelt bie Bulletins 
aus bent Batican, benn bie leiste Stunbe beS fßapÜeS j<f)ien 
gefomnten. Tod) baS Sdjidfal rooHte anberS entleiben. Seo XIII. f)at 
fein neunjigfteS SebenSjabr glüdlic^ Übertritten. $reüid) immer wieber 
fommt bie Reibung auS Born, bajj ber ^ßapft üd) fdimad) füljle. @S märe 
ein Sßunber ofjne gleiten, fallen mir ben ©reis, ber in lateinifcben Berfen 
mandimal aud) ben Tob befungen, nod) lange am Sffierfe. Tie 2llterSgrenje, 
non melier ber 'jjßfalmift fagt: „Unb roenn baS Seben bod) fommt, fo finb 
eS aditjig ^ab^"/ bat Seine &eiligfeit nun Iängft überholt. @S bat nur 
einen fßapft gegeben, ber fo Ijodj betagt geworben: ©regor IX., ber 1227 
bis 1241 regierte unb über neunjig 3;al)re alt ftarb. 2lud) bie BegterungS; 
bauer SeoS XIII. ift bereits eine ungewöhnliche. HJlan jäblte bis je|t im 
ganjen neun ^ßäpfte, bie über 20 $al)re regiert buben: St. Sploefter I. 
regierte 21 ^abre, £abrian I. 23, beffen 9ta<bfofger Seo III. 21, 
Sllepanber III. 22, Urban VIII. 21, Siemens XI. 21, BiuS VI. 24, 
beffen Üladjfolger fßiuä VII. 23, Bi uS IX. 32 3al)re. Unb nun übt beS 
lebtgenannten Badifolger, Seo XIII., auch fdion faft 23 Qabre auf bem Tbron. 

fülit ülüdfidbt auf baS 3Uter unb bie BegierungSbauer SeoS XIII. bat 
man wobl baS 9ied)t, ftdj mit ben ©oentualitäten beS jufünftigen SonclaueS 
ju befaffen. Tie Italiener, jenes Bolf alfo, aus welchem bie fpdpfte ber 
lebten oier ^abrbunberte b^aorgegangen unb motjl aud) ber nädjfte ffkipfl 
bernorgeben roirb, befdjäftigen ücb fcfiou feit längerer $eit mit bem }U= 
fünftigen Sonclaue, unb bie gläubigen Äatfjolifen Italiens nicht weniger 



Vas äuFünftige Conclare. 


57 


als bie ungläubigen. GS bleibe bahingeftettt, 06 , wie bieS bie Sangen 
ju melben mußten , bie in 9tom befinbtidjen Garbinäle roätjrenb ber 
letten ferneren Grfranfung beS ißapfteS in prioaten Gonrentifeln über bie 
38al)t eines UtachfolgerS mit einanber 33efpre<hungen hielten. Cfficiett routbe 
es bementirt. 3 n ber abfoluten gönn, in ber es behauptet warb, fann es 
auch unmöglich richtig geroefen fein. GS ift ben Garbinälen nicht geftattet, 
fo lange ein ißapft lebt, fidh untereinanber über bie ^Serfon eines 9?ad)= 
folgerS auSjujprechen*). ®ieS aber hindert bie gefinnungSoerroanbten 
©lemente bes heilig en GottegiuniS feineSroegS, wenn fie unter ft<h ftnb, in 
oerblümter SBeife ju erörtern, wie itcf) mof)[ bie Sage bcS heiligen Stuhls 
gehalten fönnte, wenn ber Ißapft feine 2 lugeit gef<hloffen hätte. 2 Bie aber 
foHte man non ber 3 u fwnft bes heiligen Stuhls fprechen, ohne bie ißerfon 
bes pfünftigen ißapfteS ju berühren? Solche intime SluSeinanberfeßungen 
finb nicht nur möglich, fonbern fogar nothroenbig unb natürlich. @3 toirb 
babei in feiner SBeife ber SBudjftabe ber Srabition oerlefct, ber jufolge, 
fo lange ber ißapjl baS roftge Sicht athmet, fein Sffadhfolger, unb märe es 
auch nur in afabemifchen ©iScufiionen, nicht auf ben Sdfjilb gehoben roerben 
foD. 3lber roie foH es mohl möglich fein, bah bie einjelnen Parteien innere 
halb beS GarbinatScottegiumS beim SCobe beS ißapfteS geroöhnlid» fchon ihre 
Ganbibaten im ^erjen tragen, märe nicht früher ein, mir motten nicht fagen 
abfolutes, aber bo<h relatines Ginoerftänbniß jroifdhen manchen Gntinenjen 
betreffs biefeS ober jenes UtamenS erjielt roorben? GS fteht, um ein con= 
cretes 33eifpiel anjuführen, bei gemiffen intranfigenten, einer SluStöhnung 
pifchen Italien unb bem heiligen Stuhl abgeneigten Garbinälen fchon heute 
fefl, bafe fie nicht etroa ben milben, oerföhntichen Garbinal Gapecelatro, 
Grjbifdjof non Gapna, ober auch nur ben gemäßigten Garbinal Serafino 
Sannutetti, SKfdjof t»on ^raScati, mahlen merben. GS ift ebenfo ficher, baß 
feiner oon ben 3Jtoberirten unter ben Garbinälen bem S)oijen beS heiligen 
GotlegiumS Dreglia bi San Stefano, 93ii<hof oon Dftia unb SOettetri, feine 
Stimme geben mirb. GS fann auch feinem 3ioeifet unterliegen, baß feiner 
oon ben Garbinälen DefterreicfcUngarnS unb ©eutfchlanbS ben Staats ; 
iecretär SRampotla bei Sinbaro auf ben SChton ju heben geroittt ift. SDenn 
biefe Kirdjenfürften jtoeier Staaten, bie untereinanber oerbüubet unb ocr= 
bünbet auch mit bem Königreiche Italien ftnb, merben feinen ttJtann mähten, 
ber, mie Jtampotta, ein geinb beS IDreibunbeS unb überfcbroänglicher 
greunb f^ranfreichS iß, unb bie Garbinäle ber beiben Gentralmäcbte merben 
audh auf Garbinal SBaughan, Grjbifchof oon SBeftminfter, jäljlen fönnen. 

Sllfo gemiffe geheime Ginoerftänbniffe beftehen ämifchen ben ißarteU 
genoffen im GarbinalScottegium. Unb roenn auch ein jeber ber Garbinäle 
ftcfj äußerlich an bie Uebertieferung hält, roenn er auch nicht offen mit 9In= 
fhauungen ober SBorfdjlägen über bie s jßerfon bcS jufünftigen ißapfteS her; 


*) SSrflf. ßuarterlt) Diebieiti 9?r. 380, bie Slbfjanblunfl „The future Conclave“. 



58 


Sigmunb IHüti3 in IDt'cn. 


»ortritt, fo infpirirt bocf) monier »on irrten btrect ober inbirect bie Sßubtü 
ciftif, unb bie liberale, bie ja mit tnertiger ©<hcu über ben ©egen* 
ftanb fpredjen barf, nod) ungleich mehr als bie cfericate, bie bo<h gerabe 
biefem Problem mit begreiflicher Neierne gegenüberfteht. ©er Serfehr, ben 
mandier Garbinal, inSbefonbere in Italien, auch mit liberalen ißublicifien 
unterhält, bringt eS mit fi<h, baß feine Slnfdjauungen in bie Deffentlidß* 
feit fidcrti. Unb fo giebt eS überhaupt für bie Garbinäle -Drittel unb 
SBege genug, ohne fid) perfönlidj ju eyponiren, ber SBett 3 U fagen, nicht 
nur welche fßolitif baS ißapftthum in Sufunft einfchlagen, fonbern auch, 
wer nach ihrem 2i>unfd)e ber sufünftige ißapft fein foll. 3« biefer SLÖeife ift 
auch, als ißiuS IX. bie atdjtjig überfchritten hatte unb bie ^infäüigfeit 
feines ÄörperS unb ©eifteS aller UBelt fidhtbar war, für biefen unb jenen 
Garbinal als ben beS greifen ifSapfteS würbigften Nachfolger ißropaganba 
gemacht worben. 3 u « r ft roar cS Niario ©foqa, Grjbifcßof »on Neapel, 
auf ben bie öffentliche NJeinung als auf ben Serufenften f»imoieS. ©ann 
aber, als ber Garbinal unerwartet ftarb, bejeidmeten bie fadifunbigften 
iJSubliciften Italiens , unter ihnen Nuggero Songhi in feinem Suche 
„11 Conclave e il Papa futuro“, ben Sifdjof »on ißerugia ©ioacchino 
Secci als beit wahrfcheinlidiftcn Nachfolger SiuS’ IX. «ßecci hatte fi<h 
in ber unfetigen politifcfjen Gampagne $iuS’ IX. unb ÜlntonetliS gegen bie 
Ginheit Italiens nicht ju fehr bloSgefteHt, unb fo fonnte feine Grmäf)tung 
manchem gemäßigten unter ben Garbinälen unb and; ber italicnifchen 9le* 
gierung felbft bie 2tuSfid)t eröffnen, baß ber GurS ber päpftlühen Solitif 
gcänbert würbe. StanK^ offen wirfte für ißecciS jufünftige ßerrlicßfeit 
Garbinal Sartolini, unb aud) Garbinal fyrandji, ein Nioberato, erwärmte 
lieh für biefe Ganbibatur, in ber Grwartung, wenn ißecci ißapjl würbe, 
jum StaatSfecretär erforett ju werben, ©er nun »erjlorbene Garbinal 
©aliinherti pflegte 3 U er}äl;leit, wie er felbft, als er noch ein einfacher 
Ntonfignore war unb für bie clericalen Slätter NomS fchrieh, in ber 
fJSreffe beS NuSlanbeS für bie Grhehung ißecciS Stimmung machte. freilich 
bie große Slrbeit ju ©unften ber 2Baf)t SßecciS warb erfi in ben jeßn 
©agen heforgt, bie jwifdjen bem ©obe $iuS’ IX. unb bem Gonclane 
»ergingen. 2lber gerabe ber Umftanb, baß Ntonfignore ©aliinherti, ber 
QntimuS beS GarbinalS fyrandji, beS ifkpflmacherS, fanm baß ipiuS IX. 
bie Slugeit gefchloffen hatte, fo fidjer für feinen Ganbibaten, ben Sifchof 
»on ißerugia, eintrat, jeigt, baß bie ifjapftmacher 2UIeS für ben fyaH beS 
NblebetiS ißiuS’ IX. »orhereitet hatten. 

©0 wirb heutigen ©ogeS im Seitalter beS ©elegraphen unb ber fßreffe 
ber ipapft gemacht, fo würbe aud) fßapft 2eo XIII. erwählt, ©ie 
?PubIiciftif hatte, toie gefügt, für Secci fdjon hei Sehjeiten ißiuS’ IX. 
gearbeitet. 

©aS 2Bad)Sthum ber Sreffe, bie, als ©regor XYI. ftarb, noch in ben 
NJinbeln lag, hatte bie Jöirfung, baß NJenfdhen, bie früher in feinem 



Das 3 ufiinfttge Cottflaoe. 


59 


Gontact mit einanber geftanben, nun enger jufammenrücften. 2lucß für 
bie Garbinäle gilt bieS. 2Benn biefe aud) fcßeinbar nur ißre eigene $ßer= 
fcmlidifeü im Gonclaoe oertreten, fo finb fie bocf) bie Sprecher ganjer Greife 
oon SJfenfdjen, juweiten aud) oon Staaten unb Staatsoberhäuptern. Die 
Garbinäle nun, roie fie felbft bie treffe infpiriren, merben bocf) anberer* 
feits oon ben in ber treffe niebergelegten 2lnfchauunpen beeinflußt, bic 
roieber oon gan 3 en 33oifSf<hid)ten, parlamentarifcben Jlörperfcßaften ober 
Regierungen auSgehen. 3n früheren feiten beteiligte fidj baS 3Mf oon 
Rom an ber fpapftwaßl; heute tritt fojufagen ber orbis terrarum in’S 
Gonclaoe baburd), baß bie treffe aller Sänber fchon bie ©iScuffion er« 
öffnet hat, wenn ber fßapft noch nidßt fein 2luge gefchfoffen. Utaß'aele be 
Gefare fagt in feinem SBerfe über baS lefcte Gonclaoe (Dal Conclave di 
Leone XIII. all’ ultimo Concistoro)*): „$eute biScutirt man im 23orauS 
bie oerfcßiebenen Ganbibaten, welche bie fßapftfrone beanfprudßen, unb ber 
SournaliSmuS ift eS, ber eigentlich baS 23eto:3fed)t übt." ®aS ifi eine 
nicht unrichtige 29emerfung. 

®aS 2?eto:5Ked)t im alten Sinne hat feine 33ebeutung oerloren. ®ie 
fßetfon beS fßapfteS ift heute ben oetoberedjtigten Staaten weniger wichtig 
als in früheren 3eiten. ©aS refultirt aus folgenber Grwägung: ®ie brei 
Sabrßunberte feit ^abrianS VI. ©ob bis 3 ur 2Baßl ©regorS XVI. haben, 
objdjon nur Italiener auf bent Stuhl ffßetri faßen, bocf) eigentlich manchen 
fpanifeßen ober franjößfdjen ober öfterreichifcßen fßapft gefeßen, je nadibem 
mf) eben ber fpanifdie ober ber franjöfifche ober ber öfterreidhifdie Ginfluß 
bie Garbinäle, bie fid} jum Gonclaoe oerfammelten, unterthan gemacht 
batte, ©iefe Grfcßeinung jeigte fid) aud) 1846 bei ber Söaßt fßiuS’ IX. 
damals war SDefterreicß noch eine SJfadjt, bie ßeroorragenbfte fDcacßt in 
Italien, mächtig nicht nur burdj ben eigenen 23efifc, burdj bie ßerrfcßoft über 
bie Somharbei unb 2?enetien, fonbern auch baburd», baß bie SSerwanbten 
unb Greaturen be§ Kaufes ^abSburg auf ben ©ßronen fßarmaS, -DlobenaS, 
SoScanaS faßen, baburcß auch baß bie fßolitif beS dürften flietternicß 
nidßt nur baS Königreich beiber Sicilien, fonbern auch ben Kirdjenftaat be* 
herrfdßte. GS mußte alfo bie Sorge DefterreicbS fein, baß fein Garbincrl 
auf ben ©ßron fäme, ber ben nationalen ©enbenjen in Italien gewogen 
roäte, oielmeßr einer, ber in ben Saßncn ©regorS XVI. ginge. Solch 
ein fllann märe ber StaatSfecretär beS oerftorbenen fßapftes, ber fenftere 
unb ftarriinnige Garbinal Sambtufchini, gewefen. Seine 2£aßt fonnte alfo 
auf ben 33eifaH CefterreidiS rechnen, baS, wie es bis jeßt in bem Staats* 
fecretär ein mächtiges SBerfjeug einer antiitalieniidßen unb antiliberalen 
^olitif geßabt halte, ein noch mächtigeres 2Serfjcug ju finben erwartete, 
wenn er fßapft würbe. Unb eben barum hätte bie SBaßl beS GarbinalS 
Rlaflaügerretti, fBifdßofS oon ^mola, oerßittbert werben follen. ©iefer ftanb 


*) Cittä di Castello. S. Lapi cditoTe, 1899. 



60 


Sigmunb IHü «3 tn lüten. 


im Vufe, ein Vtann von liberalen ©eitnnungen ju fein. ®a es in ber 
gamilie Vlaftai, bie in Sinigaglia ihren Sßohnjtfc hatte, no<h manches onbete 
liberale ÜDJitglieb gab, io h ntte fi<h ber fanatifcfje £ambruf<hini ju bem 
Ausfpruche hwreifjen taffen: „gm £aufe 3Jlaflai--gerretti finb fogar bie 
Sinken liberal." SBie hätte alfo gürft 3J!ettemi<f) nicht bie etwaige 2Bahl 
beS ©rafen 5Naftai*gerretti ju vereiteln fud)en follen? ©tüdlicherweife fam 
biefer gar nidjt recht für ben ißapftthron in Betracht. Sambrufchini, bann 
ißaSquale ©ijji, l'egat non gorli, unb Garbtnal Vemetü waren bie ftaupt* 
anwärter auf ben heiligen Stuhl. Vur fchwache Vorbereitungen hotte bem* 
gemäfj Vtetternid) getroffen, um ben Ambitionen 2Jtaftai*gerrettiS entgegen 
ju treten. ©er öfterretdjifcbe StaatSfanjler betraute vielmehr ben Grjbifdfjof 
©aiSrutf von ÜNailanb mit einem Veto gegen Vemetti. ©aiSrud fam ju 
fpät in Vom an, um noch an ber $apftwal)l theiljunehmen. gürft Vt etter* 
ni<h war nun bei bem ©ebanfen beftürjt, e$ hotte in VmS’ IX. ein anti* 
öfterreidnfdjer, nationalitalienifdj gefinnter 9Jtann bie ©iara erlangt, unb 
als folgen gab uch ber neue ffßapft im Anfänge feiner ^Regierung. ©S ift 
befannt, baff ^MuS IX. fe^r balö eine Sdjroenfung in ber Vidjtung 5 ur 
Veaction vottjog. Unb war es auch nicht mehr bem dürften 2Ketterai<h, 
ber halb ftürjte, vergönnt, fid) be§ ^ßapfteS als Aflürten für bie Unter* 
brücfung ber Revolution in Italien ju bebienen, fo ernteten bod) AtetternidjS 
Vadhfolger, fyürft gelix Schwakenberg unb ©raf VuoUSchauenftein, bie 
grüßte ber Umfehr IßiuS’ IX., ber es fo fehr verftanb, ben ©arbinal 
3Jf aftai* gerr etti, ber er früher gewefen, ju verleugnen. 

SBährenb alfo im gatire 1846 bie Verfügung, ft<h in baS ©onclaoe 
einjumifchen, an bie fatholifche fDladit Defterreidh, beren teitenber Staats* 
mann, gürft Vietternidh, ber ©ictator beS europäifeijen ©ontinents mar, 
no<h in hohem ©rabe herantrat, war bie Sachlage im gahre 1878 eine 
wefentlidj veränberte. Rad) bem ©obe SßiuS’ IX. gehörte Italien nur noch 
ben gtalienera. ©er lefete franjöfifche unb ber lebte öfterreidjifche ©olbat 
hatten im fiebenten ©ecenniunt beS gahrhunbertS ben Voben Italiens ge* 
räumt. Unb am 20. September 1870 hotte auch ber Sßapjl Abfdjieb ge* 
nommen von feinem fo lange behaupteten ©itel eines weltlichen gürften 
von gtalien. Vei bem 1878 er ©onclaoe fam alfo näht mehr bie 2BahI 
eines SßapfieS in grage, beffen VunbeSgenoffenfchaft ober ©egnerfchaft mit 
Vüdfidit auf bie ©ntfeheibung rein italienifc^er Angelegenheiten von irgenb 
einer 2ftad)t begehrt ober gefürchtet werben mußte, ©amals follte nur 
mehr ein geiftlidjeS überhaupt ber fatholifchen ©hriftenljeit, ber Statthalter 
©hrifti auf Grben im heften gälte ber Vachfolger ^ßetri, nicht mehr ber 
■Nachfolger eines guliuS II. gewählt werben. ®ie ©efdjühte hotte gerächt, 
worüber ©ante einft in ben Verfen 

Ahi Costantino, di quanto mal fu matre 
non la tua conyersion, ma quella dote, 
che da te prese il primo ricco patre 



Das jutanftige <£onclaoe. 6 { 

geflucht unb was 3Kad^tat>etti all ein ßaupthinbernih ber ©iniguug aller 
3taliener angelegen. 68 gab nur noch einen Sifchof non Rom, es gab 
mehr Beinen Äönig beS ftirdjenftaats. ©ie hefte Politif ber Staaten 
ßuropaS gegenüber ber Sßahl beS SifcljofS non Rom unb beS G^efS aller 
Äatholifen ber 22elt war bie Richteinmifchung in baS Sonclaoe. Unb was 
für 1878 galt, gilt in noch höherem ©rabe für baS gufünftige Sonclaoe. 

Sn Rtontecitorio flog währenb ber testen ferneren 6rfranfung 
8eo$ XIII. baS ©erficht auf, eS wäre fcE>ort oor fahren com 6abinet beS 
QuirinalS mit ben näcfiftbefreunbeten SD7ä<f»ten wegen ber jufünftigen Papft* 
mahl unter banbeit worben. SBie wir allen ©runb haben anjuneljmen, 
waren biejenigen nid^t gut unterrichtet, bie in ber itatienifhen ©eputirtew 
fammer bei ber Regierung oertraulidj anfragten, wie weit bie fdjon non 
ben SRiniftern ®i Rubini unb 9Sisonti=aSenofta mit ben aUiirten Regierungen 
Defterreid>--UngamS unb ©eutfdflanbs geführten Serbanbtungen betreffs bes 
pfünftigen SonclaoeS gebieben wären. ©ie Regierung gab eine auSmeidjenbe 
Sntroort, unb auSweidjenb war bie Antwort beS italienifdjen Sabinets 
barum, weil eS oieHeid)t nidfjt beS Seifalls mancher ©eputirter fidier war, 
hätte eS erflärt, bah eS überhaupt feine Serhanblungen gepflogen, ju pflegen 
Seranlaffung batte. 3tudj in ben fahren, bie bem ©obe piuS’ EL oorarn 
gingen, würbe in einigen Parlamenten, fo in ber italienifchen Kammer unb 
in ber ungartfdjen ^Delegation, bie 3lnfnüpfung internationaler SSerljanblungen 
betreffs ber jufünftigen papftwahl urgirt. 2lber welkes Sntereffe QtalienS 
ftbeifdjte einen berartigen Schritt in Rom ? ©emgemäh ging feine 3nitia= 
tioe ju einem ©ebanfenauStaufdje oon bem Sabinet beS DuirinalS aus. 
Jtoch eher wäre eS an anberen Sabineten gewefen, fid) unter bem ©rüde ihrer 
fatholifdben Untertanen bei $eiten 5« oergewiffern, bah Italien, wenn baS 
Sonclaoe in Rom ftattfänbe, ben 6arbinälen alle Sicherheit garantiren 
mürbe, um bie Papftwahl in Ruhe unb Unabhängigfeit oorjunebmen. 
Snen Sorftoh in biefer Richtung machten einige 6abinete bei ber Regierung 
be* QuirinalS erfi, nachbem piuS IX feinen ©eift auSgehaudjt hatte, unb 
biefer Schritt mar rein formaler Ratur, benn bie Regierenben ©uropaS 
jroeifelten feinen Sfagenblicf, bah Italien gewillt unb fähig fein würbe, bem 
Sonclaoe alle erforberlichen Sicherheiten ju bieten. Italien alfo hatte bamats 
lein Sntereffe, bie grage beS SonclaoeS oorjeitig aufjurotlen, unb hat aut 
heute feines. 

Rieht einmal bie §rage fommt für Italien ernftlich in Setracht, ob 
fit bie 6arbinäle entfeheiben mürben, baS 6onclaoe in Rom ober lieber 
anherhalb Italiens abjubalten. 

®a3 Äönigteich Italien mürbe, feine ©inbuhe in feiner nationalen 
©jiftenj erleiben, wenn ber Papft Rom bauernb oerliehe. SBürben neb 
aber nach SeoS XIII. ©obe bie ©arbinäle, um einen 3lct bemonftratioer 
©ehäffigfeit gegenüber bem SQuirinal ju begehen, oerfucht fühlen, baS Son= 
daoe auherhalb QtalienS abjuhalten, fo fönnte es leicht gefdieben, bah ber 



62 


Sigmnnb müit3 in IDien. 


neue ^ßapft niefit mehr in bie Sage fönte, in beit 3?atican jurücfjufef)ren. 
Sie itolienifrfje Negierung fönitte iE)n leid’t an ber Nüdfefer nach Nom ner* 
hinbern. 63 fehlte aHerbingS nicht riet, fo f)ätte ber gegenwärtige fßapft 
als £tjei[uet)mer an bein 1878 er Gonclaoe, f<fifect)t beratfen iric er anfangs 
war, mitgetjotfen , fold) eine für ba§ Spapftthum fritifd)e Situation ju 
febaffen. 

£at baS fßapfithum baburdft, bafj bie 6 arbittäle fid) bamalS nicht non 
ben unbefonttenen 6 (e»tenten fortreifeen ließen urtb in Nom blieben, rer= 
toren ober gewonnen? ©ewife nur gewonnen! Zer ißapft fleht h eute 
mädjtig ba, troßbem er nicht mehr weltlicher Souverän, fonbern nur hödjfter 
©eiftlicfeer ift, troßbent er nicht mehr als Äönig, fonbern nur noch als 
39ifd)of non Nom im Hatican refibirt. 

$od) nicht nur bas ^apftttjum hätte bauentbe ©efährbung erlitten, 
wären bie ©arbinäle non Nom ahgereift, um ben ißapft außerhalb Italiens 
31 t wählen, fonbern baS Gonclaoe hätte fich anberwärtS feineSwegS mit 
fotdjer Ungcftörtheit uub Sdmelligfeit abgefptelt wie in Nom. ©S ift über- 
haupt hernor 3 ut)eben, baf;, je weniger in neuerer 3 e it bie -Nächte in bnS 
Gonclaoe eittgreifen, bie Üi'obt beS 2>apfteS ficb befto rafcher no^ieht. SaS 
Gonclaoe, aus bem Seo XIII. als fßapft herrorging, bauerte faum breifeig 
Stunben, unb auch bas fomntenbe Gonclaoe wirb wohl eher Stunben als 
Za ge in Nnfprudj nehmen. 

fyreilidj nicht nur bie Gntweltlidjung beS IßapflthumS unb bamit auch 
beS GonclaoeS geftaltet heute bie .^apftwaljl einfacher als früher. 9lu<h 
ber gefteigerte Sßerfehr bringt es mit fid), bafe, fobalb baS obligate ^nternall 
jwifchen bem £obe beS einen fjßapfteS unb ber 21'aht beS anbern oorüber 
ift, bie ©arbinäle aus allen ©egenben ber 6 rbe fdion jur Stelle ftnb, um 
in’S ©onctane ju treten. 33eint 1878 er Gonclaoe war eS fo, bafe fidj audh 
bie außerhalb Italiens lebenben ©arbinäle mit Ausnahme non jrneien an 
ber 3S?af)l betheiligen fonnten. 

6S ift fef)r wohrfd)einti<h, bafe ber i]3apft längft ein £efiament ab; 
gefaßt unb in ihm ben ©arbinälen feinen Nachfolger empfohlen höbe. 6S 
ift Sitte, bafe bie ©arbinäle, an ihrer Spifce ber ©amerlengo, ehe baS 
©onclane eröffnet wirb, Ginblid in baS Seftament beS nerftorbenen ißapfteS 
nehmen. 33ei aller Pietät für ben Gntfchlafenen finb fie jebod) felbft* 
nerftänblich nicht nerpflid)tet, feinen 2 Punf<h als mafegebenb ju betrauten. 
GS ift fd)on norgefommen, bafe bie ©arbinäle einen ißapft wählten, für ben 
ber gerabe 2*erftorbene feine Sympathien hatte. GS ift oieHeidgt auch oor- 
gefontmen, bafe ein Nann gewählt würbe, ber noch gar nicht im 33efifc be» 
^urpurS gewefen, als ber $apft in feinem etwa non längerer $eit her 
batirten Seftament einen ber bewährteren unter ben ©arbinälen für bie 
Nad)fotge empfohlen hatte. 

2Ber wirb, fragt man fidj jefet unb fragen fid) ganj befonberS bie 
Italiener-, ber Nachfolger 2eoS XIII. fein? 35>äre bie Annahme berechtigt. 



Das 3nf änftige <£onclaoe. 


63 


baß ber fßapft ein 2ltter non fiunbert faßten erreichen roerbe, fo fönnte 
man benfen: 3SieQei<$t ift fein präfumptioer SRad^fotger beute nod) gar 
nicht Garbinal. GS ereignet fi<| aber nicf»t häufig, baß Qemanb bunbert 
3af)te alt wirb, ©er jufünftige fßapft ift roobl E)eute feßon Garbinal. 
Sef)r unmabrfcheinlidj, baß in einem morgen ober übermorgen, in biefem 
ober im nädjften ^aßre jufammentretenben Gonclaoe ein Ntann gewählt 
würbe, ber itd) nicht jufolqe mehrjähriger NUtgliebfcbaft am Zeitigen Gotte« 
gium einigermaßen bie ©unft beSfelben errungen hätte. Seo XIII. batte 
bereits 25 3abre ben Purpur getragen, als er 1878 auf ben ^eiligen 
Stuhl erhoben mürbe, unb fßiuS IX. mar bod) menigftenS feit fed)S fahren 
itn Sefiß beS fßurpurS, als baS Sdjidfal ihn, ben oerbältnißmäßig jungen 
Jtirchenfürflen, 1846 mit ber 9!ad)fo(ge ©regors XYI. beglüdte. ÜJian 
barf, roenn man ben Nachfolger beS regierenben fßapfteS in’S Sluge faßt, 
roebet in baS Gptrem »erfallen, nur einem Ganbibaten, ber feßon feit 
Decemtien Garbinal iß, Pachtung ju feßenfen, noefi in baS anbere Gctrem, 
anjuneßmen, es merbe einer fßapft merben, bem beute erfi ber fßurpur in 
SuSficßt fteße ober ber ißn feit geftern ober »orgeftent trage. 

2Bie ber regierenbe fßapft tängft eine beftimtnte ijßerfönlidjfeit als 
Nachfolger auSerfeßen, fo bat fiel» auch jeber einjelne ber Garbinäle feinen 
Siebling Bereits auSgefucßt. So fdimeben benn geroiffe Namen in ber fiuft. 
Die öffentliche Nteinung meift feineSroegS mißfürlicb auf einen fßaroccßi, 
einen Nampoßa bei ©inbaro, einen Serafino SSannuteßi unb manchen 
Snberen als auf ben ma^r f dßeinR dßen ober möglichen Nachfolger SeoS XIII. 
bin. Unter ben Garbinälen finb eS eben ©ruppen, bie jidj für biefen ober 
jenen ermannen. 

3m ^eiligen GoHegium finben bie großen politifchen Gonfücte, bie 
ßuropa unb bie SBelt jert heilen, ein lebhaftes Gcho. $ier giebt es 3n>ei« 
bunb^freunbliche, ©reibunb=feinbli<he, hier giebt es jmeibunb»feinblicbe, 
brei6unb'freunbUche fßapftcanbibaten unb fpapftmäljter. JteineSroegS mit 
Sicherheit fann rorauSgefagt merben, ob beim Gonctane nidbt bie ttnocu« 
föbnlidjen jum Siege fommen merben. 

©er Ginfluß ber Nicßtitaliener auf bie 2Baf»t beS fßapfteS bängt 
natürlich baoon ab, ob fie in mehr ober ntinber großer 3aßt im heiligen 
(Megium oertreten finb. Seo XIII. jeigte bie Neigung, bie Nichtitaliener 
im Vergleich jn ben Italienern nicht allju febr ju benachteiligen. Gr bat 
einer relatto großen 3abl non Nidjtitalienern ben fßurpur oerliebeit. 32äre 
nun ber fßapfl ber ferneren Äranfßeit erlegen, bie ihn im grüßling 1899 
befiel, fo mürbe baS bamalS im ^eiligeit Gottegium ftarf oertretene nicht« 
italienifche Glement ft<h im Gonclaoe gemaltig geltenb gemacht haben. 
DaS 3uni=Gonfifbrium beS 3aßreS 1899 jeboch bebeutete bie Nücffeßr ju 
ber alten ©epflogenbeit, bebeutete eine unerhörte Segünftigung ber Italiener 
unb Senachtßeiligung ber f^remben. Gif neue Garbinäle empfingen ben 
rotben £ut, unter ihnen roaren acht Italiener, ©iefer 2lct eclatanter 

Rot» trab 6ffl>. ZCVI. 286. 5 



64 


Sigmunb ITtäitj tn tPien. 


Qtalianifirung ber Ginne mar ein Qugeftättbnifj beS greifen fßapfteS an 
feinen ©taatsfecretär, ben Garbinal Stampotla, war eine ©eSaoouirung 
jenes ©eifteS auSgleidjenber ©eredjtigfeit, ben Seo XIII. fonft betätigt 
batte, inbem er eS fo oft oerftanb, ficfj nidjt non bem Gf»atu>iniSmu§ 
ber einbeiuüfdjen Prälaten ju einer ju ftarfen Söeuorjugung ber Italiener 
hinreifjen ju laffen. ©egen bie itatienifrfje Gjclufiuität ber Gurie bade« 
ja fo oft oon Sutljer bis auf ©öllinget bie erlaudjteften SJtänner ber flirdjc 
außerhalb QtalienS proteftirt. 9iidjt nur, bafi ber fßapft bem Garbinal 
Siampolla ju Siebe fo oiclen Italienern un b fo wenigen Qremben ben 
fßurpur gab, fonbern es waren noch baju bie ßrforenen beS SeiterS ber 
päpftUcfien fßolitif, bie Seo XIII. ju Garbinälen machte. ©ie in jenem 
Gonfifiorium ben rotten &ut empfingen, finb gröfstentheilS Prälaten, non 
benen fWampoHa anuehmen mag, baff fie iljn einft jum fßapfte wählen 
werben. 

fbtan fann nicht jagen, baff bie Gurie bem 9iufe „SoS »on fRom", 
bet IcineSwcgS eine auSfdilieütid) beittfcf) öfterreicE)ifd)e ©pecialität ijt, bur<h 
ihre fpolitif in wirffamer SEBeife entgegenarbeite, ©ie lebten GarbinalSs 
ernennuttgen fennjeidjnen biefe fpolitif, burd) bie ein epclufio lateinifcher, 
oielleicbt germanenfeinblicher $ug fteljt. Sein einiger ©eutfcher war unter 
ben neuen Garbinälen. Unb bod) finb bie beutfcfjen Staaten mit ihren 
SDUHionen flatholifen mit bem heiligen ©tuljl in engfter 33erbinbung. 
^Beweis beffen bie biptontatifchen ^Beziehungen. ©eutfdilanb als ©efammt- 
reid) hat wohl feinen biplomatifdhen Vertreter an ber Gurie, aber fowohl 
Preußen wie fBaiern haben ihre ©efanbten am fßatican, unb ber fßapft 
hat feinen SRunziuS in S)iünd)en. Qm erjien ©ecennium feines fßontificatS 
hegte Seo XIII. freunbliche ©eftnnungen für bie beutle Station. §eute 
ift ber fßapfl ein Sieunjigjähriger, unb feine fträfte finb im ©infen. 
Garbinal fRampolIa, ber intranftgente, ben ©eutfehen nicht allju gewogene 
©taatSntann ber Gurie, beherrfdjt oielleicht feinen ^errfdjer, ber nicht mehr 
regiert, ©er fjßapft hat, tro^bem in ©eutfdjlanb heute nur ber einige 
Dr. flopp, Qürftbifdjof oon SBreSlau, bem heiligen GoHegium angehört, oor= 
läufig feinem weiteren in ©eutfdjlanb tebenben fürcfienfürften ben rothen $ut 
oerliehen. Unter elf neuen Garbinälen waren jehn Slomanen (8 Qtaliener, 
1 Qranjofe, 1 ©panier) unb ein ©taoe. ©iefeS lebte Gonftftorium mit 
GarbinalS=@rneitnungen fpiegelt bie heutige fßolitif ber Gurie, welche bie 
Stomanen gegen bie ©eutfdjen, fogar bie ©lauen gegen bie ©eutfehen be= 
günftigt. ©ie fDiehrjahl ber acht bamats creirten itafienifdjen Garbinäte 
gelten als intranfigent, als ©efinnungSoerwanbte beS ©taatSfecretärS. ©er 
franjöfifdje unb ber fpanifdje Garbinal, fie werben, wenn es ju einem 
Goticlaoe fommt, ohne Qweifel für fRampolla ftimmen. ©er ©taatsfecretär 
hat alfo gut für fidj geforgt, inbem er feine Sichlinge bem alten fßapft für 
ben Purpur empfaljl. ©ie 14 nidhtitalienifdjcn Stomanen im GarbinnlS* 
collcijium, bie Qranjofen unb ©panier inSgefammt, finb fixere SÖBäljtcr 



Das 5 uFüttf tige <£onclat>e. 


65 


SiampoßaS. 3 U ihnen werben ft<f) bie itatienifdben ^utranußentcn gefeHert. 
SBenn 2co XIII. beute feine Säugen fdjtiefct, fo wiß Stampoßa morgen fein 
Sliadjfolger fein. 

©in 2Bort über ben Mmädjjtigen im Sßatican ! ©en SDiann, ber feit 

breijefjn fahren im $ofe non ©an ©amafo unter ben geograpbifdjen 
gresfen 2Ueranber§ VIII. ba§ biptomatifdje ©piet ber Curie fpieft, bem 
tinji ein Confaini unb fpäter ein 2tntoneÜi norftanb, galten SKiandEje für 
einen feinen &opf, Slnbere für einen 3®toten. ©aS Steufiere beä beute 
57jäbrigen itirepenfürften ift ftattiid) unb imponirenb. ©oef) etwas über* 
fdjroängtidb flettt ©ignor CE)ierici in feiner ©dfrift „Alla conquista del 
Papato“*) ben Carbinal bar als „eine ntajeftätifdje fvigur non fräftigen 
Simen beS Slntli^eS, non fübner Grfcbeinung mit einer breiten ©time, non 
ber ein getoiffer ^errfeberbtief auägebt, mit intelligentem, forfdbenbem, 
funfeinbem 2luge". ©er ©taatäfecretär fei, bemerft ber genannte italienifdie 
tyibticift, geboren ju berrfeben unb äbnie ben Garbinäfen aus betoifeben 
feiten, „©eine Stuft febeint beS SpanjerS, fein ßopf beS Retina ju 

märten. Gr befifct nur einen Gbrgeij: Gr miH Spapft merben. Um biefeS 
fein 3ki J u erreichen, arbeitet er feit fahren mit aller 3‘ibtgfeit unb 
Segabung." Unb weiterS fagt Gbierki non Stampoßa: „©eine ©timme 
bat nerfübreriieb füge Accente, ©urdb einen leidbten mpftifeben ©dbleier, 
ber über feinen Slugen liegt, fprüben Fünfen. Unter ber ©ede beS 2l§= 
leti&tmtö unb ber groben ©utmütbigfeit birgt ficb eine ftolje ©eele, immer 
bereit anjujieben, ju liegen, ju überjeugen, ju unter roerfen." 2Bir haben 
biefe ©orte angeführt, um ju jeigen, ba§ es bem ©taatsfecretär, ber niete 
geinbe bat, nidjt an Serebrem gebrid)t. 

Siampofla ift 1843 in Sßotiäji ©enerofa in ber Sprouinj ^Palermo ge* 
6oren. Gr gehört at$ SDiardbefe bet ©inbaro bem hoben ficitifcben 2Ibet an. 
Gr mar ein Jüngling, ats ber ©turj ber Sourbonen erfolgte unb ©ari» 
6atbi baS fanopfdbe Sanner in SfJatermo aufpflartjte. Siom betrieb er 
feine tbeotogifeben ©tubien. Gin ©djutgenoffe SJampoßaS nont Goßegto 
Capranica erjäblte, man hätte ben unenbtidb fteiftigen ©icitiauer eher für 
febroerfättig at§ für genial gehalten. Gin junger SDJann non 32 fahren, 
mürbe er Stubitor ber Stunjiatur in -Utabrib. SSenige ^atjre barauf feben 
mir ihn als Slunjiuä bafetbft. 2ttä foteber pftüdte er mandien Sorbeer. 
Gr machte feinen Ginflujj gettenb, bie potüifdjen Parteien ©panienä mit 
einanber auSjuföbnen unb ber gegenmärtigen ©pnaftie günftig ju ftimmen. 
Gr bewährte fidb audb als ©iptontat, als ber Spapft bei bem ©treit jmifdben 
©eutfdblanb unb ©panien betreffs ber Garotineninfetn jum ©cfiiebe- 
ridbter aufgerufen warb. 1887 ernannte ihn Ceo XIII. nad) Garbinat 
Subonko QlacobiniS ©obe jum ©taatsfecretär. ©ie Slidbtung, bie Siam» 


*) Vogliera Editore, Roma, 1898. 


5* 



66 


Sigmunb irtüti3 in IDiett. 


potin in biefer hohen (Stellung nahm, ifl, rote ermähnt, allen nictit ftamfdjen 
nnb nichtromanifdjen Staaten unb and) bem romanifdjen Staate Italien 
fo wenig genehm, bah bie Garbinäle burcfi bie 2Bahl beS gegenwärtigen 
StaatSfecretärS jum Sapft eine gegen biefe ÜDtädjte unb inSbefonbere gegen 
ben ©reibunb gerichtete £tjat begingen. Sterben bie Garbinäle eS auf fidj 
nehmen, eine ®eutfd)lanb, Defterreidj-Ungam unb Italien, aber and) baS 
Italien befreunbete Gnglanb oerlehenbe SLßaljI ju »ottsieben? — Garbinal 
SampoHaS Säume ragen beute ^od), allein werben jie barum audj in ben 
Fimmel waebien? £)urcb baS 1899 er Gonfiftorium ift er 3 um Sapabile 
eniporgerüdt. ©od) ein Sprichwort lautet: „Esce dal conclave cardinale, 
chi yi entra papa“. (2Il§ Garbinal oerläfjt baS Gonclane, wer als ipapft 
in baSfelbe eingetreten.) GS ift »ietteidjt unroabrfdbeinlid), bah SampoHa, 
ber aus bem 1899 er Gonuftorium fo zu fagen als ißapft b era °rging, 
auch als foldjer baS Gonclane nerlaffen werbe. 

Sampotla ift, wie bemerft, feit breijeljn fahren Garbinal, alfo non 
Seo XIII. creirt worben. ©ie Garbinäle, bie noch non Sutio IX. ben 
Surpur empfingen, finb bis auf brei tobt. ©iefe brei erfreuen ft<h be= 
fonbercr Autorität, ba fie fäjon an einer ißapftwabl tbeilgenomtnen. 
©ie Garbinäle ©regorS XVI. finb längft babingeftorben. ©ie Gminenjen 
aus ber 3eit Sius’ IX. ftnb bie jwei Italiener Dreglia bi San Stefano 
unb Sarocdii, bann ber Sole aus ©eutfdjlanb ©raf SebocbowSfi. ©ie 
jwei Sefstgenamtten lenften beim 1878 er Gonclane je eine Stimme auf 
fidj. GS gab brei SBahlgänge, unb eS ift burd) Signor ©e Gefare be- 
tamt geworben, bah SebodjowSfi in ben beiben erften, Sarocdji iw 
jweiten Sßahlgange eine Stimme befam. 2BaS ben ©rafen ßebodjowSfi 
anbelangt, fo ift er nun ein alter föerr — ein SJiann non 78 3aljren. 
©o<h biefer S°^ e ift ein ^actor, mit bem gerechnet werben muff. Gine 
Sonne foH ihm prophezeit haben, er werbe Sapft werben, baS ©löcf erleben, 
ben alten Königsthron non Solen wieberhergefteHt ju fehen unb baS 
&aupt beS SotenfönigS ju falben. SiS jur Seftauration ber polnifdjen 
Krone ift eS noch fe^r weit. ©ie Strenge, mit ber ©eutfchlanb unb 9tuh s 
lanb ihre S°i«n behanbeln, beutet gerabe nicht barauf, bah «tue etwaige 
polnifdhe KönigSromantif in abfehbarer 3 e it auf GrfüHung rechnen fönne. 
Such jum Sapft wirb Sebodjowsft nicht gewählt werben. ©och hat fidj, 
bie Stopheseiung betreffs feiner S er )" on einigernta|en erfüllt. Seit jefjn 
fahren nämlich ift SebodjowSfi als ^ßräfect ber Congregatio de Pro- 
paganda fide eine 2lrt Sßapft neben bem Sapfte. GS giebt brei Säpfte, 
genannt nach ber f^arBe beS KleibeS, baS ein jeber trägt: einen weihen, 
ben wirtlichen Sapft — einen fchwarjen, ben ©eneral ber Qefuiten — unb 
einen rotfjen, ben Srtifccten ber S^opaganba, ber eben als Garbinal in 
rotl)er Kredit einhergeht. Unb warum man ben Stäfecten ber Stopaganba 
als eine 2Irt Sapft an Stacht anfieht? SBcil fich eine Stenge Sefugniffe in 
feinem Stmte concentriren, baS im Sahnten ber !ird)tid)en 9Beltfjerrf<haft uw 



Das äufünftige <£onctace. 


67 


gefäbr bie ©teile einnimmt, wie baS britifdje Gotoniatminifterium im 9t ahmen 
bet britifdien. ©ie Propaganba ift bie Centrale für baS gattje ÜJZ i f fionöroefen. 
SU Chef bet Propaganba l»atte Sebochorosfi fo reiche ©etegenheit SJBohl 5 
traten auSjutheilen unb Protectionen ju gewähren, ba& et niele Clienten 
jä^lt ©aS nädjfte Gonclane fönnte ifitn bemgemäj? metjr als eine ©timme 
bringen, nielleidbt jwei, nielleid)t gar brei ©timmen. 

9lber nur fpmptomatifchen 2Serth bat es, wenn auf einen Pidititatiener 
Stimmen fallen. 2lu<h SeoS XIII. Padh folget wirb oljne gweifcl ein 
Italiener fein. ©odj ignorirt fott eS nidft werben, bah ber eine ober 
anbere Süd^titaliener bei ber Papftwaljl wenigftenS afabemifdj in Petradjt 
fommen fönnte. SBar ja auch beim lebten Gonclane ©raf SebochowSfi 
feitteSroegS ber einzige Pidjtitaliener, beffen Paine in bie Urne geworfen 
warb, äudj §ürft ©dhwarjenberg, ber mittlerweile nerftorbene Grjbifcijof 
»on Prag, erhielt im britten 2Bablgange, aus bem pecci mit 44 ©timmen 
aU papft bernorging, eine ©timme. Qm nädjften Gonclane bürfte baS 
Princip, baf* bie ©iara, wenn auch feit faft nier Sahrhunberten nur 
Italiener ju Päpften gewählt würben, nicht non ©ogntaS wegen ein 
italieitifdjeS Ptonopol fei, ftärfer marfirt werben, als im Sabre 1878. 
Seicht möglidh, bafc aufjer SebodjowSfi, ber unter ben Pidjtitalienern bie 
größte Autorität ift, auch hie Garbinäle ©ibbonS non Paltimore, ©ooffenS 
wm Pleueln unb Paughan non Sonbon burch nereinjelte ©timmen geehrt 
werben. 

Sßir fagten eS fdjon: Srn 1878er Gonclane fiel im jweiten 33af)ts 
grntge eine ©timme auf patocdji. ©iefer war bamals faft ein Jüngling 
unter ben Garbinälen, beren Ptehrjahl ja ©reife finb — ein Ptann non 
taum 45 fahren, .fjeute ift er 67 Sabre alt, unb fein Penommbe ift 
feiger ftarf geftiegen. Gr figurirt unter ben Papabili. Gr ift fojufagen 
her officieUfte, ber monumentatfte Ganbibat auf bie ©iara. Gr macht feit 
länger als bie anberen Papabili non fidj fpredien. Gr ift ein Ptann non 
uidjt gewöhnlicher Pegabung. Gr hat fi<h als Pebner, als Pubticift, als 
Polititer, als ©treiter ber Äirche, juerft als liberaler Prälat, bann als 
Siheralenbaffer unb Gulturfämpfer bernorgetljan. ©ie berben ©eficbtSjüge 
S>eS GarbinalS beuten auf bäuerliche ^erfunft. Gr ift ein Ptüüerfohn aus 
SUantua. Gr, ber eines ©ageS jum führet ber naticanifcfjen GyaltaboS 
aufrücfen foHte, ftanb einft, als er noch Pfarrer im Ptantuanifdjen war, 
im Stufe, ein aufgeflärter Ptann ju fein. S n fcbwungooHer ©pradhe 
legnete er bas italienifdje Paterlanb, „ein Sanb ber gelben, eine Heimat 
^ ^eiligen, einen ©egenfianb beS PeibeS ber SBelt". Gr fegnete ben 
»generöfen itönig" Pictor Gmanuel unb bie bürgerliche ©efeUfd^aft mit 
wa Ginridhtungen. ©er Pfarrer anancirte jum Pifchof non paoia; ber 
«ifchof anancirte jum Grjbifchof non Pologna. Pon bem Gräbifcbof burfte 
man fagen: Quantum mutatus ab illo. ©ie jetotifdbe Äritif, bie er 
an her häretifdhen ©chrift beS Philofophen Slubifio „Ucber bie politif<he 



68 


Sigmtntb IU ii 113 in IPfett. 


unb religiöfe ©efeüfdjnft anQefidjtä beS Tteungetinten SahrbunbertS" geübt, 
batte ibm bett 2Beg jum ^erjett SßiuS’ IX, geebnet, bet ibn int Sabre 1877 
jum Garbinal ernannte. ®a ber intranfigente Srjbifibof non ^Bologna nicht 
baS Gyequatur non ber ^Regierung beS DuirinalS betommen tonnte, berief 
ibn ber Sßapft als Garbinal an bie Gurie. Sparocd)iS CS^rgeij begnügt fi<h 
ntd)t bamit fuburbicanifcher 33ifchof »on Sßorto unb Santa SRufina unb 33ice* 
bopen beS heiligen GottegiuntS ju fein. SRidjt einmal, baff er Garbinal* 
oicar »on fRotn, als ber er bis »or Jturjem fungirte, alfo, fo roeit baS ®e* 
biet ber einigen Stabt reid)t, ein SBicepapft mar, tonnte ihm genügen. Gr ftrebt 
Roheres an. Gr mirb itdb mit SBemufjtfein unb 3u»erftd)t als Ganbibat 
311 m Gonclane in bett SBatican begeben. Slber er f>ot bod), rcie »iel man 
ihn auch canbibiren mag, mie febr ihn auch einige nicht italienifdbe 
Garbinäte protegiren, feineSroegS 3 U grobe 2luSficht, ben ©ipfel feines Ghr* 
geijeS ju ertlimmen. Schon fein materielles 9luSfeben, feine umfangreiche, 
gerabeju abnorme Seihlicbfeit mirb ihm »on Schaben fein. 9Ran ift auch 
nic^t fi<ber, ob er, menn er au<b in ben lebten fahren conctlianter geroorben, 
baS 3 eit 9 habe, für bie fachliche Gntfcbiebenbeit bie ebelfte fform, für ben 
träftigften ©ebanfen ben befdjeibenften SluSbruct, für bie $üHe ber Ueber* 
3 eugungen baS liebenSroürbigfte 9Rafj ju finben. SBentt er bei hoben 
ftirebenfeften unter bem 99albadbin heilige Functionen »ollbringt, fifct er 
ftarr unb regungslos mie ber dies irae ba, unb fein gan 3 eS Gmpnnben 
febeint fid) in ben feftgefdjtoffenen trofcigen Sippen 3 ufamuten 3 ubrängen. 
®ie ihm eigenthütnlidje Gnergie thaut aud) unter bem Ginfluffe ber Religion 
nicht auf, bie ja fonft ben ftählernften 2Rann bemüthig unb liebe» oll 
ftimtnt. 

Sßiet genannt als 2lnmärter auf bie £iara ift Garbinal ©etafino 33annutetti, 
fuburbicarifcher 33ifdjof »on graScati, heute ein 9Rann »on 66 Fahren unb 
feit nierjehn im Sefitje beS SpurpurS. Sh m feftreibt man relati» liberale 
Slnfidjten 3 U. Gr gilt als ein »erföhnlichet, einen modus vivendi mit 
Italien anftrebenber Äirdjenfürft. 2ßaS ihm bei feiner Ganbibatur ernftlidj 
fchaben tonnte, ift ber Umftanb, bafj auch fein um roenige Sabre jüngerer 
33ruber Sßincenjo Garbinal ift. Unb es gilt als uaheju geroife, bah, menn 
Serafino Sßapft mirb, er feinen Sruber juttt StaatSfecretär macht. 2lu<h 
benjenigen nun, bie fich für Serafino 3 U erroärmen »ermöchten, tonnte 
es nicht opportum erfcheinen, bie ganje Gurie fosufagen ber Familie 
35annutetti auS 3 uliefem unb auf biefe Süeife ein neues SRepotentbum ju 
etabliren. SßincertjoS Setrauung mit bem ©taatsfecretariat hätte barum 
33ered)tigung, meil er als iRunjiuS biplomatifche Grfahrungen 3 U fammeln 
©elegenheit hotte. Gr mar, ehe er Garbinal mürbe, Sßertreter beS SßapfteS 
am Siffaboner &ofe. Serafino bat eine noch größere biplomatifche 23er* 
gangenheit. Gr mar juerft SRunjiuS in SBrüffel unb bann in Sßien. ©a 
er »on ben fragen feiner SBirffainteit am öfterreid)ifd)en $ofe ein gutes 
Sffnbenten in Süden jurüdgelaffen hat, fo mürben fich bie Garbinäle Defter* 



Das jufunfttge <£oncta»e. 


69 


rei<h=Ungarn3, oier an Saty, feinet (Strebung gewogen jeigen. £u biefen 
oier würbe ndj wohl als fünfter ber gürftbifefeof non ©reSlau Garbinal 
flopp gefeiten, ber als ©emäfeigter weit befannte ©ertrauenSmann flaifer 
SBilfeelmS. Auch ber greife Garbinal S?ebo<fjow§Ei, ber ju flaifer SCBilfjetm II. 
ein ungleich beffereS ©erfjältnife tiat, als es ju Sßilhelnt I. gewefen, ber ihn 
rcährenb beS GutturfampfS feiner ©teile als Grjbifdjof non ©ofen entfette. 
Bunte nieffeid)t ber beutfcfjen ffteicfeSregierung ju Gefallen für ©erafino 
©annuteffi eintreten. AnberS ber beutfefee Garbinal ber Gurte, ber ©aier 
AnbreaS ©teinhuber. tiefer gehört bent ^efuitenorben an unb füF)It fl<h 
mehr ftefuit als ©eutjdjer. ®er Umftanb, bafe ber Drben SopolaS, bem 
jfürfi ©iSmard bie Stiore ®eutfchlanbs gefdjloffen, trots aller Anflrengungen 
bei ben fftochfolgern beS eifemen flanjlerä, bei bem ©rafen Gaprioi, 
bem dürften ^ofjeutofje unb bem ©rafen ©ülow, nidjt bas Stecht 
ber Aieberlaffung in ®eutfdjlanb erlangen fonnte, ftimmt bie 3;efuiten 
beutfdjfeinblid), unb biefe ©efinnung wirb auch beim Gonclane jum Aus* 
brude fotnmen. ©elbftoerftänblich finb bie Sefuiten, im ©eifte ber ©e* 
tljätigung ihres DrbenS roährenb ber lebten breifeig Safere, auch entfcfjiebene 
S-iberfadjer einer AuSföhnung beS heiligen ©tuljls mit Italien. Gine 
Ganbibatur ©erafino ©annuteffis würbe bemgemäfe non bem in ber flirdje 
mächtig baftehenben Drben fo offen befriegt werben, wie eine foldje Slam* 
potlaS begünftigt würbe. 

®ie ©rüber ©annutelli finb ©ohne ber (ateinifdjen ©erge, beibe in bem 
Keinen Drte ©enajjano in ber ®iöcefe non ©aleftrina geboren, ©erafino 
fennt bie S5?elt. Gr feat mancher Herren Öänber gefefeen unb unterfdjeibet 
it<h barin norttjeilfeaft non gewiffen römifcfien ©rälaten, bie nidjt über bie 
oäterlidje ©«hoffe hinaus gefommen. ©iebt eS bodj fetbft im GarbinalS* 
coffegium eine Anjalff foldjer glebae adscripti, bie faum über ben ^orijont 
ber rötnifefeen Gampagna htitouSgefefeen. 3n jungen ^ah^n fdjon war es 
©erafino ©annutelli gleichwie einft bem ©rafen SJtaftai^erretti, fpäterem 
pus IX., bef hieben, in ben amerifanifehen ©rooinjen ber fpanifchen 
Gioitifation für ben ^eiligen ©tuht ju wirfen: juerft als Aubitor in 
Atepico unb bann als apoftolifdjer ®elegat in Gcuabor unb ©eru. $n 
fpäteren Sohlen fehen wir ihn als UiunjiuS am ©rüffelet £ofe. damals 
regierte ber liberale $rbre=Drban, ber ben ©taat im Allgemeinen unb bie 
©chule im ©efonbem ber ©ormunbfehaft ber Äirdje entwinben wollte. $>ie 
belgifdje Regierung hotte bie bem Gabinet feinbliche ©olitif ber Gurie offen 
als jweibeutig fligmatifirt unb fchidte bem ffiunjiuS bie ©äffe ju. ®iefer 
fam 1880 als fftunjiuS nach SBien. £ier war er 3^uge jweier für ihn 
feljr unliebfamet Gpifoben. Gr mufete es erleben, wie flönig Kunibert non 
Italien einen freunbiiehen Gtnpfang am SBiener £ofe erfuhr, unb bann, 
tote ber gefdjmorene geinb ber Gurie, ber ffJtinifterpräfibent gröre=Drban, 
als ©egleiter beS flönigS ber ©eigier in SBien ecfcEjien. Gs mar aus An* 
\afe bet ©ermähtung beS Äronprinjen ffiubolf mit ber betgifehen flönigStochter 



70 


Stgmnnb IHun3 in IPien. 


Stefanie, bie unter (Zeremonien unb fyeftlidjleiten ftattfanb, bei benen ber 
für} }u»or au§ SBrfiffel weggejagte 9Jun}iuS mit feinem einftigen Reiniger 
}ufammeutreffen mußte. — 23ergeblich bemühte fi<h SSannuteHi in Sßien, bie 
öfterreidnfch'-ungarifche Atonardjie non ber 23abn ber Annäherung au ben- 
jQuirinal abjubringen, bie }um Abfchluffe einer Attianj mit Stößen führte. 
Dod) baS ©ebaben beS ÜJlunjiuS mar, nienu er auch ex offo gegen bie 
Allian} intriguirte, fonft mafuoll, unb ©vaf ßalnoftj, ber Seiter ber ans* 
wärtigen $olitif, bette fidj nie ernfttid) über ben Vertreter beS ißapfteS }u 
beftagen. Dem Gtjarafter beS SarbinalS, beffen gan}eS SBefen SQtafj atfimet, 
entfpridjt auch fein AcufscreS. Serafino 23annutelli ift eine fdjöne elegante 
Stfdjeinuitg. Sr ift ein 9)?ann ber 2Mt unb bewegt fid) gern in ber ©es 
fellfd)aft ber am SBatican accrebitirten fremben Diplomaten. So trägt er 
bei, baS AuSlanb feiner ißerfon günftig }u ftimmen. SS ift non ihm he* 
bauptet morben, er würbe, wenn ber ^eilige ©eift ihn aus ben „fieb}ig 
Aelteften" ber ßirdje auSwäbtte, ben 9Jamen Siemens XV. annebmen. 
Der 9tame Siemens wäre ein Programm. Der ießte ißapft biefeS SRamenS 
bob ben Sefuitenorben auf. Die 3Kilbe unb 2)iäfeigfeit Siemens’ XIV. bat 
Sanooa in }wei weibiidjen Figuren an bem ©rabmäi biefeS ißapfteS in 
ber Jtirdie Santi Apoftoli in 9lom uerewigt. Die SBabt Serafino SSannutettiS 
}um SPapft wäre wobl bem Sefuitenorben wenig genehm, unb barum wirb 
fie auf Sdjwierigfeiten ftofen. 

5Ro<b weniger fönnten ft<h bie ^efuiten mit ber Srbebung beS SarbinalS 
Sapeceiatro, Sr}bifhofS non Sapua, abfinben. Diefer ift baS ebelfte 
unb geiebrtefte Sientent unter ben Staiienern im Ijeiligen Sollcgium. ©r 
wäre ein Sbealpapft. Sr ift aber beute ein alter 2Jtann »on 77 Sabren. 
Dies freilich fönnte ibm in ben Augen mancher Sarbinäle gerabe nfifcen. 
Denn wenn bie ©egenfäfce unter ben Parteien unb SBäblern }u butt aufs 
einanberftojjen, einigt ftd) vielleicht bie 2Jfebrjahl auf einen ©reis, in ber 
Annahme, er werbe nur ein UebergangSpapft fein, bureb feinen balbigen 
Dob ein neues Sonclaoe unter geftärteren SSerbäitniffen betbeiführen unb 
einem anberen Sßapft ?|ßlah machen. Sapeceiatro ift unter ben italienischen 
Sarbinälen ber »iertältefte. Der 89 jährige Senebictinermönch Setefia, Sr}* 
bifchof non Palermo, fontmt für eine fßapftwabl nicht mehr in ©rwägung. 
Der 79 jährige ©ateati, Srjbijcbof non Slanenna, ift in gfolge eines Schlag* 
anfalls leibenb. Der 78 jährige SKocenni, 33if<hof ber Sabina, Abt non 
ff-arfa unb 5ßerw alter beS DboluS beS heiligen fßetruS, ein etwas fnauferiger, 
gefprädjiger, unruhiger, brummiger Sßrälat, ift mehr 2Jtittelpunft beS 
ÄtatfcheS unb ber Anelbote, als etwa ©egenfianb beS 9tefpectS feiner 
Sollegen. Sr bat feine $ufunft mehr unb eigentlich feine Stergangen* 

beit. Durch }ebn Sabre war er Subfiitut beS päpftlidien Staats* 
fecretärs, juerft beS SarbinalS Subonico Sacobini, bann 9tampoHaS. Um 
}wan}ig Sabre älter als ber gegenwärtige StaatSfecretär Seiner ^eiligfeit, 
ift er hoch ein Stern, ber »on ber Sonne SRampoIla fein Sicht borgt. 



Pas 3 ufünfttge <£oitcIai?e. 7 \ 

Men biefem ift er ber eingtge ©arbinal, ber im SSatican tuoEjnt. ©r 
fircbt bie ißapftfrone nicht an, intereffirt fi<h aber bafür, bah Siampolla 
fte erlange. 

Sleibt nur, falls bie ©arbinäle aus Opportunismus unb in ber 
Hoffnung, balb roieber in'S ©onclane ju sieben, einen alten 2ttann mähten 
rooilen, ©apecelatro übrig. Die Qefuiten regnen aUerbingS nidbt mit ber 
SJiöglicbfeit feiner 2Bal)l. Doch nicht bas 2llter allein fefcen biejenigen, 
bie feine ©rbebung auf ben heiligen ©tuhl befürchten, an ihm aus, fonbern 
fte bid)ten ihm auch «n, bah er ein „Qettatore" märe. ^fcttatore ift ein 
aus bem fübitalienif<ben Slberglauben hetauS gefdhöpfter begriff unb beifit 
fo tuet wie „UnglüdfSbtinger". Qemanb brauet nur jroeimal eine Keine 
Ungefcf)icflicE)£eit begangen ju h^ben, unb er toirb leidet als ein Sttamt ber 
Settatura, beS SBerhängniffeS, ausgegeben. ©S mürben fich roobl int 
©arbinalScoHegium fbiänner finben, bie ben 5Jtuth hätten, biefem unmürbigen 
SSorurtheile entgegenjutreten, raenn ©arbinal Gapecelatro canbibirt mürbe, 
©r ift einer ber mafsnotlften unter ben ßirdljenfürften Italiens. Gr ift ein 
Patriot, ber ben Ausgleich jroifdhen ©urie unb Italien miß. ©apecelatro, 
gegenwärtig auch SMbliothefar ber heiligen römifdhen Kirche, ift heute einer 
ber berühmtejten ©dhriftfteßer innerhalb beS KatljoliciSmuS. ©ein 2Ber£ 
„Die ^eilige Gatharina unb baS ißapftthutn ihrer ßeit" ift in niete 
Sprachen überfe|t morben. ©r ift auch ber Söerfaffer eines SBudjeS „9teroman 
unb baS engtifdhe Oratorium" unb eines anberen. „©tabftone unb bie 
SBirfungen ber naticanifdhen Decrete". Gr mar auch in ber ^ßotemi! gegen 
StnberSbenfenbe nie ju heftig, ©apecelatro bürfte aber gerabe barum, roeit 
er fein politifdher Kämpfer ift, nicht niel Anhang bei ber SRehrjaht ber 
italienifchen ©arbinäte finben, bie eben ju großem Dheil ißolitifer unb noch 
baju mit Vorliebe intranfigent ftnb. 

©ine rceit politifdhere SRatur ift ©arbinal ©oampa, ©rgbifdhof non 
Bologna, ein in ber norberften 9teihe ber fpapabili genannter Kirchenfürft. 
ffienn ©apecelatro ajtandfjem für bie Diara ju alt fdfjeint, fo fefet man an 
bem 49 jährigen ©nampa roieber bie Qugenb aus. ©r ift ber jüngfte unter 
allen italienifchen, ber jroeitjüngfte unter allen Garbinälen überhaupt. 
SMhtenb ©apecelatro, burdh unb burch Patriot, in bie gegenroärtige ©in* 
heit Italiens fefieS Vertrauen fefct, fnüpft ©nampa an eine längft ner* 
gangene ©poche an, in welcher nielfach ber ©ebanfe nentitirt roarb, ber 
fßapft möchte an ber ©pifce ber weltlichen dürften Italiens ftehen. 2BaS 
einft ber 2lbbate SBincenjo ©ioberti wollte, bah Italien ein ©taatenbunb 
märe unb bah ber Sßapft baS fßräfibium über bie nerbünbeten ©taaten 
innehätte, baS miß ©nampa nielleicht nodh h eute - 

©nampa h«t übrigens wie ffkroedhi bie für einen fßapftcanbibaten 
wenig northeilhafte ©igenfdhaft, fehr fettleibig ju fein, unb fie Seibe gelten 
nidht als ganj gefunb. SBeber bem ©inen nodh bem 2lnbem bürfte 
fein SKeuhereS ju ©ute fommen. SBenn aber ©iner non ihnen bodh gewählt 



72 


Sigmunb mü 1x3 in IDien. 


würbe, fo würbe ber Nachfolger jebenfaHS feljr abftedjen oon ber ätfjerifdjeit 
Grfdbeinuug SeoS XIII., ber mehr ©eift als Körper ift. 

©oantpaS Ganbibatur muß übrigens nod) im 3 u fonttoenbange mit 
einem wunberlidjen Moment angefeben werben. giebt eine ^ropbejeiung 
auS bem 12. ^abrljunbert, bie bem ^eiligen 2Madjia, Grjbifdbof oon 
Slrmagb in Qrlanb, jugeidjrieben wirb, berjufofge, bcoor Nom in 
krümmer finfeit werbe, noch eine Sinjabi Päpfte auf bem ©tubl ?ßetri 
fißen werben, bie unter gerotffen ©gmbolen angeführt werben. „Lumen 
in coelo“ (Sicht am Fimmel) beutete man auf Seo XIII., weit bie fjamilie 
Pecci, aus welker ber tßapft beroorgegangen, einen ßometen im SSappen 
führt. ©ann werbe, fieigt eS, ein „Ignis ardens“ (ein brennenbeS fyeuci) 
aufgeben. ©aS SBort „Svampare“ nun bebeutet „lobem". 2Ufo hätte 
©uantpa auch non biefer fpmbotifcbcn ©eite b^r mandje Gbance. 

©ie Sifte ber papabiti ift mit Nampolla, paroccfß, ©erafino 93annu= 
tetti, Gapecelatro unb ©oampa fcineSwegS erfdjöpft. älud) Garbinal ©otiti 
wirb in neucfter 3eit riet genannt. Gr ifi ein figurier non ©eburt. 
Sigurien bot ber fiirdje nicht niete päpfte gegeben. 3 n, uierbin fann eS fich 
Julius II., eines ber größten Päpfte, rühmen, ©otti ift Garmeliter, 
a3arfüfjer-3Jtönd). ©ein Nater war, wie ©e Gefare wiffen will, ein 
gacd)ino, ein Saftlräger aus Serganw. 

©otti wäre als ©o()n befdjeibener 9lbftammung feine »ereinjefteGrföbeinung 
unter ben Garbinälen. GS giebt gegenwärtig im heiligen Gottegium überhaupt 
nidht SSiele oornebmfter 2lbfunft. ©er 2lbel ift nid)t ftarf oertreten. GS wirb 
angenommen, bah ©otti in manchen ©ingen mit Natnpolla übereinftimme. 
Gr b“t aber einen 33orjug, ber ihn oielen Garbinälen fpmpatbifdier wirb 
erfdheinen taffen, ©otti ift nidjt ber profeffioneHe politicien wie ber gegen» 
wärtige Söeratljer ©einer £>eitigfeit. 2 tud) weih er mit feinen ©efinnungen jurüd* 
jubatten. ©otti fpricht nidit riet, ganj im ©egenfafce ju ParocdE)i, ber nach 
Popularität jagt. Qm ©egenfaße wieber }u Nampolta, ber nicht ju reiche wiffen» 
fcbaftlidhe unb titterarifdje ßenntniffe befiel, 3 ät)lt ©otti gleich wie parocdn 
311 ben Garbinälen oon höherem 2Biffen, wenn er fidb auch feineSwegS etwa 
mit einem Gapecelatro meffen fann. ©otti f)at fidb bouptiädhlidb mit 
SDfatbcmatif unb Pbpfif befdbäfttgt. — Gr ftebt heute im 67. SebenSjabre, 
ift nur um ein ©eringeS jünger als Paroccbi unb um ein ©eringeS älter 
als ©erafino SknnuteUi. 3n biefem 3lugenblicfe ift er oiclleidbt ber wahr» 
fdjeinlicbfte Anwärter auf ben heiligen ©tuljt. 

2 ßir hoben unter ben Papabili audj 3 wei italienifdbe Prooinjbifdiöfe 
genannt: Gapecelatro in Gapua unb ©oampa in Bologna. ©0 oiel Neib 
unb Giferfudbt pflegt 3 roifchen ben in Nom refibirenben Gntinen 3 en, ben 
fogenannten Garbinälen ber Gurie, oorbanben 3 U fein, bafj bei ber Pap ft» 
wähl nidbt feiten ein mit bem Purpur gefdhmüdter prooittjbifc^of Italiens 
ben ©ieg baoonträgt. piuS IX. war 23ifd)of oon i^tnola, Seo XIII. 
Sifdhof oon Perugia, als fie bie ©iara erlangten. 2ßer möd)te bie 3Rög» 



Dös 3uf ü nf t ige <£onclaoe. 


73 


lidjfeit leugnen, bafj auch bei ber nächten ^apftwaht baS SooS auf einen 
ber ißrootnjbifcfiöfe ^ftaltcii^ falle? 

©er ©ob fyit bereits manche Sprophejeiung in ^Betreff beS Nachfolgers 
SeoS XIII. Sögen gefiraft. ©in norfichtiger 3Jtann wirb alfo, wenn er non 
bem jufünftigen ißapft fprid)t, nicht prophezeien, fonbern nur Neftepionen 
über fUJöglidhfeiten , im beften gaße über 2BafjrfcE)einIicf)feiten anjießen. 
SKr haben bie wahrfdjeinticbften ©anbibaten genannt, bie tarnen ber nur 
möglichen gröfjtentheils unterbrüdt. 2Sir müßten fonft anbertljalb ©ufcenb 
unter ben ©arbinälen anführen. SBir nannten unter ben Sßapabili einige 
wenige, beren Namen in 2IHer Stunbe ünb. Seim testen ©onciane wählten 
bie Garbinäle aßerbingS einen, bem mancher fluge Italiener bie ©iara 
norauSgefagt hatte. ©ie 2Bahl SecciS war feine Ueberrafdjung. $n bem 
©onciane jebodj, baS 32 ^ahre früher ftattgefunben, wählten bie Garbinäle 
einen Stann, in welchem Niemanb ben jufünftigen ^apft gefeiert hatte, 
©ie SSSaht Staflai-^errettiS war eine ungeheure Ueberrafchung. 

2Ber nermag bemnach heute ju fagen, ob es ein bereits nielgenannter 
ober ein noch im Hintergrunbe ftehenber ©arbinal fein wirb, beffen 
Name fiegreich aus bem nädhften Gonclane hemorgehen biirfte? "SDer ehr* 
geijige ©hrjbifdjof non Ntailanb wirb es nicht fein, ©arbinal Ferrari hat 
roieberljolt, inbem er mit ben h^auSforbernbften Seteibigungen gegen bie 
Staatsgewalt hernortrat, feinen priefterlichen Seruf gerabeju nerleugnet. 
m im Stai 1898 bie Nenolte in Stailanb auSbrach, war ber Nachfolger 
beS heiligen NmbroftuS nicht einmal jur ©teile, um bie erregten ©emüther 
bnreh etn milbes Hirtenwort ju befänftigen. Unb hoch weilte er in feiner 
©töcefe, nur wenige Steilen non Stailanb. ©et ißapft tiat ben Garbinal 
bur<h ein an ihn gerichtetes öffentliches Schreiben ju rebabilitiren nerfucht, 
aber bies wollte bem unfehlbaren Anwälte ©einer Gmitienj nidht recht ge* 
lingen. ©er ©rjbifhof oon Staitanb, bem man — nießeidit fätfhlid) — 
©tjmpathien für bie Nenoltirenben jufhrieb, blieb 'troh beS päpftlidhen 
NettungSnerfucheS gerichtet in ben Ülugett auch bet Unbefangenen, bie es 
unbegreiflich finben, baff ber Haff gegen ben italienifhen ©taat einen 
©arbinal jum unwiHfürlichen SunbeSgenoffen non GommunarbS mache. 
SBiewohl Ferrari fiets mehr geräufdjnoß als weife, mehr wie ein politifcher 
Jtampfhahn als wie ein priefterlicher Seratljer aufgetreten, hatten bod) manche 
noch not wenigen fahren riet non feiner gufunft erwartet, ©eit ben 
©hrccfenStagen non Stailanb aber finb feine Hoffnungen begraben. 

2Benn man in Italien non bem jufünftigen ißapft fpric^t, fo ftreitet 
man gern, ob er ein Sßolitifer ober ein „Santo“, baS helfet ein heiliger, 
ber ißolitif entrüdter Stann fein werbe. Scan foßte meinen, baS SBort 
in ©oetheS gauft: Gin polittfh Sieb! ißfui! ©in garftig Sieb! . . gelte 
non Niemandem fo wie non bem Stanne ber ftitche. Unb boch ftnb bie 
gegenwärtigen Garbinäle unb inSbefonbere bie Italiener faft burchweg 
$olitifer. Stauche non ihnen würben fi<h eignen, Rührer einer clericalen 



7 « 


Stgmunb mütt3 in IDien. 


gartet ju fein, lieber ein Dufcenb italienifche Garbinäte hoben als 
päpftlidje -ftunjiett bei europaifchen ober amerilanifdjen -Regierungen ge» 
wirft. Diele finb aifo Diplomaten unb leine „Santi". Sie hoben aller» 
bingS ben Vorzug ber gröberen äßeltläufigleit, anbererfeits aber ben -Jimfi» 
theil ber geringeren Demuth unb Dteligiofität. ©arbinal Soampa freilich 
mar fo wenig toie bie ©arbinäle Gapecelatro unb Ißaroccfii je im ÜluSlanbe 
in ber päpftlidjen Diplomatie thätig. Der ©rjbifchof oon Bologna mar 
vielmehr ftet§ toie bie zwei anberen (Genannten ober wie ber auch ben 
ipapabili beigejaljlte ^Patriarch »on Venebig, ©arbinal Sarto, nur in ber 
Seelforge, nur in bifdjöflidjen SBürben. 216er barnit ift burdjauä rtic^t 
gefagt, baff foldfje Prälaten ber $olitif femfteljen. $a, fie finb, wenn fie 
ftetS jn ßaufc geblieben, nicht fetten niet engherzigere fßolitifer als bie» 
jenigen, bie ft<h im SKuSlanbe umgefeljen. Von aU’ ben ©rjbifcböfen Italiens, 
bie gegenwärtig ben ißurpur tragen, hot f«h nur Gapecelatro, ein vornehmer 
Denier, non bem ©etriebe ber Parteien fern gehalten. SSürbe ber heilige 
^ranciScuS non Slffifi aus bem ©rabe auferftehen, er würbe in bem ©rj» 
bifdjof non ©apua trofc feines tßurpurs nodh immer eine SrfdEjeinung non 
(hrifttidjer Demuth unb uninerfeHer Siebe erlernten. 2lnberS fteht eS mit 
ben meiften italienifchen Gollegen GapecelatroS. ©in iparocdji fignrirte in 
früheren fahren, ein f^etrari figurirt noch jefct unter ben politifchen Kämpfern 
ber 5Ur<he. Snantpa hält barin heute eher 9)! aff. Vielleicht will er nicht 
burch ju ftarleS ^ernortreten ben Slnfprudh auf bie Ißapftfrone nerwirlen. 
Soampa, nodh nicht fünfzigjährig, mag, wie bemerlt, Dtandjem jtt jung 
für bie Diara erfdheinen. Seo XIII. war 68, IßiuS IX. 54 3«hre alt, 
bie anberen tpäpfte unfcreS QahrfjunbertS waren jwifdhen 60 unb 70 fahren, 
als ne bie Diara erlangten, ©in lanonifcheS föinberntb befteljt aber leines» 
wegS, baff ein junger ßarbinal ?ßapft werbe. Seo X., ber üRebiceer, 
war 38, ©lemenS VII., auch er aus bem $aufe ber SOtebici, 45, ©ugen IV. 
unb Ißaul II. 48, DJicolauS V. 49, Julius n. 50 ^alfre alt, als fte 
fßäpfte würben. Unb in früheren $eiten lamen über einen jungen ©arbinal 
Veflemmungen, wenn ihm bie Diara winlte. ©alt eS ja als ausgemacht, 
baff ein tßapfi, ehe 25 Satire um wären, fterben mühte. Ueber bem 
Raupte beS ©ewählten fdhwebten bie nerhängnifwoDen 2Borte: „Non videbis 
annos Petri“. Diefe 3Mnung aber, lein ißapft fönnte ftch fo fange wie 
ber heilige SßetruS auf bem Dhron behaupten, welcher ber Segenbe nach 
25 $ahre regiert hotte, ift längft burch $iuS IX. ju Sdhanben gemacht, 
ber 32 Sabre fjerrfchite. Seit biefem Zapfte flöht baS „non videbis“ 
leinem ©arbinal mehr, ber bie £anb nach ber Diara auSflredft, Veforg» 
niffe für fein Seben ein. 2JUt niel mehr Hoffnung, bie Sabre beS heiligen 
VetruS ju iiberfchreiten, würbe etwa ber 49 jährige ©arbinal Soampa ben 
päpftlidjen Dbron ju befieigen glauben, als es bei bem 68jährigen Vifdbof 
Ißecci ber §aH gewefen, ber nun als Seo XIII. fafl fdfjon ben fahren 
Sßetri nahegefommen. 



Das 3 ufiinftige Cortclaoe. 


75 


©»arnpa gilt als tüdjtiger ©rjbifdfeof. ®odfe hat biefer ©ofen ber 
Starten webet als Vifdfeof non Sorli, ber et früher war, nodfe als ©rj* 
bifdfeof »on Vologna, bet er feit fünf Sagten ift, burdfe aufeerorbentUdfee 
Seiftungen non liefe reben gemalt, 6r tft ja tnebet geteert wie Sapecelatro, 
nodfe liefet er auf fo hohem Soften wie SantpoHa, nod) bticCt er auf eine 
fo geräufdjooffe unb bewegte Vergangenheit jurüd wie ^aroccfii. 2BaS aifo 
erflärt es, baft man ben Venjamin unter ben italienifdfecn ©arbinälen nie 
ju nennen nerabfäumt, wenn es gilt, bie ^apftfrone für bie gufunft ju 
»ergeben? -SBir jagten es fdfeon: ©r ift ein iprouinjbifdfeof, unb bas ifi ein 
Vorjug für einen ißapabile. 

2Benn wir nom Sorben nach bem ©üben gehen, fo ergeben fidh in 
biefem Sugenblide ©arbinäle für folgenbe 11 Sisthümer, gröfetentfeeils @rj* 
bisthümer StalienS: Venebig, Staitanb, £urin, Vologna, Saoenna, Sncona, 
©apua, Seapet, Seggio bi ©atabria, Palermo unb ©atania. ®urcfe ©reifen- 
alter unb ßranffeeit finb, wie erwähnt, non ber £iara auSgefcfeloffen bie 
©rjbifdfeöfe »on Palermo unb Saoenna. 2ludfe Stanara, Vifdfeof »on 
Slncona, unb ißriSco, ©rjbifdfeof »on Seapel, haben genug, wenn fie einft 
in jenen Stellungen fterben, in benen fie jefet finb. ®er eine ift ein 
©eelentjirt ohne Suf, ber anbere ein ©rforfdher ber thomiftifdhen ißhilofophie, 
ber wohl nie ©arbinal unb ©rjbifdhof geworben wäre, hätte Seo XIII. nidht 
eine folcfee Vorliebe für baS Sehrgebäube beS heiligen Kenias »on Squino. 
SBaS bie ©rjbifdhöfe Sidfeelnttj »on £urin, Ißortanooa »on Seggio bi 
©alabtia, Srancica^Saoa bi Vontifö »on ©atania anbelangt, fo tragen fie 
alle brei erft feit Jturjem ben ißurpur unb finb nodh feine idharf umriffenen 
©efiatten in ber feödfeflen Hierarchie. Von bem ©rjbifdhof »on ©atania, ber bis 
»or einiger Seit SunjiuS in Stabrib war, weife man, bafe er ein Herj unb eine 
©eelemit feinem ficilifdhen SanbSmann Sampolla ift. Sur wenn baS ©onclaue 
fidh nodh einige Safere feinauSjiefeen foHte, fönnte ber eine ober ber anbere »on 
ben brei ©enannten ju ben ißapabili aufrfidfen. ®a8 ©rjbistfeum »on 
Surin jumal ifi eine ber feeroorragenbften firdfelidfeen ©teilen in Stalien. 
Sn SicfeelmpS Vorgänger, ©arbinal Sltimonba, einem ber erften ÄanjeU 
rebner StalienS, hatten Stauche ben Sadfefolger Seos XIII. gefefeen. @r 
fiarb aber in einem Slugenblicfe, als ifen bie öffentliche Steinung als ben 
möglichen Papa futuro begrüfete. ©in früher £ob feat überhaupt alle 
bie ©arbinäle ereilt, bie nodfe »or einem Saferjefent bie gröfete SSahr f dfeeinlidfe * 
feit, SeoS XIII. Sadfefolge anjutreten, für ftch hatten: Sufeer bem genannten 
Sllimonba ben ©arbinal Ülgoftini, ipatriardfeen »on Venebig unb Vorgänger 
©artoS, bann ben ©rjbifdhof Vattaglini »on Vologna, Vorgänger ©»ampaS, 
Stonaco Sa Vattetta, als ®open beS heiligen ©oUegiumS Vorgänger DregliaS, 
unb ©arbinal ©anfelice, ©rjbifdfeof »on Seapel unb Vorgänger IßriScoS. 

@o rüden benn an bie ©teile ber Verdorbenen neue Sßapabili, unb jefct 
jählt ju ihnen auch ©arbinal ©arto. ®er Patriarch »on Venebig ifi heute 
ein Stann »on 65 Sohlen* ©eine Sichtung ift einigermafeen gefennjeidfenet. 



76 


Stgmunb ITtüns in IDicn. 


wenn man it)ii als SntimuS fßarocdjiS fjinftellt. Reifet allgemein, bie 
SBeiben mürben beim ©onclane für einanber ftimmen, ganj fo mie fRatnpoHa 
unb ©otti. ©artoS ©hancen finb aber nietteiCljt barum größer als bie 
fßaroccßiS, roeil ber erftere feine Stmbitionen ju nerfdjmeigen meiß, roaßrenb 
ber frühere ©arbinalnicar fie etmaS geräufdmoH propagirt. Unb Sßenebig 
ift auch ein beffereS 3Jtilieu als 9iom für bie Hoffnungen eines fßapabite. 
9fn ber füllen Sagunenftabt nerfCf)ließt ein ÜJiann non G^rgeij ber 2lußenroe(t 
leichter feine 2lbß<hten als in 9lom, roo an ben ©arbinalnicar alle Slugen* 
blide bie fBerfuChung fieranttat, fein Programm in bie SBelt hinaus §u 
pofaunen, unb bie» fdjon barum, meil er baS SSebürfnife batte, feinem 
3iebenbul)[er Stampotla ju contrecarriren. ®ie ©otti unb Sarto, bie fo 
tbnn, als ob fie nicht fßapß merben roollen, tjanbeln bodj Küger als ihre 
greunbe, bie SRampolIa unb fßarocdii, bie fo unnerhoblen canbibiren. 

Fingiti grullo come Papa Sisto, 

Se desideri giungero al Papato. 

(0tett $idj bnmm tote (Sijtug, toillft S)u $o£ft toerbett.) 

SBeßerjigt ©otti bieS fluge SBort nicht beffer als iflampolla, ©arto nicht 
beffer als fJJarocchi? 

©in Söort noch über ein befonbereS ©enre non Garbinälen. ©afafi 
bei ©rago unb ©affetta finb 9iömet non ©eburt — Romani di Roma, 
roie man in SRont ju fagen pflegt. ©aS gilt in ben 2lugen ber SRörner, 
bie non alten 3eiten ber bie ©dnnädie haben, ficb für bas auSerroäbfte Söolf 
©ottes ju halten, als befonberer Sßotjug. 33is nor Äurjem mar auch 
©arbinal ©omenico 3acobini, einRomanodiRoma,im heiligen ©oHegium. 
©r ift aber nor einiger 3dt geftorben. 

2Bir glauben, biejenigen unter ben 31 itatienifdjen Garbinälen, bie mit 
einigen 2lusRChten in baS ©onclane eintreten fönnten, in Hinfidft auf ihre 
fßerfönlidifeit unb auf ifrre Stellung einigermaßen beleuchtet ju haben. ®oCfj 
baS 33ilb einet Körperfdjaft, mie es baS ©oHegium ber ©arbinäle ift, beren 
2Jief)r$ahl ©reife finb, roeChfelt leicht non heute auf morgen. 2lHeS hängt 
banon ab, ob baS ©onclane ficb halb nerfammelt ober ob SeoS XIII. Sehen 
ftCh noCh nerlängert. ©er fj3apft, ber fid) nor jmei fahren non einem 
fChroeren Kranfenlager erhob, finbet vielleicht bie Slraft, baS alte Qahrhunbert 
nodh um mandjeS ju überleben, ©r ia längft mehr ©eift als Körper. 
3n bem biinnen, faft burChfiditigen Seibe SeoS XIII. beben alle Sternen; 
auf feinem fahlen Slntliße jeic^nen fid) alle Vorgänge ber ©eele ßdjtbar ab. 
®odj bie ©inite beS fßapfteS finb noCh hell- ©aS ©ebör fei, nerßdhern 
biejenigen, bie ihn in ben lebten SBodjen gefehen, fein geblieben, unb baS 
2luge, baS ber beutfdje Sflaler SenbaCh nor etroa 15 fahren fo lebenSnolI 
bargefteUt, leuChte noch immer mit bem alten geuer. 2JtanCh ein Verehrer, 
ber ben fßapft cinft in jüngeren fahren gefannt, ruft, roenn er ß<h if)nt 
heute näl;ert unb ben alten guttlen in ihm miebererfennt, mit ©ante auS: 

Conosco i segni dell* antica fiamma. 



Das 3 ufiinfttge <£onclaüe. 


77 


©es SßapfieS Seibarjt Dr. Sapponi b<ü bem Neunzigjährigen in ber 
in tat einiger Spraye abgefajjten „Vox urbis“ betitelten römifdjen 
3citfd^rift ein Seben non bunbert fahren prophezeit. 

©em melancboUidjen ©riumpbe, ben einft 5ßap|i Urban VIII. feierte 
inbem er, als er ade ©arbinäle tobt fab, bie ihn geroä^tt, auSrief: „Non 
vos me elegistis, sed ego tos“, ift Seo XIII. nabe gefommen. Non 
ben ©arbinälen, bie mit ihm im $abre 1878 in baS Gonclaue gezogen, 
ünb, toie enoäbnt, nur noch brei am Seben, unb ihr 2llter bewegt fid) 
jmifcben 67 unb 78. 2JJ5gli<b immerhin, bafj ber Sßapft, ber fo oielen 
©arbinälen bie 2lugen jugebriidt, bie jünger waren als er, auch bie aller; 
lefcten beugen feiner ©rbebung auf ben ©h*°n überlebt. 135 ©arbinäle 
bat er roäbrenb feines ißontificats ju ©rabe getragen. Nietteidjt fiirbt nodj 
man<ber feiner „Nachfolger" oor bem Vorgänger. 





(ßottfricb ßinfel unb feine r^etntfdje Heimat, 

Don 

3ofepÖ 3loeften. 

— Bonn. — 

K3 Elin meiner Schrift „SitterarifdheS Sehen am SRljein, Seipjig 1899 
Kgfl p bei $r. SB. ©runow" habe ich ben unoergeßtichen dichter beS 
g3w£w rßeinifchen ©poS „Dtto ber Schüfe" unb feinen ©idjterfreis in 
Söomt, ben SJtaifäferbunb, jum ©egenftanbe einer eingehenben Betrachtung 
gemalt. ^>eute möchte ich biefesS 33ilb burch einige SJlittheitungen aus bem 
Sehen beS SMdfterS, bie feine ißerfönlichfeit wahrheitsgetreu wiberfpiegeln, 
einigermaßen oerooüftänbigen. 

®er atfjufrüh geftorbene, überaus taientooHe (Sohn beS ®i<hterS, 
Dr. phil. ©ottfrieb Äinfei, ißrioatbocent ju 3üri<h, bat in einem noch 
wenig befannten SJtanufcript uns baS Seben feines SSaterS bis ;u beffen 
£obe erjfihlt. $Diefe Stufjeidfjnung erweeft um fo höheres ^nterejfe, als fie 
ben SebenS* unb SdjaffenSgang beS S)i<hterS in Sonbon unb 3üri<h ein* 
gehenber barfteüt, afs folctjeS in ben bisher erfcfjienenen SMograpljien non 
Stredfuß, Strobtmann unb Dtto &enne am SRhpn gefdjehen ift unb möglich 
war. 3 $ möchte baßer biefe ®arftellung beS SebenSbilbeS beS SMdjterS unb 
BolitiferS hier norauSfcßicfen. 

©ottfrieb Äinfei, 

geb. 11. 3tuguft 1815, geft. 13. SRoöember 1882. 

©ottfrieb ftintel tourbe am 11. SHuguft 1815 als Sotjit beS ftrenggläubigen pro 5 
teftantifeben Pfarrers 3of). ©ottfr. Stintei p Oberfaffet bei öoitn geboren, ©r ftubirte 
oon 1831—1834 an ber Untoerfität Bonn, wo er tpeologifcbe, pbilologifdje unb Philo« 
fopfjifcbe Borlef ungen hörte unb fidj befonberS eng an 3tugufii anfdjlojj. Stachbem er ein 
weiteres Sab* in Berlin pgebraebt hatte, beftanb er im 3anuar 1836 p Soblenj fein 
£icentiaten*@samen mit glänjenbem ©rfolge unb habißticte fidj auf SInratben feines 



(Soiifrieb Kinfel unb feine rpeinifdje Ejeimat. 


79 


SebterS Slugufti im grühiapr 1887 als 3)ocent für Xpeologie in Sonn. 3ur Stärfung 
feiner ©efunbpeit unternahm er im SBinter 1837/88 eine größere Steife nach Sübfranfreicp 
unb Stalien; längere 3eit hielt er fid) in SWorn unb Neapel auf. Son biefer italienifcpen 
fteife brachte ftinlel bie tiefe Siebe gur bilbenben Äuitft mit, meldje ihn burep baS fieben 
begleitet pat; er lieb in gabireichen ©ebiepten ber Semunbcrung Slusbrucf, loomit ibn bie 
2enfmüler beS flafftfc&en SUtertbumS erfüllten. 3ni Blpril 1838 in bie Heimat gurücf* 
gelehrt, laS er an ber Unioerfität Sonn mit immer fteigenbem ©rfolge über ßirepen* 
gefepiepte unb ©efdjicpte beS ©eibentbumS in ben erften cbriftlicben 3abrbunberten unb 
rücfte im grüpiing 1839 in bie Stellung eines befolbeten 3)ocenten ein. Um biefelbe 3rit 
mürbe er gum SteligiouSlebrer am Bonner ©pmnaftunt ernannt, übernahm auch einige 
UnterrichtSftunben an bem angefebenen Shormamt’fchen Sttäbdjeninftitut unb mirfte feit 
bem Sommer 1840 als §tlf$prebiger in ftöltt. 

SJaS fepöne £eben am Dtfain, ber tägliche Serfepr mit ben bebeutenben Männern, 
melcpe Rcb bamals in Sonn gufammenfanben, ber Sluffcpmung ber üftationallittcratur in 
ben breißtger unb oiergiger Supten — alles bieS mußte eine empfängliche Dtotur mie 
fttnfel lebhaft ergreifen unb feine gefammte Xpätigfeit günftig beeinfluffen. 2luf feine 
Sortefungen menbete ber junge feurige $)ocent ben böcbfteu gleiß ; bie feltene gorm* 
ooüenbung feiner SRebc gog Stubenten aus allen gacultäten an, unb oft butte er hoppelt 
fooiel Störer als ber OrbtnariuS beS gacpeS. Xrofebem oergögerte fid) feine Se* 
förberung; ber ipauptgronb bafür mar feine Verlobung mit einer ifatpolifin, ber poch- 
gebtibeten ©omponiftin unb Scpriftftellerin 3opunna 2JtodfeI, mdebe er im s JJtai 1843 
beimfüprte. — 9tacpbem er bie Uebergeugung gemonnen butte, baß bie Rheologie fein 
SebenSberuf nicht fein fönne, trat er im 3ubre 1845 gur Pbilofoppifcpen gacultät über 
unb peröffentlicbte alsbalb fein erfteS größeres miffenfdjaftlicpeS SSerf: „©efeptepte ber 
bilbenben fünfte bei ben cpriftlicpen Böllern" (Sonn bei ©open 1845). 3n biefem Suche 
mnrbe bie genetifebe ©ntmicfelung ber chriftlichen Äunft bis gum gebnten 3uhrbunbert Har 
bargelegt unb ber gemaltige Stoff mit pbilofopbifchem ©elfte burepbrungett. SefonberS 
angiebenb ift bie Scpilberung ber Anfänge ber altd)riftlichen Malerei; fte beruht auf ben 
umfaffenben Stubien, meldje ber Serfaffer in ben römifeben Kirchen unb tfatafomben 
gemacht batte. Stuf ©runb biefer Schrift bemarb fich Eintel beim SDUnifterium ©iepbom 
um bie außerorbenttiepe Srofeffur ber ©ultur* unb ftunftgefcfiicpte, meldje bie preußifepe 
Regierung an, ber Unioerfität Sonn gu grünben befchloffen butte, ©r mürbe gemäblt, er* 
hielt aber troß feiner Serbienfte um bie pon ihm Pertretenen SSiffenfcpaften noch immer 
feine fefte Sefolbung. Seine SiuSRcpten befferten fich erft, als er im Frühling 1847 auf* 
geforbert mürbe, mit einem ©epalt pon 1000 Xplrn. jährlich in bie Dtebaction ber 2lugS* 
bürget SCHgemeinen 3ritung eingutreten. 3efet fuchte man ihn in Somt gu pulten; ber 
Kurator ber Unioerfität berichtete fofort an ben SJMnifter, melcper ftinfel nach Serlin 
braunen ließ unb ihm eine jährliche Otemuueration Pon 400 £plnt. auSmirfte. 

SSir übergehen hier bie ©reigniffe beS 3ut)*eS 1848, bureb melcpe Srinfel in ben 
Strubel ber politifcpen Agitation hineingegogen mürbe. S)ie ftille, aber fruchtbare Arbeit 
beS SeprerS unb ©rgieperS mar ihm fo fepr gimt Sebiirfniß gemorben, baß er, fobalb er 
feine Freiheit mieber erlangt patte, gur päbagogifdjen Xpätigfeit gurücffeprte. 9ftit eifentem 
gleiße erlernte er in menigen Monaten bie Spradje beS SanbeS, melcpeS mehr als fünf* 
gehn 3uhte ber Scpauplaß feines 2ötrfenS fein follte. 3m grüpjafjr 1853 mürbe er am 
§t)be=Sarf*©ollege, fpäter am Sebfort*©oüege angeftellt. ©r perPotlftänbigte itt ßonbou 
mit $ilfe ber großartigen Äunftfammlung beS Sritifcpen SJhtfeuntS, beS Snbia $oufe 
unb beS ftrpftaUpalafteS feine funfthiftorifepe Silbung unb legte iit feinen Sorträgen über 
Shmftgefcpicpte großes ©emidjt auf baS SUtertpum, inSbefonbere auf bie ©ittmidlung ber 
grieepifepen Slaftif. ©r mürbe babei burep eine reichhaltige Sammlung oou Photographien, 
3ricpnungen unb farbigen tafeln unterftüpt, meldje gut Seranfcpaulidjung beS ©efagten 
mefentlicp beitrugen. Salb erhielt er Pon allen Seiten bie ©inlabititg, bie in SDamettcollegien 
gehaltenen Sorträge Por größeren Greifen gu mieberpolen ; er reifte mehrmals nach 23rub* 

9torb nnb ©ifo. XCVL 286. 0 



80 


3 0 f*pty 3oeften in Bonn. 


forb # 9ftcmchefter, ©binbnrg unb fpäter, in beit 3abren 1864 uttb 1866, fogar nach Paris, 
mo bie beutfcße (Kolonie ihn hören tootttc. Die Serien braute er meifteng am SReereS* 
ftranbe gu. 3n ©manage (Dorfetfßire) begann er, ohne 3toeifel bon ber ©etracßtung ber 
affarifchen Denfmäler hn britifcßen 3Jhtfeum angeregt, 1854 bag gemaltige Xraurrfpiel 
„fflimtob", in melcßem bie ©ntftehung beS .ftönigtßumg in ben ©benen MefopotamienS 
gefcßilbert unb ein farbenprächtiges 23ilb einer berfcßmunbenen Kultur entrollt mirb. Da£ 
Drama erfdiieit 1857 bei Stümpler in £annober unb mürbe am 2. Sftobcmber 1878 in 
£eipgig, am 16., 19. unb 22. Sauuar 1879 in 3üricß aufgefüßrt. ©ine anbere anf baS 
Slltertpum bezügliche Arbeit befestigte fich mit bem 2RaufoIeum bon fcaltfarnaffuS 
(SeftermannS Monatshefte, Cctober uitb December 1858; ftehe jeßt „SWofai! gUTShmft= 
gefcßidite". Berlin 1876). Der Verfaffer hatte bie im 3abre 1857 nach ßonbon ge= 
fommeuen Ueberrefte beg berühmten DenfmalS eingehenb ftubirt unb legte feine 83e* 
obachtungen in einem fehr angießenb gefchriebcnen ©ffap nieber, in bem auch bie ©efeßießte 
ber bon 9?emton geleiteten 2luSgrabnngen eingehenb befprochcn mürbe. 

3m 3aßrc 1861 eroffitete fänfel im 21 uf trage beS föntglicßen Departements für 
Siffenfcßaft unb ftunft im ©outh4?enfington«2Jtufeum einen ©pcluS bon Vorträgen über 
alte unb neuere Shmftgefcßicßtc unb fefete biefe fpäter im ftrpftaUpalaft fort Durch biefe 
Vorlefungen trnirbe bie ftunftgeichicßtc als Unterrichtsfach in ©ngfanb eingeführt. — 1864 
begrünbete ftinfel mit ©erm D. Meitner ben ßonboner „Verein für Siffenfcßaft unb 
Äunft*, mürbe halb beffen Präfibeitt unb blieb in biefer ©teflung big gu feiner Verufmtß 
nach 3urich, toelcße im Slptil 1866 erfolgte, ©r übernahm bie ©teile eines ProfefforS 
ber 2lrchäologie unb Shmftgefcßichte an ber batnals noch bon 600 regelmäßigen 3uß5rern 
befuchten polptecßnifcßen ©cßule unb las jeben Sinter ©efeßießte ber Shrnft beg 2Hterthum$ 
bon 2legppten big Pompeji, im ©ommer ©efeßießte ber mittelalterlichen Shmft. Diefe 
Vorträge mürben namentlich in ben erften Süßten fehr ftarf befueßt; fpäter nahm, unb 
gtoar in golge ber berminberten Sregiteng beg PolptecßnifumS, bie Slngaßl ber §orer 
etmag ab. Von ben 2tebencolIcgien erfreute fich inSbefonbere bie ©rllärung ber ©pps* 
abgüffe in ber arcßäologifcßen ©ammlung, mel<ße jeben gmeiien ©ommer borgetragen 
mürbe, lebhaften Veifallg. Die Särme, momit ber Oiebner bie ©chönheiten ber ©ebitfie 
alter $unft fd)ilberte, mußte mirfen, unb $infel fam nur ben Sünfcßen beg PublicumS 
entgegen, als er fteß entfehloß, biefe Vorträge in Suchform ßerauSgugeben. ©ie erfeßienen 
im fierbft 1870 unter bem Xitel „Die ©bpgabgüffe ber arcßäologifcßen ©ammlung im 
©ebäube beg Polptecßnicumg in 3üri<ß", unb mürben bon ber födtif feßr günftig auf* 
genommen. Senn auch ber gange Don beS VucßeS erfennen läßt, baß ber Verfaffer ftdj 
an meitere Greife menbet fo fehlt eg boeß anbererfeitg nicht an einbringenben ©tubien 
unb mühebollen Uuterfucßungen über michtige ©ingelfragen; eS fei hier nur an bie Ve* 
fcßreibimg ber VenuS bon 2Jtilo, baS gegenfeitige Verßältniß beg ©fopaog unb beg 
PrajiteleS unb bie Vemerfungen über bie areßaiftifeße ftunftrießtung in ber grieeßifeßen 
Plaftif erinnert. 

©eit bem 3aßre 1867 intereffirte fieß SHnfel für bie ©rünbung einer ftupferftieß* 
fammlung, melcße ben Vebürfniffen beS funftgefcßichtlicben Unterricßtg bienen follte. 97acß= 
bem man mit fleineren 2lnfäufen ben 2lnfang gemacht hatte, gelang im ©ommer 1870 
bie ©rmerbung Der Vühlmann’fcßen Sfripferftid)fammlung, melcße ber ©igentßiimer für 
40000 abließ. Daburdj gelangte baS ©olptecßnicum in ben Vefiß einer ©ammlung, 
meldje ihren 3^ccf oollftänbig erfüllt unb auch bon einem meiteren ©ublicum benußt mirbf 
Die alte tiunft ift hier burch zahlreiche ©tidie nad) 2lntifen, Oelfarbenbrucfe, areßiteftonifeße 
3eichnungeit, Photographien unb größere Hupfermerfe, mie SouiDong Musee des antiques 
bertreten. — 2lnd) für bie Vermehrung ber ©bpSabgiiffe nach 2lntifen mar .^infel tßätig. 
©r betheiligte fich toieberholt an ben VortragScpden beS 3üricßerifdhen Docentenbercing, 
meldier feit 1851 öffentliche Vorlefungen beranftaltete unb ben ©rtrag berfelben meifteng 
ben ^unftfammluugen beS Polptecßnicumg unb ber Uuiberfität gnmenbete. 2llg biefe Vor* 
träge im Sinter 1870/71 auSgefcßt mürben, trat er mit einigen ©pecialcoüegen gufammen 



(Sottfrieb Kinfel unb feine rbeintfdje Ejeimai. 8^ 

unb arrangirte mit ihnen eine Serie üon SSorträgen über alte ftunft; aus bem ©rlofe 
ttmrbe eine Stofenfatmnlung begrünbet 2$on 1866 bis 1882 mar er auch ein eifriges 
EDütglieb her antiguarifeben ©efeUfdjaft, in beren 2Jiitte er manchen Vortrag hielt. Siele 
berf eiben ftnb in ber „Sftofaif gur ftunftgefdjichte", feiner Iefeten größeren $ublication, 
abgebrueft; mir f)d>cn hier ben geiftootten ©ffat) „lieber ben üerfdjiebenen ©harafter ber 
antüen unb ber mobernen Shinft" unb bie einbringenben gorfdjungen: „23er hat ben 
faruefifchen Stier ergängt?* unb „bie Statue beS 2JtefferfchIeifcr8 in gloreng, ein 23erf 
beS XVI. 3ahrf)unbertS\ herüor. 

Sn ben lebten Sahren tourbe $tnfel mein als früher üon Sfranfljeit beintgefudjt; 
hoch febien er fid) immer toieber gu erholen. 9toch im £erbft 1882 reifte er nach 2ftai* 
Taub, 2Jtontua unb Senebig. 3Düt ber gelohnten grifdje eröffnete er ©nbe October feine 
SSorlef ungen am Sßolbtedjnicum — ba traf ihn am 8. Iftoüember ein Schlaganfall, bem 
er binnen fünf Sagen erlag. 

s Jta<b einem überaus arbeitfamen unb roecbfelootlen Sehen ift — 
mie mir ben oorflehenben ©ebilberungen beS ©ohneS entnehmen, — ber 
Siebter beS „Dtto ber @<büfc" h^imgegangen. @r hat nach feinen politi* 
feben Errungen fern non ber Heimat, im SfaSlanbe ein bitteres ©djieffal 
bur^macben müffen, mie menige, unb fein eigenes 35>ort an ficb felber 
mabr gemalt: 

„Sein Sdjicffal fchafft ftch felbft ber 2ftann.* 

Qm herein mit feinen beiben SebenSgefährtinnen, bie alle ©orgen beS 
SafeinS in gleicher SEBeife mie bie geiftigen greuben feines Siemens unb 
©<baffenS mit ihm theilten, hat & aber allen ©türmen ©tanb gehalten unb 
es burdj unauSgefefcten glei§ auch gu einem uerbältnifhnäfng gtüdli^en 
SBohlftanb gebracht. 

®aS mir uorliegenbe a3ermögenSnergei(bni6 meift einen 2lctinbeftanb 
non ungefähr 50000 granfett nach, abgefehen non bem 21000 granfen 
betragenben prinilegirten grauengut ber gtneiten grau. 2Jon Qntereffe ift 
auch ber lefete SBiffe beS ®i<bterS, ben icb in -Jiacbfolgenbem miebergebe: 

Seftament 

beS ^rofcfforS Sohann ©ottfrieb ftinfel üon 3ürtch- 
2Bohnort: 2tr. 289 Sanggaffe, 
in ber ©emeinbe Unterftrafc, 

©anton 3^4, 

Schtoetg. 

ßefcttoillige SSerorbitung 

beS SßrofefforS Sohann ©ottfrieb fönfel in Unterftrafe. 

Ser 2ßunfcb, bet meinem 2Hter für bie 2$erforgung meiner grau unb bie ftanbeS* 
gemäße ©rgiehung unferer heut noch minberjährigen SHnber nad) Kräften üorguforgen, 
neranlafet mich, mein Xeftament gu machen unb über mein Vermögen gu üerfügen 
mie folgt: 

9to4 bem Sobe meiner erften grau Sohanna geborene 2Jtocfel fiel burdj ben Sob 
ihres 23aterS, beS Herrn ©ümnaftalprofeffors Sftocfel in Sonn am 2ü)ein, ein üon bem* 
felbeit fchulbenfrei befeffeneS fiauS in ber Sofeühftrafce*) bafelbft als ©rbe an mich unb 
unfere Sltnber. 34 habe feinen ber 2lnfürü4e, toelcbe ich an biefeS ©rbe hatte, geltenb 
gemacht fonbem bei eingetretener 23oltjährig?eit beS jüngften SftnbeS aus jener ©he an 

*) Hausnummer 18. 


6 * 



82 


3°f e plj 3<>eften in Bonn, 


bie btet . bamalS iiberlebenben Sinber (Sottfrieb, Slbelljeib uitb ^ermann bieg ihr mütter* 
li*c8 ©rbe übergeben, toeldreS fie na* Bertauf beS Kaufes unter ft* getljeilt haben. 3dj 
habe ferner aus meinem eigenen ©rtoerb bie ftanbeSgemähige unb profeffionelle ©rjiebung 
ber btet Sinter fo lange fortgefübrt, bis iebeS berjelben in feinen jefcigen Beruf unb 
©rtnetb eingetreten tnar. 

3nr gere*ten 3luSglei*ung btefer unb noch anberer Bon ihnen genoffenen Bortljeife 
»erorbne i<h, bah ben Stabern aus meiner jmeiten ©he, ©onrab, BercuttoS, 3Kanfreb, 
®rna unb (Serba, refa. benen Bon ihnen, bie rnicf) überleben to erben, inBgefammt unb gu 
gleichen Xfjeilett ein fünftel meiner reinen Bertaffenfchaft Bon Bornherein pf allen foH. 

(Sollte mein jefcigeB Bermögen bur* unBorhergefehene Berltifte ft* fo ftarf Ber* 
minbern, bah bei meinem lobe baS ©rbtbeil tto* unerjogener Staber pr Bollenbung 
ihrer ftanbesmähigen ©rjieljung ober ihrer SluSftattung nicht auSreicfct, fo beftimme idj, 
ba& auB bem gemeinen ©rbgute ein billiger BorauS hu Sinne Bon § 1913 beB 3ür*eri= 
f*en ©rbre*te8 Ipfür »ortoeg genommen toerbe, unb erfuche bie betreffenbe Behörbe, baS 
3Rafe biefeS BorauS bur* billiges ©rmeffen p befiimmen. 

SBei meiner Berljeirathung im 3<tfir 1860 mit meiner jtoeiten jefet lebenbeit grau 
3Äinua ®mtlie Sba, geborene SSerner, fegte i* berfelben Bon meinem bamaligeit über 
600 Sßfb. Sterling betragenben SabreSeinfonttnen ein Babelgelb Bon 5 °/ o , alfo 30 Bfb. 
SterL iähtlich aus. Sie hot aber Borgejogen, bieg 9iabelgelb einfttneilen nicht p be= 
jiehen, fonbern hat bie betreffenben Auslagen theilB aus ihrem ©ingebrachten, theilS burch 
eigene Slrbeit unb ans Meinen 3eftgef*enfeu gebe*. 3* habe erft in ben fegten 3afjten 
aus meinem bur* Bortrüge in ®eutf*lanb ©rtnorbenen biefe rücfftänbigen Htabelgeßjer 
fammt 5«/ 0 3infen ihr auSgejahlt, unb fte finb im Betrag Bon jegt 20*000, in Bu*= 
ftaben 3ttxmjigtaufenb ffranfeit als fjrauengut in bie Steuerrolle Bon Unterftrafj ein* 
getragen. 3* ertläre bemna*, baf» biefe Summe, tnie ge bur* bie 3tnfen unb baS 
fernerhin iähtlich an tmferm §o*jeitStag (31. SDiärj) fällig tnerbenbe Jlabelgelb non 
750 fronten ft* BorauSfi*tli* Bermehren tnirb, meiner grau 3Jtitma als freies ©gen* 
thum gehört 

3* habe gleichfalls bie beiben Policen meiner BebetiSBerfi*erung bei ber S*toeijer 
SRentenanftalt auf pfantmen 10 410, in Bu*ftaben jehntaufenbnierhunbertjehn ffranfen, 
nebft (Setoinnantheilen, »eiche Policen in Bertuahrung ber Beljörbe beB S*meijer Bolb« 
te*nitum8 fi* befinben, meiner Borgenannten grau 3Rinna unter bem 13. 3»ai 1879 
ju ©igent ty 1 ™ abgetreten unb biefe Abtretung auf bie SHüdfeiten biefeT Policen mit notarieller 
Beglaubigung meiner Unterf*rift Bermerft, toooon feitbem au* f*riftli*e Stnjeige 
beim Secretariat beS fßotatechnifumB unb ber ber ®ireciioti ber SRentenanftalt gemacht 
tnorben ift. 

allein unb meiner grau jegt BorhnnbeneS Bermögeit ift Bollftänbig in ber pteiteit 
©he ermorben tnorben, unb bafe uns biefeS gelungen, habe i* eben fo fehr Wie meinen 
eigenen Arbeiten, ber fcäuBlicbfeit, ber Sparfamfeit unb bem ffleif? meiner lieben unb 
treuen grau 3Jlinna p Berbanten. Hieben Ment alfo, tnop bas (Sefets ge berechtigt 
namentlich ber lebenslänglichen aiufeniehung beS Bierten %eilS ber reinen Ber(affenf*ait 
unb ihren Dte*ten an ben fcauSrath, erfuche i* bicfelbe, fallB ge mich überlebt bie pflege 
unb ©rjiehung unferer bei meinem Xob ettna noch minberiährigen Sinber auf ihre Soften 
p übernehmen, bitte bie Bormunbf*aft8behörbc um Betätigung biefeS SBunf*e8; unb 
nerorbne “für biefen galt, bah bie 3Jlutter bis girr 2lu8ri*tung ber BoUjährigtcit ber 
Sinber bie auf bicfelben fallenben ©rbtheile geniehen unb nufcen, ferner au* im Sinne 
Bon § 1949 beS 3üridi’f*en ©bre*te8, fo lange ein minberjährigeS Sittb in ihrer pflege 
bleibt, bie halbe 9?ufcttiehung ber ©rbtheile behalten foü, toeldje auf bie einjelnen BoH* 
jährigen ober auBgcri*teten Sinber ihrer ©he mit mir fallen. 3n bollem unb toohl* 
begrünbeten Vertrauen auf ©harafter unb Befähigung meiner grau bitte i* bie Dorgefefcten 
Behörben, berfelben überhaupt alle Hte*te gefi*ert unb ungef*mälert p erhalten, tnel*e 
baS (Scfeß einer BertoittiDeten 3Jlutter itt mögli*fier Bkite einräumt. 



(Sottfrieb Kinfel unb feine rtj einif cbe ^eimat. 


83 


Unter btefen Vorbehalten unb Vefchränfungen foß mein Vermögen an bie mich 
überlebenben SHnber aus meinen beiben ©hen gu gleichen Xheilen faßen. $)iefe ©leidj* 
fteßung ber Tochter im ©rbtheil mtt'ben Söhnen miß ich in Slbmeichung bon bem Strichen* 
fdjen 3ntcftats©rbre(ht gemährt miffen, unb ich ermarte bon meinen männlichen ©rben unb 
ber als Vormunbfchaft hanbelnben Veljörbe, baß fte gu ©unften ber Töchter biefem btßigen 
unö princibteflen Sßitnfche miflfahrett. 

Stuf bie &tnber ber erften ©he gehen bie föanbfdjriften unb ©ombofitionen ihrer 
Sflutter 3ohanna unb aße bei meinem $obe beftehenbeit ober fünftigeit ©onorarrecßte an 
biefen Schriften, fotoie einige ©rinnerungSftücfe aus bem -“Nachlaß ihres ©roßbaterS, beS 
£errn 9ttodel, über. 

Wieine eigenen Joanbfchriften unb Vriefe miinfcbe id) bon meiner grau bis gu ihrem 
Xobe aufbetoahrt, mit bem Siecht, baS, maS ihr paffenb fcheint, burdj ben $rucf gu ber= 
öffentlichen. Slfle hieraus fo mie aus meinem gangen getftigen ©igenthum nach meinem 
Xobe etwa noch einfließenben Honorare unb Xantiemeu foßen biefer meiner grau bis gu 
ihrem $bbe als ©igenthum gufaßen, bie bon ba aber einßteßenben unter meine aisbann 
noch Iebenben ftinber aus beiben ©hen gleichmäßig getheilt merbeu. 

34 erfuche bie Steinigen, bie ich a ^ e mit beglichet ßiebe umfaffe, über aße gragen, 
bie etwa in biefem meinem Seftamente nicht auSbrucflidh entfchiebeit finb, mo möglich in 
friebticher Verljanblung ftd) auSgugleichen, meiner geliebten grau nötigen gaßeS ihr 
&lter bor Sorge unb ©ntbehrung gu fchiifcen, fleh gegenfeitig nach Graften beigufteben, 
unb baS Heine ©rbtheil, baS ich ttaef) einem arbeitfamen ßeben 3ebem übergeben fann, 
tm Segen ber ©intraeßt unb in fröhlicher ©rinnerung an mich gu genießen. 

ltnterftraß, ben fünfmtbgmangigfien 3uni 
achtgehnhunbertneununbftebgig. 

3ohann ©ottfrieb kinfel 
Vrofeffor am ©ibgeubf ftf c^en Volhtedjnifum. 

$eftamentS*©röffnung. 

Slachbem ber Xeftator $err Vrofeffor Dr. Sößann ©ottfrieb SHnfel bon 3«rich 
toohnhoft getoefen in Unterftraß laut SluSgug aus bem ©ibilftanbSregifter ber Stabt 3ürid) 
bon heute bom 18. Stobember 1882 fei. berftorben, mürbe gegenmärtigeS bon ihm unterm 
25. 3nni 1879 hierorts beponirte u. sub -Nr. 1647 beS £eft.»Neg. im ^Notariats* 
axchtb aufbetoahrt gemefene eigenhänbige Xeftament bem SiotariatSarcßib enthoben unb in 
ber bom ©rblaffer imtegehabten SBohnung in Sh. 7 bon ber StoTbftraßc Unterftraß iu 
2tnmefenßeit: 

1) $er SBittme beS ©rblafferS Wlinna ©milie 3ba, geb. SSerner, mohnhaft in 

Unterftraß 

2) 5)eS SohneS £rn. Dr. phil. ©ottfrieb kinfel, Vribatbocent, mohnhaft in ©nge 

3) 5)eS SohneS $rn. ©onrab VerfunoS kinfel in 3üricß, geb. 17./1. 1862 

4) 3)eS SohneS ®rn. Sttgnfreb Stfnfcl in Unterftraß geb. 15./3. 1863 

5) ®er Tochter grl. ©rna kinfel bafelbft geb. 15./7. 1864*). 

6) 3)er Herren Stabtrath ßanbolt, ValtenSberger unb ßBaifenamtSfecretär Vogel 
in 3ürich, 


*) fthtfel hinterliefe bei feinem Xobe 4 unmüubige ftinber aus gmeiter ©he, 
bie oben genannten unter 8—5 unb ein £öd)tercben ©erba, geb. 18. $ec. 1867 
gtt'Sihctdh. 

Sftnber erfter ©he mit 3*>hanna 932ocfel maren ber oben unter 2 genannte ©ott* 
frieb Sttntd, Dr. phil, geb. in VobpelSborf 18./7. 1844, ber bort bor einigen 3ahren 
auch feinen iob fanb; 3ohunua, geb. in VobbelSborf 11./8. 1845, geft. 30./1. 1863 gu 
fionbon; Stbelheib, geb. in Vopßelsborf 12./8. 1846, lebt gegenmärtig als SBittmc beS 
Kaufmanns Slbolf bon Elften gu Varmen; Hermann, geb. in Vonn 29./7. 1848, 
3ngtnieur unb fcirector ber ©ifenhütte gu VieShifea in Stußlanb. 



8 * 


3ofept( 3 oe f**n in Sonn. 


nach flefefclidjer Storfihrift amtlidj eröffnet. £te Urfunbe fetbft aber gur 2lufnabme in 
baS über ben SHadilaft bes SBerftorbetien gu erbeben be luatfenamtltche 3nöentar ber 
aBaifenomtSfanglet 3ürich übergeben. 

©efdjeben #om 8. 35ecember 1882. Notariat Oberftrafi: 

3. 6. Sebmib 
Stotar. 

®aS lEeftament beS ®idj)terS mutzet uns in feiner gangen Siebe gu 
ben ©einigen wie ein gart empfunbeneS unb einfaches ©ebicht an; ber 
dichter bat fein burdb ben £ob ber erften ©attin, ber genialen Johanna 
SPtocfel, im $abre 1858 gu Sonbon »erloreneS £ergenSglüd an ber ©eite 
feiner „häuslichen, fparfanten unb fleißigen" gweiten ©Ejegattin wieber* 
gefunben. ®aS ©chidfal, baß ü)n bis gu feiner Ueberfiebetung in bie 
©dbroeig fo graufam »erfolgt batte, bat ibm an ber £anb biefer grau ben 
Stbenb beS Sehens ertjettt unb oerfcbönt. ®ieS erfahren mir gu unferer 
©enugtbuung aus bem leiten SBiHen beS ®idjterS. 

2BaS fterblüh an Stinfel war, ift fern »on feiner rbeinifdben Heimat im 
Voben ber freien ©djroeig gur 3tube gebettet worben, ©ein 2Bunfdj, ben er 
1850 „2luS bem Werfer" fdjrieb, ift nicht erfüllt worben: 

„$aS foE nicht mobern im märfifdfen @attb, 

£aS fefjnt (ich nach feiner 2Bieg’ — 

2Jtcin $erg fott ruhen im Saterlanb, 

3tn SSinbe ber blauen Sieg. 

©in üörfdjen tenn’ ich am SBalbeSfaum*) 

©efchüfct uor bem norbifchen SStnb, 

®a blüht noch iebeS 3ahr ber Saum, 

Sei bem ich flefpielt als ffinb." — 

©ottfrieb Äinfel begegnete n<h oorgugS weife gern als „rbeinifdben 
SDtann", unb bieS nidbt ohne ©runb. SBurgelte er bodb wie wenige SDicF»ter 
tief in bem Volfe feiner rbeinifdben Heimat, baS in ibnt ben geborenen 
Verfechter feiner freibeitlidben 3lnfdbauungen erblidfte unb mit treuer unb 
inniger fEbeilnabme auf baS Ungliid, wie auf ben Sßechfel feiner ©dbid» 
fate fab- 9Rag man auch politifdb auf bem gang entgegengefeiten ©tanb* 
punfte fieben: SUnfel ift bodb ber ©ingige gewefen, ber für feine Uebergeugung 
mit feiner fßerfon unb feinem Seben eingetreten ift, wäbrenb alle übrigen 
greibeitsfänger — man benfe nur an bie giudjt ©eorg ^erwegbS — 
bamals' VeifjauS nabmen. 

3n Bonn war fiinfet gu feiner $eit ber populärfie SRann, ber fdbon 
burdb fein btofjeS ©rfdbeinen gur Vegeifterung überall biarifj unb gegen 
ben tppifdb geworbenen „gugefnöpften, anmafjenben unb gurüdfbaltenben 
fßrofejfor" grell abftacf). ©eine Vegiebungen gu einfachen Bürgers* unb 
$anbwerfsleuten unb in Bonn noch bei Vielen in lebhafter ©rimterung. 
VefonberS bat er mit bem in bem ®orfe ©nbenidb bei Vonn lebenben 


*) hiermit meint ber dichter feinen ©eburtSort ßberfaffel am SH heilt (bei Storni). 



(Sottfrieb Ktttfel unb feine rffeinifdje Heimat. 


85 


SBirthe ©orneliu! ^arfcheim enge unb freunbfcfjafttid&e Vejiehungen bis 
an fein Sebenlenbe unterhalten. 

©ine halbe ©tunbe oon Vonn, am gufje bei Slreusbergel, liegt 
bal Dorf ©nbenicf), an beffen einfache ©enüffe unb greuben jur $Urmel« 
seit root)l no<h mancher SJtufenfohn in feinem Sß^itifierium gerne jurüdbenft. 
Da! bort an ber Sanbftrafje gelegene trauliche SEBirttjStjauS mit fdfjönem 
©arten unb Äegelbahn „3um £aiberoeg", mar einft ber Sammetpunft be- 
beutenber Seiftet, bie f«h hier nach ooH6ra<f)ter Arbeit in ber tänblichen 
fRuhe unb 3lbgefdhiebenheit beim Segel« unb Dominofpiel im Saufe 
ber 3ahrjef)nte ju erboten pflegten. 3111 Eintet in Vonn Vrioatbocent 
n>at unb fidh um ihn ber in ber beutfchen SitteraturgefdEjichte berühmt ge* 
roorben „Vtaifäferbunb" fchaarte, roaren el bie dichter Stlepanber Kaufmann, 
Sßolfgang ÜJtüCter oon Söniglrointcr, ©Oriftian Qofeph 3Rafcerath, 2Bittibatb 
Vepfdljlag, 3aco6 Vurdharbt, Sari ©imrod, ©uftao fßfarriul, Seoin 
©dhüdhtg, gerbhtanb fyreiligrath unb ©ntanuel ©eibet ((entere all Säfte), 
bie bort gerne bei bem bieberen SBirthe ©. 31. $arfcheim einjufehren 
pflegten. §ier mürben bie gefteffen jur aüjäfjrtidhen geier bei Stiftung!« 
fefte! bei SJtatfäferbunbe! abgehatten, hier mar el, roo Äinfel feine 3 Ui 
höret burdh ben Vortrag feiner größeren Dichtungen, fo u. 31. am fßeter« 
unb fßautltage 1844 burch Vortefung feinel „©tobfchmieb oon Stntroerpen" 
entjüdte. SBie fo oielfadfj im atabemifchen Sehen, fo fnüpften auch hier 
bie ©äfle über bie ©tubienjeit Ijinaul weitere Vejiehungen ju bem SBirthe, 
bie nicht nur einen metatlifchen Veigefdhtnatf hatten. Daju tarn, bafe in 
ben bemegten politifdhen 3 ß iten bei 3af)rel 1848 Äinlet hier im Greife 
feiner ©eftnnunglgenoffen roeilte, bie ftdh, „jur Slufredhterhaltung ber öffent* 
liehen Drbnung unb Sicherheit forooht ber fßerfonen all audh bei Eigentum!" 
berufen fühlten, bie „freimütige Vürgerfdhu|ma<he" ju hüben. SBenn man 
in bal mir oorliegenbe „SBadjtbudh" einen ©tief mirft, ben ©rnft ber barin 
aulgefpro<henen Stnorbnungen, ben Stufroanb ber Unterfudfjungen ©eiten! 
ber Vehörben, bie am ©onntag, ben 6. Stuguft 1849 erfolgte $ulbigung 
für ben ÜReidhloerroefer ©rjherjog Johann (mit feiertidhem Hochamt, 
Debeunt unb Satt mit ^euerroert bei $arfcheim) an feinen 3tugen oorüber« 
Sieben täfjt, fo roeif; man nicht, ob man über bie bamalige „SBadht am 
9?b e in" mehr ftaunen at! lächeln folt. immerhin ift el erflärtidfj, baß 
ftinfet nadh biefen ^Begebenheiten unb nadh feiner am 29. Quni 1849 er« 
folgten Verhaftung im babifchen Stufftanbe audh im fernen Stullanbe ju bem 
SBirtb ^arßheim bie bilherigen freunbfdhaftlidhen Vejiehungen rneiter pflegte, 
nmfomebr, all biefer in fetbfilofer Dreue bie Vermattung unb 3Ibroidetung 
ber Äinlet’fdhen Vermögenlangetegenheiten bemirfte. Johanna Sinfet über« 
gab fogar bem treuen greunbe ihres SRannel bei ihrem 2lbfd)iebe oon 
Vonn all Slnbenfen bal nunmehr bifiorifcb geroorbene ©eroehr, mit bem 
biefer feiner 3e»t in ben frifdhen, fröhlichen Ärieg nach ber fßfatj gesogen 
mar. Die Vejiehungen Sinfel! ju biefem einfachen SRanne unb Vürger 



86 


3ofepfi in Sonn. 


finb für Erfteren bejeidbnenb unb betätigen baS, was So^anna in ihren 
©riefe com 18. 3J?ai 1848 (fpreufi. Jahrbücher 33anb 97, £eft 3 
©. 420) Tagt: 

„3<b glaube, wir ftnb in Söonn bie rinätgm, bie mit ®emcrbe= unb fjanbrorrf 
treibenben als mit ebenbürtigen Leuten Berichten, leinen llnterfdjieb in ber Slnrebe (ftert 
t?ran, fträulem ?c.') unb im ®rufs auf ber ©trabe machen, bieS Derftcbt ft d) natütlid 
Bon felbft, aber fo ftarf ift ber Unftnn hier, bafj man fo ettnaS bemerft. 9hm rufen bi 
©entralbürgerBerfammlungen eine ®leidiheit nothwenbig Ijeroor, gegen bie ftd) bie 29etooIjnet 
in ber Iädjerlidjften SSeife fträuben. Tie i'anbroerfer, bie gern für ihre 3ntereffen einer 
Orbner, Sprecher, SBerfaffcr gehabt batten, toanbten ftd; an fflinbl als ben etnjigen, bet 
immer freunblid) mit ibtien geftanben. 9latürlich nahm ftd) ffinfel ihrer Sntereffen an 
unb nun nmrbe er üott ber 5l?rofefforen=6liqtte förmlid) ejilirt.“ 

2tuS bem ©riefroecfjfef, ben Äinfet mit ^ar^eim führte, geht aber 
auch bie weniger befnnnte 2;f)atfad^e Ijeroor, bafj ber dichter am Enb« 
feines bewegten SebenS feinen fehnticberen Sßunfdh hatte, als bafj eS it»m 
nergönnt würbe, wieber ein ©eutfeher ju werben. SBenn Jreiligrath fid}, 
trofc feiner inneren SBanblung, auch fpäter nicht mit feinem SSaterlanb« 
ausföhnen fonnte, fo mufj es uns hoppelt angenehm berühren, bafj Äinfel 
biefen SBunfdj in feinem innerften fersen fehnlicbft gehabt hat. ®er folgenbe 
©rief legt hierüber ein berebteS 3 eu 9 n iß o&: 

3itri<b, 19. Stpril 1872. 
©eebrter unb lieber $err §aröbeim! 

©ie Tonnen ftd) nicht benfen, wie febr id) mich auf biefe Sibtin reife freue, Wir 

haben hier hoch im ®anjen bloS einen traurigen 2lbgtan} be8 TeutfcijthumS, idb will 
ttieber einmal gans reine beutfebe £uft athmen. 

SDtit berjlicben ©rüfjen an ©ie unb bie 3brigen Sfinfel. 

3lucf) gerbinanb £ep’l (2BieSbaben) erjählt uns in feiner Erinnerung 
an ©ottfrieb Äinfel, (ogl. ©artenlaube 1892 SRr. 14 S. 216) bafj biefer 
ihm in einer gemütlichen ©tunbe im „2lbter" ju SBieSbabcn im SOtärj 
beS Jahres 18^2 anoertraut habe, wie er über feine politifdje Vergangen: 
heit felbft badjte: „Jdj bin am fRfjein — o, wenn man wüfjte, was man 
bem „2Hten" für eine Jreube hätte bereiten fönnen, wenn man ihn heim* 
berufen, ihn wieber jum ©eutfdjen hätte werben laffen mit SDeutfdjen! 
2Bot)l banfe idj ber ©djroeij, bah fte mir wie oorbetn ©ngtanb ein $eim, 
eine fRuheftätte geboten hat, aber, Jreunb, ich leibe, unb jroar an jwei 
liebeln, am Heimweh unb am Jludje ber polüifdjen ^Berühmtheit." 

9)tan wirb biefen 2hiSfprudj in feiner bittern SBahrheit oerftehen, 
wenn man iid) baS <Sd)icffat oergegenwärtigt, baS fo tragifd) jroifchen bem 
fDidjter unb feinem ©ol£e fianb. 

®aS ©lücf, „wieber einmal ganj reine beutfdje Suft ju athmen," ift 
bem fDidjter nidht mehr im Ceben ju fEljeil geworben. Er ijt heimgagangen 
fern oon feinem 93aterlanbe unb feiner Heimat am fftbein; fein Seib ruht 
in frember Erbe; fein 9lame lebt aber am Siblin unb im ganjen beutfdjen 
s 3aterlaube unuergänglid) fort, baS mit trauember, inniger fEtjeilnahme auf 
bas Unglücf wie auf ben SBechfel feiner ©djicffale faf). 


(Sottfriefc Ktnfd unb feine rtyeintfdjc ßeimat. 87 

SMetfroürbiger SGBeifc bat man am Di^ein ben rijeiuifcfjen Siebtem 
fferbinanb ffreiligratb, MicolauS Sedter, ©uftan fßfarriuS, Sßolfgang -Müller 
non JtönigSrointer, Smil 9?itterSEjauS unb bemnäcfjft Älart Simrocf ©enfmale 
in Srj unb Stein gefegt, nur ber Sänger beS „Dtto ber Schüfe" ift bisher 
nergeffen worben, obgleich ihn baS beutfd^e SSotC als einen $auptnertreter 
ber rbeinifdben Sieberfunft anjufeben unb ju fdbäfeen allen Anlafj b nt - 
@S ift nicht ferner, ben ©runb }U erratben. Sei Errichtung non ®enf= 
malen fallen in ber ©egenroart ben Mitgliebem unb greunben beS AuS= 
fdbuffeS ©b^flen, Drben unb ©itel in ben Sd)oo§. Man jagt fidE) auch, 
bafj mir juniet ©enlmale fdfeon hoben unb ba§ es unnüfe ift, Mühe, ©elb 
unb Segeifterung ju oerfebmenben für einen fdbon tobten Siebter, beffen 
politifd&cS 3fbot ber heutigen bpjantinifdben Stiftung attjufern liegt. SBarum 
alfo fidb unnüfe aufregen?! „3)aS ift lein ©efc^äft unb bringt- audb 
nichts ein." 

AnberS badbte man unb benlt man in ber „freien unb freibenfenben 
Schweis". 

Difficile est satiram non scribere! $n biefer Sejiebung nerroeife ich 
ben freunbßdben Sefer auf meine Ausführungen in meiner Schrift: SitterarifcfeeS 
Sehen am Mbein. Seipjig 1899. Seite 118 u. f. 

®a§ Äinfel »ou politifdb anberS ©enfenben audb tüieber geredbt be- 
urtbeitt mürbe, jeigen bie SBorte beS fyeftrebnerS bei ber freier beS SfBinfel* 
mamtsgefteS in Sonn am 6. ©ecember 1882: „Äinlel bleibe baS un= 
befireitbare Serbienfi, ber mobemen ßunftroiffenfefeaft ihren erften alabemifeben 
Sebrfiubl burdb feine Sorlefungen in Sonn ju einer 3eit gleidbfam erobert 
ju hoben, mo es nodb beS Kampfes beburfte, ob überhaupt baS Mittel* 
alter in bie Jtunftmiffenfdbaft aufgenommen roerben lonne. ftinlet fei burdb 
unb burdb ein Äinb rijeinifcher ©rbe unb eine reine ibeale 9iatur gemefen. 3n 
biefen beiben Sigenfdfeaften lägen feine Stärfen unb feine Sdbroädben. Mit 
geringerem ftbealiSmuS mürbe roabrfdbeinlidb feine politifdbe Saufbabn oor 
Qrrroegen beioabrt geblieben fein, beten Meinfeeit, fo abroeidbenb man 
audb i u t&t fteben möge, non Miemanb beftritten roerben fönne." 

Äinlet mar mit einem 2Borte ein Menfdb non ibealem $(uge ber 
©ebanfen unb golbreinem £erjen, ber nur baS Sefte wollte. Sr lonnte 
•Manche, bie ihm folgten, jur Sdbroärmerei, ja jur ©borbeit reijen. 

Seine Stimme Hang im ©loctcntone, unb bie Mebe flog ihm lebertS* 
roann non ben Sippen. Auf ihn paffen bie SBorte, bie Julius Mofen nom 
©idbter fingt, mie auf roenige anbre Dlpmpier: 

„®er SDidjter mitrjle tief in feinem 23oIte 
Unb fteifl’ etnpor frifcf) mie ein ©aimcnbamn, 

Mag bann er branieit mit ber SBettermoltc 
Unb aud) fict) roiegen in be§ £enje8 Irantn : 

®etm mit betn SSeltfleift eins in jeber fflegung 
ftüfelt er beS £>afeinS leifefte Söemegung." 



(England und die füdafriranifc^en Jmftaaten. 

(Ein jeitgefdjidjtlidjer 2?ücfbli<f mit perfönltcfyen (Erinnerungen. 

Don 

Start mnt. 

— £ont>on. — 


urj ehe baä Dberhaupt berTranäoaal*9iepublif auf bem hollänbifcben 
ÄriegSfdjiffe „©elberlanb" bie §abrt nad) Guropa antrat, fanb 
in Sonbon eine merfwtirbige 33erfteigerung ftatt. Sin alter §ut 
beä gjräfibenten Ärüger würbe im 2lufftrei<h ju fünfunbjroanjig ißfunb 
©teil., eine feiner Tabakpfeifen ju jroeiunbeinf)al6 ©uineen loägefdjlagen. 
3ufammen 552 Warf! 

Tie „Taitp 9tewg", bie feit SJeginn ber 3krwicfetung mit ber 9te* 
gierung ju Pretoria unb währenb beä ganzen Krieges ju ber oon Ghamber* 
lain eingeleiteten Sßolitif ge[tanben ift, erflärte bei ©etegenljeit biefer 33er» 
fteigerung: ein folcher sprek märe für fein 33efleibung3ftü<f 9tapoteonäI. 
ju erlangen. 2ludj bürfe man wobl bezweifeln, ba& heutzutage ba8 Slnbenfen 
an ben corfif^en Gröberer no<$ fo oiel oerlodenben 5teiz befifce, wie bie 
Sefdjaftigung mit ftrügek ^ßerfönlicE>feit. 

3<h bin mit bem ißräfibenten ber ©übafrifanifchen SRepublif — eine 
Stellung, bie er bk heute nodj nicht niebergelegt, ionbem nur zeitweife an 
$erm ©d)alf=33urger übertragen hat — währenb ber Sonbonet 33er* 
hanblungen über ben neuen 33ertrag oon 1884 öftere zufammen geroefen. 
3Jiit ihm waren barnak, wie unlängft erwähnt worben, ©enerat ©mit 
unb £err Tu Toit, ber Unterri<bk*9)Hnifter, in Sonbon erfdhienen. 
ttrügerä ^ut unb feine pfeife ftnb mir baher in ber ©rinnerung nid)t 
fremb. Sebhaft fehe idj ben einfadj gefleibeten, für gefellfdhaftlidje 9lnfprü<he 
wenig gemalten SJlann not mir, wie er — eine halbe ©tunbe, ehe ber 
neue 33ertrag unterzeichnet würbe — in feinem ©aflhofe auf einem niebrigen 
Auftritt am ffenfier fafj, feine pfeife taudjenb. Ta3 war, fo zu fagen, für 



€nglanb tutb bie fiibafrifantfdjen ^reiftaaten. 


89 


tfjn bie „©toep" (fprid): ©tup), b. h- bie ©tufe ober Freitreppe, auf ber 
er, nor feinem ^aufe in @üb=2lfrifa, ber ©eroohnljeit beS Stauchens mit Se= 
tagen pflegte. 

Sei jenem Sefudje tiärtbtgte man mir ben gebrudten SCeyt beS ber 
Unterjeidinung roartenben SertragS^SntrourfeS ein. @r mar in englifd&er 
unb £)ot!dnbifc^er Sprache abgefafet, meid)’ beibe ©praßen mir befannt ftnb. 
3<h höbe bereit« fefigeftettt, roeld)e Sebenfen idh bamals non Steuern gegen 
bie 3tnnaf)me beS SlbfdjnitteS 4 äußerte. SlUein es mar nidfjt tnefjr ju 
änbem. ®ie Herren fuhren nach SDoroning ©treet, unb bie Unterjeühnung 
fanb ftatt. 

3Jiit Seftimmtheit glaube ich fagen ju fönnen, bafe, hätte bie lEranSnaat» 
Slborbnung fe|i auf Streichung beS SlbfcfenitteS 4 (betreffenb ben älbfdjlufe 
non Verträgen mit F^erobmächten) befearrt, Sorb ®erbp auch in biefem 
fünfte fdjliefelidj nachgegeben hätte. F^lanb mar nämlich bamals noch 
ftarf im Slufruhr begriffen; unb Sorb $erbp fürchtete, es fönnte in ©üb» 
tlfrifa ein „jroeiteS 3rlanb" erflehen, ©ein UnterflaatSfecretär 6 ourtnep, 
ber feitbem ftetS ju ber ©adje ber Suren gehalten unb beSljalb bei ben 
neulich fiattgehabten <parlamentSroaf)len feinen Slbgeorbnetenfits h«t aufgeben 
müffen, mar 1884 ebenfalls ganj für bas Stecht ber ©übafrifanifchen 
Stepublif geroonnen geroefen. Sei bem ©rafen ®erbp trat noch ber perfön» 
lidhe Uniftanb fiinju, bafe er als ©rofegrunbbefifeer auch in 3 r tonb begütert 
mar. ®ie Seroältigung ber unruhigen $nfel mar bafeer feine erfte ©orge. 
Sei ber Äleinheit ber engtifchen ©treitfräfte ju Sanb fdnen ihm baS freuitb» 
liehe Slbfommen mit £ranSnaal boppelt rathfam. ®och, roie gefagt, bie 
£ranSnaal»©efanbtfchaft liefe bie ©a<he mit 2lbf<hnitt 4 auf jt<h beruhen. 

Qm ©nflange mit bem, bei ihrem Stbfdiiebe an mich gerichteten 
ehrenben ©chreibcn ber ©efanbtfdjaft habe ich baS Stecht ber ©übafrifani» 
feilen Stepublif auf nolle Unabhängigfeit niete 3oh« hinburch öffentlich in 
©nglanb nertljeibigt, ebenfo in SDeutfdilanb unb Slmerifa. SDer 9ta<htheile, 
bie mir baburdh in bem Sanbe etrouefefen, in welchem ich ben gröfeeren 
2h«l meines SebenS jugebracht, foU nid)t gebaut merben. 2Bo es (ich um 
bie ©rfüHung einer Pflicht fjottbelt — roie bamats, roo bie feerrfehenben 
©tänbe in ©nglanb, unb fogar ber gröfeere SCheil ber SJtaffen, gegen bie 
bereinigten Staaten non Slmerifa unb für bie ©flaoenbalter:©mpörung, 
für ®änemarf unb gegen baS Stecht ©chleSroig^olfteinS, fpäter theitroeife 
auch für Ftonfreich unb gegen $>eutf<hlanbs 3ted)t auf 3urüdn«feme non 
6tfafe:£othringen jtdj ereiferten: ba habe ich nie gejögeit, bie ©adie ber 
Freiheit unb beS SatertanbeS mit aller mir ju ©ebot ftefeenben Ära ft in 
©djufc ju nehmen, ©ntehrt roürbe ich mich gefühlt hoben, hätte mir 
ber gleiche SJtutfe für bie Sertheibigung ber fübafrifanifchen Stepubtifen ge* 
fehlt — roas immer auch bie Folgen fein mochten. 

®afe ich in ©nglanb, nach bem ©turje unferer ©rhebung non 
1848—49, eine F*eiftatt gefunben, höbe ich wie oergeffen. S)ie ßumuthung. 



90 


Karl Bltnb in £onbon. 


i<f» foße beshalb auf feine ©eite treten ober auch nur fdfjmeigen, wenn es 
fdfmöbeS UnredEjt tut, werbe ich ftetS jurüdweifen. Um beS „befferen 
©ngtanbs" felbft wißen ^alte ich bieS für ebenfo nöttjig wie gerechtfertigt. 

II. 

©in Qabr ift verfloffen, unb ber Krieg in ©üb=2lfrifa ift noch nicht 
beenbet. Qldh barf fagen, bafj ich ju ben Sßenigen gehöre, bie bieS vorauf 
faben unb öffentlich wieberholten. RUt 10 000, bann mit 20 000 9Jlann 
batte man bie beiben Republifen bequem nieberwerfen woßen. „Sßenn bie 
Suren einmal ein paar Regimenter engtifcbe ©oibaten feben" — äufterte 
man fi<b gegen midb vor Seginn beS Krieges — , „ba werben Re fdhon Kein 
beigeben!" ©päteftenS auf Sßeihnadhten 1899 wollte Süßer in Pretoria 
fein, um bort baS S e R ju feiern! 

2llS $elbmarf<hafl Roberts an feine ©teße gefefct würbe, gab man 
fi<b abermais ben fonberbarften Hoffnungen bin. ®o<h wieberum verging 
ein halbes SaRr. 3n iüngfter Seit würbe enblidj bie Rüdfehr oon Roberts 
nach ©nglanb — re bene gesta — auf ©eptember angefünbigt. ©ie 
Srift, hieß «s halb barauf, müjfe auf SDiitte Rooember verlängert werben, 
©r melbete inbeffen nachher: nicht vor Januar nädhften SaRreS ßnne er 
eintreffen. ©anj neuerbingS fcRrieb er nach ©ubtin: nidht vor ßJtärj 1901 
vermöge er bort jum ©mpfang beS ©brenbürgerrecfjteS fi<h einjufießen. 

©cfjlieRlicb fab er Rdh genötbigt, plöbüch wieber ben Rovember für feine 
Rüdfehr feftjufeben. ©er ©runb ift, weil ber bisherige Oberbefehlshaber 
ber englischen HeereSmadht, Sorb SBolfelep — an beffen ©teße, ba feine 
Seit abgelaufen, Roberts ernannt worben war — Rdh geweigert hat, länger 
im 2lmte ju bleiben. Swifcben SBotfelep unb bem KriegSminijterium beftebt 
nämlidh feit ben ©reigniffen in ©üb;2Ifrifa eine nidht ju beilenbe ©pannung. 
©aS 2lßeS wirft ein eigentümliches Sicht auf bie wirren Serbältniffe in 
ber HeereS=£eitung unb Serwaltung. Obwohl ber Krieg nidht ju ©nbe, 
tnuR ber Heerführer, ber fit bisher aßein als tüchtig erwiefen, bie Rüd* 
fefjr antreten! 

Run vertäfst er ben ©djauptafc mit ber Seljauptung, „ber Krieg fei 
ju ©nbe; nur ©uerrißaS (KriegSs^reifdhaaren) ftänben noch im Selbe". 
SBeldher SBiberfprudh in ben Sßorten! 2ßelrf)er SBiberfprudh in ben ©hat* 
fadhen! „©er Krieg ift ju ©nbe" — unb bie Suren führen ihn noch && um 
bie HauptRabt beS Orange=S*eiftaateS, ja, bis an bie ©renje ber Gap*2ln= 
fiebelung hi«, fort, „©er Krieg ift ju ©nbe" — bie Regierung aber ver= 
langt, nachbem naheju 100 000 000 fßfD. ©terl. barauf gegangen ftnb, vom 
Parlament weitere ©elbmittel jur Sortierung beSfelben! 

Unb Sorb Roberts fdjliefst mit einem ©rlaffe ab, worin eS von ben 
Surenfätnpfem heiRt: „SBir ehren fie, weil fie für ci^eit fämpfen, 
an bie wir felbft fo grünblich glauben." ©amt wiß er bie wahre 
Sreiheit in ber Rieber^wingung ber greiftaaten fehen. SMdjer Hohu! 



(Englanb nnb bie fübafrifanif djen reiftaaten. 


91 


SDKt nabegu einer SBiertelmittion -Dtann Gruppen bat ber Jtrieg gegen bie 
beiben gretfiaaten, beren weiße 5luren*93ei>ölferung jeben ©efcblechteS unb 
SllterS faunt 150 000 3Jlenfd^cn in fidj faßt, bis fjeute nicht ju Gnbe ge* 
bracht werben fönnen. 2Ran bat einen Slbfdjluß burdj Grjmingung beS 
9leutralUätS*ßHbeS oerfudjt, im©egenfafe ju ber Karen 33eftimmung ber int$aag 
getroffenen, non Gnglanb gebilligten Uebereinftmft. ©er Vertreter Gnglattbs 
felbft, ©ir Qofjn Ülrbagb, batte bort einen Antrag gefledt, ber ben Craft= 
ooQften oaterlänbifdjen SEßiberftanb (the most energetic patriotic 
resistance) eines 33olfeS, in beffen ftmb ber $einb eingebrod&en, als noH 
berechtigt anerfennt. ©ie Ausübung irgenbwelchen ©rucfeS, um einen Gib 
ju ©unften ber eingebrungenen ffeinbeSmadjt ju erjwingen, ift in einem 
beionberen 2tbf<bnitte beS Haager Vertrages unbebingt nerboten. (3lrt. 45: 
„Any pressure on the population of occupied territory to take the oath 
to the hostile power is prohibited“.) 

©ie aSorfdjreibung beS 9teutralitötS*®ibeS toar alfo ein fdjnöber 33rucb 
beS ^aager 2lbfommenS. ©ie „2lbmiraltp anb $orfe ©uarbs ©ajette", eine 
non Dffijieren ber glotte unb beS £eereS geleitete, conieroatioe Seitung, 
erfennt bieS in ben ftärfften 2Borten an. ©ie erflärt: „2Bir fielen Damit 
»or ber SBelt ba als 33erlefcer ber menf<hti«ben Seftimmungen beS 
oölferredjtlidjen ©efefeeS über ßriegfübrung, bem wir bocb nnfete 
3uftimmung ert^eitt batten." 

GS fcbeint faft, als ob man fich’S im $aag fpöttißh junt umgefebrten 
©runbfafc gemacht lj«be: „Si vis bellum, para pacem“. Stber nod) Un* 
erbörtereS wirb jeßt fogar aus Pretoria in einer aus amtlicher Quelle 
fließenben ÜJtittbeilung gemelbet. 

©a eS — fo wirb gejagt — mit bem ff 9ieutralität3=Gib" offenbar 
nicht gebe, fo fühlt man, baß es nur eine Söfung giebt — nämlich bie 
SBegffibrung außer SanbeS, unb ©efangeitbaltnng innerhalb einer großen Gin* 
friebigung, jebeS einzelnen SBürgerS, fei er gut gefinnt ober nicht! 
©ie Regierung mürbe täglich eine geroiffe ©umme für bie Grnäbrung unb 
für bie pflege ihres SBiebftanbeS jablen. 

Qebe Seurtbeilung folcher beabfichtigten ^Barbarei ift überflüffig. 

©aß eine 2Bettma<ht, bie über 400000 000 Gtnmobner gebietet, 
fchließlich ein SölHein oon 150 000 SJtenfchen überminben fönne, wenn 
nicht große auswärtige 33ermiäetungen binjutreten, baS fonnte fein 93er* 
ftänbiger je bejweifeln. Slber für bie 3uKinft jebenfalls finb folche fcbwere 
©efahren für Gnglanb nicht auSgefchloffen ; unb bann wirb ftdj ber ffluch 
begangener Untbat rächen, ©enn felbft jefct, nach mehr als einem Sabre 
beS JtampfeS gegen einen an 3 a bl fo fchwadjen, nur mit 33üd)fen unb ©e* 
frühen, nicht mit Sajonneten unb ©eitengewebr oerfebenen, ber eigentlichen 
friegerifchen 9luSbilbung entbebrenben, ben folbatifchen ©eborfam nicht 
fennenben, ber fejien einheitlichen SKuSbilbung mangelnben Raufen be* 
rittener Säuern — felbft jeßt fann fuh baS englifcbe 93olf nicht ju ber 



92 


Karl 23 li nb in £onbon. 


2lrt allgemeiner 2BeErrpftid)t entfcfitießen, bie bcr freie ©djmeijer gern 
erfüllt. 

Unb wäßrenb man folcfje Si. ; eE)rpflid^t weit non (ich weift, wirb gleich* 
roofjl in Gnglanb« ißreffe, in ben Sieben fo monier feiner fßolitifer unb 
in feinen großen Seitfcßriften, bie noch weitere 2lu«behnung be« bereit« 
über alle fünf Steile unfere« 2Banbelftern« ftdj erftrecfenben, ein ©e<h«tel 
be« bewohnbaren Grbbafle« untfpannenben, ungeheueren SBeltreicbe« geprebigt. 
3a, eS werben Stimmen laut, bie ba« alte Stömer*3teich al« Vorbilb auf* 
fteHen, e§ fogar al« 9J?ufter ber „Völfernerbrüberung" bezeichnen, Gnglanb 
für feinen natürlidhen Grben auSgeben unb ben Keinen ©taaten überhaupt 
ba« Siecht jum ©afein abfprecfjen! 


in. 

SBeber in ber ©übafrifanifchen Stepublif, nodj int Dranje*3reiftaat, 
benen man englifdherfeit« bereit« Siamen gegeben hat, welche bie Vernichtung 
ihrer Unabhängigfeit bebeuten fotlen, ift man mit bent (Segnet fertig. 3n= 
bejfen mag ber 3eitpunft wofjt gefommen fein, wo ft<h ein SiüdfblicE auf bie 
Urheberfchaft be« Kriege« empfiehlt. 

®a ift oot 9lHem zu erwähnen, baß bie Herbeiführung biefe« ftch 
hinfcßteppenben Kriege« anfänglich non Siiemanb fdjärfer »erurtheilt, baß 
feine für Gnglanb unausbleiblich oerberblidjen folgen Viemanb 
warnenber norauSgefagt worben finb, al« non bem SJianne, ber ihn fcßtießli<b 
felbft planmäßig angejettelt hat — boju neranlaßt burch gelbmäißtige unb 
hohe Ginflüffe, bie neben unb hinter ihm ftanben. 

Ginft, at« SJtitglieb ber ©labftone’fäjen Partei, hatte Herr 
Ghamberlain in feurigen SBorten ba« unbebingte Stecht ber Vürger non 
©ranSnaat auf Unabhängigfeit anerfannt. 2lebnli<h al« SJtitglieb eine« ©lab« 
ftonc’fchen Gabinet«. 211« Dr. Qamefon ßctj auf bem non bem „©iamanten* 
König" GecilStßobeS angeftifteten greibeuter*3uge befanb, richtete Ghamber* 
lain, al« SJtinifter bet Slnfiebelungen unter ber heutigen ®ort)=3tegierung, 
ein amtliche« ©Treiben an bie „©iibafr ifanif cEje ©efeflfchaft", worin bie 
©ranSnaal * Stepublif breimal als „frember ©taat", al« „ffremb* 
macht", bejeidfmet ift, bie in freunbfcßaftlichen Vezieljungen ju 3h^ 
9)tafeftät Stegierung flehe. Kaum braucht gefagt ju werben, baß ein frember 
©taat, eine gtentbmacbt nicht unter ber Oberhoheit (©ujeraintp) einer 
anberen grembmacht ftefjou fann. ©ie beiben 2lu«brücJe fließen ft <6 
nach ben einfacßften Siegeln ber Vernunft unb be« Völferrechte« gegen* 
feitig au«. 

Gin paar SJtonate nadh Stieberwerfung be« Samefon’fchen Ginbrudhe« 
brängtc inbcffen fchon eine ©tuppe non Kriegshetzern, beren gemeine 
§inanj*3we<fe fein ©eheimniß waren, anf ein an bie Stepublif, bie fi<h 
bei Vchanbtung ber Gefangenen fo ebelmiithig gejeigt hatte, ju erlaffenbe« 
Ultimatum, ©arauf antwortete bamal« Ghamberlain im Unterhaufe: 



(grtglanb uitb bie fübafrtfantfdjett ^ re tftaaten. 


93 


„SBott geroiffen ©eiten f)er wirb her ©ebanfe taut, bie ^Regierung 
hätte an ben fpräftbenten trüget ein Ultimatum rieten foUen — ein 
Ultimatum, baS ftc^crlid^ permorfen motben märe, unb baS unfehlbar jum 
Kriege geführt hätte. $err ©precher! ich benfe nicht baran, eine folcfe 
SuSndjt auch nur ju erörtern, ©in Ärieg in ©üb-. 2 lfrifa märe einer ber 
furchtbarften Kriege, bie je geführt werben fönnten. ©r gliche einem 33ürger= 
friege. @S mürbe ein langer Ärieg roerben, ein grimmiger Ärieg unb ein 
fojlfpieliger Jtrieg. @r mürbe bie glühenbe 9Ifd6e eines Kampfes hinter: 
laffen, bie auf niete fttienfcfiengefchlechter hiuouS, beffen bin ich 
überjeugt, nid^t getöfcht werben fönnte. ©egen ben fpräftbenten 
ftrüger in ben Rrieg 51 t sieben, um in ben inneren Stngetegenheiten feines 
Staates ihm Sßerbefferungen aufjusroingen, roährenb englifche -Dtinifter hier 
in unferem ^Parlamente roieberholt tief) erhoben hoben, um alles 9t echt 
auf ©inmifchung unfererfeits surücfsuroeifen, baS märe ein ebenfo 
uniittlicfjeS mie unflugeS Verfahren." 

©inige SWonate not biefer 9tebe hotte $err ©hamberlain im Unter: 
häufe erflärt: 

„geh fage nicht, bah mir traft beS Vertrages (oon 1884) berechtigt 
finb, bem fpräjibenten Jtrüger SBerbefferungen aufsujroingen. 2 Bir finb nur 
heredhtigt, ihm freunbfdhafttichen 9tath su ertheilen. 2 Pirb biefer freunb: 
fdjaftlühe 9?atfj nicht gut aufgenommen, fo ift nicht bie geringfte 9Ibücht 
fettend ber 9>iegierung ghrer SJiajeftät norhanben, einen 3'oang auSsuüben. 
34 bin nottfommen bereit, folchen 9tath jurücfjunehmen unb eine anbere 
Söfung su fuchen, wenn jene bem fpräfibenten angebotene für ihn nicht 
annehmbar ift. ®aS Stecht su unferem Verfahren auf ©runb beS 9?er: 
träges ift auf bte Slnerbietung freunbfchaftlichen 9tatheS befcbrcinft, beffen 
Sermerfung mir, im gatte ber Stichtannahme, gans bereit fein müffen ju: 
Suftimmen." 

SJtan beachte, baß ©hamberlain hier, im gebruar 1896, gans richtig 
nur pon einem Vertrage, bem non 1884, fpradj. $>er pon 1881 mar 
abgefchafft. 

aBieberum äufserte ft<h ©homberlain bamals über bie ©timmrechtSfrage 
bahin, bah — wenn bie ^Befürchtung begrünbet fei, es mürben bie fofort 
jum Wahlrecht sugelaffenen gremben baSfetbe benutzen, um bie fPerfaffung 
pon SEranSnaal su ftürjen unb eine pon ihnen gehilbete 9tegierung an bie 
Stelle su fefcen — man bem fPräfibenten ßrüger atterbingS nicht sumutben 
tönne, folchen ©elbftmorb 5 U begehen. „®ie grage ift, ob fpräftbent 
Ärüger glaubt, bah unfer fPorfchlag bie Sicherheit ber SranSpaabSlegienmg 
bebroht. 2 Benn ja, fo roirb er pollfommen berechtigt fein, ihn su 
uetroerfen." 

gn fpäteren 9teben legte ©hamberlain öfters Stachbrucf barauf, bah 
bie holläubifche aSepöllerung in @üb: 2 lfrifa bie fDtehrheit bilbet, unb 
bah ettte grohe ©efahr entftünbe, wenn man, im 2 Biberfpru<h mit bem 



9 * 


Karl Slinb in tonbon. 


SolfSgefüht in ber Kap*Anfiebelung unb im Dranje*§reiftaat, jum Kriege 
fdhritte. Ülod) im Auguft 1896 roanbte et ftd^ mit biefen SBorten gegen 
ben jum Kriege hefcenben Sir 2If fi nteab Sartlett: 

„2ßa3 ift bie fßolitif, bie ber eljrenroerthe $err empföhle, falls er • 
hier an meinem ißtafce ftünbe? SBir miffen es roohl. ßr mürbe »or AHem 
eine Sdhlufjforberung an ben fßräfibenten Krüger rieten, mit bem Sertangen 
nach Serbefferungen innerhalb einer gemiffen grift, ober anbemfalls einer An* 
brotjung ber Anroenbung oon ©eroalt. ©ann, fo benfe ich, fäme er Berber 
unb mürbe bie Seroilligung non 10 000000 ober gar 20000000 ißfb. Sterl. 
— es fommt ja nicht fo genau barauf an (©elädfiter) — forbern unb ein 
£eer non minbeftenS 10000 fDtann auSfchicfen, um ben ißräfibenten Krüger 
ju SerfaffungSoerbefferungen ju jroingen, in Sejug auf rcelche nicht bloS 
bie gegenmärtige Regierung, fonbern audfj frühere StaatSminifter fidf) toieber* 
holt nerpflicbtet haben, baf; fte mit ben inneren Angelegenheiten non ©ranS* 
oaal nichts .rootlen ju fdfjaffen haben. ©aS ift bie Solitif beS ehrenmerthen. 
.fjerm. ©aS ift nicht meine ißoliti! !" 

©erfelbe SRann, ber all’ bieS gefagt, behauptete nachher, baf? ber ab* 
geraffte Sertrag oon 1881 gelte! baf; ßnglanb bie Oberhoheit über bie 
Sübafrifanifdhe SRepubli! befiße ! unb baf; ßnglanb ein fRedjt }um gemalt* 
famen ©ingriff in ihre inneren Angelegenheiten juftehe! ®en ißräfibenten 
Krüger bejeicfnete er fortan ^öfjnifcf) als einen „Sdfjroamm, ben man aus* 
brücfen müffe", hielt ihm bie „Sanbuhr" oor, bie „halb mirb abgelaufen 
fein", unb bebrohte bie fRepublif burdh Sorfchiebung non ©nippen an bie 
SanbeSgrenje. Sei jeber gorberung berief et fidfj nunmehr nidht auf ben Set* 
trag oon 1884, fonbern auf „bie Setträge", unb behauptete unroahrer ÜBeife 
jebeSmal bas Sorhanbenfein einer „Sujeränetät" ber englifdhen Krone über 
bie Sübafrifanifche fRepubtif, um auf biefe SBeife ein ftrieblidjeS Ablommen 
unmöglich ju machen unb ben Krieg betbeijuführen. ®ie ßntfdjeibung beS 
3mifteS mit einem Staate, ben er früher als grembmadjt anerfannnt 
hatte, burdh ein SdhiebSgeridfjt, nerroarf er. 3efct hǤ es: biefer Staat 
fei ein Untertan ber englifdhen Krone! 

Statt ber 10000 fDiamt fottten freilidh im Saufe bet faft 
250000 nothtoenbig merben. Statt 10000000 ober 20000000 Sfb« 
Sterl. haben ftch bie Koften auf naheju 100 000000 Sfb- belaufen; unb audh 
baS reidht nidht aus. 

IV. 

2Rit feiner eigenen ^»anb hatte Sorb ©erbt) alle im Sertrage »on 
1881 enthaltenen Sefiimtnungen für „Snjeränetät" geftridhen. ®en Se* 
meis bafür fann man in einem englifdhen Slaubudfje fehen, mo biefe Stridbe 
miebergegebeu ftnb. ©ie bafür jeugenbe Urfunbe blieb im Seftfc ber 
Regierung ju Pretoria; unb ihre 2Bortfüf)rdr haben oft genug biefer ©hat* • 
fache ermähnt. 



€nglanb unb b!e fiibafrifanifdjen ^ reiftaaten. 9^ 

3fm 27. gte&tttat jgg^. ächtete Sorb ©erbt;, nach ©ertragSabfchlufj, 
an bie Regierung ju Pretoria ein Schreiben, ^oorin wörtlich gefagt ift: 
„®S wirb »on nun an in ©ranSoaal Mefelbe oollftänbige 
Unabljängigfeit fein, wie im Oranje?3?reiftaat. ©ie Seitung unb 
£'6eraufiicf)t beS biplomatifchen ©erfehrS mit fremben Regierungen ift (ber 
Sübafrifanifchen Republü) ebenfalls bewilligt." 

©ie einzige ©ebingung mar, bafc ©ertrage mit ^rembmädjten — 
iebodj nicht folcfie mit bem Oranje?greiftaat ober mit ben Häuptlingen im 
Ülorben oon ©ranSoaal — ber fdjtieBticften ©tttigutig ©ngianbs unterftehen 
follten. erfolgte fein ©infprucf) innerhalb fecf)S Rtonate, fo waren bie 
©ertrage an unb für iidj gütig. 

©iefe ©eftimmung (Abfchnitt 4) war ein Sonberabfommen, wie es 
ein fdjroacher ©taat oft mit einem größeren, ja, ein großer manchmal fogar 
mit einem Keinen hat abfchiteßen müffen. $n Anbetracht ber Streichung 
ber Sujeränetät unb beS ©riefeS non Sotb ©erbt), worin bie Unabhängig? 
feit oon ©ranSoaal fortan auf gleiche Sinie mit ber beS Dranje?greiftaateS 
gefteßt würbe, glaubten ff rüg er unb feine Rtitabgeorbneten (ich jufrieben 
geben ju foHen. ©ranSoaal war $u jener 3eit bem SBeltoerfehr abgewanbt. 
©ie (Mb? unb ©iamantenfetber waren noch nicht entbecft. 2JJit fyrernb? 
mähten meinte man wenig in Sachen oon ©ertrügen ju tljun ju befommen. 
So hielt man fidj für genügenb ftd&er. 

©ie Karen, unwiberleglicfien ©eweife für bie Abfchaffung ber englifchen 
Oberhoheit finb nicht bioS oon Sir SBilliam Hatcourt, bem liberalen 
phtet, fonbent, wie uniängfi in ffärje bemerft, auch oon bem conferoa? 
tioen Anhänger ber Regierung, Sir ©buarb Starte, oeröffentlidjt worben. 
Seibe ftnb fog. „Queens -Counsel“, b. h- ©eheime Dber=3aftijräthe. 
(jarcourt war Rtitgtieb beS Gabinets, baS ben ©ertrag oon 1884 abfcjjlofj. 
@r ift fomit ein Haffifcher 3euge. (Sr gilt auch als einer bet bebeutenbflen 
RecfjtSfenner ©ngianbs unb hat bie Stellung als Sehrer beS ©ölferredjteS 
an ber H»<hf<hule ju Gambribge eingenommen, ©iefe feine gähigfciten im 
Rechtsfache finb allgemein anerfannt, wie man auch fonft über feine politi? 
fcben Söanblungen benfen mag. 

• ©einen fdjlagenben Ausführungen in ber „©imeS" hätte Harcourt noch 
fjinjufügen fönnen, bah ©ir HerfuleS Robinfon, ber ehemalige Ober? 
beooümächtigte in ber ffap?Anfiebelung, ber ben ©ertrag oon 1884 ent? 
warf, bie Streichung ber englifchen Oberhoheit mit ben SBorten bejeugte: 
„3<h follte eS ja bodj wohl roiffen!" 

• ■ ©er Oranje ?3reiftaat ift oölferrechtlich, bei Abfchlufj beS ©ertrageS 
oon 1884 smifcijen Gnglanb unb ©ranSoaal, befanntlich ein „fouoeräner 
internationaler Staat" gewefen. 3fnbem Sorb ©erbt), als oertrag? 
nbf<f)lie&enber SRinifter, bie Sübafrifanifche Republif mit bem Oranje?pei? 
jtaat auf ganj gleiche Sinie (teilte, erfannte er auch fie als fouoeränen, 
internationalen Staat an. 

ftorb unb ۟b. XCV. 286. 


7 



96 


Karl Sltttb in £onbon. 


Um itcf) ber fpäteren Angriffe im Dbetbaufe ju erroebren, fadfelte Porb 
©erbt) freilich rtacfiFjer mit ber Stebengart umher: man befibe, wenn auch 
bie Sujeränetät nicht in ben „neuen Vertrag" (fo bjatte er felbft ihn be= 
jeidEjnet) eittgefchtieben fei, bodb bag 2Befentli<be einer fotdben Steilung. 
Solche für Partei jroecfe im Parlament gebrauste Kniffeleien tonnten ben 
Vertrag unb bie non £orb ©erbt) roäEjrenb ber Unterbanblungen erteilten 
unjrocibeutigen 23erficberungen felbftoerftänblid) nid^t aufbeben. gn Pretoria 
hielt man fidj an ben SBortlaut beg SBertrageg, in beffen ©ingang 
(preamble) unb in beffen fäntmtlicfjen 2Ibf<f)nitten bie Sujeränetät burcbroeg 
getilgt ijl. 

©er Slbfdbnitt 4 bilbete, wie fchon gefagt, ein <Sonber-9lbfommen, 
roie eg fogar ein ©rojjftaat fidj manchmal gegenüber einem Meinen ©entern* 
roefen bot gefallen laffen. ©ie Scbroeij befafj einft unb beanfprudjte noch 
nach bem SBeftfälifdfen ff rieben bag Stecht bet ©ruppent orfchiebung nach 
bem Sdjroarjroalbe im gälte non Krieggaugbruch* 3bre nörblicbc offene 
©renje foHte baburdj gefd)ü|t werben, ßbenfo tarn ibr ein Ginmatfcbgrecht 
in Saoopen ju, toag im ©runbe noch heute gilt. ®ag alte ©eutfdje Steidj 
unb bag Königreich Sarbinien mürben aber begbatb bodj nicht etroa ju 
23afaffen ber Gibgenoffenfdjaft!? 

Kraft beg neuen 2Sertrageg non 1884 ftanb, roie bemerft, ber Süb* 
afritanifdjen Stepublit bag Stecht, mit bem Dranje*greiftaat unb mit ben 
Häuptlingen im Storben iljrcg ©ebieteg Vertrage ju f «blieben, gan$ frei ju. 
Keine Unterbreitung an Gnglanb balle ftattjufinben. ©iefe Seftimmung 
rourbe englifdjerfeitg aber gebrochen, inbem Herr Geeit Stbobeg, ber ißremier* 
aJttnifter ber Kap=2lnftebelung, in bag ®ingeborenen*©ebiet im Storben ein* 
brang unb babutdb bie nöftige Umringung ber Sübafrifanifdjen Stepublit 
nolljog. ©ann regte er, ein SJtitglieb beg ©ebeimen Staatgratbeg ber 
Königin, ben gantefon’fcben ffreibeuterjug an, ju beffen Urbeberfdjaft er ftdb 
befannt bat* 

iüor bem Unterfu<bungg*2lugfcbuffe beg engtifeben ißarlamenteg, ber 
bie oerborgenen gäben beg non bem forbeergefrönten Hofbi<f»ter (Poeta 
laureatus) Sllfreb 2luftin mit glübenbem £ob unb Sßreig befungenen Staub* 
jugeg an’g Sidit bringen foHte, tarnen ©ag nm ©ag, namentlich burdj 
Har court g fdjarf geftellte gtagen, eine SOtenge Ginjelbeiten beraug, burdb 
bie fel)t bobe Kreife mit in’g Spiel gezogen werben tonnten. @g banbeite 
fidb um Herausgabe eineg geheimen 23riefroed)felg unb einer Steilje ©rabt* 
berichte. Me 28elt war auf’g 2leufjerfte gefpannt. 

©a erfchien ber ißrinj oon SBaleg, ber Scbroiegernater beg jur 
Leitung ber „Sübafrifanifchen ©efellfchaft" gehörigen Herjogg oon gife, 
ber mit Herrn Geeit Stbobeg im oberften Statbe biefer ©efellfchaft faft, 
im Saale beg Sßarlamentariüben Unterfucf)unqg*2lugf<buffeg unb roechfette 
oor 2lller 2lugen mit bem Urheber beg greibeuterjugeg, mit Herrn Stbobeg, 
einen roarmen Hänbebrucf . . . 



dEnglanb unb btc fübafrifanifdjen $ reiflaaten. 


97 


9tun ahnte man, tote bic ©adben ftanben. Tie Verausgabe jenes 
SriefroedbfelS unb jener 5Dra^t6eri<ftte mürbe burcf) bett UnterfucbungS:2luS* 
f<bufj nicht mehr geforbert. 33iS auf ben blutigen Tag ift fie unterbrüeft. 
©elbfl Varcourt jog ftdb jurüdf. Gr mürbe eine 3eitlang unroobl; oieHeicbt 
nach Tallepranb’fdber 2lrt. 9tadb mie oor blieb &erc SRbobeS 9Ritgtieb beS 
©ebeinten StaatSratbeS ber Königin. 2RU Vertu Gbamberlain trat SRbobeS, 
bejfen Serbaftung tȊtte jtattfinben muffen, ba er feinen Gib als UJtinifter 
unb ©taatSratbS«3JHtglieb gebrochen, in oertrauten 3Serfebr unb reifte un« 
angefodbten roieber ab. 3m Unterbaufe fdbilberte Gbamberlain nun V er ™ 
JibobeS als einen mafeltofen „Gfjrenmann". 

ftJtan ftelle ftdb oor, ber böcbfte 'Beamte einer franjönfdben 3lnftebelung 
ober ein StaatSminifter granfreidbS habe einen bemaffneten Ginbrndb in 
englifdbeS ©ebiet geftänbiger haften in’S 2Berf gefegt unb fei trofcbem 
■Dtitglieb eines franjöjifdben StaatSratbeS geblieben, fei audb burdb ben ft5rä« 
fibenten ber Stepublif oor einem parlamentarifdjen UnterfudbungS«2luSfcbuffe, 
ober einem ©eridbtsbofe, mit einem oerftänbnifjinnigen ^äubebrudE beehrt 
morben unb frei ausgegangen. 9Ba8 hätte man in Gnglanb baju gefagt? 
2Bäre ba nidbt fofort ber ÄriegSruf gegen Jranfreicb ertlungen ? 

V. 

Verr Gbamberlain f>at auf bringenbe Anfragen befennen müffen, baft 
er jenen unterbrüdften S3riefroecbfel unb bie Tatberichte in ber Vattb 8«' 
habt unb burebgefeben. Tie 50 eröff enttid&ung oermeigert er bebarrlidb. iftan 
bat ihm bunbertmal oorgebalten: eS mürbe ftdb aus ihrer sßeröffentlidfjung 
ergeben, bafs er felbft oon bem Borbaben 3am efonS gemuht. 3Ran bot 
ihn befdbulbigt: fein ©intreten für Gecil fttbobeS als einen „Gbrenmann" 
fei bie ^-otge einer Trobung oon Setbeiligten geroefen, man mürbe andern« 
falls feine (GbamberlainS) 9Ritroiffenfcbaft urfunblidb an’S Siebt bringen. 
Ter ftjtinifter für bie 2lnnebelungen hüllt fidb trofcbem in ©dbroeigen. 

Ter aSorfatt im parlamentarifdben UnterfucbungS--2luSidbuffe bilbete in 
ber Deffentlicbfeit ben entfdfieibenben 2Benbepunft. Treisebn 3abre lang 
batten liberale unb englifebe Jtabinete auf Befragen im Unterbaufe ftetS 
jugegeben, baft im Vertrage oon 1884 feine Oberhoheit über bie ©üb« 
afrifanifdbe ftlepublif oorbebalten unb auSgebrüdtt fei. ©0 batten ftdb, als 
SRegierungSoertreter, bie Verren Bujton unb 23. V- ©mitb, ber fpätere 
ÄabinetSminifter, geäujjert. 

Unterm 16. October 1897 trat Gbamberlain jum erften 3JJate gegen« 
über ber ^Regierung ju Pretoria mit bet Behauptung auf: bie Oberhoheit 
beftebe annodb fraft ber fortmäbrenb gütigen GingangSroorte beS abge« 
fdbafften Vertrages oon 1881 ! TieS roiberfpradb bein 23ortlaute beS neuen 
Vertrages, bem ja audb ein neuer Gingang oorgefefet mar. GS roiberfpradb 
ben eigenen GrHärungen ber oberften ©taatsbeamten unb Jliinifter, bie ben 
Vertrag entmorfen unb abgefcbloffen batten. GS roiberfpradb GbamberlainS 



98 


Karl Blinb in £on&on. 


eigenen, oben angeführten Oarftellungen. Statt non „Vertrag" (Conventioii) 
fpraef) er hinfort immer non Verträgen (Conventions). 2ln biefem 2)udi= 
ftaben, an biefem S=@a(gen füllte ber ©trief für bie ©übafrtfanifdhe fRepublif 
gebreht werben. 

©elbftoerflänbtich mußte bie Regierung ju fßretoria anf folcße Uh* 
geheuerlidhfeit antworten. Gg gefchah unterm 26. 2lpril 1898 burdh bie 
non Dr. Sepbg gezeichnete ©taatgfehrift aufs Unwiberleglidjfle. fErcfc 
biefeg, in Slaubüchern (G 8721, ©. 21, unb G 9507, @. 7) flar ent* 
haltenen fEßatbeftanbeg behaupteten bann umoijfenbe ober bögroillig be|erifd>e 
Sötätter : ffSränbent Jtrüger habe ganj unnöthig bie Cberhoheitgfrage wieber* 
angeregt! Gg mar eine grobe Unwahrheit. $>ur<h Ghamberlain weit bie 
Anregung gefchehen. 

SßieHeicßt barf ich hier erwähnen/ baß bie in ber ©taatgf<hrift ber 
^Regierung ju ^Pretoria enthaltene Darlegung in ihrer Seweigführung faft 
fpunft für ipunft mit bem jufammentrifft, wag ich früher in einer um* 
faffenben englischen 2lbßanblung in ber „ÜRorth American fReoiew" unb 
anberwärtg, an ber £anb ber ^ebermann zugänglichen Urfunben, gefagt 
hatte. ®abur<h erflärt ftdj bie nur fdjeinbar merfwürbige Uebereinftimmung. 
©o Kar sprechen eben bie Shatfachen, bie 'Jtiemanb umgeben fann, ber 
nicht fälschen will. 

2Bag freilich in biefem fyache burch Unfenntniß ober 35ögwitligfeit in 
ber fßreffe geleiftet würbe, fönnte beinahe unglaublich fcEsetnen. ©o oft 
auch Seweife gegeben würben, baß bie Oberhoheit abgefchafft fei, wieber* 
holte eine Sfajahl Slätter aller färben immer wieber bie erfunbene 3Rär 
wie auf ein gegebeneg SBort. Gin berartigeg Sofunggwort war wohl 
herumgeboten worben. 

inmitten ber mittlerweile ftetg heftiger geworbenen SSerwicfelung 
äußerte bie ^Regierung p ^Pretoria jutefct ben 2Bunf<h: man möge ben 
©treit über ©ujeränetät ftillfchweigenb fallen laffen (tacitly to drop). 
©tatt beffen würbe auch in ber lefcten, angeblich nerföhnlichen 3 u f ( hrtf t 
Ghamberlaing abermalg ber gortbeftanb ber beiben Verträge (Conventions) 
behauptet: ein SBiberfinn, ber sich felbfi richtet. ®a wußte man benn ;u 
^Pretoria, wag bie 2lbficf)t beg ©egnerg fei. ®ie mit ber ^Regierung in 
Fühlung ftehenbe „93olf§ftem" („aSolfgftimme") fehrieb : „33eharrt Gnglanb 
ber SRepublif gegenüber auf fotdjem ©tanbpunfte, bann erfennen bie 
Srangoaaler, baß fte fein freieg 2?olf mehr ftnb (dan erkennen de 
Transvaalers dat zij geen vrij volk meer zijn)." 

©olche 33ehanblung ber -Republif war ber Öanf bafür, baß man bag 
Sehen beg Dr. Qatnefon, beg in’g £anb eingebrochenen gremblingg, 
bet auf ülntrieb cineg ÜRitgliebeg beg englifchen ©taatgratheg bie SBaffen 
gegen ben fyreiftaat erhoben hatte, großtnüthig f (honte unb ihn ber eigenen 
^Regierung zur Slburtheilung übergab, wäßrenb bie anberen fEbeitnebnter 
an bem Diaubjuge halb ganz freigelaffen würben. 3fn Sonbon hatte man 


cEnglanb nitb bie fflbaf rifanif d;en ^reiftaaten. , 99 

bainalS allgemein geglaubt, Dr. QamefonS Seben fei nerroirft, unb manchem 
feiner ©efetten mürbe es ähnlich ergeben. 21t an. erinnerte fidb an baS 

©djicffal beS ©rjberjogS SJtapimilian in SJtepifo. SJtan mar fidb beraubt, 
roie ©nglanb felbft in ©anaba, noch in neuefter 3^it, bei gleid^em 2lnlaffe 
gegen Stiel gehandelt batte. SBeldbe Sefürdbtungen man hegte, banon batte 
ich ein perfönlidbeS ©rtebnif}. 

©er Sohn eines befannten englifdjen SitbbauerS, non bem eine 93iifte 
©labflmteS bcrrfibrt, raar unter jenen ©efangenen bei ÄrügerSborp. Seine 
IDfutter, bie ich in ©efettfdjaft nur ein» ober jroeimal getroffen, fam ju 
mir betbeigeftürjt mit ber inftänbigen Sitte, ich möge bei bem Sßräfibenten 
Ärfiger, non bem man ibr gefagt habe, bafi ich ibn in Sonbon fennen 
gelernt, burdb ©rabtmelbung ein 2Bort eintegen, bamit man ihren Sohn 
ni<bt töbte. 3<h beruhigte fie mit ber Semerfung: „es fei bieS gar nicht 
nötbig; nach meiner Ueberjeugung werbe bie ffreilaffung ber nidbt in leiten^ 
ber Stellung geroefenen S^fjcitiiefjmer an bem 3uge alsbnlb erfolgen". 
Stilgemein glaubte inan jebodb in Sonbon, es mürben ©rfdiiefjungen erfolgen. 
Stach meiner befdbraidbtigenben Sleufjerung gegenüber ber fummernotl be= 
forgten SWutter beS jungen SJtamteS raaren faum jraei Sage nerftricben, 
als er audb fdbon frei war. 

©ie »folge biefer menf<bti<ben SJtilbe roar leiber eine allmählich immer 
fdblimmer fidb fteigernbe Äedbett ber ©ruppe, bie beharrlich auf Semidjtnng 
ber fübafrifanifdben Stepublifen auSging. SllS f ft<h bie ©inge ber ©nt* 
fdjetbung nabten, erflärte eines ber Slätter biefer Partei: ©ngtanbs Dber= 
bobeit erftrede fidb nicht bloS über ©ranSnaal, fonbern audb über ben 
Oranje »ff reiflaat, obwohl er — roie fpöttifcb ^injugefügt rourbe — „bem 
SBorttaute beS Vertrages nach ebenfo unabhängig ift, roie Stufjlanb!" 
©in anbereS, angeblich gemäfeigtefteS, fogar als liberal geltenbeS Slatt 
fdbrieb: „SBenn ber Ärieg auSbridbt, roirb es fidb «ich* unt ben Sudbfiaben 
8‘ in bem non &erm ©bamberlain gebrauchten Sßorte , Conventions 4 
banbeln. Sticht um einen Gonfonanten roerben mir fämpfen, fonbern um 
einen ©ontinent". 

^uf bem betreffenben ©ontinente in Slfrifa liegen jufättig unfere 
beutfdben Slnfiebetungen; ebenfo bie portugiefifdben unb bie non anberen 
Sänbern. aber es giebt in ©nglanb roabrtidb eine Partei, roetdber auch 
baS bö<bfi unbequem bünft. 


VI. 

©aS Silb ber Sage furj nor JtriegSauSbrudj roäre nicht nernollftänbigt 
ohne ben ^inroeiS, bafj bie Sebauptungen nnb baS Verfahren ©bamberlains 
nidbt bloS non ff reifinnigen, fonbern fogar non einem Greife ehrlich benfen« 
ber ©orieS aufs Sdbärffte nerurtbeilt roorben roaren. ®ie Offenen SBriefe 
unb Sieben non conferoatinen IßarlamentSmitgliebem, roie Sir ©buarb 
Glarle, tßerr #. S. ffofier unb £err 3- ®l. SDtactean, beroiefen es. 



\00 


Katl Bltnb in £onbon. 


Siefe Sännet traten — fo gab ©iner oon ihnen ohne SSiberfpruCf) an — 
im Stamen conferoatioer ©eftnnungSgenoffen im Unterbaute auf. 

Jn feinem Offenen Schreiben an Sorb SaliSburp erinnerte §err 
fDtadean ben Premier baran, baß biefer in feiner im Oberbaufe gehaltenen 
Siebe oom Stcärj 1884 ba§ bamalige ©labfione’fche ©abinet angriff, weil 
es ben Vertrag non 1881 je triff en unb ben SranSoaafStaat butdj ben 
neuen Vertrag als „Sübafritanifche Siepublif", als unabhängig, als ber Ober* 
hoheit ber englißhen ßrone entjogen, anerfannt habe. 

Sann führte &err SDtadean aus, baß ^ßräfibent ftrüger oertragSmäßig 
ooHfommen berechtigt fei, ©efanbte an frembe Jßöfe ju fdjitfen unb, wenn 
es ihm gefalle, Verträge mit Jranfreich, mit SeutfChlanb, mit Stußlanb 
einjuteiten. 9tur baS Stecht ber fcßlie glichen Serwerfung feitenS ©nglanbS 
fei norbehalten. Sie Sujeränetät aber beftehe nicht mehr. 

SiaCb biefer Darlegung fiel ber confernatine Abgeorbnete für ©atbiff über 
ben SJtinifter für bie Anfiebelungen in AuSbtücfen her, wie fie fein jüljrer 
unb fein Statt ber liberalen ober rabicalen Dppofüton je heftiger gebraucht 
hat. ©r fagte: „Sie unter ber DbercmffiCE)t beS ßabinetS naCh Pretoria 
gerichteten Jufchriften feien tooIjI .höflich genug abgefaßt; bie Sieben 
©hamberlainS aber feien berart, baff fie fogar einen ^eiligen jur 2Buth 
aufftaCheln müßten". $ert SJladean nannte biefen SJtinifter, ber 1881 
unb 1884 mitverantwortlich für bie bamaligen Verträge gewefen unb für 
bie ben Suren gemachten Jugeftänbniffe eingetreten fei, einen „Abtrünnling 
(renegade), bet mit bet ganjen SDJafelofigfeit eines Stenegaten baS An* 
benfen an feine frühere fjanblungSioeife in einem SJteere oon Slut §u er« 
tränfen fucht". Schließlich bat £err SJladean baS Rabinet, „bie Stimmen 
ber öffentlichen Meinung ju beachten, bie ftCb, troß beS ©efdjreieS ber 
©Chmaroßer ©hamberlainS in ber fßreffe unb ber Summier in ben Singel* 
Sangein, hörbar macht". @r hoffte, „es möge bie ruhige Älughdt beS 
Premiers boCh noch ben Sieg baoon tragen über bie StuCfjloftgfeit beS 
©olonial=3JHnifterS". 

Solche Sprache eines ©onferoatioen gegen einen SJtinifter, bet im 
Jtabinet einer Sorg'-Stegierung Siß unb Stimme hat, mar noch nie ba* 
geroefen. 

kommen mir nun ju ber Jrage beS 28ahlreCf)teS für bie Aus* 
länber in SranSoaal. Als Jrembmächte ftehen ftCh, jufolge ©hamber* 
lainS ©rflärung oon 1895 — 96, bie SübafrifanifChe Siepublif unb ©ng* 
lanb gegenüber. Jn innere Angelegenheiten ber ©rfteren fiCh einjumifChen, 
befaß ©nglanb fein SertragSreCßt, wie er ebenfalls wiebcrholt befannt hatte. 
2ßaS bie Abfichten einer Anjaßl jener AuSlänber waren, baS jeigte ftCh, 
als fie, bei Anmefenheit beS Sräübenten Krüger in Johannisburg, bie 
englifche flagge hinten. AuS ben an’S Sicht gefommenen Sriefeu beS 
$auptführerS ber Aufrührer in Johannesburg, beS Ferrit ShiltPP^/ «* 



(Eitglanb nnb bie fübaf rifanifdjen <freißaatcn. 

hellt, baß es jtd) für ifjn unb bie ©einigen — fo fcßrieb er wörtlich — 
gar nidjt um baS Stimmtest hanbelte! 

Snbejfen hatte fici^ bie Regierung ju Pretoria wäßrenb ber $Ber* 
hanblungen erboten, ben ffremben nach neben fahren baS SEBahlrecßt ju 
gewähren — ja, fogar nad) fünf Qa^ren, falls ©tglanb feinen ganj un= 
begrünbeten Anfprud) auf Oberhoheit jurücfjiehe. ^ber Anerbietung ber 
^Regierung ju Pretoria folgte inbeffen ftets oon Sonbon aus eine weitere 
gorberung, fo baß bie Anfidjt berer nur adju begrünbet war, es fei ber 
3 webt, burd) beftäubige ^inauffdjraubung ben Krieg berbeijufüfjren. ©ne 
biefer Sortierungen lautete batjin: es folle bie englifdje Sprache im SBolfS* 
ratbe ju Pretoria gleichberechtigt fein mit ber fjoDänbifdien. 

Qdj i)«be feit 1849 riete Satire tjinburcb noch ein ©tglanb getannt, 
in roeldiem unter einer ernmdifenen männlichen SBeoölferung oon etwa 
neun SRiflionen bloS eine ÜJtiHion baS Stimmrecht befaß, ©enauer ge* 
fprodhen, mären eS nur 800 000, ba SSiele ber 2Baß(bered)tigten jtuei, brei, 
oier ober mehr ©timmen, ja, einige fogar bis $u breißig ©timmen be* 
faßen, nämlich einfad) alS SBürger, bann als ©utsbeftßer in oerfdjiebenen 
©raff (haften, als fogenannte 2Ritglieber einer ßochfdjule, an ber fie einft 
ftubirt hotten, unb bergt, m. ©a bie SEBafjten in ©tglanb nicht überall 
am gleichen Tage oorgenominen werben, mar bie Ausübung biefeS meßr* 
fachen ©timmredjteS teicfit möglich. Sie ift es felbft heute nodj. ©rft un* 
längft würbe ein galt erwähnt, wo ein ©njelner über ftebenunbbreißig 
©timmen in oerfdjiebenen 2Sabibejirfen oerfügte unb oon einem großen 
Tßcile biefer ungeheuerlichen Sefugniß burd) rafdjeS Umherreifen au<h aus* 
giebigen ©ebraudj machte! 

Unb ba will man anberen Söötfem nothwenbige 33erbefferuttgen im 
Stimmrechte aufjwingen! 

33i5 über bie 2Jtitte ber ©edijiger Saßre mar bie ungeheure -JHehrjahl 
ber englifdjen Bürger ohne alles Stimmrecht für’S Unterhaus, ©ft bann 
routbe na<h fdiweren Kämpfen, bie in älterer Seit jmar auch fchon ftatt* 
gefunben hatten, aber ftets jurüdgefdjtagen worben waren, eine 33eränberung 
bet 2Baßlred)tS*©efetie errungen. 

TorteS unb SBßigS miberfefcten fidj ber oon ben 3Solf8maffen geforberten 
58erbeffetung. ©aS Sanb gerieth in ben ©edjjiger fahren an ben 9tanb 
beS Aufruhrs. Sonbon war blutigen Auftritten nahe, ©ie ©itter beS 
$pbe=fßarfeS mußten niebergebrocßen werben, um bie Abhaltung einer 
SRaffenoerfammlung ju erzwingen. Truppen waren jum gewaffneten ©n= 
fcßreiten bereit gehalten, ©ft im lebten Augenblide fam ber ©efeßt ber 
Königin, baoon abjufteßen. AnbemfallS wäre Sonbon mit ©tut über* 
fdjroemmt worben, $dj fann als Augenjeuge baoon fpredjen. fDtit ben 
Rührern ber ©eroegung befreunbet, mar ich audj beim ©türm auf bie 
4?t)be=fparf*©itter jugegen. 



[02 


Karl Sltnfc in £onbon. 


Unb was war bie ©rrungenfdhaft? 33on ben etwa neun bis jehn 
ÜRiHiorten erwachsener 2)tänner Ratten oon ba ait, wefentlidh in bcn Stabten, 
ungefähr brci Millionen baS Stimmtest! ®ie fjelbarbciter (eine eigent» 
liehe Sauernfchaft giebt eS auch heute nod) nicht in Ghtglanb, wo baS ©runb» 
eigenthum in feubalem 3 u ftanbe liegt) waren oom 2Bahlre<ht ganj aus« 
gefdhloffen. 

SSieberum beburfte es einer neuen broijertben SotfSbewegung in ben 
adfjtjiger fahren. Abermals mufjte Sonbon burdf) bröhnenben 9W affenfd&ritt 
aufgeriittett unb bie berrfdjcnbe Oligarchie erfchredt werben, ebe ein Stimm» 
recf)ts»©efefc erhielt würbe, baS bie 3 a ^t ber Sßähler auf etwas Aber fedljS 
•BKllionen erhöhte. 3lHgemeine8 Stimmrecht fehlt noch beute. 

3ft eS ba nicht — fo riefen oor einem Sabre biejenigen ©nglänber 
aus, bie ehrlich für ©rbaltung beS griebenS ju wirfen fidh beftrebten — 
ift eS ba nidbt ein beuchlertfcheS ißbatifäertbum, bem Solfe ber Suren es 
jurn Sorwurf machen ju wollen, bafj eS nidbt im $anbumbreben ben herein» 
gefommenen AuSlänbem ohne jegliche SorfidbtSmafjregeln baS Stimmrecht 
gewähren witl — jumal ba oon @nglanb bie Oberhoheit über bie 9iepublif 
beanfprucbt wirb? können bie Sürger beS greiftaateS fo teichtweg bie 
unter ®ifraelis Regierung gefdhehene Ueberrennung ihres SanbeS unb bie 
^rembherrfdhaft, bie fte baburdh (1877 — 81) erbulbeten, oergejfen? 
können jie ben fyreibeuterjug oon 1896 oergeffen? Sergeffen, bafe fdbon 
oor biefein Diaubjuge, beffen Urheber fortwährenb bem föniglidhen Staats» 
rathe angehört, biefelben grentblinge oor ben Augen beS Oberhauptes ber 
Sübafrifanifdhen SRepubtif bie englifdhe flagge aufgejogen hatten? 

®aS waren ehrenwerthe Aeujjerungen. 2tber fie würben burdfj baS 
©efdhrei beS hohen unb nieberen ^ßöbels halb übertäubt. ©ie noch für 
iRedEjt unb SiHigfeü eintretenben ßeiter oon Bettungen würben, einer nach 
bem anberen, aus ihren Stellungen oertrieben ober burdj 3 ro ang gebeugt. 
So würbe bie öffentliche -Dichtung mißleitet unb gefälfdht. 

VII. 

Bufolge bem urfprünglidhen 2BablredbtS»©efebe ber Sübafrifanifdhen 
SRepublif fonnte ein grember baS Sürger» unb Stimmrecht bereits nach 
jwei Satiren erlangen. 3n ©ngtanb bebarf eS baju nodh heute eines 
Aufenthaltes oon fünf fahren. 6rft als fo oiele AuSlänber nach tEranS» 
oaal einwanberten, beren Abfid)ten eine Staatsgefahr in fidh fdhloffen, er» 
höhte ber SolfS»9iath nach unb nach bie 3 a hl ber Sabre, um auf biefe 
Art eine Schranfe gegen Ueberruntpelungen unb Umfturj ber Serfaffung 
ju hüben. 

Selbft eine in bie ©nge getriebene ßafce wehrt fidh für ihr Sehen. 
Äann man fidh wunbem, baf? bie tapferen Sürger eines greiftaateS — 
bie Aadifommen ber -Diänner, bie, wie £err ©hamberlain einft rühmenb 



(Englanb nnb bte fübafsifantfdjeit ^retftaaten. — f03 

»on ihnen fagte, muth»o(I gegen Philipp II. non Spanten ftritten unb 
babutd) ber allgemeinen a3ötfcrfrei^eit einen ©ienft entliefen — gefefclidfje 
Vorfehrungen gegen feinblidjen UeberfaH trafen? 

2öa3 tf)äte Gnglanb wohl, wenn eine gewaltige SRenge gtember, bie 
Heblet gegen feine Unabfjängtgfeit im Sdfjilbe führen, eingewanbert märe 
unb unter Anrufung einer mit $eer unb glotte auSgerüfteten grembmadbt 
eine Veränberung ber englifdjcit ©efefee für ©rlangung beS Vitrger= unb 
(Stimmrechtes forberten? 3Ru§te eS ben Vürgem ber Sübafrilanifchen 
9Jepublif nicht auffallen, bafj bie Regierung eines SanbeS, in welchem eS 
einen taugen, über Söfenfd^ertgefcfjled^ter ft<h auSbehnenben Kampf loftete, 
bis baS eigene englifdtje SSolf auch nur baS gegenwärtige 9Ra§ beS Stimm- 
rechtes errang — baß biefe Regierung eS fo eitig batte, ©nglänber ju 
9lidht=©nglänbern, ju fiimmberecbtigten Angehörigen eines „fremben Staates" 
ju machen? 28aS ift ba, fragte man ftch, bie geheime Abfidht? 

Kaum batte man gehofft, eS werbe bie Anerbietung ber -Regierung jn 
Pretoria in Sachen beS SBabtredbteS bie ©rhaltung beS $riebenS fidbem, 
als audb fdhon ein neues Anfinnen an fie gefteßt würbe, ©ngtifdh 
faßte }ur gteidbberedbtigten StaatSfpradbe in ®r ans» aal erhoben 
werben. 3 ur Vegrünbung biefer gorberung »erwies &err ©hamberlain 
auf „baS »on ben hottänbifdhen ÜRitgliebem ber VotlSsertretung am Kap 
genoffene SRedfjt (privilege), fidb ihrer Sprache ju bebienen" ; beSgteidhen auf 
ben „freiftefjenben ©ebraucb ber beutfdfjen, franjöftfdhen unb italienifdhen 
3unge in ber Schwerer ©bgenoffenfdhaft". 

©aS war fefrc fdfiön gefagt. ^nbeffen »crgeffen wir nicht, bafj bie 
Anftebelung am Vorgebirge ber guten Hoffnung eigentlich »on #oHänbem 
gegrünbet würbe; bafj (Snglanb in KriegSjeiten, als bie Aieberlanbe bem 
franjöiifdhen Anfturm erlagen, fich gewattfam biefer Anfiebelung bemädhtigte; 
bafj brei Viertheile ber bortigen Veoöllerung nieberbeutfdher Abfunft unb 
Spradhe finb; bafj bie Urbarmachung beS SanbeS, bie ganje SUtigung, 
bie ©efefee am Kap E»oßänbifcE»en UrfprungeS ftnb — wie »or fahren ber 
bortbin »on ber Sonboner ^Regierung abgefanbte ©efdhidhtfdhreiber ffroube 
offen anerfannte. ©a wäre eS boch fonberbar, wenn es eines „ißrioitegiumS" 
bebürfte, bamit bie Vertreter biefeS nieberbeutfchen Volles ^oßänbifdh 
reben lönnen. 

3m Uebrigen hat 4jerr Sfjatnberlain einige Heine gefchidhtlidhe ©hat' 
fadhen unerwähnt gelaffen. @rft 1872 »erlieh ©ngtanb ber Kap=Anuebelung 
bie jefcige partamentarifdhe Verfaffung. $aft ad^tjig ftahre lang behanbelte 
man baS bortige hoHänbifche Voll einfadh als eroberte „AuSlänber", benen 
man feine »erantwortlidhe ^Regierung ju gewähren brauche. ©aS ungeheure 
inbifche 5Rei<h mit feinen naheju 300 000 000 (Sinwohnem, hat Ja bis jur 
Stunbe ebenfalls leine Vertretung. ®ie Sdhwierigleit, eine foldhe in $nbien 
einjuführen, barf jugegeben werben. Aber mit ähnlichen Schwierigleiten 
hat man audf> anberwärts ju rechnen. 



Kail Blinb in Xonbon. 




SRacßbem aber am Stap enbticb) eine Berfaffung eingeführt mar, burfte 
gleicßrooßl feibft bann je^n Qaßte lang (1872 — 1882) in ber bortigen 
BolfSnertretung nur Englifcß gefprochen merben, obrooßl bie &oHänber bie 
älteften ©inrcobner unb ©rünber ber DUebertaffung mären unb jroei drittel 
in ber Jtap=2lnfiebelung jfjoHänbifcß reben. Streng mürbe auf bie 2tuSfcßließung 
ber nieberbeutfeßen Sprache gehalten. 

Qm ©egenfaße baju ließ man im BolfSratße ju Pretoria, bis jur 
geroaltfamen Ueberroältigung beS Staates burdj bie Englänber im Qaßre 
1877, ben ©ebraueß ber englifcßen Sprache ju. Erft nacßbeni baS Qretnb* 
jod) in erfolgreichem Kampfe abgefdjüttelt mar, mürbe bie Bestimmung ge* 
troffen, eS foHe in ber BolfSnertretung in 3 u ^ un ft nur £oHänbifcß ge* 
fproeßen merben. 9Jtan mar eben bureß bie bittere Erfahrung non gerechtem 
Mißtrauen erfüllt roorben. 

©ie Scßroeijet Eibgenoffenfdjaft, beren Benölferung ju jroei ©ritt* 
tßeilen aus ©eutfeßen befiehl, läßt großmütßiger SBeife Qranjöftfcß unb 
Qtalienifcß im BunbeSratß unb Bationalratß ju. Sie neröffentlicßt fogar 
bie ©efeße amtlich in ben brei Sprachen. Qn Belgien, mo jroei ©ritt* 
theile Qlämifcß, baS helfet Bieberbeutfcß, reben, hat es bie roaHonifcfcfran* 
jöftfeße 9Jtinberßeit, troß ber BerfaffungSbeftimmung non 1830, baju ge* 
bracht, baß bis in bie jüngfte Qeit herein nur Qranjöfifcß in ben Kammern 
gefprochen mürbe, ©ie SDlitfcßulb baran trugen freilich bie Qläminger feibft. 
Erft neuerbingS haben fie jtdj jum Stampfe für ißr Sprachrecßt aufgerafft. 

Blicft man auf bie 3nftänbe in Böhmen, im SReicßSratße ju Sßien unb 
in Ungarn, fo fieht man Sofort, roelche Sdjroierigfeiten bureß baS Sprachen* 
geroirr oft entfteben. Qn ber Sübafrifanifcßen Bepublif fragte man fich 
unter ben ^ollänbem: „2Benn Englifcß im BolfSratß foH gefprochen merben, 
marum bann nicht auch ©eutich, Qranjöiifcß, SRuffifcß, spolnifcß, unb roaS 
fonft noch für Sprachen unter ben SluSlänbem in Johannesburg oorhanben 
finb? 2Bel<heS Babel bet Sprachenoerroirrung entftünbe ba! Unb roelcßeS 
•Recht hat Englanb, mit feiner Qorberung aufjutreten unb ne jutQriebenS* 
bebingung ju machen? Qft mefjt biefe Bebingung »ielmehr ebenfalls auf* 
geftellt, um ben Strieg ju entjünben?" 

SGBie fleht eS in ber ©hat in ®nglanb feibft in Sachen ber Sprachen? 

Bon ben Bormännifcßen Eilanben ober EanabQnfeln abgefeßen, mo 
Qranjöfifcß bie $auptfpvache ift, bie aber nicht jum Bereinigten Stönigreicß 
gehören, fonbern nur ber englifcßen Strone unterfteßen, merben in SßaleS, 
in ben feßottifeßen £ocßlanben unb im Sübmeflen non Qrlanb brei feltifcße 
SRunbarten gefproeßen: Äpmrifcß, ©älifcß unb Erfifcß. Sie finb non 
einanber fo nerfeßieben, baß fi<h bie SBälfcßen, bie $o<h=S<hotten unb bie noch 
Erfifcß rebenben Qren nicht untereinanber nerfteßen. Qm Qürftentßum 
2BaieS ift Stpmrifcß bie Sprache ber überroiegenbeit SDteßrßeit. 

©enft man nun in Englanb etma baran, bie ©efeße im amtlichen 
©epte, ober überhaupt nur, auf Stpmrifch, ©älifcß unb Erfifcß ju neröffent* 



(Englanb nnb &ie fn&afttfanifdjen reijlaaten. f05 

liehen? SBürbe man eS bulben, baß Abgeorbnete au« jenen fReicßStbeilen 
im Parlament ju Sonbon in ihrer SolfSjunge reben? 2ßer Snglanb fennt, 
für ben beantmortet fid^ bie Frage oon felbft. 

dem Beinen dranSoaal aber fefcte man fecElid) ju. „9tein," fprach 
ber ©perber, „du bift mein! denn icf) bin groß, unb du bift Bein." 
Ober roie eg in ber alten dßierfabel fiei&t : „9Jtir gehört biefer dljeil, weil 
icfi an ber $agb tßeilnehme. ©benfo alles Anberc, — roeil ich ber 
Söroe bin!" 

Unb roährenb berlei Forberungen gefteUt mürben, behauptete man 
gleichseitig: „Wir gebenfen feüteSroegS, bie Unabhängigfeit ber ©übafrifani» 
jcfien Stepublif anjutaften ober uns in ihre inneren Angelegenheiten ein» 
jumifehen." 2Ber lachte ba nicht? 2Ben täufcfjte man ba? 

9Zatürli<h mürben bei bem thatfädilicben Srudje beS Vertrages non 
1884 unb bem friegSljeherifchen Treiben bie üblichen Heucheleien ooHauf 
angemanbt, um ©djroanfenbe ju beeinflußen. da hörte man über „Suren» 
Oligarchie", diejenigen jammern, bie einer SDJonardiie bienen, in beren 
©ebiet faft ber gefammte Soben noch mittelalterlich gefeffelt ift, roährenb 
in ben übermäßig angefchmoHenen ©roßftäbten ein bejammernSroertheS 
Proletariat fid) heiHoS jufammenbrängt ; einer Monarchie, in melcher bie 
geburts» unb gelbariftofratifdjen ©tänbe ben ^auptantfjeil an ben ößent» 
liehen Aemtern hüben. ÜJtillionen oon Scannern nodj jefct fein ©timmred)t 
befifcen, jeber Sefcßluß beS UnterljaufeS burd) bas Oberhaus ju 9ti<hte ge» 
macht roerben fann, ber Hooleg»proceß panamiflifche ©ntl)üHungen über 
Sftitglieber beS hohen Abels ju Sage geförbert hat, unb baS £ e er, baS 
gegen bie freien Säuern oon dranSoaal fämpft, aus ©ölblingen befiehl, 
roährenb bie 2Waße ber KriegSfd&reier hübfdj ju Haufe geblieben ift. 

©eroiß ift in ber ©übafrifanifhen Dtepublif 2Rand)eS ju beffent. $n 
welchem Satibe wäre baS nicht ber ff all? ©oll eS aber hinfort als er» 
laubt gelten, baß eine ftarfe -Stacht ein fdjroächereS Solf ju Seränberungen 
feinet ©taatSoerfaßung groingt: roohin anbers fäme man mit folchem Ser» 
fahren, als jum fortroährenben allgemeinen Krieg? 

da geht man angeblich begeiftert jur griebenSberathung nach bem 
Haag, um gleich barauf fid) jum Kriege gegen ein frembeS Soff fertig ju 
machen, bem man in’S ©efi<ht bie flarften SertragSbeftimmungen abftreitet. 
9tatürlich ßnben fid) immer bie Beinen ©efd)id)tS»Pbitofophen, bie ju be» 
weifen fuchen, baß bie berüchtigte auri sacra fames — bie ßudiroürbige 
©ier nach ©olb, oon ber einft feßon ber Oranje» Freiftaat ju leiben hatte, 
als ©nglanb ihn feiner diamantenfelber beraubte — nichts AnbereS iß, 
als bie ebelfte ©ulturbeftrebung. 

©nglanb bejifct, trofc feiner oben ermähnten -Stängel, bie eine grünb» 
liehe Säuberung im eigenen Haufe fefrr rathfam machen, große Freiheiten, 
um bie anbere Sölfer eS beneiben fönnen. ©inß mar bieS Albion, oon bem 
©eh Wer in feiner „Unüberroinblichen Flotte" fang, eine „dprannenwebre". 



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Karl 231inb in Conbon. 


ein 2eud)ttf)urm be« Vürgerftolje«. 2J!it Trauer muft man fagen, baft bie 
ebtere ©efinnung mit betäubenber SdjneHigfeit im 3lbne^men ift.i 

Der biefe 2 Borte fchreibt, ift 31 t Englanb« Sache im Rrimfriege unb 
bei mancher anberen ©elegenheit, fo auch im Kampfe gegen ba« reiche* 
feinbliche unb ultramontane irifd^e Sonberbünblerthum geftanben. E« ift 
ifjm bafflr auf öffentlicher UJtaffenoerfammlung non bem SJtinifter, ber 
heute bie Rrieg«politif gegen ben freien Vurenftaat betreibt, eljrenbe 2ln* 
erfennung ju Dheil geworben. Mein ba« fann an ber Vftidft, bem Un* 
recht entgegenjutreten, nimmermehr etwa« änbem. 

IX. 

211« Drahtjieher be« Kriege« gegen ben £ran«oaal:$reiftaat ift, wie 
fcfjon 1895 — 96, fo auch heute #err Eecil Sihobe« befannt. Da« ift 
berfelbe ftRamt, ber einft mit ßilfe ber boßänbifchen Partei am Rap fi<h 
jur Stellung al« Premier auffdjwang, unb ber, obwohl Englänber non 
©eburt, in früheren fahren gegen fein Vaterlanb Partei nahm. 6 « ift 
ber 3Rann, ber ft<h al« „Napoleon oon Sübafrifa" anftngen lieft; ber bort 
anfcheinenb bie weiteftgehenben ißläne be« perfönltchen Ehrgei}e« hegte unb 
währeub be« ferneren Kampfe« gegen bie irifchen Empörer, bie auf 2oS* 
reiftung oom 9 teid) hiuarbeiteteu, IOOOO 2 ßfb. Sterl. für biefe Empörer 
an Sßarnell gab. 

Seitbem hat er bie Stirn gehabt, al« „Verräther am SReidj" bie* 
jenigen Bürger ber Rap* 2 htftebetung branbmarfen ju wollen, bie ba« un* 
bejweifelbare 93ertrag«recf)t ihrer Sörübet in DranSoaal behaupten. Er, ber 
räuberifth bie Sübafrifanifcfje Stepublif überfallen lieft, ift jefct ber Vertrauen«* 
mann Ehamberlain«. 

Subwig -Napoleon morbete 1849 bie römifdje 9 tepublif. SRadjhe* 
morbete er bie SRepublif be« eigenen Sanbe«. Dann oerfuchte er ben 
SRorb ber IRepublif 3Repifo. Da« jeboch war ber 2lnfang feine« SRieber* 
gange« unb be« Enbe« feiner £errf<haft. Qn Englanb würben bie fchärffteu 
Stimmen gegen jene ©ewatt* unb Staat«ftreid)«thaten be« falfchen Vona* 
parte laut. $eute jeboch ift man in Englanb bereit, }wei SRepublifen ab* 
juthun, weil fte angeblich ben Sßeg für Englanb« ©röfte in bem SBetttbeile 
oerfperren, ben man gern ganj auffaugen möchte. 

„ 2 Bir fuchen feine ©otbfelber! 2 Bir fudjen fein ©ebiet!" fagte Sorb 
Sali«burt) noch uach Veginn be« Kriege«. Unb bann nimmt man 33eibe« 
unb nennt e« bie „Dran«uaat= 2 lnfiebelung" unb bte „Dranje*$luft* 2 ln* 
fiebelung", wo fi<h hoch nicht bie Englänber, fonbern bie oertriebenen $ot* 
länber angefiebelt hotten. 

Ein Vlicf auf bie Karte jeigt, baft bie fübafrifanifchen greiftaaten im 
Verhältnift ju bem ©ebiete, ba« Englanb bereit« oom Vorgebirge ber guten 
Hoffnung bi« jum 9 til* 2 lu«ftuft beftftt, wahrlich nur fleine fünfte hüben — 
weit Keiner al« bie Schwei} in Europa. Sßelcher 2luffchrei entftflnbe aber 



«Ettglanb nnb bie fiibaf r if anifdjcn ^Jreijlaaten. iO“ 

mit 9le<bt in ©nglanb, wenn feftlänbifdbe ßRäcbte, etwa auf ©runb tabeln!- 
roertber ßuftänbe in ben Ur=Kantonen, ober Seutfdblanb auf ©runb früherer 
3ufammengebörigfeit unb ber Ülbfunft unb Spraye ber großen SDJebrbeit 
ber ©dbroeijer, ber Unabljängigfeit ber ©ibgenoffenfcbaft ein ©nbe machen 
rooßten! 

2Ser ©nglanb, ba! bereit! ben fecßften Sbeil be! bewohnbaren ©rb= 
balle! betifct, beffen Sürger fi<h aber mit aller ©ntidjiebenbeit gegen bie 
©infübrung ber allgemeinen Sßebrpflidit ftemmen, wahrhaft rooblroiß; wer 
bie bringenbe -Rotbroenbigfeit umfaffenber innerer Serbefferungen im 33er= 
einigten Königreiche felbft einfieEjt ; wer nidjt roünfdbt, baß bie! in fo 
mancher Scjiebung freie Sanb eine! Sage! plöfetidf) einen ©turj erlebe, 
roie einft ©artbago: ber muß e! tief beflagen, baß e! jefct fo irre ge= 
führt wirb. 

Sie „Sime!", bie burchweg ben Krieg gegen bie Suren geprebigt bot 
unb für ihre Sernidbtung eintritt, blidt gleichwohl mit tiefer Seforgniß auf 
bie Vorgänge jurfid, bie fi<h im Saufe eine! Sabre! abgefpiett haben. 
Sie betont bie ßfotbroenbigfeit, „ba! #eet au! bem 3uftanb bet Untüchtig* 
beit ju erretten, ber burd» bie ©reigniffe ber lebten jroölf SOGonate in reich* 
tigern 2J?aße beroiefen roorben iß". Sie roeifl roarnenb auf bie ©ntßüßung 
be! Mangel! an Streitmacht ju Sanbe bin, ber oon ber gefammten 2Belt 
mit Slufmerffamfeit beobachtet roorben. 

Säufdjen nidbt äße 2lnjeid)en, fo finb roir in einen 3eitraum ein* 
getreten, ber ben 2tu!brudb weiterer, größerer Kriege befürchten läßt. 2luf 
bie SReibe SRapoteonifdber Kriege unb ben Sturj be! corßfdjen ©roherer! 
folgte eine lange f$frieben!paufe. Sann fam roteber eine, roenn man fie 
gefdbichtlich fiberbticft, faft unglaubliche 3lnjabl Kriege in aßen Sbetlen ber 
2Bett. Sßadj ganj furjer SRube ift bie $a<fel be! Sölfcrbaber! feit einigen 
fahren roieberum mächtig entbrannt; „benn nicht! al! Kampf, unb roieber 
Kampf, entringt ftch biefen Sagen" — roie einft ^reiligratb fang. 

Sa mag bie 3eit meßeicht nicht ferne fein, roo man e! in ©nglanb 
bebauem wirb, ii<h in Sübafrifa ein „sroeite! Sfrlanb" geraffen ju haben, 
beroobnt oon einem Sott ganj anberer 3öbisfeit unb Scblagfertigfeit, al! 
ba! irifdbe. Ser fd)ließli<he Sieg über bie Sureroffreiftaaten — angenommen, 
baß er ooßenbet roäre, unb baß oortäufig feine großen äußeren Serroide* 
lungen ihn aufbalten — fönnte ©nglanb juleßt tbeuer ju fteben fommen. 
Ser ^lud) über biejenigen, bie eine folche Sage ^erbeigefüfjrt haben, roürbe 
nidbt au!bleiben; aber an bem ßliebergange oon ©nglanb! SBeltfteßung 
oermöcfjte er nicht! ju änbem. ©! roäre bann „su fpät". 



I 




Das verlorene parabies. 

Don 

JE. SSeetel. 

— £)trfdjberg. — 

; eilte Sdiwalbenfdjaar, oon brobenbem Unwetter aufgefdjeudht, 
flogen bie ©onbetn oom Sibo ^er über bie SBofferflä^e bet 
Sagunen ber ißiajjetta entgegen. 2Bef)te es bodj jiemlid) fd^arf 
non ber Slbria herüber, unb an bent ^orijont öeS eben nodj tiefblauen 
Rimmels Ratten fidj plöfclidj ©ollen ju tbürmen begonnen. Seforgt fpäbten 
unjäblige SBlide nad) bem ©etter au§, unb bie 23ar!enfüf)ter, ben Dber= 
lörper nomüber gebeugt, bas linfe Sein nadj Ijinten geftemmt, alle SJtuSfeln 
gefpannt, griffen mit febnigen Sinnen in bie Stüber, um ihre gabrjeuge 
noch not bem Sturm in ben fieberen öafen ju retten. — Stur eine einzige 
©onbel fdjien non bieiem unruhigen Treiben ring« um fie her wenig berührt 
ju roerben. 2luf ihre ^ßolfter tanghtngeftredt, bie ßänbe unter bem Staden 
gefreujt, baS 2lntli| bem Fimmel jugeroenbet, lag eine fräftige SJtänners 
geftalt. ®er SüuSbrucf heiterer, behaglicher Stube fpradh aus ben non jebet 
Spannung gelöften ©liebem unb erft redjt aus ben SJtienen beS non bunfel= 
btonbem Sarte umrahmten ©ejidjts, aus bem jwei blaue Stugen unbefangen 
unb oergnügt in bie ©ett EjirtauSblicften. j)ie gurdjt nor bem herauf- 
jiehenben ©etter fdhien biefes Behagen fo wenig ju fiören, bah felbft ber 
©onboliere, ben Sorgtofen anftaunenb, nerwunbert ben Äopf fdjüttelte, unb 
ein leifeS „corpo di Bacco !“ über feine Sippen gleiten lieh. ®em jungen 
SJtanne Tonnte bas faum entgangen fein, aber als ob es ihn erft red)t jurn 
£rofce herauSforberte, richtete er fich auf unb begann mit feiner fräftigen, 
hellen, melobifdjen Stimme ein Sieb, beffen 5tone wie befdjwörenb unb 
fänftigenb weit über bie unter ber frif^en Srife fi<b fräufelnben ©eilen 



Bas »erlorette patabtes. 


109 


hinauSfdmllten. Unb uon fo eigenartigem 9teij nxxr biefeS Sieb, fo fremb 
in ©pradje unb SEBeife, fo ganj anberS, als fonjl in ben fangteid&en Sagunen 
gefnngen ju werben pflegt, bah eine ober bie anbere ber non gurdit 
befchmingten ©onbeln, wenn fte in bie 9täi)e fam, unmillfürlicb ihre £aft 
mäßigte, nur um bem ©efange beS fremben $ftanneS tauften ju fömten. 
Ulandber fangeS frohe ©onboliere ließ baS fRuber tangfamer gleiten nach 
bem Safte beS Siebet, ba$ ifm anheimelte unb in baS er gern eingeftimmt 
hätte, wenn er nur rafdj genug ber Sßeife $err geworben märe. — 

©in jäf|er, burdjbringenber ©djrei unterbrach plöfclid) ben ©efang, 
begleitet non ben 3°™= nnb ©diredenSrufen ber beiben Sarfenführer, bie, 
in 3ut)ören »ertieft, ju wenig auf ifjre gfahrjeuge geartet unb beren 3 U - 
fammenftoh ni«3f»t ju »erhinbern »ermodit hatten. Ser ©änger war aufs 
gefprungen, gerabe noch ju redjter 3«t, um in feinen fräftigen 2lrmen eine 
oerfdileierte Same aufjufangen, bie bur<b ben ©tofj über ben 33orb ihrer 
©onbel ber feinigen entgegen gefcfjteubert mürbe. SBäbrenb bie Rührer mit 
Slufmenbung all ihrer Äraft unb ©efd)i<flid)feit beibe gabrjeuge an einanber 
prehten unb fte in’S ©Iei(f»geroi<f)t brauten, oermocbte er bie Same über 
SBaffer ju halten, fo baff ihre Äleiber baSfelbe nur wenig berührten, unb, 
wie eine 2Rutter ihr fditafenbes ftinb in bie Sßiege, legte er fiemit leichtem 
©öbwunge auf bie Riffen ihrer ©onbel jurücf. Unb fo febr war baS Sltteä 
baS 2Berf eine« 2tugenblide8 gewefen, bah, ehe er no<b ein 2Bort ber @nt= 
fdjulbigung ju ftammeln ober ben Sanf ber ©eretteten entgegenjunebmen 
im ©taube mar, beibe SBarfen bereits, burdj einen breiten 3 ro Ud)enraum 
non eittanber getrennt, auf ber SBafferfläche babinfäioffen. — 

Sie ©onbel beS ©ängerS lanbete an ber fßiajjetta, als eben ber erfte 
Slih bie fdjwüle Suft burdjäucfte unb ein heftiger fptaferegen aus bem 
bunften ©emöff bemieberpraffelte. ©inen berben fRabmantel um bie ©(buttern 
werfenb, fprang er bie Stufen hinauf unb eilte über ben fßlafc, um (td) 
unter ben fdiüfcenben Ratten ber fßrocuratien in Sicherheit }u bringen, 
©onft ftörte ihn baS Unwetter nicht, ©eine ohnehin frohe, gehobene 
©timmung war burd) baS fleine, fo glücfli<b «erlaufene 2lbenteuer nur nod) 
gefteigert worben, unb währenb er es in feinen ©ebanfen weiter «erarbeitete 
unb gleichfam als Segteitung baju bie SRelobie bes oorhin unterbroibenen 
Siebes leife t>or ft<h hin fummte, fc^Ienberte er langfam unb forgloS feines 
SEBegeS, als er plöfclid) ein „Eccolo Signore Tedesco!“ hinter fidi her 
rufen hörte. 3n ber nad» ben 2lrcaben ju offenen £atle eines SBeinfdianfS 
fafien bei perlenbem ©hianti brei ©aoalierej, bie ben gtemben freunblidh 
begrüfet en unb, unter ftd) jufammenrüdenb, ihn jum ERiebernben einluben. 
©r folgte ber ©inlabung gern, unb auch an ber Unterhaltung theiljunehmen, 
warb ihm nicht ferner, ba er bie ©pradje leiblich befietrfdjte unb nur ab 
unb ju in einer unbeholfenen 2Benbung ober einem frembartigen 3lccent 
ben Seutf<hen «errietf). 2Bar ja bo<h, was au<h jene Herren muhten, feine 
Wutter eine Italienerin gewefen. — 



1 10 ltf. Secret in £)trfd)i>erg. 

3n bem ©djnüt ihrer ©efidjter, in Ballung unb SCradEjt ernncftn 
Rdj bie btei Gaoaliere fd^on äufjerlidj als Hbfömmlinge jener alten SlbeU* 
gefdjledjter, beren felbftbewufcter ©tolj, beren abqefd^toffene ©omehmhcit 
unb bocft bei aHebem lebensfrohe ©enufjfucbt ber ißinfei eines ©i}ian, eines 
©eronefe für alle 3 e ü en oerljerrlicbt hat. SBaren bie ©age bet Stepublif 
©enebig audj bereits gejählt, eilte ihr einft ^ellftra^lenbeä ©eftirn fdjon 
längft feinem utroermeiblid)en Siiebergange entgegen, fo erhöhte bodj baS 
©ewufctfein, in ihrem golbenen Surfte oerjeidmet ju fein, baS ©elbftgefühl 
jener Slobili, bie nur noch non bem 3tut)m unb ben ©(haften ihrer ©äter 
ju jefjren rauhten. 3mei oon ben dreien, Sfonibale ©iorofini unb f^ranceSco 
gfarfotti, raaren no<ft junge SDiänner, raenn auch ihre ©efi<f»tcr ber jugenb= 
litften grifcfte entbehrten unb neben ben ©puren genoffener greuben ben 
uerlangenben ©urft nach neuen, nodh ungenoffenen, oerriethen, roäbtenb ber 
©ritte, (yeberigo ©rimani, ftcft fcfton bem ßerbfte beS SebenS ju nähern 
fdjien, eine eble, oornehme ©eftalt. ©pärli<fteS ^aar, beffen bunfleS ©djroarj 
f<fton hier unb ba ein wenig in’S ©rau ju fpielen begann, umfäumte bie 
hofte ©tim unb ben fahlen ©cfteitel. 2luf bem feinen, bleichen, bartlofen 
©efuftt lag ber SluSbrud fühler, teibenfdjaftlofer Stufte, unb ebenfo ruhig 
blidten bie bunflen Slugen unter ben ftarf gewölbten, bufdjigen ©rauen unb 
ben nur mäftig weit geöffneten Sibern her cot. 3lber biefe füftle Stufte mar 
augenfdjeinlüft weniger natürliche Slnlage als bie gfolge einer oielleicftt 
unter ferneren Kämpfen erworbenen ©elbftbefterrfdjung; benn wer länger 
unb aufmerffamer beobachtete, tonnte wohl, wenn aud) nur feiten einmal 
unb nur auf einen Slugenbtid, einen leichten fpöttifdjen 3«9 um bie 
SJiunbwinfel fpielen, bie energifcfte Oberlippe füft troftig träufeln, bie 
Stafenflügel leibenfdjaftlidj erjittern, ober aud) einen feftr raf<ft wieber oer= 
fcftwinbenben ©lift aus ben bunflen Slugen fteroorleucftten fehen. — 

3m ülugenblid war feine ©eranlaffung }U fotdj leibenfdjaftlidjer Gr= 
regung. Unbefümmert um ben unter ©lift unb Bonner auf bie Duabem 
beS SJiarfuSplafteS nieberflatfchenben Siegen fdftwaftten fie bunt burdjeinanber 
über SlHeS, was oomeftme Sfiüfciggänger ju interefftren pflegt. 2lu<ft baS 
©onbelabenteuer würbe weibüdj befprocften, unb man bemühte fuft oergeblidj, 
ju errathen, wer wohl bie oerfdjteierte ©ame gewefen fein mochte. GS 
war 2WeS }u rafdb oerlaufen, als bajj ber ©eutfdje befonbere SWerfmale 
hätte bcjeidmen fönnen. „©erjeiftung, venerabile signore Tedesco"! 
wanbte ii<h garfotti plöftlich an biefen, „würbet 3hr es unS übelnehmen, 
wenn wir unS erlaubten, Such nur bei Gurem ©ornamen ©ignor Slntonio 
}u nennen? Guer beutfdjer Siame oon 4?orft wirb einer italienif<hen 3unge 
gar }u fcftraer." Unb in ber ©hat fam baS 2Bort troft aller Slnftrengung 
in wenig erfennbarer Jorut über feine Sippen, „©an} wie eS ben Herren 
beliebt, wenn 3br mir nur baS mir fo freunblid) entgegengebrad)te SBoftU 
wollen bewahrt!" erraiberte oerbinbüd) ber ©eutfdftc, „ift es ja ohnehin 
bei unS SMern gebräuchlich, ben eigenen hinter einem Mnftlemamen oer= 


Das verlorene parabtes. \\\ 

fdbroinben ju taffen. 2Bie aSiete fennen benn Suren gacopo Stobufti anber« al« 
II Tintoretto, unb hat fich rticfjt Suet großer SJteifter Sßaolo at« SSeronefe 
unb nicfjt als Sagtiari feinen unoergängticben Sorbeer gepflficft?" „Sljre 
fei ihm!" fprad) feierlich Signore ©rimani, „unb möge e« Such, Signor 
2tntonio, oergönnt fein, würbig unb erfolgreich in feine gußtapfen ju treten!" 
Sie 33edfier Bangen jufammen. „Unb möge fein berühmte« ©aftmahl," 
fefcte aWorojtni ©rimani« Siebe fort, ,,un« baran erinnern, baß auch mir 
beut ju einem gejte getaben finb, auf ba« mir un« noch mürbig oorju« 
bereiten höben." „2Bat)rli<h, ©ignor 2lntonio," rief garfotti bajwifdben, 
„3h* feib ju guter Stunbe na<b SSenebig gefommen. gürft Salerghi feiert 
beut bie Verlobung feiner frönen Tochter SJtaria mit bem ©rafen 
©onfaloo. ©eftattet, baß mir Such bort einfütjren, unb 3br werbet in 
bem prächtigen Sßatafte oerfammelt ftnben, ma« beliebig an frönen grauen 
unb bebeutenben 3Jtännern aufjumeifen ^at." „33erjeiljt, 3b? Herren! 
aber — fo freunblid) ba« 2Inerbieten ift — i<b möchte midb ni<bt ungetaben 
in biefe eblen Streife brängen, bie mir hoffentlich bie Smpfehlungen meinet 
©önner unb greunbe mit ber 3eit erfcßließen werben." „2ßel<h belfere 
Smpfeblung oertangt 3h* noch," btaufie garfotti auf, „al« wenn mir ©rei 
Such einführen?" „©ewiß! gewifj! jümt mit nicht! aber — ein grember 
wie ich muh boppett oorfihtig fein, um nicht als fredier Sinbringting ju 
erfreuten. 2Bir ©eutfchen haben ein herbe« Sprichwort, ba« ungetabenen 
©äften einen nicht gerabe beneiben«wertben fptaß anweift. 2ßa« meint 3hr, 
Signore ©rimani?" „geber fDtenfch geht feinen eigenen 23eg; man muß 
fich hüten, Stnbere leiten ju motten. Uebrigen«," fuhr er fort, unb ein 
feine« ironifche« Säd)eln fpielte einen furjen Ülugenblicf tang um feine 
Sippen, „wenn 3b* wirflich auf bie fhönen grauen unb bebeutenben SJtänner 
oerjichten wollt, bie Signore garfotti Such oerbeißen hat — e« ift heut 
ber ©aa, an bem 33eatrice Sombr ihre greunbe empfängt, fßaßt’8 
Such, fo begleitet mich bahin! 3h* bürft ohnehin SSenebig nicht oertaffen, 
ohne biefe merfmürbige grau fennen gelernt ju haben." „3h* fettet 
jetm gaßre frühe* fommen müffen," rief garfotti mit einiget Srregung, 
„ber 25ein ift feitbem etwa« fdjat geworben." „Oho!" oerfefcte SJtoroftni, 
„guter 2Bein wirb mit jebem 3abre beffer." „3a, guter! aber leichte 
SSaare muh rafch genoffen werben; fonft befomntt fie einen ©tidj." „Sagt, 
roa« 3h* wollt! fchön ift ne immer noch. 2Bie fDtaudje begnügte fi<h gern 
mit folgern Slefte! Unb th* ©eift ift fprühenber, ihr SBife fcßärfer benn 
je." „gamoljt, f<ha*f wie Schnabel unb Straße be« ©eier« unb ebenfo 
unlb unb he*jto«." ©rimani hatte bi« jefet gefcßmiegen; etwa« bo«haft 
roarf er nun bajmifdjen: „©er ©eierfcßnabel fotl empfinblidfe $aut manchmal 
etwa« unfanft rifeen." 9Jiorofini ladjte; benn in ber jeunesse dorbe 
Sßenebig« erjähtte man fi<h ein fcßarfe« SBihroort, mit bem SJeatrice Sombr 
oor furjem garfotti« ©etbftgefätligfeit gegeißelt hatte, garfotti wollte auf« 
fahren; aber er bejtoang fich ben greunben gegenüber. „3<h oerad;te fie," 

Slotb unb Silb. XCVI. 288. 8 



IH. 33eerel in fjtrf djberg. 


\\2 

rief er jornig, ftanb auf unb empfahl ftdj mit futjem faltem ©rufje. 
Storoftni folgte ihm, um if>n ju befänftigen, wäbrenb ber Skier cerlegen 
bei ©rimani juriidbtieb. ©ie Scene, bie ftcfi foeben cor if)m abgefpielt 
batte, mar it)in peinlich unb uncerftänblid) gewefen, unb faum 
roagte er feinen Begleiter um 3Iufftärung ju bitten. Suljigen ©one« fpradj 
©rimani ju ibm: „Sernt nur felber ba« böfe, fdjöne SBeib fennen, auf 
ba« SSenebig feit fahren fcbitt, unb non bem ju fpredjcn, e« bo<h nidjt 
mübe werben fann! föolt mich ab! icfj erwarte ©udj — big babiu addio!" — 
2lud) 2lnton non ^orft büßte ficb in feinen -Kantel unb trat auf ben 
ißlafc binnnä. ©a« ©eioitter mar rafdj corübergejogen unb jitterte nur 
nodj in fcbroacbem SBetterleudjteu nad). 2Iu§ bem jerflattemben ©emöif be= 
gann ber SJonb betcorjutreten unb gofj fein ©überlist über ben bodjaufs 
ragenben Campanile, über bie kuppeln be« ©om« con ©an Skrco unb 
über ben gapjen wunberberrlichen Ißlab, ber unter biefer magifcben ^Beleuchtung 
mit ben roedifelnben Siebtem unb ©chatten nod) jauberbafter erfdjten als 
in ber roßen 2id)tflutb be« ©age«. 2lu« bem oieltnafchigen Sefc ber 
Canäle, au« aßen ben engen, bem Steere abgerungenen ©affen unb ©äffdjen 
ber feltfamen ©tabt febwoß ein Stenfchenftrom, 2Boge auf 22oge, bem 
Starfu«plabe entgegen, um nad) ber ©djtoüle be« ©age« luftmanbelnb, 
kwaßenb, tacbenb unb fofenb ficb ber Jiüble be« 2lbenb« ju erfreuen. 6« 
gewährte bem beutfeben 2>ialer ein unfagbare« Vergnügen, in biefen ©trom 
unterjutau^en unb ficb wißenlo« con ibm forttreiben ju laffen. Siebt blo« 
bafj ficb fein Äünftlcrauge an ber malerifcben ©cenerie unb ben riet 
gewaltigen Stenfdiengruppen ergöfstc, an biefen ©barafterföpfen mit bem 
blaufdpoarjen $aar, ben blißcnben 2lugen unb bem lebhaften Stienenfpiel 
unb an ben beweglichen, üppigen unb bod) babei jierlidjen grauengeftalten 
in ihrer fleibfamen ©radit, mit ben um ba« ^aupt geklungenen fdjroarjen 
©pibenfd)leietit unb ben buntfarbigen Sttebern unb faltigen Süden — nein! 
eriöft uon ber trüben, beengenben, winterlichen Kebelatmofpljäre ber Heimat, 
fdjten fidj fein ganje« Cmpfinben unb ©ein ju weiten unb auSjubebnen 
unter biefem füblicben Fimmel, unter biefer lauen, balfamifchen 2uft, unter 
aß biefem wohligen, forgenlofen ©eniefjeit. — 

Cr war erft cor ßurjem con feinem in granfen gelegenen cäterlidjen 
Crbgut über bie 2llpen betübergefommen. ©eine ©Item waren geftorben, 
unb aud) ©ekwifter befafs er nicht, gn Sümberg ^atte er bie ©diulen 
befugt, unb unter ben ©inbrüden ber cieten Äunftroerfe unb fonftigen 
Ueberlieferungen au« ber ölütljejeit biefer alten SeidjSftabt b alte er fi<h 
für bie Slatfunft begeiftert. ©eine Stutter, eine Italienerin, freute fich 
biefer 23egeifterung unb ber fiinftlerifdjen Anlagen ihre« Siebling« unb forgte 
für bereit weitere HluSbilbung unter ber eganb ber beften Steifter. ©o 
war er Skier unb — wie 33iete meinten — ein tüchtiger Skier geworben, 
ohne baff er felbft — ©röjfere« forbernb unb nach ^oberem ftrebenb — 
bisher ben Sluth gehabt hätte, mit feinen SBerfen an bie Deffentlkfeit ju 



Das verlorene parabtes. 


U3 

treten. Sieben bet Siebe jut Kunft war aber auch bie Siebe ju einer 
frönen Sugenbfreuttbin in bag leic^tempfänglicfje Künftterberj eingejogen, 
unb nun t)atte er oor nicht tanger 3eit eine fdfjmerjticbe Gnttäufcßung ober, 
trne er eg auffaßte, einen fdjnöben Serratb erfahren muffen. Gr Ejatte in 
energifctiem Kampfe feines Sdfjmerjeg unb feiner fetbft £err ju roerben ge* 
fucbt, unb ba if)m bag nid(t fo leidet batte getingen motten, ben rafcben 
Gntfcßluß gefaßt, 9tHeS $u töfen, roag ibn noch an bie (Schotte banb, unb 
über bie 2ltpen biuüberjujieben in bog Sonnentanb, in bie .geimat feiner 
geliebten SJtutter, feiner geliebten Kunft. Son oerroanbtfdbafttidjen unb 
fonftigen Schiebungen, bie feine gantitie noch mit Senebig Unterbalten batte, 
burfte er fi<h bort eine freunbüdbe 2lufnabine uerfprecfjett, unb er batte f«b 
in biefer Grwartung fo roenig getäufdjjt, baß er fid) ni<bt nur feßr batb in 
ber märchenhaften Sagunenftabt beimifcß füfjtte, fonbern baß mit einem 
2)?ate SltleS oon ißm abfiel, mag ißm big oor Kurjem nodb bie Seele be* 
fdbroert unb oerbüftert batte, unb er (ich fetbft frei unb teidbtbefdbroingt er* 
feinen roie ein Söget, ber eben bent engen Käfig entronnen ift. — 

Sn einem jener atten ifjatäfte, bie nodb in ihrem Serfatt oon bem 
Sieidbtbum, ber ißradbttiebe unb bem Kunftnnn untergegangener ®ef<h(e<hter 
aug ber Stuhmeg* unb Stüthejeit Senebigg 3cugnife geben, tag in ihrem 
£oitettenjimmer auf ben feibenen ^ßotftern eineg Suhebetteg Seatrice 
Gorn6r, ber legte Sproß eineg ruhmreichen mit ihr ertöfdbenben ©efdjtedfjtg. 
Gg mar ein trautidbeg, oon milbem 2Bobtgerudb erfüHteg ©emad), ebenfo 
mie alte übrigen 2ßobn* unb ©efeüfdbaftgräume beg ftotjen Satafteg aug* 
gefiattet mit bem reidbften, üppigflen Supg, ber ftdb Sabrhunberte binburdj 
in ununterbrodbener fyotge oon ben 3eiten beg Grbauerg big in bie ©egen* 
mart fortgefegt batte. Unb troß biefer SHifcbung ber oerfcbiebcnartigften 
Stitarten, attmobifdber unb mobernfter -üiöbet unb ©erätbfdbaften ^errfdtjte 
überall jene mobttbuenbe, auf bem feinften ©efdbmacf berubenbe Harmonie, 
bie ben Sefudber anmutbet unb anbeimett unb ihm bie giinftigften SiiidE* 
fdbtüffe auf bie Gigenart beg Setoobnerg abnötbigt. ®ag Geberngebätf 
ber SDecfen, bie bunften Seber* unb betten Seibentapeten, oon benen bie 
fernere Sergolbung ber foftbaren SDtöbet fidb mirfiam abbob, jeugte oon 
atter, gebiegener ^3rad^t. iDte fdbmeren ©amaftoorbänge, bie nur roenig 
oerbtaßten großen, bidbtgeroebten S£eppi<he mochte oor ioer weiß roie tanger 
Seit ein ber Gornör’fdben St^ncnreibe angehöriger Seebetb aug bem Orient 
a[g roiHEommene SeuteftücEe in fein ftattlidbeg .geint gebracht haben. ®ie 
großen unb fleinen, oon ©otb unb Sil6er unb jiertichen Stumengeroinben 
umrahmten Spiegel roaren ebenfo roie bie im berrtidhften SJautemoerf aug* 
geführten mächtigen Kronen* unb jiertidjen 35?anbteud)ter -Dicifterroerfe ber 
unübertroffenen attoenetianifcben ©tagbtäferei. Kuuftoolleg dtfarmor* unb 
2Uabafter*Sitbroerf umrahmte bie großen Kamine, auf beren Simfen neben 
feinen Gtfenbeinfdfjnigereien aug ber 3 e ü unb ber Schute beg Senoenuto 
Gettini bie fettfamen formen unb teudhtenben Farben ber Safen unb Xrinf* 



in. Seerel in tjirfdjfcerg. 


m 

gefäfee aus SJturanoS berühmten SEerfftättcn erglänjten. Urtb biefeS leudjtenbe, 
fpiegelnbe, farbige ©laS= unb Stanfenroerl oermittelte retjootf jroifdjen ber 
ferneren, emfien, attmobifd^en spracht unb bem aHermobemflen Stococo, 
baS fidf) mit feinen beiteten, jiertiefeen formen unb färben mitten barunter 
gewagt hatte, roie eine tadjenbe ßinberfdjaar rücfftdbtStoS einbridjt in einen 
Äreis ju ernfter SSeratbung »erfammelter Sitten, ©rbaben aber über jeben 
ÜBedbfel ber 3eiten, beS ©efebmaefs unb ber SJtobe btieften non ben SBänben 
auä breiten, foftbaren Stabmen Silber attoenetianifibec SJteifter b^ab — 
einige wenige nur, aber jebeS einjelne baS 2Berf eine« berühmten StamenS, 
barunter ein ©ian SeUini, ein ©intoretto unb fetbft ber prächtige itopf 
eine« Gornör oon ber tpanb beS groben SIteiflerS ©ijiano 33eceDiio. ©)a$ 
war baS &eim ber SBeatrice Gornbr. — 

©ie fetbft tag auf ben fehwellenben polftern, nur tofe umhüllt oon 
einem weichen, fdjmicgfamen, rotbfeibenen SJtorgengewanbe, baS oon einer 
gotbenen ©d)nur jufammengebalten würbe, unb unter bem ft<h bie Keinen, 
äierlidjen, mit feibenen ©trümpfen unb gotbgeftidten türtifeben Pantoffeln 
befteibeten güfee bis über bie feingeformten Knöchel beroorftredten. SBäbrenb 
eine 3of«/ ib* feit ben ©agen ber Kinbbeit oertraut, baS lang über bie 
Sehne betabbängenbe, in weichem ©lanje febimmembe, gotbrötfjfidfie £aar 
fträbtte unb orbnete, f (bauten bie groben, bunften, oon langen SBimpent 
befdjatteten Slugen nadj ber Simpel entppr, bie an oergotbeten Ketten oon 
bem Geberngebälf berabbing. Slber nicht an ber Simpel blieben bie Slide 
haften, fonbem fchienen weit über biefe unb über baS ©edengebälf hinaus 
jinnenb unb träumenb in ungemeffene fernen ju f<b weifen. Unb ebenfo 
traumhaft umfpiette ein ganj teifes Säbeln ben halbgeöffneten SJtunb, ber 
in gtcicbmäfeigen 3ügen wohliges Sehen einjufaugen fehlen in bie langfam 
atbmenbe, reijenb gewölbte SBruft. ©dbweigenb wartete bie 3°f e ib re3 
©ienfteS, unb baS gleichmäfjige ©idtad ber alten oerfchnörlelten Uhr auf 
bem Stanbe beS KamineS war baS einjige ©eräufch in ber fonfi lautlofen 
©title. — 

„Slu! was machft ©u, ©ianetta?" fcf>rie Seatrice ptö|licb auf. „©u 
tbuft mir web." 

„Stur eine Klcinigfeit," antwortete bie 3*>fe, „ein graues $aar, baS 
erfte — ich habe es entfernt," unb lädjelnb jeigte fie baS mit einer Keinen 
filbernett 3 an ge gefaxte ber .jjertin. 

©iefe aber war entfett aufgefprungen, unb auf bem Staube beS Stube» 
betteS fifeenb, prefjte fie beibe £änbe auf baS oornüber gebeugte ©eftdjt, 
um bie beroorbrängeitben ©bräneu jurfidjubämmen. „Stein!" rief fie, „nein, 
lein graues &aar! 3h bin ja noch jung. 3<h totH noch jung fein — id) 
mag, ich lantt nicht alt werben! — " 

©ie 3ofe liefe ben erften ©turnt fdjweigenb »orübetbraufen, bann be» 
gann ne ruhigen ©oneS unb mit lädjelnbem Slntlifc: „Stber meine gnäbigfte 
Herrin, all bas um ein .§aar, baS fo rafd) ju entfernen unb — fo leicht jju 



Pas verlorene parabtes, H5 

färben ift? gugenb! 3JladEit benn baS $aar bie gugenb ? So lange baS 
33lut noch rafdb bureb bie Slbem roßt, fo lange baS ^erj noch beifi ju 
lieben oermag, fo lange finb wir jung. Unb bafj Qbr’S noch feib, wer 
weif? eS beffer als Sbr fel6ft unb — bie, in benen 3b r nach wie oor 
lobernbe glommen entjünbet, unb bie, oon (Suren SReijen geblenbet, ficb 
wiberfianbSloS unter bem godj ©urer Saunen frümmen?" 

„Sie werben feltener, ©ianetta," entgegnete Seatrice, unb wäbrenb ber 
SSuSbrudb ber Serjmeiflung itdj unter bem ©rofte ber ©ienerin in roebtnütbigeS 
Sinnen wanbclte, fd)ien es, als ob fie tnebr ju fiel) felbft als ju gener fprädje. 
„2Bie hoben fie fidj einft gebrängt hier in ber ftotjen £atte beS alten 
fjklafleS! 2BaS 33enebig an ebler gugenb, an fprübenbem ©eift, an 
glönjenbem SRubme befafj, um mich war es oerfammelt, mir lag es ju 
güfjen. geh habe über Senebig geberrfebt, ich, bas auSgelaffene übermütbige 
2Beib, mehr als jener ©reis in ben froftigen ^runfgetnäcbern feines ©ogen* 
pafafteS. Unb mochten bie anberen ftotjen ©efditedjter, benen icb bie Slütlje 
ber männlichen gugenb entjog, mich oerfolgen mit ihrem neibifeben ©eifer, 
mit ihrem gtübenben $afj, icb b fl be ihrer gelabt mitten unter ber Sdjaar 
meiner Serebrer in oottem, überfdbmettenbem ©enufj beS beiterften SebenS. 
Sie leebsenben Sippen am Seiber ber Suft, hoben mir beS ©leubS gefpottet 
unb berer, bie fi<h forqenoott abguälten, bas unbeholfene StaatSfdjiff 
bur<b bie branbenben glitt ben ju lootfen. — Sie werben feltener. 2Mne 
Säle, fonfi ju flein für bie 3 a bt ber ©äfte, jefct reichen fie quS, felbft an 
Sttenben, ba fie Sillen, Sitten, bie lornmen motten, geöffnet finb. Unb heut? 
2Bo hätte fonfi ein ©alergbi gewagt, an einem meiner Slbenbe ein geft 
feiern ju wollen l ©ort brangen fie ftib heut — wie wirb eS bei mir fein? 
Sollten fie midb Sitte oerlaffen? Sßeijjt ©u etwas, ©ianetta?" 

„2BaS baS für btiflere ©ebanfen finb, venerabile principessa, trüb 
unb traurig wie bie bidfjten £erbftnebet ber Sagunen. ÜOlag gürft ©alergbi 
all feine ißracht entfalten, bie treuen Safatten beS palazzo Corner lodt 
er nicht. Sie werben fontmen — au<b heut. 3<b wünfdbte, idh fönnte fie 
©u<b malen mit ben leudhtenben garben beS berühmten SfieifterS, ben fie 
ben SBeronefer nennen. Kenne idh fie bo<b Sitte fo genau, obwohl i<b fie 
nur burdb ©bürribe unb b Q lb jurüdgefcblagene Vorhänge beobachtet bube: 
ben heiteren grate ©iufeppe, ben geinfebmeder in allen ©enüffen ber SBelt, 
mit bem glatten, freunblidben ©efidbt, immer einen gefabenen 2Bib auf ben 
nur b®H> gefdbloffenen, febmahenben Sippen, ben Simonetti, ben berühmten 
Slrjt, bem ber Spott aus ben flugen, grauen Slugen blifet unb bie SoSbeit 
unt bie fdbarfgebogene Stafe judt, unb oor beffen ©oldbjunge fidb ganj 
SBenebig fürchtet, mehr noch als oor ber Schärfe feiner fdbneibenben SReffet, 
ben luftigen, leichtlebigen principe SJlaffimo, ber fo oiel taufenb 3ecbinen 
fdbon beim SBeim unb SBürfelbecber oerjubelt b<*t Sorenjo, ben feurigen 
SJlaler mit ben wattenben Soden, ber ©ure Schönheit in allen möglichen dEjrift- 
liehen unb heibnifchen ©eftalten, nur manchmal gar ju wenig oerhüllt — ich 



nt. Seerel in £jttfd)6etg. 


U6 

t)ätf tfmt baS längft oerboten — her 2JUt* unb 9ta<hroelt jeigen will, uub wie 
fie Stile beiden, bie an (Suren 2lugen unb Sippen häu9 e u unb ftdj (Sure 
fteinen güjje gebutbig auf ben 3Jacfen feßen taffen — ©neu nicht ju oet= 
geffen, ben beften unb ireueften oon Sitten, ben eblen geberigo ©rimani." 

„Der ®ute!" unterbrach Seatrice ben SRebeftront ihrer 3°f c / ber eS 
mit ihrem ©efdhroäfc bod» gelungen mar, fie aufjufieitem, „ber ©Ute, ber 
greunb meiner Stinbljeit unb 3ugenb! Die 2lnberen benfen boch nur an 
ftdj, er meint eS treu unb mahr, am meiften, wenn er mich fdult ; ad)! 
unb ift bod) ber ©njige, gegen ben ich fnauferte, roo ich fonfi oerfdhroenbete, 
ift bod) ein böfeS, häßliches Ding, ©ianetta, unfer ^erj mit feinen un= 
berechenbaren, unbejähmbaren Saunen!" 

2Bieberunt fuchte bie ßofe abjulenfen. „Db fie rooht oon bem 3Q»enteuer 
toiffen, baS (Sud) heut miberfahren ift unb baS Such leicht noch Schlimmeres 
hätte bringen fönnen, als ein füfjleS Sab?" 

,,3d) glaube nicht, baff mich Semanb erfannt fyat, unb ber mich itt 
feinen Sinnen hielt, toar ein gtember. 2Ber mag’S gemefen fein? D, er 
mar fd)ön, ©ianetta, — eine eble ©eftatt, ein jloljeS Stnttiß, unb roie 
fieser unb fpietenb leicht trug er mid) in feinen fräftigen ärmen! 2ltn 
liebfien hätte ich bie meinen um feinen £als geklungen — fo mailte es 
in mir auf, trofc aller ©efahr. Watte es bodh feine Stimme mir angethan 
mit ihrem entjüdenben SBohlflang, unb — hätte mich beinah tn’S 93en 
berben gelodt. 2Ber mag’S geroefen fein, ©ianetta? Sieh, bafj Du’S er* 
fahren fannft!" Unb träumenb glitt fie auf baS Ruhebett nieber. 

©ne Stunbe fpäter tjatte ©ianetta mit gefehlten Wänben ihr 3°fcu* 
funftmerf oottenbet, unb Seatrice betrat reich unb gefchmadoolt gefleibet unb 
ftratjtenb in Schönheit unb Slnntuth ben hellerleuchteten Saat, in melchem 
fich bereits einige jener ©etreuen oerfammelt hatten, bie in ben berühmten 
9lbenbcirfeln ber gefeierten Schönheit feiten ju fehlen pflegten. Die fonnige 
Weiterleit auf bem SIntlifc ber gürftin ließ nichts oon bem oorangegangenen 

Sturme erfennen. 9luch mar biefe Weiterfeit nid)t bloS geheuchelt, nicht 

bloS fDJaSfe; fie entfprang bem Driumpfj, baß eS bem dürften (Salerghi 
mit feinem oielbefprodjenen gefie niefjt gelungen mar, ben 9Maft (Sorn6r 
ju oeröben. 3n banfbarer greube begrüfjte Seatrice ihre ©äfte, richtete 
an Den ein frcunblidieS Sport, ftredte genetn bie jarte W°ub aum 5tujj 

entgegen unb übte auf Sille ben herjgeroiitnenben 3 au bcr, bem noch 
SUentanb ju roiberfteheu oennocht h«tte. (SS mar eine ©gentbümlid)feit 

biefer Stbenbgefellfdaften, bah man in ihnen faft nur Werren traf. Die 
Damen ftüfterten unb jifcbelten über fie unb blieben ihnen jumeift fern. 
3mar oermod)te 3iiemaub auch uur bie flcinfte Dfjatfache anjufüljren, melche 
geeignet gemefen märe, ben guten Stuf ber gürftin in grage ju fteHen; 
aber — früh oermaift unb fdjon in jungen fahren unbefdjränfte Werrin 
eines großen 33efihcS, hatte Seatrice in federn 3ugenbubermuth bie Schranfen 
ber (Sonoenienj burd)brod)en, unbefümmert um bas Urteil ber fogenannten 



Das rerlorctie parabies. 


U? 

guten ©efeUfdjaft. ÜtufangS batte fie ftdE) unter ben ©dufc non @t)renbamen 
gefteHt, benen es gleidäeitig obtag, bie WonneurS beS Kaufes ju machen, 
©ie erfte, eine non it»r boduerebrte ^teunbiit itjrer fDiutter, ftar6 nact) 
wenigen fahren ; bie jweite nmrbe ihr halb langweilig, unb als bie britte 
ihre eigene ©hre fo wenig ju wahren wufete, bafj es 2lergernib gab, glaubte 
SBeatrice ber eigenen Kraft oertrauen unb fid fetbft genügenb fdüfcen ju 
lönnen. $e mehr man baS oerurtbeilte, unb je giftiger bie Säfterjungen 
über fte Verfielen, mit befto witberem ©rofce forberte fte fie heraus unb 
madjte ben eigenen unbefcfirSnften SBitlen jur einjigen fftidtfduur UjreS 
SebenS. SBenn aud bie ©amen, bie in it>r ohnehin nur immer bie gefäfjrticfie 
SRioalin gefehen Ratten, fid fdeu oon i^r jurüctjogen — Sßereinfamung fürstete 
fie nidt. ©rängte f?d bod, oon ihrer ftrablenben ©dönbeit unb ihrem 
fprübenben ©eift gefeffelt, MeS um fie, was i'enebig an intereffanten 
! Scannern befab. Unb wie Spiele warben um ihre Wanb! Silber mo<f)te fie 
. ’• aud bin unb wieber ben ©inen ober ben Stnberen gan$ befonberS aus* 

; | iujeiäjnen feinen. Keinem batte fie bistjer baS föftlidje ©ut i^rer greijjeit 

I opfern mögen, unb bie nod fo fef»r jifctjetten, wußten Keinen ju nennen, 

bem fie mehr als erlaubte ©unfi erwiefen t;ätte. 2M)t batte fid) im Saufe 
, 1 ber 3eit, bie aud an ben 3Reijen ber $ürfttn nidt fpurloS oorüberging, 

. f ÜJIander, fei eS aus 21erger über bie oerlorene SiebeSmübe, fei es wie 

neulid) erft granccSco ^5<trfotti, burd ein übermütiges 2ßi|wort beleibigt, 
jurüdgejogen; aber nod batten fid bie Süden immer wieber gefüllt, wenn 
oudj fcbon mandbmal etwas langfamer als fonft. ^eut waren fo Sßiele 
entfdulbigt, unb nur bie treufien ber ©etreuen batten fid um bie oerebrte 
Herrin oerfammelt. — 

3n buntem ©utdeinanber fab man auf spolfiern unb ©effeln umber, 
f ■ unb roäbrenb ©iener in reicher Sioröe SRafdwerf in filbernen ©dalen unb 
in fein gefdliffenem KrpftaH feurigen ©pperwein unb fonftige ©rfrifdungen 
barboten, fdmirrte wie ein luftiger galtet oou Slume ju Slume bie leidt 
geführte, mit ÜBifc unb ©der} unb mandet Keinen SoSbeit gewürjte 
Unterhaltung oon einem ©efprädteftoff jum anbem. Unmerfüd, aber fidjer 
hielt Seatrice bie $äben, bab fte fid niemals oerwirrten, niemals abriffen, 
roubte hier anjuregen, bort ju milbern unb immer bafür ju forgen, bab 
bei aller SlnSgelaffenbeit beiter fter Saune ber rafd babinftutbenbe ©trom 
niemals bie Ufer beS fdönen ©leidmabeS unb ber gefälligen Slnmutb über* 
fdritt. 33on ihrem heutigen ©rlebnib fdten SKiemanb etwas ju wiffen, unb 
bab fte eS oorerft nod als fübeS ©ebeimnib für fid behalten burfte, er* 
höhte feinen SReij unb bie Weiterleit ihrer ©tintmung, bie in wobttbuenbfter 
SBeife belebenb unb erwärmenb auf ihre ©äfte jurüefwirfte. — 

. ^ ©et 2lbenb mar fdon jiemlid weit oorgefdritten, als geberigo 

©rimani mit feinem ©düfcling erfdien unb ben beutfden fötaler Slntonio 
) J — ben barbarifden -Kamen feines altabtigen ©efdtedts habe er gutwillig 
ber itaKenifden 3unge erlaffen — bem gnäbigen SBoblwoHen ber gfürftin 



in. Beete! ttt fjtrfdjbetg. 


U8 

unb ihres greunbeSfreifeS empfahl. Seatrice jucfte jufantmen in freubigem 
Sdhred, als jte plöfclich ihren fetter in ihrem eignen heim erbltdfte, muffte 
fi<h aber um fo rafdher ju fajfen, ba er fetbft weber mit 331i<f nodfj Kort 
irgenb ein SBiebererfennen oerrietf). ©hrerbietig tüfete er it»re ihm ju herj» 
Iidhem SßiHfommen freunblidh entgegengeftrecfte hanb. ©r batte fie in ber 
2^at nicht miebererfannt. 

Unb nun mar er gerabeju geblenbet non ber Fracht beS 3aubers 
fdhtoffeS, in bas er eingetreten mar, unb bas ibn an bie Kärdhen feiner 
Äinbbeit gemahnte, unb non ber Herrin biefeS 3auberfdhloffe8, beren un= 
geahnte Schönheit er mit feinen Äünftleraugen förmlich oerfdhlang. Seatrice 
freute fich biefeS GinbrucfS, ber ihr nidht entging, unb ihre greube 
fteigerte ben Sieij ihrer äußeren ©rfdheinung unb ihrer geift* unb leben* 
fprfihenben Unterhaltung, tnie audh ihre ©äfte, ihrem Seifpiele folgenb, bem 
fremben Stnfömmtinge gegenüber ihre ticbenSwürbigjlen Seiten heroorfehrten, 
fo bafj biefer non all' bem Sdhönen, baS fo unerwartet auf ihn einbrang, 
ftch in einen fRaufcf) beS GntjücfenS oerfefct fanb. 

@S lag nahe, baß bas ©efpräch fich fefjr halb, anfnüpfenb an bie 
$tunftf<häße beS ^atajjo Goniör, um bie berühmten Kaler aus ber Slütlje* 
jeit SenebigS, um ihre Silber unb SebenSfdhicffale bewegte, unb währenb 
Stntonio begeiftert pries, was er non jener Sitberherrlidhfeit gefehen, war 
eS ihm intereffant, - non ben Ülnberen fo mandhen Keinen ©harafterjug, 
manches ihm nodh Unbefannte aus bem SebenSgange jener Keifter ju 
hören, beren Silber er bisher nur loSgetöft non ihrer eigenen ißerfönlidhfeit 
hatte betrachten fönnen, währenb bie Äemttniß biefer ißerföntidhfeit ihm 
bodh jum ootten Serftänbniß ihres SdhaffenS unb einjelner ihrer Kerfe 
notfpoenbig fdhien. 

„Unb Sie felbft, Signor 2lntonio," wanbte fidh Seatrice ptöfclidh an 
ihn, „haben Sie fidh bisher nur auf baS 2tnf<hauen befc^ranft, ober ftnb 
Sie fdjon bei ber Slrbeit, es Qenen gleich ju thun?" 

©in wenig nertegen erwiberte ber -Kater : „Serjeihung, meine gnäbigfie 
gürftin! gern würbe i<h fdhweigen, aber bie gütige gtage oerlangt eine 
ehrliche Antwort. Kohl gehört Kuttj baju, fo ©roßent unb herrlichem 
gegenüber mit ber eigenen noch ftümperhaften h Q nb nach ißinfel unb 
Palette ju greifen; bodh fdheltet eS nidht bünfelhafte Ueberhebung, wenn baS 
innerfie ©mpftnben nach Offenbarung oerlangt, unb wenn baS berühmte 
Kort beS Gorreggio „anch’ io sono pittore“ auch in ber Sruft eines Keinen, 
befdheibenen Katers ©iberhall finbet unb ihn jum Sdhaffen brängt!" 

„Unb barf man nadh bem ©egenftanb GureS SübeS fragen?" 

„GS ift noch fein Silb, es finb Umriffe, ©ebanfen, ©ntwürfe, welche 
jum Sehen erwedfen foHen, was ber ißhantafte oorfdhwebt — eS fotl ein 
„oerloreneS ifJarabieS" werben." 

„©in oerloreneS SarabieS," fpradh Seatrice mit faft wehmütigem 
©ntft, unb ihre Stimme fdhien ein wenig ju jittem. „©in oerloreneS 



Das verlorene parabies. \\ty 

fßarabieS — farot man baS malen, wenn man es nicht fettet oerloren 
bat? noch jung; Euch blü^t es noch, unb fet)t nidE)t banadh 

aus, als ob Euch ein jütnenber Engel barauS oertrieben, ober als ob 3br 
gurdfjt oor feinem glammenfdjioerte hättet." 

„Dtedfjt, principessa!" fiel ihr ©timani in’S 2Bort, ehe 2lntonio noch 
ju antworten oermochte, „roer Slnberen ein rettenber Engel wirb wie jyreunb 
3lntonio, fteljt mit ben Ehetubim auf gutem guße unb Ijat non ihnen nichts 
ju fürsten." Unb et erjagte bem aufßordhenben Streife 2Intonio§ heutiges 
Sttenteuer in ben Sagunen unb fdfjloft mit ben SBorten: „2Ber aber fann 
uns jagen, welche unferer frönen SanbSmänninnen unfet greunb ben feuchten 
Sltmen beS ÜJteergotteS entriffen hat? 2Bir haben uns bis jefct nergeblich 
bemüht, fie ju errathen. Er fpricht nur non ihren weißen ©eroänbern unb ihrem 
bitten Schleier; aber bah fie fcljön war, läfst er fiel) trofcbem nicht auSftreiten." 

„$Die Slermfte mag ©ott banfen, baß 3he fie nidht errathen höbt," 
rief SBeatrice lachenb, „was würbe nicht ganj 33enebig fi<h morgen fchon 
non ihr jn erjagen wiffen!" 

3tter als man fid) oerabfehiebete, unb Slntonio ber gürftin warmen 
®anfeS ooH bie #anb füßte, fpradh fie leife unb nur ihm oerftänbtidh: 

„Ewigen, innigflen ®anl fdhulbe idh Euch; benn idh bin es, bie $hr 
non bem aßeHengrabe errettet habt; aber — " unb fie legte ihren 3eige= 
ftnger fejt auf bie gefdhloffenen Sippen. 

Es !am, was immer ju fommen pflegt, wenn Sugenb unb Schönheit, 
ein reger Sinn unb ein empfängliches ©emüth unter außergewöhnlichen 
Erlebnijfen auf einanber treffen, unb ein nur ihnen gemeinfameS ©eheimniß 
ein unfichtbareS 33anb um fte fdhlingt. 2lntonio unb Seatrice — über 
SBeiber Schicffal hatte ber eine £ag entfliehen. SDie aSergangenljeit mit 
StUern, was fte ihm gebradht unb was fte ihm genommen, fchien wie auf 
ein 3auberwort hinter 2lntonio oerfunfen. 2Bar eS ihm bodh, als ob er 
et ft jefct ju leben beginne — ein neues, gefteigerteS, ein wahrhaft lebenbigeS 
Seben. ®ie Sinne beS fDlalerS hatten fidh mit wahrer ©enußfrenbigfeit 
an ber Schönheit unb 2lnmuth ber f^ürftin feftgefogen; aber bie Erregtheit 
ber Sinne warb oerflärt unb nerebelt burch baS allem ©ewöhnlichen ab* 
ßolbe, hodhßrebenbe ©emüth beS beutfehen StünftlerS. -Hiebt bloS baS fdf»önc, 
begehrenSwerthe SEBeib falj er in ihr; feiner lebhaften ißh a ntafie erfchieit fie 
gerabeju als bie menfehgeworbene ^bealgefialt feiner Stunft, bie er nidht 
bloS mit ber ganjen 2Bärme unb ^nnigfeit feines jungen unb jungfräulichen 
j^erjenS liebte, oor ber er nieberfniete in bemutbSooHer Verehrung. Unb 
biefe SBerebelung ber fein ganjes Sein erfüHenben unb burdhbringenben 
Seibenfchaft ftrahlte oon ihm aus auch auf bie gürfUn jurücf. 

2Bar es anfangs nur heiße ftnnlidhe ©luth, bie fie mit mtroiberfteh' 
Ucher ©ewalt ju bem ftattlidjen -äHanne jog, ber fte mit ftarfem 2lrm über 
bie btohenben Ruthen gehoben, freute fie fidh mit ber ganjen SBonne be= 
friebigter Eitelfeit beS geuerS, baS fte audh in ihm fo fi<htli<h ju entjünben 



120 


ITl. Seetel in Ej»rfd|berg. 


»ermodjt hatte, fo war it»r boh bic 2lrt, in bet er if>r feine Serebrung 
entgegentrug, bie Bartheit feines ©mpftnbenS, bie aus ben liefen beS ©e* 
mütheS quettenbe Bnnigfeit, bie felbft bic erregten Sinne fefl im Bügel 
ju galten mußte, etwas fo 9ieue§ unb babei fo SBohltfmenbeS, baß auch 
in ihrem eigenen ©emütl) Saiten in Schwingung gerieten, beren Sorßanben* 
fein fie bisher faum geahnt hatte, bcfj an feinem tornehmen, hoch empor* 
ftrebenben Sinn ihr eigener oft freoentlid) niebergetretener Stolj fich auf: 
richtete, unb wie ihre ganje Seele, fo auch ihre heiße, glüf»enbe Siehe mit 
reichem, eblem Behalt erfüllte. — 

Glicht lange mährte eS, ba flüfterte, fher^te, fpottete Senebig über bie 
fdßlaue £erjenSfii<herin, bie immer noch nicht mübe merbe, ihre Siebe aus* 
jumerfen, unb über baS arglofe fyifcßlein, baS felbft über bie Sllpen herüber* 
geidhroommen fei, um n<h in ben engen, gleißenben Hafdien fangen ju 
laffen. SlnfangS mußte ber Haler in bet ©efeUfcßaft ber Horofini, ^arfotti 
unb anberet ©enojfen manches nccfenbe Sdierjroort über uh ergehen lajfen. 
211S biefe aber fahen, baß er bie Sache ernft nahm, fchroiegen fie ihm 
gegenüber unb jutften nur, wenn fie unter fi<h roaren, mitleibig bie 2l<hfeln 
über ben norbifchen Söarbaren, ber, ein gar ju ungefcßidter Schmetterling, 
ben Slumenbonig nicht nom ©ift ju untcrfdjeiben nermöge, unb an ber 
leudjtenben flamme, ftatt einen glücflühen Slugenbtid behaglicher 9Bärme 
non ihr ju erhafchen, ficß thörichter Sßeife bie Jyliigel nerfenge. — 

StiH, aber mit gefpannter Slufmerffamfeit beobachtete geberigo ©rimani 
baS plößliche Sluflobern unb heiße SSeiterflammen ber SiebeSgluth, ju ber 
er felbft 2lnlaß gegeben hatte, ftein 2Bort fprach er barüber mit Slntonio, 

fo groß auch bie fEheilnafjme , ltl b baS aSohlgcfatlen mar, bie ihm ber 
beutfcße Zünftler, feine fraftnolle Schönheit, feine jugenblidje ffrifdhe ein* 
geflößt hatten. Stber als er eines ICageS mit Seatrice allein in ihrem 
fleinen, trauten, nur ben aHernäcßften greunben jugänglichen SieblingSjimmer 
faß, legte er feine £anb auf' ihren Scheitel, unb ihr Statlifc ju r«h empor* 
menbenb, fprach er: 

„Äinb! ftinb! mailt unb brauft baS Slut roieber einmal gar fo heiß 
in bern immer nod) attjuiugenblidhen ^erjen? 2ßaS foH barauS werben?" 

Hit marinem, feuchtem Slicf fdiaute fie ihn an, unb ihm bie &anb 
rcicßenb, entgegnete fie: 

„SSerjeihung, mein lieber, treuer greunb! roeiß ich bocß, baß ich auf 
ber ganjen weiten ©rbenroelt feinen treueren befiße, feinen bisher, ber 
ntidh fo lieb gehabt hat, feinen, bem ich fo roehe gethan, weil ich 
thörichteS Äinb niemals biefem heißen £erjen ju gebieten, niemals feinen 
Saunen ;u mehren rermocht habe. 25?aS roerben foH, fragft ®u — roeiß 
id)’S? fjabe ich jemals um bie 3wfnnft geforgt? Sin ich nid^t, fo lange 
ich fühlen unb benfen fann, ftets nur ein ßinb beS äugenblirfS geroefen, 
unb habe baS ©litd ber Stunbe genoffen, ohne ju grübeln, ohne ju fragen, 
mann unb fo lange eS ficß bot? Unb jefct — fein ©eßeimniß habe ich 



Das verlorene parabtes. 


\ 2 \ 


»or ©ir, treufter greunb feit ben Tagen ber Stinbheit, unb fagen muß idfj’S, 
roentt id> auch weife, wie tief es $Did) fdjmerjt. 2BaS ftnb all meines bis» 
Ijerigen SebenS gepriefene SBonnen im 23ergleidh gu bet ©egenwart reinem, 
herrlichem, feligem ©lüd! ^orbere nicht, bafe i<h’S non mir werfe — 
trgenb einer nodfj fo ftugen SJtenfd&enfahung ju Siebe! 33raud&e i<h’S ©ir 
§u fagen, was allein mir 2Bel)mutb mifdfit unter ben fiifeen, föftlidh be* 
raufdhenben Tranf?" 

Unb ihm ben Stüden jufebrenb, trat fie an’S genfter, bebecfte baS 
Slntlife mit beiben ^änben unb fdljluchjte laut. Seife erhob er fi<h unb 
fdjritt flitt nach ber T£)ür. ©ie aber roanbte ft<h um, unb if»m beibe £änbe 
eutgegenftredenb, rief fie, ruie non banger Stfjnung burchjittert: 

„SSleibe mir treu, treufter ber fyreunbe! Sßerlaffe mich nicht, wenn 
bie Seit fommt, ba ich ©einer bebarf! Sft bodjj mein ©lüd ju grofe, als 
bafe es ©auer nerfiiefee." 

@r fafete ihr ßaupt mit beiben £änben, brüctte einen langen Stufe auf 
ifjre ©tim unb nerliefe fdfjweigenb bas 3i mme r. — 

©S mar baS erfte 2M in ihrem neuen ©lüd, bafe Seatrice ber Su* 
funft gebadete. Seibenfdfjaftlidfj unb rilcfEjattloS, roie eS intern Temperamente 
entfpradb, genofe fie bie fyreuben ber ©tunbe. 25enn fie mit Slntonio in 
Ieid^tbefd^mingter ©onbel über ben SBafferfpiegel baEjinftog, über jene 
28eHen, bie fie einanber in bie 2lrme geführt Ratten, wenn er ihr mit 
melobifdfjer ©timme feine feeimifd^en Sieber fang, beren eines fie mit feinem 
oerfütirerifdfjen SBofelflang einft beinahe in’S SSerberben gelodft hatte, ober 
toenit er in ben bei allem Steinum fo behaglichen Staunten ihres eigenen 
?PalafteS feine treuen 2lugen in fie »erfenfenb, beglüdft ihrem füfeen ©e* 
plauber laufdfete, ober ihr in begeiferter Siebe bie Steige feiner norbifdhen 
Heimat, baS ©lüd feiner Stinbfeeit, bie ^errlidhfeit feiner Stunft unb ber 
t>on ihm erftrebten Siele pries, wenn er fie mit heiterem ©dherj gu jer= 
ftreuen fudfete, währenb er faft fpielenb ihr Slbbitb treu unb bodj in be* 
tounbernber 23erflärung auf bie Seinwanb übertrug — ba war*S ihr, als 
feätte in bem weiten, ufertofen, wilbbranbenben Dceatt ihres SebenS fidfe 
ptöfelich ein frieblidheS, fdhönheitgefegneteS Gilanb erhoben, eine 3fnfet ber 
Seligen uoll niegeahnter SBunber unb SBonnen. — 

23ei alle bem hatte ©ianetta bie Stolle ber fcfmfcenben ©uenna gu 
fpieten. ©S mar bieS ein 3 u 9eflänbnife, baS 33eatrice ber Stlatfdhfudfjt ge* 
macht hatte, ©ie böfe SBelt ladfe barüber, unb eigentlidh lodfete au<h fie 
unb nidht minber ihre Sofe über biefe thöridjte Äomöbie. Slber mit feinflem 
©ad roufete fidfe ©ianetta in biefe ihr feltfam genug »orfommenbe Stolle 
?u finben. SJtit einem auf natürlicher Stnlage unb langer ©ewöhnung be* 
rufeenben SSerftänbnife fühlte fie ftdfjer heraus, wann fie ft<h erlauben burfte, 
bie Vertraute gu fein, unb wann fie in bie befdjeibenere Stolle einer 
©ienerin juriidfjutreten hotte, ©ie wnfete gang genau, gu rechter Seit an* 
wefenb gu fein unb gu rechter Seit geräufdhloS gu »erfdfiminben. Unb wie 



\22 


ITL Beerei in Ejirfcfjberg. 


gern laufcRte Veatrice bem leisten ©efdhroäfc ©ianettaS, bte nach fchmeicljelnber 
Hofen 2lrt bie Vorjüge beS ©eliebten in fjetleS Sicht ju Rellen, fie felber übet 
ihre HaRre unb ben Ieife beginnenben Verfall ihrer Schönheit ^inroeg= 
jutäufdijen unb mit aHerRanb 3“uber bie glommen ju fcijüren fuchte! 2BaS 
fümmerte eS Veatrice jeht, wenn auch ihre ©ntpfangSfäle noch leerer mürben, 
menn einer nach bem anberen non ben alten Vefannten fidj feltener unb 
immer feltener einfanb, menn nur er ihr blieb, er ganj allein mit ihr auf 
bem in SuR unb Siebe erblühenben ©ilanb, unb menn nur biefeS ©ilanb, 
mie e3 plöfclidjj unb ungeahnt aus ber fytuth emporgeftiegen, nicht plöfclidfj 
unb ungeahnt mieber in ber $Iuth »erfanl! — 

©er ©ebanfe an bie Hufunft, einmal erroacht, tauchte immer mieber 
in einfamen Stunben oor ihr auf, fo fehr Re ihn auch jurücfjubtängen 
fuchte. 2lu<h mar es eigentlich nicht bie Hulunft, beren nebelhafte UngeroiR* 
heit Re mit banger gurdjt erfüllte — bie Vergangenheit mar es, bie ihre 
bunften Schatten hineinmarf mitten in ihr fonnigeS ©lücf. ©ie 33er* 
gangenheit — maS hätte fie nicht barum gegeben, hätte Re aus ihr auStUgen 
bürfen, maS ihr jefct bie Seele belaftete! ©inen 2tugenbticf nur, bann 
fprang Re feberleicht mie in monnigetn 9tauf<he empor — maS Vergangen* 
heit, maS Hulunft, eS giebt nur ein ©lücf: baS ©lücf ber ©egenmart, baS 
felige ©lücf ber Stunbe! 9lidf)t rücfmärts, nicht oorroärts flauen — nur 
im VolIgenuR beS 2tugenbli<ES liegt baS Seben! — 

2lnberS Slntonio. ÜOlitten in feinem ©lücf befchäftigte ihn bie Sorge, 
mie er R<h baSfelbe für alle 3 u l lin fl P Rchent oermöchte. ©ine Ver* 
gangenheit gab es Eaum noch für ihn. 2lucfj maS ihm gefchäftige 3 un Ö e ü 
über VeatricenS früheres Treiben unb £hun jugetragen, erfchien ihm als 
giftig boshaftes, »erleumberifcheS ©efdfjroäfc. ®ie eble Vornehmheit ihres 
©eRchtS, ihrer ganjen ©rfcheinung, bie Feinheit unb 3 art h«it ihres 
©mpRnbenS, bie innige, Rnnige 2trt, in ber Re ihm ihre #ulb, ihre h er 3= 
liehe Huneigung beroieS — baS allein hotte ©eltung für ihn, lonnte baS 
Süge fein? 2lber trofe biefer £ulb burfte er, ber namenlofe Äünftler, es 
mögen, fein $aupt ju ber eblen gürftin ju erheben, bie ju ben ftoljeften 
SlbelSgefchlechtern VenebigS gehörte? ©ähnte nicht eine meite filuft jroifdjen 
ihnen, bie feine Siebe allein nidht auSjufüHen uermochte? Sßenn baS Ve* 
muRtfein biefer ßtuft ihm Hurücfhaltung auferlegte, menn es ihn jroang, 
feine Seibenfchaft feft im 3aunte ju halten, um nidht im Uebermuth ju jerftören, 
maS ihn fo unenblidh glüdlidh machte, fo entfeffelte eS gleidjjeitig in ihm 
ein anbereS hfi&eS Verlangen: baS Verlangen nach VuRm. ©er StuRm 
allein oermodRte jene ßtuft auSjufüHen. ©er Sorbeer beS StünftlerS burfte 
fich ebenbürtig bem ftoljeften Sßappenfdbilb jur Seite ReHen. ©in berühmtet 
9Raler moHte er roerben, unb mit glühenbem ©ifer ergriff er, maS iRii 
irgenb biefem 3rcle ju nähern »ermocRte. 3u einem mächtigen Stromi 
jufammenflieRenb, erfüllten bie Siebe ju Veatrice unb bie Siebe §u feinet 
ftunR feine Seit, feine Seele, fein Seben unb befchmingten fein ©mpRnbeft 


i 



Das rerlovene Parabies. J23 

unb Renten ju ftoljem gtuge, bet ihn leicht über bie gtäche beS SfftagS 
emportrug. — 

Stur reift bie Reifee ©omte beS ©übettS bie Siebe nod& um »ieleS 
rafdher als ben SRuijm, unb bie oon ihr entjünbete ©luth oerjehrt oft 
gaitj unerwartet fdfmett bie für unüberwinblidh gehaltenen ©dhranfen. 

©8 toar an einem ^erbfttage um ben beginn ber Slbenbbämmerung. 
SBarme, gewitterfdhwfile Suft brang burdh bie weit geöffneten genfter in 
ben bo^seroölbten, mit reidjem SupuS auSgeftatteten ©aal. 3n leidstem, 
luftigem, farbenfrifdhem ©eroanbe lehnte Seatrice, anfdheinenb etwas er» 
mattet auf einer Ottomane. iltTer Stähe auf niebrigem Sßolfter fafe 
3lntonio, neben fidh allerlei 3Mgeräth unb eine ©taffetei mit einer Farben» 
ffi^e, an ber er bis jum fdheibenben Tageslicht gemalt hatte. ©twaS 
weiter non ben Reiben entfernt, an ber ©ingangSthür beS ©aateS fafe 
©ianetta. ©ie war non ber #ifce erfdfjlafft über einer 2lrbeit, bie fie fich 
jum ©dhein norgenommen hatte, feft eingefdjlafen. 

„3ht feib erfdhöpft, lieber ÜJJeifter," unterbrach Seatrice baS ©Zweigen. 
„Qfer feib gar ju angejirengt fleißig gewefen. ©ianetta! ©ianetta l eS ift 
erbrflifenb fdhroüt, bring uns rafdf) eine fühle Simonata!" £alb nodh im 
Traum fuhr ©ianetta empor, um bem Sefefel ju gehordhen, ben fte mehr 
nodh errathen als nerjianben hotte. ©S währte nicht lange, ba trug fie 
auf ftlbernem Tablett jwei mit einer erfrifdhenben ©ranita gefüllte Ärpflaff* 
fdhalen herein unb bot fte in ber jierlichften gorm ber gürflin unb bem 
SWaler. „SBerjeifeung, gnäbigfle Herrin!" wenbete fte fidh bann an biefe, 
„man nerlangt im £aufe nach mir, barf idh midh auf eine SBeile 
entfernen?" 

„©eh*, idh werbe ©idh rufen, wenn ich ©einer bebarf." 

„©off idh ©uch banfen, lieber SKeifter," nahm SBeatrice, als fte allein 
waren, bas ©efprädh wieber auf, baS fidh bis bahin jiemlidh träge fort* 
gefponnen hatte, „©off idh ©udh banfen, ba& Sh r bie Statur fo trefflidh 
ju uerbeffern rerfteht? ^h* fdhmeidhelt meiner ©itelfeit alljufefer, wenn 3br 
in mein 33ilb aufnehmt, was meffeidht eine gütige gee mir greunblidheS 
in bie SBiege gelegt hat, unb barauS fortlaffet, womit bie 3 e tt unb baS 
Sehen unb wer weife was für böfe ©eifter bie freunblicfee Anlage wieber 
oerpfufdfjt haben." 

„9Zetn, nein, »erehrte gürftin! idh male 3bt 33ilb treu unb wahr, wie 
es oor meinen Sugen, wie eS oor meiner ©eele fleht, unb aus tiefftem 
^erjen banfe idh 3ho«t, bafe ©ie meinen Slugen unb meiner ©eele baS 
Sidht 3h«r ©dhönfeeit gewähren." 

„@i, ei, lieber SOteifter, idh hohe nidht geglaubt, bafe fo feöfifdh 
ju fdhmeidheln »erftefet. ^cb höbe ©udh für meinen greunb gehalten." ©ie 
Predfte ihm ihre Sterte entgegen. 

„©ie haben feinen treueren, gitrflin," unb er erfafete bie ihm ge* 
botene $anb unb brüefte einen heifeen Äufe barauf. 



m. Beeret in £f irfdjberg. 


\ 2 * 


„Slber ein greunb muß cot Slllem wahr fein." 

,,©o maßr wie treu!" 

„Siun, fo beiztet mir, lieber greunb! @3 liegt beut roie ein bunftiger 
Stiebet auf eurem ©ernütf). ©ie ©hroüle ber Suft allem famt’S nicht fein 
— roaS ift’sV" 

„gh habe beut in ben Sonetten beS SDiid^elangelo unb in ben Striefen 
ber SJtarquife bi ißeScata gelefen." 

„©tödliche Sittoria, bie ein SJtihetangelo unfterbtid» gemalt ^at i" 

„®lüdlidjer Sötidfielangeto, bem fein Stuhm erlaubte, feine $anb nah 
einer SSittoria 6olonna auSpftreden! deinen Sie nicht, oerejjrte gürftin?" 

„©er Stußm ift ein fettener, föftlicber ©hmud, unb welche grau fäbe 
nicht gern ben Lorbeer auf bem Raupte beS geliebten SJtanneS! Slber ber 
Stußm allein ift ju falt für ein beifeflopfenbeä grauenherj, unb bie Siebe 
tbeilt nidbt gern mit bem Stußm. UebrigenS, mein lieber Slntonio," fe|te 
fte mit fcbalfbaftem Säheln Ijinp, „glaubt gh r / baß SJtichelangeto feine 
geliebte Sütoria Stcatdjefa genannt f)at? geh finbe nichts baoon in feinen 
©onetten." 

gn roarm anfroaüenber Seibenfhaft ftürjte er ihr p güßen, ergriff 
ihre beiben £änbe unb mit feinen flaren, treuen äugen p ihr aufblicfenb, 
rief er: „D gürftin! D Seatrice! roenn eS mir gelänge, ben heiligen 
Sorbeer p erringen unb ©ir p güßen p legen! roenn i<h ein gürft fein 
bürfte im SReictje ber ßunft unb ©u meine gürftin, mein tfjeureS, mein 
inniggeliebtes Sßeib !" 

Seatrice pdte jufammen; roie ein ©hauer burhriefelte eS ihren 
Äörper, unb ihm ihre £änbe entjiehenb, bebecJte fte mit ihnen ihre äugen, 
roährettb eS fdjmerpoll non ihren Sippen flang: „©ein SBeib? nein, nein, 
ich famt nicht ©ein SBeib fein!" 

„SBohl! roohl! ich weiß, bie ftolje gürftin barf nicht tjcrabfteigen p 
bem armen 2Mer, bie non ben weichen, f<hmei<helnben ßofelüftdjen beS 
SuyuS nerroöhnte Sßrincipeffa fann ben ©tanj unb bie SßradEjt beS 9?e ich 4 
thuntS nicht entbehren, ber ihr Sebensbebütfniß geroorben ift, unb ben bie 
treue Siebe beS fhliditen SltanneS nicht p erfeßen oermag." 

©3 flang rauh unb bitter, unb erregt wollte er fich erheben, ©ie 
aber fhtang beibe ärnte feft um feinen Staden, unb ihr £aupt auf feinen 
©djeitel ftüfeeub, fprach fte mit roarmer, thränenburcbäitterter ©timme: 
„Äennft mich bod) fehlest, ©u heißgeliebter greunb meines fierjenS, bem 
ich »nein Seben unb mehr als mein Sehen oerbanfe. 2ßie gern roürfe ich 
ben hoft‘irtigen ©tolj unb bie gleißenbe spracht oon mir, bürfte ich an 
©einer treuen Sruft in forglofent Sergeffen ausruhen oon meinem allju 
fiümtifhen Seben! Stein, nein! bas ift eS nicht! ich bin ©einer nicht 
roerth!" rang es fid) gualooll auS tieffter ©eele empor, „grage nicht! 
forfhe nicht! oerlange feine Seichte oon mir! gft eS bod» ber alte glüh/ 
ber oont erften SJtenfheupaare fortroirft burh bie ©aufenbe ber SDtenfhen« 



Das oerlorette parabies. 


\25 


gefdjlechter — bet alte ftludj ton Sünbe unb Sdjulb, ber gtudß beS ter= 
lorenen fparabiefcS!" Sie fdjludjjte laut auf, unb ein beider SCßränem 
ftrom ergoß R<h au§ ißten fdjmerjumflorten Slugen auf baS bicfjte ©elocf 
feine« £auptc3. — ©in 2tugenbti<i, ein banger, entfeßticher — Antonio 
roar wie tont Sdßroinbel erfaßt, ttilb pochte fein $er$, feine 3äßne fnirfcßten 
juiammen, unb frampfßaft ballten fid) feine .ßänbe. ®ann aber fprang 
er mit jähem 3tude empor, unb baS geliebte SBeib feft mit feinen Sinnen 
umfdiließenb, rief er in beiß«/ ftürmitdjer £aft: „Veatrice, id) laffe $)i<h 
nicßt! Viag baS Vergangene für immer oergeffen, begraben fein in un= 
burcßbringticher Vad)t — ich feßroöre $ir’S, nimmer banadß ju fragen, 
nimmer banad) forfdjen ju tooHen. 3n meinen ftarfen Sinnen trage id) 
Sich über bie Sllpen hinüber in meine Heimat, mo ®idj Sliemanb fennt, 
roo Siietnanb ton ®ir weiß, ju einem neuen, gliicflidjen Sehen. SRüfte int 
Stillen SltleS ju fcßleuniger $ludjt, unb morgen, morgen fd)on, wenn ber 
9l6enb ßetnieber ju bunfeln beginnt, fomme id), «Dich ju holen. Verfprich, 
oerfprid) mir, ©eliebte, baß ich ®i<h bereit finbe, unb baß ®u bie 3)?cine 
fein roillft für immer!" Unb er bebeefte il;r ÜDiunb unb Slugen unb Stirn 
mit langen, glühenben Äüffen. 

Veatrice erroiberte nid)t§. „borgen! morgen!" E)ancf)te Re, unb ihre 
Sippen in heißer ©tuth an bie feinen preffenb, 50g Re ihn in ihre Slrme, 
an ihre ftürmifdj tnogenbe Vruft. — 

©3 mar bunfel geroorben. Stur ab unb ju roarf ein matter, fahler 
33liß einen unheimlichen Schein in bie tiefen Sdjatten beS ©etnadjeS. 
Seatrice mar allein. Sie lag auSgeftredt auf ihrem 9tußebett unb ftarrte 
in’S Beere. SBie lange fie fefton fo gelegen. Re mußte es nid)t. ©3 mußte 
eine ©roigfeit fein, nach ber $ülle ber ©ebanfen bemeffen, bie il)r baS 
§irn burchmirbelt, ba3 £erj umframpft unb ben Süßem beengt hatten. 
3ßr ganzes Sehen mar an ihr torübergejogen. SBie roar’3 ihr fo lange 
3«ßre ßinbureß ein toller, luftiger ©ametal geroefen, ben titan in bac<hanti= 
fdjem Taumel bureßraft, ohne an ben fontmetiben Slfcßermittroocß ju benfen 
— an ben untermeiblichen Slfchermittroocß. ©rft tor Jlurjem mar ihr baS 
erfte 2Ral ber ©ebanfe baran gefommen, unb ba mar ißr Vieles fo leer 
anb tobt, unb ViancßeS fo unenblid) traurig erfeßienen, baS fie früßer mit 
auSgelaffener Suft erfüllt hatte, unb SlnbereS mieber fo Sehufudit ermeefenb, 
fo ßeiß begehrenSroerth, baS ad)! für immer terloren mar. Unb jeßt — 
nnb jeßt — Re mar plößlicß tor eine ©ntfeheibung geftellt, bie ißr ^irn 
unb fjerj burcßmüßlle, unb bie fie boeß nicht ju treffen termod)te. SBaS 
follte fie erfaffen? SBaS follte Re opfern? ®ie 3ufunft lag tor ißr, 
bunfel, unfaßbar, ein unentmirrbareS Vätßfel. 2'Barum mußte Re fid) aud) 
uüt feiner fiöfung ben Äopf jermartern? SBär’3 nidit beffer geroefen, 
bamals auf ben ©runb ber Sagunen gebettet ju merben, als in feinen 
Ernten ju erwachen ju neuer, unfagbarer Suft, aber and) ju biefer neuen, 
Quälenben SBirrniß? Slcß! menn fie nur einmal redjt lange auSrußen 



126 


IlT. Beere! in £jirfd}berg. 


fönnte oon btcfcr Ejeifeen, ftürmifdben beS SebenS, non allem Seib 
unb felbft audb — oon aller Sufi in füjjem, feligem SBergeffen! Stirroana! 
mirroana! — 

©ianetta mar mieberbott leife eingetreten, batte gefragt, ob fte Sidbt 
machen foUe, unb ^atte leine Slntroort erbalten. 3efct fragte fte nidbt mebt, 
entjünbete eine auf bent ßamin ftefjenbe Sampe unb erfdbral, als fte bas 
bleidbe, »erftörte Slntlifc ber Herrin erblicfte. ©en in berebtem SBortfdbroad 
fidb ergiejjenben 2luSbrucf ihrer SSerrounberung, ihrer 2beilnahme, ihrer 
Neugier unterbradb bie gürftin mit ber furjen grage: 

„3ft 3acopo ju £auS?" unb auf bie bejabenbe 2lntroort befahl fie: 
„®r fott bie ©onbel an ber 33orbertreppe bereit halten; wenn er fertig ift, 
fott er fidb hei wir melben." 

„3u einem 33efu<b, gnäbigfte gürftin? 2Sel<be Toilette roünfcben ©ie 
anjulegen?" 

„3u einer 3abrt nach bem Sibo — idb bebarf nichts als ben 
SKantel." 

„Slber meine allergnäbigfte fßrtncipeffa," rief ©ianetta bie §änbe 
jufammenfdbfagenb. „Sie motten bodb nicht je|t, im ©unfel ber Stacht, 
roo feben 2lugenblicE ein Unroetter beteinäubredben broljt, nadb bem SJteere 
hinaus?" 

„3cb fürdbte mich nidbt, idb halte es in biefer bebrfidtenben ©dbmüle 
beS ^aufeS nicht auS — idb mufj Suft haben!" 

„©ie finb Iran!, gnäbigfte gürfiin — barf idb nach bem 2lrjt fdbicfen?" 

„Stein! nein, ©ianetta! quäle midb nidbt! SJtir mirb leidbter roerben, 
menn idb bie SBogen raufdben höre." 

„2lber bodb nidbt allein, ober — " fefete fte leife unb jögernb htngu, 
„begleitet ©ie ber ßerr SMer?" 

„??ein!" antroortete SSeatrice furj unb fcharf. 

„D, fo nehmen ©ie midb mit, gnäbigfte gürftin! — menn 3bnen 
etroaS juftiebe — " 

Seatrice jucfte unmerllidb jufammen. „2BaS fott mir juftofjen, 
thöridbteS Jfinb? ©u roärbeft ©idb bodb nur fürchten, unb idb — mödbte 
gern nodb ein ©tünbdben allein fein. Sege ®i<b ruhig ju SBett, unb oer* 
fdblafe ©eine ängftlidben ©ritten! Sludb idb f»offe gut unb lange ju fdblafen 
nadb foldber erfrifdbenben 3af)tt." ©ie reichte ihr freunblidjj bie $anb 
5Utn ßufj, unb jögernb ging ©ianetta, um ben befehlen ihrer Herrin ju 
gehorchen. 

33catrice preßte bie ßanb an’S ßerj, als ob fte bas heftig flopfenbe 
bamit jur Stube jroingen fönnte. ©amt fprang fie empor unb ging mit 
langfamen ©ctjritten unb laut mit fich felber fpredbenb im 3' mnter umher, 
©nblidb trat fie an einen fleinen Grebenjtifdb, auf bem eine feingefdbliffene 
Garaffe mit feurigem Gtjperroein unb einige attoenettanifcbe ©läfer ftanben. 
©ie füllte eines baoon, unb tranl es in furjen, haftigen 3ügen leer, ©amt 



Das verlorene Parabies. 


\27 


füllte fte noch ein sweiteS, entnahm einem fünftlidb aus ©benbolj unb 
©Ifenbein gefdjnifeten ©darein eine Heine ^pEjiofe non bunHem StubinglaS 
unb fdbüttetc aus iE»r wenige tropfen in ben 2Bein beS 3 weiten ©tafeS. 
darauf barg fte baS gläfdjdjen tnieber in bem ©ebrein, ben fie forgfam 
»erfdblofe. Unb baS MeS t^at fie anfdbeinenb mit ber rufjigften Uebcrlegung, 
unb nur baS leife 3i (tern ber Hanb, baS fie mit fräftigetn 2BiHen 511 be* 
meiftem fudbte, liefe bie Aufregung ertennen, in ber fie fidb befanb. 

3 «copo trat ein unb melbete, bafe bie ©onbel bereit fei. 

,,©S tfjut mir leib, ^acopo," inenbete fiel) bie fyürftin an ihn, „bafe 
idf) fo fpät nodb ©eine ©ienfte in Slnfpnidb nehme; abev mich »erlangt aus 
ben feeifeen, beengenben Stauern feinauS nadb einer erfrifdbenben fyabrt. ®a 
nimm bie 3edbine atS befonberen Sohn für ben befonberen ©ienft, unb 
ftärfe ©idb mit einem ©lafe feurigen SBeinS, bamit ®u nidbt miibe wirft!" 

„Stuf baS 2BoE)C meiner aflergnäbigften Herrin!" rief baS ßnie beugenb 
ber ©onboliere unb leerte baS ©las mit einem 3uge, wäf;renb bie gürftin 
iidb umwenbenb ber ©bür entgegenfebritt. 

SKn ben Starmorftufen ber ©reppe ftanb ©ianetta mit bem weidben, 
purpurfarbigen Stantel, ibn ber Herrin um bie ©<f>ulter }u legen, ©ie 
jitterte. 

„22aS jitterft ©u, gutes ßinb?" fpracb Seatrice, itjr freunblidb bie 
SBange ftreidbelnb. „©orge ©idb nidbt um midb! $db weife, ©u bift mir 
immer treu gewefen, baft’S immer niel ju gut mit mir gemeint. Unb auch 
idb f>ab’ ©i<b lieb — ba, nimm biefeS ^alsbanb! eS wirb fidb fdbön 
madben um ©einen braunen Staden, ©ei feine ©börin! a riyederci!" 
©ie mufete fidb umwenben, um bie ©bränen ju nerbergen, bie unter ben 
langen SBimpem beife b er °orguolIen. ©o beftieg fie bie ©onbel unb ftredftc 
ficb auf ibee feibenen ifßolfter. 

Sacopo legte fidb kräftig in’S 3 eu 9, unb rafdb flog bie ©onbel bureb 
ben canale grande in bie Sagunen unb auf ihnen bem Sibo entgegen, 
äudfe bto auf bem SBaffer war bie Suft britdenb unb fcfemiil. ©in warmer, 
erfcfelaffenber SBinb jagte bunfle, jufammengeballte Si'olfenmaffen über baS 
Himmelsgewölbe. 21 m Horijont suchen immer nodb SBIifce, unb »on fern 
feer Ijörte man ab unb su baS leife ©rollen beS ©onnerS. 

„Sdblag’ bie ©edle surücf, ftacopo! nodi regnet es nicht," gebot 
SSeatrice. 

©ine halbe ©tunbe mochte »ergangen fein, ba — war es bie beifee, 
ermattenbe ßuft, ober batte er anfangs feinen Äräften su fiel sugemuthet, 
— roarb 3acopo »on einer unüberwindlichen SDtübigfeit befallen, ©r »er* 
modbte faum nodb ju fteljen, bie Sinne fanfen ihm fcblaff herab, unb fo 
fehr er audb bagegen anfämpfte, baS Stüber brobte feinen Hauben su ent= 
gleiten, ©r bat bie ftürftin, fidb nieberfefeen unb im ©ifeeit weiterrubem 
su bütfen. freunblidb entgegnete fte ihm: 

fRorb unb Sub. XCVI. 286. 


9 



\28 


m. 23eerel tu fjirfcfjberg. 


,,©u bift tniibe, Sacopo — hänge ba« fRuber ein unb rulje ©ich au«! 
Safe bie ©onbel treiben — mir haben fein fefte« 3id unb finb an feiner 
gefährlichen ©teile — achte nur, bafs wir bem ©tranb nicht ju nahe 
fomnien!" 

,,©anf! taufenb ©anf, aHergnäbigfte Herrin!" 

Seife nor fi<h hin aber fpradj fie: „©er ©chtummerfaft thut feine 
ÜBirfung — fcßlaf’, treuer ©iener! mich jammert’« um ©ein ©rraachen." 

'Hießt lange mährte e«, unb Qocopo mar feft entfchtafen. 

©ie rief ihn an, aber er antmortete nicht mehr. ©a erhob fte fielt 
leife oon ben Kiffen, unb nieberfnieenb betete fie: „SBerjeih, heilige Mutter 
©otte«, ©u ©ehnterjenSreicfje, bet armen ©iinberin! ich fann nicht anber« 
— gieb meiner ©eele ^rieben!" Sangfam liefe fie ftch über ben SRanb 
ber ©onbel gleiten — ein SRucf, ein ©urgetn unb Häuften, unb fie oer= 
f<hmanb in ber trüben glutß. 

31t« Qacopo um ba« erfte Morgengrauen ermatte, ftch erfchrecft ben 
©chlaf au« ben Slugen rieb unb nach feiner Herrin umfeßaute, fanb er 
bie ©onbet leer. @t rief laut unb lauter, er rannte oerjroeifett in bem 
engen fRaume ber Sarfe umher unb fpäßte au«, roohin nur fein 2luge 
reichte — 3lHe« oergeben« — ein oon Slngft nnb SSerjroeiflung oerftörter 
Mann, teufte er ba« ©cßifflein langfant jur ©tabt jurücf. — 

* * 

* 

3n granfen fteßt oom Sergroalb umraufeßt auf einer £öße ein alte« 
©efeloß — fein großer, fioljer fßalaft, nein! ein fleiner, roinfliger, feßnurriger, 
Sau, ber feine ©iebel unb Sinnen au« ber blutigen gehbejeit in bie friebliche 
©egenmart hinübergerettet hat. fünfter ©pßeu umfpinnt mit bichtem ©e= 
jroeig bie Keinen $enfier unb bie einft für bie ©onnerbüeßfen beftimmten 
©eßießfeßarten. ©raben unb SBatt nnb längfi jum blühenben ©arten ge* 
roorben, in bem glieberbüfcße unb SaSminßeden mürjige ©üfte hauchen 
unb bochftämmige Hofen ihre Slütßenpracßt entfalten. ©ie meiften 3immer 
haben ihre frühere ©inrießtung unb 3lu«ftattung bem nüchternen, mobernen 
©efeßmaef opfern' müffen; nur einige menige noch jeigen alte« ©icßengetäfel 
unb rouchtige« ©edengebälf. 3n einem folchen ©rferjimmer hängt fo, baß 
bie finfenbe ©onne e« mit ihren gefättigten ©trabten beleuchtet, ein große«, 
ftarf nachgebunfelte« Celbilb oon eigenartiger Sluffaffung, oon eigenartiger 
^Durchführung. Man ließt in eine fübliche Sanbfcßaft hinein, lieber bießte«, 
farbenprächtige^ 33lüthengebüi<h erheben fieß h°<hragenbe ißalmen, auf beren 
meitfein gebreiteten Mebetn ftch buntfarbige 33ögel ßhaufeln. ©er fßflanjem 
rauch« ift fo reich unb oon folcher Ueppigfeit, alle« ©ethier fo fräftig unb 
bunt, roie nur bie urfräftigfte SRatur in ihrer jugenblichen grifeße e« ju 
erzeugen oermag. — 3lher bie Sanbfcßaft ift nicht offen; fie ift oon einem 
bießten ©itter umfcßloffen, ba« nirgenb« einen 3 u pang erfennen läßt. 
3lufierhalb be§ ©itter« auf fyel«geftein, beffen traurige Gebe einen feltfamen 



I 


Das oedcrene parabtes. \2ty 

öegenfafc ju ber üppigen SaubfCfjaft bilbet, jt|t ein nacftes SBBeib pon 
nmnberbater Schönheit. ©S ift nid)t jene naipe, unbewußte Schönheit aus 
ber Urjeit beS 3Wenf<hengefChleCht3, wie fie etwa ein 3Jlafaccio, ein 5Dürer 
i^ren ©oabUbern gegeben boten — eS ift bie burdjgeiftigte Schönheit 
fpäterer ©ulturepoChen. S5aS rothgolbene §aa r fällt in langen, Dichten 
Strähnen über bie weiChgerunbeten Schultern unb bie herrlich geformte 
Sruft bis in ben SChoofj hinab. ®er ganje Äörper athmet warme Sinn* 
lid)feit. 3lber aus bem eblen, matmorbleichen Sttntlifc unb namentlich aus 
ben tiefbunflen 2lugen, beren heiße Sölicfe, bie nerfchloffene SanbfChaft 
ftreifenb, auf einem SRanne ruhen, fpricht ein tiefer, unfagbarer Schmer, 
ber ben Sefchauer unwittfurlich erfaßt unb ju innigem ÜJiitleib hinreifet. 
$er, betn biefe Slide gelten, ift eine gleichfalls nadte, fräftige HJtänner* 
geftalt pon herrlichem SRuSfelbau. ©aS bunfelblonbe £aupt* unb Sarthaar 
unb bie ganje norbifdje 3lrt paffen aEerbingS nur wenig in bie füblidje 
Sanbfdhaft. ®er 3Jlann hot biefer ben Stüden unb fein auch pon herbem 
2Beh burchjurfteS 2lntli| bem frönen SPeibe jugewenbet, bem er entgegen* 
ftrebt, als ob er es ju umarmen gebächte. Ülber bie Kräfte oerfagen ihm, 
unb toähtenb er bie Rechte terlangenb nach ihr auSfirecft, greift er mit 
ber Sinfen nach einem fßfoflen beS ©itterS, um nicht nieberjujtnfen. ©in 
breiter, bunfler, fdjliChter ©idjenrahmen umfchliefet baS SBtlb; in gotifcher 
SChrift, tief unb funftooH eingefChniftt, lieft man auf ihm bie SBorte: „$>as 
nerlorene SßarabieS". fRedjtS in ber ©de beS SitbeS fteljt man baS ÜRono* 
gramm beS SRalerS: ein A. v. H. . . — $>ie Sage erjählt, ein ftoljeS 
3lbelSgef<hleCht höbe einfi in bem Schlöffe gehorjiet; ber lebte Sprofj biefes 
©efChleChteS fei als ein blühenber, lebenSfreubiger, funflb egeifterter Jüngling 
über bie Sllpen gen SBelfCfjtanb gejogen unb nach furjer 3eit — ein jweiter 
Sannhäufer — flügellahm unb gebrochen in bie Heimat jurfidgelehrt. 
©infam unb menfChenfCheu höbe er bis in fein hohes 3llter auf bem SChtoffe 
gelebt unb 3aljre lang an biefem Silbe gemalt, baS ihm jur einjigen 
SebenSaufgabe geworben fei. SDajj es ju feinen eigenen SebenSfChidfalen 
in engfter Sejiehnng geftanben, höbe man wohl geahnt; aber niemals höbe 
er gegen irgenb Qemanb auch nur ein Sßort barüber gefproChen, unb ein* 
fam, wie er gelebt, fei et gefiorbett — eines $ageS höbe man ihn tobt 
$u güfjen beS SitbeS gefunben. — 



9 * 



3tluftrirte Bibliographie. 


®«Ä bcö SibermS unb attbere fRömerbaute« auf (Sapri. 65NrrgefteHt 

Pon (E. SBeicbarbt. ßeipgig, St. 8?. $oebler. 

Aß eilten Otitt in'S romanttfdje ßanb fenngeidjnet (5. SBeicbarbt fein reigPolleS 
3©erf, an baS, tote er nacbbrücflicb betont, ber Archäologe nid^t ben Sftaftftab legen barf, 
tote an beS Autors Aeconftructionen aus bent alten ©ompeji in feinem in ben Greifen 
ber AftertbumSfreunbe toofyl betannten unb geföäfcten SBerfe „©ompeii oor ber 3^- 
ftörung" (Seipgig, 1897). er in lefcterem oöEig auf bem S'batfäcblicben, als 

Arcbaolog nach toiffenfcbaftlicber Sßetbobe arbeitend fo bat ex in feiner neuen Schöpfung 
ber biebterifd) angeregten ©banta|te, bie, toie er behauptet, auf (Kapri befonberS lebenbtg 
toirb, bie Sd&totngen freigeben ntüffett gunt gfluge in bie Regionen einer fdjönen HRöglicb* 
feit. 5>aS bon ihm reconftruirte Pompeji ift baS Pompeji, tote eS toar, baS (Kapri, 
beffen ©tlb er in feinem SSerfe öor ttnfere ©liefe säubert, ift baS (Eilanb, toie eS gu beS 
AuguftuS unb SiberiuS’ 3dten getoefett fein fönnte; toie eS. fjerbinattb ©regoroPiuS 
Pielleicbt, toenn er träuntenb auf ben Krümmern (Kapris faft, mit bem tmtern Singe 
febnenb erfebaute — : „Oie ©ipfel gefdjmücft mit üUtarmorpaläften, baS (Etlanb bebeeft mit 
Simpeln, Arcaben, Statuen, mit ßuftbainen unb Straften" — . S)ieS fdjöne ©tlb, baS 
SSeidjarbt uns nun and) mit leiblichen Augen fdjauen laftt, ift jeboeb feineStoegS febigitcb 
ein ©robuct gielloS febtoeifenber (EiubilbungSfraft; nicht in’S ©laue hinein bat er pbantaftrt, 
fonbem getoiffenbaft jeben ©aufteftt, ben ibm bie arcpäologtfcbe SSiffenfdjaft unb bie 
©efdjicbte unb bie bureb längeren Aufenthalt ertoorbene ftetmtnift beS DrteS gu feinem 
imaginären ©au lieferten, neben ben realen heften be§ toirflidfjcn benuftt; fo baft fein 
©bantaftegebilbe beS antifen (Kapri burcbauS ben (Einbrucf beS SBahren unb SBirfltcbeu 
macht unb man ibm jebettfafls einen hoben ©rab üon Sßabrfdjeinlicbfeit guerfemten 
muft. Selbft ben (Ebarafter unb bie (Eigenheiten beS SttattneS, ber nach ber lanbläufigen 
Annahme biefe ©itten unb Scblöffer erbaut, Iäftt SBeidjarbt bei feinen (Kombinationen 
unb Steconftructionen nicht aufter Acht. Unb er fommt babei, inbem er bie btftori* 
feben 3eugniffe beleuchtet unb bie SBefenSarteit ber beiben römifeben Sfaifer, bie 
auf bem dilanbe gehäuft, bergleichenb gegeniiberftettt, entgegen ber pon allen Schrift* 
ftetlern beS 18. unb 19. 3ahrbunbertS, bie über (Kapri gefebrteben, pertretetten An* 
nähme, gu ber Anftcbt, baft alle ober bod) ber gröftte Sbcil ber ©illen am ©teer unb 
auf halber 3nfelhöbc Pon AuguftuS erbaut, unb baft SiberiuS biefe mir übernommen, 



\32 


ttorb unb 5ub. 


benupt irnb allenfalls umgebaut unb oergröfeert bat — 0 ein ©auptaugenmerf bat ber 
Berfaffer auf baS eigentliche 6 d)lo& beS XiberiuS, bie auf bcr Borboftfcite bcr Snfcl ge* 
legene SB tlla 3obiS gerichtet, bereu SRutne bie beft erhaltene unb befannteftc ift; tu ihr 
gipfeln, nachbem er in ben oorbergegangenen ©apiteln fidb über bie natürliche Befdjaffen« 
beit ber 3n[eL über bte anbent antifen Bauten am 2Jteere8ufer, inSbefonbere bie auf bem 
füböftlicben Vorgebirge, ber Sßunta Xragara gelegene Augufteifche SBilla unb ben 
2ReereSpataft beS AuguftuS auf ber SRorbfeite ber 3nfel, fotoie über bie SRömerbauten auf 
halber 3nfelböbe auSgelaffen, feine Betrachtungen. SBenn hier bte £arftellung beS Aeufjeren 
ber Billa 3oöi3 nicht als Beconftruction bejet^net toerben fann, fo ift bieS bod) bei 
bem ©runbrifj ber groll. Alles £hatfäcf)Iicbe ift — toie ber Berfaffer in bem ein« 
Ieitenbcn (Sapitel beroorbebt — gu Sftatbe gezogen; bie ^enntniü ber ftaiferpaläfte in 9famt, 



Sie Sitta SooiS t?ort ©itboften. 

Hu8: <£. 2Beid)arbt: „3>a8 ©djlofc bee 23beriu8 unb anbete 9lömctbauten auf (Sapri*. ßeibsia, &. StoeftUr. 


Xtooli, bie mannigfachen £arftetlungen großer ©cblöffer, bie uns in SBanbelbilbem 
BompejiS erhalten finb, mußten bem Berfaffer helfen, ein Btlb beS Aeufjeren gu gctoiitnen. 
60 habe er aus bem ©tubtum romifdjer Baufunft heraus ein Bilb gefdjaffen, baS ftcb 
gu bem einftigen toifüicben Balafte öerbalte, toie ein biftorifcher Boman gur toirfltchen 
ßiftorie. 

$a3 SBerf, obtoobl nidht fpecieU für ben Archäologen beftimmt totrb biefem hoch 
manch fftähenStoertben ©etointt bringen; eS toenbet ftcb aber an eine arö&ere (Semeinbe 
unb erfüllt einen fchöneren umfaffenberen gtoeef ; bett: jenen Aaufcb fcbönbettStrunfener Be« 
geifterung, toie ihn ber Berfaffer unb üor ihm ©regorobiuS u. A. auf jenem tounberbaren 
©ilattb empfunben, in bem bie 9?atur unb ber feböpferifebe äJienfchengeift (ich bereinigt, 
um ein ©ebilbe barmonifeber Schönheit tn’S ßeben gu rufen, auf Anbere gu übertragen. 
iSort unb Btlb unb bie lünftlerifcbe AuSftattung beS ButheS bienen biefem 3toedfe in 
erfolgreichfter fBeife. üfteben ben ©ompofttionen beS BerfafferS ift baS SBerf mit nach 



33ibliographtf<h e Hotten. J33 

PhotographM«* Aufnahmen hergefteUten Silbern unb mit frönen, Pon 0#lern 28eicharbt$ 
unter feiner Anleitung gezeichneten Sitelföpfen unb 3«rleiften in ber 3^it beS XiberiuS ent* 
fpredjenbcr Omamcntif gefdjmücft. 

2Wen SttterthumSfreimben, Sillen, bie unter ttalifcher Sonne unoerge&liche Sage 
oerlcbt, allen fünftlerifch empfänglichen Seelen fei baS fdjone Söer! beftenS empfohlen. 





t jo ^ 




(SrunbrtB ber Sitta 3obi8. (OberflcfdjoB.) 

Äu8: (5. SBcicbarbt: „$>a& ©cfUoö bc& $tberiu8 unb anbere SRönterbauten auf (Sapri". 
Seipjig, Ä. Roctjler. 


Bibliographie Kotiert. 


Xrmce unb Wariue. SKuftrirte 
SBochenfchrifi ßbef=9tebacteur ©raf 
StePentloto, $apitän*ßeutnant a. 3). — 
öerlin, Soll u. Sicfarbt — ©inzet* 
Wt 30 SPfv P xo Quartal 3,25 2Jtf. 
f S3on biefer am 1. Cctober b. 3. er* 
fchienenen 3^tfcf)rift liegen §eft 1 unb 2 
*or. Sie 3eitf(hrift Perfolgt ben flfcecf, in 
rein fachlicher, tenbenzfreier SBeife bie flennt* 


niffe über bie beutfehe unb auSlänbifdje 
SBehrfraft zu ßanbe unb zu SSaffer nicht 
nur in fachmännifchen, fonbern auch in 
ßaienfreifen zw Perbreiten unb fornit ba& 
3ntereffe für bie allgemeine SBehrfraft rege 
zu erhalten. Sie 3eitfchrift ift mit Por* 
Züglich auSgeftatteten 3ttufirationen Perfehen, 
bie zur ©rgäitzung beS SejteS bienen. Sa» 
©eft 1 enthält als Seit: 3>a8 ßintenfehiff 



Horb unb Süb. 


bcr ©egentoart, baS Kaifermanöüer, bie 
3*lottenmanöper, 2luSrcife beS ©eebataitlonS 
n ad) Oftafieit, btc £anbung bcutfc^er Gruppen 
in Xfintau, ferner (Gibraltar unb Sßortlaitb 
unb fc^Iiefelid) VSocfeeufcfeau unb ben Anfang 
eines PiomaitS: „£ie neunte ©ompagitie" 
Poit gerbinanb föuttfel. Von ben 3Euftras 
tioneit beS 1. föefteS feien fjcrt»orget?obcn : 
baS fefjr gelungene Kaiferportrait, baS 
frangöfifebe £inieitfd)iff „©auloiS", baS 
englifefee ßinienfefeiff „Vrince ©eorge*, fenter 
Slbbilbungcn aus beut 9ftanöPer. 3^te nach 
jeber 9üd)tung bin recht gut auSgefiatteie 
3eitfd)rift fei hiermit beftenS empfohlen. K. 
$cr ScÄtirjenßatiev. Vornan aus bent 
Hochgebirge Pott 2lboIf Ott. Vcrlin, 
Ütticfearb Xaenbler. 

(Sine ©rgäfelung aus bent Vaueritleben, 
tu toelcfeer toir altbefaunte £ppen toieber» 
finben, nur mit recht romanhaftem VeU 
gefdjmacf. $ie §anblung fpielt im Hod)« 
gebirge, boefe fönnte fie an jebem aitberen 
Drte ftcb abtoicfeln, too bie Slntoefen an 
einem ©ee liegen; — fo toenig toie bie 
^ocalität ebarafteriftifebe 3üge auftoeift, fo 
oerfefetoomnten ftnb bie feanbelnbeit Verfonen, 
unb bie ©reigniffe entbehren ber übergeugen« 
ben VtotiPirung. $as Vucfe feinterläßt 
toenig ©inbruef. mz. 

3$ und $u. ©figgen unb ©tubien oon 
SofepbXbeobor. VreSlan,©cfelefifcfee 
VerlagSanftalt P. ©. ©efeott« 
Iaettber. 

„VktS ich litt unb toaS ich lebte", — 
biefeS 2Jtotto hätte ber 5lutor mit gtfj feerem 
Sftecfete als manch Sluberer Por fein Such 
fefeen fönnen. ©cpteS toarmeS ©ergblut ift 
eS, baS er fpenbet; alle Ifteroeitfcfeauer, bie 
er fcfeilbcrt, ftnb auch bnreh feine ©eele 
geriefelt , alle VergtoeiflungSfcfereie unb 
SBonnerufe, bie in bem Vucfee ertönen, auch 
toirflidj über feine Rippen gefloffen. 2)ie 
©efetfeeit ber ©mpfinbung ift eS auch, bie 
bett einzelnen inhaltlich fo Perfcbtebeiten 
©tücfen einen feften ©ronbton giebt unb 
uns bie übertoölbenbe ©inbeit beS ©angen, 
bie Verföitlichfeit, erfeititen läßt. 

$aß biefe Sßerfönlichfeit noch jung ift, 
toirb jeber Sefer nterfeit; ebenfo toirb ihm 
ein leifer ©tid) in’S Kranffeafte nicht ent« 
geben. 2öir toerben eingefiibrt in bie 
äHpfterien einer 3ünglingSfeele, in ber eine 
unenblicfee ©efenfucht nad) bem ©chönften, 
Höchltcit unb ©belftett lebt, einer ©eele, bie 
nodj hofft unb am Hor^ont immer noch 
einen golbnett ©chimmer erblidt toie Pom 
©onnentbore ber Erfüllung. 

3ebeS biefer ©tücfe geigt ben Slutor in 
einem Verfeältitiß gum 3beal unb ift nur 


eine Variation über baS große ©efenfucfetSs 
gnmbthema feines HergenS. Hier hält er 
bas ©rfefjnte in ben lärmen unb fcfetodgt 
in ftürmifeber SBorate, hier oertotrft er baS 
©efunbene, toeil ein leifer 2Jtißttanfl bann 
feine fenfttioe ©eele Perlefete, feiet ruft er 
hn füllen Kämmerlein mit ber Kraft ber 
Vfeantafie baS 2Beib feerbei, läßt ifer fein 
Vlut in ftürmifefeem EitfeprambuS ent= 
gegenbraufen , gitternb in toonniger 
Slutofuggeftion. 

„$ocfe toenn $u fpriefeft: td> liebe $icfe 
— fo muß iefe toeinen bitterlich!" Sie 
SDtebaille feat auch ifere Keferfeite, unb neben 
bem §ergcit beS mobernen SJtatfcfeeu ftefet toie 
ein frembeS Sing ber 3itteUect, ber große 
3erftörer, — furg, ber Hamlet’fche ©infcfelag 
fehlt auch in biefetn ©etoebe nicht. Unb 
noch ein britteS, bem Porigen leife Per* 
toanbteS ©lement brängt fiefe gu 3üten 
feeroor. Vtoncfemal ftreidjt burefe baS 
toarme Vlut ein falter gieberfefeauer, ein 
franfer Hauch, eine ©terbebettftimmung, 
ein mübes fitßeS ^inüberperlangen unö 
gemahnt an manche 23äume im ERai, an 
beuen neben prallfaftigen Knofpen feerbftlicbe 
Blätter trübfelig feängen. — 

2)o efe ift auch biefer 3^0 eefet, toie 
überhaupt ber anfprucfeSlofe Sortrag beS 
©angen unb ber Mangel an Ißofe noch 
befonberS lobenb feerporgefeoben fein mag. 
3ur Xecfenif beS dkmsett fei berichtet, baß 
ber ©til fiefe folgfam ben Offerten an* 
fefemiegt unb oft oon 3Jtelobie burefebebt 
fchetitt, baß er ein gefügiges 2Ser!jeug ber 
plaftifcfe geftaltenben fßfeantafie bilbet unb 
ber Xrieb nach Slnfdjanlicfefeit jebe 3^üe 
burefetränft. SDaS ©trebett nach objectioer 
Künftlerfcfeaft offenbart fiefe biStoeilen fo 
ftarf, baß alSbann mefer ba» N iluge 
interefflrt als bas $erg ergriffen toirb. 
2luS bem ©inacter w 3®tf^en ben SSnnfcfeen" 
ift bie Veranlagung für ©fearafteriftrung, 
2)ialog unb ©^eugung bramatifefeer 
©timmuitg immerhin im Keime erftcfetlich. 

Kurg toir erhalten ©inblicf in einen 
Frühling, ber bie VorauSficfet unb Hoffnung 
auf einen reichen ©ommer begreiffidj unb 
berechtigt erfefeeinen läßt. A. Str. 
SBoltentuctuctShetuier $ec*i»enme. 
Von ©buarb Slip. Vcrlin, 8?. 3on« 
tane & ©o. 

©in originelles Vudj, toelcfeeS in pfean* 
taflifcfeer 5orm piel $oefie unb fiebenS* 
maferheit enthält unb gefeUfdjaftlicfeen 8luSs 
toüdifen unb Vaualitäten manchen toofeb 
gegielten ©eißelfeicb ertfeeilt. 2)er Verfaffer 
ift fein Fyreunb ber mobernen Oticfetung in 
ber fiittcratur unb fann eS ftefe nicht Per* 



Bibliograplitfdje Hotten. 


J35 


fagen, einige recht abfprechenbe Semerfungen 
gegen Sbfen unb ©erfjarb ©auptmannS 
„Serfunfene ©lode - angub ringen; baburdj 
!ommt ein gehäffiger Xoit in baS Sud), ber 
ihm biejenigen feiner fiefer entfremben toirb, 
bie mit if)m nicht einer Meinung ftnb; toer 
bariibex hintoegfleht unb fich mit ber eigen* 
artigen Schreibmeife befreunbet, toirb bie 
23olfenfucfucfSbeimer Gegebenheiten fefjr 
lefenStoerth finben. mz. 

Xte Sprühe Peg guten üeiperi* Bon 
Bruno ©etbo. £eipgig, ©. 8r. Sima* 
lang. 

Bruno ©elbo hat eine Sammlung fleiner 
©ebidjtc meift lehrhaften ©harafterS oer* 
öffentlich bie mit bem Xitel: „Sprüche beS 
guten 37ieifterS - ihr gebiegen bebächtigeS 
2 Öefen gut gu etfeunen giebt; fehlt eg auch 
nicht an gelegentlich Iprifd) angehauchten 
Xingen, fo trägt bag ©ange benn hoch 
burdjauS baS ©epräge behaglicher Spruch« 
toeiSheit, toie fie in lemigen ftraftiooiten 
befonberg ber BolfSntunb gu überliefern 
pflegt, ginbet ftdö hier einmal eine ge* 
reimte fapphifche Obe in foldjer Umgebung, 
fo thut bieg eben gleid)toohl bem einheitlichen 
©eifte in gönn unb 3nhalt beg flehten 
Büchleins feinen Abbruch. Xie fchlichte 
Klarheit beg AuSbrucfg unb bie iouchtige 
Bieberfeit ber ©efinmtng Oerleihen bem ®e* 
nuffe biefer $oft ettoa ben reinli<h=frifchen 
©efchmacf einer in C-dur gehaltenen Xon* 
bichtung. Xer „gute ÜTtcifter" hat offenbar 
eine ftarfe Vorliebe für bag einfach gab* 
liehe, Oolfgthümlich Xibaftifche. ©in bc= 
friebigteg ßebenggefühl burchftrömt bie 
Arbeit, eg toohnt ihr, tote mir fcheint, eine 
berbe 27ieifterfeele inne, aber eine gute. 

H. 


Xen SSerfen, auf bie toir im nötigen 
$efte atg geftgefchenfe aufmerffam ge* 
macht, feien hier noch einige mit furgen 
SBorteit angereiht 3n erfter Aeihe fei 
auf bag oon Dr. 3. oon $ßflugf* 
§arttung herauggegebene SScrf „Aapo* 
l con L Aeüolutio n unb $aif erreich" 
(Berlag oon 3. 27t Spaeth, Berlin) 
hingetoiefen, bag eine eingehenbere Betrachtung 
üerbiente, alg toir fte ihm Jefct gu toibmen 
üermijgen. Xiefeg in Anbetracht feineg Um* 
fangeg (556 Seiten) unb feiner reichen illu* 
ftratiocn Augftattung (nahegu 500 Silber) 
überaus billige Buch (Sr. geb. 8,50 3JH.), 
bag ung bie ©efchichte beg „geroaltigftect 
Sohneg ber Aeoolution" in SSort unb Bilb 
ergählt, ift bie grudjt einer gemeinfamen 
Arbeit mehrerer competenter Autoren, beren 
Beiträge gu einem einheitlichen gufammen* 


hängenben ©angen gu geftalten ber über* 
arbeiteten mtb orbnettbcn §anb beg föeraug* 
geberg oblag. Bon bem Echteren fclbft 
rührt bie Xarftettung ber ^iubheit unb 
^ttabengeit Aapoleong het; ben „©etteral* 
unb „©onful* hat Oberft A. fteim behanbelt; 
ben Seefricg gegen ©ttglaitb Kapitän gur 
See A. Stengel; bie innere Bolitif Brof. 
©raf Xu 37ioulin*®cfart. Xie Kriege Oon 
1805—1807 hat Oberft O. oon £ettoto= 
Borbecf, ben gelbgug gegen Oefterreidj 1809 
©eneralleutnant ftarl ü. Barbclcbeu bar* 
geftellt — 

© b to i it Bortnann hat bie SAufee, 
bie ihm feine Bacon=©ampagne lä&t, gur 
©rgeugüng einer neuen Aeüje harmlog 
humoriftifdher Xidjtungen benufct, bie er 
feinen Bereitern in einem fchön auggeftatteten 
Banbe unter bem Xitel „X a g 1 u ft i g e 
B u d)" (©bmin Bormanng Selbftoerlag), 
bag am luftigften bort ift, too ber Berfaffer 
ung echt fächfifch fommt auf ben 2Beih* 
nachtgtifch legt. 

Bon bem befannten SSerfe „B er ii hmte 
© e m ä l b e b e r 2B e 1 1* ift eine oolfg* 
thümtiche Auggabe (Berlag oon Otto 
37t a i e r in 1* e i p g i g) erfd)ienen, bie 
mehr alg 100 ©emälbc beutfcher unb aug* 
lättbifcher 37teifter in phototppifcher SSieber* 
gäbe enthält. 3ebem Silbe ftnb einige er* 
läuterte 3eiten, bie gum Xheil oon &oui& 
SMace, bem befannten Berfaffer beg „Ben 
jQur* hctrühren, beigegeben. Xer Breis 
biefer billigen Ausgabe beträgt 8 37W. 

37tuftfer unb 3ttufiffreunbe feien auf ben 
in origineller ©eftalt — nämlich in Sorm 
einer Bioline — erfchienenen Harmonie* 
a l e n b e r 1901 (Breig 1 37U.) auf* 
merffam gemacht. Xiefer muftfalifche 
Almanach bringt Beiträge oon b'Albert, 
©rieg, ftumperbincf, 3abagfohit, Traufe, 
Aeinecfe, Xinel, Beingartner, 3büner u. A., 
ferner bisher unoerijffentlichte Briefe oon 
&anS Büloto, 3«tereffantcg aug bem Aad>= 
laffe AubinfteinS unb Xfchaifotogfpg unb ift 
mit mehr alg pnnbert Biloern auggeftattet 

©üblich fei noch auf ein Buch für bie 
3ugenb bingeiuiefen, bag toir bereits im 
borigeu 3ahr bei feinem erften ©rfcheinen 
toarm empfohlen haben unb bag nun in 
gtoeiter Auflage oorliegt: „A u f b e r 2B i l b= . 
bahn, gerienabenteuer inbeut* 
fchen 3agbgrünbetu" (Berlag oon 
Xrotoihfch&SohninBerlin.) Xiefeg 
frifche Sud), bag SSolbemar fjriebricö mit 
SUuftratioiten gcfdimücft hat, ift eine £ec* 
türe, bie jebeg Shmbenljerg höher fchlagen 
macht, an ber aber auch Anbere ihre 
greube haben Kimen. 



*36 


ITorb nnb Stäb. 


Uebersicht der wichtigsten Zeitschriften- Anfsätie 

von Ernst Weiland-Lübeck. 


Abkürzungen: B. u. W. = Bühne und Welt. — D. Be. = Deutsche Revue. — D.Bu. = Deutsche 
Rundschau. — D. W. = Deutsches Wochenblatt. — G. = Gesellschaft. — I. I* — Internationale 
Litteraturberichte. — Kr. = Kritik. — I* £. = Das literarische Echo. — N. = Nation. — N. D. 
Bu. = Nene Deutsche Rundschau. — N. u. S. = Nord und Süd. — T. = Türmer. — V. A XL 
M. = Velhagen & Klasings Monatshefte. — W. Bu. = Wiener Rundschau. — Z. = Zukunft. — 
Z. f. B. = Zeitschrift für Bücherfreunde. 


Altenbarer, Peter. (Ein moderner Frauenlob.) 
Von M. Strack. N. u. S. 1901. Jan. 

Buchausstattung, Moderne, and moderne 
Schrift. Von w. Fred. N. 1900. 7. 
Carneri. Von M. Stona. G. XVI. Nov. I. 

— Bartholomäus, Der Ethiker des Darwi- 
nismus. Von R. Steiner. G. XVI. Nov. I. 
Cellini, Benvenuto. Von L. von Kunowski. 
T. DI. 2. 

Conclave, Das zukünftige. Von S. Münz. 
N. u. S. 1901. Jan. 

Cnlturphilosophie, lieber den Versnob 
einer. Von E. liolzner. D. Ru. 1901. 2. 
Dialekt im deutschen Drama, Der. Von 
H. von Gumpponberg. B. u. W. III. 4. 
Dogmatismus, Wohin treiben wir mit 
demP Von H. Bassermaun. D. Ru. 1901. 
Nov. 

Englands Unbeliebtheit. Von L. Newton. 
D. Re. 1900. Nov. 

England und die südafrikanischen Frei- 
staaten. Von K. Blind. N. u. S. 1901. 
Januar. 

Filippo Lippi, Gedanken vor einem Bilde 

des — . Von Ellen Key. W. Ru. IV. 21. 

Französisches Schriftthum in deutscher 
Sprache. Von H. Weber-Lutkow. I. L. 
VII. 23. 

Frauenarbeit. Von M. May. Kr. 194. 
Gerechtigkeit, Aeussere und innere. Von 
M. Maeterlinck. N. D. Ru. XI. 11. 
Helberg, Hermann. Von E. Isolani. L L. 
VII. 53. 

Heilkunde, Primitive. Von C. Lombroso. 
Z. IX. 4. 

Heyse, Paul, Jugenderinnerungen. Von E. 

Heilborn. Zeit. 319. 

Humanität am Krankenbett Von H. Eich- 
horst. D. Re. 1900. Nov. 
Individualismus, Die Wahrheit des. Von 
L. Kuhionbeek. W. Ru. IV. 21. 

Karl XV., König von Schweden und Nor- 
wegen. Von dir. Sehe f er. D. Re. 1900. 
Nov. 

Kinkel, Gottfried, und seine rheinische 
Heimat Von J. Joesten. N. u. S. 1901. 
Januar. 

Kugler, Franz. Bettina, Berthold Auerbach, 
Friedrich RUckcrt, Frau Carl Gutzkow, 
Heinrich von Stein. Hiiefe und Aufzeich- 
nungen aus den Jahren 1842—1884. N. D. 
Ru. XI. 11. 

Kunstakademien. Von H. Darnaut. Zeit 
319. 

Künstler als Erzieher, Der. Eine Bespre- 
chung von H. von Wolzogen. T. III. 2. 


Lilienoron, Detlev von. Von G. Kühl. L. EL 
HI. 3. 

Madrider Von R. Mut her. 

Zelt 318. 

Mirbe&us erster und letzter Boman. Von 

F. Voct. Zeit 320. 

Müller, Max, +. Von J. Maehly. I. L. VII. 23. 

— Von L. von Schröder. Zeit 318. 

Nietzsche, Friedrich. Das polnische und das 

musikalische Element in F. N. Von B. 
Schurl itt. Kr. 194. 

Novalis in neuer Spiegelung. Von F. 

Poppenberg. N. 1900. 6. 

Pflege der künstlerischen Bildung, Die. 

Von W. von Seydlitz. D. Re. 1900. Nov. 

Photographie an der Jahrhundertwende, 
Die. Von A. Reichwein. Kr. 194. 

Piohler, Adolf. Von A. Bettel heim. N. 1900. 8. 
Badeke, Bobert Von K. Krebs. D. Ru. 
1901. 2. 

Recht an Briefen, Das. Von E. Wiehert. 
L. E. III. 3. 

Bodenbergs Erinnerungen. Von Blenner- 
irasset. L. E. III. 3. 

Romane, Französische. Von H. Albert. 
L. E. III. 3. 

Bosenmontag und Johannisfeuer. Von 

A. Kerr. N. D. Ru. XI. 11. 

Buskins sentimentale Wissenschaft. Von 

S. Saenger. Z. IX. 4. 

Schillerverein, Vom. Von R. Krauss. L. E. 
III. 4. 

Seidel, Heinrich. Von K. Berger. L. E. HI. 4. 
Streichen, Vom. Von M. Grube. B. u. W. 
111. 4. 

Sudermannns „Johannisfeuer“. Von R. 

Pappritz. I. L. 1900. 24. 

Theater. Von den Bei liner Theatern. 1900/1901. 
IV. von H. StUmcke. B. u. W. HI. 4. 

— Das Theater in Frankfurt a. M. I. Das 
Schauspiel. Von V. Valentin. B. u. W. III. 4. 

Theater-Gongress, Der erste Inter- 
nationale. Von B. Petzold. B. u. W. IU. 4. 
Theater, Das persische. Von A. Leist. L. E. 
HI. 4. 

Treitschkes Politik. Von F. Curtins. D. Ru. 
1901. 2. 

TJnterrichtswesen, Das höhere, in Amerika. 

Von E. Einerton. D. Ru. 1901. 2. 

Vatio&n und Quirinal, Der Kampf 
zwischen. Von G. M. Fiamlngo. D. Re. 
1900. Nov. 

Vilmar, A. F. C. Von M. Koch. T. HT. 2. 
Wagner und das „Bepertoire“. Von Anette 
Kolb. W. Ru. IV. 21. 



Bibliographie. 


137 


Eingegmngene Bücher. Besprechung nach Auswahl der Redaction Vorbehalten. 


Apelt, W illibald Die Steuerlosen. Schau- 
spiel in vier Aufzügen, Leipzig, Breitkopf 
& Härtel. 

Ba*ta B., La causa del diluvio. Plstoia, G. 
Flori. 

Banditz. Sophna, Das Erdbeben in Wmdeby 
und anderes. Sechs Novellen.^ Deutsch von 
Prehn. Leipzig. Gebrüder Reinecke. 

Beyer, C., Auf dem Niederwalde. Cultur- 
eeschichtlieher Roman aus grosser Zeit. 
Leipzig, Gustav Fock, 0. in. b. H. 

Bormann. Edwin, Das lustige Buch. Leipzig, 
Edwin Bormanns Selbstverlag. 

Brandt, M. von. Zeitfragen. Die Krisis in 
Südafrika. China; Commercielles und 
Politisches. Colonial* Fragen. Berlin, Ge- 
brüder PaeteL 

Briefe Napoleons I. an seine Gemahlin 
Josephine und Briefe Josephines an 
Napoleon und ihre Tochter, die Königin 
Hortense. Uebertragen mit erläuternden 
Anmerkungen von Oskar Marschall von 
Bieberstein. Mit 10 Illustrationen. Leipzig, 
Schmidt & Günther. 

Coloniale Zeitschrift. 1. Jahrgang. Nr. 25. 
Leipzig, Bibliographisches Institut. 

hfch«, Felix, Stilicho. Historischer Roman aus 
der Völkerwanderung. (Kleine Romane aus 
der Völkerwanderung. Bd. XII.) Leipzig, 
Breitkopf & Härtel. 

Dukmeyer, Friedrich, Einer für Alle. 
Eine Tragödie in fünf Acten. München, 
Staegmeyi’sche Verlagshandlung. 

Eisborn« M., Fräulein Tonerls Leibarzt. Roman. 
Dresden, E. Piersons Verlag. 

Brmatinger, Emil, Jenseits des Tages. Ge- 
dichte. Zürich, Schultliess & Co. 

Ernst, Dr. Paul, Friedrich Nietzsche. 
(Moderne Essays zur Kunst und Litteratnr. 
Herausgeber Dr. Hans Laudsberg. Heft 10 
Berlin, Gose & Tetzlaff. 

Falke, Baronesse, „Sie.“ Roman. Dresden, 
Heinrich Minden. 

Feddersen, F. A., Erzählungen eines Dorf- 
predigers. Bilder und Skizzen vom Lande. 
Hanau, Clanss & Fedderseu. 

Finot, Jean, La Philosophie de la LongevitA 
Paris, Schleicher Freres. 

Fischer, C. W. Th., Erzählungen aus Rom. 
(Kennst Du das Land? Eine Büchersammlung 
für die Freunde Italiens. Herausgegeb. von 
J. R. Haarhaus. Bd. XVIII.) Leipzig, C. G. 
Naumann. 

Haberkalt, Carl, Der kommende Mensch. 
Neue Ausblicke auf die Zukunft des 
Menschen. Leipzig, Ernst Günthers Verlag. 

Haeckel, Ernst, Kunst-Formen der Natur. 
Lfg. 5. Leipzig, Bibliographisches Instiut. 

Haustein, Adalbert von. Das jüngste 
Deutschland. Zwei Jahrzehnte miterlebter 
Litteraturgeschisehte. Mit 113 Schriftsteller- 
Bildnissen. Buchschmuck von Emil Büchner. 
Leipzig, R. Voigtlaender. 

Hartmann, Eduard von, Zur Zeitgeschichte. 
Neue Tagesfragen. Leipzig, Hermann 
Haacke. 

Hartmann, Gustav, Die kreisende Energie 
als Grundgesetz der Natur. Eiserfeld 
a. d. Sieg. Im Selbstverläge des Verfassers. 

Herrmann, V. E., Treue Diener, Lieblinge 
und Freonde. Mit zahlreichen Abbildungen 
nach Zeichnungen von Fr. Specht u. a. und 
einem farbigen Titelbild. (Tliiergeschichten in 
"Wort und Bild. Von V. E. Herrmann. 
I. Band.) Stuttgart,- Muth’sche Verlags- 
handlung. 


Hommel, Dr. Fritz, Der Gestirndienst der 
alten Araber und die altisraelitische Ueber- 
lieferung. Vortrag gehalten Im Verein für 
jüdische Geschichte und Litteratnr zu Berlin 
am 5. Decemher 1899. München, Hermann 
Lukasehik. (G. Franz’sehe Hofbb.) 

— Die Insel der Seligen in Mythus und Sage 
der Vorzeit. Vortrag gehallen in der 

Geogr. Gesellschaft zu Fiankfurt a. M. am 
7. Deeember 1898. Mit drei Abbildungen. 
München, Hermann Lukasehik. (G. FianzVhc 
Hofbh.) 

Hörhagrer, J., Das Werden der Welt als Ent- 
wicklung von Kraft und Stoff. Ein Beitrag 
zur einheitlichen Weltanschauung. Leipzig, 
Ernst Günthers Verlag. 

Hügrli, Emil, Gedichte. Zürich, Caesar 

Schmidt. 

Hülter, Carl, Vom Stamme der Eiehe. West- 
falenbuch. Essen, G. D. Baedeker. 

Janitachek , Maria, Stückwerk. Roman. 

Leipzig, C. Graeklauer. 

Johann aen • Albert, Deutscher Humor. 

1. Abtheilung. Schleswig- Holsteinischer 
Humor. 1. Band. 1. Tausend. Garding, 
Commisslonsverlag von H. Lühr & Dircks. 

Itzerott, Marie, Argr&ri. Aus einem Tage- 
buche. Minden i. W., J. C. C. Bruns Verlag, 

Kobell, Louise von, Farben und Feste. 
Cultn rhetorische Studie. Mit 15 Illustra- 
tionen. München, Vereinigte Kunstanstalten 
A. G. vorm. Jos. Albert Kunstverlag. 

Küffelg'en, Marie Helene von. Ein Lebens- 
bild in Briefen. Erste und zweite Auflage. 
Leipzig, Rkliard Wöpke. 

Künstler-Monographien in Verbindung: 
mit Andern herausgegreben von 

H. Xnackfuss. XLVI. Thoma. Mit 
ICO Abbildungen nach Gemälden, Zeichnungen 
und Kadirungen. Bielefeld, Velhagen & 
Klaslng. 

Hüttner. Dr. H., Unter dem deutschen rotlien 
Kreuz im südafrikanischen Kriege. Mit einer 
Heliogravüre und 110 Abbildungen im Text. 
Einbandzeichnung von Fritz Schumacher. 
Leipzig, S. Hirzel. 

Kullberg, Emil, Was ist Wahrheit! Ein 
Zusammenbruch! Novellen. Dresden, 
E. Piersons Verlag. 

La Mara, Frans Liszts Briefe an die 
Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein. Zweiter 
Theil. Mit drei Abbildungen. (Franz Listzs 
Briefe. V. Band.» Leipzig, Breitkopf & 
Härtel. 

Levy, Abraham, Philosophie der Form. 
Berlin, E. Ebering. 

Uebmann, Otto, Gedanken und Thatsaclien. 
Philosophische Abhandlungen, Aphorismen 
und Studien. Zweiter Band, erstes Heft. 
Geist der Transscendentalphilosopbie. Strass- 
burg, Karl J. TrtUmer. 

Liszauer, Hugro, Reise-Momentbilder in 
Versen. Berlin, Emil Goldscbmidt. 

Luckau, Wilh. Heinr. Herbstblüthen. Lieder 
eines schlichten Mannes. Magdeburg, 
Crentz’sche Verlagsbuchhandlung. 

Marahall, William, Dr„ Zoologische 
Plaudereien. Mit Zeichnungen von Dr. 
Etzold. E. de Maes u. A. Dritte Sammlung 
der Plaudereien und Vorträge. Leipzig, 
A. Twietmcyer. 

Martin, G., Die naturgemässc Lebens- und 
Heilweise, eine logische und physiologische 
Begründung. (Hygienisches Quartal. I. Jalirg. 

I. Heft.) Leipzig, Otto Borggold. 



*38 


Horb unb Süb, 


Masurin, Constantln, Traum land. Zwei episch- 
lyrische Dichtungen. Frei aus dem Rnssi- 
sclien durch Richard Zoozniann. Mit Bildern 
und Vignetten von 'Wilhelm Roegge jr. 
Berlin, Otto Eisner. 

Melder, Otto, Die Wegmüden. Schauspiel in 
vier Acten. Dresden, E. Piersons Verlag. 

Messer, Max, Der Traum vom Weibe. Roman. 
Dresden, Carl Reissuer. 

Möbius, P. J., Ueber den physiologischen 
Schwachsinn des Weibes. Sammlung zwang- 
loser Abbandhingan aus dem Gebiete der 
Nerven- und Geisteskrankheiten. Heraus- 
gegeben von Dr. med. Kunrad Alt. III. Baud, 
Bett 3. 2. Aull. Halle a. S., Carl Marhold. 

Molin, Dr. Johann, Entwurf einer modernen 
Religionslehre ftlr Volksschulen. Wien, 
Selbstverlag des Verfassers. 

Montaigne, Ausgewählte Essais. Aus dem 
Französischen übersetzt von Emil Kühn. 
Bd. I.-IV. Strassburg, J. H. Ed. Heitz 
(Heitz & Mündel). 

Müller, Prof. Leonhard, Das politische 
Erziehungsproblem der badischen Gegenwart. 
25 Briefe, der badischen Jugend gewidmet. 
Berlin, Rosenbaum & Hart. 

Müller- Amerbach , Wilhelm, Aus der 
Schtdinenccke. Schwänke. Frankfurt a. M., 
Gebrüder Knauer. 

Muret-Sanders enc yk lop&d lache« Wörter- 
buch der engliechen und deutschen 
Sprache. Mit Angabe der Aussprache nach 
dem phonetischen System der Methode 
Toussaint-Langenscheiat. Grosse Ausgabe 
Ll'g. 19. Berlin, Langenscheid t’sche Verlags- 
buchhandlung. 

Neuberger, Emil, Nachklänge. Frankfurt 
a. M., Mahlau & Waldschmidt. 

Prahl, Dr., Das deutsche Studentenlied. 
(Burschenschaft liehe Bücherei hrsg. von 
Hugo Röttger. Band I. Heft 5.) Berlin, Carl 
Heymanns Verlag. 

Preindlsberger-Mrazovte, Milena, Bos- 
niches Skizzenbuch, Landschafts- und Cult.ur- 
Bildcr aus Bosnien und der Herzegovimi. 
Illustrirt von Ludwig Hans Fischer. 
Dresden, E. Piersons Verlag. 

Beinecke, Carl, „Und manche liebe Schatten 
steigen auf.“ Gedenkblätter an berühmte 
Musiker. Leipzig, Gebrüder Reinecke. 

Bode, Carl, Chris tinus von der Koedoesdrift. 
Erzählung aus dem letzten Boeienkriege. 
Leipzig, E. Kempe. 

Bosen, Franz, Der Mönch von Sanet Blasien. 
Die Geschichte eines Glaubens. Illustrirt von 
Marie Elisabeth PinolT. Dresden, E. Pierson. 

S&mosch, Siegfried, Spanische Kriegs- und 
Friedensbilder, Sechs Streifzüge jenseits der 
Pyrenäen. Minden 1. W., J. C. C. Bruns 
Verlag. 

Scbafheltlin, Adolf, Das Zeitalter der 
Cyklopen. Dramatische Dichtung in drei 
Theilcn. Zweite, vollendete Ausgabe. Berlin, 
S. Rosenbaum. 

Schmidt & Günthers Ülustrirte Welt- 
bibliothek. Heft III. Napoleon I. auf 8t. 
Helena, mit 97 Illustrationen und Heft IV, 
Vesuv und Pompeji, mit 55 Illustrationen. 
Leipzig, Heinrich Schmidt &: Carl Günther. 


Schmidt, Maximilian, Starubergei>ee-Ge- 
schichten. Erster Theil. Der Himinclbraud. 
Die Fischerrosl von St. Heinrich. Cultur- und 
Lebensbilder. Mit 8 Textbildeni. (Maxi- 
milian Schmidts gesammelte Werke. Volks- 
ausgabe XL Bd.) Reutlingen, Ensslin 
& Laibliu. 

— Stanibeigersee-Geschichten. Zweiter Tlieil. 
Die Johann isnacht. Der Erbe von Pollings- 
ried. Cultui- und Lebensbilder. Mit 8 Text- 
bildern. (Maximilian Schmidts gesammelte 
Werke. Volksausgabe. XII. Band.) Reut- 
lingen, Ensslin & Laiblin. 

Sohurtz, Dr. Heinrich, Urgeschichte der 
Cultur. Lfg. 1. Leipzig, Bibliographisches 
Institut. 

Schuster, Hermann, Von Lenz zu Herbst. 
Gedichte. Leipzig. Hermann Haaeke. 

Spielberg, Saarbrücken-Rom über den 
8t. Gotthard in 12 Tagen. Distanzritt. Mit 
26 Abbildungen und 13 Karten. Berlin, 
Martin Oldcnbourg. 

Stangen, Eugen, Dunkelflammen. Neue Ge- 
dichte. Zürich, Caesar Schmidt 

Sternberg, Leo, Leyer, Wanderstab und 
Sterne. Gedichte. Wiesbaden. Heinrich 
Staadt. 

Stillfried, Felix, Biweg’lang. Ok en Strass . 
Lauschen un Riniels. Zweite Auflage. 
Rostock, Hermann Koch. ' 

— Hack un Plück. Geschichten. Rostock, 
Hermann Koch. 

Syrutschek, Julius, Der Baehernjäger. Eine 
Dichtung aus den stidstcierischen Bergen. 
Illustrirt von Arthur Schreyer. Dresden, 
E. Piersons Verlag. 

Tille, Dr. Alexander, Aus Englands Flegel- 
jahren. Dresden, Carl Reissner. 

Unser Liederbuch, Die beliebtesten Kinder- 
lieder, ausgewählt von Friderike Merck, mit 
Bildern von Ludwig von Bumbuscli, für 
Kinderstimmen gesetzt von Fritz Volbaeli. 
Mainz, B. Schotts Söhne. 

Vogt, Friedrich, Schlesiens volksthUmliehe 
Ueberllefertmgen. Sammlungen und Studien 
der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde. 
Band I. Weihnachtsspiele. Leipzig, B. G. 
Teubner. 

Waldau, Irenäus, Das achte Gebot. Roman. 
Dresden, E. Piersons Verlag. 

Warnke, Paul, Snurrig LUd. Snaksche 
Snnrren ufc Stadt und Land. In Rimels. 
Leipzig, R. Voigtländers Verlag. 

Welschinger, Henry, Mirabeaü in Berlin 
aLs geheimer Agent der französischen 
Regierung 1786—1787. Nach Original- 
berichten in den Staatsarchiven von Berlin 
und Paris. Uebertragen und bearbeitet von 
Oskar Marschall von Bieberstein. Leipzig, 
Heinrich Schmidt & Carl Günther. 

Wirth, Dr. Albrecht, Ostasien in der Welt- 
geschichte. Bonn, Carl Georgi. 

Wrede, Richard, Allerlei Liebe. Ein Gc- 
sehichtenbuch. Berlin. Dr. R. Wrede. 

Zoozmann, Bichard, Narrenchronik. Aller- 
hand Schwanke, lustige Reimereien und 
Eulenspiegeleien. Berlin, Otto Ebner. 


Kebiqirt unter Derantn?ortIid?frit bes Herausgebers. 

Sddeflfcfje Budjbrurferei, Runf • nnb E>»r(ags*21nflalt o. 5. Sdjottlatnber, Breslau. 

Un berechtigter nadjbrucf aas bem biefer geitfebrift unterlagt. Ueberfefemtgsredjt oorbe halfen. 





Ttoix) imb 



€ i n e b c u t f i? e 2T? o n a f s t d? r i r 


fr c t a u s q ( '$ c b e n 


oon 


pcuil Cin^aiJ 


Xv'Yl. tfauX - - ,yK*nar V/>\* - rvft 2 c - 7 . 

t mit ci u”t jT rtra-.t > K n'-iu^u <5 f r d 5 r e i b e r r :■ • ’• - ' ‘ ‘ 1 






— cs»- 


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Sd^lefifd>e <3udj>riu^ret, Knnft* uni) Vx*. 

l\ S. 5 d>ottl iev.£ *r 





2Torb mb Süb. 


(Eine beutfefje ZIT o n a t s f ^ r if t 


Ijerausgegeben 

von 

paul £inbait 


XCVI. 3anb. — ^ebruar J90\. — fjeft 287. 

(mit einem portratt in Babirung: ©eorg $reiberr oon ©mpteba.) 



2bte£Iau 

Scf; lefif <^e Sndfitnrferei, Kanfl« nnb l?etlags*ynpa(t 
o. S. Sdjottlaenber. 




£öntg IDiglaf. 

(Epifdje Srjäfylung. 

Don 

SCittan tfrettjerc bau Verfall. 

— Scfylterfee. — 

(errufe.) 

er ftarfe Suftjug fjatte ©igtaf aul feiner Betäubung geroedtt, 
er glaubte fidb ttodf) in ben Ernten SllroinS. „Safj mi<f), idb bitte 
©idb!" @r ftemmte fidb mit bem linfen 2lrnt gegen bie breite 
33ruft. „3db will nid^t als gtücbtling — o roie ein fdbroacbeg Äinb. — ©er 
gab ©ir ba£ SRedbt? Qcf) lag’ in ©bren tobt." 

„®a3 läg’ft ®u aucf)/' erroiberte eine raube unbefannte Stimme, 
„wenn nicht meine Königin ©idb lebenbig l)aben roollte, um ©ir bie 
Sdbmadb jurüdjugeben, bie ©u i^r angetan." 

®a rif? ©iglaf erft bie 9lugen auf unb ftarrte entfett auf ben ©eifjen. 
„©er bift benn ®u — ©eine Königin!" 

„©abroine! Stannft ©u ©icb be§ 9iameng nidjt meljr erinnern?" 
„3u ©abroine bringft ©u mich? 3a, bin icf» benn — ? Unb Sttlroin?" 
„©efangen feib 3^r 33eibe, faubere SBrüber, mag benn fonft?" 

„Unb ju ©abroine — fagft ©u — gefangen? £>öre mtdb, roer ©u 
auch bift, ©ntfefcticber, tobte mich! 3$ wiß nid^t Juden, feinen Saut au§= 
ftojjen, nur nicht ju ©abroine bringe midb." 

„©taube idf) fd^on, ba§ ©ir’g nidfjt pafft. 3Jlödbt’ auch lieber irgenb 
einen anbern ©ob erleiben." 

„©inen anberen ©ob, fagft ©u? — 2llfo roitt fte midb tobten?" 
„•Ködbteft ®u nodb leben, nadjbem ©u fo »or einem ©eibe geftanben? 
©in Äönig audb nodb?" ^öfjnte 2lneurin. „$öre, mein $reunb, ©ein ®e= 
roidbt fdbmiljt in meinem 2lrm, roie Sutter in ber Sonne." 



10 * 


HO 2tnton ^reihen ron perfall in 5d) Iierfee. — 

„ga, ©u baft Stecht, baS macht bie ©chtoädie — ich — ich roetfe 
ni<fit r toaS idfj fpredje — Saffe mich nur erfl ju Kräften fommen, auf ben 
güfjen fielen, nur fo bringe mich nid^t oor fie, ©rbarmungSlofer — " 

„SBirb auch nicf>t geben, felbft wenn icb wollte, fie erwartet ©idf ja 
mit <Sebnfucf)t — fannft ©ir bodE> benfen. ®u meinft wohl baS ©tut in 
ben Soden — mer weife — SBeiber jinb unberechenbar. SBieKeid^t gefällfi 
®u ibr fo gerabe — " 

SBiglaf trafen bie SBorte roie ®ol<he. @r fchlofe bie Slugen, um baS 
böbnifcfee (§JeficE)t nicht ju feben. gebt ging ber SRitt langfamer, unb ein 
fernes ©etöfe brang an fein Dfer. 

„®a b«ben wir’S fcbon," meinte Slneurin, „bie S3orpoflen buben uns 
entbedt unb riibren baS gatije Saget auf. ©dau nur fetber fein." ©r 
ftüfete ben S3erwunbeten, „ganj fdwarj ift’S auf ben ©ünen, ©eufel, baS 
pafet mir fetber nidjt. ©ort ftetjt fie fcbon. ©iefeft ©u fie? Stuf bem 
freien &ügel, mo baS Scanner flattert, bie bobe grau im blauen SDlantel?" 

SBiglaf fab fie, gieberfdauer fcbüttelte ibn, bie ©eftalt n)ud)S unb 
mucbs im freien 3taum, in baS SKefengrofee. ©ann nahm er alle Kraft 
jufammen, befdwor SllleS herauf, roaS ibm heilig, fein Königtum, ginn, ben 
gelben, unb oor 3lHem ©rijtfeo, in ihrem ganjen ftrengen Sieij, toie fie 
am ©öder fianb unb ihm jurief: „allein ©eliebter! allein £elb!" unb 
baS ftegfeafte ©efiibl ber Ueberroinbung tom über ihn. 

gebt fott fie nur feöfenen, ihren ganjen unroeibtiden $afe über ihn 
ergiefeen, ihre ungejäfemten ©inne in baS blutige ©eroanb gerechter 9tacfee 
fleiben, — ihn foltern, — tobten. — ©r roirb ihrer lacfeen unb als König 
fterben, mit bem Slamen „©rptfeo" auf ben Sippen. 

aiodb mar man fufetlid im Unllaren, roaS biefer einjelne Steiter be- 
beuten follte. ©a erfannte man roofel Slneurin unb beste bange ©orge. 
SBaS butte Slneurin jetjt hier ju tfeun? ©inige Sdeiter tonten ihnen 
entgegen. 

„©afft nicht lang," fdjtie er fie oerbroffen an, „unb melbet ber 
Königin, bafe ich ben ©efangenen bringe, toie fie mir befohlen. ©aS neu= 
gierige ©olf haltet mir jurüd. ©ummelt ©uch!" 

©er Leiter flog jurüd, es toar nidt ju fpafien mit bem Sitten. 

Slneurin ritt langfattt nach. ,,©aS ift SlUeS, roaS ich für ©uch tbun 
tonn," fagte er ju SBiglaf, „bah ich ©uch bie ©affer erfpare, «fe mag 
fie felber nicht." 

©er Steiter mit ber SUctbung butte je( 3 t bie Königin erreicht. — 
SBigluf oerlor feinen ©lief baoon. ©ie ©eftalt machte eine heftige ©e= 
toegung. grauen umringten fie unb entjogen fie bem ©lid. ©ann er= 
fdien fie ptöfelid toieber, ben Jßügel abwärts fdjreitenb, unb oerfdwanb 
jwifden ben gelten. 

SauteS gaudjen ließ erfeunen, bah fi<h bie frohe Kunbe bereits 
oerbreitet. — 


König IDiglaf. m 

©er eine SRcitcr fam gurücf. ©te Königin erwarte Aneurin mit 
feinem ©efangenen cor ißrem 3«lt. 

Slneurin fcßüttelte cerbrießticß baS £>aupt. ,,©u fießft," roanbte er 
fi<5 gu SBiglaf, „i dß f»ab* ©ir*! anberS gugebaeßt. ©u bift ja felbft ein 
König unb mußt roiffen, roa8 geborenen Reifet." — 

„Serußige ©icß, Sitter," entgegnete SBiglaf gefaßt, „wenn ©u audß 
mein geinb, tdf» erfenne bodß ben ebten -Kann in ©ir, unb baS ftärft midß 
gegenüber biefent SBeib, bem ber ©roß nidßt einmal gu niebrig ift, mit 
meiner ©dßmadß bacor gu glängen. Stur eine Sitte noeß." 

„£m! SBenn idß’S erfüllen fann," murmelte Slneurin jidßtlidß bewegt 
in feinen Sart. 

,,©o taffe midß roenigftenS neben ©einem SPferbe geßen, gefeffelt, roenn’S 
fein muß, nur nidßt fo quer im ©attel, wie ein geraubte! ÜJläbdßen. Se= 
beitfe, idß gog ßeute nodß als König aus." 

„fjm! Sieben bem ipferb, gefeffelt, wie ein ©traudßbieb. ©aS fteßt 
nodß weniger föniglicß aus; — aber idß tßät’ ©ueß gern einen ©efaHen." 

Slneurin ßielt ben ^engft an. „Sietleidßt geßt’S fo," unb feßon fprang 
er aus bem ©attel, roenn icß ©udß ßalten fönnt’ — " 

Sßigtaf, bewegt non ber ©roßmutß beS Sitten, wollte ißm banfett ©a 
rungette Slneurin fdßon roieber bie ©tim. 

„Saßt baSl gdß ßabe ben Sluftrag, ©ueß lebenb gu bringen, ob gu 
guß ober gu Stoß, ift meine ©adße." 

@r ergriff ben Bügel unb füßrte ben fjengft in baS Säger. 

©ein grimmes ©efidßt locfte nidßt gu fragen, eben fo wenig ber bleidße 
Jüngling mit bem blutigen Slntlifc, bem com Kampf gerfeßten Koller gu 
©pott, fo folgte man bem Sßaar in fdßweigfamer Sieugierbe gum 3elt ber 
Königin. 

©abroine ßatte auf bie Stadßridßt non ber Slnfunft beS ©efangenen 
einen Slugenblicf gefdßroanft, ob fte nidßt beffer tßät’, ißm bie ©dßmadß ber 
Deffentlidßfeit gu erfparen, ißm allein im gelt gegenüber gu treten. SllleS 
in ißrem bergen fpradß bafür, aber fie faß tängft fürdßtenb ber ©tunbe 
entgegen, unb fo erfanb fie nadß grauenart rafdß einen triftigen ©runb. SBenn 
fie ißn jeßt fo furdßtbar ftrafte nor allen Slugen, fonnte fte ißn nielleidßt fpäter 
nor größerem Unßeil roaßren, oßne fdßlimmen Serbadßt auf ftdß gu laben, 
©o gab ße ben Sefeßl. 

©ie ßatte ben blauen -Kantet gurücfgefdßlagen, ber ißt $aar bebedfte. 
©ine ©ienerin fledEte rafdß ben ©olbreif fefi. ©o fianb fte cor ißrem 3^t, 
umgeben con ißren grauen unb giißrem, audß ©eti feßtte nidßt unb weette 
allen geredßten 3°nt, att’ bie Sittemiß con SJtonben in ißrer ©eete, all’ 
bie um ißn burdßroeinten Stäcßte, all’ bie grauen ßoffnungSlofen SBintertage 
unb erreidßte bamit nur ©ineS, baß fein Silb, roie ne es in ißren jung* 
fräutidßen ©räumen gefdßaut, immer ftarer cor ißt ftanb. 



2Inton ^tetljerr oon PerfaU in Sdjlterfee. 


H2 


3h* 33ti(i roar ftarr ber Sagergaffe entlang gerichtet. ®a nahte fdjon 
bet fettfame 3«8- SBigtaf ragte § 0 $ über bie ftdj brängenben Köpfe. ©ein 
Slntlifc roar afchfaht, fein §elm bebedte baS &aupt, bie non geronnenem 
33lut nerftebten Soden bebedten bie ©time, fein rechter Slrm t)ing fditaff 
berab, — aber er fab fefi im ©attel; neben ibm fdjritt Slneurin, ben 
4jengft am Bügel biebt nor bie Königin fübrenb. 

Mn Saut roar ringS nemebmbar. Beber SBtid fjittg an SBigtaf, ber 
ben S3lid ftarr auf Gabroine gerichtet, mit ber Hufen flauen $anb ein 
Beiden bet Unterroerfung machte, ohne ben Staden ju beugen. 

,,©o löf’ ich mein SBort, Königin," erflärte Slneutin. „König SBigtaf 
fleht nor (Such, ich nahm ihn mit eigener ^anb gefangen, ©aS Uebrige 
beforgen unfere roaderen Seute. ®er ©ieg ift ooHfiänbig, heute noch fönnen 
roir nach ber ftinnburg marfchiren." 

®och Gabroine roarf feinen S3tid auf ihn. S3alb bitbeten fi<h auf 
ihren SBangen purpurne Stofen, halb mich aus ihnen jebe Qfarbe, unb in 
ihren ftarr auf SBigtaf gerichteten Slugen fpietten unftäte Sichter. 

„GS thut mir teib, König SBigtaf," begann fie bann mit unlieberer 
©Hmine, unb bie roeifje £anb, welche bie Ratten beS SJiantelS raffte, 
jitterte, „baff roir unS fo begegnen müffen, hoch 3h* habt es felbfi ge* 
roottt. 3<h bin nicht oon friegerifdjem ©inn, unb roaS 3b*/ ber SDtann, 
bem SBeibe angetban, ich fann’S nicht glauben, bah es oor Such felbft be* 
fiehen fann in Gfjren. 3<h hätte eS Gu<h oerjiehen, ben SJertuft nicht 
fhäbenb, aber 3h* habt in mir mein ganjeS Stolf gefdjmäht, unb bafür, 
König SBigtaf, müht 3h* büfjen." 

SSeifättige Stufe rourben rings taut, heftige Drohungen. 

„Dber habt 3h* etwas ju Gurer Sßertfieibigung anjufüljren, fo fpredjt 
oor biefen Stilen." 

SBigtaf roartete getaffen ab, bis fid> ber ©türm ber ©timmen gelegt, 
unb fenfte ben S3tid. GineS roar ihm ftar, hier fleht fein rachfüdftiger 
geinb, feine Königin, nur ein oon ihm tief gefränfteS SBeib, unb baS 
SBeib ifi fchön, fchöner noch, als SUroin fie fchitbent fonnte. Unb wenn er 
anftatt als ©efangener, als ©ieger oor ihr ftänbe, er roäre entehrt für 
baS ganje Sehen, roenn er ftch nicht rechtfertigen fönnte. SDtit £rofc unb 
$ohn, roie er’S im ©inne hätte, roar roabrKdj nichts getban. ©o begann 
er, ben 93tid fefi auf Gabroine gerichtet: 

„Königin, nicht ich hab’ um Gure §anb geworben, unb roät* ber Stuf 
Gurer frohen ©chönheit auch ber SBahrheit gteichgefommen, nimmer hott' 
idj'S gethan, weit i<h es für eine ©itte ber SBilben halte, um ein SBeib 
ju hanbetn, roie um eine SBaare, für beren Kauf bie SBiffenfdjaft beS 
SDtarfteS genügt. SBaS ifi ©chönheit, Slbfunft, Stamen, nur ein fdjöneS 
©ieget, baS ich erft erbrechen muh, um ju prüfen, ob auch ber 3nhalt 
feiner roerth; unb felbfi gefefct ben galt/ eS betrügt mich nicht, eS hält, roaS 
es oerfprach, roer fagt mir, Königin, bah bicS auch hei ihr ber 3att; ob 


König EDigiaf. 


H3 

Re nidbt bittere ©nttäufdfiung fühlt, — wa« bann? ©enft ©ueb in bie 
Sage, Königin! 9lidbt wahr, 3hr fönnt e« ni<f>t? ©ie 9tötbe be« Uns 
willen«, ber ©ebarn fteigt auf ©ure reine ©tim — " 

„2Bie fönnt’ 3b r bie SBerbung leugnen? Unerhört !" rief Slneurin, 
unb mi&mutbige« ©emurmel ertjoS fief). 

„Rönig ginn warb, nidbt i<b," rief Sßigtaf jefct, „unb bei Rönig 
Sletbelreb warb er, ni<f)t bei ©abwine, fo mar’« bi« jefct ber fdjöne 33rau<b, 
unb «b wehrte midi, ich bat, id) brobte mit gtuebt, — umfonft. — 

Rönig ginn fanbte 33oten, — nod) blieb mir eine Sift. 3<b batte 
einen treuen greunb, ben fanbte ich mit, er foUte ®ir insgeheim meinen 
SBiberwillen fdbilbem gegen foldbe« ©hun, mich in ben fd)limmften garben 
malen, ©r bat e« wohl nicht getban." 

„2llwin?" fragte ©abwine Saftiger, al« ju ihrer ftreng gewahrten 
SBürbe pafete. 

„2ltwin!" erwiberte Sßiglaf. „@r ift mit mir gefangen unb wirb fi<b 
glüdflidb fcbäfcen, »or ©u<b ju fnien, unb fei’« in Retten." 

©abwine fenfte erröthenb ben 23lid. 

„Stuf feinem ©terbelager," fuhr SBigtaf fort, „fam Rönig ginn jur 
©inftdit, er gab mich frei — " 

„grei?" fragte ©abwine mit faft fdhmerjlichem ^ohn. 

//3a, — frei," erflärte SBBiglaf feft, „unb wie ein ©efangener ftreifte 
i<b bie gejfeln ab. 2Ber fann ba non SBortbrudj fprechen, oon Rränfung, 
bie ich @u<b angetban, ber -Wann bem SBeibe? — 2ßo jebe greibeit fehlt? 
— 3br müht felber fdiweigen. Staber« fleht’« mit unfern ißätem, Rönigin," 
fuhr SBiglaf na<b einer Sßeile fort, in ber fein Saut ii<b regte. „©er 
fDteine bat ben ©uren f<bwer beteibigt, unb nur S3lut fann bie ©übne 
bringen. — ©a« fage idh felbft. — geh ftebe für bie ©<bulb Rönig ginn«, 
3br für bie Stäche Rönig Sletbelreb«. ®a« ©dhidfal bat gegen mid) ent= 
febieben, idh ftebe gefangen oor ©udh unb bitte nidht um ©nabe." 

^Beifällige« ©emurmel erhob fidh, aber au<b brobenbe Stufe, bie nidbt 
mifjpoerfteben waren, mehr — blutige gorbemngen. 

„3för fälltet beute fjodijeit halten, ift ba« wahr?" fragte ©abwine, 
unb ihr ölidf fdhärfte fidh. 

„©ejtem nodh war*« mein febnlidhfier SBunfch." 

„SRü ©urer ©tiefmutter, würbe mir beruhtet, Rönig ginn« ©bgemabl?" 
fuhr ©abwine in fteigenber ©rregung fort. 

„SJtit ©rptbo, Herrin, be« Stngetfönig« Dffa ®od)ter." 

„Unb triefe ©rptbo muffte um ben betrug, ben ©uer SBater wagte, 
lenfte ihn wobl baju?" 

,,©aö ©taatSwobl lenfte ihn, Rönigin." 

©a fuhr ©abwine auf. ,,©a« ©taat«wobl? 6i! ©r nahm alfo 
nur bie eine gejfel ab, um ©udh eine anbere anplegen, unb eben fpradht 
3b* ftotj : „©r gab mich frei." ©a« mufft 3h r mir erflären." 



Jlitton <Jreitjerr »ott petfall in Sdjlietfee. 

„Sehr ehtfadj, Königin, fein 2BiHe unb mein SBunfdj — " 

„Guer SBunfcf)!" unterbrach Gabwine ifen flammenb. „Sfer fpradjt 
x»on ber ©attin König fyinnS, Guter jweiten 3Wutter — " 

SBiglaf füllte bie Kräfte fd&winben, eä war ifem, als wälje ftd^ etwas 
©unfleS, Ungeheures entgegen. „®u fragft ju oiel, Königin/ ftaramelte 
er, im Sattel roanfenb, „oor fo »iel Obren, — mad)’ ein Gnbe, — idj 
— ich fann nidjt mehr — " 

Sfaeurin mufete if»n ftüfeen. 

„Qefet weife id» SHIeS," froljlodte Gabwine, unb ihr Sfotlife ftrafelte, 
als ob fie eben erft ben Sieg nernomtnen. „®u, Slneurin, feafteft mir für 
ben ©efangenen. 3<b will, bafe ifem fönigtidfee Gfere gefdfeehe." 9iun 
wanbte fie fid) an bie Krieger. „Sluf jur ginnburg! 3$ felbft will Gucfe 
führen." 

KriegerifdjeS geuer blifete aus ben blauen Säugen. ®ie jorte ©eftalt 
wudjjs jur SbtanneSgröfee. So fjatte man bie Königin nie gefefeen. SBilbe 
Segeifterung ergriff bie Sdjaat, Speer unb Schwert fehlugen flirrenb 
Junten, unb ber SKame Gabwine jog braufenb über bie ®üne. 

SBiglaf ftarrte im 3lrme SlneurinS auf baS in feiner ©tutfe berficfenb 
fdjöne 2Seib. 

®aS £aar, baS jefet entfeffelt über ben blauen -Dtantel fiel, glidj 
grüfelingsfonnengolb auf ßimmelSgrunb, unb wofelbefannter ©uft wehte 
wie Salfam ifem entgegen, nerworrene Silber in feinem fronten $im 
jeugenb. 

GEje fie in baS 3^t trat, fafe fte nodjj einmal um. Sein lefeter Slid 
traf fie fefeon aus einem fianbe, baS webet 3 roan 9/ nodj Süge fennt, nodj 
©efefe, in bem alle füllen fallen, in bem wie Sßunberblumen ©efeeimniffe 
auftaudjen aus ber tiefften ©iefe ber Seele. 

rv. GapiteL 

Um bie fyinnburg lagerte in eifernem 3Ung baS britifdfee §eer, 
»erftärft burcfe ein neues ©efdjwaber, baS oon ber grofeen 3>nfel gefommen, 
wäferenb beuteluftige Staaten baS wefertofe Sanb burdijogen. 

Gabwine fjatte gefdjworen, nicht ju weiten, bis bie Surg gefallen, 
©rptfeo in ihren £änben, bie Sfaftifterin beS ganjen Unheils. 

GS war nicht nur ber SRadjegeift, ber fie lenfte, fonbem bie Hoffnung, 
baburcfe ben Slid non bem gefangenen König abjulenfen, gegen welchen 
fidj, trofe feiner ^Rechtfertigung im Säger, ber allgemeine Unwille lenfte. 

GS wollte ifer aber nidjt gelingen. — 

®ie Surg, oon ber See aus nidjt abfcfetiefebar, fonnte SRonate lang 
einer Selagerung trofeen, wäljrenb jeben ®ag oom Süben feer ein Gntfafc 
feeer eintreffen fonnte, wenn baS Soll ber Singeln oon ©rptfeoS 9iotfe 
Kunbe erhielt. 



Kottig JDiglaf. 


H5 

©o ging fdjon SJturren burä) baS Säger. 3*» roaS lja6e man benn 
ben König gefangen? 2Benn man ifjn fdjon nicht tobten wolle, jur ©ühne 
ber ©<hma<h, bie er bem ganjen britifhen Soll angetan, fo fotle man ihn 
roenigflenS jroingen, ben 33efef)t jur Uebergabe ber Surg ju geben. ©ie 
gührer felbft tonnten ber geregten gorberung nicht roiberfprechen, äneurin 
übernahm eS, ber Königin bie allgemeine gorberung ju melben. 

©abroine hotte, feit baS &eer oor ber ginnburg lagerte, ihr 3elt nicht 
oerlaffeu, unb Stiemanb hotte eS betreten, als — ber ÜDiitgefangene beS 
König«, Sllroin. 

„Sieb mir baS ^ßfanb jurüd, baS i<b ©ir anoertraut," fjerrfc^te fic 
ihn an. 

Sllroin hotte ftd) gefdjrooren, feinen 2ßortbrud> nicht burch eine Süge 
ju beschönigen. 

„Stimm mir mein Seben bafür, Königin, — ich hab’S nicht mehr." 
©abroine jitterte oor ©rimrn, ihr Heiner golbener ©dfiuh peitfdjte ben 
Boben. 

„2Ber hot eS benn?" fragte fie mit brohenbem ©lief. 

„Stiemanb ! Verbrannt !" 

„©u? Um fie oor ©djanbung ju retten? ©a that ich ©ir ja 
Unrecht — " 

„Sticht ich, — ^rptfio!" erllärte Sllroin. 

Sei biefem Stamen judte ©abroine jufammen. 

„©rptho hat fie oerbrannt?! — SJteine Sode!? Unb baS litt er? 
©r roar babei, roie fie meine Sode oerbrannte?" 

„©r fonnte nicht anberS — hör* mich nur an — " 

„©r roar babei!" fchrie ©abroine auf, „unb er litt eö? Unb ©u 
roarft auch babei, mit ©einem ©chroert an ©einer ©eite, — unb oietteidit 
noch Slnbere — Siele?" — 

Sllroin hotte erft unter bem ©rud feiner Sage leinen 33lid für ©ab= 
roine, bie jefct fo ganj anberS oor ihm jtanb, als bamals auf ber grünen 
SBiefe, — jefct aber fdjnitt ihm ber bittere ©chmerj in bie ©eele, ber aus 
ihrer thränenooUen ©timme fprach, unb hoch Hielte es ihn förmlich, ihr 
noch roeher ju thun, fidj noch fchulbiger hiujuflellen. 

,,©ie ganje $alle, Herren unb grauen," erroiberte er. 

©a fchluchjte fie laut auf unb oerbarg ihr Slntlife mit bem SJtantel. 
„0, bie unerhörte ©chntadh! 3a, roaS hot ihm benn bie arme Sode 
gethan? Stur baS fage mir, ©htoergeffencr, roaS hot ihm bie arme Sode 
gethan, ba& er fo bagegen roütbete?" 

©abroine roar jefct in ihrem mäbchenhaften ©chmerj noch taufenb SJtal 
fchöner, als in ihrer ganjen löniglichen SBürbe. 

SHroin triumphirtc in feinem gnnern. „©ehr oiel hot fie ihm gethan," 
erroiberte er. „SD, roenn 3hr ihn nur gefehen hättet, roie ich fie ihm jum 
erften SJtal jeigte — " 


H6 2lntoit ^teiljeri; oon perfoU ln Sd|Uetfee. 

„'Keine Sode — König Kiglaf — 3hr?" ©abroine roifdhte fich rafdh 
bie ©hränett aus ben SHugen. „3a, was ^at er benn — f)abt 3hr benn 

— roo — wann benn — fo fpredfjt bodh, quält midh boc^ nidht fo, fefct ©udh 
unb fpredht," brängte fte. 

Unb 9llroin fefete fidf» unb fprach. ßr erjätjtte ben ganjen Vorgang 
im ©hurmsimmer, oom Spotte KiglafS bis ju bem feltfamen 3«uber, ben 
baS &aar auf ihn auSübte, wie er eS berührt, — toie er ihm ftrengen 
Auftrag gegeben, eS forgfältig }u wahren. Kie er immer barauf jurücfs 
gefommen, roie fein 2luge immer auf ber Sebertafdlje ruhte, bie fie roohl' 
behütet barg." 

©abroine hörte mit hotfigerötheten Kattgen gu, unb bie ©hränen in 
ben blauen 2lugen »erfiegten. 

„Unb roie Jam eS bann, — in ber $affe, oor allen Kännem unb 
grauen?" fragte fte heftig, als ber ©rjähler fdhroieg. „2Uroin! gdf» warne 
®id(j! — ®u bift mein ©efangener." 

@S hätte biefer aus ihrem Kunbe fo oerlodenb flingenben Drohung 
gar nid)t beburft, um non 2llroin bie Kahrheit ju erfahren. @r erzählte 
2tHeS, roie eS ftdh begeben. Kie Kiglaf jtdh oerrathen, roie bie entflammte 
©iferfudfjt ©rpthoS felbft fein gegebenes KönigSroort, für jebe Unbill fetber 
einjuftehen, nid)t adjtete, — non bem genügen SSlidC, ber ®rt)tf)o aus KiglafS 
2luge traf, ein StidE, ber ihm tief ju beuJen gegeben. — 

®aS ©eheimnifeooUe feiner Körte reiste nur ©abroine. 

„KaS gab ber SBlidf ©ir su beulen? — ®ajj er nur bem ©ebot 
beS BaterS folgte, — bah es ihm nicht ©rnft mit feiner Siebe?" fragte 
fte, fid) fo weit »ergeffenb, bah fte SllroinS Sttrnt fa&te. 

„®aS roäre ju niel gebaut," meinte Üllroin, „bah er fte liebe, fei 
Jein Steifet, nur roär’S ja möglich, bah er ftdh, nöHig unerfahren in folgen 
Gingen, über bie 3lrt ber Siebe täufdfje — " 

„®ah er fie mehr als groeite Kutter liebe, meinft ®u bodh?" be« 
merJte ©abroine heftig, unb ihr Ülntlifc ^eQte ftdh, „bie ihn aufgesogen, ge» 
pflegt »ielleidhtjn fd&roerer KranJheit — unb bah er baS su jpät erlannte 

— bah er bereut am ©nbe — ? So fpridj) bodh, Sltroin, ich nriH es 
roiffen, — ift biefe ©rptho fchön? Kohl grofs unb ftarJ, — ein 
ßelbenroeib? Siebt fte ihn benn? ©u roeiht fdhon, roie idh meine, — 
unb roie Jam baS fo, — als Kutter. — 3ft fie blonb, — fdjjroars? — Siecht 
herrifdh, nidht waffr? Kehr männtidher 2lrt? — So antworte bodh 
einmal." 

®a ladhte 3llroin. „Kit wenigen Korten, wenn ®u mir 3eit läht 
basu. ©rptho ift 9WeS, roaS ®u fragfi, gugleid^, ein Kufierroeib, baS 
jebem Kann sum Stols gereidht, nur nidht blonb unb nidht fdhroarg — 
unb — Jeine grau für König Kiglaf — " 

®a erhob fid) ©abroine jäh, es war, als wenn fte ein Sdhroinbel 
fafjte. „Soldhe ftarje Behauptung erforbert fiarlen ©runb, wenn idh ©idh 



König Wiglaf. — ^7 

mcE)t für einen ©dbroä|er Ratten foH," fagte fie erregt, „©cbön, ftarf, »oll 
beifeer Siebe ju üjtn — ?" 

Stlroin tonnte ber Setfudbung rti<f)t wiberfieben, an ber Königin, bie 
feinen geliebten Jperrn in eine fo fcbitmme Sage gebraut, fein SDtütbdben 
ju fühlen, ja, er abnte fogar, bafe nur auf btefem SBege bie Rettung lag 

„König SBiglaf ifl bem Jünglingsalter faum entroadbfen," erwiberte 
er, „doÜ hoben ©innes, aber ein auSgemadbter Träumer, ber auch bie 
Siebe nur aus träumen tonnt; für ben Slugenbtidf buben fie fi<b für ibn 
in Srptbo nerbidbtet, bem einjigen weiblidien SBefen böberer 2trt, baS ibm 
begegnet, — SrtRbo aber — ift baS 2Beib ber Sbat, id) fiirdbt’, Re wirb 
ibn ju früh weden, bann tommt bie ©ebnfudfit na<b ben träumen, bie 
mit ber 2Birfti<fjfeit ficb nidbt beefen — unb bann werben bie träume 
immer heutiger, immer fäjwüler, unb bie 9Birflicbtoit immer bläffer, — 
immer bläffer — " 

„Unb tonnt Jb r fo genau feine träume — unterbradb ib« ©abwine, 
bie mit podfenber Stuft feine SBorte angebört. 

„2Bir Rnb Jreunbe, Königin, buben fein ©ebeimnife nor einanber, 
unb was er mir nicht fagen miß, baS fpielt er auf ber £>arfe. Jb r fotlt 
ibn nur einmal hören, — Jb« «ergebt es ©uer Seben nicht — " 

Wann überfam ©abwine eine Unruhe, bie Re nidjt mehr beherrschen 
tonnte, ©ie banfte ibm für feine SKtittbeilung, onftatt ibn ob feines Sreu« 
btud&S ju tabetn, unb entliefe ibn rafeb. 


©in Sag unb eine 9lad)t war über bet Unterrebung «ergangen, unb 
©abwine butte ilpr Saget nodi nidbt terlaffen. ©ie flagte über Jieber unb 
Kopffdjmerj unb wies trofebem alle Bemühungen ihrer Wienerinnen barfefe 
jurüd, nur Weil burfte um fie bleiben, ©r wufete über Stiles SBefdjeib int 
Säger, «or 2lHem über baS, was im Jelte ber beiben ©efangenen »orging. 
Wafe bie SBunbe bes Königs trefflich tyilt, aber Rnftere ©dbwermutb ihn 
umnadbte. Wafe Sttwin Sag unb 9tad)t um ifen, bafe bie Jreunbfdbaft 
Seiber felbft bie Sßädjter rühre, unb babei uerftanb er es audj, baS, was 
er nidbt felbft gefeben, in lebenbigen Silbern wieberjugeben. 

König SBigtaf auf bem Säger, baS 4?aupt auf ben Slrm geftfifet, tiefe 
Stauer im fugenblicben Sttntlife, 2llwin bie 3lrme tröftenb um ihn gefdblungen. 
Unb febeS ©tüd feines ©ewanbeS, unb wie er baS £uar trug unb ben 

Bart, unb feine fpmpatbifcbe Stimme Sewunberung, Sereferung 

fptadb uuS WeliS SBorten — unb fo tonnte Re Rcb nidbt fatt hören. 

©ben erjäfelte er, was er «on bem Jtuiegefprädb gefdbidt erbafdbt, baS 
SUwin nadb feiner 9tüdfebr non bem Jett ber Königin mit Sßiglaf führte, 
unb mochte es freie Jutbat fein ober bie Sßabrbeit: Wer König feufjte 
wteberbolt, unb ein fdbwermütbigeS Sädbeln erfefeien jum erften 3Jtate auf 
feinen Sippen. 



21nton ^reißen »on perfall in Sdjlietfee. 


H8 


Gabroine war ganj Dhr unb hätte noch freier etfunbene 3Wäre gern 
Eingenommen, ba melbete ftdj Slneurin. 

Utimutbig erhob fief) Gabroine. 

SBaS wirb er benn roieber bringen, als Unangenehmes, Klagen, Be= 
fürchtungen. 

©eli jog fidh eilig jurüd. 2Jtit bent brummigen Gisbären wollte er 
nichts ju tfjun haben. 

Slneurin trat ein mit ber SJtelbung über bie Stimmung im föeer, 
»on bem Verlangen, baS man an ben König SBiglaf fteHe. — 

Gabroine roar empört- ©ie ^umutßung fei unerhört, unmöglich ju 
erfüllen, ©er Sohn König ginns mürbe lieber ben ©ob erteiben, als fotdh 
einen Befehl erlaffen. 

,,©ut, bann erleibe et ben ©ob," erroiberte Slneurin troden, „unb 
fühne bamit feine Sdhulb. Unfere Slufgabe ift bann auch erfüllt." 

Gabroine empfanb jeßt einen jornigen SBiberroitten gegen biefen fühl* 
lofen SJJamt. 

©aS roar ja ihr qualnotteS SooS, unter biefen rauhen Barbaren leben 
ju müffen, mit ihrem empftnbfamen tiebebebürftigen $erjen. 

Sie »erfudjte noch einmal, ihn meid) er ju ftimmen. 

,,©u haft bodh fo großmütig an ihm gehanbelt, ihm ©ein eigenes 
fßferb überlaffen. Berfehtft jefet täglich mit ihm, lernft ihn näher fennen, 
rül;rt ©ich benn baS SltteS nicht?" 

„3<h bin ihm »on c&erjen gut, Königin, baS leugne ich nicht. Gr ift 
nidjt halb fo fdilimm, als ich ihn mir gebadjt habe. SBäre er mein SBaffen* 
bruber, i<h ftürbe für ihn, aber roenn es bie Gjjre 'Britanniens angeht, bie 
SEßohlfahrt beS ganjen feeres, ben 3roed unfereS 3ugeS, muß idh anberS 
benfen unb ^eber, ber bie Berantroortung trägt, — »or Sittern ©u, Königin. — 

„SJtit Guter ewigen Ghre, unb babei fdheut 3hr Gudh nidht, »on einem 
König bie größte Ghrlofigfeit ju »erlangen, ben gemeinften Berratt), unb 
roenn er baju nidht ehrlos genug ift, bann beftraft $h r ih n mit bem ©ob 
bafür, Qhr Ghrenmänner. — UebrigenS, roenn ftßr’S »ermögt mit Gurem 
weißen £aar, geht tun. uab madht ihm ben Borfdhtag. BietteicJjt benft 
3hr felber anberS, roenn er ihn wirtlich abgefdhlagen. 3$ hoffe es roenigfienS 
»on Guih, Slneutin." 

Slneurin befann fidf), es roar ihm fidjttich felbft nidht redht behaglidh 
babei ju SJtuthe. „SltterbingS," erroiberte er, „roenn idh ih n ntadhe, — aus 
meiner #anb gefdhenft, fieht fidf) baS Seben nidht fehr »ertodenb an für 
einen König, aber roenn Qtyr ih m bietet, Königin, bie Qugenb , bie 
Schönheit, baS Seben felbft in feiner blüjjenbflen Grfdheinung — unb ba^ 
neben fleht ber ©ob, — baS lönnte ben beften SKann »erführen." 

©a ftanb fie »or ihr, bie Berfudjjung, bie Qual ihrer Städfjte, bie fte 
bis jeßt ftanbhaft »on ftd) geroiefen, ihn noch einmal fehen, noch einmal 
fpredjen ju fönnen, unb fte würbe ihr noch als fßßidht aufgebrungen. 



König Wiglaf. 


U9 

©rfi weigerte fic fidj, bet Äönigin läme eS am lebten 51 t, einem ©e= 
noffen in bet hohen SBürbe, unb baS fei SBiglaf aud) als ©efangener, einen 
fotzen entehrenben 33orf<hlag ju machen. 

3118 aber Stneurin, ebne einen weiteren UeherrebungSoerfud) p machen, 
adjfelpdenb ft<f> prüdjiehen wollte, um bie 33otfdjaft fetbft p übernehmen, 
ba fagte fie p, unb jroar follte bie Wacht nicht mehr barüber oergeben. 
Sie erwarte fofort ben ©efangenen in ihrem gelte. 

„ 2 Benn ich ©ir no<b ratben batf," bemerfte 2 lneurin, ebe et ging, „tafe 
ihn fein 3Jtitleib fühlen, einen SDtann wie ihn reijt eS nur pm 
SBiberftanb." 

©abwhte gab feine Slntwort. 

Sitö fte allein, brüdte fie beibe £änbe oor bie Säugen unb blieb fo 
lange regungslos. 2BaS wollte fie benn eigentlich? glp retten! ©as 
war bodb ihre grauenpfUdit. 33lut ifi immer ein feäfelicher gled auf ber 
#anb einer grau, gleidwiet aus welchem ©runbe oergoffen. 2 lber warum 
fam fie benn über’S SDteer? ghr 93otl swang fie, ihre Umgebung, bas 
graufame ©efefe ber Könige, jebe Schmach mit SBlut p tilgen, ein ©efefc 
für Wlämter gefdfjrieben, nidjt für grauen. Unb wenn er [ich retten lägt, 
wenn er fein Sehen um Herrath an feinem eigenen 33olf erlauft, ber 
Sohn beS gewaltigen ginn, was bann? ©ann ift baS fonnige ©raum* 
bilb in ben S<hmufe gejerrt, ber fcböne Harfner mit bem Äranj im $aar, 
ber firablenbe ^elb, ber auf bem 23ug beS Schiffes ftanb; ber bleiche 
güngling auf bem $engft SlneutinS, ber in feinem Unglücf fo ^errtid) oor 
ihr fianb, — eine fdjöne 9JtaSfe, weiter nichts, ein Schwächling, ein un* 
reifer Jtnabe. — 

©ann foll fie ihn nur hoben, biefeS SDiannweib, baS feinen echten 
■Wann oertragen fann, bann ifi ©abwine wieber frei oon bem fchwülen 
©rud, ber ihr jefet ben Sltbem raubt, unb wenn ber ©raum auch unenblich 
füfe, eS war bo<h nur ein ©raum, ber nimmer wieber lehrt.; 

Sich, wenn ihr es nur gelänge! frei! frei! gurücf feinen in ihre lieben 
Sßälber, ihres finbifchen ©raumes lachen, lachen wie früher, unb mit bem 
galten jagen. 

©a pdte fie pfammen. ©in ©ewirr oon Stimmen erfdhoH braunen, 
©eräufch oon llirrenben ©ritten. 

©r fommt! Sie prefete bie §anb auf bie Sruft. Sei ftül, armes 
§erj, ©u gehörft einem ßönigSlinb! 

Sie trat jurüd in bas ©unlel, um ihm bie 00 m geuer grell he* 
leuchtete Stelle p überlaffen. 

©er Vorhang hob fi<h, nur ber 9(rm 2lneurinS war p fehen. Äönig 
SBiglaf trat ein, hinter ihm fdjlofe fi<h ber SBorfeang. 

©in fdhoarjer -Dtantel umhüllte feine ©eftalt unb liefe fein ©efi<ht 
noch bleicher erfdjeinen. 



150 Ztnton Freiherr »ott perfall in Sdjlierfee. 

©rft bienbete ihn ber Schein beS geuerS; jt<h noch allein wäljnenb, 
atbmete er tief auf unb neigte emft baS £aupt. 

©abwine forfdf»te mit podhenbetn ^erjen in feinem Slntlifc. ©eine 
9liebergef<hlagenheit, bie ÜJfattigEeit feinet ganjen SBefenS ^ätte fie ja freuen 
füllen, al« günftig ihrem 3Sorf(f)lag, aber fte fudjte immer weiter, immer 
ängftlidher, als ob ihr etwa? fehle, 

ißlöfclidj, mit einer rafdhen Bewegung marf SBiglaf baS £aupt auf, 
eine jomige gatte geigte fidh auf feiner «Stirne, als ob ihn ba$ SBarten 
»erbriefce. 

Sa mar es ihr faft, als ob fie lachen müffe, bodh rafdh fafjte fie ft<h, 
nahm eingeben! ber ÜDiahnung SlneurinS eine tnöglicbft emfte 3Jliene an unb 
trat mit aller SBürbe »or, eine förmliche Slnrebe auf ben Sippen. 

SBiglaf, »erbroffen über biefe heimliche Beobachtung, ber er eben auS= 
gefefct mar, fah ihr ohne Beugung trofcig in’S ©eficht. 

Sa fanf ihr faft ber ÜDcutb, ihre förmliche Slnrebe unterblieb, fein 
Blicf bannte fte, unb als ein leifer Spott über ihre Unbeholfenheit um 
feine Sippen fdhwebte, ba mar fie ganj »erwirrt. 

„@S hat Gud) bodh bisher an nichts gefehlt, König SBiglaf?" begann 
fie enblidh mit jagenber Stimme. 

„3hr fpottet wohl," entgegnete SBiglaf an ihrer jBerwirrung ftd& 
weibenb.! 

„Spotten? Stein, baS liegt mit wahrlich fern." 

„9iun, am ©nbe fönnt’ icb’S (Such wahrlich nicht oerbenfen, gfp jahlt 
mir nur mit gleicher SJtünje auS." 

„•JJiadht ©u<h nidht fchlechter, als $hr feib, König SBiglaf. 3$ weift 
es beffer, es war ©u<h nicht emft mit ©urem Spott — " 

„SBeiftt Su baS fo beftimmt, Königin?" 

,,©anj beftimmt! ©in SJiann wie 3b r fpottet nicht über ein SBeib, 
baS um ihn Seib erfahren, felbft wenn er eS »erachten müftte." 

„Königin," rief SBiglaf, »on bein SBorte peinlidh betroffen. „SBie fäme 
ich baju? Sidh »erachten?" 

„Sie Slufbringtidhe, bie an einen Unbefannten SiebeSpfänber fdhidt, 
baS begreif ich wohl." 

©abwine fenfte ben BlicE, wie »on neuer Scham ergriffen. „Unb wie 
eS ©uch gebrängt, ©udj »or mir ju redhtfertigen, über ©uer Sftun, fo brängt 
eS mich — " 

„Sa$u habt 3ftr mich) rufen taffen?" fragte SBiglaf ungläubig. 

„SaS nicht, aber weit ich fürchte, wir ftehen jum lebten 3Rat einanber 
gegenüber." 

©abwine hob ben Blitf unb lieh ihn prüfenb auf SBiglaf ruhen. ©S 
entging ihr nicht ein leifeS Beben unter beut fcftwarjen SJtantel. 



Känig Wiglaf. 


\ö\ 

„Stur nidht fo gebeimnißuod, Königin, bie ba braußen fernen es ntit 
ganj offen in baS Dljr, roaS mein ©dhicffal ift. Sttfo bann, weit es jum 
lefcten 2Jtal ift," fefcte et mit biifierem £of)ne ^inju. 

„Sch mödijt ©udf) nur fagen," begann ©abroine jögernb, „bafs idh bie 
Sodfe feinem Uubefannten fanbte — " 

„Sbr meint ben Sraurn, bie (Schlinge, bie Sh r um meinen 2 lrm 
raarft, bie bann mein ©dfroert gelöft. Sllroin bat ibjn mir treulidh berietet 

— fo t>iel gebt Sh r auf träume? (Seht Sh r / uub idh baffe fie," rief 
jefct SBiglaf, feine Stube oerlierenb, bie lügrterifdfien ©außer, bie oben 
6d)meid|Ier. SEaS haben fie mir nicht SldeS norgegaufelt unb gefdjmeidjelt 
non großen Saaten, oon 4 ?e[bentf)um, — ton Siebe — " 

„ 9 Iud) ton Siebe," toarf ©abroine ein, „unb nichts gehalten?" 

SBigtaf toar betroffen. „So 3 roid ich ni<f»t fagen, im ©egentbeil, nicht 
baß Sh* glaubt, bie 2BirfUd)feit bliebe jurücf bagegen, baS möcfit id& roabrlidb 
nidht, im ©egentbeil — " 

„D, idh terfteh’ ©udf) roohl," rtanbte ©abroine ein, „ber Sraum mar 
nur ein finblidher Sanb, roie ihn roofjl bie Siebter erfinnett jum Seit 5 
rertreib, gegen baS ©roße, roaS Shr bann erlebt." — 

„@anj fo!" fiel SEiglaf, fidhtlidh angejogen non bem ©efprädfje, ein. 
SEBie Sb* baS nur fo erratben habt." @r fab fie ganj erftaunt mit großem 
Slicfe an, „roie ihn root>[ bie dichter beringen." 

„Unb mandhmal, nidht wahr, in ganj füllen Städftcn, fieigen Re roieber 
herauf bie buftigen ©eftalten. Sbr lacht unb foft mit ihnen, unb roenn 3h* 
erroadht — bann — feib Sbr froh, Re los ju fein unb baS ,®roße‘ um 
©udh ju fehen, ju bem Sb r aufbtidfen fönnt. Stur bie unb ba, ganj um 
beroußt, ftreift (Such etroaS roie ein jartcr gliiget, roie eine, roeidhe £anb, 

— bann benft Sbr roieber ber Sräume. Sft’S nicht fo?" 

SEiglaf fühlte fidh non ihren SEorten mächtig gefeffelt. 

„©eltfarn, roie Sb r ba§ SIdeS errathet!" erroiberte er, babei 50g es 
ihn mit unroiberfleblidfjer Jtraft in bie flare Siefe biefer märchenhaften 
Slugen. 

„Unb Sbr habt roohl ähnlich gefühlt, Königin, — roie ein ff lüget, 
roie eine roeidhe Ißanb, — man roid fie feftbalten, brüdfen, fie verfließt 
roie Staudf). SticftS bleibt als — als bie ungeftidte ©ehnfudht. SaS 
beißt, früher roar es fo," fügte SBigtaf rafefj tjinju, ftdh geroaltfam gegen 
eine unerßärtidhe betäubenbe Umfdhlingung roahrenb. „Seht ift baS SldeS 
anbcrS, — überrounben, fann idh fagen — muß es audfj fein, ©mfte 
Singe treten heran, fe^r emfte, — bie baS ^edfehen bei Sage nidht ner= 
tragen fönnen." 

„gär einen SJtann, baS begreife idh roohl," erroiberte ©abroine, ber 
ber Sroiefpalt feines Qnnern nicht entging. „Stun benft ©udb aber ein 
SDtäbdhen, baS fern »on biefen ernften Singen aufroädhft in ftidfter 2Balb= 
einfantfeit, ihm jerfließen bie halben Silber ntdft roie ©udh in Staudj, im 



152 Unton Freiherr non perfall in 5d;liecfee. — 

©egentbeil, fie »erbitten fid5 roieber in gleifcfe unb ©lut, in Gütern, ba§ 
bann ber ifauber 2lHer fcfemüdEt, ba8 nidbt metir roeübt, baS fpridbt, ©lidfe 
taufet, jum wahren .fjetjengfreunbe wirb, ofene ben it>m ba§ Seben fdbaal 
bünft unb teer. 2lucf) fennt eS ba$ ,©rofee‘ nicht, mag gbr erlebt, null 
eS nicht Eennen, x»erad)tet e3 geraberoegg, jein heimliches ©Ifidf betraefetenb, 

— nun — nerftejjt mich roobl, — baS ©üb ift fertig in ber ©ruft beS 

•JJtäbdbenS, bis auf ben lebten ©trieb, ja, es ift fein ©üb ntebr, fonbern fdbon 
»oHeS Seben; ba fommt ein ©ote geraben 2BegeS aus bem Sanbe, beut ber 
botbe greunb entflammt, — fo fdbeint eS faft — unb mefbet fein Jtommen. 
gebe garbe, bie er braucht, jebeS 2Bort, baS er fiberbringt, ftimmt mit bem 
©übe, baS bie ©eele fidb gefdjaffen. ®a erfi erroadbt baS 3M>dben, baS 
big jefet felig in feinem ©raumfpiel mar, unb ftebt 2WeS leer ringsum. — 

gebt ift ber ©ote Stiles, ein ©beil »on ibm felbft, fein 9Bunb, fein Strm. 

gebe ©dbeu »erfeferoinbet — jebe ©Ute roirb erbört, am liebfien gab’ ibm 
baS arme flinb fein juctenb £erj jum ©fanbe mit, bafe er fein ©üb barin 
eingegraben fdbaue." 

Gabroine fpradb bie lebten SBorte in einer fcfemerjticfeen Gntrfiftung, 
bie ihre SBangen rötbete, — bann aber raf<b fab fie ihren gebier ein, — 
nodb ein ©eferitt roeüer, unb 2ltteS mar »ertöten, — fo raffte fie fidb mfib* 
fam auf. 

„2lber gbt b°bt fRedbt, Äönig 2Bigtaf, baS ju feören, b a ^ e i<h ©u<h 
nidbt fontmen taffen, üb wollt’ Gudb nur erflären, rote idb baju fam, 3ltroin 
eine Sodfe mitjugeben — " 

„Üinftatt ©ein judfcnb ^erj — " rief Sßigtaf, ber in roadbfenber Gr« 
regung jebem SBort gelaufcfet, roäbrenb »or feinen Slugen, in feinem gnnern alle 
©dbteier fielen, „Sprecht es nur aus, Gabroine, auf bafe idb mein ©üb barin 
eingegraben fdbaue. D roie feb’ i(b auf einmal Kar, roeit jurfief: idb mar nodb 
ein Änabe, — geroife, — ba fpielten roir jufammen am ©tranb beS 
UReereS, ober roar es Ifpäter? ga, je( 3 t erinnere idb midb, roie idb jum 
erften 9Ralc bie .fjatfe fpielte, — ba ftanbft ®u »or mir, gerabe fo — 
im blauen SRantel, — bis ber lebte ©on »erflungen — unb oft nodb in 
ftiCer ÜJiacfet — unb im 2öatb auf einfamem 9titt. — ©pradb idb ba»on, 
nannten fie es ein ©rugbilb ber ©inne, gaben bem beifeen ©lute fdbulb, 
baS idb jügetn ntüffe, meiner fdbroärmerifdben ©hantafie, bie fidb für einen 
ÜRattn nidbt jieme, bis idb £h or mich felber fdbämte unb julefet nodb ftotj 
roar über meinen unnatürlichen ©ieg. 2llS eS bann roieber auftaudfete 
baS ©rugbilb, roie fie eS nannten, bamals, als 3ltroin mir bie Socfe 
jeigte, — ba rife idb eS [mit ©eroalt aus bem fjerjen, »erböbnte eS, 
trat es mit güfeen, um es jefet oerflärt in ©ir ju fdbauen. Gabroine, 
gugenbtraum, ben ein böfer ©ott jerftörte, — habe SDtitleib mit meiner 
Dual." 

SBiglaf batte fidb il)r leibenfdbaftlidb genäfeert, fein Sluge btidfte roie 
im ffiabniinn. 



König tPiglaf. 


*53 


* 


©abroine fpradß nur baS eine Söort: „Srtjtßo!" 

Sa jucfte er auf unb roidß juriicf, tote oon einem Scßlage getroffen. 

„Srgtßo!" roieberßolte er bumpf. „'Du ßaß Stecht, — mein wunber 
ftopf — glaube mir nidßt — idf» fptedße im gießet — Seine SDiitbe — 
ber beiße SBunfdß, mich t>or Sir 511 redßtfertigen, läßt midß Singe fagen • — " 

„Sie eine neue ftränfung ßnb, wenn fie nidßt aus Eurem tiefften 
^erjen flammen," ergänzte ©abroine baftig. 

„Sarum madbt ein ©nbe, Königin," fagte SSiglaf mit gehäuftem 
2ltßem, „oietteidßt roirb, roaS 3ßr nur 3U fagen Ejabt, bie beiß erfeßnte 
Söfung bringen." 

„93ieHeidjt! ©5 liegt in Eurer £anb," begann bie Königin. „So 
ßört! 3Jiein SBolf, nidßt icb, oerlangt, baß $ßr ungefäumt ben 33cfeßl er= 
iaffet, bie 33urg ju übergeben. Sie SSebingungen, unter welchen es ge- 
icßeßen foH, ßabe i dt) mir oorbebalten. Steigert ftßt ©udß, iß Euer Scßicf; 
fal uuroiberbringlicß Sob — unb es ftefjt fdßwerlicß in meiner 2.ßacßt, ©ucß 
baoor ju toabren. gdß benfe, bie 2Baßl foü ©ucß nict)t fdßroer fallen, wenn 
3br bebenft, baß icb bie SBebingungen fteHe. SaS fyeft, baS mir ©udß ge= 
ftört, fott nur um wenige Sage oerjögert fein; oieüeicfjt labet $ßr unS 
felber ein baju, unb toaS mir mit 33 lut begonnen, enbet mit ÜJtufif unb 
Sans." 

Sßiglaf ßörte gelaffen ju unb fab mit mitleibigem Sölicf auf ©abioine. 

„Königin! $dß nieiß eS aus ©rfabrung, roie roeb es tßut ju fpotten, 
100 man oereßren möchte; erfpart 6ud) roenigftenS biefen Scßmerj." 

„Honig SBiglaf, $ßr irrt ©udb," entgegnete ©abroine. Qßre jarten 
fjänbe ballten ficß ju Rauften, itjr ganjer Körper erbitterte unter ber SBucßt 
beS inneren SßiberftanbeS. 

„Hönig Sßiglaf ftirbt," entgegnete ber ©efangene, fiel) ßodEiaufric^tenb. 
„SaS foü fein geft fein, baS alle Sßirrung [oft. Su aber ßöre tnicb. 
gcß liebte Sidß, eße idß Sidß gefeßen, aß’ mein Senfen unb Sicßten oon 
früßejler Hinbßeit an bift Su geroefen! .gebe glamme in mir, bie in 
toilber Soße aufgefdßlagen, ßaft Su entjiinbet ! 3> tc ^ nießt itod) einmal 
ben 9tamen Srtjtßo gegen midß wie ein Scßroert. — SBer wie icß bie Siebe 
nur als bunfleS Seßnen gefannt, ben fann 2lHeS täufeßen, was ißm toie 
fie gefleibet näßt. — 9tocß feße idß ju ißr auf, noeß lieb idß fie, niie icß 
fie geliebt, als mir fdßieben, unb mit meinem Sob’ löf’ idß ben Sdßrour, 
ben idß ißr gefeßtooren. Sie wenig Stunben aber, bie midß baoon trennen, 
foü fein grrtßum, fein Sßorrourf mir oergäHen. 21'eicß’ nidßt oor mir 
jurüdf. Su liebft midß, mußt midß lieben, unb war’ mein 2lnttiß fdßwatj 
oon Scßulb. ©abwine, es iß ja ju fpät jutn SBegeßren. Saufenbfacßer Sob 
roär’S, umfangen oon fo biüßenbem Seben 511 fterben, nur baS eine 2Bort 
gieß’ mit auf bie bunfle gaßrt, baS Sir fo oft im Sraum um bie Sippe 
fpielte. SenF, Su fpridßß es fdßon auf meinem ©rab — " 

Rorb unb ©Ab. XCVL 287. 


11 



154 


2Inton ^reifjert coit perfall in Sdjlierfee. 


SBiglaf, oon einer tjei^en 33 egierbe erfaßt, oon bem Seben noch ju 
retten, roaS noch 311 retten roar, fniete 311 ihren ftüßen unb füßte in roilbem 
Gaumet ben blauen Wantel, bie jittembe §anb, bie roie leblos in ber 
ieinen lag; — unb auf einmal umroaHte ihn non allen Seiten gotbeneS 
Sodengeringei, oerßüllte ihn ganj, unb in bem roie non fonnigem Sichte er= 
füllten hießt oerßüHten Staum um ihn beugte ftdh ein Sintiiß, jroei leucßtenbe 
Slugen, ein blühenber Wunb. — ®ie Sinne oerroirrten [ich. SBie h err= 
lidh ift bodj ber Xob ! Unb ber SJlunb nannte feinen Flamen. 

„SBiglaf, fomm’ ju ©ir! ®u hoft mit ©einem ©obeSroillen ©ir 
neues Seben erftritten. SBiglaf, ich liebe ®icß! 3 <h trage Schutt» unb 
Sühne mit ©ir. 3 $ fetbft roitt oor ©rptßo treten." 

©a riß ber golbene Soleier. 

SBiglaf fuhr auf, fah fidß oerroirrt um, griff ftdh an bie Stinte, blidte 
auf ©abroine. 

„SBie fannft ®u ben furdhtbaren Flamen nennen, ber midh fo grau; 
fam roedt, roie fannft ®u oon Seben fpredhen nadß biefer Stunbe." 

„SBiglaf! (beliebter! Sie bringt uns ja erft baS Seben, biefe 
Stunbe," flüfterte ©abroine, feinen Wantel faffenb, „unb feine Soßung 
fann uns jroingen, es in feiner golbenen ffttgenb fdjjon ju morben. Sieh 
midh an — fannft ®u midh fterben fehen?" 

„©abroine!" SBiglaf bänbigte mit bem leßten Aufgebot feiner Kraft 
bie Seibenfdhaft. „Kannft ©u midh ehrlos fehen, ein $oßn auf einen 
König — unb bodj noch lieben?" 

„Unb wenn ©idfj Sdhmadh unb £oßn bebedft 00m Sporen bis jur 
.fcelmfpiße — roenn ®u tnidh felbft barum fdhmähft unb höhnft — ich fann 
nicht anbcrS." 

©ie Königin lag jcßt oor ihm auf ben Knien. 

SBiglaf fdjauerte juriid, roie UnroiHe 30g eS einen Stugenblid h«auf 
auf feiner Stirne, bann aber blieb fein S 3 lid an ©abroine haften, unb es 
hellte fidh in feiner Seele. 

SIuS biefer rüdfichtslofen Eingabe, welche in biefem fnienben SBeibe 
ftdh auSbrüdte, ftrahlte ihm eine Siebe entgegen, gegen bie alle Kraft, alle 
fjoljcit ©rpthoS nidht bcfteben fonnte; nur als Sieger wollte fie ihn roieber 
fehen, fonft lieber tobt. ©iefeS SBeib 3U feinen Süßen roar bereit, Sdhmadh 
unb $oßn mit ihm 3U tfjeilert. 

SluS bent füßen fRaufcß biefer ©rfenntniß rang fidh aber eine anbere 
©infidht butdh — nur eilt SBeib barf fo lieben; roaS bei ihr ©röße, roäte 
beim Wanne feige Scßraädie. 

fßodh einen Stugenblid äögerte er, oon gualootlem Witleib ergriffen, 
bann eilte er gegen ben SluSgang 3U unb riß bie ©ede auf, bie ihn 
oerfdhloß. 


/ 



König IDiglaf. 


155 


2lm Sagerfeuer ftanb Aneurin mit ben gührem, rings im Kreife 
harrten in eljtfutchtsoollem ©Zweigen bie Krieget beS ÜtuSgangS ber Unter» 
rebung im 3«&e. 

©in brohenbes SJlurmetn ging burdj bie SJtenge beim ©rfdjeinen 
SBiglafS, eine heftige Seroegung. 

„Slneurin!" rief er laut, „unb 3fn Sitte hört! 3h* wollt m * r me i n 
Sehen fchenfen, wenn ich mein Soll nerrathe. Stimmer hätte fol<h’ fchtnach* 
notier Antrag einen KönigSmunb entweiht, hättet 3h* *hn ^ a 5 u 
jnmngen, unb fo fdjleubere ich ihn ©uch jurüd in’S Stnttife, bafi er bort 
als etter SluSfafc hofte, ber ©uch fennttidh macht für alle 3 e 't " 

SBUbeS ©etümmel erhob ft<h, SButhf^reie, SEBaffen blifcten, non «Den 
©eiten brang man auf ihn ein. 

„£ier fteht König SBiglaf, — thut nach ©urem SBillen." 

©r breitete bie Strme aus, ben DobeSftofj }u empfangen. 

Stneurin fprang fchüfcenb nor unb hielt bie SJteute ab. „3urücf! Der 
ijt ein lobtet, ber ihn nur berührt. 3<h ftehe für feine $aft. Das 
SBeitere befiehlt bie Königin." 

Knurrenb wie ^unbe brücften fre ftch; — 2lneurin führte SBigtaf in 
fein 3ett. 

Dell, ber, ©dhtimmeS ahnenb, in baS 3elt ber Königin eilte, fanb fie 
regungslos am Boben neben ber fjfeuetfteHe. 

V. ©apitet. 

< 

$n ber ginnburg herrfdjte bas brücfenbe <SdE>tt»etgcn ber £offnung8lofigfeit. 

Der König gefangen, bie beften gelben gefallen, bie Burg non einem 
täglich tnadjfenben $eer umlagert, baS offene Sanb bem fjeinbe preis= 
gegeben, roaS halfen ba bie grofeen Söorte SlefcEjereS, ber bem Blutbab bei 
bem Kiefernhol} glüdlidi entronnen, iefet trofcig fchrour, bie Burg }U hotten, 
«nb wenn gan} Britannien fegte. 1 

2Wa§ man bo<h ihm bie ©dfjutb an bem gan}en Unglüct bei, ihm 
unb SCrptho.- 

©r gab König $inn ben oerhängnifjootten Statt», um bie Britin }U 
tnerben, fie nerleitete ihn, non geheimer Begierbe getrieben, }um SBortbrud», 
ber ber Sfolafj mar beS Krieges — unb iefct — fafjen fie oben in ber 
Burg beijammen, in bie garbe ber tiefften Trauer gefteibet, unb brüteten 
über irgenb ein anbereS Unheil. 

SJtan hotte lein Bettrauen mehr, es tarn nichts ©Utes non ben 
Beiben. Stuf allen ©efichtem lag ber Unmutl;, unb baS Beroufjtfein, nicht 
für baS Ste^t }u fämpfen, lähmte jeben 2lrm. 

Die ginnburg mar non ber ©ee aus nicht oöHig ab}uf<hliefjen. ©elbft 
einft ein ©eeräuberneft, bot ein ncohlberoachter, burdi ein eifernes gaHtljor 
}u fperrenber ©anal ©djiffen Durchfahrt bis in baS innere ber Burg. 

11 * 



156 21nton ^tcitjett t>on perfall in Sdjtierfee. 

Soch biefer Sorjug ^atte auch feine ©efaljr. STägtid) fam ein gahr= 
jeug mit flüchtigem Sanboolf, bag Schuft in ber Sutg »erlangte, unb mar 
aud) jeber Statut erroünfdjt, fo bocf) meniger SBeib unb Kinb, bie mit ifim 
tarnen. 

Sdjon fel)lte Saum unb Stabrung in ber bicfit gefüllten Surg, unb 
Äratif^eit aller 2lrt brot»te ein fchlitnttterer geinb ju merben, afg ber »or 
ben Stauern. 

Sdilimme Sporte brangen herauf ju Srptljo, »on Uebergabe, frei* 
mittiger Suffe, fdilimmere uod) — König Wiglaf foüe feine ©efangenfthaft 
nüften, bag Unredjt gut machen, bag er ber SBritiu jugefügt, nnb bamit 
fidj felbft unb fein Soll »or bent Untergang retten. 

^a, eg ging ein bunfleg ©eriidjt »on einem ähnlichen Serfudj ber 

britifd^en Königin, auf biefe Sßeife ben Krieg ju enben, ber if>r felbft längft 
jut Saft fei. 

2lu<h biefeä blieb Srptho nidjt erfpart, 2lefdjere mar eg, ber eg ihr 
juerft ju Dl)r brachte, unb eg entging ihr nidjt bie heimliche greube, 
mit ber er e§ that. 

©rft hatte fie nur ein »erädjtlidjeS Sädjeln bafiir, at§ aber Slefdjere 
immer Seueg barüber ju berichten roitBte, »on einer geheimen 3 u f an,mett5 
funft SJigfafg mit ber Königin, »on ber man im Säger braufjen raune, 

ba brach fidj mit einmal 2ltteg in ihr Sahn, mag bie Siebe higher ge= 

bänbigt. 23ie eine fffatnme fdtofj ber $ah empor gegen biefeg SBeib, bag 
ihr ben ©eliebten rauben roottte. Stoch ntar fie in ihren Singen bie einzig 
«Sdjulbige, roehe, menn er eg auch mar, — bann fühlte fie etroag noch 
Unberührteg, gurditbareg j n ^ rer tiefften «Seele, an bag fie noch nicht ju 
rühren roagte. 

3lber unmittfürlich fcfilofj fie fidj enger an 9lef<here an. ©alt eg mirf= 
lieh bag Sleufjerfte, Unglaubliche, bann mar er ber einzige Staun, auf ben 
fie fidj »erlaffen fonnte. 

Unb 2lefdjere nfifetc feine 3eit. Stit menig SBorten befchmor er Silber 
herauf aug beni britifeben Säger, bie in Srqtho bie üppigfte Sottenbung 
fanben. 

Saher bie SBaffenruhe feit einigen Sagen! Unb jeber geuerfchein, 
ber »on braunen hereinficl, fchuf ihr neue Qualen. 

Sag mufete enben. ^eute 9tadjt, furj be»or ber Storgen graute, 
mottte fie felbft ben allgemeinen SInSfatt leiten, fo bringenb auch 2lefchere 
bie £ilfe aug 2lugetlanb abjuroarten rietf), bie er täglich ermattete. 

Srptho hatte fidj gerüftet. — Sag blaue Sanb um bie Senben erfe^tc 
jeftt ein Sebcrgürtel, ber ben SmiS« fdjlofj, bie mäbdjcnbaften 3öpfe maren 
»erfchmunben, unter ber faulte aug ftählenten Kettenringen, fdnniegfam mie 
Seibe, quoll bag 3totf)haar (jeniot, ein troftiger 3 U 3 fpiette um Stunb unb 
Safe, unb an ben uadten, mit Stahl gefdjienfen Sinnen fpannte männ* 
liehe Kampfluft jebe Stugfel. 



König IDiglaf. \57 

®ie «Sonne wollte heute nicht finlen, bie 9iacf)t nidjt Ijerauffteigen aus 
bem SJteer. 

2BaS hatte fte nicht MeS gelitten fett bem SttuSjug SBigtafS, unb 
bod) war MeS nichts gegen biefe Stunben. 

©ine furchtbare Klarheit fam plöhlicfj über fte. Sie faf) Söiglaf als 
blonblodtigen Jüngling, wie fte ifjn juin erften 3)tal gebaut. ©amalS 
flieg bie Stötfee ber Scham anf ihre Stirn über baS ©efüt)t, baS fiel) in 
i£)t regte. 3efjn 3 a h re war fie iljtn SJtutter, unb er fab ju if)r auf wie 
ein Kinb, fein unreiner ©ebanfe trübte feine Stirn, unb feine SfeinEjeit 
reinigte fie felbft. ©ann fam bie oerhängnifeoolle Stnnbe am Sterbebett 
beS Königs. 

SBigtaf war empört über ben 3wang, ber feinem ^erjen angetljan 
würbe, empfattb eS als Schmach, oerhanbelt ju werben wie ein Kneift, ba 
gab ihn ber fterbenbe d'ater frei, nur um ihm neue Jeffeln ausulegen; bodh 
bie er fab, erfreuen if>m rofig gegen bie unbefannten, bie ibm brolRen, 
unb unerfahren in ber Siebe, ihre edbten Stersücfungen nicht fennenb, non 
bem Sterbenben bei bem föeiligften befehworen, hielt er oiclleidjt wirflidh 
für Steigung, waS nur Ehrfurcht, nur finblidje Siebe war, — unb fie blieS 
auf ben jarten Junten unb fetjte fein junges £erj in unnatürlichen 33rattb. — 

©ann erfdheint fie ihm. Die Jugenb, bie Söliitfie, im nollen ©lans 
beS Sieges, ihm, bem Söefiegten, unb fie reid)t ihm bie rettenbe £anb, fie 
giebt ihm 9tQeS wieber, was er oerloren, unb fid) felbft baju. Sticht bie 
Stäche, bie Siebe hat fie feergetricben, oerheifeungSoolle träume, fein Silb, 
baS fie nicht ruhen liefe. ®ie er »erfdhmäht, oerhöhnt, ber er Krone unb 
Seben fcfeulbet, fleht im oollen Steij ber Jngenb oor ifem unb fleht um 
feine Siebe, — unb ©rptf)o ift uergeffen, oerratfeen, — ber Siettung feines 
SlolfeS geopfert, wirb er fagen, — ©rptho ift nur mehr baS broljenbe 
©efpenft, baS a?erhängnife, baS feinen Fimmel ftört. 

®ie Königin ftanb an bemfelben Jenfter, oon bem aus fie SBiglaf 
julefet erblidt, unb wieber ritt er jurn ®E)or hinaus, oom Jeuerglaft um* 
wallt, unb winfte ihr ju. 

®as S3itb ftadhette noch ben wilben Schmers. Erft fanf fie in bie 
Kniee urib fdbludbjte laut, bann fprang fte auf unb fdhüttelte bie Jäufte 
bem feinblicfeen Saget ju. 

So will idh es audh wirtfidh fein, ©ein SJerhängnife, ©ein brohenbeS 
©efpenft! Stimm nur ©einen Fimmel in 2Idf>t, SBigtaf! 

Jit biefem Slugenblid trat Slefdiere ein, gefolgt oon einem Krieger, 
beffen rotfeer Spifcbart aus bem ©unfet ber Jlur leuchtete. 

„©ritt näher, Dwein, unb utelbe ber Königin ©einen Mftrag," fagte 
Slefdhere. 

©rptfeo judtte auf. „Dwein aus bem britifdjen Säger?" Sie eilte 
bem Eintretenben feaftig entgegen. „Jfet bringt mir Kunbe oom König? 
— Kranf? 2Bie Sh* blieft! — SdjlimntereS? — tobt?" 


f58 Jtnton jJreiljerr pon peifall in Sd}lierfee. 


„SBenn’S nach tfmt ging, roär 1 efs," erroiberte Droein. 

„tttach iljm ging? — @r fu<f)te ben 5£ob? ®as rootlt’ Sßt bo<h 
fagcn. — Unb wer hinberte ihn baran? — Sprecht bo<h'. (Sprecht bodjt 
— 3lu8 ©raufamfeit rooljl, um ifjn für Schlimmeres aufjufparen? — 
@ure Königin?" SCrptbo glühte. 

„3hr ratljet gut," erroiberte Droein mit »erftecftem Spott. „3Jleine 
Königin reut fein junget SBtut — " 

®a lachte £rptho auf. „9ta<h bem fie fchamtoS girrt, bie tüfleme 
£aube — " 

„Herrin, roollt’ 3hr meinen Auftrag hören?" fagte Droein brohenb. 
,/Jiur ju! Dbroofjl ich ii)n mir benfen fann." 

„Unfer ganjeS $eer »erlangt, baß König Sßiglaf ben Befehl gebe }ur 
Uebergabe bet Burg, — ober mit feinem £obe ben greoel ffifnte, begangen 
an unferer Königin, eabroine, abfeinb jeben BlutuergießenS, ftellte ben 
König »or bie 2Baf)[, — jugteid) im gatte ber Uebergabe ntilbe Be* 
bingungen »erfprechenb. — 

£rptho hörte bem Boten in jittember erregung ju, sroifcßen gurdjt 
unb Hoffnung fdjroanfenb. ®ie testen SBorte DroeinS liefen fte baS 
Schlimmfte fürsten. 

„Unb ber König?" fragte fte, nach gaffung ringenb für ben furchtbaren 
Slugenbticf, ber jefet fommen mußte. 

„SBäfilte ben £ob," erflärte Droein. 

„®en 2:ob?!" rief Slrptho jaudjjenb. „D, mein $etb, mein König!" 
fDann faßte fie fi<h mfihfam. „Unb bie Königin?" 

„3)ie Königin fenbet mich ju ®ir, ob $)u nid^t, befferem 9?atf) folgenb, 
bie Burg übergeben unb fo fein Seben retten roittft, roiber fein ©ebot. 
Bis morgen Slbenb läßt fie ®ir grift, bie Schwere ®eineS GntßhluffeS 
ermeffenb. gft bie Burg bis Sonnenuntergang nicht übergeben, fällt König 
2BiglafS ßaupt." 

SCrptjjo juchte mit feiner SBimper, im ©egent^eil, ein freubiger 2tuS= 
brucf jeigte ftch auf ihrem 2tntlifcc, ben Droein fidj nidßt erf täten fonnte. 

„Unb gfjr glaubt roirflicf), baß bie Königin ihre Drohung erfüllt, — 
unbarmherjig? — " 

„Dhne gweifet, roenn ghr nicht f lüget feib als er. — " 

fCrptho athmete roie erleichtert auf. „Unb bis morgen höhe ich §rifl — " 

„Bis morgen um Sonnenuntergang." 

„®ann — bann banf’ ich ®u<h, &err, ich werbe baoon ©ebrauch 
machen. Guter Königin meinen f<hroefterli<hen ©ruß. gßre 9ttitbe roirb 
ü>r Segen bringen — ich — i<h werbe mich nicht oerfäumen, »erlaßt 
Gu<h barauf." 

£rptho lächelte gnäbig. 

„Unb fonft höbt gh v wir nichts mitjutheilen, nichts BeftimmteS?" 
fragte Droein. 



König IDiglaf. J59 

„SBie g() r i«9t, hat bic Königin fetbfl bie ©cfjroere meines SntfchluffeS 
geroiirbigt," erElärte ©rtjtho. 

„Studh nicht für König SBigtaf?" fragte Dwein weiter. 

„93iS bte ©onne roieberum fdj eibet, wirb er oon mir hören. SBenn 
3i>r ihm baS fagen wollt." 

©ie oerabfdhiebete ben erftaunten Voten mit einem Zeigen bes £aupteS, 
baS jebe roeitere grage auSfdhlofj. ©er SBote ging. 

Kaum hatte ficb bie ©hüte hinter ihm gefdhtoffen, wanbte fte fi<h 
triumphirenb an Sfefdhete, bet gehliehen, „föaft ©u es benn gehört, unb 
hift nicht in ben Voben gefmifett oor ©chatn? Sr roähite ben ©ob, — unb 
Sabroine, fein Siehdijen, wie ®u geträumt, fieht geiaffen fein &aupt fallen." 

„©etaffen?" warf Siefdjere mit fühfern ©potte ein. „SBenn fte jum 
urirEfamften SJtittel greift, ihn ju retten, fein Sehen in bie &anb feiner 
Eöniglichen Vtaut fegt, nennft ®u baS gelaffen?" 

„O, ©u ewiger SBüEjier, ber in ber fcEjönftcn grudjt einen SBurrn 
finbet! ©o nenn’ eS wcnigftenS groß, was fte tl)ut. 2lu<h bas nicht?" 

„Stur Eiug. $aft ©u benn nadf» ber Vebingung ber Uehergahe gefragt? 
SBaS bann gefdjehen fott?" 

„Stein, baS E>ah’ id) atterbingS nicht. 2lher waS foü bann gefdEjetjen ? 
Sprich bo<h!" 

„SBaS immer gefcE)icE)t, wenn man fiegt, man entfernt uor Sittern bie 
Uriache beS Krieges unb erfüllt feinen SBitten, ben burdhsufeßen man aus* 
gesogen — " 

©rptho fdfjraE auf. ©aS war’ in biefem gatte?" 

„©ie Utfadfje beS Krieges! — ©rptho! — ©ie Srfüttung feines SBittenS, 

— bie Vermählung Sabwines mit SBiglaf," entgegnete Siefdjere Eait. 

©od) ©rptho lachte nur höfmifdj. „Statürlidfi, baS mußte ja Eomtnen 

— nur SinS haft ®u oergeffen, bah ein SBeih, baS lieht, unb baS wittft 
©u bodj fagen, nie unb nimmer baS Sehen beS ©eiiehten auf ein fo ge* 
roagteS ©piei feßt. Verweigere ich bie Uehergahe, fo muh SBigiaf fterhen 

— unb Sabwine ift Königin unb weiß, baff i<h fie oerroetgere — " 

geßt war baS Srftaunen an Siefdjere. 

,,©u wäreft mirflidE) entfdfjioffen, SBigiaf ju opfern? Sr ift geopfert, 
unrettbar — " 

„D ©u Kleinmüthiger," erwiberte ©rptljo, „haft ©u auf ben SluS* 
fall heut Stacht fefjon oergeffen? SBeniger a(S je werben fie ihn jeßt erwarten, 
auf biefe Votfdjaft. (Sr hat ben ©ob gewählt, Sfefdjete, ich will jebetu 
Krieger bie Kunbe in'S Dßr fiüfient, unb wenn fie nicht aus jebem einen 
gelben madjt, will ich felhft nicht mehr Königin ber griefen heißen. Sitter* 
bingS, auf ©idh fdheint fie nicht ju wirEen, Slefchere. SBenn ©u ihn 
auch haffeft, ®u mußt ihn bodh hewunbern — " 

Slefchere fenEte ben ViicE unb hih ftdh auf bie Sippen, währenb tiefe 
galten feine ©time runsetten, bie fchweren inneren Kampf oerriethen. 


160 2Inton Freiherr rert perfall in S^Iietfee. 

„Sleibett wir bei bet Sadje, Herrin," ermiberte er, „ber SluSfall 
würbe baS Sdbidffat beS Königs nur befcbleunigen, auch als Sieger würben 
wir bödbftenS feine Seiche fiitben, unb ich will mehr als ihn bewunbem, ich 
wiH i!ju retten, ben Sohn beS Königs ginn." 

,, 9 fefdiere, auf ben Knien wiH id) ®ir Stiles abbitten, was ich je non 
®ir Schlimmes gebacbt, ®u foUft mir ber Städbfie fein an meinem 
nidjts fei ®ir nerfagt, was ®ein Gljrgei} roiinfchen fann, unb nun 3Ctg’ 
mir ben 2Beg, wie id) SSiglaf retten fann." 

„Unb wenn id) ifm ®ir jeige, wirft ©u midb non Steuern freiten." 
„Stimm meiu SSort ;um fßfanb, baß idb ei nicht tbue." 

„Slieiu ©laube ift, bafj gemanb im britifcbcn Säger niel brum gäbe, 
wenn König SSiglaf eines ScacbtS »erfdjwunben wäre — " 

®rt)tbo wagte ben Statuen nidtjt 51t nennen, ber ihr auf ben Sippen lag. 
Slefdjete tbat eS: „Gabwine!" 

„®u nteinft, baf; fie nur bem gwange folgt unb bem banfbar wäre, 
ber ibr EjiniiberljtUfe über ihren UrtbeilSfprucb, ber ifjn befreite, — aber wie 
— wie — ©eroalt bringt nur ©efabr, ©n bjaft e§ eben felbft gefagt, — alfo 
Sift! — SJtein ©oft, wie fann ein 3 Seib, baS liebt, nur fo einfältig fein — " 
„Gabwine mü fite auSgeforfcbt unb, wenn geneigt befunben, beftimmt 
werben, felbft ihre £>anb 51t bieten }ur Ijeimlie^en gludbt bei Königs, — " 
erflärte Slefdbere, „fie fann ein ge ft feiern, baS bie SBadjfamfeit »erminbert, 
fie fann bctt ©efangenen an einen Sßlab bringen lajfen, ber einen Ueberfall 
ermöglidjt, einen ganj ftiilcn Staub nieHeidit. ©er Stcft ift Kinberfpiel, 
wenn ber rechte Sltann ficf» finbet, ber jur Königin ju gelangen unb ifjre 
©efiitnung ju ergriinben weiß." 

©rptbo batte Stefcfere mit unheimlicher Spannung jugebört. „Unb 
wenn ber rechte Sltann ein SBeib wäre?" fragte fie plöfelidf». 

„Gin SBeib!" erwiberte Slefdjere »erächtlich, „fieb ®ir nur ben 
winfelnben Raufen an, ber bie ganje ginn bürg füllt, unb fucb’ eins heraus." 

„gm Raufen wirft ®u ei nicht finben, baS glhub’ ich felbft, aber 
»ieHeidjt über bem Raufen. SBenn ich felbft ei wäre — " 

Slefdjere wich einen Sdjritt juriicf, fo padfte ihn bie Grflärung, unb 
fcfjon batte ©n)tl)o ben ©ebanfen mit ihrer ganjen Seibenfchaft ergriffen, 
„geh uerfteb mich barauf, mich fo, ju nerfteHen, baf; ®u felbft mich nicht 
erfennft. gn meiner gugeitb trieb idj’S oft im Spiel, geh fdbleidbe mich 
in’S Säger als Settierin, als jufunftsfunbige ÜBeiferin, gleidwiel, ich taffe 
mich fogar not bie Königin bringen! D idb will fie prüfen, bah feine 
gälte ihres falfcben lierjenS mir »erborgen bleibt, geh will baS üDtitleib 
in ihr weden, Siebe ju SBiglaf, $ah gegen ©rtjtbo, MeS will ich tbun, 
ben ©ob erleibett, nur ihn retten, unb mär' eS, um auf ewig ihn ju »er* 
lieren. Sliadh’ feine Ginwenbung, ber Pan bat mich fefjon ganj burchbrungen, 
unb beut noch führ* ich ihn aus, gleich jefet. — 2 BaS ftarrft ©u benn fo 
feltfam?" 



K5nig tütglaf. 


\ 6 { 

„gd) ftauite btol über ©einen 9)iutl). SBerfief)’ mid) red)t, nidjt über 
ben, ber ©id) mitten in’l feittblidje Säger füi»rt, I)i(f(oä unb allein, bett 
fannt’ icb längft; über einen anberen, STrrjttjo, über ben, ber füijn einen 
©djleier lüftet, hinter bem @d)limmerel lauem fann als ber ©ob," be* 
merfte 2 lefcbere. 

©rtjtbol Sruft ging bod), il;r ga 115 er Körper fpannte fid). „Sßeifjt 
©u benn, ob el nidjt gcrabe biefel ©elüfte ift, bal ntir ben üi'utb giebt, 
Mel ju rangen, ©od) mal fann ©idj bal fiimmern, roenn idj ’1 nur 
»ollbringe. SBil jur 3J?orgenbämmerung bin id) jurücf, ober idj tfjeile bal 
Sool bei Königs. Seb’ raoijl, Stefd^ere. Gl ift »ielleidjt bal lefete -DJal." 

©ie reifte ifjrn beraegt bie iga nb. 

Unb ber ©dpneigfame ftürjte nieber auf bal Knie unb füjjte fie. 
,,©rt)tbo!" gebe .gärte raar aul feiner ©timme geraidjen, unb bal falte 
Mge mürbe feud)t. „-Dtan fcfjilt mid) raub unb hart unb noü ber 9iänfen. 
9Jiemanb liebt mid), unb id) felbft fann nidjt lieben, mal grauen lieben 
nennen, aber ©reue Ratten fann icb unb fterben, roenn ’1 9tott) tfjut, für 
bal, mal id» all groß erfannt. ©eb’ an ©ein 2Berf, ©11 f)aft bie Kraft, 
el burdijufeßen, unb raenn bie (eßte Hoffnung oerfagt, raenn Mel ©id) 
»erläßt, ftebt 2 lefd)ere an ©einer ©eite." 

Gr brüdte bie £anb ©rptbol an feine ©time. > 


gn ber Kammer ber Königin breitete fid) furj batauf unter ben 
gefdjäfttgen 4 ?änben jraeier »crtrauter ©ieucrinnen ein feltfamel SSerf. 

2 lul ber hoben ©rptljo raarb ein 39ette(raeib, bal feine müben ©lieber 
in fdpnufcige Surnpen bullte. Gin rotbel ©ud), raie el bal rubelofe i’olf 
bei ©übenl trug, bal bann unb mann sauberifdje Kunft treibenb, bal 
Sanb burcbjog, bebedte bal tgaupt unb barg bal üppige &aat, ein grober 
©ad, gefüllt mit ärmlichem Kram, beugte bie ftoljen ©djultent, raäbrenb 
ber garbenftift jebe eble Sitiie bei Mtlißel iit’l ©egentljeil »erfebrte, — 
ben freien 9J?utb in falfdbe ©üde, ben offenen flaren Sölicf in lauernbel, 
»on bidbten SBrauen befdbattetel 33linjetn, bie blüfjenbe garbe bei Sebenl 
in bie graue ber 9iotb. 

©0 »erroanbelt beftieg ©rptbo im ©djuße ber 9iad)t ben Kabn, ber 
fie aul ben 9 J?auetn ber ginnburg bringen foHte mitten in’l britifdje 
Saget. — 


"VT. Gapitel. 

Gabroine raar ratbtol. gbre lebte Hoffnung raar ©n)tl)o. ©ie raoHte 
ihr Mel »ergeben um bie Siettung SBigtafl. ©ie Mtroort, meld)e Oroein 
aul ber ginnburg braute, empörte fie. 

9htr eine ©tunbe jögcm, raenn el bal Seben bei ©eliebten gilt, bal 
Seben einel SBiglaf, überlegen, grift »erlangen! ga, fo bacfjte fie fidb biefe 



{62 2lnton ^leihen oon perfall in 5d)lierfee. 

Sbrytho, ein 9J2annroeib, fiahlgepanjert innen unb aufjen, iebet weiteren 
SRegung iinjugänglid^, unb an biefeS SEeib fott ein SBiglaf ftd^ ewig binben 
in ungtüdfeliger Verirrung, ein £erj ootl glü^enbet ©mpfinbung, hingebenber 
Siebe, geraffen ju beglücfen, biefem Söeibe fottte fie weichen, bie iEjn un* 
beraubt im $erjen trug, feit ihren Kinberjahren, bie er wirflidj liebte, nicht 
erjwungen, in einer bunflen ©tunbe überrafdjt, geblenbet, irregeführt, bie 
bereit mar, nid^t nur eine alte Vurg, fonbem Krön’ unb Seben freubig 
für ihn hiujugeben? s Jtein, ein unnatürlicher freoel wär’S, ein begünftigter 
betrug, unb nur Pflicht ifi’S für fie, il;m ju mehren. 

©o rifj ©abwine bie lefcte ©chranfe nieber, bie fie nod» non Söiglaf 
trennte, ©r gehörte ihr nach jebem heiligen ©efefc, unb eS erfdjien ihr non 
biefem 2lugenbli<fe an ebenfo wibernatürlich, ihn SCrytho auöjuliefem, als 
ihn in ben £änben ber Krieger ju taffen, bie ftünbtidj feinen £ob oerlangten. 
Sber wie ihn retten? 

3hre Ärone bafür bieten, arm unb machtlos mit ihm weiterjiehen, 
in ein fernes Sanb? Auch baran badjte fie fdjon. 

Aber fie werben bie Krone nid^t nehmen unb er lieber ben SEob er* 
leiben, als folgen Ausweg wählen. 

Offen oor bem &eere ihre Siebe befennen, ihm bie £anb bieten, bie 
er fd)on einmal auSgefdhlagen? ©r wirb fie noch einmal auSfdhlagen, nur 
um ben ©djwur nicht ju brechen, ben er £rytho gefdjmoren. 

©o blieb nur ©ineS, »on £rytbo felbft bie Söfung forbent. — 2)aS 
wirb fie weigern, ©ie jwingett! Unterbefc fällt 2BiglafS £aupt. 

@S gab feinen Ausweg mehr. ®er lefcte, ben fie in ber &erjenSangft 
gewählt, bie Auslieferung beS Königs an Srytho gegen Uebergabe ber Vurg 
war für ihn, nach bem, was ficb in biefem 3elt ereignet, fchlimmer als 
ber Äob, er würbe ihr einft nod) fluchen, bafj fie ihn gewählt. Unb jefct 
begann bie gefürchtete Aad)t, bie lefete oor bem furchtbaren, Unabwenb* 
baren, bas ft<h in ihrer nächften Aähe ooKjiehen foHte. 

0 welcher £>of)n auf biefeS hohle Königthum, baS ihr nicht einmal 
bie 3Jtadjt lieh, ihr SiebfteS ju wahren, baS fi<h prunfhaft in ftarre formein 
unb Vegriffe fjüllenb, blühenbeS Seben morbet. 

®raufjen im Säger bereichte frohes Treiben. ®er 2Rfif}iggang, bie 
©idjerheit beS ©rfolgeS hatte bie ftrenge 3ud)t gelodert, oieHeicht erhöhte 
auch bie ©rwartung beS morgigen blutigen ©djaufpielS bie allgemeine 
freube, nicht alle STage lieht man einen König fierben. 

©in fettfamer ©infall fam ihr. SBenn fie fich barunter mifchte, burch 
ihr fefttid)eS ©rfcheinen bloS, bie frohe Saune ju witber Suft entflammte, 
bie baS ganje Säger bann im flug ergriffe, jebe Vorftdjt fch wachte! Unb 
was bann? SBarum ftocfte ber ©ebanfe, ber fie fo mächtig gepacft ? — 
Dann, ihn befreien, ben 2£eg jur flucht öffnen. Sßomit? Ohne £ilfe, 
ganj allein, mit biefen fleinen weihen &änben? ©Ieichoiel! Vielleicht ift 
ber 3 u fafl günftig, oielleicht. Oft fdion erprobte fie bie 3Jto<ht ihres An* 



König IDiglaf. 


*63 


6 tiefe« auf bie rohen SDfaffcrt, unb fte roiH fid) fchmütfen, at« ging’« jutn 
$o<hjeit«feft. Qugenb, Schönheit, jeber 9ieij, ber nur ifjrn erblüht, fott ihr 
bienen, wenn itid^t bie ßerjen, fo boefe bie erfjifeten Sinne ber Krieger ju 
gewinnen. SBa^re Suhlfünfte will fte treiben, 2Bein fott in Strömen fließen, 
bi« ba« ganje Säger in trunfene Suft oeriinft, unb bann roirb oietteidit 
bie Siebe fte führen. 

©abroine glühte je|t für ihren ißlan, ber ihr neue Hoffnung gab. 
Sie liefe ®eli fommen. 

@r fott ben Führern fünbigen, bafe jte ben Kriegern ein 3iacfjtfeft 
bieten motte ju geier be« grofeeit Siege«. 2Bein unb 2Jieth fott gereift 
werben nach Selieben unb reichfie SKahljeit, ber Solb nerboppelt für ben 
heutigen ®ag. Sie felbft, bie Königin, raerbe in einer Stunbe jutn geft 
erfdfeeinen. 

®eti mar fpradjlo« oor ßrftaunen, ja, er roagte bie fd)üd)terne @in= 
wenbung, e« fei wohl bie tefete 9iad)t für ben gefangenen König, — unb 
ber Schlaf ihm roohl }U gönnen, — ba fuhr fte jornig auf, er fotte thun, 
roa« feine« 3tmte« fei, nicht urtheiten. 

Kaum mar ®eli fott, rief fie ihre Wienerin, fie umjufteiben. So 
roäfelerifd) mar fie nodh nie. SEcxhrenb fie fonft bie Schlichtheit liebte, ba« 
reinfte SBeife, ba« jartefte Stau, mar ihr jefct feine fyarbe fräftig, fein 
Sdpnud foftbar genug — ja, roa« bie Wienerin am meiften befrembete, 
Sinn unb Sladen, fonft feufdh oerhüttt, fottten je*jt entbtöfet ber 9ta<htfälte 
trofeen. — 

3ulefet glich ne einem ©öfeenbilb in bem fdjroeren Sßurpur, ber ihre 
jarten ©lieber brüdte, rcährenb breite ©otbfpangen ben rofigen Slrm prefeten, 
bie feinen Sittien be« jungfräulichen &alfe« unter ber Saft eine« plumpen 
Sdjmude« ftch beugten. Sa« feibene $aar aber, ba« fonft im freien glufe 
bie Schultern umroattte, prefeten reich mit blifeenben Steinen befefete 
Schneden au« ©olb an bie burdjfichtigen Schläfe. 

Sie erfchraf, al« fte ftch not bem blanfen Sd>ilb betrachtete, über ihr 
»eränbert SBefen, aber wie fie ba« witbe ©ejaudjje remahm, ba« ft<h eben 
braufeen erhob, roohl auf bie Kunbe ®eli«, bie ftef) im Säger oerbreitete, 
mufete ne fidj fetber loben. 

©ben wollte fie, um ba« Silb ber Krieg«göttin ju oottenben, ba« furje 
Schwert in gotbener, mit Steinen befefcter Scheibe umgürten, ba hob ftch 
au« bem Särnt oor bem 3elte eine fdheltenbe SSeiberftimme. 

„3fl ©u<h roeifee« |>aar nicht heilig, fredhe« ©ejücljt! Sott ich 6udj 
ben 2lu«fafe anroünfehen unb Sßein in ©ure Knochen?" 

Schattenbe« ©elächter. ©ine SJiännerftintme: „Sdjlagt fie tobt, bie 
alte Settel." „®u mich tobtfdjfagen? Seht ihn 6ud) einmal an, ben 
Suben! Könnt’ Qh* tefen, ma« ihm im ©eficht gefchrieben?" „5ta, roa« 
benn? So« mit ®einer 2Bei«heit!" „6r roirb bie Sonne nicht mehr 
fefeen," flang e« im fettfam feierlichem ®one. — ®a« ©elächter ftang nicht 



2Inton ^reifyerr oon pcrfaü in SdjUerfee. 

mehr fo »oU. „Hub roaS fiet)t beim mir im ©efidjte?" „Unb mir — mir?" 
,,©ie 2ltte f)at 9 {ed)t, mir merbeit Me bie Sonne nicht mehr aufgeben 
felien cor lauter ©uff." — ©ofenbeS ©elädjter. ,,©ie »erftel)t ben gauber, 

— (aßt fie leben!" „gührt nticb jur Königin! ©aS fteljt ©u<h beffer an, 
als müfeige fragen. g<h Ijabe Votfhaft für fie, bie itjr mehr merti) ift, 
als ein £unbert »on ©u<h Schreiern." „heraus mit ber SBotfdjaft! 
prügelt He itjr juin £ats heraus." „ 2 ßir braunen feine Söotfd^aft! ©aß 
fie unS baS geft »erbirbt mit ihrem ©efidjteriefen." 

©abmine hatte gefpannt jugehört. 

©aS 2Sort „Votfchaft" hatte fie gefeffelt unb töfte eine Keijje oon 
VorfteHungen in ihr aus. 2lls fid) jefct ber Santi ju oerjiehen fd)ien, 
fdhidte fie rafch eine ©ienerin hinaus, bie grernbe, bie ben Stuftauf »er* 
urfadjt, foU unoerjiiglicb »or fie gebracht merbeit. 2BaS fie auch 5 U bringen 
hatte, in biefem 2 lugenblid fonnte baS ©eringfte oon 9tufcen fein. 

Siafdj roarf fie noch ben -Kantet über, als fdjiimte fie fid) ihres auf* 
bringtidjen ipruiifeS felbft »or einer SSettferin. 

©a trat fdjott bie ©ieuerin ein, gefolgt »on einem SBeibe, bejfen 
9luSfef)en mcnig Vertrauen 3 U ber Votfdjaft medte, beren Ueberbringerin 
eS fein mottte. 

Stuf einen Stod geftü^t, meit »orgebeugt, bafj bie fdimuhig grauen 
^aarfträhue, bie fid) unter einem rothen ©u<h herootbräugten, faft baS 
©el'idjt bebedten, ben mastigen Körper, ber noch »an einftiger Kraft jeugte, 
in bunte Sumpen gehüllt, gtid) fie ber SBalbfrau in ben Kinbermcirdjen. 

©aS SEcib blieb uor ©abmine in unuerhohtener Verounberung ftehen 
unb nidte mit beut Raupte. 2luS bem fallen Stnttiß, bem Koth unb Sitter 
einftige Schönheit nicht rauben tonnten, leuchteten jtoei bunfte Slugen, benen 
©abmine nid)t auSmeidien fonnte. — ©in peinliches ©efüfjt Überfant jte, 
fie glaubte einer Unglüdlichen, Verfolgten ©nabe ju erroeifen unb mufjte 
nun etmaS roie Vangen fühlen unter biefem Vlid. 

„ffiittft ©u oielleidjt auch in meinem ©efidjt lefen," h^rfchte ©ab* 
mine bie grernbe an, „rneil ©u fo ftarr mih anfiehft?" 

©a lächelte bie grembe. „2f?er läfe nicht gern fo fchöne Schrift, — 
unb mehr noch, fo fd)öne ©inge, als hier gefdjrieben ftetjen? ©ie ©unft 
beS ©tiides, ber Siebe Tonnen — " 

„Sdjroeige, grau," unterbrach fie ©abmine, „unb toenn ©u ©ich auf 
Votfcfiaft nidjt baffer uerftehft, als auf’s ©cfichterlefen, fo geh’ — " 

„ghr thut mir Unrecht, eble Königin, geh täufdj’ mich nicht unb 
miH ©ud) itidit fdjmeidjeln, nid)t maS mar unb nicht toaS ift, fann 
für mich bie Buchen trüben, bie bie Bufunft fünben, — glaubt mir nur, 
eS ift fein leerer 2Saf)n, — ein grofjeS ©lüd mirft feinen Schein uorauS 

— unb fo ftarf feh’ ich ihn ©ud) umleuchten, baf ich eS »or ber ©büre 
»ermuthe — " 


König IDiglaf. J65 

Gabroine wahrte ftdj geroattfam gegen ben 3 a uber, ben biefe S5?orte 
für fie entfetten. 

„Spare ©eine Künfte für bie ba braunen! ©eine SBotfdjaft! geh 
hörte ®idj bodj eben banon fpredjen, ober mar eS nur ein SSorroanb, ju 
mir ju bringen? — SBoher fommfi ©u jur SJachtjeit?" 

„SluS ber ginnburg, Königin." 

„SDtit 93otf<f)aft? S3on ©rrjttjo?" fragte Gabroine fiaftig. 

„SSon ©rtjtfjo? Stein, — wir ftefjen niefit gut jufamtnen." 

„Gi!" Gabroine lachte gcjroungen, „unb warum benn nicht?" 

„28er fiünbc gut mit ©rijtho, ber König 2Biglaf liebt?" 

„König Sßiglaf liebt?" Gabroine uerlor rafd) ihr gcjroungencS ©teic§= 
mah unb trat näher. „®u liebft alfo Völlig SBigtaf?" 

„28er liebt ihn nicht, ber ihn je gcfe(;en?" 

®ie Königin fdjob ben SJJantel bjiifjer, unt ihre auffaHenbe Stöthe ju 
nerbetgen. „Unb Sille, bie ihn lieben, finb auf ©rptho fchled)t ju fpred)en?" 
„Raffen fie," flieh b aS 2Beib leibenfchaftübh heroor. 

„®a£ muht ®u mir erflären. Sie rooEte bodE» ^odjjeit Ejatten por 
wenig ©agen — " 

„Gben barum. Sie Ijat’ä ihm angethan, roie bent alten König, beut 
groben ginn — " 

„®ah er fie lieben muh, — meinft ©u bod)?" fragte Gabroine 
gefpannt. 

„2Benn ®u ben Slaufd) Siebe nennft, aus bem er rool)l längft 
erroadjt — " 

„ga, baS ift er," befräftigte Gabroine rafdh. 

®aS 2ßeib richtete fid) mit jäher ^Bewegung auf, unb ein SBlicE idjledjt net« 
heiltet Ueberrafdjung traf bie Königin, welche fie ihre SSoreiligfeit bereuen lieh. 

„®a§ heiht/ ich nermuthe eS. — ©rptho Knute ja feine SJtutter fein 
gnbefj, ©eine 93otfdjaft! — ©eine SBotfdiaft!" 

„Grft muh ich roiffen, roie’S um ben König fleht." 

„®u roiEft mir SSebingungen machen, — ein Settelroeib — einer 
Königin?" 

„28emt baS 23ettelroeib einen Schah ju bieten hat, nach bem bie 
Königin lüfiern ift, — roarum nicht?" 

„geht madjft ®u mid) neugierig. König ffiiglaf lebt!" 

„®och nerlangft ©u nad) feinem ©ob, bie Schmach ju rächen, bie er 
©ir angethan?" 

„geh? 9tadj feinem ©ob?" Gabroine fprach cS in fcbinerjtid)em 
.giohn, non Steuern nergeffenb, ju wem fie fprad;; hoch rafd) faßte fie fidj 
roieber. „SJlein 2?olf nerlangt nach ihm, nicht idh — " 

®ie grauen föaare fielen jeht roieber roie ein Schleier nor bas Slntlih 
beS SBeibeS. „®u Etaft ihn roohl gefeiten unb fühl ft SJiitleib mit feiner 
gugenb — " 



J66 21 n ton ^Jretfyerr t>on Perfall in Sdflterfee. 

„•äJtitleib! König SBiglaf ifi ttid^t ber 2Rann, mit bcm man SJtitleib 
fühlt. — ©o<h baS oerftehft ®u nicht; — jum tefeten 3Me — " 

„Sßenn ©u nicht Ntitleib fühlteft, — " fuhr baS 2Beib unbeirrt fort, 
„was fühlteft ©u bann, baS ©idh — " 

„SBeib, ©u wirft unoerfchämt," kaufte Gabwine auf. „2Ber fann 
©ir Sßiglaf fein, baff ®u fo ju fragen wagft?" i 

„Natb’ einmal!" ©aS 2Beib ftüfcte lieh mit beiben $änben auf ben 
Stod unb blidte liftig unter ihrem §aar heroor. 

„©ein $err unb König — bodfj allein — " 

„Unb e^e er fjerr unb König war, — ein fdhwadheS Kinb, bem feie 
•üJtutter ftarb, faum baf? es geboren, — ba lag er in biefen 2lrmen. 
„Nmtifia," rief er, ehe er baS SBort SJtutter fannte, unb biefe SBruji hat 
ihn gefäugt." 

„Grjähle weiter," befahl jefet Gabwine in höd)fter Spannung. 

„König ginn lag im Krieg baS ganje gabt. Kaum bafj er ben Knaben 
einmal flüchtig fab. So war ich i^m 2lßeS oom erften Sailen feiner Kinbet* 
lippen. Unter meiner £ut blühte er heran an ©eift unb Körper, jebe i 

gafer feiner «Seele lag mir offen, unb feine fanb idh. Me nicht mir gehörte. 

— D, wenn ©u wfifjteft, Königin, was in ihm oerborgen liegt, wag 
Niemanb noch gefdhaut als ich, bie es langfam ganj im Stillen feimen, 
wadhfen fah, ®u würbeft ©einen $af? in Siebe oerfehten unb freubig 
©eine Nadhe opfern, nur um bie föfilidbfte grudht ju fdhauen feines Sebent 
baumeS, an beffen 2BurjeIn ®u jefet bie 2lpt legft." 

„21 ur GineS fage mit erft," unterbrach Gabwine bie grembe, mit 
SDWihe ihre öewegung bergenb. „2Bie fommft ©u, eines Königs Nährmutter, 
in biefeS öettlerfleib — " 

©ie grembe nidte traurig mit bem fjaupt. „geh begreife, baff ©u 
fragft — ©njtbo fant in’S £auS. — König ginn war alt unb flarf nur 
noch mit bem Schwert. ®a war fein Öleiben mehr für mich- ©ie einft 
MeS war, wollte nicht Sflaoin werben, fo fdfjidte man mich hin, wo man 
mich hergenommen. — gn einer bunflen Nacht, wie heute, oerlieh i<h bie 
Surg, nicht einmal Slbfdjieb burfte idh nehmen oon meinem Siebling. 
SBeifj ber Fimmel, was fie ihm gefagt. SiS oor wenig ©agen mieb idh i 
baS Sanb, unb felbft ber grimmfte junger fonnte mich nicht jur SRücffeht 
ftimmen, als aber bie Kunbe fam oon SöiglafS fdhweter Noth, ba mad)te 
ich midh auf ben 2Beg, — er war weit unb fdjjwer, — hier enbet er in ! 

biefem KönigSjelt. — öin ich noch bie öettlerin für ©idh, fo lofc’ mich 
ftäupen, cS gebührt ihr nicht mehr für ihr Grfühnen, — bin ich ©ir mehr 
geworben, fo fdjenf’ mir baS, nach bem ®u nie fo beifc begehrft, wie in 
biefer Stunbe — " 

„Unb baS wäre, Näthflerin?" fragte Gabwine, oon ben SBorten ber 
gremben mächtig augejogen unb bod) nicht frei oon SDttjjtrauen. 

„Vertrauen," fliifterte baS 2S>eib, ganj nahe tretenb. 



König iüigtaf. 


<67 


,,©S mürbe ftärfer feitt, trenn ®u nicht bte Seherin fpielen luürbeft." 

„Spiel’ idfj fie benn? — ©r mar bei ®ir, — SBiglaf, — Ijier im 
3elt — allein mit ®ir?" 

©abroine nidte wie gebannt mit bent $aupt. — 

,,©u müßteft fein SBeib fein, wenn ©u nid&ts für ißn empfunben. 
SWüleib war es nicht, — ®u felbft ^aft eS gefagt, — fo roar es mehr 
— Siebe." 

©abroine judte äufammen. 9laf<h faßte fie ftd» unb »erbarg hinter 
4>of)eit ißre Sßertoirrung. 

„3dj ßätte gute Sufi, ©ich au» bent 3elt p weifen, bodj ©eine Äühnbeit 
läßt mich wirf lieb glauben, baß ®u bift, roaS ©u »orgiebft. gaßr’ nur fort." 

„©u rooHteft ißn »om ©obe erretten, er nafjm ©ein Angebot nicht 
an, weit ißm feine ftönigSroürbe höher ftanb als fein Sehen, ©u tnalteft 
eS ißm aus in ben gtüßenbften färben, rieffl ihn bei feiner $ugenb — " . 

©ie grembe fprach immer leibenfcßaftUcher, fie fd^iert p roaeßfen, unb 
ihre Stimme, erft gebrochen, jitternb, flang jeßt »oH unb Har. 

„ — gabft ©id» felber preis." 

©abroine mich einen Schritt prüd, eS war ihr, als ob fie um &ilfe 
rufen tnüffe »or biefem furchtbaren SBeib, baS ihr SnnerfteS aufbedte. 

„Unb er uerfdjmähte ®idj." 

„©aS (ügft ©u, baS that er nicht," rief jeßt ©abroine, am ganjen 
Seihe jitternb. 

„©hat er nicht?" @S flang wie ein roilber Stofßhrei aus ber gremben 
SWunb. ®aS SBeib flanb einen Slugenblid hoch aufgeridjtet oor ©abroine, 
bo<h ebenfo rafdj beugte ftdE» ber Körper nieber, 1 unb bie Stimme Hang roieber 
fo hohl »ie juoor. „Slidjt maßr, er that eS nicht, mein feßöner SBiglaf. 
0 ich ßab’S ja gleich gemußt. So hat er bodj einmal nodj, roenn auch 
am ©rabeStanbe, bie füße grueßt genoffen, um bie biefe ©rptßo ihn hinter* 
liftig betrogen, unb roenn ich nichts jurüdbringe in bie ginnburg als baS, 
es langt für meine unb ©eine Stäche, ©r haßt fte roof)l, naeßbem er feine 
©ßorßeit eingefeßen, ftirbt rooht lieber, als in ihre 2lrtne jurüdjufeßren?" 

„MeS anberS, SBeib! Slber fo ßodj fannft ©u ©ich nicht fdjroingen. 
©r liebt ße noch, roie er fie ftets geliebt, nicht anberS, unb batnit ®u 
weißt, mie fern ich deiner Stade ftehe, mir felbft erfeßeint bie fixan ber 
Siebe mertß, nach bent, roaS ich aus SBiglafS SJtunb »erttommen. ©r fiirbt, 
um feinen Schwur ju töfen, ber ißn an ©rptßo binbet, er mürbe fterben, 
aud) roenn er als Sieger heute in bie ginnburg jöge.' $eßt weißt ®u 
SHIeS, unb wenn ©ich nur ber $aß ßrörijer gefiißrt — fo geß’ unb etjäßle 
getroft, roaS ®u uernommen." 

©ie fffretnbe hüllte fidf» noch tief in ißren jerlumpten Stautet. ©er 
Stod jittertc in ihrer föanb. 

„Unb baS SltteS ßat er ©it ßier geftanben?" fragte fee mit bebenber 
Stimme. 



\68 Chiton ^retljerr von perfall in Scfjlietfee. 

„|>iet, roo Su ftcEjft — 311 meinen ^üfeen — " 

„3u Seinen güfcen? — mit einem neuen ©bbrour, nicht roabr, für 
ben e3 fein Sterben gicbt." 

„$ür ben es fein Sterben giebt. 3«, id) geftel/ eS offen, unb ftünbe 
Sri)tl )0 felbft oor mir," erflärte Gabroine feieriicb. „2Beib, Su ftefift ihm 
nab’, id) füljl’S, cS fann feine Siige fein. $Gielfeid)t fiat Sidb ein ©ott 
gefenbet. 3$ Hebe SBiglaf unb roerbe von it;m geliebt, mit gleicher ©lutb, 
unb bodj roolft’ icf) ifjn nie mehr erbücfen, abfcfjroören jebe ^ofjjtung auf 
mein einzig ©lucf, ja felbft biefer Srptljo iiberlaffeit ol)ne ein ©efiibl beS 
■JieibeS, fönnt’ icf) ifjn nur »om Sob erretten, roiijjt’ idf) ifm nur am Sehen, 
wenn auch nod) fo fern, burcfj Üfieere getrennt, nur bie Suft mit mir 
atfimenb, oon berfefben Sonne befdbienen. 9iette SSiglaf, unb id) roilf mit 
Schäden ohne ©leiden Seinen bürftigen SKantel füllen " 

„Unb wenn id) ifm rette, roaS bann? 2Benn er felbft nidfjt mehr 
leben roilf im 3 u ’icfpaft feiner Seele — mär’ ba nidjt beffer, er ftürbe 
als £clb — " 

„SaS beif;t fo viel, als Su fannft tfm retten," erroiberte Gabroine 
mit fliegenbem 2ltf>em. „Seinen Siebfing, Seinen ffeinen 28iglaf, ber Sidb 
3Jfuttec nannte, unb jögerft nod), roägft nodi — 0 bann fiebft Su ifm nicht, 
baft ifjn nie geliebt. — ©elf nur f;in 3 U Srptbo, oerratf)’ i^r MeS, roaS 
Su f»ier oernommeu unb ntadf)’ es nod) fdiliuuner, fag’ bafj fie fdjmäbticb 
betrogen, bajj Su ifjn felbft in meinen 2lrmen gefeben, unb biete bann feine 
Stettung an. 3b r eigenes Sehen roirb fie barum geben — unb Su — 
Su, bie nie Schlimmes non if)m erfahren — " 

„Su bcnfft feljr bodi non Srptbo," erroiberte bie fyrembe. 

„ s Jlodj f)öf)er beitf id) non ifjr, 2lmpfia," Gabroine ergriff in einer 
plöt(id) erregten i'ertraulidjfeit bie £>änbe ber $remben. ,, 3 df) roitt nor 
fie treten unb freimiitbig 2MeS befennen, unfer unoerftanbenes Sebnen feit 
3abren ber, roie ein 23lidf ber Grfenntnif; über uns fnm, beim erften 2ln= 
blid hier im Säger, ben groben Kampf, ben er mit fid) gefämpft, feine 
SobeSroabl. — 33ei ihrer Siebe felbft roilf id) fie rufen, bie fie einft bem 
Knaben fdienfte, gcroife fo rein, roie je eine -Btutter tbat, unb fie roirb nicht 
anberS fönnen afs oerjeifjen unb beit 3'fltefpalt föfen. Siebft Su, Su 
bift fefbft beroegt. 3^ ich midb nid)t, id) fef)e Sbränen in Seinen 
2 lugen — " 

Sie fjtembe roar üd)tfid) beroegt. „3d) meine, Königin, weil idb 
Srptbo beffer fenne, auch roenn fie rooffte, fie roirb’S nidjt fönnen. Sie 
Kraft roirb ibr vertagen, fo Ungeheures 3 U vollbringen." 

SaS 2i ! eib fdfjroanfte auf ben giijjen. 

Gabroine ftiifste fie. „GS fdicint, als ob fie Sir verjagte," fagte 
fie in pföblicb völlig vercinbertem mifjtrauifden Sone unb beugte fi<b ganj 
nahe über bas falb verhüllte ©eiidbt. 

Sa roid) baS SSeib mit einer baftigen föeivegung aus unb trat jurücf. 



König Wiglaf. 


<69 

„®u maljnft midi jur regten 3«*, Königin, bic lange SBanberfdjaft 
— bie Slngft um SBiglaf — hat mich ganj geühroädjt — fo höre midi), 
Königin — roaS ©u non mit oerlangft, wofür ®u einen Schafc ohne 
©leiden Bicteft — führt mich ju ®ir, bie Rettung SBiglafS." 

$n biefem 2tugenblid fteigerte fi<h ber Särm oor bem gelte, ber 
mählich angeroachfen, in baS SJtafclofe. ©hierifdhe Saute mürben nernehtm 
bar, ba$ Klirren unb ©röhnen metaHner 23ecfen, baS Stampfen ©anjenber 
ober Stiitgenber, ein bumpfeS Summen unb ©rängen, baS baS ganje Saget 
ergriffen ju hoben fdhien. 

®aS SBeib horchte erfdhrecft auf. SBenn eS ihm gälte, wenn fie ihre 
SJtorbluft nicht jügeln fönnten! „Königin, ich befcbroöre ©uch — " 

®aS SBeib ftürjte not ©abroine auf bie Knie, „helft, rettet! SBagt 
baS Sefcte baran, (Sure ganje $errf<herroürbe. — ©roige Schmach mürbe 
©Uten Stamen fd&änben." 

®ie höchfie Slngft fptadh aus ihr, unb als ©abroine felhft erflarrt 
über biefe SBenbung fchtoieg, ba fprang fte auf. 

„So will ich fetbft — " unb ben Stoch, auf ben fie fi<h geftüfet, feft 
in ber gauft roie ein Schwert, eilte fie mit fliegenbem ©eroanbe bem 2luS= 
gange ju. 

„Slmpfia!" rief ©abroine mit befehlenber Stimme, bie ihre SBirfung 
nicht oerfehlte. ,,©u irrft ©ich! SReine Krieger feiern biefe Stacht ein 
SiegeSfeft: ich felhft habe eS befohlen. §affe ©ich! — ©ein ©ebahren 
ift fo fonberbar — roenn ich nicht felber wüßte, roie Slngft bie Sinne oer* 
roirrt — roahrlich — " ©abroine ftarrte roeit oorgebeugt auf bie grembe, bie 
»or ihren Slugen fich roanbelte roie ein ©raum, „ich mißtraute ®ir — " 

„So hör* wich an, unb ©ein SBertrauen lehrt rafch jurüdf." 

®aS SBeib fam f<hiei<henb näher, „©in ffeft, fagft ©u, giebft ®u ihnen 
biefe SWadfjt? ®a3 hat ®ir ©ott eingegeben. 3<h fomme oon ben Unju- 
friebenen in ber SSurg, fie bieten ©ir bie SBurg unb ©rptbo gegen SBiglaf — " 

„Unb baS ift SlUeä, roaS ®u bringft? ©eine ganje SBeiSheit? 
SBiglaf roill aber nicht — " 

„©arurn muh man ihn jroingen," erroiberte baS SBeib. „3elm 3üng» 
linge finb bereit, ihn biefe Stacht aus bem Säger ju bringen, roenn ®u bie 
$anb bajrn bieteft, SBorfehrungen triffft jur SJtöglidhfeit beS Unternehmens; 
einma in bet 33urg roirb ü<h eher mit ihm reben laffen, roenn nicht, fann 
bie Stimme beS gefammten 33ol!eS ihn jroingen, unb roaS jefet SBerrath für 
ihn ift, roirb bann jur spflidfjt." 

©abroine hatte fetbft fdbon an ähnlichen SluSroeg gebacht, unb boch 
fdjrecfte fie jefet oor bem ungeheuerlichen SBorfchtag jurüd — ihr eigen SBolf 
ju hintergehen, mit bem geinb gemeinfchaftliche Sache ju machen! 

„Unb roie roürbeft ®u bie Königin nennen, bie einen SBerrath begeht, 
ber jebem Krieger fchmachootten ©ob foften mürbe?" fragte fie im ignnerften 
fchon fchroanfenb. 

Stoib imb ©üb. XCVI. 297. 


12 



J70 Zlnton ^ ccitjerr oon perfalt in Sdjlietfee. 

„2ltIerbingS, bic Königin fßnntc ich nicht loben, um fo mehr bas 
2Beib, baS für ben ©eliebten baS Scfete wagt. Säufd)’ Sich nicht, eS ift 
baS fiepte! Slur biefc 92adftt ifi noch Sein, Safe’ ben ©ebanfen beS gefiel 
Sir oon einem ©ott gegeben fein! Srunfen non SBein unb Suft, non 
Seinem 2lnblicf werben fie auf StichtS meijr achten. 

3eljn Krieger rüften ftd) auf (Sure 2lrt, ÜRiemanb mirb im Särm beS 
gefteS ben $uroad)S merfen, baS 3 e ^ wo SBiglaf weilt, liegt weit non 
liier. Um bie smeite ©tunbe, ehe ber 2)Jorgen graut, jiehft Su baS gange 
33olf hierum jufammen, — Keiner wirb feilten wollen, roo Sabwine weilt, 
— bann gefdjieht’S, -Jtiemanb wirb erfahren, wie’S gefdbaf»." 

„Unb wenn man bie Sottfüfinen fangt, jur Siebe fieltt, auf bie Roller 
fpannt — " 

„©o werben fie, burcf» heiligen 6ib gebunben, fdjweigen. Sod) fängt 
fie Stiemanb, lag' baS unfere ©orge fein — es ift eine erwählte ©chaar, 
bie fdjon manchen fühlten ©treid) ooliführt. Sßemt Su jegt noch gögerft, 
bann töbteft Su ihn, nicht Sein 33olf. Sntfdifiefe Sieg rafd) — eS brängt 
bie 3eit, i n brei ©tunben mufi eS gefchetien fein, £örft Su, fie rufen 
Sich, ber 2Bein gibt fdion ihre ©eifter. Söiglaf ift gerettet, wenn Su ju* 
fagft, unb jebe Hoffnung blüht Sir non Steuern. 

Safe nur erft ben SobeSfchatten uon ihm weichen, wie unbejmingtid) 
bann in ihm bie Sieb’ erwacht. Gntfdiiiefe’ Sieg!" 

Sie SEBorte beS SBeibeS, baS förmlich in igr QlnnerfieS fdjlüpfte, brach 
jeben SBiberftanb in (Sabroine, unb fo oft fie fidf wieber an ihre Pflicht ju 
mahnen nerfuchte, brang ein neues oerführerifeheS SBort an ihr Dfer. 

„Sein eignes Stotf mirb Sir’S noch banfen, bafe Su eS nor fofeher 
39luttfeat bewahrt. Safür bift Su Königin, bafe Su niebrigeS SBoHen in 
fegenSreiche Sijat tierfehrft." 

Ser ©pruch rife bie legte ©chranfe nieber. 

„2luS niebrigem SBoHen — fegenSreiche Sfeat, ja, 2lmpna, fo fott eS 
fein/' rief (Sabwine, wie non einer fefemeren Saft befreit, jubetnb, unb wenn 
fie eben noch jögerte, fo brängte fie jefet in leibenfchaftlicher £aft. 

„@ch’, eite, Slmpfia, fpridj’ fein 2Bort mehr. SltteS liegt plöfetich flar 
nor meiner ©eele, ats ob ich felbft ein großer ^elbgerr wäre — " 

Sen 33lid weit ab in baS Seere geriditet, als fönte igr non ba wunber* 
bare SBeifung, entwidelte Sabwine ihren tptan. 

Sen ©efaitgenen Iaffe ich unter bem Sßorwaitbe, ich wolle in ber lebten 
9iad)t fein Ctjr nicht fränfen taffen burch ben geftlärm, in ein anbereS 
3ett bringen, näher bem Stanb beS Sägers, wo eS im SBeften baS SJteer 
berührt. Sine {vacfcl fott weithin fidjibar nor bem Eingänge brennen, an 
©riinben foll’S mir nidit fehlen, bann — bann taffe ich hier im weiten 
UmfreiS um baS gelt baS Sttafet bereiten uttb will fie fo an mich feffetn, 
bafe Keiner an ben König benft, bann um bie jweite ©tunbe taffe ich alte 
Körner ertönen im gangen Säger, alles Erg. SaS foH baS 3eicfeen fein 



König IDiglaf. 


u 

für bic Befreier. ©ie fdfiletc^en in bas 3 e lt unb tragen ihn auf ihren 
Sirmen fort, möglihft ftitt, unb es ift gettjan. SBiglaf ift frei, SBiglaf muh 
nicht fterben." 

©abroine ermatte aus ihrer SSifton unb fat) baS SBeib oor fidj, fie 
anftarrenb. 

„SBaS jögerft ®u benn noch? Ober roillft ®u ben Sohn- oorauS? 
£iet, nimm baS! unb bas! — " 

©ie jerrte an ihrem ©tfmtucf, töfte bie $ats!ette unb reichte fie ihr. 
„®a3 Slnbere fpäter, mehr, alä ®u tragen fannft." 

©o<b bie grembe roieS jebe ©abe ab. 

„SBaS fümmert mid; ©ein ©efhmeibe, nur einen Sohn begehre idf, 
auf ©ein ÄönigSroort, roiHft ®u eS geben?" 

„©ent — nur rafdj — " 

„SBemt ©u ©rptljo begegneft, ®u mir ft ihr begegnen, bann fag’ ihr 
in’S ©efidjt, roie eS um ©ich unb SBiglaf fteht." 

©abroine judte jufantmen. „©u oertangft Unmögliches! ©3 roar ein 
©eftänbnih, baS ein ©terbenber gemäht. SBaS fann eS ®ir benn 
nütjen?" 

„Slü&en? 2Jtir nfifct nichts mehr auf biefer SEBett, nur meine Stahe 
roiH ih hüben — " 

„©raufame! 3 U oiet h a b’ ih ®ir oertraut" 

„@ben barum, roeil ®u fhon geplaubert, entfheibe ©ih!" 

„Stufclofen ©hmerj bereiten, oemihten, roo ih retten möchte, roaS 
noh ju retten ift — " 

„£at ©ih ©rptho gefdjont? Verhöhnt h at Üe ©ih- ©eine Sode, 
©ein SiebeSpfanb hat fte ladjenb oerbrannt oor ihren ©äften. SJtufj i<h 
©ih baran erinnern?" 

©abroine fiufcte. 

„®u bift bereit? — ©iebft ©ein ÄönigSroort?" brängte baS SBeib. 
„3h geb’S," flüjterte ©abroine entfhloffen. „®ie Sode foll fie mir 
bejahten, ©ie ÜJtahnung fam jur rehten Seit." 

„®ann um bie jroeite SJtorgenftunbe — unb jefet jeige mir einen SBeg, 
auf bem ih bem trunfenen SSolfe niht begegne." 

©abroine fhlug auf eine ©rgplatte an her SBanb. 

©ine ©ienerin trat ein. ©ie erhielt bie SBeifung, baS SBeib unter 
bem ©hut$e jtoeier Ärieger burh bie rüdroärtige Settöffnung aus bem 
Säger }u bringen. 

„Sebe roohl, Königin," baS SBeib blieb noh einen Slugenblid unter 
ber Settöffnung flehen, „unb oetgifs Slmpfia niht. — ®u roirft fie 
mieberfehen." 

©S Hang faft roie eine ©rohung. 

3n ©abroine regte es fidj roie Sieue, fie eilte nah, h°b ben SSothang. 
©as SBeib roar bereits jroifhen ben Selten oerfhrounben, bagegen brang 

12 * 


i?2 2t n t o ii ^reifte** Den perfall in S^lierfee. 

Ufr ein wilbeS Dofen entgegen, baS jerriffene 3ufaittmentönen barbarifdber 
©efänge, auSgelaffenen ©elädbterS, »erworrenen ©ejättfeS, in baS ßdb 
SBaffengeKirt unb 'Bedberfiang mifdbte, roäfjrenb ber ßimmet gerötbet n>ar 
non ben frifdb genährten Sagerfeuem. 

2BaS gegeben mufete, gefdbab, fie batte bie SJtadbt barüber aus ihrer 
&anb gegeben. 3e|t galt eS nur mehr eins für fie, ihre Stoffe ju ©nbe 
ju fpielen, meldbe ihr biefcS feltfante Sßeib auferlegte. 

3lm beften bünfte eS ihr, ihr ©rfdh einen int Säger möglidbfl bto«**® 5 
jujieben, um bie ffßirfung für ben entfcbeibenben 2tugenblicf nidbt abjufdbwädben. 
Unterbeffen fonnte fie bie nötige Slnorbnung treffen, Deli für ihre 2luS= 
fübrung forgen. ©r war nidbt nur ihr un6ebingt ergeben, fonbem hatte 
audb für ben unglücflidbett König, ben er anfangs als Berädbter feiner 
Königin bafete, SJiitleib unb Verehrung gewonnen. 

Der Befehl ber Königin, ffBiglaf in ein anbereS 3 C ^ S u bringen, fern 
oom gefteSlärm, rührte ihn ju frönen, unb je bewegter er barauf ben 
traurigen 3uftonb beS ©efangenen fcf)itberte, ber immer »on Steuern jwifdben 
Betjweiflung über fein unb feines BolfeS Sdbidfal, trofsigem DobeS»erfangen 
unb ftürmifdbem SebenSbrang fdbwanfe, ben bie Hoffnung auf Stettung 
immer »on Steuern belebe, befto freubiger unb fübner wudbs ©abwine ber 
SJtutb. — 

311S fie aber baS SJtabl »or bem KönigSjelt anorbnete, erflärte, bafe fie in 
ber Sftitte beS ganjen »erfammelten feeres erftfeeinen wolle, ba bat er fte auf 
ben Knien baoon abjufleben. $efct fdbon berrfdfje wüfter Drunf unb jügel= 
lofe SluSgelaffenbeit, unb biefe werbe au<b oor ber Königin nidbt $alt 
madben, nie unb nimmer bürfe fte ihrer SBürbe .fo »ergeben; ein einjigeS 
2Bort, ein Slnblidf fönne unauStöfcblidben ©fei in ihr erwedfen unb ihre 
hohe Steinbeit trüben. 

Da fdbtug fie nur ben bunflen -Kantel jurütf, in ben fte ftdb, »or 
bem Knaben ficb fdbämenb, forgfältig gebufft. 

Deli madbte grofee Slugen unb würbe feuerrotb, faum bafi er wagte 
fte anjufdbauen. Die nacften Slrme, ber entblößte ßals, bie grellen Farben, 
ber aufbringlidbe ©dfjmucf, — eS war ber erfte ©dbmerj, ben er entpfanb. 
Die buftige Königsblume, ber er nur mit Stnbadbt ju naben wagte, war 
eine farbentolle ©iftpflanje geworben, »on ber ein fdbwerer, betäubenber 
©erudb ausging, feine Sinne beleibigenb. 

„Stun, was fagft Du jefct?" fragte lacbenb ©abwine. „©laubft Du 
nidbt, idb werbe ihnen gefallen?" 

Deli war »Öllig »erwirrt, ihn felbft beraufdbte ber Stnblid ber Königin. 

„SßaS Du tbuft, ift ja immer recht. $db will Deinem Befefel pünftlidb 
nadblontmen, nichts foff fehlen, — aber idb fann Didb fo nidbt feben, 
Königin — " 

„0 warte nur, Knabe, baS nimmt ftdb anberS aus, wenn idb bei ben 
feuern ftebe, ich wette, Slneurin bat feine greube baran, unb wer weife," 



König IDiglaf. 


*73 


fie fab ftcfj in bcm fpiegelnben <Sd^itb, „oietteicht gewänne i<b felbft Oe* 
fätnacf baran. — ®ie Beit bec Sofien Steinzeit ift »orbei, ®eti, eine ganj 
anbere beginnt non beut, ju ber baS ©eroanb fdjon beffer paßt. 2lber geh’ 
nur, geh’ unb rüfte StttteS. ®ie SRadjt wirb mandheS bringen, maS ®u 
nid}t abnft, mein Jtnabe — " 3uubernb, immer roieber auf baS frembt 
artige Silb binfd&auenb, »erliefe ®eli baS 3®lt. 

* * 

* 

®ie Königin liefe auf ft<b matten. ®ie SBorfdjneiber butten fdfjon brei 
Sttnber unb eine ©dhaar »on Rammeln gerftitcft unb jertljeilt. 2ln ben 
®if<ben fafeen bie 33ornef)men, bie giibrer unb auSgcjeidhneten Ärieger; bie 
Uebrigen lagerten in Lotten »ertbeilt, ringsum bidfet gebrängt an ben 
feuern unb batten bem teidjlidj fließenben SBein f<bon tapfer jugefptodjen. 
83on ben SRänbern beS Sägers brängten immer neue Waffen heran. Bebet 
mottte in nädhfter 9iäl)e baS Äleinob beS 5fönigSjelteS flauen, bie fd)öne 
Gaburine, beren 2lnblidf bem gemeinen ttftann etmaS ganj SßeueS mar, ja 
»ielen ber fpäter eingetroffenen Krieger mar er überhaupt nodj nidht ge= 
geroorben, unb mie ein ÜDiärdfjen ging bie Äunbe »on ihrer ©dfjönbeit um, 
bie aus rauben 9Jiännem mittige ©flauen madhe, bie au<b ben gefangenen 
Äönig betbört haben fotte, ber nun ®ag unb -ttaärt feine Shorheit bejammere 
unb felbft nach feinem Stob »erlange. SBieber 2lnbere mottten roiffen, gegen 
2Ritternadbt erfolge bie Uebergabe ber 33urg, unb bann roerbe »on Gabroine 
öffentlich ©eri<f»t gehalten über ben $tönig unb £rptbo, bie ihn jum SBort* 
brudj »erleitet. 

GS mar 3lneurin faum no<b mflglidb, nur einen lebten SReft »on B u <f)t 
unb Drbnung aufred&t ju erhalten, felbft bie SBadfjen »erließen ihren iptafc 
unb mlfdjten fid) unter bie 3®$er. ®aju noch baS ©ebot ber Königin, ben 
gefangenen Äönlg in ein anbereS 3®ft J u bringen am 9?anb ber SagerS, 
einen 2lugenblidf mar ihm rairflidh ein ganj feltfamer ©ebanfe gefommen, 
bann mußte er felbft barüber lachen. Sieber überläßt fie ihn bodh nodh 
bem genfer als biefer ®rptbo, — fo er maS »on SBeibern »erftanb. 

®bat er ihm bod& felbft leib, ber junge .gelb, ber am Gnbe nur ein 
Opfer »on SBeiberlaune mar, unb er fonnte bie Königin ob ihres GbelfimtS 
nur loben, ber einem ©efangenen, bem ®obe ©eroeibten, bie lebte ÜJiacfet 
nicht flöten mottte. 

©o folgte er geroiffenbaft bem SBefc^l, nur baß er, einen einmaligen, 
auch no<b fo oberflächlichen Sßerbad^t nie mehr ganj aufgebenb, eine flatfe 
SBadhe, feine »erläffigften Seute, bei bem Bett® liefe. 

®a ®runf unb -Kahl frei, mürfelte man um SBaffen, Sßelje, ÄleibungS* 
ftfidfe, morauS »ielfäftiger ©treit entjianb. — ffäufte erhoben ft<h, jornigeS 
©ebrüff erfüllte bie Suft, SCifdhe fragten jufammen unter ber SBudht 
©türjenber. StnberSroo fpielten ficb ftürmifdhe SBerbrüberungen ab, man um* 
armte fich, tranf ft<h ju, ftimmte ©dhladhtgefänge an, ober man umtanjte 



Zlnton jJteiljert »oit perfall tn Sdjlierfee. 

in uralten Sßeifen unter ohrenbetäubenber SDcuftf bie geuer, bie blanfe 
SEBebr fdjüttelnb. 

feurige anfprachen mürben gebalten, fßoffenreifjer fdhafften jt<h einen 
Kreis non Sachern, Sagerbirnen in bunten ©eroanbem füllten ben 33edjer 
immer auf’s üleue unb fdbürten bie entfeffelten Seibenfchaften. 

©dparj unb ernft ragte bie ginnburg burch bie bell erleuchtete 9Ja<ht, 
fein Saut regte ficb barin, fein Sicht brannte, jebeS Seben fcbien barauS 
genügen, buntpfe Sßerjroeiflung, nöllige ßoffnungslojtgfeit barin ju herrfchen. 
2Jtan fdbrie ©pottroorte hinüber unb lub ben junger jum 3Jtaf)le ein. 

gmmer Rotier fdjmoH bie Sßoge beS UnmutheS. ©amt machte jt<h 
mieber ber SBerbrufj geltenb über baS lange auSbleiben ber Königin. am 
©nbe fam fie überhaupt nicht, unb bodj foUte ihr ©rfcheinen erft ben $öhe* 
punft beS gefieS hüben. 

gürdbtete fie fich am ©nbe, baS gungferchen? Sßar man ihr ju laut, 
}U auSgelaffen, maS brauchte fie bann mit in ben Krieg ju jiehen? — 
©chon rief man ihren Flamen, ber fonft nur mit Ehrfurcht über jebe Sippe 
fam, in fpöttifcher SfBeife, mit unroürbigen ©loffen unb umbrängte baS 3 dü 
©in junger Krieger fprang taumelnb auf einen ber ©ifdje unb hielt 
mit laßenber 3 un ge eine Slnfprache: „2BaS glaubt 3hr benn, gf)t Sotter* 
uolf! ©oll unfer ©tanf unb ©taub fich mit ihrem füfeen athem mifchen, 
ihre Keinen güjjchen über ©ure Schlemmereien ftolpem, ihr jarteS ©eftcht 
Cuer roüfter ülnblicf lehre den? ©S fauft ftch ja Diel bejfer ohne Königin." 
Allgemeines ©ejohl unb ©elächter. 

„Dber, roenn gh* f<hon fo etmaS braucht non SEßeiberart, ei, fo nehmt 
hoch meine fdjmarje ©bitha, — herauf ju mir, ©bitha — " 

®ie ©irae, nach ber er bie arme ftreefte, fchmang fich unter beut 
©elächter ber ganzen Umgebung auf ben ©ifch. 

„©dhmeifst ihr einen ÜDtantel um — " 

©in rother 2)tantel fam geflogen. ©et Jüngling hüllte baS Stäbchen 
in feine meüen galten, „reicht mir einen jumpen ’rauf." ©er jumpen 
mürbe gereicht, unb er ftülpte ihn bem Siäbdhen auf ben Kopf. „©o frön’ 
ich ©ich, ©bitha! gft baS nicht ein KönigSroeib!" 

„©bitha! ©bitha!" fdjrie ber ßaufe, ben ®if<h umbrängenb, auf bem 
bie ©ime im rothen Slantet ftanb, ben jumpen auf bem ßaupt. 

„©bitha, fei unfere Königin!" 

©och bie lefcten SBorte erftarben auf ben Sippen, ©er geltoorhang 
hatte fich gehoben, ©abroine trat heraus, gerabe not ben tollen Raufen, ge* 
folgt non ©eli unb ihren grauen, aneurin an ihrer ©eite. 

•Sautlofe ©tiHe trat ein. geber »erharrte in ber ©teHung, bie er 
eben inne hatte, auf bem ©ifdje ftanb, ernüchtert uor ©chrecf, ber junge 
Krieger, baS UMbdjen mit bem rotheu -Kantet im arm. 

©amt brängte man, roie milbe ©Ijiere nor bem geuerfchein, gebudten 
ftaupteS rüdmärtS, einen meiten Kreis frei laffenb, in ben jefct ©abnrine 



König ItHglaf. 


*75 

trat, feften drittes. Qm grellen geuerfdjein erfchien fte wie ein ©öfcenbilb, 
oon bett bunten ©trauten beS foftbaren ©efdjmeibeS umjucft, roährenb aus 
ihrem 2lnt(i| eine SJtilbe ftraljlte, bie ben ftarrften Laoten beugte. 

„2BaS foß biefeS SJtäbchen in bem rotten SJtantel auf bem 3^i|dE> 
bort," fragte ©abwine, bie ©irne anblicfenb. 

2lCeS fd&wieg unb fab fi<h ängftlich an. 

©a trat ©abwine näher. „Sag’ mir’S fetbft, ohne ©djeu. ©bitE>a 
börf idb eben rufen. 23ift ©u ©bitha? 

©aS SJtäbchen fiel jitternb auf bie Kniee. gdj bin unfdjulbig, — 
ganj unfdjulbig. — geh wollte ja nicht, — fte hoben mich baju gezwungen — " 
„SBoju benn, Kinb?" fragte ©abwine ohne ©trenge. 

„SBenn idfs fage, fdjtagen fte mich ja tobt," nummerte bas SJtäbchen. 
„©aS wirb wohl Keiner wagen." glw Slii fdiweifte auf bie tief 
gebeugten Staden umher, „woju höben ne ©id) geswungen? geh will eS 
roiffen." 

,,©ie fonnten ©ich nicht erwarten, hohe Königin, — ober fte glaubten, 
baf» gljr überhaupt nicht fommt — geh weiß ja niefit — unb fie wollten 
bo<b ihren ©pah h ft ben. ®a warfen fie mir ben SJtantel um — unb — 
unb machten mich ju ihrer Königin, ©djlagt mir ben Kopf ab, wenn ich je 
mehr bab’ fein wollen, als ©bitha, bie Sagerbirne." 

©abwine judte angewibert jufammen, wie non einem ©<hauer erfaßt, 
„©in albernes ©piel, wie’S bas Sagerleben bringt, Königin, nicht ber 
Seadjtung werth," flüfterte Slneurin ihr ju. 

2111er SBticfe ruhten erwartungsvoll auf bet Königin. 

©inen 2lugenblid fcfttofe fie bie großen 2lugen, unb bie fleine $anb 
griff fefier in bie galten ihres SJtantelS, bann umfpielte ein feines Sächeln 
ihren SJtunb. ©ie trat bicht nor ben ©if<h unb hob ben 2lrm. 

„Komm’, ©bitha, ich bin ©ir gewifj nicht böfe. ©ie hätten ©ich nicht 
gewählt, wenn ®u nicht ihrer würbig wäreft. — Stur ©einen spiafe tritt 
mir auf eine ÜBeile ab." Unb ben 2lrm beS SJtäbchenS ergreifenb, fdjwang 
fie ftch auf ben ©ifdj. 

©ie Ueberrafchung war fo grofj, bah fein 23t unb ftch aufthat. ©ie 
ganje SSerfammlung überragenb, oont ©laft beS geuerS umflimmert, begann 
©abwine mit heller, weithin oemehmbarer ©timme: 

„geh freue mich. Such fo »ergnügt ju fehen — ghr hobt es wohl 
oerbient, unb ich flehe tief in ©urer ®d)ulb. ©och foH biefe Stacht nur ein 
föorfptel beffen fein, was ©udj erwartet, wenn wir als ©ieger heimgefehrt. 
gebeut will ich reichlich lohnen, unb auch ber ©eringfte foH nicht oer* 
geffen fein." 

geht brach fi<h ber jurücfgehaltene gubel S3ahn. ©er 3tame „©abwine" 
raufchte wie eine berftenbe SBelle burch bie Stacht, ©djilber würben ge* 
hoben, fügten ftd) ju einer ©ragbaljre. 


J76 2Inton frctljctt pon perfall in 5d)lierf ee. 

©abroine beflieg iie, non fräftigen £änben geftüßt. i^ubelnb trug man 
fte burth’« Säger. ©a« war ein SInbticE, tüie man ihn noch nie gehabt. — 
©a« war nitht mehr ba« fdEjüd^terne SRäb^en, ba« ft<h nor jebem bärtigen 
©efidht fc&redte, ba« unnahbare £eiligthum, ba« man nor jebem 33ticf forg* 
fättig mährte, ba« roar ein ftolje«, föniglitbe« SBeib, ba« jeben ©imt ent* 
flammte, jebe« £erj im ©türm gewann, unb boppelt fühlte man bie 
©thmad), bie griesldnb ihm angethan. Unter ben begeisterten Qubel 
mieten ft<h toitbe Drohungen gegen ben gefangenen Jtönig, neue« ftürmifthe« 
Verlangen nadj blutiger Vergeltung. 

Unb ©abroine hatte für $eben ein gutes SBort bereit, einen ©<her$, 
ber rafd» bie fftunbe ma<hte. @ie tobte bie SBunben, prie« bie Haltung 
in ber ©d&ladjt, wie« auf bie batbige ^eimfeßr bim 

©ie roar fel6ft betroffen non ber SBirfung ihre« ©rftheinen«, faft ent* 
täufdjt. — ©er roitbe Särm non eben roar nerftummt, au« ben Slu«* 
gelaffenften roaren ebrfurthtSoolIe Verounberer geworben, ©ie rauhefien 
©timmen bämpften ftd), bie ©runfenften gaben fich 3Jlühe, nüthtern ju er* 
fdheinen. 

©ine foldhe SBirfung lag burcfau« nitht in ihrer Slbftdjt, fo fehr Tie 
Reh baburdh gefdjmeithelt fühlte, ja, fte fonnte unter Umftänben bem, roa« 
fommen foHte, gefährlich roerben. Buleßt fam ihr ein anberer ©ebanfe, 
ber fie lebhaft beunruhigte, quatnoHe Vorwürfe roecfte. ©ie hatte offenbar 
ihre -Diatht auf bie ©emüther unterfdhäßt, nieHeidht wäre e« ihr gelungen, 
auf ganj anbere SBeife SBigtaf ju retten, burch ein offene« SBort, eine 
Sitte, unb bie bößlithe Sift märe ihr erfpart geblieben, bie fidj nun fdhroer 
auf ihre ©eete roäljte, immer mehr in ihrem wahren Sid&te erftbien, al« 
Sßerrath an ihrem Volfe. 

©oth jefet gab e« feine 3iücffet)r mehr- SBeit außen, an ber fylanfe 
be« Säger« fah fte ein Sidjt roie einen ©tern burth bie Va<ht leuchten, 
©oft flanb ba« Bett baS SBigtaf aufgenommen. SJHßlang ber Slnfhtag, 
hatte fie feinen ©ob nur befthleunigt. 

©eroaltfam befthroicbtigte fie fi<h- foU ja fein ©ropfen Slut barum 
fließen, ihrem $eer nitht ber geringfte ©(haben erroathfen, im ©egentheif, 
nur ba« erreicht roerben, roa« man fo febnfücfjttg erroartete, bie Uebergabe 
ber 33urg, ba« ©nbe be« Kriege«, bie batbige ^eimfeßr. — 

Sin bem ©if<b ror bem $elt roar ba« SDiahl errietet, ©abroine nahm 
ju ßäupten fßfaß, umgeben non ben Führern, unb leerte felbft ben Setßer 
auf ba« SBohl be« §eere«. Beßt that ber Slnblid be« frönen gefthmüclten 
SBeibe« oben feine ©dhulbigfeit. ©e« Serounbem« unb ber ©ßrfurtht roar 
es jeßt genug, unb in furjer Beit bathte man nitht mehr an Smang unb 
SfüdCftdßt ; bie alte Sagerluft brath burth, eher no<h ftüpnifther al« junor, 
al« ob fie ba« Verfäumte nathholen wollte. Unb ©abroine fthroang ben 
Seher, erroiberte jeben ©tunf, auf fie auSgebratht, al« fei bie« ihr ftänbiger 
fßlaß geroefen, ba« Säger ihre SBelt Stur ihre nädifte Umgebung glaubte 



K3ntg lüiglaf. 177 

ben 3roang ju merfen, ben fic fidj antfiat, eilt fd^tecfjt oetljehlteS Unbehagen, 
baS fidj rafdj }u fteigem fdnen. 

®eli bebiente fie, flüfterte tljr ju, rote er für ©iglaf roolil geforgt, 
rote er tief beroegt oernommen, bah eS bie Sorge ber Jtönigin fei, ihn 
burdj ben geftlärm ber 9tadjt nicht jtt frönten, roie er ihm aufgetragen, 
ihr feinen Sanf ju güfjen ju (egen. ©ie ber greunb ihn tröfte unb ihn 
nodj immer mit Hoffnung nähre- — SBiglaf aber in ernfter ©röjje fein 
Sdjitffal erroatte. GS entging Seli nidjt, roie ihre ©angen fidj purpurn 
rötheten, ihre SBruft fidj ftürmifdj bei feinen ©orten hob. 2IIS er bann Gr= 
roähnung tljat, bah Stneurin in feiner ftugen 33orfid)t eine fixere ©ad>e uor baS 
Seit gelagert, für ben gatt bah bie StaSfdjroeifung ber Dtadjt bem ftönig ©efaljr 
bringe — ba fah er beuttidj, roie ber 33ecf)er in ber $anb GabroineS fdjroanfte. 

Gr hotte Re löngft burdjfdjaut, unb er ärgerte fidj jefet, bah er burdj 
feine ©orte neue Seforgnifj in ihr roadhgerufen. SaS wollte er roieber 
gut ma^en mit einem SRatlj, ber fidj ihm fdjon längft auf bie Sippe brängte. 

,,©enn 3h r ©igtaf retten roottt," raunte er ihr ju, eine Speife 
reidjenb, „fo benüfet ben 3Iugenblid." 

Gabroine erftarrte förmlich unter biefen ©orten, feinen ginger rührte 
fie mehr. 

„©ie meinft ®u baS?" fragte fte ebenfo leife. 

„Sie würben Gudj je|t nichts roeigem, — roenn ghr fluge ©orte 
wählt — " 

Gabroine lieh baS ©effer aus ihrer ßanb fallen. Seti hob es auf. 
Shr Stntlih roar tobtenbleidj. 

„ißerfudjt’S, idj fleh’ Gudj für ben Grfolg." 

Aneurin, -bie SSeränberung in bem 2 lntli(j ber Äönigin bemerfenb, 
rieth, fuh jurüdjujiehen, eS fei bem $eer je^t genug gethan. „Ser heutige 
Sag bringt fernere Saft für Gudj, mir felbft liegt er in, ben ßnodjen." 

„'Ser heutige Sag?" erroiberte Gabroine, oerroirrt um fidj blidenb, 
„hat er benn fchott begonnen?" 

„Gr fteht bereits in ber jroeiten Stunbe, Königin," entgegnete Slneurin, 
„unb baS SBolf fängt an toll ju werben." 

Gin tufterfdjüttembeS ©ebriill an ben unteren Safeln betätigte feine 
©orte, ©an flieh mit ben jumpen auf bie Sifdje, jlimmte oljren* 
betäubenbe SRunbgefänge an, ober fdjroang fidj mit ftnnnlofem Stampfen im 
Greife, tbierif<he Saute auSftohenb, einige oöHig Sdjranfenlofe tranfen 
taumelnb ber Königin 5 U, roäljrenb weiter rüdroärts ein blutiger Streit 
entftanben war, bem roilben gludien nad), ber Reh immer weiter aus* 
jnbehnen fdiien. 

Gabroine fdhien nicht barauf ju achten, ihr Slntlife hotte eine feltfante 
Starre erhalten, bie blauen Stagen blidten groh in bie 9ladjt hinaus. 

„gn ber jroeiten Stunbe, fagfl Su, Staeurin? Unb wann geht bie 
Sonne auf?" 



I 


178 Jtnton Freiheit oon perfalt in Sdjlietfee. 

„Um bie oierte, Königin, fängt eS an fidh ju tollen. @S mär 1 nicht 
gut, wenn ber geinb bie folgen biefer 3?ad&t fic^ bet ooüem Sonnenlicht 
befäfje. Schon beStjatb rath’ idl) ®ir, — brid^ auf!" 

(Sabwine fbbien auf feine SBorte nicht ju achten, eS mar, als wenn 
fie in bie gerne horche. — 

2Ineurin achtete barauf unb erhob fid(j — boc^ ber Sämt ber Um* 
gebung erfüllte bie Suft. 

©in Krieget fatit heftig an ben ©ifdh in notier Lüftung, non ben Sor* 
poften wotjt, feiner nüchternen Gattung nad), bie ftd) non ber ber nädjften 
Umgebung auffatlenb abhob. er trat ju 3lneurin; er muffte eS feljir eilig 
fjaben feinem 2 lt(jem nach. 

„Somme nom Belt — ber ©efangene — " begann er. 

®a erfjob ftd) jäh bie Königin, baff fie jmifchen betn Krieger unb 
äfaeurin 51 t ftehen fam unb fo bie gortfefeung ber -Dletbung hinberte. 

Sie hob ben Sech er unb rief mit lauter Stimme ben Tumult übertönenb: 

„Sriten, KriegSgenoffen! Safjt alle Körner btafen, alles @rj er* 
tönen! ©iefen ©runf bringt Such jum 2 lbf<hieb Sure Königin!" 

$immelftürmenber gubel erhob fidh, unb ihn nodh befiegenb, bröhnten 
hunberte non Körnern, 6 rj, Seelen, Sdhilbe unb gefreujte Speere, unb 
(Sabmine tranf unb tranf unb bradhte ben Sedher nieht non ihren Sippen. 

©a mar es plöglicf), als ob non ferne Antwort färne. 

„Set)t nadh ber ginnburg!" rief eine Stimme. 

SDtan fprang auf bie ©ifdhe, brängte, ftreefte iidE>. geurige &eHe ftieg 
auf hinter ben dauern roie Sranb, ein unbeftimmteS brohenbeS ©eräufdj 
jog irgenbwo burch bie -Wacht. 

®ie Königin ftanb regungslos, nodh immer ben Sedher in ber 4?anb. 

®a rief eS: „3u ben 2ßaffen!" „©er geinb!" „Sei ber Srücfe!" „bie 
griefen fommen!" unb fdhon faij man 2 lneurin auf feinem £engft bas ©e* 
wühl burdhbringen. „Schüft bie Königin! ®ie Stnbern mir nadh, jur 
Srüde! — 6 S ift nur ein Ausfall, ber betn gefangenen König gilt! SBerft 
fie jurücE unb nach! — " 

6 s mar (eidht ju befehlen, unb gebet märe ihm gerne befolgt, aber 
bie trunfenen Sinne fanben fidh fo rafdh nidht juredht. ©n jtnnloS &in* 
unb ^erlaufen begann, ein ©rängen unb Sudhen nadh ben Stoffen; bie 
ißferbe, toll geworben oon bem Särm, hotten ftdh loSgeriffen unb oermehrten 
baS Crntfefeen. 

Bugleidh liefe ber jefet bie Suft erfdhüttembe griefenruf, baS ©röhnen 
be§ SobenS unter ben ißferbehufen, all’ bie oerhängnijjoollen Saute plöfclidfj 
auS ber Wacht aufgetaudhten SerberbenS feinen Broeifel, baff eS fidh um 
©ob unb Seben honble. 

©eti war eS, ber bidht um bie Königin einen Wing oon Kriegern jog, 
bem bie ©ifdhe, auf benen man eben fo auSgelaffen gejedht, als Sollwert 
bienten. 


tt einig Wiglaf. 


U9 

©abroine hatte bic Kraft »ertaffen, bag furchtbare roar ihr im erften 
Mgenblicf Hot. Sie felbft £>attc bent feinb bag Säger geöffnet, ber mit 
oerbeerenber 2Ratfit roiberftanbglog eingebrodfien, bag elenbe SBeib ftanb oor 
ihr, bag ihr beit oerrätherifchen ißlan cingegebeit, ttnb mit Schauber fab fie 
je|t in ihrem ©eifte, mag fie in greifbarer Sßirflichfeit nicht gefeben, bie 
leudjtenben 2lugen, bie feiner Settierin angebörten, bie b°f) e ©eftalt, roeldje 
bie Sumpen barg, — bann oerliefe fie bie Kraft, ihre «Sinne oerroirrten 
fteb. 2113 fie fidb ju ©oben finfen fühlte, fingen fie jroei roeiefee 3lrme auf. 
Sie erfannte noch ©bitha, bie Sagerfönigin, unb liefe ftcb non ihr roitlig 
in ben rotfeen 2Rantel hüben, ber bem fDcäbdjen noch um bie Schultern 
hing. So. an ihre Sruft gelehnt, uom froft ber Tobdangft gefchüttelt, 
horchte fte bem roilben Toben beg entbrannten Kampfeg, beffen ©rauen bie 
qualmenbe ©luth ber jerftampften feuer noch erhöhte. 

König SBiglaf burchmafe mit ^afligctt Schritten bag enge 3 e lt, bag 
ifent not einer Stunbe ju feiner Ueberrafchung angeroiefen mürbe. 

Sig jefet hoffte er immer noch auf ein ©reignife, einen unberechenbaren 
3n>if<henfall, auf einen Serfudj roenigfteng non Seiten ber Surg, ihn ju 
retten. 

2Bie er Trptho fannte, mar es ifem unerflärlich, bafe fte nicht bag 
2leußerfte baran fefcte, — unb boch roieber einigermafeen eine ©enugthuung, 
eine ^Rechtfertigung für feine oöHig nerirrte Seele. fefet jeigte eg Reh flar, 
bafe fie ihn boch nidfet roirflich liebte, nur ein SBort hätte eg ihm gefoftet 
ju ©abroine, unb fte hätte feiner Rettung ihre Krone geopfert, — mehr 
moht — , unb mit biefer Ueberjeugung fhtnanb in ihm immer mehr ber ©taube 
an bie SRothroenbigfeit feineg Tobeg, an bie einzige ^Rechtfertigung feineg 
SBortbrudjeg burch ihn, unb bamit roucl)g fein Sebengbrang itt bag Um 
gemeffene. 

fefct roar fchon SRittemacht norüber unb noh nidfetg gefhehen. ©in 
mahrer 3om ergriff ihn gegen Trptljo, ein bunfler ^afe gegen bag 23eib, 
bag ihn um fein ©lücf betrogen, roährenb ihm boch fein Sehen fein fütjneg 
SBagnife roerth ift, unb aug biefem ©efühl h^aug erftanb in ihm bag 
brängenbe Setlangen, Meg, mag er alg feeiligeg ©eheimnife mit fidfe in ben 
Tob nehmen roottte, mag ft<h im Königgjelt jnrifchen ihm unb ©abroine 
ereignet, Sllmin mitjutheilen. 

@g mar eine roohlthätige ©ntlaflung feiner überooHen Seele unb 
jugleich etmag roie ein fRadjeamt an Trptfeo, — unb noch gitterte Meg 
in ihm oor fieberhafter ©rregung. 

2llroin mar nicht überrafht, er roufete ia, bafe eg fo ähnlich fommen 
muffe, aufeerbem roar er fo erfüllt non bem ©ebanfen an IRettung, bafe er 
Meg nur oon biefem ©efichtgpunfte aug befah; SBtglaf aber terbrofe feine 
bebädjtige fRufee, mo er leibenfdjaftlidien 3 l, fpru<h erroartete. 

„Unb mag hältfl ®u non bem f efte ?" fragte ihn Strom nach feinem 
leibenfchaftlühen ©rgufe. 



180 2Inton ^reit|ett oon Petfall in Sdfllerfee. 

©a fprattg et jornig auf, ohne 2tntroort ju geben, unb lief im gelt 
herum. 

„&aft ®u je gehört, bafs man ein geft giebt not folgern ®ag wie 
morgen, aufser bei Kannibalen?" fragte SUroin. 

„^ebenfalls mürben Kannibalen ihrem Opfer , nicht aus 9lü<ffi<ht für 
feine garten Ohren ein anbereS gelt anroeifen." 

„Unb wenn eS aus einem anberen ©runb gegeben märe?" fuhr 
311min unbeirrt uom 33erbruffe feines £ettn fort. „®as gelt liegt ganj 
am Stanbe beS Sägers, baS ganje Kriegs ootf roirb um baS KönigSjelt oer 
fammelt fein, um ©abroine, bie felbft erf feinen roitt. gfhr 3lnbli<f mirb 
no<h mehr beraufdjen als ber SBein." 

„3llroin! Sprich nicht bauon. ©er ©ebanfe nur, fte unter bem 
rohen Raufen ju fehen, ift mir unerträglich." 

„SBemt es mehr gälte, als ©eine jarten Ohren ju fdjonen — 
taufenbmal mehr — ©ein Sehen!" 

®a hielt SBiglaf plöhlidj ein in feinem Sauf, ein neuer Si<htftraf)t 
hatte feine Seele geftreift. 

„SBenn man ®i<h nur aus ber SDlitte beS Sägers hätte entfernen 
motten — " 

„ttttan? SBen nteinft ®u mit bem ,tnan‘?" 

„Sßeti fonft als ©abroine," erroiberte Sllroin Efafitg, „memt fie ben 
2Beg jur glicht — " 

©a ftufete SBiglaf, unroittfürlich trat er oor ben ©ingang beS geltes, 
lüftete bie Seinroanb, um hinauSjufehen, ba ftrecfte ft<h ihm f<hon ein ©peer 
entgegen, unb ein bärtiger Krieger fchrie ihn an. ®a lachte er höhitif<h- 
„O Sllroin!" 

©och biefet mar noch lange nicht am ©nbe. 

„®aS mu§ fte bo<h, um roenigftenS ben ©chein ju mähren. ®a8 
gelt liegt bi<ht am Surggtaben, einen ©peerrourf meit non ber brüten 
Srücfe — ein fühner £anbftrei<h bet Unfrigen, — ber gefttaumel — mü 
mären gerettet — " 

„255cit fie eS fo arg bebrangt bie Stoth ihres Königs — ja, menn 
fte’S mühten, bah «h fo leicht ju haben, ein paar Seute roagten fi<h 
oietteicht bran — mehr nicht Sllroin — mehr nicht." 

,,©ie fönnten es aber roiffen — mir fönnten abiichtlich hierher ge* 
bracht morben fein — ber £anbjtreidj fönnte in bem ißlane liegen — " 
„gn welchem Sßtan? ©u machft mich felbft ganj mirr — in meffeu 
fßtan? SSer ^egte folgen ißtan?" 

„SSer fonft als ©abroine." 

©a fuhr SBigtaf faft sornig auf. „©abroine — bie Königin? ©ie 
fottte ihr eigenes 33olf »errnthen, um mich — mich — " 

„©agteft ©u nicht eben, bah es ©ir nur ein 2Bort geloftet, unb fte 
hätte ihre Krone ©einer tttettung geopfert — mehr rooljl — " 



König Wiglaf. 


W 


SBiglaf fab ben greimb mit großen ftarren Slugen an. „3a, baS 
fagte i<ß, — ißte Strone oietteießt, — aber ißre (St) re, ißt eigenes 
Bott, — bas roagte idj nie ju benfen — roitPS auch jegt nicht 

benfen, — unb wenn es noch fo oerfüßrerifeß. — Sllwin, wie fannjt ©u 
nur fo graufam fein, midi hoffet* ju taffen, waS ich ni(ßt einmat hoffen 
barf, — was idj oerabfeßeuen muß im innerften ^»erjen. ®aS heißt 
einem Berfcßmacßtcnben einen ftifeßen 33acß geigen , ber burd) blumige 
Sßiefen fließt, unb ber Bacß führt nichts als eften ©cfjmug, unb ,bie Blumen 
auf ben SBiefen ftrömen giftigen &auch aus — " 

„Ober bem Berfcßmacßtenben erfdfjien baS 2ItteS nur fo in feinem 
Fieberwahn, baS SBaffer ift gnetlftar, wenn er eS mit ben $änben fdßöpft, 
nur bie Fotbe beS ©runbeS ift fdfjmugig unb theitt ließ ihm mit SBenn 
©abwine fein anbereS Btittel ju ©ebote fteßt, ©id) ju retten, warum 
foH fie nicht ju einer Sift greifen, bie ihr btinberregteS Bolf not Faßre 
langer Blutrache bewahrt, oor enblofet Feßbe jwifeßen ^rieSlanb unb 
Britannien". 

SBiglaf würbe naeßbenftieß. „SBenn man eS fo betrachtet unb bann 
— wenn’S fo gefeßeße — " er legte bie $anb oor bie Slugen, „wenn idj 
oor ©rtjtljo trete — " 

„®ann gefteß’ ißr Stiles, — rufe fie bei bem Statuen ,2Kutter‘, ben 
fie einft fo gerne aus ©einem SJtunbe gehört." 

SBiglaf fußr fidh oerbroffen über bie ©time. ,,©S ift ja Unfinn. 
•®er legte SebenSfampf, ber mich befällt, baS legte ohnmächtige Bütteln an 
meinen Jterfermänben, — aber baS lodert Stiles nur bie Straft, bie ich für 
morgen brauche. D SCrnin." 

©ine mächtige Bewegung überfam SBiglaf plöglicß unb warf ißn an 
bie Brufi beS ^rcimbes. 

„©S war fo feßön ju leben, unb bann im legten Stugenblid noch er* 
fennen, baß baS Silles nichts wahr, Sdjaum, SBaßn, unb baS fjöchfte Beben 
oor fidh feßen, e§ greifen fönnen, ganj burdjbrungen fein baoon, unb bettel* 
arm flerben müffen, — bas ift mehr, als ich tragen fann," ein ©ßränen* 
ftrom bradh jidfj Bahn unb erleichterte fein gequältes föerj. 

Sllwin hielt ihn feft, aber feine ©inne waren außer bem Baume. 

©r holte eben ben anfdßmellenben $ubel beS Sägers oon fernher oer* 
nommen, baS ©eßmettten ber Körner unb ©rompeten, baS ©ebrüll ber 
©olbateu; naeßbem eS ebenfo plögUcß oerftummt, entging ißm nießt ein un= 
beftimmteS ©eräufcß in entgegengefegter Bicßtung oom Burggraben her, eS 
glicß faft bem Baufcßen oon FitUcßen in ber Suft. ©S fegte oöllig auS, 
aber bie SBacßen braußen waren fichttidh unrußig geworben, man hörte ißre 
Flüfterftimmen, wie Ile ji<ß fammelten. 

®a jerriß ein geller ©dßrei bie Bacßt, ein ©obeSfcßrei oom Finffe 
ßerauf. 



\Q2 


2lnton ^rcitjerr con perfall in Sdjltetfee. 


Alwin rifj fich non SBiglaf los nnb eilte an ben AuSgang. ©ie 
SBadjen Ratten fid^ gehaart nnb Tpäljten eifrig in bie 3tadjt hinaus. 

Alwin erfat) einen ©peer nnb ein furjeS ©diniert, baS »or bem ©in= 
gang lernte, wohl tton einem ©olbaten in ber £aft beS 33eobachten8 baljin 
gelegt, rafcfj griff er barnach unb trat in bas 3 e ^ jurücf. 

SBiglaf faf) erftaunt auf ihn; in biefem Augenblicf fam’S wie auf 
taufenb ©djwingen burd) bie Stacht geflogen, erft ein teifeS ©rjittem beS 
33oben8, bann ein Klirren unb ©tampfen wie non fßferbehufen. 

Alwin reifte SBiglaf baS futje ©djwert, ber es gierig ergriff, unb 
befielt felbft ben ©peer. 

„3efet gitt’S, mein König!" ©rangen erfd)otI ber Stuf „33er rath! ber 
$einb !" unb fchon ftürjt ein Krieget herein mit gesücftem ©chwerte. ©od) 
als er 33eibe gewaffnet fiel) gegenüber fab, ftanb et wie gelähmt unb empfing 
ben ©obeSftof; non Alwins ©peer, ohne einen SBamungSruf auSjuftofeen. 

Stun ftürjten SSMglaf unb Alwin felbft hinaus in wilbem Ungejtünt. 

©ie faben eben noch ben furjen Kampf ber SBadjen, bann waren fie 
fdjon non befannten ©efidjtem umgeben. 

OweinS rother 33art leuchtete aus bem ©unfel, unjählige £änbe 
ftredten fi<h nach bem König unb Alwin ; ehe jie ficfj’S felbft nerfahen, 
faben fie im ©attel unb gerüftet. 

Sßiglaf glaubte im ©unfein ein SBeib h°<^ ?u Stoff ju erfemten, baS ft<h 
burch bie bidjt gefcbloffene Stotte brängte — hoch fchon ftanb Aefchere neben ihm. 

„©päre ©eine SBorte für fpäter, — nur fegt feinen Aufenthalt, ehe 
fie völlig jur 33efinnung fommen, b’rauf! 3h r müht ja baS Säger fennen." 

Unb wie ein hrimtücfifdier ©trom fdjlid) fich baS $riefenheer burd) 

bie 3tadjt in baS aufgeftörte Säger, um bann plöfclidj in wilbem ©trubel 
fich barein ju ergiefjen. — 

3Bigtaf war es, als ntüffe er feinem fßferbe bie ©poren geben unb 
Allen oorauSftürmen. 

Gs war aber nicht nur baS mächtig non Steuern in ihm auffchäumenbe 

SebenSgefühl, baS ihn »orwärtS trieb, hinter ihm war ©rptljo, beten 

33egegnung er fcheute, not ifjm entbrannte ber Kampf, wäljte fich eine 
truufene rathlofe ÜJtaffe hi« nnb her, halb flieljenb, halb fuh fammelnb, 
SBiberftanb nerfudjenb, ein 33tlb ber Auflöfung, ber 33ernid)tung, unb mitten 
barin befanb fich Gabwine, feine Stetterin, bie auf bem fdjmalen, für thn 
bereiteten StettungSweg nun baS 33erberben hereinbringen fah auf ihr SSolf, 
baS fie felbft ahnungslos beraufbefdjworen, — bie 23eute ber 33erjmeiflung, 
entfeffelter ©hierbeit vielleicht, wenn er ju fpät fam. — 

StingS hatte bie -Diefeelei begonnen, ©er planlofe Sßiberftanb einjelner 
gefaminelter Stötten fonnte feine ©auer hoben, ©ie würben erbrficft, in 
baS Säger geworfen. 

SfSMglafS Auge war auf baS KönigSjelt gerichtet, bicht baoor wehrte 
fich rin gcfd)(offener £>aufe nerjweifeft gegen ben Anfturm. 



König iDiglaf. 


183 


SlneurinS toeiße ©eftalt roar weithin ftdjtbar, oon ben lobernben 
stammen bedienen, — bort roar bie Königin — fein 3*ueifel. 

®a gab es fein Siebenten mehr für ifm, fein StücfroärtSblicfen. Gr 
roatf fi<h mitten hinein, gefolgt non Sllroiti. 

Stneurin fteUte fi<h if)m entgegen. 

„2Bo ift bie Königin? Kein £>aat foH i|r gefrümmt werben," rief 
SBtglaf, fein fßferb oor bem SBütfjenben parirenb. 

„3um Teufel mit ©einer Königin unb ihrem oerfludjten £aar, bas 
uns Seib unb Seben foftet. ©teh’ unb fäntpfe." 

Gin mächtiger ©chroerthieb jucfte über SBigtafS $aupt, ber non einem 
Shtblicf fo gefeffelt roar, baß er barauf gar nicht artete. 

9Iu<h bieSmal roar es Sltroin, ber ben Streich auffing. Sßiglaf über- 
ließ ihm willig ben Sitten unb brängte oorroärts. 

SBot bem Gingang beS 3etteS ftanb Gabroine. Gben riß ein Krieger 
ein Sßeib an ben paaren nieber, baS ft<h fdfüfeenb oor bie Königin roarf, 
roäfirenb ein j weiter nach bem rothen Sftantel griff, in ben fte ßch gehüllt. 

Sßiglaf glaubte feinen 32amen ju hören, ju fehen, roie Gabroine fjitfefudßenb 
bie 3lrme nach ihm auSftrecfte. ®a fprang er fdfjon »om fßferbe, riß bie 
Singreifer roeg, trug bie SBiHenlofe auf feinen Sinnen in baS 3 e ^ unb üe& 
fie auf baS Säger nieber. 

Gntfefcen oerjerrte ihre 3%«/ ber ©obesfchroeiß perlte auf ihrer ©tim. 
„©öbte mich, bie fBerrätijerin!" ftöhnte fie mit gefcljtoffenen Slugen. „geh 
hab’S getfjan — mein eigen 33olf. — Stile ©obten fteljen roiber mich auf! 
— J0ab’ Grbarmen unb töbte mich — " 

„Gabroine! faffe ©ich!" rief Sßiglaf. 

©a öffnete fie ftarr bie Slugen. „Sßiglaf! — SBie fomnift ©u 
hierher? — gort — fort — berühre mich nicht! ©er Stnblicf ift furcht* 
barer als ber ©ob." 

Gmeuter Kampflärm erßhotl oon brauten, roohl ber lebte ©toß. 

Sßiglaf fühlte, baß jefet hier nicht fein ißlafc, unb bo<h fonnte er 
Gabroine nicht ßhufcloS laffen. 

Gr fprang auf unb eilte gegen ben SluSgang. Sßar er nicht ber König? 

®a roanfte ©eli herein blutüberfirömt, — prallte oor Sßiglaf jurücf, 
erfannte ihn unb fiel ihm ju güßen. „SJette bie Königin! — ©ie fommen! 
©rptljo!" ®a oerfagte ihm bie ©prache. 

S$on brauten erfhoH ^»uffcfjtag, bas Klirren ber Siüjtungen beim 
Stbfifcen. 

Sßiglaf ftanb regungslos mit gejücftem ©diroert in ber SJJitte beS 
3elteS, baS ©efürchtete erroartenb. Gr oernahm bie ©timme ©rpthoS 
braußen. „SBo ift ber König?" 

„Gr hat bie Königin gefangen — brimten im 3elt," antroortete eine 
©timme. 

„Saßt Siiemanb fonft herein unb erwartet mich hier." 



21nton ^teificsr eoit petfall in S<f)lierfet. 


W 


SBiglaf faßte fein S4wert fefter. ®a ßob ftdj fdjon bie Seinwanb, 
ftanb oor ihm, gerüftet. 

$er Slicf, ben fie juerft auf Gabwine warf, fagte i^m 2MeS. 

?iod) fämpft man, SBigtaf, idE) hätte 2)id) hier ntdE)t gefugt," waren 
ihre erften SBorte. 

„Gben bin ich eingetreten. wollte nur bie Königin oor ber 9toh= 
beit ber Solbaten fcfjü^en. Sei mir gegrüßt, £rt»tho." Gr trat oor, oon 
einem innigen (Sefütjl erfaßt, ftrecfte ißr bie £anb entgegen. 

Sie legte bie ihrige ohne ©egenbrucf hinein. 

„34 banf ®ir, — es war eine fühne £hat." 

„Bebaute ®i<h bei ihr." Sie wies auf Gabwine, ihr bleiches, flarreS 
Slntlifc erhellte fein Strahl oon SBieberfehenSfreube. „Sie ßat’S gethan." 
SBiglaf fuhr erfchrecft jurücf. 

„Gabwine? — unb ihr ganjeS £eer oerni4tet, fie felbft ermorbet, 
wenn i4 ni4t jur rechten 3«t — " 

„®aS war aHerbingS ni4t ihr SBiHe. 10 2luSerwählte ber Unfrigen 
fotlten ©i4 befreien, ganj im Stillen. 34 bra4te 500 mit unb ma4te 
es etwas lauter, bas ift MeS. Serftehft $)u jeßt?" 

SBiglaf war no4 oerwirrter. „Unb Gabwine hat baS StUeS — " 
„2Jtit mir abgerebet — fn et in biefem 3elt, oor wenig Stunben — " 
„3JHt ®ir? — 3n biefem 3elt? 93or wenig Stunben? £rgtho, es 
ift nicht 3«ü jw ©4er jen." 

„3ft au4 mir nicht fo ju UJiutf», SBiglaf, unb bo4 ifi es fo. — Gi, 
fieh’ ba, bie Königin erholt fi4 raf4." 

2Biglaf wanbte ft4- Gabwine faß aufre4t auf bem Säger unb ftarrte 
mit offenem ÜJfunb auf SCrijt^o. 

„9tun gieb einmal 2l4tung," fuhr iErptho fort. „34 will $)ir ben 
Beweis liefern, baß i4 h^ er gewefen." 

5Crtjtf)o f4lug raf4 ben grauen Diantel, ben fie trug, über ber Stuft 
jufammen, beugte ü4 weit oor, auf ihr S4wert geftüßt, Hielte f4arf unter 
bem bi4ten ^aar heroor, bas ihr Slntliß überf4attet, auf Gabwine unb 
begann in oößig ftembent £one: 

„2Ber läfe ni4t gern fo f4öne Schrift — unb no4 mehr, fo f4öne 
®ingc, als hier getrieben flehen — bie ©unft beS ©lüdeS — ber Siebe 
2Bonnen — " 

GabmitteS SIntliß oerjerrte fi4 wie im 2'obeSf4re<f. „Slmpfta!" rief 
fie plößlWjj, bie 2lrme na4 Sirptho auSgeftrecft. 

®ie hob ß4 aus ihrer gebüdten Stellung unb Ia4te laut. „34 
fagte ®ir ja, $>u fichft mi4 wieber. .frier fieh’ *4 — 5Cri)tt)o !" 

Gabwine fanf in fi4 jufammen unb oerhüflte ihr .fraupt. 

„©laubft 3 ju jeßt?" fragte Xrtjtfjo SBiglaf, ber fpra4loS bem Sorgang 
jugefeßen. 



König IDiglaf. 


*85 


„Kannft ®u ©ich an 9lmpfia nicht mehr erinnern, ©eine 9lmme? 
Sn ihrer ©eftalt brang ich bis hierher urtb gewann ihr ooßeS Vertrauen. 
Gs war leidster, ats idh erwartet. 3$ ^atte bie 9JtaSfe nur ju gut ge* 
wählt. — <Sie bot mir eine Schürje ©olb für ©eine Befreiung, unb i($ 
uerlangte nichts bafür, als baff fie not ©rotho roieberljole, was fie 9ltni)fta 
geftanben — bei ihrem KönigSmort." 

©a, ehe fie fidEj’S oerfoli, ehe es Sßiglaf hinbern fonnte, tag ©abmine 
ju ihren griffen, mit ihrem fjaar ben 33oben berührenb. 

„Unb idh witl’S hotten, mein KönigSmort. ,,&ör’ mich Q n in meiner 
tiefften -Roth — " 

„9ti<ht htrr — oor aflem SBolft ©ie Stoffe fann idh ©it nidht 
fparen," erffärte ©rrjttjo. 

©abmine fchauerte jufammen unb warf einen flehenben SBlicf auf SBiglaf. 
„Sei nidht graufam, ©rptho," wanbte biefer oermirrt ein. „SBaS 
eS audh fei, woju bem SBolf foldh’ ein Sdhaufpiet bieten, baS ©idh fetbft 
nidht ehrt — " 

„2Boju? ©afe eS fein Urtheit faßt — " 

„®aS fteht boch mit aßein ju — bem König — " 

,,©ut, fo foßft ©u eS faßen, oor ©einem 93o(f — " 

„Seftehft ©u barauf?" fragte SEBiglaf, „bebenf eS wohl." 

„Sch hob’ eS tang’ bebo<ht." ©S tag ein tiefer Schmer} in biefen 
SÖBorten. 

©s war SEBigtaf, ats müffe er ihr ju güjjen faßen, fie um Vergebung 
bitten, ©inen Slugenbticf nodh jögerte er, eS war ihm, als fprädhe 
aus ihrem SSticf fein ßaff, bann eilte er aus bem Seit, ohne umjufdhauen, 
an üfefdjere oorbei, ber auf feine Herrin wartete, beftieg fein SPferb unb 
fprengte in ben bämmernbeu -Dtorgen hinaus, ber Stichtung }u, in ber ber 
Jefete Sdhtadhttärm oerhaßte. 


©ie Sonne war glorreich aufgegangen über ber ginnbutg, aus beren 
©höre eS in fjeden Raufen herauSftrömte, gung unb 9llt, Kinber unb 
©reife, bem nädhttidhen Sdbtacfjtfelbe ju, nadh bang burcfjtebten ©agen. 

©in fdhwerer ©unft oon 33ranb unb 33(ut lagerte nodh barüber, 
jmifcfjen ben SJtenfdhem unb Spferbcleichen trieben fidh nodh bie SRefte beS fo 
jäh geftörten geftes herum, umgeftür}te ©ifdhe, ©afelgeräth, geleerte Raffer, 
inmitten aber oon aß’ ber Serftörung ftanb unoerfehrt in feiner weichlichen 
5ßra<ht, wie ein luftiges Spieljeug, baS $elt ber Königin. 

Ringsum hatte ftdh baS ftegreidhe fjeer oerfanmtelt, beffen Siegesjubel 
eine feierliche Grmartung ju bämpfen fdhien, währenb bie Sdhaaren ber 
gefangenen Sritannen mohlbemadht in finfterer SRuhe bem Kommenben 
entgegenharrten. 

2lßen ftdhtbar fajs SEBiglaf auf feinem £engft, an feiner Seite 9Ilmin, 
ber mit ihm jebeS SooS geteilt, ®od) war in feinem bleichen 3lntlife feine 

Slotk snb Silb. XCVI. 287. 13 


J86 3Inton Freiherr pon perfall trt 5d)lierfee. 

Sieges freube }u lefen, eS mar, als bube ber ©obeSRttidj, bet iRn geRreift, 
jebe ©pur ber fronen Sugenb}eit barin gelöst unb bafür beS großen 
Sinns ftrenge Böge aufgebecft, bie batunter nerborgen waren. 

SJtan fpradR non einem ©ericRt, baS über bie gefangene Äönigin ge« 
galten werben foUte, unb meinte, man fotte ©leides mit ©leidem nergelten. 
SBemt ber nädbtlidje ffiRne ©treidR uid)t gelungen, mürbe jefct SBigtafS 
$aupt fallen im SlngencRt ber Sinnburg. 

Slnbere bauten milber. Slm ©nbe t»abe er iRr bocR übel mügefpielt, 
nor Sittern fei Re ein SBeib, baS woRl mehr gebrängt non ihren SSeratRem, 
non ihrem 33olf, ben Jtrieg unternommen, als aus eigenem SBitten, auch 
fei SJerfßRnung für bie Bufunft flüger, als ewige Seinbfdjaft mit bem 
ftärferen S3olf, baS nicht jögern würbe, bie ©(harte auSjuwefeen. 

Sitten ©treit barüber, ber immer lauter würbe, bradjte ein Snnfaren» 
ftoR non ber 39urg her }ur SiuRe. ©ie $älfe flredten Reh — ©tifle 
trat ein. — 

5Crt)tEjo fatn geritten mit ihrem ©efolge, ihr }ur ©eite SleRRere. Sn 
feinem fahlen ©emiht war nichts ©uteS für bie ©efangene ju lefen. 

©tolj fah fte aus im ©attel, eine richtige Königin, baran fein B weifet, 
ftein SJlenRh hätte an bie ©emahiin beS alten Sinn gebaut, ba}u bie grojje 
©Rat ber 9la<ht. SBeitRin fdRattte ber 33egrüfjungSruf. 

Bangfam fam fie herangeritten, wie ein S3itb aus ©tein, fo fiarr 
unb falt, nid)t einmal ein Slicfen beS ©anfeS befam man }u fehen. 

SJtan war jefet nur auf bie Begegnung mit bem Äönig neugierig, unb 
bie ©olbaten hotten arge SJtüRe, bem ©ebränge £alt }u bieten. 

Seht ritt fie in ben leeren JtreiS, SBiglaf ihr entgegen. 

SBieber eine ©nttäufdRung, — SltteS falt unb förmlidR, wo man einen 
UeberRRwang non ©efüht erwartete. 

©her war SBiglaf no<h weich geftimmt unb fam ihr beglich entgegen, 
bo«h fcRrecfte ihn' ficRtlid) ihr ftarrer ©rnft. ©ar frohe Beiten wirb Re 
wohl nicht bringen als Königin, wie man Re na<h SirtnS Rrengem Regiment 
bod> fo heiß begehrt, — bap SleRhere mit feinem Rnfteren SJIicf. — Slrme 
©abwirte, um ®i<h Reht’S fd)ted)t! StaRR regte RcR baS SJtitleib mit ber 
Schwergeprüften. 

„®u bift bereit, ©rptRo?" fagte SBiglaf in einem ©one, aus bem 
es wie eine ©roRung herauSflang. 

„S<h bin bereit," erwiberte ©rptRo. . 

®a ritt SBiglaf in bie SJiitte beS Greifes." 

,,©o hört mi<h an, ÄriegS* unb SSolfSgenoffen, — au<h SRr SJritannen," 
wanbte er fi<h mit erhobener ©tiinme }u ben ©efangenen, „bie SRr geftem 
no<h nadR meinem S3lute lüftem wart. — 

©rptRo nerlangt öffentlid) ©eridRt über ©abwine, gegen bie baS ©djiäfal 
heute Stacht entfdjieben. S<h war gefangen, nidRt mehr ben fiebenbigen 
bei}U}ählen, — ©rptRoS füRner ©Rat banfe ich, nädRft ©urem tapfem Slrm, 


KSntg roiglaf. 


187 


fiebert, fjrei^eit, Krone, fo fte^t es mir nicht an, mich ihren SSünfcljen ju 
roiberfefcen, obrooE»! ich anberc Söfung hoffte. Sei meiner Krone »erfpredhe 
ich gerechten Spruch. 

@r befahl 9llroin bie ©efangenen hierher ju entbieten. 

König SEBigtaf mar au» bem Sattel geftiegen unb ftanb auf einer 
2lrt Erhöhung, bie, »on Sdiilben unb SBaffen eingerahmt, bidht oor bem 
©ingang beS KönigSjelteS errichtet mar. 

Sein 2lntlifc mar bleidh, roie um 3«hre gealtert. @r hotte ben &elm 
abgenommen, fein &aar hing roirr unb ungeorbnet auf baS fdhlidhte, nodh 
oom Kampfe arg mitgenommene SebetfoHer, baS er als ©efangener getragen. 
Sein Slicl richtete fidh nadh oben, als ob ihm iiberirbifdhe Kraft non 
Sßöthen fei für baS, roaS fommen fotlte, bann tiefe er ihn ju ©rptho 
hinüberfdhroeifen. ©iefe fafj regungslos im Sattel, bidht neben if>r ftanb 
3tefdhere, bie $anb am Bügel ihres fßferbeS. 

©ine brohenbe SBolfe erfdhien einen 2lugenblidE auf ber Stirn beS 
Königs. 

„2lefdhere," rief er laut, „ju mir!" 6t roieS »or ftdh hin. „£>ier 
ift ©ein fßlah. 

©iefer jögerte einen ülugenblicf, baS bletdfje ©efidfjt rötfeete fidh, bie 
f auft ballte fidh um ben Sdhroertgriff, bann folgte er fichtlidf) roiberftrebenb 
bem 33efefet. 

Kein Saut, ©obtenftiüe, nur bie Staben dritten frädfjjenb um bie fieicfeen. 

©efpannte ©rroartung auf jebent ©eficht. 

®a öffnete fidh bas gtlt, eine allgemeine Seroegung ging burdh bie 
Steihen, ein Staunen, baS ba unb bort unroiWürlich fidh au f bie Sippen 
brängte. 

©abmine trat heraus, mit ihr ein ©reis »on mächtigem ©lieberbau, 
in roeifjem SärenfeH, baS $aupt in blutiger Sinbe: Slneurin, ben ihr 

SBtglaf jum ©roft gefenbet. 

Sie mar in fchlidhteS SBBeife gelleibet, ein himmelblauer ÜDtantel, mit 
fdhmalem ©olb »erbrämt, roallte lofe »on ber Schulter nieber. Kein 
Sdhrnud ftörte bie mildhige Sieinheit beS StadtenS, über ben wie ein föft= 
lidhet Schleier, aus Sidht geroebt, baS jarte ©efpinnft beS £aares fich fenfte. 
fieberhafte Sttötfee tag auf ben Söangen, unb ber Slicf, »on langen feibenen 
SBimpern befdjjattet, fudhte ben Soben. 

©aS mar ein frauenbilb, roie man es in biefem rauhen Sanbe nie 
gefehen. 

Unb bie hot er abgeroiefen. — ©aS roät J eine Königin geroefen, 
gerabe roie geraffen für ihn, fo flüfterte man fidh’S in ber Stunbe ju, unb 
unroiHfürlidh roedhfelte ber Stiel jioifdben ihr unb ©rptho. 

Unb König SGBigtaf begann mit tlarer, fefter Stimme: „Königin »on 
Britannien, ©abroine, ®u bift mit einem £eer in mein Sanb gefallen, 
ohne mir f efebe ju fünben. ©u feaft mein $eer gefdhlagen an ben Kiefern; 

13 * 



f88 Unton ^reißerr con perfatl in »dfiterfee. 

bügeln, oiet friefifdj 33tut ift bort gefloffen, ic6 felbft würbe ©ein ©efangener. 
®u haft meine 23urg belagert, haft mir baS Sehen abgebrochen, 2ßelcße 
©rmtbe hoben ©ich ju all’ bem bewogen? 23efenne eS frei unb offen oor 
biefen füllen, roaS immer eS fei." 

©abroine hob ben ©lief noch immer nicht. StteS hing an ihrem SJlunbe. 
„®u haft meinem SBater füethetreb baä 95?ort gebrochen," begann fte 
mit nnficherer Stimme. 

„3<h höbe fein SBort gegeben unb feinS gebrochen," roanbte SBiglaf 
ein. „-Kein Söater gab» roiber meinen Sßillen — " 

„®o<h trägft ®u bie ftrone fyinnS, ich bie Ärone SletßelrebS, unb mir 
finb bie ©eben, nicht nur beS SiecßteS ber fßeiben, fonbern auch beS Un- 
rechtes, was fte übten unb litten." 

„So famft ©u mit ^eereSmacfit, um baS Unrecht ju rächen, baS 
mein 93ater an bem ©einen übte?" fragte SBiglaf. 

„©arunt fam ich." 

„Unb fonnteft ©eine 9la<he nicht fättigen mit bem 33lut, baS in ber 
Schlacht an ben ßiefernhügeln gefloffen. fßerlangteft noch meines baju, beS 
ÄönigS felbft." 

©ine allgemeine Seroegung beS Unwillens that fich funb. 

©abroine fchauerte jufammen unb jog ben SDfantel fefter um bie 33ruft. 
„Sludh Könige finb nicht immer Herren ihres SöiHettS, ich habe MeS 
oerfueßt, maS in meinen Kräften ftanb — " 

©abroine ooHenbete nicht. 

„jährlich, baS fann ich ib r bejeugen," erflärte ©rptho. „©rtaube, 

mein Äönig," roanbte fte fich an fffiiglaf, „bah i<h joßt 8 U ih r fpredhe, 

nachbem fie ©einer fünflage ©enüge gethan." 

SBiglaf gab mit fidjtlichem SRMberftreben feine Ginroilligung. 

„©eftern Stacht, oor beginn beS SagerfefteS, war ein armes 25>eib bei 
©ir im 3 f lt, fümpfia, bie 2lmme beS Königs SBiglaf, treue, tobeS= 
oerad)tenbe Siebe ju ihm trieb fie hierher, einen lebten StettungSoerfudh ju 
machen. 33on einem prophetifeßen ©eift erfaßt, oerßieß fie ©ir ,bie 33 1 - 
freiung 2SiglafS, beoor bie Sonne aufgeht. ®u gabft ©ein ÄönigSroort 
bafür, roenn ©u ©rtjtfjo begegneft, oor ihr 2llleS ju roieberholen, roaS ©u 
fümpfia anoertraitt. $ier fteße idh unb warte barauf." 

3cßt fchlng ©abroine junt erften SRal bie Slugen auf, jugleich h°b ne 

fich aus ihrer gebeugten Haltung unb ftanb hoch aufgerichtet, jeben 9?ero 
gefpannt, oor ©rptßo. 

„fDtein SDlunb hätt’ fich eher im ©obe gefchloffen," begann ©abroine, 
ben SBlicf auf ©rptho gerietet, als baß er je baS Siegel oon biefer 
Stunbe genommen, ©och ©u rufft mich bei meinem StimigSroort, fo fei’S!" 
Sie ftodte unb btiefte auf 21'iglaf, mit beut eine auffallenbe 33eränberung 
oorgegangen. ©er ftrenge 3og beS DiicbterS war aus bem füntliß »er* 
feßrounben, bie fahle 33läffe hatte ber fyarbe böcbfter ©rregung roeichen 


König EDtglaf. 


*89 


müffen, unb auS ben 2tugen, eben noch gtanjtoS, brach ein Strobl fütjnften 
SJtutbeS, freubigfter Grnmrtung, ber in ©«Dünne alle glommen jünbete. 
2BaS fie eben noch jittern mochte, bie ©nttjüllnng ißreS fügen ©ebeintniffeS 
cor all' biefen neugierigen SBlicfeit, mar jeßt äöoüuft. ®ie ganje 2Belt 
hätte fie anhören follen. 

„So l)ört Me, roaS idj Utmpfia anoertraut," rief iie laut, mit ihren 
SBlicfen bie fbtenge gleicbfam umfreifenb, um fie bann uott muthiger gnnig= 
feit auf bem König ruhen 51t [offen. 

„®ag ich König SBiglaf liebe mit ganjer Seele, mit allen Sinnen, 
baff ich ihn geliebt, che mein 2lugc ihn je gefehen, baß er fo mein ganjeS 
SBefen füllt, bah Seben ohne ihn mir ®ob, — ja, mehr noch habe ich ih r 
ancertraut, i<h bcfenne eS frei, — bog ich felbft nicht jögern mürbe, ben 
blutigen 2BiHen beS SBolfeS in fegenSreiche ®h at 511 cerfehren, unb mühte 
ich ju Sijl unb SSerratl) meine Bufludht nehmen. 3 e h>i Krieger aus ber 
33urg follten in bet Stocht ü<h itt’S Säger gleichen unb ben König be= 
freien, fo raarb’S abgerebet jroifdhen mir unb Mtpiia. 2lnftatt bet 3 e h n 
fam auf bem SBeg, ben ich felbft bereitet, ein gonjeS $eer. Offen befenne 
ich meine Sdjulb unb mich felbft unroürbig, ferner mich Königin ber Sriten 
ju nennen, geht roeißt ®u MeS, jeßt richte." 

®er Sturm beS GrftounenS, ber greube, ber SBerounberung unb beS 
StöfdjeuS, ber, fi<h gegenfeitig freujenb, bie SWenge roie ein 2tef>renfelb 
fchüttelte, legte fi<h mit einem fötale. 

„SllleS, fagft ®u, — auf ®ein KönigSroort!" mahnte ®rptho, in 
bercn Slnttiß es jeßt oerbächtig juctte. „£aft ®u Slmpjta fonft nichts an= 
certraut?" 

®a röthete ber Unmuth bie Stirn GabroineS. „2Benn ®u bie Seele 
eines 2S?eibeS in ®ir füßlft, fannft ®u nicht meiter fragen." 

„Ginft fühlte ich fie mie ®u, — cor Kurjem noch, jcßt fühle ich fie 
nicht mehr, barum frage ich meiter." 

„Unb ich roitt ®ir 2lutroort geben," rief jeßt SBiglaf, plößlich in ben 
ÄreiS uor Ulrptbo tretenb, baß ihr fßferb freute unb fie im Sattel fdjroanfte. 

„fjört mich Me, griefen unb Sritannen! 2BaS Gabroine hier offen 
cor Gudh befannt, baS habe i<h felbft cor menig ®agen in biefent 3elt ju 
ihren güfeen geftanben, baß ich Tie liebe mit ganjer Seele, mit allen 
Sinnen, bah ich fie geliebt, ehe mein 2tuge fie gefehen, bafs fie fo mein 
ganjeS SSefen erfüllt, bah Seben ohne fie mein ®ob, unb noch einmal ge= 
fleh’ i<h oor Guch Men, cor ®ir, fErptßo, bie ®u felbft bie SBahrßeit 
heraufbefchmoren unb ein frecentlicßeS Spiel treibft mit biefent eblen fjerjen. 
33lict’ noch fo fiufter, nenn’ mich eßrloS, mortoergeffen, ®reuebre<her, — ein 
2Baßn roar’S, ber meine Sinne umnachtet, ein tüdifcheS 3teß, baS man 
■um mich geroorfen, baS idh jeßt jerreiße unb mit gühen trete." 

gn bem SBolfe, baS bis jeßt bie Ueberrafdjung förmlidh lähmte, er- 
leuchte jeßt bie Seibenfcbaft, unb rafch bilbeten ftch ^Parteien. 



J 90 Zlnton ^retßerr t>on petfall in St^lietfee. 

®ie ©inen riß SBiglafS greimutb fort, bie Stnbem füllten baS lln* 
recht gegen ©rijtho ftärfer, in beren Statliß mehr »erhaltener Schmer}, als 
3 om ju lefen war. 

SBiglaf aber batte jebe ©iäfjigung oerlaffen, baS Senehmen ©njtljoS 
erfcfiien ihm im fchlimmften Siebt, graufam, jeber weiblichen ©mpfinbung 
bar, roährenb ©abroine in oöHiger SBerflärung oor ihm ftanb. 

„©abroine, hier biet’ ich ®ir nodh einmal $erj unb $anb unb tilg* 
baS Unrecht, baS man ®ir angethan." 

®o<h ©abroine ergriff bie &anb nicht; ehe SBiglaf ficE»’ä oerfäfj, tag 
fie oor ©rptho auf ben ftnien. 

„©rptho, hi« lieg’ ich im ©taub oor ®ir unb rufe ©ich bei ber 
Siebe, bie ®u einft 2Biglaf fchenfteft, bei ber Siebe, bie ©ich ben ©ob 
»erachtenb in baS feinbliche Säger trieb, bei ber Siebe, oon ber Slmpfia ju 
mir fpradj, fo rein, roie fie je eine Sttutter hegte, richte über mich unb 
ihn. 3$ roitt bem Spruch mich fügen, als fäme er mir oon oben." 

SRinqSum oerftummte jeber Saut. £ier ooüjog fich ein ©eridjt, baS 
ben SWoheften felbft jur ©t)rfurcf)t jroang. 

©inen SttugenblicE 50g es toie SBetterleuchten über ©rptljoS 2lntUß, ein 
herber Schmer} fämpfte mit einem ftarfen SBißen. 

„©em Äönig allein fteht es ju, einen dichter in feiner Sache }u 
erfennen." 

SBigtaf mar erwacht unb bliefte oerftört um fich, als ob er bie ©e* 
fidhter ringS befragen motte, irgenbroo Ipilfe fuchen, er bliefte auf ©abroine, 
auf ©rptho, — unb fonnte ben S3licf nicht mehr oon ihr roenben. 2Bar 
er benn niahnfinnig? Dber träumte er baS 2UIeS? ®aS mar ja baSfelbe 
Sintiiß, baS fich einft 00Q mütterlicher Siebe über fein ßranfenlager beugte, 
in bem er $ilfe fuchte oor bem rauhen SOater, ber ihn nie »erftanb, }u 
bem ihn finbticheS Vertrauen erfüllte, baS roie eine milbe Sonne feine 
freubetofe Qugenb befchien. ©S roar ihm plößlidj, als müffe er an 
©abroineitS Seite fnien. 

„So erfenue ich ihn," erflärte er laut, „fei ©u mein dichter, ©tßtlfo, 
ich füge mich ©einem Spruch." 

©ofenber Seifatt folgte feinen 2ßorten, unb Sdjilb unb Speer erflang. 

©rptßo fchten einen Slugenbticf im Sattel }U roanfen, hoch rafch faßte 
fie bie Bügel fefter. 

©er Spruch fei furj, aber eroig, ohne ©inroanb foH er gelten, unb 
als ein fyreoler oor altem 2lolf gelten, roer’S roagt, nur mit einem 2Bort 
baran ju rühren. 33ift ©u einoerftanben, 2Bigtaf?" 

„Qdh muß es roohl fein," erflärte SBiglaf, feine neue Seforgnifj nid^t 
oerhehlettb. 

„Unb 3h r Sitte — fyriefen unb 33ritannen?" 

Saute 3urufe gaben einfümmig beS SßolfeS SBitten funb. 


König EDtglaf. 


„©o lös’ idb fetbft ben ©reufdbrour, ben mir SBigtaf geteiftet, bem 
SBitten feines fterbenbeS BaterS folgenb, nicht bem 3uge beS ^erjenS — " 
ba ftodfte ©rgtho, ihr Stntlife würbe fatit rote bet ©ob, nnb um bie Sippe 
judte eS roie non oerhattenem ©cbmerj. Slefdbere trat an ihre ©eite, unb 
nadj 2ItE)em ringenb, ftüfete fie fidb auf feine ©«butter, „unb oermähle ihn 
mit ©abroine, Königin ber Briten, ber SBigtaf eben cor @u«b Men — " 
®a oerfagte i^r bie ©timme, fie fdjroanfte im ©attef. 

SBigtaf eilte auf iie ju, griff nadb ihrer &anb, non einem fo mächtigen 
©efüf)l erfafet, bafe er fetbft ©abroinens oergafe. 

„SJtutter!" rief er laut. 

©ie täfelte nur fdbnterjlidb unb roanbte baS &aupt nacE) bem Botf. 
„Stuft £eil SBigtaf unb ©abroine, idb roiH eS hören!" 

„$eil SBigtaf! ©abroine!" braufte ber Stuf unb roätjte fidb fort über 
baS gelb, ber Burg ju, oon bereu 3i nnen es wie ©cf)o tönte. 

„gefct, Slefdbere, bring’ midfj fort," befahl ©rptho mit miiber ©timme. 
©a fteUte fidb SBigtaf in ben SBeg, „fort? wohin?" 

„®ie Singeln ftnb unterroegS, icf) will ihnen entgegenjiehen unb ihnen 
weitere Blühe erfparen — " 

„Unb fommft bo<b roieber?" fragte SBigtaf, ©dbtimmeS ahnenb. ■ 
„®u oerfangft ju oiel, SBiglaf, mehr als ©ein Bater auf bem 
SBafungfelb! — StiemalS fet»re icf) roieber. 2eb’ roohü" 

Slefdbere roanbte baS ißferb. ®a fprang SBigtaf oor. „3$ aber 
lafe’ ©iefe nidht, ©ein ©ohn, ©ein SBigtaf. Btutter!" 6r griff nach ben 
3ügeln. 

Slefdhere entrife fie ihm. „©org’ für ©eine ©äubin unb lafe uns 
jiehen." 

©he fid&’S SBiglaf oerfafe, roar ©rpttio oerfdbrounben. 

SlufgeregteS Stoff brängte ftch bajroifdben, oerroorrene Meinungen flogen 
hin unb her, ber Stame ©abroine, ©rptbo! — 

©a fdhroang fi<h SBigtaf auf fein Stofe, ergriff ©abroine am ©ürtet, 
hob bie SBitlenlofe oor fief) in ben ©attet unb ritt oor ben gefangenen 
Slneurin, ber mit rounbem Raupte oor bem 3ette ftanb. 

„Slneurin, ftefe’ her, oemimm’S unb metbe es baheim. &ier halte idb 
im Sinn, roaS idb allein oon Britannien als Söfung begehr, alles Slnbere 
geh’ idb frei, SWann unb Stofe, ©dbiff unb SBagen, unb wenn 3b r wollt, 
fott ein Bünbnife für immer jroifdben grieSlanb unb Britannien fein, auf 
bafe baS Blut, baS heute gefloffen, jum ©amen roerbe einer befferen 3eit. 
©roßfi ©u, Sitter? — ©eine &anb — fie hot ntidb ja ju meiner Braut 
geführt — " , 

Slneurin reidbte fie ihm mit SBiberftreben. 

„®aS, König, baS roar mein bümmfter ©treich." 

„gebt jur ginnburg," rief SBigtaf frohtodfenb. „Safet bie £örner 
erllingen! grieSlanbS Königin reitet ein!" 


*92 


2Jnton (Jreit|ert oon perfall in Sdjlierfee. 


®rofj roar ber 3ubet, aller ©treit nergeffen, 3HIeä rafdj geeint in 
bcm ®lüd beS £age3 — nur SBigtaf ritt immer langfamer, unb fein 
£aupt, eben noch in greube ftraljlenb, fenfte ft<$ immer mehr herab n>ie 
in fernerer Trauer — roäljrenb ©abroine ganj in ihr £aar gebüßt, iljr 
£aupt an feiner Sruft oerbarg, anftatt es bem Solf ju jeigen. 

3113 SBiglaf über bie Stüde ritt, erblidte er auf ferner ®üne jroei 
einfame Leiter, »on ©onnengotb umflimmert, SCrptho unb Slefchere. 

©abroine »ernaljm uom ©<hlacf)tfe[be b er ben £oritruf SlneurinS, ber 
fein gefrfjlageneä $eer jum 9tücfyug fammelte. 

3113 SBiglaf nach alter ©itte ©abroine auf feinem Slrrn in bie £aHe 
getragen, fonnte er feinen 3trm nicht non ihrer &üfte löfen, eine ©klinge, 
bie ft<h au3 bem langen &aar gebilbet, hielt ihn feft. 

„2Mn SCraum!" flüfterte ©abroine, unb fie hielt ft<h ganj ftitte, um 
iie ja nicht ;u löfen. 

* * 

* 

3n ba3 fonnige ©lüd be3 paare«, ba3 ganj grieSlanb fruchtbringenb 
beftrahlte, fiel $ur rechten 3eit ein flüchtiger ©chatten, ber eä immer non 
Steuern mahnte, fein burch ftrenge Pflichterfüllung unb treue Siebe 
ju rechtfertigen — £rt)tbo. 



<5eotg JrrifKrr son ©mpteba. 

(Eine Hebens- unb Sdjaffensffijje. 

Don 

$enr0 31tE0an0. 

— Dresben. — 

bie heutige Sitteratur in ihren £auptjügen ftcf> ju eigen ;u 
adhen unb beren Vertreter in ihren 2lbftufungen unb 9ticf) : 
mgen fennen ju lernen fich bemüht, wirb nur ju halb bie 
©rfahrung machen, bah c§ gar wenig SßoHfommenbeit wie wahrhafte greube 
unb Grhebung gemäbrenbe -Kontente giebt, bah nielmeht redljt niel Unflat* 
heit, SSerwirrung, ©tittofigfeit unb (Dtobethorheiten hefteten, bie ben reinen 
Äunftgenuf? trüben. Die plumpe 9tadhabmung bei 2tullänbifdhen, bie frank 
hafte Sudfjt nadb Gigenart unb bie gigerlhafte ©elbftüberhebung ber $alb= 
talente haben niel fernbeutfche unb urecbte 2trt nerwifdht unb ein ©til* 
gemifdh gtohgejogen, in bem ber ©eniebufel jrnit felbfinergöttembem ©gen* 
bünfel fein SBefen treibt, unb bal wahrhaft ©rohe, Gdf)te unb ©hone alle 
Äraft jufammen nehmen müffen, fich non allen Ginflüffen non 3Jlobe= 
Bewegungen frei unb rein ju erhalten. Seber Sitteraturfreunb wirb baher mit 
aufrichtiger grcube in unfecer beutfdhen Sitteratur jebe Grfdheinung be* 
grühen, bie auf femgefunbel, nach feiner ©eite hin angefränfeltel Talent 
hinweijt unb wirflidh beutfhel SBefen unb beutfdje 2lrt burch leuchten läht. 

21(1 in ben lefeten fünf fahren ber Sßerlag %. fffontane u. Go. in 
33erlin bie 9tomane: Unfer (Regiment, '©plnefter non ©eper, Geremonien* 
nteifter, Gpfen u. a. auf ben 23ücf)ermarft brachte, ba erfannte man, bah 
ber ©Chöpfer biefer 2Berfe eine! jener ferngefunben, flar hlidenben, edbt 
beutfdhen unb wahren Talente fein muhte, benen bie Utterarifdhen 9Jtobe* 
thorheitcn ber testen 3«h^hnte nid&tl anthun fonnten, bie fuf) aber audh 
anbererfeitl ben Grrungenfdjaften ber neuen 9tidhtung nicht entjogen hatten. 



(Seorg 3 rr 9 an 9 tw Bresben. 


W 

(So fam e? audß, baß bet fdßriftftellerifdje Siuf bicfeS SJtanne? nerßättnißs 
mäßig rafcß begrünbet roar. Kurjum, bet Staute ©eorg non Dmpteba war 
feßr halb in aller Sitteraturfenner unb in be? lefenben publicum SWunbe. 
Um ben ©ßarafter feiner SBerfe ju »erflehen, muß man ben 2eben?gang 
be? Sicßter? einigermaßen fennen. @r fei furj ffijjirt. 

©eorg non Dmpteba nmrbe am 29. 3Jtärj 1863 in ^annoner al? 
ältefter <Soßn be? $ofmarfdßatI? Sßitßelm non Dmpteba be? leßten Äönig? 
non ftannoner, ©eorg V., geboren. ©r »erbrachte infolge ber ©reigniffe 
non 1866 — ber Vater roollte feinen entthronten Äönig nidßt nerlaffen — 
feine erfte Sugenb fo 2Sien. „&ier in ber Verbannung," fc^reibt ber 
£id)ter felbft, „lernte id> frühjeitig be? Seben? 2luf unb lieber fennen, 
faß, roie ftarfe, glüdlidje ^atnilienfteHungen burdß ben poütifdßen Suftßaucß 
non ein paar Sunitagen fortgeblafen mürben, unb empfanb, mie unter bem 
eifernen Sdßritt ber ©efdßidßte ba? einzelne SJtenfdjenfdßitffal jertreten wirb. 
Vietleidjt baburdß geroann id) ba? Vemußtfein, mieß ganj al? Seutfcßen ;u 
füßlen." — Sa ©eorg non Dmpteba? Vater megen Äranfßeit feine bienfi* 
iidße (Stellung aufgeben mußte, jog bie Familie nadß ber Heimat ber 
■Dtutter, geborene non Viangolbt, nadj Sre?beu. föier befudßte ber junge 
non Dmpteba ba? Vißtßum’fdße ©ptnafium unb fpäter ba? Jiabettenßau?. 
1882 trat er in ba? fädßfifcße £eer ein unb jroar in ba? Sfönigä^ufaren« 
Regiment Sir. 18 in ©roßenßain. Vacß bem Vefucß ber ßrieg?fdßule in 
©nget? am dißein erßielt er ba? £eutnant?patent, maeßte im SJUtitärreit* 
inftitut ju Sre?ben einen 3aßre?curfu? burdj, mibmete ftdß aber, nadß 
©roßenßain jurüdgefeßrt, mit folcßem ©rfolge roiffenfdßaftlidßen (Stubien, baß 
er jur ßrieg?afabemie nadß Verlin befeßligt mürbe. Socß e? mar ißm 
nidßt nergönnt, bie ßößere militärifdße Garriere einjufeßlagen, naße bem Vitt* 
meifter — 1892 — tßat er einen gefäßrlidßen <Sturj mit bem fßferbe unb 
mußte bcin 2£affenßanbrcerf 2ebemoßl fagen. ©eorg non Dmpteba fudßte 
für ba? Sdieitern ßodiflicgettber fßläne junädjft Srofl auf Steifen. @r 
burdßftreifte bie brei ffanbinanifdßen Königreiche, Italien, bie Sdßroeij unb 
fyranfreieß. 2lu? ber fdjönen Souraine holte er fidß bie Sebenögefäßrtin, 
Sliarie glorencc Viotarb au? <St. (Spmpßorien bei Sour?, ba? ©lücf feine? 
Sehen?. Sn Sre?ben grünbete er fidß fein £eint mtb ‘fonnte fidß in feiner 
ßartnonifdßen Gßc. 9lbet bie unfreiroiHige SJtuße fagte meber bem ßodßfireben* 
ben ©eifte nod) ber fd)affen?fveubigen 2lrt be? jungen SJianne? ju. ©r griff 
jur fyeber. Schon friißjeitig, nodß al? Knabe, ßatte er mandßerlei getrieben, 
Verfe unb fßrofa; er ßatte fidß in ber Sprit mie im Srama, im Vornan mie 
in ber Vonelle nerfudjt. Unb nun foUte ba? früher nerftoßlen ©eübte ißm 3 um 
Sebenöberuf merben. Unb er entroiefette ßierbei — fo audß ßeute nodß — 
einen fabelhaften Steiß. SBenn er im SBinter rege gefeßaffen, bann manbert 
non Dmpteba ßinau? in bie geliebten Siroler Verge, um an ber (Seite feiner 
£cben?gefäßrtin neue Kraft unb Srifdje ju fdßöpfen. Senn Veibe finb 
füßne Vergfteigev, unb menn fie nidßt an ißr ibpllifdße? ßeim in Qnnidßen 



(Seotg <freil{err oon ©mpteöa. 


195 


im ißujicrt^at gefeffett finb, fo gebt es, mit ©eil unb Sergftocf bewaffnet, 
empor auf bie fjimmetanftürmenben Serge. 3n ber ©efellfcbaft ift ©eorg 
oon Dmpteba aufjerotbenlicb beliebt, fein ebenfo ooraebineS wie fdjlicbteS, 
fein ungejwungeneS unb liebenSwürbigeS SBefen, feine gerabe, ebarafterootte 
unb ehrliche ©efinnung, fein gefunber Junior, bie grifdje unb 9ZatürIi<§feit 
in feinem Auftreten — alT bieS nimmt für ifjn mächtig ein. 

©eorg oon DmptebaS ^erföntidbEeit fpiegelt fidfj ganj unb gar in feinen 
SBerfen. SBer ihn fennen gelernt bat, fagt fidf): fo unb nicht anberS fann 
audb nur fein Vornan befebaffen fein. ®aS foll nicht beiden, baf? er immerju 
rein fubjectio oerfabrt unb nur feine eigene Meinung aufbrängt, wohl gar 
fidb felbfi in feinen ©ejtalten mit Sorliebe giebt. D nein! Sr ftef)t über ben 
©toffen, aber inbem er fie behandelt, ift feine ©dele berma&en engagirt, 
bafj man feiner ©baratteriftif oon 9catur unb Sehen, oon SJtenfcben unb 
Gingen bie ftorfe innere Übeilnabme anfübtt. $aS ntadbt, weil er aus 
feiner eigenen SebenSs unb Sntereffenfpljäre berauSfcbafft, feine ©eftalten 
innerlidb erlebt finb. ©r ift barin burdb unb bureb SRealift unb bleibt 
bodb immerju ?poet ; was er oon ben ffranjofen gelernt, bot er burdb 
beutfdbeS SBefen geabelt; feine ©ebanfenarbeit toeift Sbantafie auf, aber 
feine Sbantaftif, er bleibt auf ber ©rbe unb oerflärt nur burdb ben Sauber 
ber Soefie, aber ohne ben 9Utt in’S 9lomantif<he bamit jit oerbinben. SBaS 
unfere Sät ©rofjeS unb herrliches bewegt unb ihrem SBefen baS eigent* 
lidbe ©epräge giebt, baS ift ihm gerabe jum £intergrunb feiner Stomane 
redbt; was in unferem ©efchledjt ewig=menf<hli<b ift, baS ift ihm für 
feine ©ejtalten majjgebenb, unb er fudbt es mit ben gefettfcbaftlidben, be« 
ruflidben unb perfönlicben ©lementen, wie fie bie 3 e ü- unb SebenSoerbälts 
niffe gerabe geben, 3 U oereinigen ober ju Sonflicten ju oerwenben. ©aS 
©wigs^Renfcblicbe in feiner Feinheit, feinem Slbel, feinem ©mporjtreben ift 
für ihn baS ^eiligfte, wie ihm ©eelengenteinbeit baS SerabfcbeungSroütbigfte 
ift. SDarin wurjelt audb fein Jtunftgefübl. ©eorg oon Dmpteba empfinbet 
ftets äfibetifdb, er befitst bie oornebnte Steufcbbeit beS wahren Zünftlers. 
©0 bat er fidb einen gefunben, tbatfräftigen unb tiefen SBirflicbfeitSfinn 
berangebilbet, bem bie fdblidbte, felbftlofe ©arfieHung bie liebfte fyorm, bem 
ein fröhliches, fräftigeS Settjätigen ein SRaturgebot ift, ber feiner Slrbeit baS 
Seben unb bie fvarbe beS (Schien unb SBabrbaftigen giebt. Unb biefer 
SBirflicbfeitSfinn, ber oon Dmpteba lehrte, Statur unb Seben ungetrübt ju 
flauen, bie Segeifterung für alles ©rofje, ©cböne unb SBabre unb feine 
reidbe bidbterifdbe Segabung haben ihn erjogen unb junt ©rjäbler unb 
fßoeten grofjen ©tils gemacht. 

3n erfter Sinie ift eS baS ©ebiet beS 9t omanS, baS ©eorg oon 
Dmpteba fdfion in ben erften Arbeiten (als actioer Offizier unter bem 
Flamen ©eorg ©gefiorff) mit Srfotg betrat, unb auf bem et audb, im 
pormartsfdbreitenben ©inne, wieber unb wieber erfolgreich wirfte. SBoljl ift 
ber S tjrif er in oon Dmpteba ebenfo gu SS orte gefommen wie bet Sramatifer, 


*96 


(Scorg 3 rr 9 an 9 tn Dtes&en. 


aber ungleich felteiter unb weniger burchbringenb. 2Bie aber bie Qugenb 
jumeift ifjre bichterifchen Siegungen junädjft in Siebern offenbart, fo audj 
bei ©eorg non Dmpteba. — 1890 erfdjien non ihm ein ©anb ©ebidite ,,©ott 
ber Sanbftrafje" (©erlin, g. Montane u. Go.), non bem er 1895 eine 
neue 2tu§gabe neranftattete. gntereffant ift, wie man in ben ©erfen baS 
2Bad)fen itjreS ©crfafferS nerfolgen fann, wie anfangs bie gorm fidj etwa! 
fteif unb unharmonisch auSnimmt, ber gnbalt fid; nod) faum über eng ge= 
jogene ©renjeit ber ©ebanfenarbeit Ijinroegfebt, wie aber mit ber 3 e *t bie 
gönn mebrgeftaltig unb fpracblich abgerunbet, bie ©Ijantafie reifer, bie 
©ehanblung beS Thema* nertiefter erfdjeint. Ter erfte ST^eit ber ©ebicbt= 
fammiung enthält jumeift ©eenen aus bem SJtUitärleben, bie nod) eine 
wenig wirfungSoofle ©leidfiartigfeit ber SluSfübrung aufweifen, ©ine 2luS* 
nähme bitbet bie bödjft temperamentnott gefdbriebene unb rbptbmifcb bewegte 
„Steiterfcblacht". ©etebter als in ben erften militärifdien ©ebübten ift bie 
Sprit in ben „Steifebübern" geftattet, unb ^ier jeigt fid) in einigen ©es 
bidbten fd&on eine regfatnere Spf)antafie unb mehr gormengewanbtbeit. gn 
„Sturm im ©unb" matt non Dmpteba mit lebhaften garben unb fübnen 
Striaen bie aufgeregte Statur, wie benn aus ben folgenden ©ebidjten übers 
baupt eine feine Staturbeobachtung berauSjufpüren ift TaS gebt auch auS 
bem Klampenborger ©ebiebt betoor, in bem auch einjetne perfönliche 
SJtomente eingefügt unb. Sei Sßeitem nertiefter ftnb jene ©rofjftabtbilber, 
in benen er einfache Vorgänge tiefen ©rnftcS bidjterifcb bebanbett. 2BaS 
non Dmpteba au<b beobachtet, fei eS ein bungernber, bleicher Knabe, ber 
jur Slrbeit fdjleid)t, fei es ein ^Proletarier, ber mit bem Tobe ringt, ober 
eine Tagelöhnerin, bie er in ihrer reinen Statur bö^ er einfe^äfet, als bie 
gepuberten ©atonmobepuppen, fei es eine ©lumenoerfäuferin, eine fäuflidje 
Tochter ber ©djanbe, bie ibnt eine Stofe jutn Kaufe anbietet, e$ gebt ein 
$aud) wahren bichterifchen ©mpfinbenS burd) bie ©erfe. 2ßaS bei biefen 
Themen auffallen tnufj, ift bie aud) in aßen anbern Arbeiten non DmptebaS 
jtdb wieberfinbenbe Abneigung, breite ©djilberungen beS ©ef<blecbtli<b=<Sinns 
lieben ju geben, ©r nennt es nie plump beim ©amen, fonbern finbet ftets 
bie becentefte gorm. ©in wohliges Verweilen beim gntimen ber gef<hled>t= 
liehen Siebe wiberftrebt ihm offenbar. TaS finbet man auch in feinen 
SiebeSliebern, bie er unter bem Titel „2luS ^erjenSnötben" jufammenfajjt. 
Tie Sieber ftnb nicht gleichartig, baS rein ©ubjectine ifl oft nicht fünft* 
lerifch genug abgeflärt. 2Bol)ltbuenb ift in ben ©ebidjten bie Statürlichfeit 
unb Schlichtheit ber auSgefprochenen ©efiible. 2Bie einfach unb lebenswahr 
ift baS ginben jroeier föerjen in „©djidjal" gefhilbert, welch’ reijenber 
§umor fpricht aus ben ©riefen, in benen ber Tid)ter wie ein jagenber 
Siebhaber bie ©bantafie fpielen läfjt, ehe baS 2Bort Kufj mutbig gewagt 
wirb. Ter ©ebidjtgruppe „Slit 2J?cnfd)en", in ber ftch ©erebrung für aufjer* 
orbentliche ©erfönlicbfeiten ausfpridjt, folgt ein 2lbf<bnitt, „Stingen" über* 
fdjrieben. gn biefer ©ruppe bat non Dmpteba äße jene ©ebichte oer* 


cßeorg freiten oon ©rnpteba. (9? 

einigt, bie ba« ©innen be« fDidbter« über bie SEBeltenrcitbfet, über ©ott unb 
bie Vielt, über ©tauben unb SSiffen, über 2eben unb £ob miberfpiegeln. 
©ie geben ein 33ilb nom gäbrenben Innern be« Siebter«, oom Gingen nach 
Haren 3tnfdiauungen auf pbitofopbifcben ©ebieten, aber auch ein SBilb feine« 
nationalen ®enfen«. 3n manchen ©ebieten taudjt ber alte ©a|, baß Seben 
unb 2eiben unau«gefeßt jufammengeben, in cerßbiebenen Variationen auf. 
liefet pefümiftifdje $ug, ber oon Dmpteba fonft frentb ift, fommt aud) 
inbirect in ber ©efjnfudjt be« ®eitfen« nach bem ©otte«gtauben in frütjefter 
3ugenb jum 2lu«bru<J. ©ehr fdjön ift bie« in bem ©ebid&t „SBobin?", 
in einem oerjroeiftungSuotten £on in bem ©cbid)t „©ott" au«gefpro<f)en. 
®a« Vefuttat feine« ©innen« ift bie Ueberjeugung nom Vontbei«mu«, unb 
juroeiten btißt audj ein ©cbein non bitterer SJienfcbenneracbtung burd) 
fein ©laubenSbefentttniß. ©eorg non Dmpteba gibt at« ßödjfte«: 

„Sie neue Sichre Dom ® uten, Dom SBahren, 

Vom @btcn, Dom Schönen im ftteib ; 

3n ieitem ber äSafirfieit, niefit jenem bet SSunbert: 

Sie einige SJefirc ber Sirtnlidjfeit." 

Sehnlich wie biefet ©ebanfe (Im ©ebidjt „2idjt") ift ber fotgenbe (im 
©ebicbt „©eetengemeinbeit"): 

„9tnr ©nc8 ift 9toth: 

©eines $per§en8 2lbel, 

Seiner Seele fHeirtfjeit! 

Vichts fd)änbet Sief) mehr 
2118 Seetengemeinheit! 

£>iefe Vorjügc fteHt non Dmpteba über Vetigion, 2Bei«beit, 2Bobf- 
tbätigfeit, Vubm u. i. tu. 

©ein potitifdbe« ©laubenebefenntniß ift in bem bernorragenb fdjönen 
©ebidbt „Vaterlanb" angebeutet, in bem er auf ber einen ©eite bem 
©djmerje um feine gefallene Heimat (^annoner) unb ber ©dimierigfeit, fidb 
anberStuo ganj unb gar beimtfdb tu machen, 2lu«brucE giebt, auf ber anbern 
in betfe empfunbenen ©efübten jtdb at« ©obn be« großen, bterrttc^en 'Deutfdj: 
lanb« feiert. 3m ©dilußgebidjt redbtfertigt et feinen fdbriftfteUerifcben 
©tanbpunft, inbem er betont, baß er toeber bie Sntife, ba« SRittetalter, 
noch bie fotgenben fßerioben ju feinen Vorbitbern erforen fjabe, fonbern 
„fDJit meiner 3 c 't unb meinem Volte toiH ich gehen!“ 

Gr fübtt ftdh 

„Von ÜRotlj unb ßampfeSruf ber ®egentoart umtluitgen! 

Sa8 macht: icf) bin ein 'Dient cp nur unb ein Stinb ber 3 f it! 

®a« ift ein gefunber ©tanbpunft unb djarafterifirt ganj unb gar 
oon Dmpteba« ©cfjriftftetlerfdiaft. 

®er Sdjroerpunft im bidbterifdjen ©Raffen oon Dmpteba« liegt febodj 
auf bem ©ebiet be« Vornan« unb ber 9t oo eile. Unb bierin ift bie 
große 2eben«erfabrung be« Verfaffer« auf jenen ©ebieten ber menfcblicben 
©efettfebaff, au« benen et oorjugSroeife feine ©toffe fdjöpft, oon ungemein 
großer VHdbtigfeit unb Vebeutung. 



^98 (Seorg 3 r r 9 an 3 > rt Drcsbett. 

®ie GrjähtungSfunft ift ber Soben, in bem non Dmpteba feft rourjelt. 
Unb ba bie früfijeüig angebahnte militärifche Saufbaßn in oieler $infid)t 
eine ausgezeichnete SorbereitungSfdiule für baS Seben ift, Sinne fcßärft, 
2luge unb Dßr öffnet, UmgangSfonnen briUt, jut Seobacfitung jroingt, Se= 
Siebungen ju bem -üöchften ini Staate mie 3 um gemeinen SRann fcßafft, fo 
rnaren bie Sorauöfeßungen bei ^errn non Dmpteba ju einem Romancier 
auf bem ©ebiete ber fogenannten befferen ©efeUfcßaft gegeben; baS an* 
geborene latent forgte für bie nötbige Erfüllung. ©aß er ber Serufenften 
Giner ift, uns berartige SebenSgemälbe in unoerfälfdjter Künftlerfcßaft ju 
entrollen, ftel)t feit Grfcheinen beS Sploefter non ©eper außer grage. Slber 
einen folgen Sioinan fc^reibt man nicht, ohne an ooraufgeßenben SBerfen 
fein 3<h unb fein Können geftäßlt ju haben. Son DmptebaS 2Ba<hfen 
unb Sterben auf bem ©ebict ber GrjäblungSfunft ju oerfolgen, fod tn 
golgenbem rerfucfjt merben. 

©ine Sammlung non Sonetten unb Sfijjen erfcßien unter bem Sitel 
greilicßtbilber im ^aßte 1890. So oerfchiebenartig biefe Arbeiten auch 
an 2Berth ftnb, fo bejeicßnenb finb fie für baS roerbenbe latent non DmptebaS. 
Sor Ment ftnb fie ein SeioeiS, roie fdßarf ber Sßerfaffer fchon bantalS 
beobachtete, mie er ein Keines gefeUfdiaftlicfieS ober perfönlicheS HJlotio jur 
$bee einer Dlooctle 3 U machen nerftanb. SBohl finb einige Arbeiten biefer 
Sammlung attjufebr Stubien unb Sfijjen unb als folche aderliebfte 9iippcS= 
fachen, aber fie finb fünftlerifdj nicht aU 3 uhodj einjufdjäßen. ©roßbem ner; 
rathen fie ©eifl unb ©emütß, 9JJenf<henfenntniß unb SebenSbeobatßtung. 
„©er 2Beihna<htSabenb", „®ie ©bräne", ©er nerfaufte ©eniuS" unb 
„®ie beiben ©hurmroächter" finb bie beften Arbeiten ber Sammlung. 

berührte non Dmpteba hier alle möglichen SebenSetemente unb Sev= 
hättniffe, mie fie ihm im Verlauf ber ^ugenb halb hier, halb ba aufftießen, 
fo befdjränfte er Reh in feinem erften großen SBerfe ,,©ie Sünbe", ©efchichte 
eines Dffi 3 ierS, baS 1891 erfchien, auf biejenige ©efettfcßaftsfpbäre, bie ju 
jeichnen ihm ben höchften 9tußm einbringen fotitc. 33on Dmpteba fchiibert 
barin bie teibenfchaftliche Siebe ju einer Sängerin. 25>aS befonberS ben 
heranreifenben Romancier dOarafterifirt, ift bie Sicherheit unb Klarheit, mit 
ber er ben Seelenfampf burdhfiihrt unb ben Gonfiict beS 9Jienfd)en unb 
DffijierS in feinem gelben jeteßnet. ©>ie lebenbige ©arfteHuug ber 2eiben= 
fchaft oerleiht bem Such etroaS ^''ipulÜreS; aber maS bei ©elegenheit ber 
©ebiebte angebeutet mar, non DmptebaS Mneigung gegen febe eingeßenbe 
©arftellung beS erotifeßen SDiomentS, betnerft man auch hi er - ®Ht biefer 
©efeßießte eines DffijierS nerlnüpft ber Serfaffet eine höhere Qbee: er ocr= 
fucht bie ©renje 31 t jießen jmifeßen ben Gonfequenjen ber ÜRaturgefeße unb 
ber Sünbe. Gr fragt ließ: 2BaS ift 9laturforberung unb maS Sünbe? 
^nmiemeit fmb Slaturgcfeße unb menfchlicße Soßungen für eine ^anblung 
nerantroortlich ju machen? So fteht bie ^anblung im ©ienft einer höheren 
allgemeinen ffbee. ©er Sünbe feßt er bie Sühne gegenüber, bie er in ber 


©eorg ^reißerr von (Dmpteba. 


199 


Eingabe an bie -Dtenfchheit, in ber Stächftenliebe bis jur Selbfiaufopferung 
unb in ber ülrbeit im Äarnpf um’S ©afein ließt. ©iefeS fittlidß erßebenbe 
2Jtoment gebt wie ein £audß eines oerfößnenben ©eifteS bur<b baS SBerf. 

Bn ber ©arftettung beS Sehens mit feinen £ößen unb Siefen im 2111« 
gemeinen unb ber ©^arafteriftif ber berliner Sebewelt im Befonberen un* 
gieicb Pbet ftebenb, ift ber 1893 erfdbienene Stoinan „©roßnen", ber oon 
Dmpteba als SDleifter ber realiftifdjen ftunft im «Stile BolaS jeigt. ©eorg 
oon DmptebaS 2lbfi<ht, ein Sittenbilb ber ^Berliner Sebewelt ju geben, ift 
unoerfennbar mit ©rfolg burdßgefüßrt. ©lei<h ju beginn bcS erften GapitelS 
entrollt er ein böcbft lebhaftes, dßarafteriftifcbeS Silb oom Sehen unb ©reiben 
in einem oomebmen 9teftaurant Unter ben Sinben, in bem begüterte StidßtS* 
tbucr mit ihren „Samen" biniren, muitciren, tanjen unb fpielen, — furjum, 
bem ©oben ©enufj ^ulbigen. Scharf unb intim ift SBilb an Silb ge* 
jeidjnet; bis in bie innerfte gälte ber ©enfungS* unb ©efinnungSart biefer 
Seute leuchtet oon Dmpteba hinein unb jeigt, wie jene SBelt ber ©roßftabt 
nur bem ©enuffe lebt unb am „2lmüfement um jeben fßreiS" »ergeht. 
2JKt großer 2ldßtung oor bem SSerfafJer erfüllen bie Sicherheit, mit ber er 
biefe ©rofjftabtgemälbe entrollt, bie SebenSwahrheit, mit ber er Scene um 
Scene fcßilbert. 2luS biefer ©ruppe ber ©enufjfücfjtigen, bie ber ganjen 
SBelt, in ber fie athmen, baS ©epräge geben, hat oon Dmpteba jroei ©e* 
fialten mit befonberer Sorliebe gejeicßnet unb bent Serhättnifj Seiber ben 
Schimmer einer reineren Seibenfcßaft »erliehen, ein gewiß feinfinniger Bug 
in bet ganjen 2lrbeit, bie oon culturgefdjichtlicher Sebeutung ift unb hunberte 
oon fogenannten Berliner 9tomanen in ben Schatten ftellt. 

Bn bemfelben gaßre erfdßienen noch bie 9tooeHen „Born ©obe" unb 
im folgenben Bahre bie Stooetlen „Unter uns Bunggefellen". B n 
bem erftgenannten Suche fcßilbert ©eorg oon Dmpteba oorjugSweife ©in* 
brücfe unb Stimmungen. So erfahren wir im erften Stücf, wie oerfchieben 
ber ©ob auf ©emüther je nach ben Umftänben wirfen fann. ©iefer Gin* 
Ieitung folgen eine Steiße nooettiftifcß gehaltener Stücfe, bie ben ©ob ober 
baS Sterben jum £auptmotio haben. „Dr. goßn ßenrp Scellett" ift ihrer 
©igenart wegen bemerfenSwertß; ebenfo bie etwas groteSfe SeicßenbiograpHe 
„SJtein ©ob". geht abgetönt unb in ihrer Schlichtheit ergreifenb finb ,,©e* 
funben", „®ute Stacht, SJtutter!" unb „SBarum weinen?" Scßerj unb 
©mft ift in ber SiooeHenreiße „Unter uns Bunggefellen" auf’s ©lüdlichfte 
gemifcht. ©eorg oon Dmpteba fcfnlbert in ben Arbeiten, wie Bunggefellen 
benfen, reben unb leben. Sehr oft ift natürlich baS SBeib, unb jwar in 
allen Slbftufungen, ber SWittelpunft ihrer ©efpracße, halb bie wirfltclje ©ame, 
halb baS „Serhältniß". ©leich in ber erften Grjäßlung jeidfmet ber Ser* 
taffer in ©räfin B«eS eine ©efialt ooll 2lnmutß, SiebenSwürbigfeit unb 
eblen Sinnes, unb er jeigt, wie eble 9Beiblid)feit felbft auf eine weinfelige 
Stunbe emücßternb nrirfen fann. Sehr amüfant ift baS ©rlebniß eines 
BunggefeHen in „Soßftraße 87" bargefteUt. ©anj in Junior ift bie ©e* 


200 


<ßeorg 3 rt 3 an 3 >'< Dresben. 


}<ffid)te „Seffffroippjt" getauft, ©ine ähnliche Sagatelle ift „Die «eine 
Saroneff", in ber fidj bag öbe gunggefettenbafein unb feine Reiignation 
beutlicff fpiegeln. ©in berber Junior tiegt in ber an Rfaupaffantg gebet 
gemaffnenben Grjäfflung „Sitte neine", eine bet beften bet Sammlung, ber 
ber Serfaffer gleich ein reineg, leibenfcbaftlidj fc^roüIeS ©tintmunggbilb 
„®lüd" folgen läfft. Den fomifdjen, mit unoerfätfcffter Sebengedfftffeit ge= 
fcffriebenen ©tüden „Die ©tranbfanone" unb „Singeriffen" ift nodff bag 
lebengootte gagbbilb „Halali!" angefügt. 

Unb nun erfcbien — 1894 — bag Such, bag ©eorg oon Dmptebag 
Ruffm überall hintrug: „Unfer Regiment", ein Reiterbilb. Die umfängt 
lidffe Slrbeit ift ein Gulturbilb, ein ebenfo roaffreg roie glänjenbeg ©emälbe 
beg Rtilitärlebeng. Um eine Slnfdiauung baoon ju befommen, roie eg in 
einem beutfcffen Reiterregiment am Gnbe unfereä gaffrffunbertg augfaff, 
roirb man am beften aucft oon Dmptebag Sudff ftubiren, bem Sebengtreue 
unb Sebengroahrffeit an bie ©tim gefdjrieben ftnb, unb aus bem man 
fferauglieft, roeldjer 2trt unfer militärifcheg Seben ift, roelcffe ©efinnung im 
beutfdffen Dffijiergcorpg fjerrfd^t unb welche Dugenben in ber beutfdffen 
SIrmee lebenbig ftnb. Dag Such ftefft fo einjig in feiner Reidffffaltigfeit, 
griffe, Gl)vücE)feit unb SSahrffeit ba, jeigt fo offenbar ben roaffrffeitggetreuen 
©djriftftetter nnb feinfinnigen ffSoeten, baff man bag 22erf alg eineg ber 
fdffönften Grjeugniffe unferer militärif djen Sitteratur bejei ebnen !ann. 9Bo 
man ber Rubmegtffaten unterer Slrmee mit ©tolj geben« unb mit froffer 
guoerfiefft ihre fletig fortfdffreitenbe Gntroidelung oerfolgt, ba roirb man auch 
biefem Suche freubige Slnerfennung jotten. Sluf’g ©lüdlidfffte finb ffier Grnft 
unb .fjutnor gemilcht, ift bag ©efiiffl ber ©uborbination unb ^oeffaefftung 
bem ber Jtamerabfdjaft unb gunetgung gegenübergefiellt, ber flrenge Dienft 
bent ffeiteren Gafinoteben angereifft, aber alle ©mpfinbungen unb ©ebanfen 
rourjeln in bem ©efüffl ber lleberjeugung oon ber hoffen Stufgabe unb 33e= 
beutung beg Dffijierg. $ier ffat ©eorg oon Dmpteba aug bet ©eele 
fferauggefdffrieben, bag 2i ! erf ift fein ©effroanengefang alg Dffijier, ber er 
mit Seih unb ©eele roar, eg ift bag feffönfte Denfmat, bag er feiner 
RZilitärlaufbahn feffen formte. Daff bag Sud) naeff wenigen gafften fdffon 
bie britte Sluflage erleben fonnte, roirb nirgenbg Serrounberung erregen, 
gn bemfclben gaffre — 1895 — erfdjien noeff ein Roman „Die fieben 
©er nopp", eine luftige ©efdffichte, roie Dmpteba fie nennt. SSäffrenb er 
iich im Reiterregiment felbft güget angelegt ffat unb mit heiligem Gruft 
bag militärifdje ©etnälbe entrollt, läfft er ffier roieber einmal feinem Junior 
freien Sauf unb trägt bie fiebeufaeffe greierggefdffidffte mit einer föftlicffen 
Saune oor. Der flotte, anmutffige unb liebengtoürbige Don ber Grjäfflung 
fpriefft ungemein an. 

1896 erfdiiett bag Rooettenluidj „Seibenfdffaften," tnännlidffe, roeib= 
licffe, fädjlicffe ©efcffid)ten. Die Reihe biefer ©efeffidbten jeigt ben Serfaffer 
oorroiegenb alg feinen §umorifteu, obwohl neben Rooellen biefer 2lrt auch 


©eorg »on ©mpteba. 201 

ioldbe tiefernfter Statur eingereifjt finb. ©ie offenbaren in ihrer feinen 2luS* 
fübrung, ©timmung unb in bem, ntaS fie oorfletlen, ben SJteifter bcr Gr= 
jäblungSiunft. „©onnenjeit" 5 umat ift eine liebliche Sjbntlc, bie in feinfinnigen 
3 ügen fdnlbert, tote fidj sn>ei &erjcn finben unb toie fidi harmonifd) in bie 
Gntroidtung ber beiberfeitigen Neigung baS tounbcrbare Staturbitb fügt, baS 
non Dntpteba burdi bie ®arfteHuna ber SBabmannbefteigung entrollt. Heber 
ber ©efdjidjte Hegt eine fonnige Weiterleit, bie oon 2 lnfang an baju beiträgt, 
beS SeferS oolle ©nnxpatbie für bie 2lt6eit 51 t ertoecfen. 

2ßeldje fragil liegt bagegen in ber Stooette „GanabiamGfjarleS", bie 
uuS bie recht tool)l ju oerftehenbe Seritrung eine? 2lrenafünfilcrS oorfiihrt, 
ber in feiner leibenfchaftlidien Grregung ben Verlebet feiner Siünftlerehre 
mit 33emid)tung ftraft. Gin föftlidber Junior fprubelt in ber Cftenber 
©efdjidjte. „Spane be IßierrecbaubS". Gin moberneS ScbenSbilb aus ber 
©roßftabt mit feinem ©emifch non WersenSreinheit unb WerjenSoerberbnifi 
ift „Gonfection", erfdjüttemb baS tragifdh abfdhliefjenbe „ÄriegSrecht". 

3<h fomme fefct auf baS 2Bct!, baS ©eorg non OmntebaS reifftcS 
ift, neben baS man nur nod) Gpfen Hellen fönnte: „©ploefter oon ©euer, 
ein SRenfcbenleben", baS in einem 3ahre bvei Sluflagen erlebte unb 
oon DmntebaS GrjäblungSfunft formootlenbet, fünftlerifcfi auSgereift unb 
menfdjtid) oertieft jeigt. IDaS SBerf ift jroeifelloS eines ber bebeutcnbften 
unferer 3«t unb baS glänjenbfte 3 cu 9 n i§ für bie fiolje bid)terifd)e Straft 
feines iBerfajferS, in bem fidj beutfdjer QbealiSmuS mit franjöfifdiem 
Realismus ju einer muftergiltigen, oorbilblt^en GrjäblungSfunft oermäblt 
bat. SBenn dud) oon Dmpteba tjierin mehr benn je fid» als jünger 3 olaS 
funbgiebt, er beiüafjrt fidj bodj feinen eigenen ©tanbpunft ber SBeltanfdjauung 
unb bie ©elbftftänbigfeit feiner Qbeen. ®emjufolge ftebt aud) DmntebaS 
©ploefter ganj unb gar auf eigenen ffüfjen, als baS 33udj eines Statutes, 
ber es mit feiner ftunft, mit SBelt unb Stenfcben emft nimmt, ber bie 
©efellfcbaft nicht als fautenb unb fied&enb erfennt, fonbern oon ben fittlidjen 
Äräften feiner 3 e ' f überjeugt ifi unb aus bem feften ©tauben an bie 
■äJtenfchheit heraus fcbafft. $n welchem ©eifte ©nloefter gefdjaffen tourbe, 
geht aus ben SBorten feines SSerfafferS felbft beroor, bie er bem Stoman 
an bie ©pifee geftettt hat. 

„Gin Stenfdjenteben mit all feinen 3 rrtt)ümem unb Sticberlagen, mit 
feinen Wöhepunften unb ©iegen fudje id) hier aufjuroUen, oon bcr ©eburt 
bis jum £obe. GS ift mir barum ju tl)un geioefen, ein in bcfcbeibenen 
©renjen ftd) enttoidelnbeS, furjeS ®afein ju fchilbern. Unb idi habe baju 
in eine tppifcbe ©d)id)t unfereS SSolfeS gegriffen, ber mir £üd)tigeS unb 
©ro&eS nerbanfen, bie mitgeholfen hat, uns ju bem ju ntadien, niaS mir 
heute in ber SBelt finb. GS ift baS Wolj, ans bem unfere gelben ber 
93efreiungSfriege gefdmitten finb, aus bem bie Seute touchien, bie burdi 
SBlut unb Gifen baS Seid) einten, bie einen Stottfe heroorgebracht haben 
als böcbfieit unerreichbaren Vertreter. GS ifi ber beutfdie 2lrmeeabel." 

Korb nnb 6 üb. XCVI. 287. 14 



202 ©eotg 3 rt 9 dn 9 * rt Dresden. 

2Ber bas Sßerf tieft, wirb oon ber bicf)terif<ben Straft, bie ihm inne= 
wohnt, begwungen. G« geugt non einer fiinftterifdjen äbgeflärtbeit, bte ber 
au«gegei<bnete ©chriftfteller unb ©oet foldierart noch in feinem 9toman 
bisher erreicht batte. 2Ber effectooüe fpannenbe ©eenen, abenteuerliche 
uerwicfelte Grtebniffe, fchwierige Gombinationen unb aufregenbe Gonfticte 
fuebt, ber bürfte arg enttäufdf»t werben. G« entrollt ein wenig bewegtet 
2eben«bilb, aber ein Seben«bilb, ba« bi« auf ben ©runb ftubirt ifi, unb 
ba« bis in ben fteinften 3 U Ö echt ift. 2ln SebenSwaljrbeit be« Inhalt«, 
an Ätarbeit bet ©arftetlung, an liebeootler Eingabe an bie ©eftalten unb 
il)r SBirfen, an oerftänbniftinnigent Gingeben auf ba« Xbun unb Treiben 
ber Streife, an bidjterifcher Schönheit unb echter Ürfprünglidjfeit in ber Oe- 
fammtfchilberung, fei e« in ber gamilie be« gelben ober in ber Stabetten* 
iebute, in ber ©arnifon ober im ©ianöoer, im füllen £eim ober im ©e: 

ieHigfeit«f reife ©eorg non Dmpteba bat ftcfi in 3lHem al« ©tufier 

erwiefen. 

griebrid) ©pielbagen feiert ben Vornan gang befonber«. „Qtb befenne 
gern, feit tanger geit feinen Stornan getefen gu hoben, ber mich innerlich 
fo tief bewegt, ben ich mit einem fo beglichen ©efübl ber ©efriebigung 
au« ber ^»anb getegt hätte." ®ann fragt ©pielbagen, we«balb man bie 
©cbilberitng be« armen, armfetigen Sehen« mit fo großer ^beitnabme oer: 
folgt; me«f)alb man mit ben ©chieffaten biefe« nüchtern ften aller. 9toman- 
betben gufammen, fo innig, al« wären e« bie eine« geliebten ©ruber« ober 
©ohne«, wäcbft; we«balb man mit bent gelben feine befdjeibenen greuben 
tutb Mtagsleibcn tbeilt, mit ihm hofft, wünfebt, groeifelt, oergweifelt, fi<h 
amiifirt? „3<b weih nur eine Antwort barauf: bie ©erfe in greiligratb« 
feierlich fdtönem „Requiescat“: 

ltiib auch bicS ift ©oefie, 

'Eertit c5 ift ein iUcnfcbettldtctt. 

£ier liegt ba« ©ebeimnifj: ein fimpte« ©tenfchenleben, aber un« oor- 
gefübrt unb bargeftetlt in feinen intimften Detail«, feinem feinfleh ©eäber, 
runb unb gang. Sie fouoeräne, ungeheure Äraft ber ÜBabrbeit, bie auf 
fid) felbft ruht unb fid) felbft oerbürgt. ©>ie, trofcbem fie ja nur eine 
Stuuft, oötlig al« 9iatur erfcheint — naio unbefangen, adbtlo« ber Söirfung, 
bie fie auf un« übt, wie ba« 2£irfen unb Sßalten ber 9tatur, unb bie ge-- 
rabe be«balb fidj al« unwiberfteblid) erroeift.". 

©a§ 3 a b r brachte nod) eine ©abe oon Dmpteba«: „©taüa ba ©aja." 
^»auptfndie ift hier bem ©erfaffer, im ©abmen cbarafteriflifcher ©ilber au« 
bem oomebmen ©efeHfchaft«leben ©erliit« bie 2Sanblungen im Gmpfinbung«= 
leben ber nicht gtücftich oerbeiratbeten $rau gu fehilbem, fobatb eine wirf: 
lidbc Siebe ihre Seele in ©ewegung fel’.t. ®et ©erfaffet entfaltet eine«tbeil« 
in ber Slusfübniug bev ©eictliibaft«bi[ber au« ber 9teid)5bnuptftnbt, anberntbeil« 
in ber Gbarafterifirung ber baubeluben ©erfonen fein unfehlbare« ©alcnt, 
ridttig gu feiten, aufgufaffen unb innerlich gu oerarbeiten, ©tan «erfolgt mit 



(Seorg ^reitjerr ron (Dmpteba. 


203 


•mannet Slntbetlnabme baS «Scfjicffat biefer frönen ^tau uhb freut fic^ bet 
SebenSmabrbeit, mit bet baS Gntfteben, keimen unb Sßatfjfeti ber Steigung, 
baS oöllige Gntfalten bet Seibenfhaft unb bie Söfung beS GonflicteS bar* 
gefteHt mirb. 

Gin ljöfifd)e3 ©efellfhaftsbitb entrollt ber 1898 erfcftienette Stonian 
„'Der Geremonienmeifter," beffen ©hauplat; ©reSben unb feine $of- 
gefettfhaft ift. Siun mürbe man jebodf) febr irren, rootlte man annetjmen, 
bafj man es f)ier mit einem fpecififh ©reSbner Stoman ju tljun hätte; bie 
Hanblung fönnte ebenfo in einem anberen Drte oor fidj geben, unb ibr 
Gbarafter mürbe berfelbe bleiben. 93on Dmpteba mollte nur ein Familien; 
bilb auS ariftofratifhen Greifen entrollen, roobei es ibm auf ben Stabmen 
faum anfant. Gr führt uns in bie Familie eines früher als Germonien* 
meifter in föniglidjen ©ienften befinbtihen ^reiberrn non ©onntljeim ein 
unb geigt uns nun in einer Steüje Silbern baS Familienleben berfelben, 
er fcbUbert uns baS ©b un unb Treiben beS oeriuittroeten SaterS unb feiner 
Äinbet, beren Sejieljungen jur ©efettfhaft unb unter lieh. ©er Sternpunft 
ift bie ©arftellung eines ©eetenproceffeS, ben ber über 60 Sabre alte 
Geretnonienmeifter burdjmaht. Gine fcböne geiftooHe Slmerifanerin neran- 
lafst baS Stufflammen feiner HergenSempfinbungen, baS Gntfteben eines 
fonnigen SiebeStraumS, baS Slufgriinen beglüdenbet Hoffnung. 3Jtit bet 
Feiniinnigfeit unb ©emfitbstiefe beS echten ©idjterS bat non Dmpteba biefeS 
Gntfteben bet erften Stegung, baS allmähliche äßadpen ber ©efüble, baS 
Ginnebmen aller ©inne burch biefe Steigung unb baS fangen unb Sangen 
beS HergenS gefchilbert. Unb roie ber ©raum gerftiefjt unb bie Hoffnungen 
jerflattern, als baS eble SJiäbcben bem Geremonienmeifter, in bem es feinen 
jroeiten Sater fiebt, ©eftänbniffe macht, burh bie er erfährt, bafj baS 
4jerg ber Same längft oergeben, ©eftänbniffe, bie ihn in fhmeren Gonflict 
mit ftdj bringen, finbet oon Dmpteba auh ba bie redjten Däne. Gr 
tueif} fie auh anjufhlagen, als ber Geremonienmeifter gleihiam fi<h felbft 
opfert unb burh bie Gntfagung fein böhfteä ©lücf barin finbet, baß er 
Stnbere glüdtih mäht. ©iefeS ©urhbringen gu einer ibealen Höh? bar; 
jufteHen, ift bem Serfaffet mit ber ihm gu ©ebote ftehenben bihterifdjen 
itraft unb mit ber ihm eigenen pfohologifdjen Grfenntnifj gelungen. GS 
ift eine liebeoolle 2trt, mit ber er biefeS Seelenleben jeihnet, es liegt etroaS 
StübrenbcS unb GrbebenbeS in biefer Gbaraftergeihnung. Unb 2ldcS, maS 
mit bem Geremonienmeifter gufammenbängt, ift mit fo gemiffenhafter Feber 
auSgefübrt, baf oon ©prungbaftigfeit unb Unnatürlidjfeit ber ©arftellung 
nicht ein Sltom gu fpüren ift. 2ßir lernen alle Gbaraftere bis in bie Finger; 
fpitjen fennen unb haben am ©htuffe beS 33itdjeS ein 2öirflihfeitSbilb ber 
Hoffreife oor uns, baS an ©eutlihfeit unb Ghtbeit feine SBünfhe 
offen lägt. 

Sn bemfelben S a bre erfhien noch bie Stooellenfammlung „SBeiblihe 
SJtenfhen". ©ie „ißringipeffa" ift ein fleiner ©eufel, ooll Uebermuth- 

14 * 



20<* 


(Seorg 3 rr 9 an 9 * n Bresben. 


Jtedtieit unb Temperament. ©ie fie bie oerliebten SeutnantS nasführt, iit 
mit föftlicbem Junior gefchilbert. Tie Tarftellung bet gagb ift meijterfjaft 
in ihrer Tetailmalerei. gm @til ÜDcaupaffantS gehalten, aber mit einem 
riihrenben 3 U 3 »erbunben, ber 511 m Mitgefühl jroingt, ift „ 2 )uonne", bie 
Gr$ählung non einer gransöfin, bie ihr junges Üftäbdjenherj an einen preufci- 
fdE>en Solbaten nerliert, ber 1870 im §aufe 2)oonneS einguartiert ift. 
liiemanbem roirb ber leite £mmor entgehen, ber inie ein Schleier über bem 
©anjen liegt. „Tie fdhöne Gaboranerin" ift mieber eine feinfinnige 
©^arafterftubie, in ber auch baS Socalcolorit, burch bie 2lnf(änge an Tijian 
nerflärt, baS gntereffe beS SeferS erroeeft. 3*« „©ieberfehen" ift bie 
Tarftellung beS ©egenin glichen feinfühlig burchgeführt. „©eibUdhe 2>!enfchen" 
heifet bie norleöte Gablung, in ber bie gelungene Gharafteriftif eine Steihe 
nerfdhiebener grauengeftalten, non ber ebelften 9tatur h 610 ^ 5 ur Äofotte, 
gegeben roirb. — Tie Aufgabe, baS Tenfen unb gühlen ber Eünftlerfeele, 
ihr feines Gmpfinben ju fchilbern, ftellt sich non Dmpteba in bem 1899 
erfdjienenen 9toman E) i l i ft er über Tir!" mit bem Untertitel: „Tie 

Seiben eines ÄünftlerS." gm Salon beS gefeierten 2MerS 9ticolauS 
Sanbtner in Serlin fteljt bie Silbfäule ber Telila, beS ©eibeS, baS Simfon, 
ben ftärfften 9)iann ber ©eit, besroang „burch Utänfe, burdh Dual, burdh 
©orte, burch Sitten, burdh glehen, burdh Tröstungen, burdh Serfagen, 
burdh ©ernähren, burch Sinnlichfeit" . . . „bie SimfonS Seele matt trieb 
bis in ben Tob", gn biefen ©orten, bie liicolauS unter bem ©ruef 
feines nerftänbnifelofen ©eibeS gleidhfant über ft<h felbft fpricht, beutet er 
fein Simfonfdhicffal an. 9Jtit ©arme frfntbert non Dmpteba ben 3»ftanb 
beS Zünftlers nor feiner Gf)e, bie Gntfaltung feines reichen .WönnenS, ben 
©lauben an bie grofte gutunft. 9iur bie Siebe fehlte feinem $eim. Unb 
fie fam. Sera, bie Tochter eines ©enerals, rourbe fein ©eib. Sehen bem 
Sidfjtgtanj feines ©lücfeS taudfjt aber halb ber Schatten feines SeibenS 
auf: bie raffige fleine 2lriftofratin entroicfelt Gigenfdhaften, bie baS ©lücf 
feines Kaufes, fein ganjeS Selbft untergraben. Sie roirb fcbliefjtidb fein 
Teufel, fein gludh, feine Telila. Seine SlrbeitSfraft bricht, feine Schaffens; 
freube nerfiegt, bis bie Sataftrophe heTeiitbricht unb ber Ghe> unb SeibenS; 
gefehlte ein Gnbc gemacht wirb, ©eorg non Dmpteba hat biefe Sehens* 
gefcfiichte mit ber ganjen Alraft feiner ausgereiften Äünftlerfdftaft gefchilbert 
unb eine giitle feiner güge unb 33emerfungen eingefügt, bie beS iBerfafferS 
Äunftocrftänbnif? ebenfo flarlegen roie feine ßemttnifj »on ben Sfoforberungen 
einer fein eutpfinbenben .tlünftlerfeele. Ter Gontraft groifdffen bem Äünftler 
unb ber ©eit feiner ©ebanfen unb Gmpfinbungen einerfeitS unb bem 
Salontnenfdhen unb beffen SebenSauffaffung anbererfeitS ift großartig 
herausgearbeitet. 

Gin umfangreiches ©er! gleich „Splnefter non ©eper" ift baS jroeite 
^auptroerf pou DmptebaS: ber im ©inter 1899. erschienene 9toman 

„Gpfen, beutfdher Ülbcl um 1900". ©ährcitb pon Dmpteba in Splnefter 


(Seorcj ^Jreitjerr oon (Dmpteba. 


205 


ein SDtenfdbenleben barftellt, fdjlägt er in bem 9ioman Gpfen baS SdjidffalS* 
buch ganjer ©enerationen auf unb entrollt uor bem Sefer baS gewaltige ©e= 
mälbe eines oielgliebrigen 2lbetSgefdf)tedE)tS. $n St;loefter ift ber £jelb ein 
9Jlann, in Gpfen ein ©efcblecfit, bort galt es, ein s JJienfd)eitfd)icf|al p 
fcbilbern, b^r gilt es, ein ^amilienfcbidfal barpftellen. 2Boßl mar Spl* 
oefter im geroiffen Sinne tppifd) für eine beftimmte Stiebt beS beutfdben 
SBolfeS, ben beutfdben Slrmeeabel, aber hier in Gyfen ift ber Vorwurf oiel 
bebeutfamer, hier entrollt ©eorg uon Dmpteba ein ©etnälbe oorn beutfdben 
2lbel überhaupt, oont 2lbe( an ber Söenbe beS SaßrbunbertS. gürmaßr, 
eine gewaltige Aufgabe! Dtur wenige bürften berufen fein, fid) an eine 
<S ^ ar a ftcriftiE foldber 9lrt p wagen. Gr tonnte cs, fein £ebenSgang, feine 
Stellung in ber ©efellfdbaft, feine 23ejicl)ungen unb fein Talent geftatteten 
ibm, an bie Söfung bieier Aufgabe p glauben, ©eorg non Dmpteba bat 
mit fdbarfem 33licte Umfdßau, er bat — mitten in ber ariftofratifdjen SBeli 
ftebenb — mit berounbernSwertber Dbjectioität SJluftcrung gebalten unb 
mit (Harter bidbterifdber Straft biefeS großes ©emälbe componirt, beffen 2luS= 
fübrung »oUfte fienntniß ber einfcßlägigcn Skrbältuiffe oorauSfeßt. 

©eorg oon Dmpteba greift eine gamilie non Gpfen unb £ep l^rauS 
unb bringt — ein äußerft gefcljicftet ©riff beS ScbriftfteHerS, ber gar feine 
beffere Gppofition finben tonnte — alle $amilienglieber gleidb im erften 
©apitel auf einem fyamilientage äufammen. So bat man einen Ueberblidf 
über bie ©lieber biefeS alten 2lbelSgefcl)lecbteS unb erfennt an ben fdßarfen 
©treiflidbtern, bie oon Dmpteba in biefe bunte ©efellfdbaft wirft, bie 
einjelnen Gbaraftere unb bie 33eäiebungen ber ißerfonen unter fid), io baß 
ein oieltöniger ©runbaccorb gegeben ift, aus bem fidß nun bie IDiotiue beS 
SRomanS auf’s ©länjenbfte entwideln. 3n bie Ejcüfte Seleudjtung werben 
bie. ©runbgebanfen beS SBerfeS in bem oon jener GyceHenj oon Gpfen ent= 
roorfenen Programm biefeS abeligen ©efdjlecßtS angebeutet, in einer Siebe, 
bie einer iPbantafie su bem Sbema: 2lbel oerpflidbtet! Arbeit abelt! gteidbt. 
Um p geigen, wie oerfdbiebenartig bet 2lbel auftritt, läßt oon Dmpteba 
bie GpfenS oerfdbiebene SBege geben. 2lm marfanteften jeigen fidb bie 
©ontrafte bureb ben ißfab, ben ber Soßn eines bürgerlidßen oon Gpfen, 
ber Stubent Jyebor, wanbeit. 2ßir feßen feine freigeiftigen, bemofratifdben 
3been emporlobern, unb oon Dmpteba ftellt biefen greibenfer in ber 
roilbeften 3 ß it feiner Sturm unb ©rangperiobe bem abeligften Gpfen, bem 
StaatSminifter, gegenüber, ©iefer ^Dialog (1. Sanb, 5. Gapitel) ift ein 
2Mfterftüdf ber ©ialeftif, reid; an bramatifdjer Straft unb an Seben, 
wirtungSoott unb padtenb bureb ben Stampf ber ©egenfäße, in feiner 
©ebanfenfütte unb Steigerung. SDer ÜJlinifter, ber für feine ©tunbfäße 
unb Ueberjeugung fäntpft, auf ber einen, gebor, ber ben 2lbel als ein 
„Ueberbleibfel früher feubaler 3<dt als ein nadfpdbleppenbeS ÜHittetalter" 
oerwirft, auf ber anberen Seite! 2Bir oerfolgen in oon DmptebaS Vornan 
baS SdbidEfat aller beret oon Gpfen, wir feljen ©lieber oerberben, anbere 



206 


(Seorg ^rrgang in Dresden. 


fterben, neue baS £icht ber SBett erblitfen; eine fjfülle bet grofjartigjien 
Silber aus bem Seben bet 2lriftofratie, aus bem £eben eingelner unb 
ganger Familien, entrollen ü<h uor unfeten Stugen. 2Bir »erfolgen bie 
Serfonett auf ihrem gangen fiebenSgange, fei es in 33ertin ober auf bem 
£anbe, an einem Keinen ^ofe ober auf ber Sühne, — fehen einen hoffnungS* 
»ollen ©prof} baS Opfer feines grenjenlofen £eichtftnnS werben, ber 2trmee 
entfliehen uttb in 2lmerifa ein neues £eben beginnen; mir fehen baS &auS 
eingelner Familien roanfen, baS bie Sorfahren für bie ©wigfeit gebaut 
glaubten; mir beobachten, wie Bürgerliche neues Blut unb neues £eben in 
ben Stamm tragen, unb fehen, roie ntorfdje ©liebet fallen unb neue Steifer 
aufgefefct werben. 3Bie non Dmpteba baS Qntime beS $aufeS, baS 
gamiliem unb ©efellfdhaftSleben mit großem geinftnn, halb mit ©mjt, 
halb mit Junior, bargeftellt hat, fo entrollt er »om öffentlichen unb internen 
£eben in Berlin ebenfo lebenSooüe, wie lebenswahre Bilber. ®ie ©haraftere 
treten lebenbig uor baS SHuge. ©in tiefer fittlüher ©ebanfe geht burrf) bie 
©arftellung ber fcheiternben ©piftengen int ©efdjfedjt ©erer ton ©pfen. 
Sie finb ben ülnforberungen ihrer 3eit nicht gewachten ober mifjnerflehen 
fie. „®ie 3eit erforbert gange 2)tänner, nicht 3 ro eifler unb ©udjenbe, 
nicht beKaffirte, weidje ©timmungSmenfchen unb Bbautajten . . . ©aS 
beutfche Soll braucht SOtänner ber ©hatfraft unb ©hat-“ ©inbringlid» 
wirb auf ben Umfchroung beS £ebenS, ber ©Uten, ber Slnftcfjten, auf bie 
©ntftehung einer neuen 2Beltorbnung, auf neue Serpfüdjtungen, auf bie 
3ufunft beS 3lbels hingemiefen. Arbeit ift bie £ofung! ©et Stoman ift 
nicht nur als litterarifcheS ßunftwerf an fi<h heroorragenb, baS bie 
©enialität eines weitfchauenben ftünftterS »erräth, fonbern er ift auch als 
©piegelbüb unferer 3eit unb unfereS ©efchlechts, »orgugSweife beS SlbetS, 
non großer, culturhiftorifcher Bebeutung. 

„£uft unb £eib" nennt »on Dmpteba ben auch int grühjahr 1900 
erfdhienenen Banb Booellen, ber frühere unb neuere Arbeiten gufammcnfajjt. 
3luch aus biefer ©ruppe fpridjt ber feinfinnige ©chriftfteHer, ber bie SJtenfchen 
genau fennt, bie er fihilbert, ber baS £eben fcharf beobachtet, baS er in 
feinen Bitbern entrollen will. 3 11 „£uft unb £eib" fteHt fich unS eine bunt 
gufammengefteHte ©efellfchaft oor, bie unter ben mannigfachften Serhältniffen 
lebt; aber eine jebe SiooeHe ift ein ©tücf SBelt unb £ebeu für ftrf|. 3Jtag 
uns h«r oon Dmpteba baS ©hebrama eines DffigierS ergäbfen, bie er* 
wachenbe hoffnungSlofe £iebe ber ftummen. Keinen ©ängerin in einer 
ftimmungSooUen 3bt)Ue fchübern, eine ergteifenbe ©eene aus ben £anbS= 
fnedhtstagen oorführen, bie £eiben eines jungen ißolen in ber ftabettenanftalt 
in einem ebenfo wahren wie fdjmerglich berührenben BUbe entwirfeln, bie 
©ebanfen eines erblinbeten Sütniften, ber gutn ©ang auffpielt, wiebergeben 
u. f. w., immer ift ber <harafterifiifd)e ©on getroffen, fiebenSfüUe unb 
fiebenSechtljeit gegeben, Junior wie ©ruft mit feinen £inien gegeühnet, tun 
bie erforberlicfje Stimmung ju werfen. 


(Scorg ^rci^err von (Dmpteba. 


207 


®er le^te Vornan ©eorg ton CmptebaS in Suchform trägt ben 
S^itel : „®ie Jiablerin, ©efchicßte jroeier 9Jtenf<heit." 

2BaS unä non Dmpteba ßhilbert, ift an üch eine alltägliche ©efchicßte: 
ein junger 2)tann iernt bei einem fRabfahreroereinSfejt ein junges SJZäbdjen 
fennen, er trifft fie roiebertjott roieber, unb 33eibe tauften -Dichtungen unb 
©ebanfen, Gmpfinb ungen unb ©efiihle aus. ®ie anfangs rein äußerlichen 
Sejießungen oertiefen fiel), eS bilbet fid^ jroiicßen beiben Seelen eine ©cmein= 
feßaft. ®ie ^einttic^e Steigung brirfjt fcßließlicf) offenfunbig fieroor unb 
nimmt mit ber 3 e it leibenfcßaftlichere formen an, bis conoentionette 9iücf= 
jr^ten, üäferlicfje Autorität, 3 ro eifet an ber Äraft unb 2luSbauer ber Siebe 
unb ernfte Grroäguitgen ben ^erjenSbunb jäh roieber löfen. -Dian fiat jum 
Schluß baS ©efüßl, baß bie jungen Seute bamit nicht mit bem fjödiften 
©lücf beS SebenS gebroden haben, baß uns alfo nicht bie ©efcf)icf)te jroeier 
■Dlenfcßen, fonbern nur ein Gapitel aus berfelben gefcßilbert roirb. ®aS ift 
aber fcßtießlich gleich, roenn uns baS eine Gapitel ihr inneres bermaßett 
enthüllt, baß roir gleich fam mit biefer einen SebenSepifobe bie ganje ©e= 
fehlte ber beiben aüenfeßen oor uns hohen. Unb baS ift ber galt. Sßir 
lernen ben ©rafen fonbern roie Solo bis in’S innerfte Seben fennen, oont 
erften begegnen beim SKabfeft bis jur leibenfcfiaftlichen RunigfeitSfcene auf 
ber Rnfel, eine Scene, bie ben $&hepunft beS 9iomanS bebeutet unb bereits 
in feinfühliger ©arftellung, ein tief im Söefen beS 2>canneS begrünbeteS 
3Jloment, ben Äeint beS SrudjeS enthält. 

GS ift ein großes Serbienft beS SerfafferS, in ber -Dlenfdjenjeichnung 
ganj fehlet unb effectfoS oerfahren ju fein. So einfach führt er bie 
Sinien jur 3 e kl) nun 9/ fo fihlicht fcßilbert er bie Sorgänge, fo langfam 
fteigert er bie £anblung, fo unaufbringlich roirb uns baS Innenleben ber 
©eftalten enthüllt unb baS allmähliche Sßacßfen ber ©efiihle bargeftellt, 
baß oberflächliche Sefer bie Reinheiten biefeS SucßeS junäcßft gar nicht 
herauSfinben roerben. ©eroiß ift manches Sorfommniß allju breit ge= 
fcßilbert, aber ber SBertß beS SucßeS, ber eben in ber lebenswahren 
■Dienfcßenfchitberung, in ber ©arftellung ber roerbenben unb rergehenbeu 
Siebe Seiber, in ber 2trt, bie geheimften Seelenregungen in ihren Gon= 
fequenjen ju geben, liegt, bleibt befteljen. Sei aller Schlichtheit beS Stoffes 
baßer baS Grgreifenbe unb Sßirffame biefeS SebenSbilbeS. 

©eorg oon Dmpteba hot fich auch »iS ©ramatifer oerfueßt, unb 
nicht ohne ©lücf, roenn auch nicht mit nachhaltigem Grfolg. Schon 1894 
fdhrieb er ein Stüdf, „Hach bem ÜJlanöuer", baS auef» im Seffingtheater 
aufgeführt rourbe, aber nicht im Sudfjßanbel erfchien. ©agegen gab ber 
Rontane’fcße Setlag 1898 baS breiactigeSchaufpiel „Gßelicße Siebe" heraus, 
baS fonaeß Rebermann jugänglich rourbe. GS beftanb 1898 bie Reuerprobe 
in Serlin unb hinterließ auf publicum nnb fßreffe > einen günfligen Ginbrud. 

®ie ©eorg oon Dmpteba eigene feine, ffinftlerifcße unb lebensvolle 
Stuffaffung ber fDienfcßen unb ©inge fprießt auch aus biefer 2lrbeit, beren 



208 


(Seorg 3 rr 9 an 3 in Bresben. 


ftabcl ebenfo tjtücf tief) erfunben wie funftoott bearbeitet ift. 6 r »errät!) 
bariu ein feinet ©efül)t für menfdjtiheS Gmpfinben unb für Ieife Siegungen 
ber Seele. Unter feiner bid)terifd)en Kraft unb feinein gormtalent bitben 
fief) bie ©eftalten ju 3JienfdE»en mit gieifd) unb 33lut. ©urd) ben frönen 
3ug non Qnncrlidifeit unb ©rbebung, ber burd) baS ©anje gebt, wirb bet 
(5‘iubrucf ber ©idtfung m ertlich oertieft. 

Schließlich ift ©eorg »on OmptebaS auch als Uebetfefcer ju ge= 
benfett, unb fjicrin geigt er nnmcntiidj ein tiefes SBerftänbniß für 2 J!au* 
paffant, in beffen ©eifie er auch — wie fhon ermähnt — eine Steiße 
feiner Siooeden gehalten bot. Seine erfte Ueberfebung aus bent granjöu= 
icben mar bie Sioocllc „3lfe" »onOifit (Baronin SJtabeleine ©eSlanbeS). 
Sie lieft fi<h mie ein ©ebiefjt, com erften bis lebten 3Bort mit bem Schleier 
bet fpoefie überroallt. ©ie ilerfafferin bat bie ihrer Station eigentümliche 
©ragie mit ber ganjen Snnigfeit beutfeßen SBefenS Bereinigt, ©ie idböne 
Sbplle b°t oon Ompteba ganj in ber Stimmung beS SBerfeS übertragen; 
fie lieft fid) mie ein Original. Seine reihe Begabung auf bem ©ebiete 
bet UeberfebungSfunft offenbarte fid» aber erft mit ber Verausgabe ber ge= 
fainmelten Söerfe ®up be SJtanpaffantS, oon benen bisher 12 Sänbe 
erfhiciten finb. 28ie »iel fyleiß in biefen Arbeiten fteeft, bebarf faum ber 
©rroäßnung. SSaS aber befonberS oerbient beroorgeboben ju roerben, baS 
ift bie fyorm unb 2lrt ber Ueberfeßung. Söerfe SJtaupaffantS finb allen 
orten in beutfdier Ueberfeßung aufgetauebt, aber febr oft maren eS jene 
miberlihen SBinfelüberfeßungen, bie alles 2 tnbere, nur nicht ber echte SJtau: 
paffant maren, bie ben fyranjofen ungefcßlift'en unb plump miebergaben. 
v i>on OmptebaS geiftoolfe Uebertragung, bie fid) auf genaue Kenntnife ber 
franjofifeßen Sprache, auf tiefes SBerftänbniß beS berühmten franjöfifcßen 
(SrjäßlerS, auf ben abgerunbeten, geroanbten Stil unb baS reihe SluSbrucfS* 
rermögen oon OmptebaS ftü|t, mitb fiher viel jum SBerftänbnifj S)tau= 
paffants beitragen. 

So märe bie Sfijje, bie oom Sehen unb Schaffen ©eorg oon OmptebaS 
ju entraerfen mar, 51 t Gnbe geführt, .^öffentlich ermögliht fie bem Sefer, 
fih ein 33ilb oon ber (intmid'lung beS Shrift|MerS unb oon feinen SBerfen 
ju mähen, ©eorg oon Ontpteba ftebt mitten in feiner ©ntmidlung, imb 
eS mirb noh fiel ©uteS »on ihm ju ermatten fein. Unb mer auch auf 
ben Sprifer unb ©ramatifer feine großen Hoffnungen mehr fetit, als 
SMftcr ber ©rjäßlungSfunft, bem bie 33etl)ätigung feines bidjterifhen ©alents 
ju einem ernften Seruf »oll hoher Sittlihfeit mürbe, ber ©rjäßlungSfimft, 
in ber er ganj ©id)ter unb Künftler ift, mirb ihn Seber gelten taffen, ber 
für bie griebenSs unb (Sutturarbeit beS fhaffenben KünftlerS ber Sitteratur 
noh V er ä unb Sinn bot. 


groet ttmnfcerlidje heilig« aus Ijalbafien. 

(Eine Sfijje. 

ÜOtl 

jfranfe. 

— Breslau. — 


(je nur eine }o weite Steife nach fjalbaften unternehmen — benn 
ber Serg fommt nicht ju 9Jtuhameb — muffen roir junor bie 
Äoffer patfen, b. I). forgfältig jufchauen, roaS roir aus unferer 
Umgebung mitnehmen. 

Sei bem erregten 3MnungSau£taufch einiger Äünftler unb Saien, bie 
im Sltelier oor einem Silbe ftanben, fiel au<h bie iüeußerung, ber ©eübte 
fönne jeber ©ompofition leicht anfehen, ob fte aus ber GinbübungSfraft (roie 
häufig fo bei „Stubien") entftanben ober nach bem ©liebermann gemalt 
fei ober brittenS eine Gopie nach ber Statur (bem 2JtobeH). 8 roe ^ unb 
Slbficht ber Silber, SEenbenj ober unbewußter ®rang beim Schaffen, er* 
freuen ober beffern wollen, rühren wollen ober beruhigen, <£öhe ber Stedmif 
ober $iefe ber ©onception, eine biefer Seiben mit ober ohne baS Slnbere, — 
an ber fjanb aller biefer Schlagroörter gab es ein folcheS Surcßetnanber 
ber -äReinungen, baß ber Streit, roie ja häufig bei Äunfttheorien, fich in’S 
9Beite oerlor unb ohne Stefultat enbete. 

0b baS Schema nicht auch auf bie Sitteratur, bie Sßoefie, eine befonbere 
2lbtheilung ber ißoefie, ben Stoman, übertragbar ifi? 3ft nicht ber gleiche 
Unterfchieb ber GntfießungSarten, roenn ber große 3 er ftörer ber freien 
fßhantafie ober beffer Sh an tafterei, ©eroanteS, neben, fogar nach bem ®on 
Cluipote fein „Seiben beS SerfiteS unb ber SigiSmunba" gebietet unb 
einfi $auff neben ben „Shantafien im Sremer StathSfeller" feinen „2Jtamt 
im 9Jtonbe", fo feßr er folcßen audh burch bie GontrooerSprebigt jurecht ju 




2fO 


Fj. ^tan( in Sresian. 


ftetten ft<h bemühte? Cb bie Stomanlitteratur bet ©ramer, ©pieß unb 
(Stauten nach bem ©liebermanne ober aul bet müßigen ©inbilbunglfraft 
gearbeitet ift? Db nicht bie Slealiftif non ©ufcforol „Siitter »om ©eift" 
beginnenb in Solo unb ©olftoi jur photographifdien 9taturroiebergabe uor= 
gekritten ift? 3°/ uiefleidjt ift bie größere ülnfdjaulidjfeit jener ben 
©ompofitionlmethoben ber bitbenben Kunft entlehnten ©reitheüung geeignet, 
einen ftareren ©eurtheilunglmaßftab auch für bie Sßoeiie — bie ißoefie ber 
Steujeit: ben Siontan — abjugeben. Slber eintheilen beißt freilich noch nicht: 
SBertbe meffen. 

©ine! aber fifcben mir bernul au! bem SReere ber 3 roe ifet au! ben 
SBogen ficb brechenber SReinungen. ©dieltet 3h r bie ©opie ber Statur, io 
fcheltet 3br bie Statur, bie 2Birflid&feit. ©efättt fie Such nicht, ei, fo 
änbert fie. Könnt $hr ba! nicht, nun, fo fangt bei ©u<h }u beffern an. 
SBenbet 3hr ein, ber ©injelne vermöge bodh nicht! roiber bie ©efammtheit 
ju tbun, fo ertragt unb hofft, bi! ber ©ine fommt, ber e! nerrnag. ©o 
entftebt bie neue bifiorifdbe $bee au! bem hoffen 3XHer, roenn bie Stotß am 
höchften ift. ©iner fpricht ba! ertöfenbe 2Sort. ©ietteidbt »erbrennt 3b r 
ihn. aSieüeid^t roirb er an fidb, an ber SSelt irre; ein ©rößerer roirb nach 
ihm fotnmen, ber tropfen roirb burcb ben ©antm fidern, ein SReer roirb 
ißm folgen unb unter feinen gluthen bie alte Beit begraben; bie Süktffer 
roerben fidb »erlaufen, ein neue! ©efdiledht fidb auf bie neue ©rbe retten, fich 
nieber roerfen unb fiammeln: Statur, roie bift ©u fo fchön, ©onne, roie 
ftrablft ®u fo herrlich nach trüben ©agen! 

©otcbe! ift ber Stunblauf ber ©efdßidjte. ©er Stegen faßt, bie ©onne 
fdbeint; ber Stegen fehlt, bie ©onne fdtjäbigt. ^eremia! beroeint Quba, 
©einofthene! bie alte ©viecbenberrlidifeit, bie bitteren ©atirifer ba! alte 
Storni 3°ta unb ©olftoi halten ber guten alten SRoral bie Seichenrebe. 
Slber roa! roeiter? ©iefe! SRorphium ber Sitteratur betäubt bie ©dfjmerjen. 
Stber e! ftebt ju fürchten, baß roir morphiumfüchtig roerben. 

©anj eigentümlich berühren bie tppifdhen ©rfcheinungen ber erften 
©inbrüde auf ©otfloil Seferoelt. Slefthetifcber SBiberroitte, magifche! £in* 
gebanntfein bei ©liefe! auf ba! ©djaffot, roo altuäterifdiie ©dham getopft 
roirb — ©dhreefen — Unroiffen — ©erböte! ©ie Kunft foll nicht copiren, 
fonbern ibealifiren. Slber ba! ©chledhte unb häßliche ift bodh ba, ift noth 5 
roenbig, um bem ©Uten jur golie ju bienen, ober — philofophifch }u reben 
— jur begrifflichen ©ntroidelung ju »erh elfen, ©er gute ©ott pffanjte 
ber parabiefifd;en llnfdhulb ben ©iftbaum, »on bem er ju»or roußte, baß er 
ber lieben Unbefangenheit bie Slugen öffnen roerbe. — „Slber fo lenfe man 
bodh nidit ben ©lief öffentlich auf bal, roa! bie ©ötter gnäbig »erßüllten 
mit Stacht unb ©rauen!" 

©! hilft nicht!, hvpuotifdh gefeffelt bleibt ber ©lid auf biefen Statur^ 
roahrheiten haften, ©rauenuolle SBabrbeit, aber eine 2Babrt)eit. §at ©olftoi 
bie ©3ahrljeiten ber „Kreußerfonate", ber „2tuferftehung",ber „SfonaKarenina" 


gn>ei rounberlidje £jeilt<$e aus £jalbafieti. — 

auf bet SebenSbühne gefunben, fo roünfdjten mir roenigftenS, baR Re fidj 
nicht ereignet Ratten; wenn Re Reh ereignen, baR Re nic^t betrieben roerben; 
wenn Re befchrieben, meifterhaft, faScinirenb betrieben roerben, baR man 
Re nicht tefe; roenn Re aber befchrieben, gelefen roerben, baR man bem 
©rauen eine äRhetifcRe Läuterung hinsufüge. 

«Spricht hier inbeR nur ber äftbetiiehe ©eRdjtSpunft mit? — unb finb 
mir bier nicht aus ben lichten .frohen ber Jlunft iängft auf bie ©rbe ber 
Sßirflicbfeit h«rt aufgeftürjt? fönnte fielen, Men fchlimm ergeben, 
roenn bie ju nieten ©injelnen, bie fidj alle oerjroeifelnb fagen, baR ber 
©injelne nichts änbern fönne, non ber SBerjroeiRung über ben nicht $u 
änbernben 3«Ranb erfaRt roerben. ©3 Rnb baber oieHeicbt nicht nur bie 
fPharifäer, bie ein Unbehagen not foichen pbotograpbifchen 33BirflicE)feitS= 
bilbem empRnben. Mer roaS fagen bie breiten Waffen? 3ft ber gröbRe, 
riidfichtslofefte, furchtlofeRe SuRprebiger im hörnen ©croanb einmal auf« 
getreten, bat er burch bie Sauterfeit feiner Mficfjten ein günRigeS UrtReil 
nor bem gorurn ber Waffen erhalten, fo roerben Re ihn Rhäfeen, ihm an* 
hangen, auch ohne ihn ganj unb überall ju begreifen. Unb fo feben wir 
ben rounberbaren Wann erhobenen Hauptes unb eherner ©tim jenfeits 
ber gäbnenben Äluft Reben, bie ihn oon bem Sehen unb Treiben feiner 
StanbeSgenoffen, feiner $eit fcheibet. 

. RRel natürlicher, roilber, rabkaler ift ber Orient. $ene Raubbebedten 
ungefügen ©efeHen, mit bem roilben #aar beS Königs Sear; mit ber fteule 
beS föerfuleS in ber $anb — biefe unheimlichen ©eftalten beS SDftenS, 
beren 3°ht «ach £aufenben jäf)lt, bie in fohlen unb Stuinen ein 0bba<h 
fueben, ruhelos bie Sanbe burchftreifenb oom fernen ©angeS bis jum 33oS= 
poruS — Re alle finb bie Dielen ©injelnen (ber ©egenfafc ber SBieljuoielen), 
bie an ber SBelt oerjroeifeln, bie ben ©lauben an bie erlöfenbe SBirfung 
ber ©ultur nerloren unb baran irre geroorben Rnb, jene ©erroiRhe, bie ben 
©afeungen ber Steligion füRn entgegentretenb ober Re — nach eigenem 
SluSbrud — b^der Reh jurüctlaffenb, bo<h oom Sßolfe mit fdheuer ©brfurcht 
getragen unb ertragen werben. Mer nie bat beren einer ben itrieg ge* 
prebigt, nie feine tfranb erhoben gegen feinen Sruber. Sie prebigen ein 
©oangelium beS frieblidhen 2d)unS*). Sticht fo roie ©uropäer! 2Bir haben 
ja bie SBotfdjaft beS griebenS gehört — nor 1900 fahren wie nod) juR 
non grau Saronin non Suttner. Mer fchide hoch, Rei>t ber oerburftenbe 
Steife im Orte ber Unfat, fchide hoch auf ©rben, nach ©uropa unb fünbige 
folcheS meinem Sruber. Unb bie Stntroort: Stein, Re haben ja Wofen 
unb bie fßropheten, hören Re biefe nicht, fo roerben Re auch biefen neuen 
©enbling nicht hören. 


*) SBiffenfdjaftlidje Stacfywife ber Original quell eit gießt meine Eifiertation „Beitrag 
jur ©rfenntniR beS ©uRStnu# nadj lbn Haldün* gebrueft , Seipjig 1884, bei 
2®. Erugulin. 



2\2 


^ranF in Breslau. 


Diein, tafit gebeut feilt Siedet, Keine ©ewatttbaten, feine UeberrebungS* 
fünfte! Ueberwinbe bie 2Bett, nadfbem ®u ©id) felbft überwunden fjafu 
©olftoi ift ein ©erwifd) in .fjatbafien, et bat fd)on manchem Sefucher eine 
Enttäufcbung bereitet! 2BaS feib $bt ausgegangen ju feben? wollt 3b r 
einen Hiem'cben in weidien Kleibern feben? Siebe, bie ba weiche Kleiber 
tragen, finb in ber Könige Käufer, ©er perfifebe Drient befifct in ben 
Schaben feiner Sitteratur eine 2trt 2i>cdbfelipiel, gteiebfam jwei dbarafteriftifebe 
Stimmen ober ©öne, bie baS Dljr bcö Eingeweihten immer wieber burd>* 
bört, ju pcrgleicben bem fyloriftan unb EufebiuS unfereS Schumann — ber 
©ermifcb unb ber -Dcotla, ber greie unb ber ©ebunbene, ober au<b ber 
jügetlofe unb ber maf;baftenbe. 3br — «tan faitn oft fagen — necfifdbeS 
.©in unb £er bnrcbjiebt unb burdjwirft wie einen mtjftifcben ©eppicb bie 
©ebidbte eine» £afiS, eines Sbajjam . . . Saune unb geftiffentlidjeS 2>er* 
ftedfeuSfpielen bes ©idjterS führen einen bunten SBedbfel ber ©eroanbung 
herbei, ©er ©enoifd) ift nichts weniger als ber burchgerungene ©enfer, 
ber 2JtotIa burchauS nid)t nur ber jetembe fjeudjter. 

2lud) dpalbauen bat feinen Ülntipoben im ernften geglichen ©ewanbe, 
ben 33 ruber Qwan non Kronftabt. 25>aS ift et? ein ^rieftet. 2lber bamit 
ift wenig ober nichts gefagt. Er ift ein lebenbiger 2lnadjtoniSmuS; einer 
wie bie gelben oon beS battnöoerjeben SeibarjteS Johann ©eorg 3immer* 
mann oierbänbiger „Einfamfeit", burd) ein SBunber in unfere 3^it oerfe&t. 
Ein SBefen, bas aus reiner Uneigenniibigfeit beftebt, baS bureb feine im* 
ponirenbe Setbftiofigfeit jur fjreigebigfeit reijt unb mit ben fo erhaltenen 
©efdbenfen befdjenft. fyreunb unb fveittb, 9ied)t= unb galfdbgläubige, 
•Dtännlein unb SBeiblein, an ihn ©taubenbe unb ungläubig 3a>eifelnbe mall; 
fahren ju ihm. Kranfe taffen ihn fommen ober fdbiefen ihre 23otfd>aft 
bureb einen ©ritten. Seute mit freffenber Sorge b°^ n fid) bort ©roji. 
Siele befuchen ihn, weit ihnen unglaublich bünft, was fte oon Stnberen über 
ihn hören. Sein oon iJSorfennarben durchfurchtes ©eficht bat jenes munber* 
bare ©urdfleudbten ber Seele. Sein 3luge ift nach oben, ober — bilblich 
oom SeetenauSbrucf gefprodhen — nach innen gerichtet. 2Ber einmal ben 
33rubet 3toan geieben, oergifjt iljn nid)t. ES waltet ein finbtidber 3<N*5er 

über ihm unb feinen SiMfabrern. Er tbut natürliche SBunber. jpabt 

3bt ie nüber 3lbfid)t im bunften böbmifdben Sanbfirdbtein ein Sanbfinb beim 
©ebet oor bem Silbe ber Jungfrau gj; a ria belaufet? 2lucb bem Sruber 
fttoan werben folche Sitten oorgetragen. Ein junges ©ing, baS gern ihren 
Sergei Swanotoitfd) heiraten mödjte, bem fie nun feit bereits einem $abre 
treu unb feufcb angeljört, frfjüttct ihr ^erj bem frommen Johann oon 
Kronftabt aus. ,,3d) werbe beten, ©ott wirb helfen, morgen hole Sefdjeib.* 
Unb fie foinint geborfam wieber, ooH Buoerfidbt. Sruber Qwan bänbigt 
ihr eine oerfdjloffene ^papierfjiiUe aus. Es ift biefelbe ©abe, bie ihm 

geftern eine KaufmamtSfrau 3U111 ©auf für bie ©enefung ihres KinbeS 

übergeben bat. ©aS Siabcben gebt oott ©auf. ©er gute $wan wirb ge* 



§u?e x munberlicbc fje 1 1 1 g e aus £?albafien. 2\3 

Rolfen haben. Unb märe bie ©abe nod) fo gering: ©er nene ßauSftanb, 
Re glaubt feft baran, mirb fid> bamit begrünben [affen. Sie öffnet — 
traut ihren Slugen nicht! So niel ©elb bat Re nie beifammen gefetjen. 
©S finb mehrere ©aufenbrubel=Sd)eine. Sie eilt erfdjroden juriicf — es 
muff ein Serfeben fern — ba! fchaut her! ,,©S ift ©ein," fagt ber gute 
Qroan h c rjtich; „ich habe ben Inhalt oorljer gamid)t gefehen. ©ine gute 
©ame übergab mir baS Rädchen, .unb id> hatte oorher befdjloffen, bie nächfte 
©abe, bie idh erhalten mürbe, foHe ©ein fein." 

So ber Sruber $roan. ©r ift fo arm mie ein ©erroifd». Gr hat 
nichts als fein ©ebet. ©r betet für Slnbere. ©ie oft reichen Spenben, 
bie ihm non banfbarer £anb j U £heil roerben, oertheilt er ohne -Kadjbenten 
an feine Sßatlfabrer. ©egen ben ©ob hat er fein ftraut, aber baS Rhmälert 
fein 2lnfehen nicht. Qeber fommt getröftet oon ihm jurücf. ©ie ©efdffchten 
tounberbaret Teilungen ju ergäben, ift ein roenig banfbareS Serfangen. 
GS fommt barauf an, bertei oon Slugenjeugen ober birect ju hören unb ju 
prüfen. 2lm allermeiftcn oon folgen, bie — mit ihm nicht glaubend 
oermanbt, in ber Serjtoeiflung GineS, ber jebeS Mittel für redfft hält, 
nach bem Strohhalm greift unb mit gtaubenSlofer Apathie 2lngeüd)tS einer 
fdjeinbar rettungSlofen Jage feine Suft ju rationaliftüdien ©rroägungen 
mehr fpürt — ftdh an biefen merfmürbigen in immer meiteren Greifen 
befannt roerbenben ^eiligen gemanbt haben. 

* * 

* 

2Benn bie beiben Scannern gegebene Sejeidntunq als „rounberlicRe 
^eilige aus ^albafien", erfreulid'er SBeife, auffallen foUte, fo fei hier be= 
merft, baff bie ffrontftellung Seiber gegen bie moberne $eit unb bie alt 
mächtige StaatSibee aHerbingS rounberlidh, bie Feinheit ber 2lbfid)ten Seiber 
heilig unb ber Sdjauplafc ihrer ©baten föalbafien genannt ju roerben oer« 
bient, ©enn roie Slficn — als Seifpiele feien bie ©erroifdie angeführt — 
eine klaffe freier, b. h- auS bem ftaatlichen unb bürgerlichem Seben heraus» 
tretenber SJJänner ber ©onfequenj bulbet, obgleich 2lfien als bas Sanb ber 
Unfreiheit unb Sflaoerei ber ©elfter gilt, unb roie biefe fDtänner roeber bie 
bürgerliche Drbnung angteifen, nod) bie groffen fDtaffen beS SolfS biefe 
■äJtänner reinfter Ueberjcugung anberS als mit ©ulbung unb Sichtung be» 
ffanbeln, fo haben auch unfere öftlidien 9!ad)barit unter manchem ähnlichen 
falfdjen Sorurtheil beS S?eftenS ju leiben. Unb roie ber Sruber Qroan 
eine Stimmung in fi<h oerroirflidR unb jum reinen Slusbrucf bringt, über 
bie man im SBeften unter ben ©ebilbeten faum ju biSattiren roagt, ohne 
Reh bloffjufteHen, fo tljeilt fein 2lntipobe ©olftoi mit ihm biefe flüRnheit 

beS SfoadjroniSmuS: eine furchtlofe glänjenbe Dppofition gegen 9!un, 

baS ift eben bie $rage, mit ber Reh bie jünger ber immer juneljmenben 
©olftoigemeinbe fo oft an ihren fjerrn nnb fDieifter roenben. Sie alle finb. 



£f. jjtanf in Breslau. 


2H 

rote überhaupt ade Sefer, bewegt unb erfdjüttert, wenn fic bie „Sluferftehung,* 
bie Jtreufcerfonate" 2 c. tefen. Solche fiircf»terlic^en SBaljrbeiten bonncrn il>r 
Mene mene tekel über bie ^eifelften unb pifanteften ©eenen ber 1£olftov 
fdfien £)arftedungen unb nehmen ihnen ihr ©ift! Sitte, hartgefoltene ©ünber, 
bene« bie allgemein befolgten ftttlidhen Stafdtauungen ber reifen ©rofjfiäbter 
unb ber banon profitirenben Sinnen längft $ur ©eroolmheit geworben, 
tommen bei Stacht in’S &auS beS BleifterS unb fragen: was fofl ich benn 
thun, bafs ich baS Sehen ererbe? SBie, ®u finbeft unter Sehen nerrud)t, 
bie ©taatsbiener nerborben, bie ©trafgerichtSpflege ein Unbing, ben groben 
Sanbbefifc burdj feine Bereinigung in einer £anb einen SDtifeftanb, bie ©he 
mit ihrer UnauftöSlidjfeit ein Unglücf — u. f. t». — 9BaS thun? — 3°/ 
baS Rnb SlUeS oft erörterte, biScutirte flafiificirte fünfte. ®enn roenn ein 
SJiann »on SolftoiS Bebeutung unb fectenbilbenbcr Straft auftritt, fo fragt 
ber gebilbete Europäer : SBeif her, was ift benn ®ein ©pftern? unb roo 

paßt benn biefer ®ein iSmuS in bie ©efdhichte ber ... . hinein 

®enn mir Sille leiben an ber Stranfheit beS .'QiitoriSmuS! 

ES erregt gerabeju ein peinliches Empfinben, Sblftoi fiel) auf biefe 
inbiScreten fragen theoretifch nerantworten ju hören. Eigentlich fann man 
nur auf feine SEerfe felber nerweifen, welche wahrlich baS RhonungSlofefie 
„für" unb „gegen" feiner Stauchten enthalten. 3e unbarmherziger fi<h ein 
Slutor felber geißelt, befto grünblicher hat er über ft<h nadjgebacht. fEolftoiS 
gelben finben bei ihren SSeltnerbefferungSplänen feitenS ber Befdjenften 
unb Bebauten felber bie herbfie Äritif ober mangelnbeS BerftänbniR. ®ie 
SJiafloma 5 . B. läßt ben Sefer im Unflaren, ob Re bie ©uttljat ihres frei; 
willigen Begleiters auf ber Steife nach Sibirien überhaupt ben SKotiocn 
nach richtig erfannt hat. Sewin pnbet bei feinen guten Slbßchten bie mifj; 
nerftänblicpftcn Sluffaffungen. Unb bertei wirb nirgenb mit irgenb welcher 
Bitterfeit norgetragen. ES gemahnt unS bieS an ben britifchen $umor 
eines Bicar of SBafefielb, ber bie ©efangenen <hriftli<h ermahnt unb non 
ihnen jum SDanf bafür nerfpottet wirb. 

STolftoi prebigt — fein ©pftern muff er uns bo<h oerrathen, ba hilft 
nichts! — bie confeffionSlofe Siebe beS älteren EhriftenthumS. Etwa ber 
erften brei ftahihunberte. Slber wie niel ift bagegen, was bie praftifchc 
SluSführung anlangt, einjuwenben! $Die ganje gewerbliche unb fociale 
©liebermtg ber heutigen ©efeflRhaft fcRlägt ber Sache mitten in'S ©efiebf. 
Cber nielleicht umgefehrt. Es ift Rhwer ju fagen — wer — wen. ®ic 
SluSführung hängt auch, wie eS Rhcint, non nieten tedjnifchen fragen, nicht 
einfach notn guten ober fchlecbten SEidett ab. — ©ag’ uns not Slllem, fragt 
StifobentuS, wie unb in welcher SEeife bie ©a<he gemacht wirb, wir wollen 
uns wirtlich Blühe geben, etwas ju erreichen. 

Sie 6 ulturl)iflorifer fagen uns, es gehöre jur ©ignatur unferer 3 *it, 
baß in immer junehmenbem SDJaRe unb immer eine SDiSciplin nach ber 
anberen auch eine Slbrechnung mit ber focialen fyrage in Reh aufjunehmen 


§n>ei rounberltcfye ^eilige aus £jalbafien. 


2(5 


habe. 9lun, baS ift gerne treffenb bemerft, urtb ein Siomanfdbriftfteller, 
wie eben Sotftoi, beffen SBerfe man lefen ober nicht lefen, toben ober tabeln, 
bei beren Sefung man erbleichen ober ertönen fann, wirb fdbarf in’S 33erbör 
genommen nnb gefragt: &ältft ®u baS ^nftitut ber ©be für abgenützt, 
antiqnirt ober gar fcbäblidb? meinft 2)u, bafc mir unfer ©briftentbum re* 
formiten ober lieber ganj abfdiaffen foHen? — mie benfft ®u über bie 
fociale grage, befonberS über ben 2lnft>tudj deiner ^Dorfbewohner an bie 
33obenrente? 

Sinn, finb biefe fragen einmal aufgeworfen, fo ift Snlftoi bin! 63 
gebt ihm wie Siiebfdje mit feiner Stbfcbaffung ber bisherigen 3Jtoral unb 
^erftetlung bes neuen Uebermenfdben. ©inb mir einmal erft babinter ge* 
fotnmen, welchem — iSrnuS fein ©pftem angebßrt, fo lauert audj fdbon bie 
2lrgumentenniper unter ben Slumenfpenben, bie Seuten non IDotftoiS ober 
9tie|fdbe3 SSebeutung fdbliefclicb nicht oorentbatten roerben bürfen. 

2Ba3 fott benn nun gegeben? — Verlegenes diäufpern. SÖian fagt, 
in einer neuen fjragefiellung läge fcftort eine neue Slntroort, ein neues 
fßroblem ginge einer neuen 6tfinbung ober Sluffinbung ooraus. 3JHt bem 
Sitten ju brechen, bot nur ber ein fRecbt, ber etwas SieueS bringen lann. 
Slber wer bot baS Siecht, etwas DieueS ju bringen! 6» giebt nielleicht gar 
nichts SleueS? bö<bften3 eitet Gffectbafdberei! — nidbt wahr, 33en 2lfiba?! 
Sttfo nur iDauembeS, 2llte3, 6wigeS. Sttfo wenben wir uns an bie 33eften 
unb ©rö fiten, bie ^rieftet bes 2lHgemein*menfdbti<ben! — SBie wäre eS 
benn mit bem gauft ? Sollten nidbt gegen ben ©cblufi bes jweiten ^beileS 
bin unter anberen fühlen Sieflepionen auch bie fociaten Probleme ber 9teu* 
Seit bineingebeimnifet worben fein? können wir fie gebeimratben ober 
löfen? — 

©S bleibt eine ber fdbönflen, rubigften unb abgeflärteften fyrüdbte beS 
alternben ©oethe’fdben ©eniuS, bafe er fidb ba im SPeftöftlichen fDinan, ju 
einer 3<it, beren politifdfje fjftügclfdbläge — man mag fagen, was man 
will — bem alten föetrn unbehaglich waren, ju bem fernen tpalmenbaum 
bingeflüdbtet bat, ber trofc Siücfert, ICb 0 ^ Sommer, SBobenjlebt, fptaten, 
SJlap 9JlüHer — noch immer einfam unb fcfmeigenb trauert an brennenber 
getfenwanb. 

Freiheit, Freiheit — non ben ©dbmerjen ber SßorurtEjeite. Freiheit 
ohne geinbfdbaft. ®ie Äreuj* unb Ctuerjüge haben fo manches 3Jtat fcbon 
eben fo fdbmerjbaft wie fcbersbaft gewirft. ®er alte £erobot ift nidbt ber 
©rfte unb bie SCempetberren fiub hoffentlich nicht bie Seiten, welche — 
ber $err ber fdbicft ben ©iener bin, er foll ben Dritter i)olen, ber eS fidb 
im fßatmenbain ber Shrmiba wof)tfein labt. — 3ft eS nidbt wunberbar, 
bafe fafi altes religiös ©minente nabeju Sropenpflanje ift? JBoHen wir 
Stitter non ber fdbweren togifcben ©tablrüftung, mit ber man in ber &ibe 
trofc aller IDapferfeit meiftenS unterliegt, eS nicht einmal mit einem rein* 
lidben „©ntweber — Dber" nerfudben? $n alter, guter, golbener 3«*/ TO0 


216 


tf. <frattf in Sreslau. 


baS tjjanbtoerf noch einen golbenen ©oben fjatte, unb bie Arbeit bet 9lrme 
noch nicht allen Slbete beraubt mar, gab es eine fcböne ©itte, ba&, roer an- 
gelernt batte, fein Stänjel fcfinürte, umtüfc ©orgen unb grofc ©epäcE mit; 
fammt allem S3aHaft heimatlicher SSorurtbeile nebfi bem .fjocbmutb beS 33effer= 
wtjfenS babeimliefj unb ficb auf bie SBanberfdjaft begab. Sßürben wir 
©uropäer uns einmal baju uerjteben fönnen, mit bem befdjeibenen Senmfjfc 
fein, bafj ficb roo anberS auch etwas lernen läfjt, ben 3tucffa<f frugaler 
©ntbaltfamfeit non fo manchem Uebemtafj ber Uebercultur über ben SWücfen 
ju toerfen, unb ben SBanberfiab fnorrigfter Statur mit fefter gauft energifd) 
ju pacfen, bann fönnte ficb nieHeidbt ba§ SBunber wieber ereignen, bafe bie 
©teine, bie fonft nur ba finb, um jur Steinigung ungewohnter 2Cnft<^tcn 
aufgehoben ju toerben, ein erlöfenbeS 3lmen beS f^iebenS fpröcben. 


I 

i 



1 



<£djt ober Unedjt. 

Pon 

jftatire£ ftagmann *). 

— Blanfenburg a. — 

K it ber 91ooeinbernunutter ber 3 eüf<*>rift „9lorb unb ©üb" bat 
£ert ®tid) So^n in 33reStau einen ^Beitrag 51 t bet ,fßfp<f)ologie 
ber SJtebien unb ©piritiften" gebraut, in roeidiem er ben SBets 
fud) mad)t, bie mebtumiftifebe SBegabung beS augenblicflid) am meiftrn um* 
ftrittenen beutfdjen -BtebiumS, grau 3tnna SRotlje, „oermöge feiner langjährigen 
TOiffenfdbaftlicben Sßorbübung unb fdjarfen ^Beobachtung" als Safdfienfpieletei 
unb ^Betrug ju ftempeln. tiefer SBottourf ift weit fdjtoerer, als er bem 
Uneingeweihten erfdjeinen mag, benn ba biefeS 9J?ebium jid) bei allen 
feinen £anblungen auf ben -Hamen bes $odiften beruft, läge SBlaSpbentie 
not, wie fie fraffer unb »erwerfltcber faum gebaebt werben fönnte. 

Stot allen Gingen b at ©err 93obn bem ©piritiSmuS ben banfenS= 
roertben SMenft geleiftet, einer groben Slnjabt Sefer, benen bie ©rfebeinungen 
beSfelben noch fremb waren, ober bie ©elegenbeit fehlte, folgen ©ifcungen 
betjuwobnen, eine giemlidb anfdbaulicbe ©djilberung oon beren Verlauf ju 
geben, wobutd) mandiem bis babin SlbnungSlofen bie erftaunlidje 2Jtifc 
tbeilung wirb, um weldje wunberbare ©rfdfeinungen es ficb bei biefen 
©jungen ^anbett, unb in ibm ber SBunfdb geweeft wirb, biefer ©adje 
näher ju treten, um bie jefjt ernfte ©elebrte, ^Srofefforen aller gacultäten 

*) 23ir gewähren biefem gegen ben im 9?0Dem6erf)eft unfeter 3ettfehrift öer« 
öffentlichen Süiffafc beS §errn Dr. ©rieh IBobn: »©in bentfcheS aKebium" 
geröteten 2luffafc, ben ber 3mprefario ber grau Sfiotfie, §err 2R'aj 3 e n t f <h in 
© b e nt n i fc, uns als bie uns Don ibm in SluBficfjt geficllte, ihm „gefefclicb jufteijenbe 
©rtoiberung* aiijufefjen erfuefjt, bereitwillig Sfufnafjme, nicht weil wir nach bem § 11 beB 
SßrefjgefefceS uns baju berpflicbtet erachten, fonbern toeil mir es für gerecht unb im 
3nte reffe ber Sache liegenb halten, bah amh bie angegriffene fßartei an biefer ©teile ju 
2Borte tornme. ©8 möge fo ber Ceffentlidjleit bie ©elegenheit gegeben Werben, fid) ans 
bem girr unb SBiber eine felbftfiänbige füleiraing git hüben. X. Oteb. 

Ko* unb «Ob. ICVI. 287. 


15 



2J8 ^Jtances Sagmann tn Slanfenburg a. tf. 

fotoie Theologen ß<h ftreiten, um fi<h burdj eigenen SlugenfdEjein ein Urteil 
ju bilben über biefe fo unjäfjlige 3Jtenf<hen mit Segeißerung erfüfleitben 
Vorgänge. 

^err Boßn hat ß<h nun ber fchwierigen,' unenbtidfj niel Dbjectinität 
erforbemben Aufgabe gewibmet, Sicht in bie märchenhaft Hingenben 
Säuberungen ber Eheilnehmer ju bringen, wobei er n<h su bem höcßft an* 
erfennenSwertben ©runbfafc befennt: „®ie ißflidjt jur 2Bal>rbeit gebietet, in 
ber Beobachtung ber £hatfa<hen peinlicbfte ©ewiffenhaßigfeit ju beobadhteni" 

Üm fo befrembiicfjet muß eS jeben Sefer feinet 9luffaßeS berühren, 
baß er mit ber 33er off ent tidbun g beSfetben, ber feinem Programm gemäß 
bie „gefammte SCßätigfeit beS SDlebiutnS" enthalten unb begutachten foll, 
nicht noch gewartet bat, bis er perfönlich mehr ©rfabrung barüber gefammelt, 
anftatt ft<h barauf ju befhränfen, bie Berichte Slnberer auf ihre ©taub* 
würbigfeit bin ju prüfen. 

9JJit bem Begtren ber 2luSfagen SSfobeter fowie 9Ruth»naßungen über 
beren ©emütöSoerfaffung unb Mangel an UrtßeilSfähigfeit angeßdfßs ber 
non ihnen gefdfiitberten 3d)atfad)en fann man bodb feinen logifdb benfenben 
Blenfcßen non einem gegenteiligen Shatbeftanb überjeugen. ßbenfo be= 
bäuerlich muß eS genannt werben, baß ein fo fcßarfer Beobachter wie 
4?err Boßn feine, bem DccultiSmuS einmal geweihten $Dienße nicht noch 
foweit auSbeßnte, bie eigenen Unterfudbungen mit ber ©rmtblid&feit ju be* 
treiben, bie man non jebetn fforfcher auf fo emßetn ©ebiet forbem muß. 

2luf bie Sifcungen felbft einjugeljen iß ^iet überflüjfig, ba biefelben 
außer non fjettn Soljn bereits oft in ben geitfchriften für Spiritismus 
gefchilbert würben unb jt<h faß alle im allgemeinen Nahmen halten, nur 
möchte ich erwähnen, baß £err Sohn uns non norn herein feine eigenen 
Beobachtungen in beitfelben als ganj unmaßgebenb barßettt. $ätte er, wie 
eS bei nieten anbeten Sißungen gefdjeben, nor berfelben bie Unterfudßung 
beS ÜBebiumS neranlaßt, fo wäre jebem Berbacht eines Betruges bie Spiße 
abgebrochen, — ba biefeS unterblieb, muß jeber logifdh folgernbe Btenfdß ihm 
ben Borwurf machen, baß er feine Schlüße auf unbewiefenen ©runblagen 
aufbaut, benn $afchenfpieler fönnen nur Blumen unb ©egenßänbe ßeroor* 
bringen, wenn fic biefelben thatfä<hli<h nerborgen bei ßdj> haben ober im 
Baum felbft oerftedft bereit halten, was in einer fremben Srioatwoßnung 
wol)l auSgefcßloffen iß, ebenfo wie bie non §emt Bohn geßetlte Bermuthung, 
eS fönnten bem DJebium währenb ber Sißung fotdhe ©inge jugeßedft werben, 
non Sehern, ber jemals mit biefem SÜebium epperimentirte, aufs €nt= 
fchiebenße jurücfgewiefen werben muß. ferner gießt ^err Bohn feinen 
Beobachtungen felbß baS $eugniß her ttngenauigfeit, inbem er ßdh bamit 
begnügt, Borgänge ju fchilhem, bie er feiner eigenen SuSfage nadh nicht 
im mtnbeften nerfolgen fonnte wegen feines ungünftigen Bl°l^- ©aß 
unter fotchen Bebingungen urtheitSfäßige 3Jtenf<hen ihn als Autorität an* 
erfennen unb feinen SluSfageit Sßertß beilegen, wirb er wohl felbß laum 


€djt ober ttnedft? 


219 


erwarten, namentlich ba feine 33eweiSffiljrung fidE» baffen befdjränft, 3tEeS, 
was er nicht überfein fonnte, ju Ungunfeen grau SWot^e« auSjufegen 
unb bie UrtheilSfäfeigfeit ber übrigen 3eugen als gleich 3iuH feinjufeellen, 
weil biefelben nach 33eenbigung ber ©ifcung ihrer 33egeifeerung Slusbrucf 
gaben, — eine ©dilufefolgerung, auf beten Originalität ^err Sohn wolfe 
allein Slnfprud) erheben barf. Sßorläuftg ift uns biefer £ett nodh jeben 
33eroei3 fdjulbig geblieben, worauf er feinen 9lu8fprudj begrünbet: es flehe 
nun ein für alle 3Ral feft, grau fRotbe fei fein echtes SRebium. ©ein 
fjjauptargument befielt allein in ber Sinnahme/ bafe bie nach fjunberten 
ober gar ^aufenben jäffeenben 9lugenjeugen in ben uielen ©jungen 
eigentlich in eine SReroenanfealt gehören, ba fte ben ©ebtauch ihrer fünf 
©inne oollfeänbtg eingebüfet haben. 3Son all biefen, teerrn Sohn »oHflänbig 
fremben fßerfönlichfeiten weife er inftincti», bafe fee »oreingenommen, urtfeeüs* 
unfähig, ohne jebe Äenntnife ber Sache, mit bem Sorfafe in bie ©ifcung 
famen, MeS ju glauben unb nur baS ju fehen unb hören, was ßerr g. 
unb grau SRotfje ihnen aufbinben wollten. 

geh möchte £erm 33. barauf aufmerffatn madjen, bafe, inbem er alle 
bie non ber Echtheit ber ©abe beS 2Rebium8 überjeugten Teilnehmer gewiffer* 
ntafeen als „übereraltirte", feiner ernfeen Prüfung ober ©ebanfenfolgerung 
fähige ©pecieö ber üRenfdjheit fdfelbert, er bie non ihm felbft jugegebene Tat* 
fad>e ju überfehen fc^eint, bafe grau SRotfee ihre Strafte meifeenS fferioatfreifen 
juwenbet, bie ihm nöllig fremb fenb, unb et mit feinem nieberfdjmettemben 
Urtheil ©dfeäge im £)unfeln auStheilt, er würbe nielleicht bamit etwas ju« 
rüdhaltenber gewefen fein, wenn er gewufet hätte, wen er unter Stnberem 
getroffen unb welch eigentümliches ©treiflicht babei auf feine eigene Ur* 
theilsfähigfeit fiel. -Rur einen 33eridjt fdheibet er als fachlich gehalten aus 
unter ben 34 ju ©unfeen beS 3RebiumS jeugenben 33erichten, um ihn aber 
gleich wieber als werthloS unb tenbenjiös ju nerwerfen unter bem 33or* 
roanb, bafe $err 33. nicht wijfe, ob bie 33eo6adjtungen fachgemäfe erfolgt unb 
bargefeeHt feien, ber 33eridjt ber ®etails entbehre, unb £etr 33. nidjt non 
ber gäljigfeit ber Teilnehmer überjeugt fei, nüchtern ju beobachten, wo« 
bur<h ber fdfefagenbe SeweiS geliefert fei, bafe bie Tatfachen nidjt ber 
2Baljrfeett entsprachen. — ? 

ÜRut einige Seridjte will &err 33ofen anerfannt fefeen, unb baS fenb 
bie Enttarnungsberichte. ®er beweiSfräftigfee fearnmt aus Hamburg, — 
ob biefe Slugenjeugen urteilsfähig waren ober nicht, fpielt in biefem galle 
gar feine 5RoHe, bie 33eridite fenb in feinen 9lugen nemichtenb für baS 
SRebium. -Run fügt eS ber 3ufaH, bafe ich 33ejiebungen höbe ju bem 
Hamburger Streife unb mir not längerer 3eit über biefe 33etrugSentlarnung 
in Hamburg feRittfeeilung gemacht würbe mit bem 33emerfen, es fönne hoch 
möglich fein, bafe bie Teilnehmer an ber ©ifeung fe<h in ihren 33e« 
obachtungen getäufdjt, ba ihnen bie Sorfenntniffe ju ber ©a<fje fehlten, unb 
ich mürbe erfucht, bei einer ©ifcung, bie in meinem eigenen ßaufe benot* 

15 * 



220 ^Jrances Hagmann in Stanfenbutg a. fj. 

ftanb, bodj genau biefeS unb jenes ju beobachten unb not Ment baS Äteib 
beS 9Jfebium3 ju unterfudjen, ob eS nicht ettoa einen ©ummiftoß entlade, 
toorin bie Slumen ftunbenlang frifCfj erhalten werben fönnten. ®iefeS habe 
ich gewiffenßaft gethan unb braune nicht zu oerfiCljern, baß ich nichts ber= 
artiges fanb, fonfl wäre biefe (Schrift unterblieben. ©iefeS zweifelhafte 
Hamburger Urtheil bilbet bie piöce de räsistance beS $erro Sohn, beS 
9)canneS ber ftreng wijfenfchaftlichen ßritif. ®a uns fämmtUche non ihm 
angeführten SetrugSoerbäCfitigungen oor unferen Sißunqen mit bem SKebium 
befannt gegeben waren, fo brauche ich wohl faurn ju oerfichern, baß alle 
Teilnehmer mit befonberer Htüctficßt barauf allen ^Bewegungen beS 3JlebiumS 
folgten, wir unS fo festen, baß wir fie oon allen Seiten beobachten fonnten, 
(einmal faß ich felbft hinter ihrem dürfen) unb baß wir ©elegenljeit nahmen, 
oor ber Sifcung grau 5Rotf)e, gleichzeitig ihrem eigenen SBunfch entfprecßenb, 
gänjlich ju unterfudjen, £aar, gähne jc. unb ihr nur uns gehörenbe 
JtleibungSftücfe anjulegen, auch würbe ihr jebe ©elegenheit abgefdhnitten, 
fi<h nachträglich ©egenftänbe ju oerfChaffen. 3ln biefen Sifeungen nahmen 
unter anberen älteren, erfahrenen Kennern beS Spiritismus auCh mehrere 
höhere Dffijiere T e tf, benen man nicht eine blinbe Segeifterung für alles 
ÜebematfirliChe nachjufagen pflegt, fowie ein älterer, feljr nüchtern fritifirenber 
gngenieur, ber gewohnt ijl, jebe SBirfung auf feine beftimmte Urfache hiu 
ju prüfen, unb mit ber Ueberjeugung Stag nahm, baß nichts ihn oon ber 
UebernatürliChfeü ber ßrßheinungen überjeugen fönnte. 

gm Serlauf ber Sijjung war er es gerabe, ber bie übrigen Teilnehmer 
barauf aufmerffant ntaChte, wie ein großer Strauß frifCher 3iofen entfernt 
oom -Dtebium oerhältnißmäßig langfant burdj bie SBanb ju waChfen fdjien, 
um in weitem Sogen, ohne bas fDlebium ju berühren, auf ben £ifCh ju 
fallen, geh will bie oielen gälte nicht aufjählen, wobei bie Slunten in 
unferem ©arten bei hellem SonnenfCfjein, entfernt oom SDtebium erschienen 
unb fogar oon Mberen ergriffen würben. 

äßenn £etr Sohn glaubt, bie gefamntte Sitteratur über biefeS -Dcebium 
geprüft ju haben, fo muß man fragen, ob er bie T at f a( he ganj überfehen, 
ober ob wirfliCh bei feinen umfangreichen gorfCfjungen niemals ihm einer 
ber unjähligen gäüe begegnet fei, wo baS ÜRebium im Slrancesguftanb 
oon ®ingen fpraCh, oon benen eS feine Slhnung haben fonnte, unb Sets 
ftorbene untrügliche gbentitätSbeweife gaben, nur oon beren Sermanbten 
oerftanben. gn unferem Greife ift uns biefeS beS Defteren begegnet, unb 
ftellt jeber einzelne galt einen beweisfräftigeren gactor für bie ©cfjtheit beS 
UJtebiumS bar, als alle (Kombinationen beS &errn S., ber ben gegenteiligen 
Schluß jiehen will aus einem einzigen mißglüCften gbentitätSnaChweiS, 
wobei eS noch offen fleht, ob es ji<h babei wirfliCh um einen grrthum 
hanbelte ober um ein ÜJiißoerftänbniß feitenS ber Setheiligten. 

$ert Sohn erinnert in biefem gaH unwittfitrlich an ben franjöfiichen 
geitungSreporter, bem bei feinem erften Sefudj in Serlin Unter ben Sinben ein 



<£djt ober Unedjt? 


22 t 

burchgeljenbeS $ferb begegnete, worauf in feinem Beriet julefen ftanb: Berlin 
fjat bie(Sigenthümli<hfeit, baß in feiner &auptftraße ftets bie Bferbe witb werben. 

@3 würbe ^tcr ju weit führen, wollte ich auf alle bie in bem 2tuf= 
faß ben SEfjatfacfjen wiberfprechenben Behauptungen eingeßen, unb will nur 
furj barauf hinweifen, baß bie oon $etrn Boßn angeführten „Bebingungen", 
unter benen baS 2Jtebium arbeiten foH, ben bei unferen ©jungen ge* 
malten (Erfahrungen biametral entgegenlaufen. 3 um Beifpiel, baß bei bem 
©intreten eines Phänomens bie beiben 4?änbe beS SJtebiumS nie gleichseitig 
fidhtbar feien, bie Blumen flets oon ber linfen ©eite erfcßienen, baS 3Jtebium 
burdj lautes Sieben unb Unruhe im Greife nicht geftört würbe, baß bie 
phpftfalißhen (Erfdjeinungen nur bewirft würben, wenn bie Slufmerffamfeit 
nicht auf ihre B^fan gerichtet ift, baß bie Slnwefenßeit beS gmprefario 
ftets nothwenbig fei, baß ein SEedjfeln beS 3ufd)auerfreifeS ihr erwünfdßt 
fei, baß Stiemanb h'wtcr ihrem dürfen Blaß nehmen bürfe, alle biefe, 
jeber SBahrßeit entbehrenben Behauptungen bitben angeblich bie ©runblage 
für bie Einnahme, baß grau Stotße eine ©afcßenfpielerin fein ntüffe! 

3<h will &errn Bohn fo weit ©erecßtigfeit entgegenbringen, baß ich 
eingeftehe, auch wir haben mit biefem SJtebium ©ißungen unter ungünstigen 
Bebingungen erlebt, nach benen wir uns fagen mußten, baß ihr Berlauf 
nicht im ©tanbe gewefen wäre, uns unbebingt oon ber (Echtheit ber 
Bßänomene ju überzeugen, wenn wir nicht fdjon anbere weit günfügere 
SRefultate erhalten hätten, unb bie ©ßatfadje unanfechtbar beftanb, baß baS 
SDtebium feine Blumen jc. bei ftdß hatte, bie Ülpporte folglich echt fein 
mußten. 3Bir gehören aber nicht ju ben glücflidj oerantagten SJtenfchen, 
bie, wie $err Bohn, nur zweier halbwegs gelungener Btoben bebürfen, um 
©inge ju überbauen unb ergrünben, über bie feit langen fahren ©eiehrte 
aller Stationen ficß bie Stopfe zerbrechen; baher prüften wir immer oon Steuern. 

gn (Ermangelung jebeS tßatfächlichen BeweifeS unb oielleicht, weil et 
eingefeßen haben mag, baß er in ber Berleumbung einer fo „ehrbaren" 
grau (wie er fte felbji nennen muß), ju weit gegangen fei, finbet §err B. 
fchließlich ben SluSroeg, baS SJtebium als „franf" ßinzuftellen, ißre fo* 
genannten ©rance*3uftänbe feien „ßpfterifche SlnfäHe", unb behauptet, wir 
hätten es mit einer patßotogifdien ©chwinbterin ju tßun! 3)tit biefer (Ent: 
bedfung wäre ben Biologen oiel SJtüße erfpart unb eine Söfung biefeS 
räthfelßaften B r °blemS ber SJtebiumfcßaft gefunben, ja, man fönnte, wie 
£err B. fagt, über ben DffenbarungSfpiritiSmuS ein für alle 3Wat jur 
©ageSorbnung üb ergehen, wenn ein gactor aus bem 2Bege gefdjafft werben 
fönnte: baS ftnb bie frifchen Blumen unb ©egenflanbe, bie baS SJtebium 
in wachem 3 u fianbe oorher ßerbeifchaffen unb oerbergen müßte, — ba 
bliebe alfo nur ein oorbebachter, mit füßler Berechnung oorbereiteter Be* 
trug übrig, ober füllte hier tjieHetc^t ber als „gmprefario" bezeichnte 
£err g. in ©ßätigfeit treten? $ier hat &err Bofm nnS gleichfalls ein 
Barabop geboten: entweber biefer &err ift, was uns oon ihm oerfichett 



222 


tfvattces Hagmann tti Hlanfenfcnrg a. £7. 


wirb, überbegeiftert, abergtäubifch unb burcbbrungen »on feiner ©eiflertheorie, 
ober er ift ein raffinirter Setrüger, — Selbes jufamnten ift unoereinbar, 
unb gegen £ejstereS fpridjt ber oon £erm S. jugegebene gänjliCfje SJtangel 
an pecuniärem Sortljetl bei ber ©ad)e. Ober foDte noch eine britte SJtöglich* 
(eit oorliegen? foDte £err g. mit feiner £fjeorie bod) Stedjt haben? jener 
SJtann mit betn ernften, würbigen Auftreten unb bem befdjeibenen, anfpruChe* 
lofen SBefen, ber feit fahren, allen Serleumbungen unb Slnfeiitbungen Stroh 
bietenb, für feine lieber jeugungen eintritt, (ein Opfer fc^eut unb fid) burdj 
alle ©türme beS Sehens ben reinen ©tauben an feine gbeale erhalten unb 
Gebern gerne mittbeilt, ber ihn barum bittet 2Benn auch feine ©ChilberungS* 
meife ^errn Sohn nidE»t gefallen mag, ihm umoiffenf<haftli<h erfcheint, 
$err g. h Q t uns bis heute unroiberlegte Seweife für feine Theorie erbracht, 
bie ©egenbetoeife ift uns aber ^err Sohn nodj fdjulbig geblieben. 

©ott fei S)an( giebt es noch SJJenfdjen, bie trofc ihres gefunben Ser* 
ftanbeS noch Segeifterung fühlen (önnen, unb fo bürfen mir hoffe”/ bajj 
no<h fortgefahren werbe, biefe ©rfdjeinungen in ernjter, roiffenfChaftlicher 
SBeife ju erfotfchen, roie biefeS ja bereits feit über fünfzig gahren gef «hiebt 
burdj Herren, bie tiidht ju ben genügfamen 9Jlenfcfjen gehören, welche ohne 
jebe perfönliche Stufung eine ©adje aburtheiten (önnen; ober foDte £err 
Sohn etwa nicht fi<h überzeugen wollen? S>enn man (amt laum an* 
nehmen, bajj feine fCf)wa<he Seweisführung ihm felbfl genügt! 

©inen nicht ju unterfchä^enben ©ienft hat &err Sohn grau Stotlje 
unb ihrem treuen Segfeiter geleiftet: es wirb jeber unpatteüfdje Sefer bie 
Ueberjeugung gewonnen haben, bajj es unmöglich war, ihnen irgenb welche 
betrügerischen SJtanipulationen nacbjuweifen, fonfi hätte es $err Sohn mit 
biefem grofjen Slufwanb an .SJtaterial unb gutem SBiHen unfehlbar ju 
©tanbe gebracht, fie beffen ju überführen, gut Uebrigen (ann ein fo 
burchfühtig tenbenjiöS gehaltener Angriff niemals bem Stuf jweier SJtenfdjen 
fchaben, bie mit fo ehrlichem ©treben einer heilig ernften Sache bienen, 
unb benen fo »tele greunbe aus allen Schichten ber ©efeDfchaft jur ©eite 
ftehen mit unanfechtbaren Seweifen ber echten Segabung biefeS SJtebiumS 

unb beren ftttlichen Unantaftbar(eit. 

* 

Stach ©chlufj biefer 3eilen ift mir noch bie Stadjridjt jugegangen, bafj 
einer unferer erfahrenften Occultiften ©eutfdjlanbs mit bem SJtebium grau 
Sfona Stothe eine SrüfungSfifcung in ©egenwart mehrerer Slerjte abgehalten, 
wobei er ft<h »on ber unjweifelhaft echten Segabung beS SJtebiumS über* 
jeugt hat. Stile Phänomene traten trofc ber SorncbtSmafjregeln ju Stage, 
wie bie betreffenben Herren felbft bur<h ihre Unterfchriften beglaubigt haben. 
SlngefichtS biefer ßerm Sohn geroifj auch perfönlich jur Äenntnifj gelangenben 
Shatfadfie wirb er wohl nicht jögern, baS oon ihm fo ferner angegriffene 
SJtebium unb beren Segleiter auch öffentlich ju rehabilitiren, ba ihm bodj 
angeblich nur um bie SBahrljeit ju thun war. 


T>e v Hotfye. 

Don 

€r SSofin. 

— Breslau. — 



„J’accüse.* 1 

Zola. 


\a& Rrügfein geljt folange jum Srunneit, bis e8 bri<f)t. ©icfe 
Seben«wei«l)eit follte jebe« peubomebium in ©otb faffen [affen, 
benn fie ift ba« Memento mori, ba« not ber Porte feine« 
SRußme« fleßt. 2BoßI inele, oiete jogen cor ißm ben luftigen 2Beg, beffen 
39aßn fidfj fdßwinbelnb über bem SIbgrunb ber SBaljrbeit wölbt: unb alle 
fiürjten fie eine« lEage«, ©dfjroinbel erfaßte fte unb ber luftige £an$ enbete 
jäß im Slbgrunb. ®a« barf un« nidjjt SBunber nehmen. S)a« SJtebium, 
ba« bem betrug nid^t entfagen fann, ftebt oor einer fdßwierigen Aufgabe. 
Reifet e3 bodEj bei ißm meßr tote bei allen anberen 3Jiutß mit SBeteßeit 
paaren. S3eibe werfen ißre Singeln nacß ißrn au«. SDie Sßotftd^t ift jroar 
bie Sltutter ber SBeiSßeit, aber audß bie ©roßmutter ber gurdbt, unb bie 
9Bett, bie bem SRutßigen gehört, fann ber $ollffißne oertieren. ®a 
ßeißt e«, mit; faltem S3li<f SBor ließt unb 3Wutß gegen einanber abwägen, 
baß ba« SöußWtt ber Sßaage audß nidßt um eine« 4?aare« Steife 
fdjroanft. -ütandber lernt’« nie. 3u einem genialen Setrug muß man, wie 
jebe« ©enie, geboren fein, unb nur ba« ©enie wirb bie nötigen 3i*9 e 
jießen, wenn ißm bie SBaßrfjeit ein „©djadß bem Hönige" juruft. SDarunt 
ift e« fo ßodfj intereffant, ißm jujufdfjauen, wenn bie ©efaßr ber ©ntberfung 
fidj broßenb emporreeft. Sffiirb e« ben Hopf oerlieren? wirb e« alle« auf 
eine Harte feßen, ober wirb e« ba« ^orajifd&e „aequam memento rebus 
in ardms servare mentem“ beßerjigen? ®ie ßutturgefdßüßte leßrt, 
baß bie Antwort fo »erfdßieben, wie bie SRenfdjjljeit ift. 

Stadjj ben SRefultaten meiner erfien SCrbeit (Slooemberßeft 1900 biefer 
3eitfdßrift) barf idß grau Stotße ju ben P'eubomebien redßnen. ©iefe« 


22 \ 


€ricp Bopn in Sreslau. 


Urtpeil bejtefjt fiep felbftoerftanblich nur auf ihre SCpätigfeit als SDtebium*). 
3m Uebrigen mag jie eine hodhacpt6are ebrenwerthe grau fein, beren 9?uf 
über allem groeifel erhaben ift. ©elbft ifyre Betrügereien als SKebium 
vermögen DieUcid^t feinen Statten auf fie ju werfen. Btei6t bo<$ uortaupg 


*) fftacpträglich habe ich noch einige bioflrap^ifc^e $aten über grau fltotpe ermittelt. 
3m Sabre 1894, furg nach ber Hamburger (Sntlartmng, erfepien in ber ©ppin£ Bb. 18 
©. 282 ein Bericht gu ihren ©unften, ber mir bisher entgangen toar. (Sr fteht auf 
bemfelben ^iöeau toie bie fonftige &iotpe*ßitteratur. Sntcreffant ift er burch bie Sin* 
gaben, tote ftch Diotpe’S üftebiumität enttoicfelte. (SS gingen leine langen (SnttotcfelungS* 
ftßungen öoran. ©dum in ber erften ©tfcung Köpfte eS, unb nach Wenigen ©ifcungen er* 
folgten bie erften Bewegungen toon ©egenftänben unb Slpporte. SBäprenb aber iefct 
grau fttotpe auch im hinter frifepe SKofen bringt, halfen fleh bamalS bie geifttgen SBefen 
mit Btachsblunten. „2)er Vorgang toar ftets ber, baß baS EKebium mit ber tmfen föanb 
unter ben Xifcö fuhr uitb btefe bann mit einer Blume toieber peroorgog." $a& 2ttebtum 
gab bamalS faft täglich ©ifcimgen. — $er Berfaffer gerbricht fleh gtoar nicht ben ftopf 
über bie (Schtheit ber Phänomene, toohl aber barüber, ob bie „geiftigen grennbe" bie 
Elpporte geftoplen haben fönnten. 

Bfittgften 1897 befud)te Etotfje mit ihrem Smprefario ben gtoeiten (Songreß beS 
„BerbanbeS beutfeher Occultiften". ©ie feierte reiche Xriinnppe, unb ihr öor gtoet Sahren 
entblätterter EtupmeSfrang begann neue ©proffen gu treiben. Bfmgften baS lieblich e geft 
toar gefommen 

©cpUeßlicp tourbe ich noch auf einen Bericht gu ©unften grau EtoipcS aufmerlfam 
gemacht, ber ftch ©. 138 ber „Seitfcprift für ©piritiSmttS" 3ahrgang 1899 ftnbet. gut 
tRotpe unb Sentfcp ftnb Bfettbonpnte gewählt $>er Beriet ift fo Kafftfcp, baß ich ihn 
meinen ßefern nicht borenthalteu will. 

„2lm ©onntag, ben 8. Sanuar, tourbe mir um 9 Uhr SlbenbS bie ©otteSgnabe gu 
£petl, einer ©ifcuitg bei bem hochbegabten 9Mtum unb Batermebtum ©. (ber toieber* 
berförperten Subith ber heiligen ©djrift) beigutoohnen, too ber ejacte BetoetS borlicgt, 
ber fich in bie beiben fchönen SBorte faffett läßt: BMeberfehen unb Unfterblicpfeit" . . • 

(S8 folgt nun bie ©chilberung einer ©ißung. $er Berfaffer fährt fort: 

„2Bie Bruber B. uns an jenem 2lbenb ergählte, toar bie ©ißung eine feht un* 
güttftige; beim fonft tourben bei biefem SUiebium paufentoetfe Datteln aus bem heißen 
Slfrifa berbeiapportirt, glängenb fchtoarge ftapbiamanten, bie fich bis jefct ieboep Ictber 
immer nodh in .tople Pertoanbelteit ... Oft treten bie Phänomene (?!) in lang herab* 
toallenben ©etoättbertt aus bem ©abinet, boep muß oorper Bruber B. unb ©cpmefter (Srna 
ben ©irfel berlaffen, ba biefe gu biel antimagnetifepe Sfraft für fo hohe ©eiftertoefen aus 
ber elften £>immelSfPhäre befreit. 

2lucp SohanneS ber Käufer unb §enoch als (Sngel materialifiren ftch oft in biefem 
6irfel, ben ©länbigen baS SSort oerfiinbenb. (S inmal trug fich golgeitbeS gu. $a8 
2Mium ließ toohl £mnberte Keiner (Srbfügelcpen, toelcpe, toie baS hohe ©eiftcStoefen fagte, 
bie toerfepiebenen SSeltförper barftellen follten unb in’S gelbe, braune, ja auch in’S blaue 
fchiüerten unb hart gebrannt gu fein fdjienen, plöplidj auf bem Boben crfcheiiten, too fie 
hin* unb herroUteit, necfifcpeS ©piel mit einanber treibenb. 2öie merftoürbig, btefe 
ftügeldjett, toclcpe als SRacpbilbiing ber SSelttörper boep nur oon popen ©eiftertoefen gemacht 
fein foitntett, burften bie ©irfeltpeilnehmer mit naep £>aufe nehmen." 

Unter ©länbigen fd)einen grau föotpe unb ber mpftifepe Bruber B. reept fonberbare 
$inge gu treiben. 3llS auf biefen romantifepen Bericht ptn ein ©piritift, £err Sftebacteur 
geüenpauer, grau Diotpe 10000 2J?f. bot, falls fie nur einen eingigen Älopflaut 
unter gtoingeitbeit Bebittgungen peroorbringe, Iepnte fie banfenb ab!l ©ie 
wußte toarum. 


Der JüU Hot^e. 225 

Immer noch bie 9Jlögtid^feit offen, baß fte eine ßranfe unb feine 93er« 
bred&erin ift. 

2Bi<f)tig für i^rc Seurtbeilung ift a6er jebenfall« if)r Verhalten gegen« 
über ber brobenben @ntbedung. 3$ bin in ber Sage, bierju ein jtemtidj 
noHfiänbige^ 3Rateriat ju geben, ba« einen mertboollen ©inblicf in bie 
$aftif ber Sßfeubontebien eröffnet. 2Bir fönnen baran prüfen, ob grau 
9totbe allgeit an ba« Ärüglein badete. 

®ie SSeröffenttidSjung meiner 2lrbeit bebeutete für grau Stotze einen 
ferneren ©dfjlag. ®robte fte bodjj gu oernidfjten, ma« ft<$ ba« SKebium in 
jebniabrigetn Gingen erfämpft b atte. ©a« mußte ich, unb ba« mußte grau 
Stotbe. ©arum forgte idb offen unb ebriidb bafür, baß fte über meine 
fßlcme nidbt im S^eifel f e * n fonnte. Al« idb baraufbin non ihrem gm* 
prefario einen beleibigenben Sörief erhielt unb auf meinen 33orf<f)tag, fte 
fotte fidb einer ©elebtf emßommifuon auf meine Äoflen gur Prüfung [teilen, am 
24. ganuar 1900 bie Antwort empfing, idb foHe nadb ßbemnifc fommen, bort 
mürbe man mir geftatten, ©itmng«protofolle einjufeben (!!), ba batte 
idb genug*), grau 9totbe mar gemarnt, modbte fie I;anbelrt. Unb fie 
banbeite. 


*) grau 8tott)eS Anhang berbrettet ießt ba« ©erficht, ich hätte eine ©itilabung be« 3nt= 
prefario« su einer ©ifeung in (Shentnifc abgelehnt. tiefem unwahren ©erüebt gegenüber 
febe idb midb beranlaßt, ben 58riefmed)fel mit bem 3mprefarto gu beröffentlidhen. 

Stuf meine Aufforberung, in 93re«lau ©ißungen gu geben, antwortet et am 11. 12. 
1898: „3cb bebaure, ertoibem gu rnüffen, baß unfer Atebium leiber barauf bergigen 
muß, Sbter Sßropofition näher gu treten." 

Auf erneute Anfrage unter Anerbietung einer ©elebrtencommiffion unb beliebigem 
Honorar (eüeutucU 1000 Alf.): „©cpmefter Aotlje bebauert, enbgiltig ablehnen gu muffen." 
AI« bann bie SBeröffentlicbung meiner Arbeit brobt, fdhreibt er am 9. 3anuar 1900 : 
w ©ie füllten auch ein pecuntäre« Opfer nicht fdpeuen, füllten hierher fommen, ba« Urtfjeil 
erfahrener Seitte hören, unfere fcßriftlicben 23elege unb Sßrotofofle in Augenfehein nehmen." 
Al« ich barauf nochmal« eine $rüfimg«ftßung anbiete, ermibert er am 24. 3anuar 1900: 
„Atein SSorfdjlag ging Iebiglicb babin, Shnen ©elegenheit gu geben, beim ©tubium ber 
Phänomene ©chwefter Aotbe« ba« Urtfjeil erfahrener Atänner gu hören, unb gu biefem 
3mecf foUte 3bnen ber 33orgug gemährt werben, bie 5ßrüfung«protofoEe eoentueü eingufeben. 
Aidht im ©ntfernteften war e« meine Abfidjt, ober fühlte ich mich gar bon 
ber AotbWenbigfeit bureßbrungen, 3hnen SPrüfungSfißungen gu geben, 
über bie mir momentan gur ©enüge weg finb." £)ie Originale biefer Briefe 
fönnen bei mir eingefehen Werben. 

©er Ueberficht halber gebe ich ein SSergeidjniß ber (Sreigniffe feit bem Augenblicf, 
Wo grau Aotbe ba« fiebere Scheinen ber erften Arbeit befannt mar. 

3)ecember=3anuar 1900. Anfünbigung meiner Arbeit. 

9. gebruar. SSortrag in ber „©efellfihaft für $fpdhifche gorfeßung". 

AHtte gebruar. ©rünbung ber ©ommiffion für Aiebtenfdhuß. (©ien 49 SPfpcbe 220.) 
25. gebruar. fßrüfunggfibung in S33iImer«borf.- 124. SSien 76.) 

13. Atai. s . s bem t herein „@o§\ (®o« 49.) 

20. Atoi. ©ifcung in ber $fPcße unter Anmefenhett be« Dr. Aiemamt. 

15. Süll ©ißung in SBeißmaffer. (3eitfchrift für ©piriti«mu§ 342.) 

(£nbe Auguft. grau Aotbe auf Aeifen. (ßicbtftrablen 29. Auguft.) 



226 


€rtdj Bofytt in öreslau. 


31(3 id6 am 9. gebruar betx Saat bet „©efedfchaft für (Pfpdjifdie 
gorfdjung" betrat, bie SÖten contra (Wothe unter bem Arm, fiel mein 
33ticf auf jrcei grembe. @8 war (WotljeS gmprefario Alap Qentfdj uub ibr 
(Breslauer greunb &err 3lboIf Kühn. lieber ben 3 ro ecf ihrer Anroefenheit 
fonnte id) mich leinen gdufionen bingeben. -Klan roodte offenbar meine 
Arbeit cor ihrer (Beröffentlichung fennen lernen, um banad) feine (Dlaß= 
nahmen p treffen, &err Kühn fragte mich fogleid), ob auch eine Same 
theitnehmen bürfe. Sa bieg ftatutenmäßig auSgefchloffen mar, lehnte i<h 
abnung3(o3 ab. fptößlid) oerbreitete fidh baS ©erüd)t, grau 9tothe fei im 
(Borfaat. 

SaS alfo mar jene Same, bie (ich für meine Vorträge fo fetjr 
intereffirte! Sie hatte aber bie (Rechnung ohne ben Sßirth gemalt. 
badjte: ,.Hic Rhodus, hic salta“ unb ließ fie im (Warnen ber ©efellfdjaft 
aufforbern, uns eine (prüfungSfißung p geben, ©ünftiger tonnte bie ©es 
(egenbeit garnidit fein: SaS (Blebium nmr ba, bie Gommiffion bereit, 
mit einem <S(^lage tonnte fie ade meine (plane oernid&ten, benn »or ber 
ßogif ber Shatfadien muß ft<h bie Sogif ber ©rünbe beugen. Unb wenn 
biefe grau roirllid) bie ehrliche grau mar, a(8 bie fie ftdj auSgab, 
fo hätte fie ber 3Jfa<^t ber SBahrheit oertraut. Sie jog ben Sperling in 
ber £anb, ber Saube auf bem Sache oor — unb lehnte unfer Anerbieten 
ab. @o hatte fie nichts gehört unb mir nichts gefehen*). Sie hotte bie 
(Weife oon Berlin, 100 fie gerabe roar, oergeblich gemacht, ber Ueberfall 
mar miß(ungen. 

Ser peite Sdjadjpg beS geängftigten -KlebiumS mar erfolgreicher. 
GS erfolgte bie ©rünbung jenes SpnbifatS, baS fidj „Gommiffton ffir 
9Webiumfdiuß" nannte. (Kleine ßefer tennen es fdion. grau (Rothe fdjien 
burch bie -Klaffe imponiren ju rooden, ne roodte jetgen, baß ihre Anhänger 
bereit feien, in bie 23tef<he p treten, wenn ft<h ber Kampf um Sein ober 
(Widjtfein entfeffelt. Ser (Borfifeenbe beS Sßiener „(BereinS ffir DccultiSmuS", 
$err Gber, lancirte am 1. 3Jlärj ben Aufruf in bie (ßreffe unb gab ihm 
einige tieffinnige SBorte auf ben 2Beg. 

Aber bie (prüfungSfißung, bie (ßrüfungSfifcung! Sie mochte wie ein 
Alp auf ber Seele beS SWebiumS (aften. Auch baffir mußte man (Watfj. 
©(eichjeitig mit ber ©rünbung ber Schuhgarbe erfolgte jene (Prüfung burch 


1. September, ßobrebe be8 Theologen. (Bft)cf)e 227.) 

13. September. Sifcung in Berlin. (Sidjtftrafjlen 10. October.) 

Anfang Cctober. SKetn ®etoäbr8tnarai im Zimmer ber Stotlje. 

14. October. Sifeung in Ätündfen. 

24. October. Bortrag beS Dr. SWiemann. 

Gttbe October. Sitzung in Berlin. 

Anfang Aooember. (Srfcbeinen meiner Arbeit. BroteftPerfammlungen gegen Dr. tftiemann. 

*) 2>er Borfalt tourbe fofort p B r oto toll genommen. Stülp behauptet ie$t, 
bie „©efettfeijaft für Bfpdfifcbe fyorfcfjunß" hätte ihnen bie Uicdjtfertiflung abgefchnitten. 


Der ^all Hotlje. 


227 


ben SBetRner SBcrcin fßfpcbe, bie ich am Scfilufi meiner erften Slrbeit be= 
leuchtete. SJJan fragt (ich unroillfürlicb, roer babei geprüft mürbe, bie 
fßfgdbe ober grau Siotbe. Slü Slnbängfel fdjlofj ficb bann am 19. 2J?ai 
bie Prüfung burdj bie SBrfiber unb Scbroeflera ber ©o« an. 

grau SRotbe mar bamit in ihren Stugen rebabititirt. 3Jtit bem ©r* 
folge aber mu<f)3 ihr 2Jtutb, unb ihr (Sinn mochte nach Oberem (heben. 
SD er Sfeptifer mar noch immer nicht gefunben, ber mit feinem „ga unb 
Simen" ben Stempel ber ©djtbeit unter bie SRefiabititirungäsUrfunbe fefete. 
®aju mar $err Dr. phil. et theol. Stiemann in Berlin auäerfeben. 
&ier aber ging ba8 Ärüglein jum SBruntten unb brach. SDie Sßagfcbaale, 
' in ber bie SBorftdjt lag, mar ju leicht, (ie fdbneHte empor, unb grau (Rothe 
fiürjte ton ber erträumten ßölje auf bas ^ßflafter ber 2Birlli<hfeit*). 

£)ie Schlappe mürbe (ebod) frtjnell roett gemacht, grau (Rothe „(lieg 
empor in’3 ©ebirge unb bortbin, mo eine (djarfe, raube Suft mebt". 
(Sttebfdje). Sie, beren Sinn unb brachten nach binterroeltlerifdhen 
gingen jianb, ging ju ben ^intermätblern. ®ort mar bie Suft 
raub, aber bie ÜRenfdben maren nicht fo fcbarf, mie in Hamburg, (Berlin 
unb 33re8lau. Slm 15. guli taucht fte ptöfeUch in SBeifjroaffer in ber Dber= 
Sauftb auf unb feierte unter begeifterten Slnbängem unerhörte Triumphe. 
SluS unten erubbtlidben ©rtinben roerbe ich bei biefer ©ebirg«reife etmaä 
länger oetroeilen. 

$>er SSorfifcenbe be3 „fßereinä für &atmonifcbe ißbtfofopbie" in Sßeifc 
roaffer feierte feinen fünfjigfien ©eburtstag. Um bem geft bie richtige 
SBeibe ju geben, batten bie SJiitglieber (ich entfcbloffen, „ba2 3Jtebium 
Sdbroefter Stnna ju bitten, biefen ©brenabenb burch ihre ©egenmart ju ter= 
herrlichen". Schroefter Slnna fam, fab unb (legte. ©3 b^rfchte eine 
tropifche gulibifce. 3Ran batte baber baS ®adj be3 SifcungSfaale« mit 
©Häroaffet begojfen unb im Saale ©iäfübel aufgeftellt. gmmetbin ift 
eine foiche Stbfüblung nicht immer ganj au3reid)enb. 

„9iie maren bie in (Rothe« ©egenmart jugebradjten Stunben fo meibe* 
t>oH, mie unter bem ©inbrudt be« allgemeinen gefte« bie nun folgenben. 
SRadbbem Sdbroefter Slnna in Trance gefommen roar, ergriff ein geiftiger 
gübrer ba« SBort, unb junächft ftdb an ben gubtlar menbenb, roie« er auf 
bie höbe SBebeutung biefe« £age« bi”/ erfannte Sruber 3)1.2 Sefheben, bie 
höbe Sehre mit aller Straft ju oerbreiten, unb f<hlo& mit einer beglichen 
©rmabnung ju fernerem rüjligen 23ormärt«(dbr eiten auf bem betretenen 
fßfabe, ungeachtet aller ßinbemiffe. 

$>a« ^ocherbabene mit bem Rnblich ©infachften oerfnüpfenb, ooUjogen 
bie blumenfpenbenben Äinber ber grieben«fpbäre an ihre mitarbeitenben 
geiftigen ©efdbroifter Slpporte ber berrlicbjten Sturnen . . ." „Slucb b^r 
mürbe ber gubilat befonber« au2gejeidbnet burdh ein herrliche« Slumen* 


*) $tr Bericht folgt unten. 



228 


€rtdj öoljn tn öreslau. 


gefcßenf, meldieS mit finnigen Sßorten bet lieben geiftigen greunbe ißm 
übergeben mürbe . . ." ©S roirb nunmehr baS üblidße blaue Sfidjlein 
apportirt, leer befunben unb con ben ©elftem binnen roenigen SWinuten 
mit einem 27 »Seiten langen „ßodjintereffanten" Xept betrieben, ©ine 
meitere birecte Schrift ift uns glüdtidßerroeife burcß $rud jugänglid) gemacht, 
fo baß ber „ßodhintereffante" gnßalt für biefe SBelt nicht cetioren ift. 
@r lautet: 

„ÜJtit ©ott! günfjig. gaßre ftnb baßingeßhmunben unter greub nnb 
Seib, audh unter ©otteS Schuß. ©etn, lieber Dnfel, mill id» 35ir aud) 
meine SBünfcße barbringen; o möchte im Sehen alles ®ir, fo roie bisher 
gelingen, bamit ©ein SebenSabenb frei con Äummer unb con Sorge fei! 
gdj bin ja nur ein Keines SBefen, hoch maS ich baju thun fantt, fott ftdjer« 
ließ gefdßeßen, fo bah jebeS SSiegenfeft auf’S neue beroeift $>ir unfere Sieb’ 
unb £reue. griebcßen." 

®er ©eift griebdien fdßeütt banadh ein jdßmather ©eift unb ein noch 
fdßroäcberer ®id)ter ju fein. 

„©in fftßänotnen jeigte ficf) immer überroältigenber als baS anbere. 
SBeldje großartige 93eftätigung erhalten mir burdß berartige Seroeife con 
jenen 2 Bunbern ber SJibel, an roelcße unfere fuperttuge 2 Belt faum noch 
glauben miU. Sie ftnb nicht corüber jene $eiten! 9ü<ßt ju ©nbe ift bie 
3 eit ber Slpoftel; fie geht uns in ber jetzigen 3 «t mieber auf, gebe ©ott, 
ebeufo ftrahtenb mie jur 3 eit ber erfien ©hriftenßeit. 

teilte, felbft nicht bie ernfteften Vorgänge unfereS SebenS, leine !irdj= 
liehe ißroceffion märe in ber Sage, größere Stnbadßt unb eine ungetrübtere 
Harmonie 3 U cerfcßaffen, als fi<h über bie naßeju 110 (!!) ißerfonen um« 
faffenbe SSerfammlung auSgebreitet tjatte. ©leidjfam entrüdt con ber SBelt, 
im SBertchr mit ben lieben geiftigen greunben, geroiff ermaßen eins mit 
ihnen, hatten alle ben hohen Offenbarungen gelaufcßt. ©in befeligenbeS 
©efiißl hatte fuß unfer 3tller bemächtigt, baS ©efühl unenblidjer ©lüdfelig* 
feit barüber, 3 ei, gen fo herrlicher Offenbarungen geroefen ju fein." 

2Iu<h grau 9totße inodite ficf» ein befeligenbeS ©efüßl mittßeilen. ©S 
mar ein reiner, ungetrübter ©rfolg unb ein milbeS 9ßflafter auf bie berliner 
SBujtbe. 

Untcrbeffen begannen bie gerien, unb auch grau Stotße ging auf Steifen, 
©in ®eutfdi« 2 lmerifaner / ber fie befucßte, Hopfte cergeblicß bei ißr an*). 
3ßr SRußnt mud)S unterbeffen, unb „ein Theologe" fang ißr in ber fßfaße 
folgenbeS Soblieb: 

„,,3n einem ßeH erleuchteten Saale fitst eine grau in mittlerem SClter, 
ißr SluSfeßen ift einfach, bef<f»eiben. $ie 3ü0 c / oon Sorgen gefurcht, 
ftrahlen in ber 33eräüduitg con einer ^eiteren, überitbifcßen Stuße, con 
Älarßeit unb griebe oßne galfdj, oßne Sug unb £rug. ®a ftarrt ißr 


*) i'idjtftraltlcn, Kummer Bom 29. 2luguft. 


Der <fall Xot^e. 


229 


großes 2tuge, mit ßaft greift fie über ben Sifdp nach ber Rechten eines 
lieben greunbeS, ber auffdhredft aus tiefem ©ebet (!) unb fie oerwirrt an« 
fchaut. ©ine Bewegung ber anberen fjanb nach bem Raupte, bem Segnen 
beS fßriefterS gleich, unb wunberfam queUenb liegt ein notier thaufrifdher 
grfihtingSfranj auf bem Stopfe beS Segnabeten. Stumen fallen f)emieber, 
fjimmelSfdhlfiffel, ungebrochen, ungefnicft, in noller SlüthenpradEü! Unb 
SBorte fommen aus bem ungeübten $rauenmunb, SBorte non innigfter 
roärmfter ©hriftenliebe burdfiweht. 3ft bieS baS erfebnte Söunber, foll bieS 
ein wahrhaftiges ©otteSjeidfen fein, Söunber unb Seiten, mit benen unfere 
3eit gefegnet werben foll? 2Beiß ©ott, non gewaltiger SBirfung fönnte 
biefe ©ewißheit fein*)." 

Sieg folgte auf Sieg. 2tm 13. September**) betrat fie triebet 
^Berlin. igier fam ber 2Jtann aus 9lmerifa enblidj ju feiner Sibung. Sie 
(üeifter nereßrten ihm ein 3J?ebaü(on mit einer ©lücfsfpinne, bie in ihrem 
9tefce fifct. 2Bir Seutfdl>en erhielten bisher non 9?otljeS ©eiftern nur ©lüctS» 
fjerjen, ©lüdfSblätter unb ©tütfSfreuje. ffür ben 21t ann aus Slmerifa 
fiifteten fte fogar eine ©lücfsfpinne mit jwei edhten perlen. 3n bem 
©pinnennefc fönnte man eine feine Tronic finben. Sie perlen waren 
hoffentlich edhter als bie ©elfter, bie fie brachten. 

perlen bebeuten Shränen. Ser alte Aberglaube foUte fich an ffrau 
jRotlje erfüllen. Ser Sorbeer beS SriumpbeS laftete auf ihrer Stirn aUju 
fdbwer, unb feine Blätter befdhatteten ihren fonft fo flaren Slicf. Sie SBelt, 
bie bie -Btutbige gewann, nerlor bie 2lHjufühne. Sie ü6erfdf)ätjte fidh unb 
unterfchäbte bie Klugheit ber SInberen. Sn SJtünchen foUte baS Ärüglein 
in taufenb Scherben jerfradhen. 

9ltS 3lnfang Dctober mein ©ewährSmann im 3' mnter $rau StotßeS 
in ©hemnib ftanb, lagen auf bem Sifdfj eine Slnjahl Briefe, barunter ©in» 
labungen aus SBien unb -Ktünchen. grau fRotlje jog SRünchen oor, wo 
eine ariftofratifche ©efellfdhaft fie in liebenSwürbigfter 2Beife eingelaben 
hatte. Sie wähnte fich jubem gefidhert, ba auf ihr Verlangen auSbebungen 
mar, „baß bie Sifcung nidht als fogenannte wiffenfdhaftlidhe ifßrüfungSfibung 
behanbelt würbe, unb baß bie Sheilneljmer ftdh aller inquifitorifchen fragen 
unb ^anblungen ju enthalten hätten". 2lm 14. Dctober fanb jene benf» 
würbige Sifcung ftatt, über bie ich unten beridbten werbe. Um eine bittere 
©rfaljrung reicher oertieß grau fRothe 9Jtün<hen. Sßergeblidh rief ihr 3m» 
prefario ben 9Jtündhener ©eiehrten §u: „SBenn Sie es jebt nodh nidht 
glauben, bann müffen Sie eben im QenfeitS baran glauben." Selbft biefe 
fürchterliche Srohung praßte wirfungSloS ab. 

Anfang ÜRooember erfchien bann meine Arbeit. Sie 3r° n ' c beS 
SdhicEfalS wollte es, baß in benfelben Sagen Dr. SWemann in Berlin in 


*) SPföcfc, @. 228. 

**) ßid)tf trabten, 10. Dctober. 



230 


<£r t d? Bo^tt in Breslau. 


einer öffentlichen 33erfammlung — gang unabhängig »on inir — grau 
Stotbe beS Betruges begichtigte. ©in beßet Aufruhr brach nun tos. 33ier 
Sßroteftoerfammlungen tagten gegen Dr. Stiemann, unb in Str. 47 ber „Seit* 
febrift für ©piritiSmuS" rebete ein alter SJtajor fräftige SBorte für grau 
Stotbe. Stur eine febmieg: grau Stotbe. ©ie taufte roieberbolt in fpiri* 
ttftifdjen Vereinen 33erlinS auf; als aber bie SJtünchener „©efettfehaft für miffen* 
fdjafttiche fßfpjjologie" erllärte, ibjr Stuf fei babin, wenn Re Reh jefct nicht 
ejacter Unterfuäjung Rette, ba mar fie nicht gu haben. Sie lehnte unter 
allerlei SluSRüchten ab. ©eitbem liegt Über aßen SBipfeln Stulj*). SJtan 
roeifj nicht: gft es f£obtenrub ober bie Stube »or bem ©türm, ©ie »or* 
liegenbe Slrbeit bürfte bem barmonifchen ©tittleben ein ©nbe machen. — 

©er gefebilberte gelbgug iR für biefe SJeurtbeilung beS gatteS Stotbe 
»on großem SBertb- Sein ßeitmoti» ift bie glucht »or ber SBabrbeit. 
gntmer gebieterifcher tritt bie gorberung roiffenfcbaftticher Prüfung an grau 
Stotbe heran, unb burch immer fübnere 3üß e fu<ht Re ihr gu entgehen, 
gbre ©altil ift bie ©altil ber gurebt, ihre Grfolge finb ©(heinerfolge, ihre 
SBege ©eitenroege, um bem geraben Sßcg ber SBabrbeit gn entgehen, ©ie 
flieht bie SBiffenfdjaft unb lann bo<h nicht ihre gotie entbehren: fo fucht 
fie mit bem erborgten ©lang einer ©<beint»iffenf<baft gu blenben. Unb 

gerabe biefe Salti! muß Re »or ben 2Iugen ber SBabrbeit richten! 

3<h mürbe es laum für nötbig hatten baS meitere SJtaterial ber 
Deffentlichleit gu unterbreiten, menn eS Reh um bie grage banbeite, ob baS 
SJtebium Stotbe betrügt. Senn biefe grage ift meines ©racbtenS beant* 
mortet. @S toitb uns aber baS Stätbfel löfen, mie 3t. betrügt. ©aS 

©pftem roirb eS uns enthüllen, baS in biefem glängenben ©piel mit bem 
©tauben ber SJlenfchen bem ©pieler ben ©rfolg Rcbert. SSor Sittern mirb 
eS unS ein Urtbeil über bie Stoße beS gmprefarioS in biefer Sragöbie er* 
möglichen. 

SBeoor ich baS neue SJtaterial gum Slbbruct bringe, möchte ich jeboch 
groei loftbare ©ocumente »eröffentlichen, bie meine ©eifter mir als ©r* 

*) ©ribticf) nach einem botten Monat, lief ein fdjtoädjlicber Broteft bei „Storb unb 
©üb* ein, in bem bie Beroffentlicbung ber »ortiegenben 2lr6eit gu berijinbem berfucht 
tourbe. Seit 3entfdj bemühte fxrf» fogar nach Breslau. 

Mit welchen Mitteln grau DtotheS SlnWnger tämpfen, geigt ein ©ircular ihres 
Breslauer BrotectorS, Slbolf ftüfjn. Slbolf Sühn, ©eneraldcrtreter bereinigter Xunger* 
fabrifen in BreBlau, bat heimlich unter bem 6. Xecember ein acht ©eiten lange« befto» 
graptjirtcä ©direiben berfanbt, baS »on ehrenrührigen Beleibigungen meiner ^erfon ftrofct 
Slbolf Stühn ift berfelbe, ber „ben Xcft" ber Butggräfin ©milie erlebte, unb ber unter 
feinem Staaten ben bom Smprefario »erfaßten Bericht über bie Breslauer ©ifcungen 
in bie Deffentlicßfeit brachte. Xerfclbe Mann, ber baS ©chrei6en »om 6. Xecember »er* 
faßte, ftcHte fich einen Monat borher ber !)iebaction bon „Stoib unb ©üb" als mein 
greunb (!) bor, um SluSfünfte über meine Slbfidjten gu erhalten. 

Uirterbeffen ftnb mir noch tueitere berartige Schreiben gugegangen. SHe Anhänger 
StotlieB bringen mich bamit in bie 3®angBlage, nunmehr ben SBeg beS ©efefceS gu be» 
fcfjreiten. 



Der J all Hothc. 23{ 

ganjung beS Hamburger SßuppenfptefS apportirten. ©ie ftnb für bie ©tjaral* 
terifHf beS 33lumenmebiumS von größtem aBertt)- 

®itt 2^cilnc^mer an bem benfumrbigen Hamburger Sßuppenfpiet 
fd^reibt mir: 

©amburg, 15. $ecember 1900. 

3m Sabre 1894 tont grau Slmta föotbe auf ©efdjluft ber „Soge junt Siebt" nach 
©amburg. ©ie tourbe por ber ©ifcung unterfuebt, unb eS mürbe uns Pon beti unter* 
fuebenben tarnen, gu melden auch meine grau gehörte, erklärt, baft baS SRebiunt bis auf 
ben 9ttng am ginger unterfuebt unb nichts ©erbcicbtigeS gefunben fei, morauf bie ©ifeung 
begann. 2fteine grau gab mir aber bie ©rflärung ab, baft grau 9iotbe nur bet gorm 
toegen oberflächlich unterfuebt morben fei unb ftcb nach biefer Unterfucbung nach 
ber S)amentoüette begeben habe. 2Iu<b bie Unterfucbung oor bet gmeiten ©ifcung mar 
mangelhaft. ®ie erfte unb gmeite ©ibitng, meldje im tiefen ©albbunlel abgebalten mürben, 
fielen baber gang günftig aus. 3<b .fdjöpfte ©erbadjt. grau föotbe batte nämlich 
im ©peifegimmer beS ©errn SS ... , mofelbft fie aud) mobnte, an ber ©petfetafel am 
betten Xage ein mit ©turnen gefcbmücfteS flörbeben, — mit einem hoben ©en!el 
Der f eben, ca. 45 cm hoch — angeblich Pon ©eiftern tommenb, auf ben Xifdj geftettt. 
3<b mtb meine grau nabmen uns baber Por, grau Ütotbe gu entfaroen. 9Jieine grau 
fottte einer febeinbaren Unterfucbung ber grau 9totbe nicht mehr beimobnen, unb id) mottte 
mich mabrenb ber Unterfucbung beS 9ftebtumS nach ber Stementoilette begeben, um epttt. 
üorbanbene ©lumen an mich gu nehmen. Stuf S3efd>Iuft beS ©orftanbeS batte ftcb jebodj 
ancb meine grau an ben folgenben Unterfu^ungen gu betbeiligen.TSllS fich grau IRotbe 
ftröubte, ben StuSfübrungen beS ©orftanbeS nad)gufomtnen, griff ihr meine grau in ben 
©ufen nnbrift ein feineg meifteS moIleneS ttRufelintucb unb ein meifteS ©anb 
heraus. S>abct fielen gmei toeitere ©egenftänbe auf ben ©oben. Bitten (ein gtäfdjcben 
SPboSpbor) ergriff meine grau, ben gmeiten ergriff grau 9tottje unb lieft benfelben in 
ihren ©ufen gleiten. 3nfolge biefer Aufregung mürbe bie Unterfucbung auSgefefet. 

Stercb bie Iärmenbe ©eene Pergaft ich, mich nach ber Toilette gu begeben. UReine 
grau jeboeb behänbigte bie gunbgegenftänbe an ben ©orftanb, um fidj nun felbft gu be* 
fagtem 3®etfe nach ber Toilette gu begeben, grau IRotbe mar ihr aber bereits gtmorgefommeu 
unb Perfndjte bie ©lofettbür gu fcblieften. 2US meine grau als ftärferer Xbeil biefelbe 
aufrift, fiettte ftcb grau SRotbe mit ausgebreiteten Srmen bapor unb rief: „SSenn ©te 
mich nicht Perlaffen, reife ich fofort ab." SReine grau gemabrte auf bem ©ifebrett beS 
liefet» ein ©adfet in meifter ©ülle, im ©olunten eines ©errenbuteS. ©ie entfernte 
ficb unb fiettte beim ©orftanb ben Slntrag, grau IRotbe noch toeiter unterfucbeit gu Iaffen, 
ba fte noch meitere ©egenftänbe bei ftcb Perborgen habe. S)a hierauf grau IRotbe erflarte, 
fofort abreifen gu motten, falls bieS gefdjebe, mürbe befdiloffcn, fte nach ber ©ifcung gu 
nnterfueben. grau ©otfje begab ftcb fofort hinter ben ©orfiartg. ©in ©err melcber 
bem ©orbange gimächft faft, beobachtete nun, mie fte unter ihre Kleiber griff 
unb ein ©unb ©lumen berPorbracbte. 2US fte ftcb beim ©rbeben beobachtet fab, 
marf fie ihm baS ©Inntenbünbel in baS ©eftebt. ©ei ©ebluft ber ©ifeung ftettte ftcb grau 
8>totbe fierbenSfranf unb mürbe Pon ihrem 3mprefario nach ihrem 3inmter gebracht; bie 
beabfiebtigte nochmalige Unterfucbung unterblieb baber. 

S)cS anberen XageS, 2RorgenS gegen 9 Uhr mar grau ftotbe heimlich ohne Stbfdjteb 
abgereift, unter ©interlaffung einer ttftenge ©lumenftengel. ©err SS . . . ftellte 
fobann feft, baft baS angeblich Pon ©eiftern gebrad)te ©lumenförbeben am 
©tetnbamm in einer ©lumenbanbluitg angefauft mar; bie ©efebreibung 
beS Käufers ftimmte mit ber grau 9lotbe überein. 

3)ie ber grau föotbe abgenommene meifte ©iitte mürbe im ^unfein genau unterfuebt 
unb fefigeftettt, baft gegen bie 9JUtte beS Ruches ein ©efidjt mit Phosphor marfirt 



232 


(Erich Botjn in Breslau. 


toar unb Singen, 9?afe unb SRitnb phoSphorartig leuchteten, fo bafi baS 
Phantom im ©af bbu nf cl als ©etft betrautet toerben fonnte. 

$aS £ud) mürbe coitfiScirt unb beflnbet ftd^ bei $. SB. . . . 

Sollten Sie noch nähere Details gu erfahren mimfehen, fo bin ich gerne baju bereit 

§od)achtungSbolt 

^ohlfufc. 

2 tmfinfftra&e 18. 

3<h bin fogar in ber Sage eine roortgetreue 2lbfdjrift beS non ber 
„Soge jum £icfjt" aufgenommen ^ßrotofoHS ju bringen. 

Sßrotof olt. 

„£oge jum Siebt - ', Sifeitng am 29. 2 Rat 1894, bei §errn SS. . . . 

Sortfefcung ber SBefprcdjung über bie Sifeungen mit Stau Slnna SRothe. §err ®. . . 
bebauert ba| btcfelbe nicht auf Slnäftljefie unterfud)t fei. 

Stau Sßoblfu 6 erflärt namens ber unterfucheuben tarnen, bafe bie förderliche Unter* 
fuchutrg ber Stau 9toihe mangelhaft ausgeführt fei &crr £&. hält bie $lopftöne im 
Xifche für echt, nicht bie mit bem Schirm, bie ihn geärgert hätten. $aS SRebium habe 
ätoei S «6 bont Xifch entfernt gefeffen. Sit Sißung bom Sonntag habe ihn grünblich 
bon ben abfichtlichen £äufd)iingeit beS äRebiumS überzeugt. ^Betreffs ber phbfifalifchen 
Slpporte, erflärt fterr %l)., es eiblid) erhärten 31 t fönnen, b ab baS „SRebium" 
bie iBlumen aus ber ltnfeu Seite ihres ftleibeS herborgeljolt habe, bafe 
fie überhaubt nicht im Trance gemefen fei. ®err Dr. S • • unb Stau SB .. . 
conftatiren, bafc bie IBlumen, theilS natürliche, theilS fünftliche, borfjerin hiefigen ©e* 
fchäften bon ber Stau SUot hc getauft feien. ©ineSRenge SRelfenftengel finb 
nach ber Slbreife ber Stau SRothe in beren 3immer gefunben. 

§err Dr. S • • • hält ein angeblich auf SRebiumität beruhcnbeS Sihretben für ein 
borher hergeftetlteS Schreiben auf gemöhnltchem SBege. 

©S mirb allgemein conftatirt, baf$ bie SRaterialifation baS imgünftigfte ©ebiet für 
Srau 9tothe fei, ba bie SRehrjahl ber Satte im Allgemeinen, namentlich aber auf biefem 
©ebiet, mehr „fe“ als „entlaftenb" für Stau Sftothe fei. Sie ßoge fehltest fidj bähet 
bem Urtheil beS fcerrn 2Raj 9iahn an, melcher §errn SB . . . fdjriftlich erflärt habe, 
bafj Stau Sftothe mof)l einige mebtumiftifdje Kräfte befifct, aber toeitauS baS meifte 
fünftlidj eraeuge. 

Sie ßoge 311 m Sicht hält baS 2Rottb für fpiritiftifchen ©röfeemoahn. 

©in 5ßhoSphorfIäfdhdhett ift im £>aar ber Stau SRothe gefunben toorben. 
£err St. . . . legt einen 23rief bon bem Begleiter ber Stau SRothe, fierrn Dietrich, bor f 
toorin berfelbe fagt, er mürbe nunmehr feine Sifeungen mit Stau Klothe halten, er halte 
beren ©eiftererfcheinungen für Schminbet. &err SB . . . empfiehlt, fte nochmals in ßeipaig 
prüfen 3 U laffen, §err SL empfiehlt, baf$ eS hier gefdjehe." Qtj. 91 .. . 

&err ^ßoljtfufe hatte bie Sreunblidjfeit, feine Angaben noch burd) forgenbe 
©injelheiten *u ergänzen: 

1 . Stau SRothc mar augeitfcbeinlich nicht in Xrance; ihre ©eifterreben toaren eingeübt. 

2. Sie forbette bie Xfjeilnehnter*) auf, fid) recht nahe an ben Xtfdj ?u fefceu, bamit bie 
aRaterialifaticmen ftdj im $unfel beS SifdieS beffer cntmicfelit fömtten. Sie toieS 
mit ber rechten £>anb bor einem Apporte nach einer SRidjtung unb brachte — nach- 
bem fo bie Aufmerffamfeit abgelenft mar — mit ber ltnfen £anb ©egenftänbe 
unter bem Xifch im Schmunge heroor. 

3. ^aS 5BhoSphorfläfchchen mürbe aus bem Stofen, nicht ans ben paaren g^ogen. 

4. ©ine üRagnefiumblifclidjtaufnahme einer ©lieberpuppe befinbet fid) 
im Skftfc beS Dr. äöiefenbanger in Hamburg. 


*) Sie tarnen ber Hhcilnehmcr bin ich bereit bor ©eridjt anaugeben. 



Der <fall Retl)e. 


233 


5. SR. foTberte öor beit ©ifeutigen ein bicfeä toottneS ©liefe, loetl fee friere. SRacfe ber 
9lnfedjt be8 §erm 3*. formte fie barauä einen fföTper, iibergog ihn mit bem 
»eifeen aRufelintucf) unb fefenürte ben Stopf burcfe baS »eifee ©aitb ab. $iefe8 
Phantom fegte fee Fyrnu 5)3. auf ben Sdiofe. grau Sß. befühlte baä Sßbantom 
trog S3er6otS unb erfafete babei bie Sjanb DiotfeeS, bie bie fßuppe birigirte. 
©iefelbe grau, bie f»ier einen Stampf um’S Slofet führen mujj, um 
einen empörenben Sdbroinbet ju oerbeefen, ift jenes Siumenmebium 9Imta 
Sugufte 9totbe, non bem feine Scfeufegarbe im Safjre 1900 fingt, „bafe feine 
Schmähungen bie jur ©enüge atteftirte 9teinbeit biefes ©eifteS= 
roerfjeugS »erbunfetn fönnen." ©aS ift ber neue §eitanb beS „fEtfeoiogen" 
ber iPfpdje, baS ©eutfcfelanbS größtes 5Dtebium! 

©ie feiten änbern fid), aber grau 9totfee nicht mit ihnen. Sie ift 
nur corjtdjtiger geroorben. 9llS erfter 93eroet3 bafür biene ber 93ericbt 
über bie berliner Sifeung, bie burcf) baS banfenämertbe Borgeben be§ 
$erm Dr. 9ftemann fo uiet Staub aufmirbette. 

©ie Sifcung fanb am 20. 3)tai 1900 in 93erlin in ber Soge „fßfpcfje" 
jiatt. #err Dr. phil. et. theol. 9tiemann fjat bariiber in feiner 
Schrift „©in aufflärenbeS 2Bort über ben Spiritismus" (Berlin, 6. Siifcfem 
borf) S. 39 ff. berichtet. @r batte bie greunbliddeit, mir ben 93ericfet 
nod) in einigen ©injelbeiten ju ergänzen. Borroeg fei bemerft, bajj $etr 
Dr. 9tiemann tfjeoretifcf) unb praftifch ft<b mit bem 9J?ebiumiSmuS be= 
fdjäftigt bat. Seine geftftetlungen cerbienen um fo mehr ©lauben, als eS 
fidj um 93eobad)tungen einfacher ©batfadjen banbeit, bie für ben 93eobad)ter 
geringe Schtcierigfeiten boten. 

2ln ber Berfatnmlung nahmen 80 fjSerfonett, baS Diebiutu, fein 3m* 
prefario unb Qevr Dr. 9t. als einziger ©aft ©b^t- ®aS ©intrittSgelb be- 
trug pro fjSerfon 2,50 9Jit., maS im ©anjen runb 200 9Jtf. ergiebt. 9tad) 
einleitenbem $armoniumfpiel fiel grau 91. in ©rance, rebete einige fromme 
SBorte unb ennachte bann »lieber. 9iun trat ber gmptefario, ber jtets 
5 — 10 Schritte com SDtebium entfernt ftanb, in SCEfätigEeit. gebt unb auch 
fpäter füllte er bie Raufen mit 9ieben aus. Dr. 9t. batte ben ©inbruef, 
bafj er bamit bie 2lufmerffamfeit ber ÜInmefenben ablenfen wollte. ©S 
folgten bann bie befannten 2lpporte unb jroar nur auf ber linfen Seite. 
Die fBlumen mären jufammengebrüeft. 

SlnfangS batte ber gmprefario Dr. 9t. feinen fßlafe auf ber rechten 
Seite beS SJtebiumS angeroiefen. 9llS Dr. 91. biefe ©elegenbeit ju fcharfer 
Beobachtung benufete, erflärte gentfeh „mit rotbein Stopfe", bie Harmonie 
fei geftört. ©er unbequeme Dr. 9i. mürbe an baS äufjerjie ©ifchenbe placirt, 
roäbrenb eine Spiritiftin, grau Dr. 93., feinen fßlafe einnabm. Stuf ber 
linfen Seite mar natürlich ebenfalls eine ©ante. 

Dr. 9t. beobachtete nun genau, bafj grau 9t. alle 2lpporte unter bem 
©ifdji beroorbracfite, bann in bie hgölge bef örbette unb bie geicorfenen 93lumen 
roieber auffing. ©iefe 93eobad)tung mürbe oon bet ermähnten grau Dr. 93. 
beftätigt. Sie erflärte am folgenben ©age Dr. 9tiemann, grau 9t. habe ftd» 

Korb mtb ®üb. XCVI. 287. 16 



234 €rid; Bobn in Breslau. 

uor jebent 9lpport am fileibe ju fdmffen gemacht, bann bie Slpportc nad; oben 
gebracht unb fdjein&ar aus ber Suft gegriffen. 25ie Badhbarin jur Sinfen 
fei bemii()t geioefen, baS IKebütm habet ju beefen. 

Unter ben 2Ipporten befanb ftd) and) ein Buch „Gfprifttidieä Berg iß* 
meiunidf)t" oon Pfarrer Sanghein. 9)lan jeigte es als unbefdjrieben grau 
Dr. 33. 9iad)träglid) war baS Sud) befdjrieben, aber fo blaß, bafe man 
bie Sdjrift erft benterfte, als mel)r Sicht gemacht würbe. 25er ©eift fdjiett 
bieSmal ein SanbSntann ber ^rau 9iothe ju fein, benn er fdjrieb als 
ecfjter Sad)fe: 

„51 Ile 'JJanien ferner Aromen trägt er ftätS in feiner Stuft, 

Unb bie frenbig tu ifjm fomen, nennt er oft mit fiiebeSluft." 

3<h braudie wohl nicht Ijinjnjufeben, baff Dr. SHiemann fyrau 9i. für 
eine fEafdjenfpielerin hält, fünf bie Bcbeutung feiner Beobachtungen fomnte 
ich weiter unten ju fpredjen. 

SBerbeu meine Beobaditungen fdjon burdf bie 9Jiemann’fd)en Beoh* 
aditungeti beftätigt, fo füllten jte eS in t>iel höherem ÜDJajfe burdj einen 
Bericht werben, ber mir unerwartet aus ÜJJündjen juging. GS liegt eine 
Ironie beS SdiirffalS barin, baß jur felben 3ait, als ich öffentlich fjrau 9i. 
beS Betruges antfagte, fyrau 9t. unter ben Umftänben entlarut würbe, bie 
ich tmrber gefagt hatte*). 3<h Taffe ben Bericht wörtlich folgen. Seine Ber* 
faffer finb Dr. med. 9toger be Gampagnolte, Slrjt, Gurt SRartenS 
unb Gart §anS oon 3Beber, SchriftfteHer, fämmtlich in ÜDJünchett. 
SDer Bericht würbe in ber „©efeüfdiaft für wijfenfdwftliche Bfpdjologie" 
in 9)iünd)en oerlcien unb blieb feitenS ber anwefenben iheilnehmer an ber 
©ifcung unmiberfprochen. 

Beliebt 

über bie Sitjung mit bem „2)lebtum" Slnna Slothc auB Ghemnifc nin 14. October 1000, 
SlbeubS 8 Uhr in ber Süofmung beS Germ I)r. Ifalt Schupp. 

Sorbemerfnng: Stuf ©runb einer (Smpfehlnng bon befreunbeter Sette tonrbe 
(Vrau Slnna SHothe nebft ihrem Begleiter unb (Sefdiäftsführer, Germ SRaj 3e ntidi burd) 
ben Schriftfteller .Gerrit sinvt aJIartenS als Vertreter ber übrigen Ubetlnehmer jn einer 
Sipng aufgeforbert. 

Gerr i'lai; Seutfd) nahm bie Slufiorberimg an, ftellte aber bie fflebingung, bafs bie 
Sitjung nicht als fogennnnte tbiifenfdiaftliche Sf5rüfungS=Sißung behanbelt 
werbe, bie xheilncfjmcr bielmehr aller „inquifitorif den fragen intb Ganblungen" fid) ui 
enthalten hätten. 

3118 ©riaö ber Steife unb übrigen Untoften Würben 150 1H a r f angeboten. $amit 
teigte fid) .Gerr 3entfdi einberftanben, jebodi „wolle er nebenbei bemerfen, baß bie Summe 
nicht gau$ reidje, weil Sd)Wefter Slnna aus (9eninbbcit8rücffid)ten Schlafwagen benHfctn 
muffe. " öS würben mm 160 ÜPJf. an Gerne 3entfd) ansbejahlt. 

3ln ben Sißimgeit nahmen 2H)eit bie Gerten: 


*) 3d) lege gerabe hierauf großes Wewirfit. ®ie SHündmer Beobachtungen bilben 
eine glängeitbe Beftätigimg meiner Beobachtungen. 



Per ^all Hotfye. 


235 


Dr. med. Noger be ©antpagnolle, 2lrgt 
(S-rnft bon glototo, 9Mer 
Dr. jur. graafe, NecbtSantoalt 
Arthur £olitfd)er, Scpriftfteller 
Prof. Hermann ftaulbacf), 2Mer 
Äurt harten», Schriftfteller 
Dr. phil. galf Schupp, 3abnargt 
(Sari ©ans bon SBeber, Schriftfteller 
2Raj 3entfdj, Sprachlehrer, 
bie tarnen: 

grau Dr. graafe 
grau bon SRatjnc 
grau Dr. Schupp 
grau bon 23einbad). — 

S)ie Slnmefenben toaren gum größeren $betl überzeugte Spiritiften. Sitte batten 
einanber berfprodjen, fid) burcbauS ernft mtb paffib gu berbalten unb felbft bei Peob* 
achtung berbachtigec Vorgänge bas 2ttebiunt nid)t p ftören. — 

3>ie Vorgänge toabrenb ber Stfcung beefett ftc& im SBefentlicben mit benen, bie fid) 
im Protofoll ber berliner ©efetlfdjaft „Pfpcbe" oom 25. gebruar 1900 aufgegeidwet 
finben*) (abgebr. in Nr. 7, 3afrrg* VII ber „Pfpcpe"). 

5lm oberen ©nbe eines unbebeeften adjtecfigen XifcheS, über bem brei eleftrifche 
©lüblampen brennen, nimmt grau Notpe piap, rechts unb IinfS bon ihr auf ihren 
auSbrücfüdjen SBunfdj je eine 2)ame, neben biefer je ein £>err. 2lm unteren ©nbe 
beS XifcpcS, gegenüber bem Ntebium, nehmen gtoei Herren neben einanber Plafe, hinter 
biefen im §albfreis bie übrigen $heilnebmer. 

©iefe Slnorbming ift bon §errn Scntfdö getroffen. S)ie im inneren (Sirtel ftfeenben 
Herren toaren ihm als überzeugte 0piritiften befannt, begto. bezeichnet toorben. ©intoänbe 
toerben bon ihm abgelehnt. SnSbefonbere barf Nicmanb hinter bem SNebium fifcen ober 
ftehen. S)ic um ben $ifcp ©ruppirten toerben bringenb unb mehrfach beranlafet, möglichft 
an biefen hrcanguriicfen. 

$err Scntfch eröffnete bie Sifcwtg mit einer Slnfpracpe. Palb barauf berfättt grau 
Notpe fepeinbar in Trance, b. b* bk Slugenliber fenfen fiep langfant, unb fie beghmt mit 
beränberter Stimme gu fpreepen. 3nnächft finb es allgemeine SBenbungen poetifchen 3u= 
halte», fpäteT gefetten ftch gereimte SSerfe mtb Prucbftücfe aus proteftantifchen $ircpen* 
liebem, auch Pibelfprücpe bagu. Pon Anfang an, bie gange Sipung biuburdj, tourben 
ftfopftöne am Slfcpc bei grau SRothe bernommen. Nach einigen Minuten geht biefe unter 
leichten 3u<fungen ber ©eficbtSntuSfcIn aus bem £rance*3uftanb toieber in ben natürlichen 
gurücf. £>ert 3entfdj ergreift baS SBort unb erflärt, attS bem SRebium hätten foeben 
ihre langjährigen ©eifterfreunbe, bie dichter Heumar! unb gletnming gefproepen. 

$ie allgemeine Unterhaltung toirb toieber aufgeuommen. 

$aS Verfallen in ben £rance=3aftanb toieberpolt fid) noch einige 9Me. 9Rit tiefer 
Stimme toerben einige allgemein gehaltene Prophezeiungen über brohenbeS Unheil aus* 
gefprochen, mit hoher lallcnber ftiuberftimme ftettt fid) ein Keines 2Räbcpen Samens 
grieba bor. („Sch beifee grieba, toetl ich immer frieb ba bin unb grieben bringe." 
— 28örtlicp toie im Perliner Bericht.) Sie ftettt ben apport bon S3Iumeit in SluSficpt. 

Sentfch bezeichnet ben erften Sprecher als ftaifer griebrich, ber fdhon öfters 
erfchienen fei unb „mit $aifer SBilhelm I. gufammen fehr biel gu thun habe, um Proben* 
beS Unheil bon feinem Nachfolger abgutoenben". 


*) ©£ hanbelte ftch am Slpporte uitb Srancereben, tote fte in meiner erften Arbeit 
eingepenb gefchilbert toerben. ©. P. 


16 * 



236 


<£ri# Bofyn in Breslau. 


©ttoa 1 /2 9 Uhr neigt ft# grau Stothe, toäprenb Pe ft# tn Trance bepnbet, na# 
linfS, greift bann plöfeli# unb blifcfdjitett bi#t über ber linfS neben #r pfcenben 3>amc 
mit ber rechten $anb in bie £uft, nnb hält fogleid) etoa 16 Stofen in ben £>änben, bie Pe 
herumgeigt unb bann auf bem Xif#e nieberlegt. 2)iefe ©rf#einung mieberholt P# itio# gtoei 
bis brei SJial. $abei ift grau Siothe bistoeilett anfcbeineub bet polier 23epmtung unb 
unterhält fi# im getoöhnIi#en 0pre#ton mit ben Sheilnehmern. 211S bie Iinfe Nachbarin 
ber grau Stothe toährenb beS2lpporteS einmal ben Stopf toenben miß, Perbietet ihr bieSföerr 
Sentfch unb bittet, „fi# ia red>t paffip gu Oerbalten, unb alle inquifitorifchen 23licfe 
gu unterlaffen. ge arglofer 0ie fiub, befto mehr Slpporte toerben foutmcn!" 

üftit ber linfen Nachbarin toerben auf SBeranlaffung beS SJtebiumS 33erfu#e als 
0#reibmebium angefiellt. SSäprenb p# bie allgemeine 2lufmerffamfeit hierauf concetttrirt, 
greift grau 9tothe toieberum eine Slngahl fRofen auS ber £uft, na# toie Por auf ber 
linfen 0eite, über bem Stopfe ber neben ihr ppenben Xante, einmal au# über bem n eben 
biefer ftfeenben §erm. 

2)agtoif#en fpri#t fte gutpeilen toieber in Xraitce mit peränberter 0timme. 0#liep* 
li# liegen ettoa 70 iRofen, au# einige SRefebeu unb eine £ebfot) auf bem Xif#. 0ammt* 
U#e fRofen Rnb nap, giemli# ftif#, haben iebo# eine trotfene 0#nittftä#e. fterr 3entf# 
erflärt, pe feien fämmtli# „eleftrifcp abgefengt". SÖBieberhclt ma#t er auf ®eräuf#e 
aufmerffam, bie ettoa eine halbe 0tuitbe laug mit Unterbre#ungen anhalten. ©S ift 
bieS ein Stniftem an einem Xbeil ber Tapete unb ein tfnadfen an ber Xhür. 2lu# grau 
SRothe erioähnt einmal: „£ören 0ie, toie eS arbeitet!" 

©egen 10 Uhr toirb auf Antrag beS fterrn Dr. 0#upp bas 3tmmer bur# #erab* 
brehen beS eleftrif#en ßi#teS in tiefes £ämmerli#t gehüllt. Unter biefer ^Beleuchtung 
erf#eint no# ein Slpport oon 33lumeit unb barna# eine 2lngapl fleiner ©egenftänbe (ge* 
f#liffener ©laSsiBerloqueS, lobten fbpf#en aus Aluminium unb bgÜ, bie ben perf#iebenen 
2#eilnehmern. Pon grau SRothe in bie ausgeftreefteu £änbe gebrürft tperben. grau 
SRothe nimmt einem $erm baS iöerloque toieber aus ber £>anb, öffnet eS, roßt ein Stofen* 
blatt gufammen unb f#reibt bamit anf#einettb eine SBibmung hinein, ©in gleiche» 23er* 
Ioque, baS Porher auSgetheilt toorben toar, geigt fi# beim Deffnen bereits in berfelben 
2lrt bef#riebett. 

Xarnit finb bie Slpporte beenbet. grau fRotfje Perläpt nun ihren Sßlafc unb geht 
langfam um ben STreiS ber 0ifcenben herum, mehreren Herren unb Xanten unter Stuf* 
legen ber £änbe religiöfe 0prü#e toibmenb. Xabei peht man ihre Siocftaf#e na# 
auStoärtS geftülpt; ihr £af#entu# hatte fie auf ihrem 0tuhfe liegen gelaffen. Sta#* 
bem pe toieber im begriff ift, Sßlafc gu nehmen, toirb fie Pon §errn 3entf# barauf auf* 
merffam gema#t, bap ihr baS £af#entu# aus ber £af#e heraushänge. 

©nbli# fpri#t no# einmal ber ©eift „grieba". 0ie behauptet rat 3tmmer ber 
Stinber .beS &erm Dr. 0#upp getoefeit gu fein, üertoicfelt fi# aber, über ©ingelheiten be* 
ftagt, in 2Sibcrfprii#e. §err Dr. 0chupp übergiebt, toährenb grieba no# fpri#t, grau 
Stothe ein ©ouüert, in bem eine 23inbfabeuf#leife eingepegelt ift, bamit grieba baS Shtoten» 
©Eperiment*) pornehme. grieba lehnt bieS inbeffen ab mit ber ©egrünbung: w ^aS 
banne iS niS; baS habe iS no# nie bema#t; mach’ bu’S bo#, Onlel! 2BaS foK iS beim 
mit bem ginbbaben?" müffe pe 3 uerft no# ben ©eifteronfel pagen. 

St'urg barauf, gegen * 1*11 Uhr, fcpliept ^err Sentf# bte 0iöuitg. 

»efultat. 

^ie ^heilnehmer Pub mit 2luSuahme beS ®errn Dr. 0#upp auf ©runb ihrer SBe* 
oba#tuitgen unb 2)iScufponen gu ber Uebergeugung gefommen, bap fotoohl bie Slpporte 


•) XaS StnotencEperimeut befteht barin, bap in einem gef#loffenen gaben ohne 
beffen 23erle^ung knoten entftehen follen. 2lm befannteften pnb bie Sällner’j^en 
23erfu#e im 1., 2. unb 3. 23aitbe feiner „2£iffenf#aftli#en Slbhanblungen". SieuerbingS 
hat fie baS rufpf#e SRcbium 0ambor unter gtoei fei haften 23ebingungen toiebcrholt. 


Der (Jall Hotfje. 


237 


als auch bic oerfchiebenen mihtblicheu Shmbgebungen nid)t fpiritiftifdjer SJiatur finb, 
fonbern üermiitelS gemöhnlicher Äunftgriffe auf Täufcfju ng beruhten. 

hierfür foll golgenbeS fpred)ett: 

1. Tie gur ßinfen beS SRebiumS fifcenbe Tarne bemerfte, als fid) grau Diothe üor 
SBegimt ber Sifcung gur ©egrüfeung grau üon 2Jlat)iteS erhob, einen ftarfen uitb un* 
Oerfennbaren SJtofenbuft Ter fofort ertoadjte ©erbadjt legte fid) gtoar burd) bie ©rmägung, 
baß biefer Tuft üieüeicht oon etnem Parfüm ber grau Oon SDi.apite berühren fonttte, 
fpäter aber conftatirte bie Tarne, bte hierauf ein befonberes Slugenmerf gerietet hotte, 
bafe bem nicht fo fei. ©ernerft fei noch, bafe Stau SJtotfje nur gmedS ©egrüfeung ihrer 
greunbin, Stau Oon SDtapne, fich erhob unb berfclben einige Schritte entgegeitging, 
mäprenb fie fid) bei ©orfteüung ber übrigen ©errfepaften üon ihrem Sßiafce nicht erhob, 
fonbern ficb nur terbeugte. Unb gerabe als grau SJiotpe mieber Sßlafc nahm, fiel ber 
genannten Tarne ber intenfioe SJtofenbuft auf. 

2. ©erfepiebene Theilnehmer erflären, bafe fte, naebbem fie ihre bolle Slufmerffamfeit 
auSfcpliefelich auf ben iinfen 2lrm ber grau SJtotbe conccntrirt hatten, beobachten fonnten, 
mie biefer 2lrm üor iebem Slpport gunächft blifefdjnell am SHeibe entlang nach unten fuhr, 
bann erft mit bem rechten zugleich in bie ©öpe, rno bie Blumen erfdjienen. ©S mirb 
bemnach oermuthet, bafe grau SJtotbe bie ©egenftänbe bis gum Slpport unter ihrem SJiocf 
Oerborgen hielt, fie blifefchuell mit ber Iinfen ©attb hetüorgog, hinter ihrer Nachbarin in 
bte ©öfje warf, unb mit beiben ©änben auffing. 

Tie gur hinten bcS SUtebiumS ftfeenbe Tarne beponirt: grau SJiotpe fuhr be* 
ftanbig mit ber Iinfen ©anb an ihrem bleibe abmärts entlang. 2US fte bemerfte, b afe 
bei bem erft beabfteptigten ©lumenapport genannte Tarne ihre ©etoegungen, toenn auch 
unauffällig oerfolgte, fchob fte paftig mit bem gufee etrnas, baS graulich gu fein fepien — 
bie Tarne oermuthet, bafe baS, toie fie hier fah, bie 3mtenfeite ber grünen Blätter mar 
— unter ihr SUeib gurücf. ©on ba ab bemühte ftd) grau SJiotpe unabläffig, in ber ben 
©irfeitbetlnehmern befannten ©Seife bie Slufmerffamfeit ber Tarne abgulenfen. 

Tie gur ßütfen beS SUtebiumS ftfeenbe Tarne hörte bei jebetn Slpport baS Utofcpein 
oon SRofen, fo etma, mie menn biefe an ber gnnenfeite beS SJiocfeS entlang geglitten mären. 
Sie conftatirte ferner, bafe alle ©lumenapporte ausnahmslos nur ftattfanben, fobalb 
fte meber in ber Dichtung gegen grau SJiotpe noch gerabe aus, fonbern nach einer anberen 
SJticptung hinblicfte. 3nSbefonbere machte einmal grau SRotpe bie Tarne unb ©errn 
Dr. Schupp auf bie Schönheit einer ber baliegeuben SJtofen aufmerffam. 3n bem Slugen* 
bliefe, als bie Tarne biefe Uiofe anfah, erhielt fte eilten giemlicp heftigen Stob in bie 
rechte Seite, unb im nächften Moment erfepienen neue Stofen über ober bei bem ftopfe 
beS ©errn Dr. Schupp. 

3. ©in Theilnehmer erflärt, beobachtet gu haben, mie ^lopftöne üon grau SJtotpe 
mit bem gufee am Tifchbeiu herüorgebracht mürben. 

4. ©in anberer Theilnehmer erflärt, bie Uiefeben ca. gehn Minuten üor ihrem Slpport 
in ber auf bem Schoofee gehaltenen ©anb ber grau SJiothe bemerft gu hohen, unb machte 
feinen Machbar fofort bttreh baS gefliifterte SSort „Scpoofe" barauf aufmerffam. 

5. ©erbaept ermeeften: 

a) bie ©norbuungen beS ©errn 3entfd), 

b) ber fcheinbar unechte Trance=3uftanb, 

c) bte unechte, affectirte Sprache beS SHnbeS, 

d) bie Uebereinftimmung im SJlebeftil ber üerfepiebetten Sntettigengen. 

©nbererfeitS ift feine ber ©rf ehemaligen uiterflärlich. Tie ©lunten fonnten ftarf 
benefct unb gut geprefet jämmtlich unter bem SJiocf, etma in einem ©eutel üerborgen, ge« 
halten toerben. 

Tie münblichen Shtnbgebungen boten itid)ts, maS nidpt grau SJiothe felbft miffen 
ober leicht auSmenbig gelernt toerben fonnte. 



238 


£rid) Bot; ii in Breslau. 


®te ©cräufdie an SBanb unb $$iir bürften fid) burd) (SintDtthmflen btr ©roden* 
kit unb SBärme im Zimmer erflären laffen. 

JÖerr Sentfdj tourbe »on btefer Sluffaffung ber JJ)tiIiief)mer burd) $erm Dr. ©djupp 
in .tenntniff flefegt. ©eine ©rtoiberung erfdjien burdjauS unbefriebiflenb. 

ÜRündien, ben 26. October 1900. 

Or. Sieger be SampagnoIIe. 

9luf meine Anfrage tbeifte mir Dr. be (Sampagnofle noef) folgenbeS mit: 

1. ßörpertidbe ©urdbfudjung unb Söeröffenttid^ung non Senaten mürbe 
perboten. 

2. ©aS SDtebium operirte nur linfs. ©ie berauSbängenbe ©af<be mar 
mit anfdjeinenb barten ©egenftänben ftrobenb gefußt, gentfd) mad)te 3iotf)e 
»erbädjtig mit ben SBorten barauf aufnterffam: ,,©a« ©afcbentud) bängt 
berauS." 

3. ©ie in bent -Biebaißon oorfjanbene SBibmung mar auf baS ©las, 
baS man fdjeittbar mit 9ßadb3 abgerieben batte, ganj leidet unb nur bei 
ieitfidiem £infeben fidbtbar, aufgefrißelt. Gbenfo fab bie SBibmung auS, 
bie roäbrenb ber ©ißung mit einem Üiofenblatt gefdbrieben mürbe. 

4. Slucf) bei einer anberen ©Umng in 3Jiün<ben »erlangte unb erhielt 
gentfdb 160 Sßiarf. gn unferent gaffe beanfptudjte er baS ©elb, meil 
Siotbe beit ©dblafroagen benußen müffe. ©aS ißaat fam jebodb im geroöbn; 
lidben ©dbneßjuge, ber audb HI. Älaffe führte, 2tbenbS an. 

Um nidfitS ju »erfäuinen, menbete icb mid) noch an Dr. galt ©<f>upp, 
ber »on bem ©utadjten feiner (Soßegen abjumeidfjen fdbien. (Sr erflärte mir, 
fein Sptafe fei berartig ungiinftig gemefen, baß er feine ftdfieren 93eoba<f)tungen 
anfteßen fonnte. 9iur aus biefetn ©runbe b«be er »on einem beftimmten 
Urtbeil 2lbftanb genommen. ©ie 5flopflaute feien möglidfjerroeife edit 
gemefen. 

SJodb ein britter SSeridbt ging mir »on einem Slrjt über eine berliner 
©ibung in biefem gabre ju. Gr fteßt feft, baff bie Slpporte nur linfs 
auftreten unb bafj baS ©efäfjtbeil grau 9iotbeS am 2lnfang ftarf auf; 
gebaufdbt mar, mit ben 3lpporten aber mehr unb ntebr jufammenfdbmolj ; 
gentfdb ftanb am entgegengefeßten ©ifebenbe. gebet ©beilnebmer mußte 
jut ©edfung ber Unfoften 3 — 5 9)?arf jafjlen. — 

(Snblidj erhielt icb nodb brei roeitere Seridfjte aus Berlin, beren 93er; 
faffer ich aus gefefffcbaftlicben 3tütffid)ten nid)t nennen barf. ©ie fteßen 
übereinftimmenb feft, bafj bie Slpporte nur linfs auftreten. ©er eine @e* 
mäbtStnann beobadjtete mit feinet grau, roie grau dtotfje bei febem Slpporte 
unter ben ©ifdj fuhr unb baftig linfs am .füeibe jerrte. ©ie ©b e tfaebmer 
mürben erjt eingelaffen, als 9lotl)e bereits iplab genommen b°tte. ©er 
GintrittSpreiS betrug 3 -Dtarf. gentfd) ftanb am entgegengefeßten ©ifdf); 
enbe. ©ie f©b»cilnefjmcr jaljlten pro fßerfon 3 — 5 ÜJtf. „jur ©edfung ber 
Unfoften". — 

GtroaS eingebenber finb bie 93eridbte meines 3. ©eroäbrnianneS. ©te 
betreffen jrcei ©ißungen, bie »or menigen ©agen in 93erlin ftattfanben. 



Der $aU Hotfie. 239 

grau Stotffe mag barauS erfeffen, baff id) ie.br gut über itjre ©diritte 
orientirt bin. 

■Dtein ©emährSmann lernte grau :ltotfje ßitbe Cctober fennen. ©ie 
nahm an einer langen oerbecften ©afel fplalt, rechts unb lirtES faffen Samen, 
bie übrigen 40 Sbeitneijmer gruppirten ficff um ben Sifdf). £>err gentfdfj 
faff gerabeüber in ber jroeiten Steibe unb iorgte roäljrenb bet ©tfcung burd) 
Sieben bafür, baff bie Stufmerffamfeit abgetenft mürbe. grau Siothe 
apportirte linfS. 9luSnabm3n>eife nahm fte einmat bie rechte ^anb ju $ilfc. 
Sie rechte $anb ging um ihren Körper herum, bie tinfe ging ebenfalls 
riicfroärts, unb im näcffften Moment griff ffe über bent Äopf ber linfen 
dtad)barin mit ber tinfen &anb eine ©ngelSfigur aus ber Suft. SiefeS 
©piet ber rechten ^anb hotte feinen guten ©runb. Sie redete Stacbbariu 
mar nämlich überjeugte ©piritiftin, mäbrenb man »on ber linfen baS nicht 
genau muffte. 33ei allen Slpporten büdte ficb grau Stotffe unter ben Sifd). 

Sie jroeite ©iffung fanb ©nbe Stooember in ÜDtoabit ftatt. Sie 2ln= 
orbnung mar roie gemöbnlidb: 33ebedter Sifcb, gtnprefario, ber dürfen grau 
StotffeS frei. Sie 45 Sbeilnebmer, bie pro fperfon 3—4 SJtarf jafflten, 
uertbeilten fieff um ben Südfj. 33or beginn ber ©iffung ging grau Stotffe 
junädbft auf ben Abtritt, roo ffe auffallenb lange oerblieb. 91(3 man Hefen 
controlirte, mar ber guffboben feljr naff. ÜJiein ©ernäffrSmann giebt ber 
Jtermutffung Staunt, baff hier bie 33lunten ihren „Sffau" erhielten. Sann 
mürbe grau Siotffe „unterfuefft". Siefe „Unterfucffung" beftanb barin, baff 
üe »orn bie St öde etroaS hob. Stun begab man iid) in’S ©iffungejimmer. 
2lm ©efäff beS SJtebiumS ftanb ein groffet SBaufdff heraus, „ungefähr fo, als 
ob ein grofferSeutel baffinge." 9113 jmei Samen bieS bemerften, ertlärte 
grau Stotffe fofort: „geff tann ifjre Siäffe nicht oertragen, fie leiten ab." 
Selbff baS ©opffa, auf betn gentfd) faff, fdjien iljr oerbädhtig. ©ie marf 
ihm eine ©icfferbeitSnabel ju, fobaff gentfd) ©elegenffeit fanb unter ba§ 
©opffa ju leuifften. SinfS pon Stotffe faff bie ©aftgeberin, redffts ein £crr. 
Siefe SUtSnaffnte rechtfertigte fidff bamit, baff es ein gläubiger DffcnbarungS« 
fpiritift mar. Sie linfe Stadjbarin bemerfte auch hier, baff grau Stotffe 
iidff büdte, unb bann bie 33lumen apporttrte. SJtein ©eroährStuann hatte 
[ich linfs einen günftigen ffJlah geffdhert, muffte ihn aber fofort oerlaffen, 
„ba er ftöre". 

9luS ben mitgetffeilten Shotfadffen ergiebt fidh, baff bie ganje 3Ser; 
anftaltung auf bem gufammentoirfen jroeicr ffJerfonen beruht, oon benen 
jeber eine genaue abgejirfelte Stolle jugetffeilt ift. grau Stotffe führt ben 
eigentlichen Sric aus, &err gentfd) bedt fie. Sie ©ffätigfeit 33eiber ift 
burdheinanber bebingt. ©clbft im StitnbuS ber SJtagie fönnte grau Stotffe 
nicht mit ihrem biirftigen Programm bie SBelt bereifen, menn nicht ihre 
fünfte bureff ein feffarf burcffbachteS ©nftem oerbedt mürben. SaS madht 
biefen 33etrug fo intereffant. gn biefen ©iffungen giebt es feinen gttfall. 



2^0 €rtd) 8ot)n in Breslau. 

gebe Bewegung, jebe Stellung ift if)m entrüdt. grau Bothe unb gentfd) 
ergeben fiel) über bie 33erE)ättniffe unb meiftern fte mit jouoeräner Berechnung, 
gn biefem Be($ ift jeber gaben ein gallftrid. 

©eben mir unS nun bie beiben Slgenten etwas nähet an. grau 
9lotf)e ift bie leichtere Bolle jugebadht. ghte Stpporte berufen auf einer 
leid;t ju enuerbenben manuellen ©efdhidlidifeii, unb man muh fid) nmnbern , 
baff fie eS in 10 galten immer noch uidjt weiter gebraut bat. Born betreten 
beS ©aaleS bis jum Berlaffcn beäfetben fönnen mir ihre Bolle »erfolgen, 
©ie lauft junnchft Blumen ein. (Hamburg.) 2Benn fie ben ©ifcungSfaat 
betritt, trägt fie bie ©turnen bereits bei fid), benn man riecht ben Bofem 
buft. (3)!ünd)en.) $a fie fie in ber linfen ©efäjjtafche »erroabrt, ift ibr 
©efäfs ftarf angefdjrooHen, ein Beutel bängt heraus ('Berlin), unb fte fann 
ihren ©ife niefjt ntebr »etlaffen. (Biündjeit, Berlin.) ©ie greift bann unter 
ben ©ifd) unb niad)t fid) am Äleibe ju fchaffen, jieht bie Blumen auS ber 
©afche heraus (Hamburg) unb hält fie unter bem ©ifdj bereit. (Bfündfen, 
Berlin, Breslau.) gft ber geeignete Bioment gefommeti, fo wirft fie fie in 
bie Suft unb fängt fie wieber auf. (Dlündien, Breslau, Berlin.) ©abei ftöfet 
ihr bas Unglüd ju, bah fte ihrer linfen 'Jiad)barin einen Bippenftofj oerjetu 
(Berlin), bah man baS Bafdjeln ber Blumen hört ODlündjen) unb bah ih r 
bie oottgepfropfte ©afdie heraushängt (Bfündjen). Situ Schluff ber ©ifeung 
hat ihr ©efäff wieber normalen Umfang (Berlin), ©ie Blumen finb jwar 
nah, hoben ober trodene Schnittflächen (Btündjen) unb finb am ©diluh 
oerwetft (Breslau). 2lu<h bie Benufcung ber linfen &anb ift fein gufall. 
@S ift ein abgebrauchter ©afd)enfpielerfniff, linfs ju arbeiten, weil bie 2luf= 
merffatnfeit ber 3 u id)auer aus ©ewolmheit auf bie rechte ©eite gerichtet 
ift. ©elbft bas monotone Ülpportiren berfelben ©egenftänbe (Blumen) 
hat feinen ©runb. ©ie £anb ber ©afdjenfpieler gewöhnt jich leichter an 
benfetben ©egenftanb, als an »erfdiiebene ©egenfiänbe. 

©ie pfpchologtfche Aufgabe BotfjeS ift unbebeutenb. ©ie hot nur 
auf ber Sauer ju liegen, ob bie gufdjauer nicht nach % htn bliefen. 
gm Uebrigen fällt biefe Aufgabe ^erm gentfd) ju. 

Um jeben grrthum ju oermeibett, benrerfe id) golgenbeS: Borläufig 
laffe ich es bahrngeftellt, ob $err gentfeh bie ©ricS ber grau Bothe it- 
wuht ober unbemujjt bedt. geh fteUe nur feft, bah er fie bedt, unb werbe 
ju jeigen teer juchen, wie er cS thut. 

gentfd) arrangirt bie ©jungen BotheS. Gr führt ben Briefwechfel, 
leitet bie ©ifcungen unb ift mit einem 2Bort ber gmprefario beS BtebiumS. 
Beuor er eine binbenbe gufage giebt, orientirt er fid» über bie ©h eil* 
nehnter (Breslau, Biünchen) unb »erlangt ben Sluäfdjluh »on ©feptifem 
(Breslau). Bur Saienfreifen werben ©ifcungen gewährt unb auch hier 
nur Ueberjeugteu. (2luSfage ber grau Bothe.) BSiffenfdtaftlidfe fßrüfung, 
inSbefonbere „inquifitorifche ^anblungen" wie ©urchfudjung beS BlebiumS 
werben oerboten (Blündjeu). Gr bittet, fid) mit gragen nicht an baS Biebium, 


fonbern an if)n ju wenben (BreStau), ja er nerbietet fogar, SÖCicfe nad) 
bem SDfebium ju werfen (München), ge harmtofer SttteS ift, um fo 
6effer (SÖtündien). 

©urdj biefe 3)fa§nafjmen ift ein geeigneter gujdjauetfreis geraffen. 
Stunmehr ergiebt fid) bie Aufgabe, bie ^Biäfee geeignet ju »erteilen, grau 
3?ottie wirb fo placirt, baß nur ber norbere Dberförper fidjtbar ift. ©er 
Siüden mujj frei, ber untere ©beit beS Körpers burdj einen ©ifdj unb bie 
btiben ©eiten burch bie Kleiber sroeier ©amen gebedt fein (BreStau, 
ftttüncfien, Berlin). BefonbereS ©eroicbt wirb auf bie Iinfe ©eite gelegt. 
&ier bfirfen nur ©amen ftßcn (BreStau, fDtündjen, Berlin), wätjrenb auf 
ber testen ©eite in fettenen gatten ein &err geftattet wirb, ber aber, 
wenn er nid)t ganj ^armlos erfdjeint, fdjnett entfernt wirb, um einer 
Staubigen fßtafc ju machen. (SBerlin.) gentfdj wählt fid) feinen fßlaß 

fd)täg über non bem 9)iebium. (Berlin, fDtündien, BreSlau.) Gr fann fo 
bie Situation betjerrfdjen. 

•JBätjrenb ber ©ißung fudbt er burdj Sieben bie Slufmerffamfeit ber 
©fieilnefjnter abjutenfen. (BreSlau, ftttündjen, Berlin.) ©eine teßte Stuf- 
gäbe befteljt barin, ben ©rud non ungünftigen Berichten ju nert)inbern. 
©abei wirb bie ganje ©ißung unter ben ©d)Uß beS ©aftreditS geftellt unb 
bie Beröffentlid)ung non 33ericf)ten ohne fein SLBiffen nerboten. (BreStau, 
Berlin, SJtündlcn.) ©r felbft controtirt bie Berichte nor ihrem ©rud, 
neröffentlidjt fie fetbft ober burd) einen Slnberen. 

2luS biefer t>aarfd&arfeu Ucbereinftimmung aller ©injetheiten fotgt mit 
jroingenber Sogif, bafs bie ©ißungen nach einem ganj beftimmten ©t;ftem 
neranftaltet finb. ©S folgt weiter, baft gentfdj grau Siottje nad) ganj be* 
ftimmten fßrincipien bedt. Unterfudjen wir nun, ob er es bewußt ober 
unbewußt tfjut. 

2Bir müffen uns baju junädjft ein BUb non ber tßerfönlidjfeit biefeS 
9)JanneS entwerfen, gn meiner nötigen Arbeit hatte id) es nur mit feiner 
wiffenfdhafttidjen Befähigung ju thun. geh ftettte feft, baß er in 
pfpdjologifdjen ©ingen ein fritiflofer ggnorant fei. Stunmefir forbere 
idj ben “Dtenfdjen nor mein gorum. 

Uebet feinen SebenSlauf ift wenig ju berieten. 2lm 18. ©eptember 
1862 ju gittau in ©achten geboren, bitbete er fid) jutn Kaufmann heran, 
um nebenbei ©prachftubien ju treiben, ©r befugte getegentlidh baS 2luS= 
tanb, ohne bafj inbeffen bie breite Deffentlidjfeit non feinem ©afein Siotij 
nahm. ©aS gefdjah erft, atS er fidß im gahre 1896 mit grau Stottje 
nerbünbete, beren SBanberteben er atS treuer greunb unb Berather theilt. 
Bon ©hetnniß aus, bem ftänbigen SBohnfifc beS fßaareS, beginnt 
eine fieberhafte ©hätigfeit. ®ie ißreffe wirb burd) immer neue Beriete 
in 2lthem gehalten, unb alle bie ©tintmen, bie fid) gegen grau St. erheben, 
oerftummen. SBir wiffen fdion, baß non bem ©ingreifen beS £erm gentfdj 
ab bis jur Beröffenttidiung meiner Strbeit fein ungünftiger Bericht baS 



2\2 


Bol)n in Öreslau. 


©ageSlidßt erbtidte, unb bah faft V 3 ber Senate »om gmprefario t>er= 
faf?t mürben. SQetdjert dntfjeil er an ben anberen Senaten fiat, fann 
fauin jroeifelljaft fein, ipfingften 1897 befugt er mit feiner greunbin 
ben Dccuttiftcncongreh in ©reiben, roo er als Vertreter beä Vereins für 
„^armonifdie i]8i;ifofopf)ie" in ©laudjau auftrat. 9ta<h bem offiriöfen 
Stenogramm jog er ein golbeneS Scbroeigen bem fiibemen Sieben t>or. 
grau Siotbe banbelte. 

gn feinem Auftreten ift $err gentfdj oon großer ©eroanbtfieit. Seine 
greunbe toie feine ©egner finb barin einig, baff man e£ mit einer jieb 
bemühten, fefir geroanbten fßerfönlicbfeit ju tfiun fiat, ©amit contraftiren 
merfroürbigerroeife feine jablreicben 2lrtifel*). föier macht fidb ber -Diangef an 
f d)rif t fteUerifdj er SBilbung fübl6ar. Sdiledjt ftilifirt, p^rafen^aft aufgepußt, 
ftefien fie unter bem ©urdifdmitt farbfofen gdtungSftilS. 6barafteriftif<b 
ift ihnen nur jmeiertei: bie fromme Salbung unb ber belebrenbe ©on. 
Scheuten mir ihren SBorten ©tauben, fo muh ihr SBerfaffer nicfit nur eine 
Ülutorität im ©eifterreid), fonbern aud) ein SJtufter uon grömtnigfeit fein. 
gnSbefonbere fpiett er gern ben kennet beS -IftebiumiSmuS b e raug. Seine 
Sporte fliehen oon gröntmigfeit, 9Jienfd)en= unb ©otteSliebe über; fte taffen 
ahnen, bah ihr Siebner SBlide in bie ©eiftermelt gethan hat, bie uns profanen 
Sterblidjen uerfagt finb. Steht er bod) nad; feinen eigenen SSorten mit höheren 
©eiflern in fBerbinbung. 

Sßenn mir alfo $errn gentfdj nad) feinen Sßorten rieten, fo ift er 
eine ortbobopgeiftergläubige fßeriöntidifeit, bie feft »on grau SiotheS ©hr= 
liebfeit überjeugt ift. Stiditen mir ihn nach feinen Sßerfen, fo befißt er 
grohe ©croanbtheit unb -Di utt ermiß. ©iefe beiben Seiten merben uns ein 

Urtheit ermöglichen, ob &crr gentfd) ben 33etrug grau StotbeS fennt 
ober nidbt. 

9lacf) feinen eigenen SBorten fennt er ißn nicht. ©amit ift aber 
aud) 2WeS erfdjöpft, maS ju feinen ©unften fpridit. SBolIen mir ihm 
©tauben freuten, fo tnüffen mir bemna<h annehmen, bah -Öerr gentfcb, ber 
5 galjre lang unauSgefeßt mit grau Siotlje jufammentebte, ber an allen 
Sißuttgen tbeilnaljin, nidjt im Staube mar, einen ganj einfachen ^Betrug 
ju bemerfen. 2Öir müffeu ihm bann eine UrtbeilSunfäbigfeit jutrauen, bie 
bebenflid) ift. 

SJidjten mir nach feinen Sßerfeit, fo fommen mit inbeffen ju einem 
anberen Sdßluffe. .öerr gentfd) ift eine geroanbte iperföntidjfeit unb last 
not least fein fdilediter 9)ienfcbenfcnner. ©in SRann mie er läßt heb nid)t 
5 gabre lang über’S dir bauen, perr gentfdh ift aber nebenbei in ber 
©afd)enfpielerei nicht unerfahren. Gr F;at es uns felbft erjäljtt unb baS 


*) Cf. in&befonbere: Spir. 331. 1898 <S. 22, 24, 51. — 3 e üfd>rift für ©piritiS* 
muS 1899 ©. 97, 113, 118. — SHciftenS banbeit e8 fid) um Ueberfeßungen. 



Der ^all Hotfye. 


2^3 


Treiben jrocicr fDtebien enthüllt*). 3>uar ift er auch hier nur ©ilettant, 
unb feine Unmiffenheit nerrätf) fid) gelegentlich, aber eg fleht bod) feft, bah 
er lief) in feinen SJtufjeftunben mit ©afdjenfpielerei befcfjäftigt, unb mag be= 
ionberg interejfant ift: @r giebt ung felbft an, wie Slumenapporte heroor« 
gesäubert werben. „®ag ipfeubo=3)!ebium," uerrätf) er ung, „hat jwei grope 
©afcbett; in ber einen ftnb Humen, in ber anberen SRüffe, ißiflol 2 c. 
Sefctereg wirb nach Sdjliehen beg SSorljangeg abgefchoffen, währenb bie 
Slüffe herauggeroorfen unb bie Humen alg „©eifterapporte" nach Deffnen 
beg SBorfjangeg auf bent neben bem fogenannten ÜDiebium befinbtichen Stuhle 
oorgefunben werben. Slun fährt bie $anb wieber in bie geffel juriicf." @g 
ift immer gefährlich, aug ber Schule su plaubern. 

gür bie 3J?itf<hulb beg ^ernt gentich fpricfjt auch feine iitjätigfoit bei 
ben ©ifcungen. ©iefeg ganje ©edunggfpftem hat uur Sinn, wenn eg 
etroag oerbecfen fotl. 2öag foll eg benn aber oerbecfen? ©ie ©hrlidifeit 
grau Stotheg? ©iefe bebarf ja feiner ©ecfung. ©g bleibt alfo nur ber 
Schluß übrig, baff ihr ©ric oerbecft werben foH. 3)fit biefer Sinnahme 
ftinunt bann audh bie Xf»atfad)e, bag bie ©ecfung fjaarfcharf ben Mängeln 
beg ©ricg angepafft ift, ein SSorgang, ber fonft ohne jeben Sinn märe. 

(Snbli<h jmingt noch ein lepteg 'Dioment sur Sinnahme ber 3)iittl)äter« 
fdjaft beg fjerrn gentfcf). grau fRothe bebarf su ihren Sifcungen 33 or« 
bereitungen. Sie muff Humen unb Slmulettg einfaufen, muff ©eburtg« 
tagggebichte fabriciren, muf! Hibmungen graoiren laffeti, birccte Schriften 
unb ©eifterpuppen anfertigen — fürs eine »ieljeitige STtjäticjfcit entwickeln. 
@3 fcheint mir nun recht unwahrfdjeinlid), baff fie bag Sllleg felbft macht, 
gngbefonbere gehört surn ©ichten unb Unfertigen non ©lüdmünfdhen immer« 
hin ein wenig fdjriftfteüerifcbe Begabung, bie bie grau eineg ßeffelfdjmiebeg 
fonft nicht befipt. ®a liegt benn hoch ber Sdjluh febr nahe, bah ihre ©eifter bei 
einem befreundeten Sachnerftänbigen Slnteihen machen. Sie mufj aber anher« 
bem ihr Slrfenal mit auf Reifen nehmen unb eg an Crt unb Stelle nerftccfen. 
£>ält fie ftd» längere 3 e ü auf, fo muh fie ben Humenuorrath auch burdj 
©infänfe ergänsen. Sollte &err ^entfd), ber fonft fo Hefgemanbte, wirflich 
mit einem 3Jtal mit Hinbljeit gefchlagen fein, £err gentfcfj, ber grau 
Dtotfjeg unsertrenntidher ©cfäfirte ift, unb ber fo genau weih, wie anbere 
s 3)tebien ihre Suppe fochen? 

So wächft ber SBerbacht gegen &errn gentfd) lawinenartig an. Sieben 
ben gatl Siotlje ift mit jwingenber Sogif ber gatl gentfdj getreten, unb eg 
fcheint mir faft, alg ob er ihn an SBebeutung noch überrage, ©enn währenb 
grau Siothe immer nod; bag Hitleib anrufen fann, fdiweigt bei £errn 
gentfch audh btefe Stimme, gür ben, ber ber bemühten ©benähme am 
betrüge oerbäcfjtig ift, giebt eg fein SJiitleib. 


*) ©ntfjüHuiigen über bie fogenannten fpiritiftifdjen (Sjperimente be8 (SIieBaar-j 
-5tU unb ©labe«, ©pir. ©lätter 1898, ©. 51 ff. 


<Erid) Boi)ti in Breslau. 


244 


©enn baä ftefjt feft: gft £jert ^entfdE» bemühter SJUttbäter, fo giebl 
eä fein 2Bort, ba3 hart genug wäre, feine ©d)ulb ju ftrafen. betrugen 
ift immer bäfelid). 216er jahrelang betrügen, jahrelang f o ju betrügen, ba3 
märe ein gall, ber ©ott fei ©auf, in ben Slnnalen ber beutfehen Grimi= 
naliftif einjig baftefjt. ©er oerrof)tefte 5)ienf<h erbittert oor bem ©ebanfen 
bei ©obeä. ©3 benft feiner gern an ben mächtigen ©dritter, ber ©eroatt 
nenn t)öd)ften ©ott bat, unb ©ehweigen breitet fid), menn mir unferer lobten 
gebenfeit. SJJag barum bie ©et)ufucbt nadj ben lobten mitunter bijarre 
formen annebmen, mir miffen Sille, bnfj fie meitfcE(licf», allju menf<hli<h ift. 
Uitb eilt 9)lenf<b foHte e§ gewagt b«ben, bie lobten l)eraufjubcfd)roören 
unb unfere ©etjnfudbt oeräcbtlidb in ben ©taub ju treten? ©a3 märe fein 
Verbrechen an üienfeben, fonbern am &eiligften ber 9Jienfd)beit. 

2Bir fteben oor einer fdjroeren ©ntfebeibung. Unfer ftttlidbeS ©mpfinben 
flräubt fi(f», an eine foldje ©d;ulb ju glauben. 2Bir fragen immer unb 

immer mieber: Üikirum? 2Bo ftnb bie SDtotiue ju fo unerbörtem 
Raubein? 

©a3 bäufigfte 9Jtotio junt betrüge ift ©elbgier. geblt e§, fo muffen 
außergewöhnliche SDIotioe »orliegen, bie ben Verbrecher jurn betrüge treiben, 
gn meiner erften Slrbeit führte idb a u3, baß grau Siotbe ihrer ©ache un* 
entgeltlich ju bienen f db c i n t. gef) mürbe burch biefen ©dbein bnju geführt, 
bie £i)potbefe beS patbologifcben ©<hwinbel§ als roabrfcheinlich binjufiellen. 
2öie fo oft, trog auch hier ber ©dficin. geh bitte meine Sefer mit mir 
folgenbe Tabelle burdjjugeben: 


ißreiä für Sletourfarte im D.-gug. 

Honorar. 

©auer 
ber Steife. 

©bemnib nach München: 

über Nürnberg : II. ftl. 30,20 + 2 

160 m. 

9 ©t. 49 9K. 
(10,48-8,37) 

III. m. 21,30 + 2 
über StegenSburg: II. ftl. 34 + 2 
III. m. 24 + 2 
©bemniß nach 33te§lan: 

II. 511. 33,40 + 2 

100 m 

7 ©tunben. 
(8,10—3,22) 

III. ftl. 22,90 + 2 
©bemniß nac h ©islcbcn: 

II. ftl. 13,16 + 2 
III. ftl. 9,40 + 2 
©bentniß nach Berlin: 

II. RI 23,70 

III. ftl. 16,18 

50 Btf. 
200 2flf. 

4 ©tunben. 

5 ©tunben. 


©er Slufidtlag für ©cblafwagen beträgt ca. 5,50 — 10,50 9Jif. 



Per (Jall Hotfye. 


2^5 


Sn Dtündjen erlieft baS B aar jroeitnal 160 SRarE*). grau SRotlje 
wollte angeblich Schlafwagen benufcen, Eam aber im gewöhnlichen 3ug 
2IbenbS an. Bimrnt man an, fie fei II. Kaffe D. $ug gefahren uub jroar 
bie roeitefte StrecEe (über BegenSburg), fo betrugen bie BeifcEoften jmeimat 
36 2RE. = 72 9RE. Sßernt ich für fie unb ihren greunb bie $otelfoften 
für einen SSCbettb auf 28 9RE. oeranfchlage, fo ift baS fehr f)ocO gegriffen. 
©ro|bem ergab fi<h ein Ueberfdjuh oon 60 DK., bei juiei Sifcungen affo 
oon 120 3J2E. 

gür Breölau berechnete £err Kühn einem meiner BeEannten gegenüber 
bie Koften auf 100 DIE. ©er ©eroinn märe fjier gering geroefen. ©enn 
bie gahrEarte II. Klaffe im D. gug für 2 ißerfonert foftet 70,80 Dtarf, 
fobafj baS fßaar für 4?otet nur 29,20 DK. übrig belieft. 

Sn ©isleben mürben 50 ÜRE. geforbert. £icr beträgt ber Uebevfdmh 
unter gleichen Bebingungen 19,68 3RE. 

Sn 33 er l in braute bie Sifcuttg in ber BÜ)dje runb 200 DiE. ein. 
©a bie fReifeEoften runb 50 9RE. betrugen, blieben 150 ÜRE. Uebereinnahme. 
©S ift nicht anjunehmen, baff ber Berein „‘ipfpdje" fich baS ©elb in bie 
©afdje ftecfte, unb für Saalmiete giebt man nicht 150 DIE., S n anberen 
Berliner Sifcungen jabtten bie S^eilnebmer 3—5 DIE. pro ißerfon. 

Sn SBirflicbEeit liegen aber bie 5CE)atfacf)en für grau SRotEje noch oiel 
ungünfUger. S<h habe ftets bie 4?öd>ftfähe genommen, roäbrenb fßerfonen 
oon ber focialen Stellung biefeS BaareS Eaum II. Klaffe fahren. Dian 
barf auch nicht oergeffen, bah baS if3aar bei ben ©aftgebern gratis logirte 
unb wohnte, ja fogar ©efchenEe empfing. 33reStau ift für fie burch bie 
Dtunificenj ihres greunbeS ein fehr ergiebiger 33oben geroefen. 

©ie ©hätigfeit beS ißaareS entbehrte alfo EeineSroegS beS irbifdjen 
Segens. SBenn man erträgt, bah grau Bothe bisweilen faft täglich 
Sifeungen gab, fo Eann ber ©eminn nicht fo unbebeutenb geroefen fein. 
„Umfonft ift ber ©ob" — fagt ein Sprichwort. Bei grau Bothe fcheint 
er eS nicht ju fein. 

©S ift alfo fehr roahrfcheinlich, bah baS Dtotio für bie ©hätigEeit oon 
Bothe— Sentfdj ©elberroerb roar. ©aju treten oieüeicht noch anbere 
Dtotioe. ©ie Dtebiumität BotheS ermöglichte ihr unb ihrem Begleiter 
ein SBanberleben, baS feine eigenen Beije hat. Sie [ernten bie 2Belt 
Eennen, befugten 2Bien, Dtündjen, Berlin, Breslau, Hamburg, baS 
©hüringer» unb SBalbenburger ©ebirge, fie Eamen mit Künftlem wie Kaut» 
bach in Berührung, waren ©äfte ber bö<hftcn 2triftoEratie — alles Bor» 
theite, bie fonft ber grau eines armen KeffelfdfmiebeS unb einem Sprach» 
lehrer nidit in ben Sdiooh fallen. Beben biefen materiellen Bortheilen 


*) ©er 3mpre|ario erflärte mir nod) am 24. ganuar 1900, grau diotfje nehme 
ntt Söejafjtunfl an. gür bie entftetjenben ©pefen trete er ein. ©aS Original beS 
SSriefeä !amt bei mir eingefefjen werben. 



2^6 


<£rtdj Bofyu in Breslau. 


minfte aber noch idealer Solm. Die Palme beS PuhmeS fdE»Iang fid) um 
ihre «Stirn, Unfterblidhfcit unter ben Sebenben roinfte benen, bie bie Un* 
fterblidjfeit ber Dobten fünbeten. £ome war bis ju ßaifertljronen vor-. 
gebrungen; waS fonnte ba nicht 2llIeS ittöglid) roerben! — Gnblidb fann ber 
SBetrug als foldjer ein treibendes Plotio geroefen fein. Der betrug fefet 
ftets eine überlegene gntelligenj oorauS. Gr ift eine geiftige Seiftung, ein 
fitfmeS Spiel mit ber Vernunft anberer Ptenfcfjen, ein Sdjadjfpiel mit ber 
Wahrheit. 'Darum gab eS berühmte Sdmnnbter, wie Saint ©cnnain unb Seo 
Dayil, benen bas Spiel als foldjcS über allen Ptotioen ftanb. Der Driumpb 
über bie Dummheit ber Ptenfdhen bünfte ihnen ber reinfte Driumph. 
gd) möchte atlerbingS eine berartige 2luffaffung nur einem ©cnie ju trauen. 

2tufmerffante £ejer werben längft bie grage aufgeworfen haben, roie 
ficfj baS 2llleS mit ber 2lnnaljtne eines patßologifdien SchwinbelS reimt. 
Diefer Quillt beborf und) ben neuen Grgebitiffen nochmaliger Prüfung. 
2Mne $t)potl)efe — nur als foldhc hotte id) meine 2lnnahnte bejeidhuet, 
— ftüfctc fich auf 2 Pcomente: 

1. grau Potl)e hot fein Ptotio für ihre ^anblungen. 

2. Sie macht ben Ginbrucf einer pftjcfjifd) franfen, ehrlichen grau. 
Die erfte Stühe meiner ^ppotbefe fällt nunmehr weg. GS bleibt nur 

baS jroeite, fcfjr fdjumdie gunbament übrig, PereitS in meiner erfleit 
2lrbeit betonte id), bah iebc genaue Unterfudhung für bie Diagnofe als 
.«gpfterica fehle*), geh muh bemnadj jugebett, bah bie £tjpothefe beS patbo= 
logifdhen SdpoinbetS nunmehr an SBahrfcfjeinlichfeit nerloren hot. Damit 
will idh nidht fageit, bah he unroahrfcbeinlidj ift. Die 2luSführung com- 
plicirter Handlungen fpridht feineSroegS bagegen. 2ludh in ber Poftbtjpuofe 
roerben bei Perouhtfein Handlungen auSgefül)rt, bie man betn 2lgenten nicht 
jurethnen barf. 2ßir müffen ben bemühten Petrug fdharf non bem 511= 
redjnungSfahigcn 33etrug trennen. 

GS wirb batjer gut fein, nochmals alle pfpd&ologifdhen Plcglidhfeiten 
in’S 2luge ju foffen, bie bei mebiumiftifchen Phänomenen auftreten: 

1. Die Phänomene finb fupranormal \ 

2. 5 ; * tbeilS{upranormat,theilSDafdfjenfpielerei.> objectin. 

3. 5 5 * nur Dafdjenfpielerei. ' 

4. 5 * * unbewußter unb unjuredhnnngSfähiger \ 

betrug. / 

5. * = = bewußter unb unsuredhnungSfähiger > fubjectin. 

Petrug. V 

6. 5 5 s bewußter uttb jurcdjnungSfähiger Petrug. ' 

grau Pothe hot bisher nidht ben PeroeiS erbracht, bah fie Plebium 
ift. Do aber feft fteht, bah fie betrügt, fontmt nur bie 4. — 6. Hßpothefe 

*) Xer Jöeridit, in bem bie Berftandnmg eines JyiißeS flcfdiiibert wirb, ift 00m 
omprefario oerfaßt imb fann baßer nicht mehr als Beweismittel bienen. 



Der ^ all Sollte. 


247 


in Betragt. 35a ferner ermiefen ift, baß fie junt 3roeÄ beS Betruges 
Hanblungen auSfüßrt, bie Bemußtfein erforbern, fcßnteljen bie -iJtöglidßfeiten 
auf Br. 5 unb 6 jufammen. 2BaS iJ) fdßon in meiner erften 2lrbett an» 
führte, mieberßole idß: Sie SJtöglicßfeit, baß grau S^otfje audß über edßte 
mebiumiftifdße Äräfte oerfügt, muß man tßeoretifdß jugeben, fo lange bie 
Btöglicßfeit befielt, bafe es fotcfje Bßänomene giebt. Sollte nlfo grau 
Botße einmal ben BerneiS hierfür führen, fo müßten mit unS bauor 
beugen. Bie unb nimmer aber mürbe ein foldßer BerneiS ben gefdßeßenen 
Betrug au§ ber SBelt fcßaffen. Ser Borrourf beS Betruges bliebe and) 
bann auf grau Botße ßaften. 

Sagegen mürbe bie Bolle beS gmprefarioS, auf bent oorläuftg ber 
bringenbe Berbacßt beS beroußten, suredßnungSfäßigen Betruges laftet, bodß 
»ieHeidßt in anberem Sidßte erfdßeinen. GS ließe ficß bann benfcn, baß 
er mirflidß in golge ßeifpteHofer Äurjfidßtigfeit butcß ein paar edßte 
Bßänomene fanatifirt, für ben Betrug blinb gemefen ift. Sa aber, mic 
getagt, grau Botße ben BerociS ißrer Btebiumität nocß nidßt geführt bat, 
müffen fie unb ißr gmprefario bie Berantroortung für ben fdßmeren Ber^ 
badßt tragen, ber oorläufig auf ißnen rußt. 

gür ben guriften ergebt fidß nod) bie grage, ob Botße unb gentfd) 
als BJittßäter ober ©eßilfeu 5 U beftrafen finb. (§ 47, 49 St.=@.*B.) Sa 
ber ganje Betrug ein ©anjeS ifi, unb jeber Sßäter offenbar bie ganje 
Sßat als eigne null, entfdßeibe idß tnidß für UJJittßäterfcßaft. GS märe 
freilidß nodß eine britte Btöglidifeit offen: Botße tonnte ©erzeug in ber 
£anb beS gentfdß fein. Sollte bie Unterfucßung bafür BnßaltS; 
punfte geben, fo mürbe oielleicßt eine grage aufgerollt merben, bie fdßon 
lange bie Sßeorie befcßäftigt: Db burdß bie Suggeftion einer B er fon eine 
anbere gejmungen merben Eann, längere gcit ßinburcß oerbredierifdje £anb= 
lungen auSjufüßren. Sie grage ift oft befaßt morben, roeil man bie 
Saboratorienoerfucße mit Hppnotifirten überfdßäßte. Heute, mo mir roiffen, 
baß bie oollftänbige Shifßebung beS 2SiHenS ^ppnotifirter ein Btärdßen ift, 
barf bie grage nodß als offen betrachtet merben. Soengali unb Srilbp finb 9luS = 
gebürten ber Bßantafie. Gin fförncßen ©aßrßeit ftedt barin, unb eS ift nicht 
unbenfbar, baß biefeS Äömdßen im gaH Botße gefunben roirb. gn biefes 
Sunfel mürbe nur eine eingeßenbe Unterfudßung £idßt bringen. 

Samit oerfaffe idß ben gatl Botße. Bodß ein britteS 3Jtal roerbe idß 
in bie Deffentlidßteit flüdßten, menn idß mit ben Hintermännern, ftritifaftern, 
Btotectoren, Berlegern unb Goutiffenfcßiebem biefer Sragöbie abrecßne. 
gdß mödßte oorläufig ber Deffentlidßteit ben' Blidf in biefen Sumpf erfparen. 
BieHeidßt fpredßen mir uns bis baßin oor einem auberen gorum. Senn 
bet gall Botße*gentfdß geßört nidßt meßr oor bas gorum ber 
SBiffenfdßaft, fonbern oor baS beS BedßtS. 

Bur bem Gutturßiftorifer bitte id) nodß einige ©orte ju geftatteu. 
Gulturgefdßidßtlidß giebt es feinen gufaH/ fonbern nur Urfacße unb SBirfung. 



2^8 


€rtdj 23ol|n in Breslau. 


3<h roicg bähet i'cfjon in meiner erften 2lrbeit barauf Ijin, bafj bet gatt 
Dlotbe nur burdj bie Serfuntpfung unfereg geiftigen Sebeng erflärbar ift. 
©er Dffenbarunggfpiritigmug ftreute fein ©ift in bie Staffen, nerbummte 
bie ©emütber unb fonatifirte bie ©elfter, Gr nnterminirte in bunfter 
Staulrourfgarbeit ben Starmorbau unferer Guttur. 2ßit roiffen beute, bafj 
eg Staffenfuggeftionen giebt, bie um fo mirffamer finb, je fuggeftibfer bie 
Staffen finb. ©er Dffenbarunggipiritigmug b fl t bie Staffen fuggeftibel ge= 
macht. So mar eg möglich, baff fie für bie Suggeftionen non fpfeubo: 
mebien unb bereu Helfershelfern empfänglich mürben. 2Benn mir feben, 
big ju roeldietn ffanatigmug er feine Slntjänger aufbebt, bafj fie in einer 
enttarnten ©afdjenfpielerin ben neuen ^eitanb erblidtcn, roenn mir bie 
SKutb unb ben &afj feben, mit bem Seutc, bie bie Siebe auf ben 
Sippen führen, ehrliche miffenfdiaftticbe Slrbeit nerfotgen, bann roerben mir 
eg an ber 3 ß it finben, bafj ber «Staat enblid) einmal mit gepokerter 
fyauft unter biefe Uditfcheucn ©unfetmänner fährt. Qdj raitl feinegroegg 
einer fpirüiftifdien 3ud)tbaugnottage bag 2Bort reben. ßulturelle Strömungen 
unterbriidt man nicht mit bem ipotijeiiäbet. 2lber jroifchen ©eroalt unb 
einem übet angebradjten laisser faire, laisser passer liegt noch Standjeg, 
mag unter bie Slufgabe beg Staateg fällt. 3unä<hft roirb eg gut fein, bie 
Setrüger non ben Setrogenen ju fdjeiben. ©egen bie erfteren müßte mit 
eifemer Strenge norgegangen merben. Sie ©efetlfcbaft müßte ben Staat 
babei unterftüßen, inbent fie feben berartigen gaH nor bie Deffentlidjfeit 
bringt unb eg bem Staat ermöglicht, burd» entfpredjenbe Grjiebunggs 
maßregeln jutedjnunggfäbige ober unjurechnunggfähige Setrüger unfdjäb* 
Udj ju machen. ®ag mürbe bie Stngbreitung beg Setrugeg biubern. ©ie 
Setrogenen ju belehren, hatte id) nach meinen Grfahrungen für umnög= 
[ich. Hier tönnen nur fpränentinmaßregetn am fptahe fein, ©er Staat 

fottte alle Seftrebungen unterftüßen, bie roirllich roiffenfdjaftlub bie fpiri? 
tiftifdje Gpibemie unterfndjen. SBenn erft, mie in Gnglanb unb fjrant 
reich, miffenfehafttiebe ^nftitute unb ©efeUfdjaften unter ftaattichem Schuh 
an bie Unterfudjung beg beftrittenen ©ebieteg berantreten, bann roirb bag 
Umfidjgreifen ber offenbarunggfpiritiftifdjen Seud)e non felbft aufbören. 
©ag geroaltfame Unterbrüden fpiritiftifcher Sereine, mie in Sadjfen, b«t 
fidj alg ganj erfolglos erroiefen. Stan hat Stärtprer unb bamit ©täubige 
gefdjaffen. So fatn eg, bafj Sadjfen bag Gentrum ber offenbarungg; 
fpiritiftifchen Seuche mürbe. 

Sßenn bag 2lllcg gcfdjietjt, bann mirb auch manche Serie an'g Sicht 
lomnten, bie bisher im Schmuse tag. 3 m Dccuttigmug fdjtuminern nietteidjt 
Srobteme non roettheroegenber Sebeutung. Gg ift nicht auggefchloffen, baß 
fich aug ihm eine neue, mädjtige Gultunnaht erbebt, nor ber mir atUe 
noch einmal ung beugen muffen. Stöge beutfehe SBiffenfchaft unter bem 
Sd)ut 5 e bcutfdjen Sedjtg unb beutfdjer Stacht bem neuen Sicht bie Sf°rten 
öffnen l 


Der Jall Hottje. 


2*9 


2ÜS Spmptom betrautet, erf»ätt baher ber gaH Stotlje eine au|er* 
orbentlihe Sebeutung. 2luS feinem Stahmen geriffen, bleibt er ein Silb, an 
bem niht einmal ber Sriminaüft greube bat. 

Sergleiht man Stothe mit ben genialen Gljarafteren wie ßaglioftro unb 
Sla»a|ft), fo fdjrumpft i£»r StuhmeSfrans ganj, ganj flein jufammen. 
©agtiofiro unb Slaoafclt) waren Sänoinbler, aber geniale Schwinbler. ®aS 
finb mahtuolle impofante Sßerfönlicf)feiten, bie mit eiferner £anb in bie 
(Speidjen beS SüßeltenrabeS greifen. Sie brücfen ihrer Beit ben Stempel 
ibreä ©enieS auf, fte jroingen bie glänjenben ©eifter ihres BahrhunbertS 
auf bie Knie. BenfeitS non ©ut unb Söfe ftebenb, lachen fte mit einem 
3aratljuftrala<ben biefe 2Belt aus, non ber beute wie oor jmeitaufenb 
Bahren bie ßofung gilt: „Mundus vult decipi ergo deeipiatur!“ Sie 
fdjaffen; fhaffen SÜBerfe, SRätbfel, Probleme für alle Beiten — unb grau 
Stothe greift feit jehn Bahren ein paar Stofen aus ber £uft. 

®amit !ann auch ber ©ulturhiftorifer ben galt Stothe »erlaffen. Sitter 
unb fdper ift es, Slnfläger ;u fein. B<h ToiU nicht »on ber ©efabr reben; 
— ein beutfcber Burifl fennt feine gurht, fonbern nur Sterte unb ißflidjten. 
Süßer in ein SüßeSpenneft greift, muff ein paar Stiebe gewärtigen. 2öaS 
tbut’s! SBunben im Kampfe für’S Steht finb ebrenoolle Süßunben, unb wer 
baS Schwert führt, fann nicht ben fjieb auf bie ©olbwage legen. 

Sitter ift es für unfer ^erj, 2lnfläger ju fein, unb am büterften, 
bamit »or bas gorum ber Deffentlidjfeit ju treten. 2)tir blieb feine Süßahl. 
©eit jebn 3 a bre u hält ber gaH Stothe ®eutfd)tanb unb Defterreih in 
2ttbem, ift wahfenb unb wadhfenb ju einer ©efabr für bie hbhften ©üter 
ber Sultur geworben. ÜJtan hat efyrlicfteS Streben mit Sdjtnub beworfen 
unb felbft ben Süßeg beS ©efefceS »ertaffen, um meine wijfenfd&aftlihe ©bre 
tu ben Staub ju treten. ®a ift bie Deffentlidifeit alleinige Sticfiterin. ®er 
Kampf gegen bie fDtadjt ber ginftemifj muff im gellen geführt werben! 

grau Stothe hatte es faft jwei B Q h re fang in ber ©ewalt, meine 21m 
flage ju enthaften. gumter unb immer wieber würbe ihr ©elegenheit jur 
Stedjtfertigung gegeben. Stun ift es ju fpät. 

Süßer mir aber mein Stecht beftreiten wollte, ben weife ich an bie 
SPflidjt: £o<h über bem Stecht ftejt bie Sßflicht, über ber fPfliht bie 
Sffiahrheit! 


Stahtrag. 

®ie ©eifter beS DffenbarungSfpiritiSmuS fheinen ihren lebten ©eift 
aufgegeben ju haben. Sie »ergeffen 2lHeS: Sogif, Slnftanb, Sorfiht unb 
beginnen wie fööferweiber ju toben unb ju fhitnpfen. ®aS Sumpfconcert, 
baS bie fpiritifhe treffe angeftimmt hat, fpottet jeber Sefhreibung. Seit 
bie erjle Seftürjung »erflogen ift, ift eine Sturmflut!) »on Sriefen, anonymen 
Karten, unb SKuffäfcen über mih hereingebrohen, bie junteift auf ben fton ge* 
ftimmt finb: 2ßo SBaffen fehlen, greift man jum Shtnufc. 2luh ihren 

Slotb unb Sfib. XCVI. 287. 17 



250 


£rid? Sof)tt in Steslau. 


Slbtofaten fanbeit bie Slngegriffenen. ©in froatifdfjer 9te<htSanroalt, 
Dr. non @aj, fanb ficfj gemüßigt, unter bem gubel beS fpiritiftifdien 2)tobS 
eine Brofchüre in bie 2Belt ju fdjleubern, beten Hauptinhalt ehrenrührige 
Befdjimpfungen bilben. ©oroeit icf) mich mit biefen „©egnern" triebt ge< 
riCbttidj befdfjäftige, werbe ich in ber angefünbigten britten Slrbeü mit ihnen 
abrechnen. 

Sfa<h eine Dame hat in biefent Heft baS ©tatteig ber wiffenf<haftli<hen 
Slrena betreten, ©ie tbat es im ausbrücflidjen Aufträge beS gmprefarioS, ber 
bereits in ber ©hentniber „SlUgemeinen geitung" nom 10 . Januar öffentlich 
erflärt hat, bie Berfafferin fei „eine erfahrene Dccultijtin". 9 tur biefer 
©admerhalt beftimmt mid), auf einen Sluffab ju antworten, ber jroar aus 
ehrlichem SBBotlen heruorgegangen fein mag, aber leibet beS ÄönnenS ent* 
bel)rt. Stuf eine ©tilübung, wie bie ber grau SJiajor 9t., ju antroorten, 
ift fonft nicht iibtiCh- ©ntbetjrt fie boCh nicht nur ber 2BiffenfChaftIiCbfeit, 
fonbern, roaS bei einer Dame boppelt fChroer miegt, ber unter ©Chrift* 
ftettern üblichen Gourtoifie. 

©S ift in ber beutfdjen SBiffenfchaft unerhört, baff man 
einen roiffenichaftlidjen Eingriff mit fitttiChen Borwürfen be* 
antwortet, grau SDtajor 9 t. wagt e§, ohne ben Berfudj eines Be* 
weifeS ju machen, mir „Berleumbung" »orjuroerfen. ©ie nennt meine ge* 
wiffenhaften Beobachtungen „jeber Wahrheit entbehrenb", fte wirft mir Be* 
trug tor: „benn iCh werbe wohl felbft faum erwarten, baff urtheilsfähige 
3)tenfChen meinen SluSfagen SBerth beimeffen", unb fdjlieht biefe Be-- 
fChimpfungen mit bem Urtheil, meine Arbeit fei ein „burChfiChtig tenbenjiöS 
gehaltener Singriff". Unb biefelbe Dame rebet. bem Hamburger ©Chwinbel 
gegenüber baoon, „es fei unmöglich gewefen, grau 9tothe irgenbwelche be* 
trügerifdje fDtanipulationen naebäuweifen". Der ©eift beS gmprefarioS 
weht burCh ihre geilen. 

Stehen ben perfönlidfen Singriffen hat grau 9t. auCh terfudjt, 
mir fadjlid) ju erwibern. Das ift freilich fChwerer, als feinem ©egner 
fittlicfje Borwürfe ju madfen. Der Berfafferin bleibt jebenfaDS baS Ber* 
bienft unbeftritten, ben Cefern ton „Siorb unb ©üb" eine ißrobe fpiritifti* 
fChet Sogif hanbgreiflidj ton Slugen geführt ju haben. 

©ie beginnt bamit, mir bie ©rünblichfeit abjufprecfien. Die DhatfaChe, 
baß ich ben galt 9tothe jmei gab re lang ftubirt habe, bah i<h gegen fünfjig 
Bänbe 3eitf<hriften burebarbeitete, ift in ihren Slugen Suft. geh hätte 
warten fotlen, bis grau 9tothe mir weitere ©ifeuttgen gewährte. Da fpriCht 
wieber ber ©eift beS gmprefarioS aus ber Berfafferin. Denn unter 

biefen Umftänben wäre meine Slrbeit nie erfd)ienen, ba grau 9tothe mir 
jebe ©i(5ung terweigerteü geh hätte auch grau Stotbe tor ber ©ifcung 
unterfuchen foUen — freilich, wenn grau Stotbe eS nur geftattet hotte. 

9tatürli<h taugen auch meine Beobadjtungen nichts. g<h gab ja 

felbft ju, einen ungüttftigen B'lab gehabt 3 U haben, grau Stahmann ift äugen-- 



Der <Jall Hotfje. 


25 \ 

fcheinlich nicht im ©tanbe, BeobaChtungSmöglidjfeit unb Beobachtung ju 
trennen. 9Jtein ungünftiger ^$lafc fiiitberte mid), SltleS ju beobachten, 
er fgnberte mich ober nicht, Bieter unb biefeS mit absoluter Sicherheit ju 
beobachten. grau Stahmann weijj es freilich bejfer. Sie Behauptung, 
grau 5Rott)e arbeite nur linfs, in ©egenwart beS gntprefarioS u. f. ro., 
entbehre jeber Sßahrheit! 2BaS toirb wohl meine ©egnerin $u 
ben nunmehr »eröffentUChten Berieten fagen, bie in hoarfcharfer lieber- 
einftünmung eine glänjenbe dtedjtfertigung meiner Beobadhtungen bilben? 
SBaS wirb fie fagen, wenn jwei 5CheUue^nter an ben Breslauer ©ißungen 
»or ©eri«ht erflären werben, bafj alle meine Beobachtungen bie reine unb 
lautere SBahrheit enthalten? Si taeuisses! 

gn grau 9tajjmannS Slugen irrt freilich ber SKenfCh, folang er firebt. 
SBie ich mich irrte, irrten fi<h bie Hamburger gorfher, bie grau TRothe 
Sßuppe, iph og Phor unb Blumen abnahmen. @S irrte feen 9)tap 9tahn, ber 
grau 9totheS Bein ergriff unb ihre B u PP en erblidte, es irrte fich fdjlieö- 
lieh ber photographifdje Apparat, ber baS ifJuppenfpiel mit BlifcliCht oer= 
eroigte. 9lur grau SDtajor 9tafjntann irrt nicht, wenn fie behauptet, es fei 
unmöglich geroefen, grau SWotlje irgenbroelche betrügerifdje 9)tanipulationen 
nadjjuroeifen. 

«Schließlich betritt meine ©egnerin auch ben Boben ber Theorie. Sie 
belehrt mich über bie ©renjen ber SafChenfpielerei unb bie Bebingungen beS 
pathologifChen ©djwinbels. ©S »erlangt 9tiemanb »on grau 9t., baß fie 
über Singe fchreibt, »on benen fie nichts »erfteljt. SBenn fie fich burdjaus 
litterarifCh betätigen will, fo giebt es ja »iele Singe, über bie eine 
Hausfrau fdjreiben fann. SaS Slmerifa ber 2Biffenf<haft foHte fie ruhig 
ben 2lmerifanem überlaffen. SDtit Behauptungen roie: ein SafChenfpieler 
fönne nicht in fremben 2Bohnungen fein SBerfseug »erfteden ober ber 
©intauf »on Blumen fchliefje nothwenbig pathologifChen ©djiuinbel aus, 
läuft grau 9t. ©efafjr, eine Unfterblichfeit $u erlangen, bie nicht nur 
fpiritiftifCh ift. 

gCh hätte gern auf ben Singriff ber grau 9tafsmann noch mehr geant* 
toortet. Um jeboCh auf gutgemeinte ©tilübungen ju reagiren, ift mir meine 
3eit ju foftbar. g<h antwortete nur, weil ber Slrtifcl im 9tamen „jenes 
9JtanneS mit bem emften würbigen Sluftreten unb bem befdjeibetten anfprud)S» 
lofen 3Befen, ber fich burch bie ©türme beS Sehens ben reinen ©tauben an 
feine gbeale erhalten hat/ un „9torb unb ©üb" gefdjicft würbe, ©ein 
emfter, würbiger unb ibealer ©eift weljt burCh feine $eilen. ©ie finb 6e= 
fCheiben unb anfpruCfjStoS — in Mem, was Sogif unb 2Biffenf<haft heißt. 

gn einer ©Chtujjbemerfung h a t S rau Stahmann auf eine ijMfungS» 
fitjung hiugewiefen, in ber grau 9tothe angeblich ben Beweis ihrer 
•Dtebiumität erbracht h nt - ©3 hätte biefeS £inweifeS nidjt beburft, um 
mich ju eingehenber ©tellungnahmc biefem ©reignijj gegenüber ju bewegen, 
gft bo<h biefe fenfationelle SBenbung ber clou beS 9tothe=©fanbalS geworben. 

17 * 



252 


(Eridj 8of{n in Breslau. 


9Jtit einer ©iegeäfanfare eröffnete bie SBiener ßeitfdfjrift für DccultigmuS 
bag neue Saßrßunbert. Unb wo ein fpiritifHfd&eg Statt Raufte, Raffte ber 
jdmtetterabe 9iuf imeber. ©itt ©iegegtaumel ergriff bie fpiritiflifdje ^JJrcffe. 
3Iber eg mar ein Sßprrhugfieg, eine ©ijfoefterfütnmung. ®er ßafcenjammer 
wirb nicfjt augbleiben. 

9)fit biefer ^ ^prüfung^fifeung" Ijat eg fotgenbe Seroanbtniß: 3m 

®ecember*&eft ber ,,^fpd)ifd)en Stubien" ^atte ein angefeljener Spiritifi, 
Srofeffor ©eHin, meine Arbeit „©in beutfcfje^ SJlebhim" glänjenb recenjirt. 
©emeinfam mit ^3rofeffor Dr. $DZaier;Dübingen erftärte er fid(j bereit, grau 
SKottje miffenfdbafttidb ju prüfen, grau 9lothe erfüllte biefeg Verlangen 
jroar uidfjt, lub i^n aber am 16. December 1900 burdE) ihren gmprefarto 
ju einer gamitienfifeung ein. ®iefe gamtfienftfcung ift nun jene grofee 
„Deftftfcung, geftfifeung unb großartige Deftfefcung" non ber bie fpiritiftifcfje 
treffe fo niel Samt tnadEjt. Um meinen Sefem ein Uttbeil ju ermöglichen, 
gebe idf) bag Sßrotofoll unncrlürjt tnieber. 

Deft&thuttg 

.mit bem SJiebium grau Slnna Siotbcaug ©bcmntö 
in ber äSofjmmg öon grau Rentiere SJZüller, 

©barlottenbitrg, ©djillerftraße 111 pt 
©irlelleitung: ©bemiter Dr. 3inle. 

Siadjbem bag SJiebtunt, fomie ber ©ifcunggraum im Söobnsintmcr bon amnefenbeti 
Doctoren Der SMictn unb anberen aittoefenben, bem SHebium mtbclannten ©erfonen 
genau unterfudjt unb feinerlei Humen ober fonftige ©egenftänbe Dorgefunben tourben, 
fdjritt man nur ©ifcuitg. 

Dtefelbe nahm um 6 Ubr Slbenbg ihren Anfang unb mürbe lurg nach 8 Uhr ge* 
fdjloffen. Der ©ifeunggraum mar burd) mehrere £ampen unb 10 flehen bell erleuchtet 

— Die Dbeilnebmer gruppirten ficb um einen ooalen Difdj, ber, mic Slfleg, üorber unter« 
fuebt morben mar. Dag SJiebiunt hotte gur Siedeten fierrn ©rof. ©ettin, nur £infen 
grau Rentiere Götter alg Nachbarn, an melcbe ftd) £err Dr. üon ©oltau, Dr. ßinbtner 

— beibeg Siebte — unb bie übrigen Dbeilnebmer, bem SJiebium unbefaitnt, anfchloffen. 

Siacb lurjem ©ebet oerfiel bag 3Jiebium in ©djlaf, unb eine 3ntettigenj hielt 
eine Siebe, hierauf erfolgten birecte ftlopftöne , bie ermiefenerntaßcu toeber t>om 
SJiebium noch ben Dbeilnebmem fünftlich erzeugt maren. ©erfebiebene geftellte gragen 
mürben bureb SHopftöite intelligent beantmortet hierauf meitere Drancereben, mäbrenb 
bem oft brei unb mehrmalige SHopftöite. Staunt mar bie eine Siebe gu ©nbe, fo er« 
febienen Humen mit 3webeln (Dulpen 2 C.) in ber £uft, mel<he bag SJiebtum auffing 
ober melcbe nur ©rbc fielen, begm. unter bie Slnmefenben bertheilt mürben, ©turnen 
üollftänbig tbaufrifd), mit Hoblgerucb (borber mar lein Duft im 3mtmer mabr« 
gunebmen)! 

2luf einen berartigen Slpport folgte eine Sie ibe meiterer, unter anberen: SJHfteln, 
©tiefmiittereben, größere ©ouiferengmeige, ©ance, fübliche äßeibe (eine gegenmdrtig — 
nach Angabe beg £>emt Dr. Don ©oltau — im tropifdjen Stlima btübenbe ©ffonge), ferner 
©olblacf u. f. m. 

&errn Dr. £inbtiter mürbe plößlid) ein großer 3torig einer ©tattpflanje, etma v 
40 cm lang unb 20 cm breit, tabeUog frifcb, über ben Difch öom ÜDiebiunt übergeben, 
mie er fic nach feiner Singabe im eigenen ©arten gepftanjt hotte. 

©in tootler ©trauß, mof)l 20 ©tiief, Iangftieliger ©brpfantbemen mürben einer ffepti» 
eben Dame über ben Difcb Dom SJiebium übergeben. — Diefe gablretchen Slpporte micber« 
holten fid) nor unb nadj ben einsdncit Drancereben. fßffanjen unb 3toctge fielen brrcct 



D er J all Bottje. 


253 


cutg ber Suft auf bag SJtobium unb bie X&etfnebmer. $ie fpredjenben Sittettigenseu 
nannten fleh fßaul giemming, ©eorg Sieutnarf, Ulrich 3wingli u. f. m. 

2Si^reitb ber Unterhaltung famen fortgefept JBIumenapporte, plöfclich mehrere 
Slpfelftnen, bie Pom Sttebium aufgefangen mürben ober gn S9oben fielen. 

Einige berartige Slpporte mürben birect bei £errrt $rof. Selltn fidjtbar, begm. nahe 
feinem Körper materialiflrt. ferner legte bag Sftebium bag SSlatt einer fßffange Pom 
5£ifch einer amoefenben 3)ame, grau Sßafeioalbt, in bie £anb, Porher bagfelbe in feiner 
£anb gerreibenb, bie §anb ber 3)ame mürbe barauf gugebrücft-, beim Deffnen fanb ftd) 
ein fleineg $erg Port ©lag barin. 

2luf ähnliche SSctfe erhielten Dr. med. £inbhter, Dr. med. oon ©oltau, Sßrofeffor 
0ettin }e einen berartigcn fleiitert ©egenftanb, ebenfo eine, £errit Dr. ßinbtner Permanbte 
$)ame. 2: er $ame beg £aufeg, grau Rentiere Sftüller, mürbe ein fpmbolifcher Sttppcg» 

gegenftaitb, gurn fragen beftimmt, überreicht. 

Stoch meiteren Stehen unb Slitfprachen, auch folgert pon einer fid) „grieba" nennenben 
3nteöigenj, nahm bie ©i&ung gegen 8 Uhr nach furgem ©ebet ihr ©nbe. 

SSdhrenb berfelben gab ber ©irfelleiter einige ©rläuterungen. 2>ie fammtlichen 
SJtonifeftationen fanben in einer gemiffen Sleihenfolge, bigmeilen Siebe beg üJtebiumg unb 
Apporte gleichseitig, ftatt. Xie SHopftöne am £ifch unb gehoben unb bie phpfifalifchen 
Apporte Pon Blumen, ledere in großer Steichhaltigfeit (mohl über 100 ©tücf), fomie ber 
ermähnten fptnbolifchen ©egenftaube fanben in fo einmanbfreier SSeife ftatt, bafl felbft auch 
ohne bie Porauggegaugenen, Pon ber ejncten SSiffertfchaft geforberten ©autelen biefelben 
alg untrüglich überfinnlich anerfannt unb beftätigt merben mußten. 

grau 2lnna Stothe aug ©hemnifc hat fomit ben Siadjmetg geliefert, 
ba& fie ein echteg, pbpftfalifcheg Sftcbium ift, mie eg feiten gefunben miTb. 

S)iefeg Sßrotofoll mürbe allen Ötnmefenben Porgelefen, alg richtig unb mahrheitg* 
getreu befunben unb burch etgenhänbige Unterfchriften befcheinigt. 

Unterf<hriften folgen: 

©. SS. ©ellin, $rof. a. 2). Sllbert Sübicfe. 

Dr. med. ßinbtner. SBalter ßinbtner. 

Sßellmifc. ©tnil SDtapeit. 

Sllbert Bergmann. grau Sttüller. 

grau Sßafemalbt. 

Dr. 3inTe. Dr. med. ©. pon ©oltau, 

©irfelleiter. $rotofoßant. 

&err $rof. ©eHin hat im ^anuar^eft ber „^fydhiföen ©tubien" 
fein Urtheil nocf) befonberg fd)arf formulirt. 6r fd&reibt: 

Sttein ©efammturtheil ift, bafl grau Stothe in ber £hat ein febr 
ftarfeg phPfifaltfcheg unb Srancemebtum ift, unb bafl auf alle gälle biefe 
5E6at fache gegen iebe irre gebenbe unb unmiffenfchaftliche ©fepfig aufrecht erhalten merben 
mufe. 2>ie Sflopftöne fiub ungmeifclljaft echt, mit 3ntelligeng Perbunben 
unb, menn forgfättiger entmidelt unb beobachtet, oielleicht gu Semeiggmecfen gu brauchen- 
3)te 3:rance*©rfchetnungen (23efeffenheitgsXrance) finb gleicht all» echt. 
Db fie animiftifcher ober fpiritiftifdjer Deutung 3 uganglid) ftnb, bag ift, mie meifteng bet 
biefer pfpdjifchcn Sßhafc, fchmer, memt überhaupt gu entfeheiben. 

2Bag bie Apporte anbetrifft, fo finb fte gleid)fallg ungmeifclhaft echt unb 
eht 23eleg für bie mir fo miberftrebenbe magtfebe ©eite biefer ©rfcheimmgen. $)ie 3^)1 
unb ©röfee ber fangen» unb JBlumenapporte mar fo grob, bah fte jeben 3^ifel an 
ber ©djtfjeit augfchliefcen mufltc, felbft menn eine Unterfuchung beg SMiumg nicht ftatt» 
gefunben hätte. Ueberbteg erlaubte mir mein $lafc neben bem SJtebium rechtg, iebe 83c* 
megung begfelben gu perfolgen, fo bafc Pon irgenb melchen bemühten ober un» 
bemufeten taf(henfpielerifchen fßraftifen begfefben nicht bie Siebe fein fann. 



2o\ 


<£ridj Botjn in Breslau. 


ßinen B enteis für biefe» Urtljeit tritt iprofeffor ©elHn »orläufig 
nicht an. Gr begnügt ficf) mit ber Behauptung. 

SJiit biefent Urttjeit ©elliml hat ber gatt Siotlje eine bemerfen8roertf)e 
SBenbung genommen. ©ritt bod) feit 10 gahren ba8 erfte SJlat ein an* 
gefefjener ©piritift öffentlich für grau EHotfje ein. ©iefer Umftanb erfdbeint 
mir aber lange nicht fo bemerfenSroerth, roie bie ©hatfadlje, ba§ ein 9)iann 
wie fßrofeffor ©ellin feinen tarnen unter einen ftflchen Bericht fefcen 
foimte. weife perföntidi, baß £err fßrofeffor ©ellin babei au$ ritters 
liehen s Diotiuen banbette, ©arin futb mir Beibe einig, bafe ba3 EDcotio 
für unfere Itnterfudjungen bie Grfenntnife ber 253afjrE»eit fein mufe, itnb bafe mir 
unteren Ueberjeugungen unbefiimmert um ben ©dhmufe 2lu3brudf geben muffen, 
mit bem unä Beibe ber fpiritiftifdje SJJob beroirft. 6o hodh ich aber auch 
biefe ©efinnnng fchäbe, fo fann id) bod) ©ellin ben Botrourf nicht erfparen, 
int »orliegenben gatl feiner Ueberjeugung in unroiffenfdiaftlidjer unb barum 
roertbfofer gorm 2lu3brud gegeben ju haben*). 3cf) werbe biefen Borrourf 
im golgenben begrünben. 

gn meinem Sluffafe „Gin beutfdbeS -Dfebium" habe id) midj eingehenb 
mit ben Kriterien roiffenfcbaftlidher ©arftellung befdjäftigt. gcfi unterfdjieb 
bie EPietijobif ber Beriditerftattung non ber SJtethobif ber Beobachtung unb 
legte bie Siegeln feft, in beiten fid) Beibe bewegen fotten. ©er Berfaffer 
beS ißrotoMS (Dr. non Soltau?) bat meine Slusführungen über SJtethobif 
berBeridhterftattung entroeber nicht gelefen, ober für überflüfftg gehalten 
93eacf)tet bat er fte ficherlid) nicht, ©ein EfSrotofoH ift fein toiffenfcbaftlidier 
Beridjt, fonbern eine laienhafte Grjählung, bie nicht mehr SBerth als eine 
Segenbe hat. G$ uernacbläffigt ben gmnblegenben ©aß, ba§ man nicht 
Siefultate, fonbern ihr 3 u ftanbefommen barfteüen fott. 

©er Bericht beginnt batnit, non einer Unterfudjung beä SJtebium» 
ju ipredhen. ®a§ ift eine leere Behauptung. SEBir motten miffen, mie baä 
SJtebium unterfudjt mürbe, unb bieg um fo mehr, nadhbem mir groben 
foldher Unterfudhungen fennen gelernt haben. &at etroa grau Slothe roieber 
ba8 Eileib etwas gehoben, ober ift bie Gomtniffion fo forgfältig roie in 
Hamburg oorgegangen? Behielt grau Siothe ihre eigene Äleibung an? 
©er Beridhterftatter büßt fidh hierüber ebenfo in ©djroeigen roie über bie 
3eit, bie jmifdien ber Unterfudmng unb bem Beginn ber ©ifjuitg uerflofe. 
©ollte grau Siothe etma mährenb biefer 3 e ^ auf8 Glofet gegangen fein? 
, ©iefe oberflächliche GrjählungSroeife roirb fortgefeßt. 2Bir erfahren 
nidjts barüber, ob ber Siiicfen be§ SJtebiumS frei, ob ber ©ifdj behängen 
unb ber gmprcfario bei ber Unterfuchung ober bei ber ©ißung anroefenb 
mar**), ©er midhtigfte Umftanb, bie Slnroefenheit be8 mutbma fe* 
liehen Helfershelfer, roirb mit ©tillfdfiroeigen übergangen! 

*) Sellin ttjeilte mir in Icfeter Stnnbe mit, baß er einen gefonberten Bericht »et* 
öffentlichen Werbe. 

**) Brofcffor Sellin tfteitt mir priontim mit, baß er bei ber Sifeitng antoefenb mar. 



Der fall Hothe. 


255 


©ie ©arftettung ber Bbänomene ift gerobeju lächerlich. 2Ran bejeichnet 
bic Älopftöne als ermiefenermafjen echt, ohne eine Silbe ju ermähnen, wie 
biefe ©djtijeit bemiefen rourbe; man fprirfjt non weiteren ©rancereben, 
nacijbem man notier überhaupt nidjt non Trance gefprodjen bat. ©er 
SBerfaffer beS ^rotofoüä foQte bodj roenigftenS foniel wiffenfcbaftliche ©es 
nauigfeü haben, uns feine ©iagnofe beS ©rance^uftanbeS pfjpfiotogifcb unb 
pfpdjologifdb ju entwickln. 

Unb nun gar bie Scbilberung ber 2lpporte! ©ie ganje ©iScufjion 
brebt ji<b batum, welche Bewepngen grau Botbe bei ben Slpporten aus* 
führte, ©et Bericht fpridjt nidbt mit einer Silbe banon. @r [teilt feft, 
baff Blumen in ber £uft erfdiienen. 2ßaS grau SUotEje mäbrenb ber 
3eü machte, barüber febmeigt beS Sängers ^öflidfifeit. 

©aS alfo fott ein 3eugni§ für grau BotbeS ©dfjtbeit fein? ©in 3eug* 
nifj ift eS, aber ein 3eugnife für bie Unroiffenheit beS BeruftterftatterS: ©ie 
Botbe=2itteratur ift um eine Segenbe reicher. 

©ben fo fchtimm ftebt es mit ber SJtetbobif ber Beobachtung aus. 
Schon auf ©runb ber norliegenben lügenhaften ©arftellung fommen mir ju 
ber ©emifjbeit, bafc fte ganj ungenügenb mar. ©S banbelt fi<h b^ nicht um 
eine wiffenfcbaftliche SßrüfungSnbung, fonbem um einen ganj gewöhnlichen 
gamitiencirfel. Selbft baS Seiborgan grau BotbeS, bie SBiener 3ettf<hrift 
für DccultiSmuS, ftebt [ich in ber ganuar--9iummer ju bent befchämenben 
©eftänbnijj geswungen, „bajj bie Sifcung nicht unter ben ©autelen ftatt* 
fanb, bie oon ber correcten SBiffenfcbaft gefordert werben." 

©ie Seitung ber Sifcung ruhte in ben $änben eines DffenbarungSs 
fpiritiften. Dr. 3infe ift unter bem Bfatbonpm Dr. gfnij ber $aupt* 
rebner einer fpiritiftifchen Secte, bie ben Spiritismus als Stetigion be= 
trachtet, ©ie lüde Barbarin grau BotbeS war eine ihr befreunbete 
©ame. Sin ber Sifcung nahm ber gmprefario ©heil, grau Botbe fab am 
©if<b — wirflich, eine „gejlfipng!" 

Sßenn unter biefen Umflänben ein SJiann wie Sßrofeffor Sellin fein 
Beugnift für grau Botbe abgiebt, fo fpridjt bies für feine Diittertidifeit; 
für feine Borftcbt fpricht es nicht. Borläufig werben wir natürlich feinen 
ausführlichen Bericht abmarten müffen. ©ie Behauptung, grau Botbe 
fei ein SRebium, ift bisher fo unbewiefen, wie Tie es war. SBill gemanb 
baS Borbanbenfein überfinnlicher Kräfte beweifen, fo muff er Bewegung 
nach Bewegung regiftriren unb ben SluSfditufj aller befannten ©rllärunqen 
nachweifen, ©inen folgen Bach weis fann nur eine peinliche wiffenfcbaftliche 
Unterfuchung bringen, gamitienfi jungen mit ©ebet finb baju ber benfbar 
ungeeignetfte Drt. — 

©er gatt Botbe ift burch baS Borgeben ber DffenbarungSfpiritiften ju 
einem Sfanbal geworben, wie wir ihn feit Stabe nicht mehr erlebt haben, 
grau Botbe ift fo ferner compromittirt, bah fie jweifelhafte 3eugniffe wie 



256 


<£rtd? Botjn in Breslau. 


bet ^Berliner SSerid^t nidbt mehr retten fönnen. ©ie bat nur jroei Sßege, 
fid^ ju redtjtfertigen: ben gerid&ttidfjen unb ben roiffenf<bafttid£)en. Stadbbein 
fidb enbtidb eine Stimme für fie erhoben bot, bie 33eadbtung oerbient, er* 
fdfjeint eS mir ’unsroedfmäfjig, ben erfteren su befdbreiten, toenn ber lefctere 
nod& offen fte£)t. geh miC batier grau Stotbe einen SJorfdbtag machen, ben 
idfj ihr ftetS gemalt habe. Aber eä ift baS lefete SM. 

grau Stotbe foü fidfj enbtidb roiffenfdbafttidb prüfen taffen, gdb fdbtage 
ibr 4 Gomntifüonen oor: 

1. ©ne Gommiffion ber 33re3tauer „Sefeflfdbaft für ^fpdbifdbe gorfdbung". 
©ie Seitung ber ©jungen mürbe gemeinfant in meinen £änben unb 
in benen be3 ^rofejforS ©ellin ruben. 

2. ©ne Gommiffton in Hamburg, unter ber Seitung be3 Sßfgdbologen 
Dr. SJtaadE unb be£ ©afdbenfpieterS. SBitlmann. 

3. ©ne Gommiffion in Söertin unter ber Seitung be£ ißrofeffora ber 
Sßfpdbotogie Dr. ©effoir unb be3 ißfpdbotogen Dr. 

4. ©ne Gommiffion in SDtündben, unter Seitung beS fßrofefforS Dr. grei* 
berroon ©<f)rencf=9tobing unb be8 fpfpdbologen Dr. Söormann. 

©urdb biefe Gommiffionen mürbe eine roiffenfdbafttidbe Unterlage für 
fpätere ©iScufltonen gefdbaffen roerben. Stimmt grau SFtotbe baS Anerbieten 
na<b S3re2t.au an, fo bin idb bereit, fämmtlidbe ftoften ber Steife, Unter* 
fud^ung unb be3 Aufenthaltes su tragen, ©ie ©. iß. g. garantirt grau 
Stotbe, baff feine Unterfudfjungen oorgenommen merben, bie ihre Gbre ober 
©efunbbeit gefäbtben. ©ie erbietet ficb, baS Stefultat unter ibrent Stamen 
befannt su machen. 

2Bie ber galt Stotbe auch enben mag, ©neS ift fidher: © bilbet eine 
moratifdhe Stieberlage beä DffenbarungSfpiritiSmuS, mie fte oernidhtenber 
faum gebadht merben fann. gft grau Stotbe eine S3etrügerin, fo bat er fidb 
ber S3egünftigung beS 33etrugeS fcbulbig gemadbt; beftfct fie fupranormate 
Jträfte, fo trägt er bie 33erantroortung, bie SBiffenfdbaft fpftematifdb an beren 
Unterfucfjung gebinbert su b a & en - $ie ©dbulb an ber ©ragöbie fällt ftets 
auf fein #aupt! 



Dev richtige Scfymerbaud?. 

Don 

^efaiigfer**. 

Uebertragen pon Sigmar ZTCefyrtrtg, öerlin. 


tüenn burdj’s (fenfter meiner Ejütte 
Kaum bie IHorgenfonne brang, 

£enf idj mente ergen Sdjritte 
fjoffnungsüoU 50m Speifefdjranf. 
Einem (Sott glaub' idj 3U gleichen, 
Duftet mir ein Bratengücf. 

Was mein IRnnb nid?t fann erretten, 
Das ©erfdging' idf mit bem Bltcf. 

für bas (Erinfen mug idj banfen, — 
rnid? ergötjt es nidft bie Spurl 
(Ein (ßetränf giebt man ben Kranfen, 
(Effen fdjmecft (Sefunben nur. 

IDenn idj mir bie EDodug male, 

IDttb fte fo ©on mir erfdjaut, 

IDie fte fttjt im Speifefaale 
Unb mit ©öden Bacfen faut. 


ZTat^ir ftdj bie gemo^nte Stmtbe, 

IDo bas IDirtbsbaus ruft 3ur Haft, 
Bin id? ©on ber (Eafelrunbe 
Kdemal ber erfte (Sag. 
llnb ber Speifen üpp’ge menge 
^Jüdt fo garf mein Bäudlern an. 
Dag idfs burdj bie (Eb^r, bie enge, 
Hädjgens nid?t mehr 3i©ängen fann. 

IHe^r als (Einer auf ber Erbe 
3 g ber Kod} mir ein y>oU 
Der ©on feinem Küd?enberbe 
21us beeingugt unfer 2Dot}(. 

(Sleidj ben litten Qimmelsboten 
Kleibet er gdj unfdjulbsmeig. 

IDie bie ©pfergammen lobten. 

So umbampft’s ibn glut^en^eigl 


fjolt midf eing ber (Eob, fo fod es 
mitten in ber mat^eit fein. 

Qädt mein Bäuchlein bann, mein ©ödes, 
3n ein rneiges (Eifdjtudj ein. 

Unb als 3 nfd?rift geV in fdjlidyter 
form an meiner Kubegatt 
Hur: Ejier liegt ber erge Dieter, 

Der gdj übergejfen b a *- 



2tanfjett. 

Don 

aSeotg fftEtfjemt bon Ompteba. 

— Dresben. — 


er ffrieben war gefd&loffeit, bie Gruppen festen in bie Heimat 
jurüdf. Unter ihnen Seutnant non Siebbin. 

@r hotte ba! £rieg!leben genoffen, Süßedhfel unb Stufregung 
non SJiarfcb, Schlacht, Stube, ©efedbt, unb bie 2lu!ft<ht auf ben Trieben!* 
bienfi wollte ihm nicht, behagen. 

©in halbe! $abr blieb er nodh beim Regiment, bann nahm er feinen 
Stbfdfjieb. 6! war überhaupt beffer für ihn, wenn er fetbft auf feinem 
®ute nach betn Siechten fah. 

S3on feinen Seuten hatten fo unb fo niete ben ffetbjug mitgemadht, 
einige waren fogar bei feinem Slegünent gewefen, unb al! ftcf» #err non 
Siebbin nun in’! Sanbteben jurüdfjog, fanb er in Siodhenberg eine ganje 
Shtjabl alter Rameraben wieber, bie gleich ihm jefct ben ©inilrodf trugen. 

Ta! erleichterte ihm ben Uebergang. Ter fförfter hatte ben gelbjug 
mitgemacht, ber ^nfpector, ein paar itnedfjte, mehrere Tagelöhner, unb feinen 
23urf<hen Thoma! au! ber $ttieg!jeit hatte er al! Tiener mit auf! ©ut 


genommen. 

SBenn er bie Seute traf, blieb er oft ftehen, unb fie fptadhen nom 
nergangenen ßrieg, frifdhten ©rinnetungen auf, rebeteit ernfi ober lachten, 
futj ein Äitt entftanb, eine Slrt $amerabf<baft, wie fie bei ben ©olbaten 
gewefen. 

Slttmähtidh gerieth ber gelbjug in SSergeffenheit, war felbfloerftänblidh, e! 
würbe !aum mehr baoon gefprodhen, unb £err non Siebbin oerwaltete fein 
©ut unb ging auf bie Qagb. 



Heittfyeit. 


259 


SJlit ben Siadhbant hatte er nodfj feine 23egiehungen angefnüpft, eine 
gefettige Statur war er nie gewefen. ©ie nädhften @üter lagen entfernt, 
unb ba Slodhenberg für ihn, bet früE> SBaife geworben, feit Sdljulgeiten 
oermaltet worben, fannte er nicht einmal feine Stadfibarn, wufete faum, wer 
jte waren. 

316er wie bie Langeweile roudbS, entfcf)lofe er fidh bodj eines ©ageS 
roenigftenS in ©etnplow, bem nädfjftgelegenen ©ute, SBefucjj gu matten, 
©ort würbe er bann fehen, wie ihm baS neue Leben besagte. 

©r liefe atfo bie alte Sraune, bie er im Kriege geritten, unb bie nun 
im leisten SBagen baS ©nabenbrot befam, anfpannen; ©hontaS mufete 
ben wiberborftigen ©plinber glätten, auf ben Kopf ftfitpen, unb fie fuhren 
baoon. • • 

Unterwegs erfunbigte fidfj $err oon SRebbin nadh benen in ©emplow. 
©ie Leute auf bem ®ut wufeten waf)rfdjeinti<f) beffer SSefdheib wie er, unb 
er erfufer, es gäbe eine -Kutter unb gwei ^ödfeter. 

$err oon Siebbin befam fcbon einen fürchterlichen SchrecEen, ba fiel 
er ja gang unter bie ©amen. Unb bagu war er nicht geeignet. Sdfjon 
im Krieg hatte er ftch ben 23art ftehen laffen, ber jefct nodfj etwas oer= 
wilbert ungepflegt auSfah, wenn er audh gu feiner wenig forgfamen Kteibung 
unb ben braunen ßänben, bie gewohnt waren, fetbft gugufaffen, wohl 
pafete. 

3=rau oon Steicfjftäbt war eine gidhtgefrümmte alte ©ante, fo bafe 
£err oon Siebbin bei ihrem Slnblicf, wie fie ffimmerlich bafafe, einen nodh 
gröfeeren Sdhrecf befam. 

©aS wirb ja amfifant, meinte er im Stillen. Stber als bie ©öcfjter 
erfdfjienen, beibe obgleidh nidht mehr gang jung, bodfj nidht fibel, gellte fidh 
feine SJtiene etwas auf. 

©ie SJtäbdfjen waren im Sitter auSeinanber. ®ie Sleltere führte bie 
SBirthfdhaft unb war audh in gotge beffen halb wieber unficfetbar geworben, 
wahrfdheinlidh für ben ©aji baS ©ffen herguridhten, bcnn wie eS auf bem 
Lanbe Sitte war, behielten fie ihn gteidh gu ©ifdh. 

Slatfirlidh wollte $err oon Siebbin audh oom ®ut etwas fehen, unb 
bie alte ©ante fagte, fobalb er ben SBunfcfj geäufeert, gu ihrer ©odfjter: 

„SJlarfa, führe ^erm oon Siebbin. 3hr fönnt wenigftenS ben ©e= 
müfegarten nodh anfehen." 

Sie gingen hinaus. $err oon Siebbin war etwas oerlegen, er war 
eS nidht gewöhnt, mit ©amen gu fpredhen. 

©odh baS junge SJläbdhen geigte fidh ® on foldjer Slatürlidhfeit, bafe feine 
^Befangenheit balb fdhwanb unb fie miteinanber rebeten wie gmei SJlänner, 
gwei Lanbmirtlje. 

2tb unb gu betradhtete er fie wohl oon ber Seite unb fanb fie nidht 
gang ÜJlann, benn fie gefiel ihm gut. 



260 


<Scorg (freifyerr pon ©mptcba in Dresden. 


©r fanb SlnfnüpfungSpunfte mit ifjr, unb als bic Sanbroirthfdjaft 
bur<hgefpro<hen roar, entbedte er plöfclich ju feinem mafslofen ©rftaunen unb 
feiner unenblidjen greube jugleidj, bah fie ben fjetbjug als Pflegerin 
mitgemacht. 

„■Dient feliger ©ater roünfdjte eS. ©r felbjt roar ju alt, mir haben feinen 
©ruber, fo foüte bie yamilie roenigflenS etwas für baS ©aterlanb tbun. 
SDfeine ©diroefter blieb ju &auS. $dj bin faft ein ^atbeö ^aEjr in granf* 
reidj in ben Sajaretfjen geroefen." 

3iun rife bie Unterhaltung nicht ab. ©ie fannte eine SDlenge feiner 
Äameraben, rougte non ©d)lad)ten unb ©efedjten, non ©tärfchen, ©e* 
lagerungen, als hätte fie fie felbft mitgemadjt. Unb als &err non Siebbin 
an biefem ®age tjeimfuljr, mar er feft entjchloffen, feinen ©efuch in Semploro 
fo halb als möglich ju roieberhoten. 

@r hielt SBort, unb febe SBodje tninbeftenS jroei 3Jial mürbe bie ©raune 
angefpannt. 

darüber »ergab er bie übrigen ©üter. ®o<h als ber £erbfl fam, 
er nirgenbs gemefen roar, fich aber in ®emptoro brühen faft roie ein ©ohn 
beS Kaufes fühlte, fagte et fich, eS mühte auffallen, bafs er nur bort »er* 
fehrte, unb bie Seute mürben öarüber reben. 

Silber bas roar ihm gleidh, er fütnmerte fich ja um feinen SDlenfdjen. 

2llS ber ©<hnee aber fdhon bie gelber beclte, ging er mit fich nod) 
ju Siathe unb fah ben ©goiSmuS ein, ber barin lag. ®enn »ielleicht 
roar es ben ®amen nicht gleicbgiltig. 

©r wollte fie fragen. Silber baS roar ihm hoch peinlich, unb bei 
biefen Ueberlegungen bin unb t>er fant ihm mit einem SDtat bie einfachfte 
Söfung, bie fi<b benfen lieff : Beirat hen wollte er! ®a8 muhte er als Sanb* 
roirth. ©r fannte SRiemanb au§er SReidjftäbtS, unb ba roar es ihm fofort 
flar, er muhte, roen er heirathen wollte: SJiarfa. 

2BaS er aber nidjt muhte, roar, ob fie ihn haben wollte. ®od» un* 
befangen, roie fie miteinanber oerfebrten, in jener einfachen ©elbftoerflänb* 
lichfeit, bie ihn fo unenblid) anjog, jögerte er nicht lange, fonbern als er 
eines ®ageS einen Silugenblid mit ihr allein roar, fragte er, ohne Umfchroeife 
gerabe auf baS 3'el loSgehenb, ob fie nicht grau »on Siebbin werben 
wolle? 

©ie fchien erfchroden, er noch mehr, ©r meinte feiner ©adje fo ftcher 
ju fein, bah et nicht begriff, um roaS fich ihr 3<>9 etn h an beln fönne. 
Silber fie wollte jefct nicht bariiber fpredjen. 

©o »erging roieber 3eit. gmmer ging eS ihm im ftopfe h er um. 
SRach bem 2Beihnad)tSfeft, baS er allein »erlebt, fragte er fie noch einmal, 
©ie fagte nicht nein, aber audj nicht ja. ©troaS roie eine ©djeu, ein ©er* 
borgeneS fchien in ihr ju fein, baS er mit feinem einfachen berben £anb= 
junferfinn nicht »erftanb. @r meinte, eS märe SRüdfidjt auf bie ©chmefter, 
bie bann allein blieb, ©r »erflanb nicht, roaS ihm fonft im SBege flünbe. 



Gnblidb fan» er auf beit ©ebanfen, er habe flcE) geirrt, unb fte möchte ihn 
nicht. 3HS fe<h baS einmal in feinem Äopfe fefegefefet hatte, ftettte er plöfelich 
feine 33efudje ein, nur wenn eine Ginlabung fam, fuhr er ffen. Stber er 
mar einftlbtg, oerfditoffen unb blieb nid)t lange, fo baft bie ©amen nicht 
begriffen, was mit if)m norgegangen fei. 

Gnblidj als eS fd^on fyrül)ling geworben unb er wieber einmal 
nadj ©emplom hinüber gefahren mar, fragte ihn $rau non 9lei<hfeäbt, 
warum es benn jefct immer einer befonberen Ginlabung bebürfe, bamit 
er fäme? 

Gr fdpoieg unb blidte ÜJlarfa an. Sie fenfte bie 2lugen. 2lber er 
mar nicht }imperli<h unb befehlofe, reinen ®if<h ju machen. 

3m ©arten, wo fie feljen wollten, ob bie Sdjneeglödchen fdjon blühten, 
nahm er ihre $anb unb fagte für}: 

„Sie müffen mich nicht fo im 3weifel laffen, 3<h will roiffen, wollen 
Sie meine fffrau werben ober nicht?" 

Unb mit einer Keinen Sitterfeit fügte er hinju: 

„£aben Sie feine Slngft, mir’S }u fagen, ich würbe eS ganj begreif» 
lid» finben, wenn Sie nicht wollten." 

®o<h mit einem 5Dfal blidte fte ihn mit einem Msbrud an, ben er 
noch nie an ihr wahrgenommen, ©amt fehtug fte bie Slugen nieber unb 
fagte: 

„3<h weife nicht, ob ich fann." 

Gr oerftanb nicht. Sie fuhr fort: 

„3<h müfete 3h nen «twa§ geftehen, unb ich weife nicht, ob Sie mich 
bann noch einmal fragen mürben." 

9toch immer begriff er nidit. Sie fämpfte mit fed), follte fte eS fagen 
ober nicht, aber fdjtiefelich fdiwieg fie, unb nun brang er in Re: 

„SßoHen wir nicht offen gegeneinanber fein? Sie fagen mir ganj 
für}: 9le in. Sie paffen mir nicht, ich will Sie nicht, unb ich nertiere nie 
ein SBort barübet." 

3mmer noch wagte fee eS nicht, ihn an}ubliden. ®a fehofe ihm fäfj 
eine Sermuthung burdi ben ßopf, unb er fragte ängfelid): 

„$aben Sie etwas gethan? £aben Sie etwas }U oerbergen?" Sie 
warb binnen einer Secunbe purpurroth unb nidte leife. Gr erfeferaf. 
Merlei Sermuthungen famen ihm. Gr ahnte ein Unglüd. 3BaS fonnte es 
nur fein, baS fee ihm nicht fagen mochte unb vielleicht boef) fagen mufete. 
Unb etwas UnbeftimmteS fdjlidh fed) in feine Seele, als hätte fee ein 
Unrecht gethan, baS fee ihm nicht eingeftehen burfte. 

®en fWadfmittag fprach deiner ein SBort, unb nur bie alte ©ante half 
batüber hinweg; eS waren 33 riefe angefommen von Serwanbten, bie las 
fee ber gamilie »or trofc beS ©afeeS, ber fed) bei ihnen ja aber faft ein 
greunbes», ein $auSre<ht erworben. 



262 


(ßcorg (freitjerr con ©mpteba ttt Dresben. 


Sod) ber ©ebanfe liefe tf>n nicht log. Unb als er nad& §auS fuhr, 
padte ifjn plöfclid) baS ©ntfefeen: um Ootteg mitten, roaS fonnte eS fein ? 
©troaS fo Schlechtes, bafe fte ei ifem oerbergen mufete? Unb miber feinen 
Sßitten ftiegen in feiner im lefcten ©runb boch egoiftifcfeen 9JtanneSfeele 
allerlei bunfle SBermuthungen unb 3weifel auf, 3weifel <ut itir. 

3n befferen Siugenblicfen lachte er bariiber, roenn iljn im ©ebanfen 
baS ehrliche blaue 2luge beS 3Jtäb<henS anfafe. Sarin fonnte fein galfcb, 
fein Srug fein. 

Slber ei fam mieber, jeferte unb nagte an ihm: roenn nun bod& etwas 
babei wäre? 

Unb bie Ungebulb quälte if>n fo, bafe er feine Treibarbeiten oergafe, 
thöridjte 2lnorbnungen traf, roiberrief, Steuer befahl, abermals einen ©egen: 
befebl ertfjeitte. 

3n biefem 3uftanb konnte er es nidjt mehr aushalten, unb er liefe 
fofort anfpannen. 3« Semploro blieb er nur furje 3eit, bloS fo lange, 
bis er einen günfligen Slugenblid erfpäljt batte, bem ÜJtäb^en allein bie 
wenigen SBorte jujuraunen: 

„SSenn Sie eS nidjt fagen fönnen, fdjreiben Sie eS, nicht roie einen 
23rief, einfach roie eine ©rjäfjlung. 3<h gebe 3b nen niein SBort, ich bringe 
3buen ben 33 rief juriief, fein 2)tenf<h fott ihn fe^cn, ober ich oerbrenne 
ihn felbft." 

Satauf fuljr er nadi ^»auS unb oerbrachte nun in fieberhafter 2luf* 
regung bie Stunben, ob ein 33rief fäme. Unb roirflich am anberen 
ttJtorgen roar er ba. 

3Jtit jittemben $änben, benn er fchien fein ScfjicJfat ju enthalten, 
brach er ihn auf. 

Ueberfchrift unb Unterfchrift fehlten, eS roar in ber Shat nur eine 
furje Sdjilberung. Unb mit flopfenbem $erjen begann er ju lefen: 

* * * 

„3$ wollte nidjt nnniife ju ßauS bleiben, ba ging ich als Jfranfem 
Pflegerin mit. Ser Unterfdjieb jroifdjen bem füllen Semploro unb bem 
©reuet ber Scfdadjtfelber, ben Dualen, bie idj in ben Sajaretljen mit an* 
fefjen mufete, roar fo, bafe ich juerft nicht roufete, ob ich würbe ertragen 
fönnen. 

3m Anfang hatte ich es nur mit leichter 33errounbeten ju thuu, ißreufeen, 
Saiern, fyranäofen burdjeinanber. 

©S roaren meift g-ätte, bei benen eine Dperation nicht nöthig geroefen. 

2lber allmählich roedifelte ber ©harafter. @S fonnte nicht mehr fo genau 
gefdjieben werben, unb bie fuvdjtbarften iBcrletmngen famen hiuju. 

3<h war notier 3Jfitleib mit all biefen blüfeenben jungen Seuten, oon 
benen ich wir immer einbilbete, roenn man fie wie leblos getragen brachte, 
ich mufete fie alle noch ein paar Stunben oorber, beim SluSmarfch jur 



Ketntjeit. 


263 


S<ßlacßt gefehlt ßaöen, frifcß, rotß, luftig, unb jeßt ttmrben fie bleich, mit 
»erjerrten ©eftcßtem, oßne ein ©lieb ju rüßren, gebracht. 

©ine Seit lang im gelbtajaretß SJtonceaup mußte ich bei beit Dperationen 
mit jur $anb gefeit. Raum ift einer operirt worben, ein furchtbarer 
Schnitt auSgefüßrt, eine SBunbe erweitert, bie Rüget ju fuchen, ein jer= 
fcßmetterteS 33 ein abgenommen ober ein Strm, ber Sierbanb angelegt, fo 
fommt fchon ein neuer baran. fDian Etat nicßt Seit, nacß 3 ubenfen, muß 
^janbreicijungen tßun, 33inben, Schwämme bringen, all baS ftrömenbe 33tut 
muß befeitigt toerben, nothbürftig, benn ber näcßfte liegt fchon braußen, 
ftößnenb ober in rootiltEjätiger Dßnmacßt. 

Sie warteten, Steiße an Steiße, unb wir hatten nicht ^änbe genug, 
um jujufaffen, nicht Slugen genug, ju feßen, eS ging 2ltleS mecßanifch, faum 
würbe ein 2Bort oerloren. Unb bei ber unauSgcfeßten Arbeit, bie uns 
!aum Seit ließ/ einen 33iffen bajwifcßen ju uns ju neßtnen, uergaß ich 
alles SJHtleib. Sn bem $in unb .§er, bem Rommen nnb ©eßen, hinein; 
tragen, $inauSbringen, bei bem unausgefeßten Schreien unb Stößnen, bei 
bem S°ntmem unb 33eten, faß ich nidit meßr bie Qual beS Ginjelnen, ßatte 
idß nur noch baS 33ewußtfein meiner Pflicht. 

Sa befatnen wir etwas Suft. Sie Dpfer ber Schlacht waren »er= 
forgt, ein Sßeil ber Sterjte mußte weiter. 3<h blieb 3 urücJ jur pflege für 
eine Strahl Offiziere unb Seute, bie in ben einjelnen Rammem unb Stuben 
eines großen ©eßöfteS untergebracßt worben. Unb nun war ’plößlidß ber 
Särm unb bie Unruße einer großen Stille gewichen, in ber nur ab unb ju 
ein Seufjer, ein leifer Stuf, eine Sitte flang. 

Unb jeßt in ber Stille rächten fi<h mit einem SJtale bie Sternen, unb 
idß weiß, baß ich in einem Simmerchen, wo ein preußifcßer $auptmann 
unb ein franjöfifcßer Qägeroffiäier lagen, Seibe fdßwer nerwunbet, plößlich 
oßne jebe Seranlaffung jufammenbracß unb fürchterlich anfing ju weinen. 

Ser ^ranjofe menbete ben Ropf. @r machte mit ber gelblichen 
fcßroadßen £anb ein Seiten wie „Serußigen Sie ließ" unb btiefte mieß 
mit feinen foßlfcßmarjen 3lugen an, als wollte et fagen: »Stießt weinen, 
es wirb ja Stiles noch gut." 

Slber am felben Sage ftarb ber $auptmann, unb als et gegen 2lbenb 
ßinauSgebracßt würbe, blieb in bem Simmer nur bet granjofe jurücf. 

$dß ßatte feiner -Operation beigewoßnt, bie Rugel war in ber Sunge 
gefunben. Stber eS waren fo nie! ©efießter auf bem Sifcß oor meinen 
2lugen »orübergegangen, baß icß ißn in ber Grregung unb ©ile nicht wieber 
erfannt ßätte. 

Ser 3lrjt fam an baS Säger, ©r fragte ben g-ranjofeit, wie es 
ginge. Ser antwortete mit einem banfbaren 33licf ju mir, baß icß be= 
feßämt jur Seite trat, mit leifer Stimme franjöfifcß, benn er fonnte nicht 
beutfeß — er werbe non einem Gugel gepflegt. 

©r feßien ju glauben, nun fei er gerettet. 



26^ (Seorg ^reißerr »on ©mpteba in Dresben. 

©er ©tabSarjt fagte mit braunen auf bem ©ang, et mürbe ben 
ÜRorgen nicßt erleben. 

®a feßrte idß in baS glmnter jurüd, ein Heiner roetßgetündßter 9iaum 
ohne jeben ©djmud, roaßrfdßeinlicß eine gutterfammer, morin ber 33er= 
rounbete auf ©troß am S3oben lag. 

3<ß ßatte baS ©efüßl, als müßte idj nun jeigen, baß idß audß 
ber SBorte mertß fei über meine pflege. Unb idß blieb, fo »iel idß 
fonnte, bei ißm, ber nid^t meßt fpracß, fonbern im gieber mit wu 
ßeimlidß gtänjenben Slugen balag, fröftelnb jufammenfußr unb bie gäßne 
aneinanber fdßlug. 

©in Sidßt brannte auf einem Keinen gaß, baS mit in eine ©de 
geftcHt, einen ©tußl gab es nidßt, fo ließ idj midß auf eine ©dßütte 
©troß nieber. 

gcß mürbe anbermärts nicßt gebraust: eine ©cßmefier »om rotten 
ftreuj mar brüben, unb ein ©ßeil ber aSerrounbeten fdßlief. 

©o blieb idß benn bei bem granjofen fißen. 3Rir mar eS ein eigene« 
©efüßl; id) mußte, er mußte fterben, id) moHte ißn bie leßten Slugenblide 
nidßt allein taffen, er foHte in feiner ^ödßften ©obeSnotß ein füßlenbeS 
SBefen bei fidj miffen, eine £anb galten fönnen, menn er banadß griff. 

®ie ©tunben »ergingen. ©a überfiel midi bleierne Wlübigleit; idj 
lernte midß an bie SBanb unb nidte ein. 

ipiößlidj fußt idj auf, irgenb gemanb ßatte gerufen. 

©er granjofe Ijatte fidß jur ©eite geroenbet unb ftredte mir bie ginger 
entgegen. 3$ gab ißm meine £anb, bie er feftßiett. ©o blieb er lange 
liegen, immer bie fcßmarjen, fieberglänjenben Sttugen auf midß gerietet, 
roäßrenb es bei jebem Sltßentjuge in feiner SBruft pfiff. 

©a begann er $u fprecßen. ÜDtit ftodenben SBorten erjäßlte er »on $u 
4?auS, »on feinen ©Item, »on feiner ©djroefter, beten HÜann gleidß ißm 
im gelbe flanb. ©r ftammelte einen ©anl, baß i dß bei ißm blieb, irre 
■JBorte, idj müßte immer bei ißm fein, ißn nie »erlaffen, unb babei ßielt 
er meine $änbe, roollte fie nicßt freigeben unb müßte fidß ab, fte an fuß 
ju jießen, unb mie idß nadigab, madßte er ben Serfudß, meine £anb an bie 
Sippen ju brüden. 

Sann fdßltef er ein ober fdßloß menigfienS bie 3lugeit. Unb als er 
»on Steuern aufroadßte, faß er muß mieber mit fo banlenbem, innigem Slitf 
an, baß idß an feinem Säger nieberfniete unb ißm lädßelnb über baS 
fcßmatje .fjaar fußr, liebfofenb, mie etma einem §unb, einem armen »et= 
rounbeten ©ßier, bas einem frentb ift, aber mit beffen Dualen man bodß 
3Jlitleib empfinbet. 

©aS fcßien ißm gut ju tbun, benn al« idß aufßörte, nidte er, idß 

füllte fortfaßren. goß ftridß ißm mieber unb mieber baS £aar aus bem 

©efidßt, bocß icß rnarb mübe unb madßte nun SJtiene aufjufteßen. 

% 



Reinheit. 


265 


®a warf et mit einen fo entfe^Kc^ angftoollen Süd ju, ooff Sitte, 
ooH Setjweiflung, »erfüllte fid) aufjuridjten, ftöljnte, fiel jufammen, wenbete 
it<h «Heber nach mir Return, unb immer faß i<ij blefe fiebetglänjenben, 
fohlfdjwatjen Stugen not mir, bie ein SBunfdj ju befeelen fdjien, unb ich 
[egte ißm non Steuern meine fjanb auf ben Kopf. 

@r warb fofort rußig. ©eine ©tim fanf jur ©eite, et fudjte feinen 
Kopf mit möglicbft ju näßem, wirflicß wie ein liebes, treues ©hier, bei 
bet Serüßrung bet Herrin. 

3lbet fanft bemühte ich mich ihn ßerumjuwenben, benn idj mußte audj 
na<b ben Sfnberen feben. Slls idß SJtiene machte, fortjugeßen, würbe et fo 
unruhig, baß er wie einen Krampf, einen ©rftidungSanfall befam. ®r faßte 
ftd> laut ftößnenb nach bet ©eite, unb i<b war fcßroad) unb blieb. Qdj 
fonnte nicht fort. 

©obalb ich mich wieber nieberließ, warb er ruhig, ©eine ßanb fanf 
nieber, unb er atbmete nur, ein entfeßlidjeS Sltßmen, bei bem eS immer raffelte 
unb raufcbte in ber nerwunbeten Sruft 

3<h glaube, bie 3)tübigfeit bat mich wieber überwunben, benn als ich 
auffubr, hotte er lieb auf einen ©ttbogen geflößt, feine Ringer jitterten, er 
atbmete für}, ununterbrochen, wie eine fdjwer feueßenbe 3Jlaf<hine, unb ich 
batte baS ©efüßt, ich hotte es ja im Sauf biefer ferneren SJtonate oft 
genug erlebt: ber 2tr?t be hielt Stecht. 

®a padte mich überftrömenbeS SJKtleib mit biefent armen ©terbenben; 
idb batte bie ©mpfinbung, hier ift ©ein ißlaß, bis es aus iji, ©u be= 
reiteft ißm oieHetdjt noch ein paar glüdliche Minuten, ©n machft ben ©ob 
leichter, grifft ißm ben ferneren Slbfdjieb oom Süßt nehmen, burc h bie 
bunfle Pforte eintreten in bie ffinftemiß. 

Unb nie bot mich folche Ergriffenheit überfommen, nielleicht weil nichts 
SlnbereS mich abjog, weil ich allein war mit bem, ber jeben Sttugenblid 
ben leßten 3ftßent}ug tbun fonnte. 3<h fchob meinen Slrm unter feinen 
Kopf, um ihm baS Suftbolen }U erleichtern. Unb nun fab i<h bicht neben 
mir blefe großen, fdßmarjen, glfißenben Slugen, in benen 3UleS lag, bie eine 
gau}e_©ef<hid)te erjäßlten, bie Stbfcßieb ju nehmen fchienm non ben armen 
©Item, non ber ©chwefter, non feinem fchönen Sanb, bie mir Stufträge $u 
gebm ßbienen — wenn ich auch nicht wußte, wer er war, — (te alle ju 
grüßen, ihnen baS SlbfdjiebSwort auSjurichten. 

3Jtir war es, als träte ich an ihre ©teile, als wäre ich baS ©injige, 
was ihm noch blieb, als müßte ich ihm nun mit allen Kräften meiner 
©eele ben ferneren ©ang erleichtern, ihm helfen, helfen, baS ©cßönfte, baS 
uns -Dtenfdjen gegeben ift. 

Unb ba nernahm ich feine gurgetnben, flammetnben SBorte, nicht ju 
oerfteßen, als ob fuß ber ©inn bereits oerwirre, bie Sprache oerfagte, unb 
bajwifdßen wiebet ein entfeßUcheS mfiheoolles Stingen nach Suft, ein 

Stab nab ©Ob. XCVI. 287 . 18 



266 cßeorg jreit)ert ooit ©mpteba in Dtesben. 

SWaffetn/ ein Stöhnen, nnb nur bie Singen fdjienen ju bitten, ju erjäljten, 
ju ftefien. 

3fa, fie baten etwas, iie flehten. @r fudjte meine $anb. 3<h gab 
ihm bie Siebte, bie frei mar, reäljrenb id ißn nod mit bem linfen Slrm 
ftüßte. 35a fügte er glübenb meine Ringer unb ftammelte nur immer einen 
beißen 35anf mit faum »erftänbliden Sorten. 3d meinte etwas betaus 
ju hören, roie »orbin jum Slrjt, i<b märe fein ©ngel, fein ©injigeS, Mb 
bürfte ni<f)t fort, i<b muffe bleiben, — er wolle nicht fterben, nodj nicht fo 
frftt), jefet nod) nicht. 

Unb i<b er6lidte tief erfdüttert in biefem jungen, bod nod ju Sehen 
unb ^baten beftimmt geroefenen SJtann bas Sträuben ber fräftigen Statur, 
bie fnb mebrte mit aller SJtadt gegeu ben SCob, ber ibu unerbittUd leife 
umfing, roie mein Slrm feinen Staden. 

Stun fagte er »löblich ganj beutlid: er müffe fterben, er rofiite es 
beftimmt. 3d roollte ibn beruhigen, aber er fdüttelte ben Jtopf, unb 
»löblich ftammelte er aufgericbtet, inbem er mich »erjebrenb anfab: 

„Une priöre.“ 

Sir roaren uns ganj nabe, fo nabe, bafe roir uns faft berührten, 
unb bafe ich nun beutlid hörte, roie es in feinen Sungen {lang. 

Unb er bat noch einmal, ben lebten Sunfd möchte ich ihm erfüllen. 
35a bot er »löblich alle feine lebte Äraft auf, fdlang beibe SIrme um 
meinen Staden, jog mich an ftd unb brüdte mir bie judenben Sippen auf 
ben SJtunb. 

Unb ich Hefe ihn gewähren, legte ihn fanft uieber, überliefe mich 
feinem Äufe. Unb ich weife, baß meine Sippen ben lebten ©rufe jurüds 
gereicht haben. 

®ie Slnftrengung war ju groß geroefen. Seine Sinne ließen nach, er 
fiel jurüd, er roar tobt. 

3d roifchte ifein ben Schweife »on ber Stirn, fanft brüdte id ihm 
bie Siber ju. 

35ann ging ich hinaus. Unb ich, bie ich abgeftumpft roar burd SQIeS, 
roaS ich gefeben unb erlebt, fonnte nid)t anbers, unb braufeen, als ich auf 
bem fdjmalen ©ang beS SSauembaujfeS ftanb, habe ich geroeint unb ge= 
fchluchjt, bafe ich mich lange, lange nidjt faffen fonnte. 

3<h hin fpäter über mich felbft erfchroden. Sa8 batte ich getfean! 
3d balle niidj an ber Stätte meiner Sßflicfet ber Siebfofung eines SJtanneS 
überlaffen, ja, ihm felbft aus freiem Slntrieb, id, bie ich, baS fdjroöre ich, 
nie an einen Samt gebacht batte, mit meinen Sippen ben flufe 'jurüd* 
gereicht. — 

Unb id fdäme mid nod beute. 3d hätte es Sluge in Sluge nidt 
fagen fönnen. 3d fonnte nur fdreiben. SJtir ift jeS roie ein SJfafel, id 
bin nidt rein. Sir haben nenlid im ©arten SdjneeglBddjen gefudt ©in 
früher Raiter gaufeite bariiber hin; roenn man ihn leife berührte unb tbäte 



Hemrteit. 267 

ihm audj fein &eib, litte bet feine ©taub auf feinen klügeln nicht bennodh 
Staben?" 


•fjerr non SRebbin legte ben SBrief aus bet £«nb. @8 war ihm, als 
hätte er einen S3tidf getban in eine Sßelt, non ber et, bet frifdhe ©olbat, 
bet betbe Sanbjunfet, nie etroaS geahnt; einen SBlicJ in baS feine fühlen 
eines reinen 3Jtäbdjen8, eines 2M><benS, baS fein ju nennen baS gröfjte 
©lüd feines SebenS roar. 

Unb nodh ben Srief in bet $anb, mährenb [ich — mar es Führung, 
toat es (Slüdfeligfeit — feine Slugen nähten, rief er ben? Wiener nom 
genfier feines 3immerS in ben £>of hinaus ju: 

„©ofort bie Sraune fatteln. ©c^nett l f cbneH! üb reite." 


W 


\. 




CSC: 



3Huftrirte Bibliographie 


*a» ttiefcitgeftirae im SBinier mit SerücfRchtigung b e» SBinterfport» in anbercn 
RhleRfcben ©ebtrgen unb im $arg, officiell bearbeiteten 3krgeid)niffen ber Schnee* 
fdmbtouren im liefen* unb Sfergebhrge fotote einem Anhang: Sfiggen au» bem 
fomtnerlichen Sttefengebirge. $Bon öertbotb ßeffentbin. SJtit 75 2tbb Übungen. 
0re»lau, Schief ifche 3öerlag»*SlnRalt ü. S. Schottlaenber. 


$ic feiten, in benen 
unb be» Sdjrecfe n» mar, 
bafe er Re R<h noch 
al» Sife ber ewigen 
©ötter oorgufteßen 
Permodjte, Rnb ba= 
bin; bie mächtige 
SBanblung, welche 
RchinunfererStatur* 
anfchauung feit ben 
Sitten bottgogen, bat 
ba» Jöcrbältnife be» 
aWcnfcben gu ben 
30ergen Pöttig ber* 
änbert Selbft in 
ihrer furcbtbarften » 

©eftalt haben Re für 
ben mobemen ©cift 
eine 3füHe bon ans 
giebenben Steigen, 
ja, e» giebt heu^u* 
tage genug enragirte 
fcimmelfturmer, für 
Welche ber rechte 
©egengcwlcbt gegen 
gleich ein Mittel 


ba» ftoebgebirge bem SJtenfdjen ein ©egenftanb ber Scheu 
ba ihm bie Rhneebebecften ©oben fo unnahbar mären, 

Steig ber öerge erft 
mit ber ©efabr be* 
ginnt Solchen rebet 
nun ber SScrfaRcr 
be» borliegenben 
3öucbe» nicht ba» 
SBort; unb Re wer* 
ben bei bemfetben 
nicht auf ibreStech- 
nung fommen. ©r 
toenbet Reh nicht an 
©ergfeje, nicht an 
bie Slnbänger unb 
3lu»über eine» über» 
triebenen Sporte», 
ber Reh felbft genug 
ift unb bem ber 
Stecorb ba» böcbRe^ 
unD eingige 3W ifc 
fonbern an fene, bie 
in bem Sport fo* 
Wohl ein bcilfame» 

bie entnerbenben ©inflüffe mobernen 83eruf»* unb ©enufeleben» unb 
erweiterten unb erhöhten StaturgenuRe» fchäfceu. 3u biefer 30c* 
giehung bat ber winterliche Jöergfport noch nicht ba» SJtafe ber SBerthfchäpung unb &er= 
breitung gefunben, ba» ihm gebührt; — im ©egenfaö gu anberen Sportarten, bie ihren 
£öbtPunft bereit» erreicht gu haben Rheinen, beRubet er Reh bei un» noch in ben erften 



3lluferirte Bibliographie. 


269 


Stabien einer freilich fefjr üerheifeitngSOoHen ©nttoicfelmtg. Unb baS ficffenthin’fdje S3udh 
toirb berfelben einen um fo lebhafteren SmpuIS geben, als es, tote gefagt, zugleich an 
baS moberne Siaturgefühl ftch toenbet unb bie tointerliche (Schönheit beS ©ebtrgeS, beffen 
Somnterreige uns Sillen fchon fo oertraut getoorben ftnb, in fo locfenben Serben fchil* 



bert, bafe faum einen fiefer beS VucheS bie Sehnfucht fortan toirb ruhen laffen, felbft 
mit ßeib unb Seele baS Jperrlicfee gu geniefeen, £er SSinterfport unb bie SBintertouriftif 
im SRiefengebtrge, bie erft auf eine Vergangenheit oon toenigen 3ahrgehnten guriicfbltcfcn, 
dürfen auf einen um fo mächtigeren Slnffchtouitg rechnen, als üon (Gefahren, toie fie in 
ben Silben brohen, hier nicht bte Siebe ift. $te oon einzelnen Vergfteigera h^rühtenben 


270 


Horb unb Sfib. 



2>ie ©dmeegrubenbaube. 

9tocb einer Sßljotograb&ie toon SBifbetm fobolf, 6cbrcibet&au. (2ttärs 1899.) 

8Iu«: ©ertljolb ße ff ent bin: „$aÄ iRiefengebirqe im SBintcr." 
öreÄlau, @d)lefifcbe ® erlagst nft alt b. 6<bot tlaenbcr. 

0d)ilberuiiflcn iiberftanbener ftäfimiffe crllärt bcr Söerfaffer als bielf ad) übertrieben, beem* 
ffufet bureb ben ©aug jur jffiicbtigmacberei unb gur ©clbeitpofc. 0orglofer ober totttübner 
ßei^tfimt fann freilich auch im ftitefengebirge Unbeil ftiften, unb ebenfo fann eS bei einer 
tointcrlicben SSanberung 2Jtomente geben, in benen ©eifteSgegenloart unb SJJiutb erforber« 



3tbltograpfitfd?e Hotten. 


27 * 


lieh Rnb, too cS b« 6t, bcr ©efahr tapfer in*S 2luge gu flauen. SitSbefonbcrc ift eS plb^Itcb 
cinfattenber ^ebe^ bancbcn Scbneelatoinen unb Schneeftürme, bic bem ©ebtrg&ioanberec 
brohen, bagegen bat er Steinlatoinen, bie in beu 2llpen baS fieben gefährben, nicht ju 
furchten. — 

Ter Serfaffer bat ben reichen Dielgeftaltigen Stoff feinet SucheS in fecbS Tfjeile 
gegliebert. Ter erfte bebaitbelt Allgemeines", ber gtoeite ben „SSinterfport im 
Sftiefeng ebtrge" (Scblittenfport, Scbneefchuhfport, SSanberfport) ; ber britte ben „SBinter* 
fport in anberen fcblefifchen ©ebirgen unb im Hara"; ber bierte bringt 
Scbilbcrungen „aus ber Statur unb bem £eben beS tointerlichen ^liefen* 
gebirgeS"; ber fünfte betjanbelt „Tie tauben beS SftiefengebirgeS"; ber feebfte 
Anhang) bietet „Stilen aus bem fommerlicben 9tiefengebirge". 

Tiefe Ueberfidit IäRt ungefähr ahnen, trenn auch feineStregS genau erfennen, toie 
erfchöpfenb ber berfaffer fein Thema bearbeitet, feie rneit er bie ©rennen feiner Arbeit 
gefteeft hat. Sein Such beruht pglei<b auf genauer perfbnlicber ftcnntniR beS lDtnter* 
lidien ©ibirgeS, toie auf einer erstaunlichen Sclefeubeit, ber nid)ts, toas auf baS Kiefens 
gebirge Se^ug bat, ob eg nun bie toiffenfdjaftlicbe, bie fportlidje, ober bie feböne £itteratur 
betreffe, entgangen 311 fein fcheint. 2lucb bie praftifdjen 3mecfe, bie ein „güfjrer" er* 
füllen foU, unb bie bon beu Dortoiegenb auf bie Schürf niffe ber Sommergäfte beS liefen* 
gebirgeS Reh befdjränfenben bisherigen Oieifefübrern öernachlaffigt toorben finb, finb 
natürlich ausgiebig berücfRchtigt morbeit; inSbefotibere finb bie Sd)neefd)ubtoureu für baS 
Sftiejeitgebiige toie für baS Sjcrgebirge angegeben. HcrDorgebobeu fei noch, baR Haupt* 
lebrer fintier in Scbreiberbau einen 2tuffafe über bie SBitterungSoerhältuiffe im liefen* 
gebirge, Dr. med. Hina einen foldjen über ben „Sinterfport im ©ebtrge als ©rbolungS*, 
©emtR* unb Heilmittel" beigeftcuert haben. 

TaS überaus reichhaltige, zugleich feffelnbe, anregeube unb praftifch nüfelidje Sßerf, 
baS Bibern mit 75 idjönen Silöern gefchmiicft ift, foftet bei einem Umfange Dem circa 
29 Sogen nur 4.00 9)tf., (geb. 5.50 2)if.) ein SreiS, toeldjer ber toünfdjenStoertben 
Sexbreitung beS Sud)cS befteu borfefjub leiften toirb. — 1— 


Bibliographie Hotten. 


3« ber Stevttcnbamtcv*fNrj>tf§lif« 

Sfteifeerinner ungeu Don Dr. ©arl 
©arbini. 9)tit 41 Siluftrationen unb 
einer Starte ber bereinigten Staaten Don 
*Rorbamerifa. fftad) ber 2. Auflage beS 
italienifchen Originals Don 3Jt. Jttum* 
bauer. Olbenburg unb £eip3ig, 
8chulje (21. Sdjtoarfc). 

TaS Dorliegenbe Start hat Dor einigen 
3abren bei feinem erften ©rfebetnen in 
Italien eine gläitseube Aufnahme gefuubeu. 
©S fann baher bem ©ntfchluffe beS Ueber* 
fefcers loie SertegerS nur sugeftimmt loerben, 
baS btaf ie$t nach ber 2. 2luRage and) in 
beutfeher Sprache erfcheinen ju laffen unb 
fo feinen üeferfreiS erheblich su ertDeitexn. 
Ter berfaffer, ©onfularagent ber bereinigten 
0taaten in Sologna, ift fünf 9M in Üftorb* 
atnerifa gemefen unb bat fid) nicht bloS 
barauf befebränft, bie mit bem Tampffdjiff 
ober ber ©ifenbabn erreichbaren Orte auf* 
sufuchen, fonbern feine ©jeurfionen 31t guR 
unb au Sferbe bis in bie einiamften ©egen* 
ben ausaubebnen, um ßanb unb £eute 
grünblicb tennen a« lernen. ©S toar ihm 
barum au tbun, ni<ht allein für ben Xouriften 


Sit fd)reiben unb biefem eine unterhaltenbe 
^eifebefclireibung 311 liefern, Dor Mein 
lüollte er auch bem gorfcher auf Dolf*luirth s 
fdiaftlidiem (Mebiete ein reidibaltige^ ftatifti* 
fdieS Material au bie Hanb geben. 3n 
letzterer Seatehung ift ansuerfemien, baR ber 
UeberfeRer bie auS ben officielleit fßublica* 
tionen ber 2Bafl)ingtoner "Jiegieruug ent* 
nommenen Taten bis auf bie 2teu,3eit er* 
gältet hat; ebenfo hat ber Uebejic^er in 
Ueberehtftimmung mit bem Serfaffer flehte 
Slenberungen in ber lieberfefeimg Dorge* 
nommen, loie foldie bei ber rapiben ©nt* 
toicftlung norbamerifauifdjer 3uftäube Reh 
als nothtüeubig hcrauSgeftcHt haben. 3n 
28 ©apiteln giebt ber Serfaffer hochinter* 
effante Sdiilberungeit. Seine Dleiferoute 
geht bem Hauptjuge nach Don ^eiü^^orf 
über SllbaiU), Softon, Seebab 2teiüport, 
Saratoga, Utifa, Stiffalo, bie SBeftregion 
ber bereinigten Staaten, St. i^ouiS, ©htcago, 
bie SWormonenftabt Salt 2aU ©itp nach 
St. grancisfo, Don hier aus über £oS 
2lngelos, Souifiana, 2tem*0rleanS, SBafhing* 
ton, Saltimore, ShüabetPhia aarüd 
nad) 2tem=2)ort. Tie SKeiferoute ift aljo 



272 


ZTorb uttb Sfib. 


bie entgegengefefcte, tote fie ©aul ßtnbau 
in fernem bor 7 Sa^rm erfepienenen fepr 
intereffanten, umfangreichen SBerfe: „Altes 
unb Weites aus ber Stouen SSelt*, an baS 
man beim ßefen bes borliegenben SßerfeS 
oft untoittfürlicp erinnert toirb, gefcpilbcrt 
bat. ©ine fepr etngepenbe ScpilDerung ent* 
toirft ber Sßerfaffer in ben fiebert erften 
Eapiteln bon Aeto=g)orf unb führt bamit 
gleich ben ßefer in baS amerifantfehe Leben 
unb Treiben ein. ©efonberS ausführlich 
toirb auch ber Aufenthalt im ßanbe ber 
Hormonen, fotoie in St. ftranctSfo be» 
hanbelt. 3>ie Scpilberungen beS ©erfafferS 
finb fo anziepenb, ba& man ihnen Dom An* 
fang bis &u Enbe mit fteigenbem 3ntereffe 
folgt 3ablreiche Sttuftrationen fotoie eine 
Starte bon Aorbamerifa, auf ber bie Aeife 
beS ©erfafferS eingezeidjnet ift, berooll* 
ftänbigen ben Xejt. 2)a» fomit gut aus* 
geftattete SSerf, baS gleichzeitig als Steife* 
füprer bie heften $ienfte leiften toirb, fei 
hiermit »arm empfohlen. K. 

@pani!4e ftviepd" unH ricbcttSbilbev* 
Sed)S Streifzüge fenfeitS ber ©preitäen. 
©onSiegfriebSamofcp.Atinbeni.28., 
©runS. 

$er bereits burch eine Aeipe iuter* 
effanter Schriften befannte ©erfaffer hot 
toieberholt Spanien bereift unb giebt in 
bem üorliegenben 2Berfe bie Einbrücfe toieber, 
bie er bon ßanb unb ßeuten getoonnen hat 
«pauptfächlicp toar er bemüht bie fpanifche 
©olfSfeele zu erforschen, fotoeit bieS über* 
haupt einem Qfremben möglich ift, unb bie 
Stimmung beS Golfes bor bem Kriege gegen 
bie Storeinigten Staaten bon Aotb*Anterifa, 
fotoie toährenb ber Stauer beSfelben unb 
nach bem griebenSfcPluffe %n beobachten. 
3u ®ilfe fam ihm hierbei bie Empfehlung 
an ben beutfehen 53otfchafter in Aiabrib, 
fotoie bie Unterftüfcung genauer Kenner 
Spaniens, fo namentlich beS im Auguft 
b. 3. berftorbenen beutfehen ©eneraUEoufnlS 
Aicparb Linbau. Um fich bon Spanien 
ein toirflicpeS SBilb zu berfepaffen, mu& 
man toieberholt bort getoefen fein unb feine 
©eobadjtung audi mit offenen Augen ge* 
macht haben, aber auch bann ift es nur 
möglich, StinimungS* unb AugenbiicfSbilber 
zu liefern, fo complicirt ift ber fpanifche 
Aationaldiarafter, fo mannigfaltig unb 
eigenartig finb bie Aaturtcpönpeiten. Aach 
ben Scpilberimgen beS ©erfafferS fann man 
feine Vorliebe für biefcS ßanb berftehen, 
baS neben ber herrlichen Aatur burch feine 
eigenartigen Hmtfttoerfe ben Aeifeitben ent* 
Ziicft. 28ie fepr fiep ber ©erfaffer in bie 
fpantfepen ©erpältniffe hineingelebt hat 


erfleht man auS ber bon ihm beliebten, 
manchmal gar gu häufigen Antoenbung 
fpanifeper SSörter. 3n 5 Sapiteln eitttoirft 
ber ©erfaffer ein aitgiepenbeS ©ilb feiner 
Steife: „3m Kriegs [apre töricgSfttmtmtngS* 
bilber), nach Anbaluften (Barcelona, 
Eotboba, ©ranaba, SebiHa, £olebo, 
ÜAabrib), nach bem ©asfeitlanbe unb ben 
beiben Eaftilien (St Sebaftian, ©urgoS, 
Salamanca), bor Ausbruch beS Krieges 
(©asfifepe ©eebäber), nach bem Kriege 
(Atabrib, fpanifche Aacpfläuge).* Alle 
Schilberungen, fei eS, bafe fie luftige Scenen 
aus bem ©olfSleben, bie fjaprt auf ber 
Eifenbapn, bie Stiergefechte, baS Theater, 
bie Shmftroerfe u. f. to. betreffen, finb fo 
toarnt empfunben unb fo angiepenb, bafe 
man ihnen mit ©ergnügen folgt Stas 
gut auSgeftattete ©uep toirb fich, tote nian 
es ihm auch nur toünfcpen fann, gtoeifeöoS 
zahlreiche greunbe erwerben. K. 

v Hefter ben bpfiologifchrn Ctftoathfimi 
fced SBeifted, bon ©. 3. Atobius. 
Sammlung gwanglofer Abhanblungen 
aus bem ©ebiet ber Aerbeit* unb ©elftes* 
franfbeiten, perauSgegeben bon Dr. Äon« 
rab Alt 2. Auflage. — £aUc a. S., 
$arl Aiarholb. — 

S)ie berfdjiebene, mehrfadp recht ab* 
fpreepenbe ©eurtpeilimg, toeldje bteborüegenbe 
Arbeit erfahren, hat ben ©erfaffer heran* 
lafet in einem trefflichen ©ortoort zur 
2. Auflage feinen Stanbpunft zu bem bon 
ihm bepanbelten Xhema näher gu präcifiren. 
SSenn ex zunddjft bagegen ?front macht, 
bafe man ihn als SSeiberfeinb begeichnet 
unb in feiner Abhanbtung eine Streitfchrift 
gegen baS toeibliche ©efcpicdPt erblicft hat 
fo fann man ihm nur Aecpt geben. 3n 
Aßahrheit führt er, toie er herborhebt »bie 
Sache beS todblichen ©efchlechtS gegen feine 
Schäbiger u#tb ftrettet gegen ben blutiofen 
SutellectualiSmuS, gegen ben mifjberftehen* 
ben Liberalismus, ber auf eine öbe ©leich- 
mad)erei pinanSläuft". AIS bie eigentlichen 
Sßeiberfeinbe bezeichnet er mit ftug unb Aecpt 
bie „^eminiften", bie ben Unterfchieb ber 
©efcplechter aufpeben mochten, ©ielleicht 
bat gerabe bie ©egdpuung „Scptoacpfiini 
beS AkibeS" bie (SJemütper befonberS er* 
regt unb toäre eS angejeigter getoefen, 
„Scptoncprmn" einfap burd) „Schwache* 
gu erfepen, gumal baS SSeib fotoopl in 
geiftiger als auep in förperlicper ^inftept bem 
Aianne unterlegen ift unb man Paper fepon 
immer bom „feptoaepen" unb „ftarfen* 
©efcplecpt fpriept Akmt ber ©erfaffer fiep 
barüber beflagt bafc ©iele ipm toopl muub» 
licp ober fcpriftlicp zugeftimmt haben, bieS 


Bibliographtfdje Hotten. 


273 


öffentlich gu ffjun aber -Wiemanb ben ftuth 
gehabt bat» fo möge er eine Siberleguitg 
biefer lebten Slmtabme in biefem Referat 
ftnbett. — SSer übrigens unbefangen unb 
ohne Vorurtheil bie üorliegcnbe Schrift 
lieft, toirb ber intereffantcn Darlegung beS 
VerfafferS, bie auf toiffenföaftlicher ©runb* 
läge (<S. 15) baftrt, feine 3uftimmung 
nicht berfagen fönnen. „Xem toirtlichen 
toeibfichen Xalente foU bie 23af)tt frei 
bleiben, iebe 9Jlaffenbreffur ift aber als un* 
nüfc % u Dertoerfen." — Soll baS Scib baS 
fein, toogu eS bie Statur beftimmt bat, bann 
barf e« nicht tnit betn EJtonne toetteifem. 
Xer fefaffer bat febr recht, toenn er bie fegte 
aufforbert, fich eine flare VorfteEmtg üon bem 
toetblichen®ehirn* ober©eifteSguftanbe guüet* 
fdjaffen unb 2tßeS gu tijun, toaS in ihren 
Shüftenfteht, um im3ntereffe beS menfchlichen 
©efehledjtS bie toibernatürlicheu Veftrebungen 
ber geminiften gu befämpfen. ftanbelt eS 
ftch kicb um bie ©efunbheit beS VolfeS, 
bie burdj bie Verfehrtbeit ber fogenannten 
„mobernen grau" gef ährbet toirb. SaS 

S oll man aber bagu fagen, toemt, toie eS in 
)er ^eugeit gefdjehen ift, bie Erlangung beS 
XoctorhuteS feiteitS einer jungen Xame in 
ben 3eitungen als ein befonbereS ©reignifj 
gebriefen toirb. 2Jlan fann ba hoch nur 
mitleibig ber üielen toeiblichen Seien ge* 
bentat, bie bei bem Settlauf mit bem 
männlichen ©efchlecht in golge Vleichfudjt 
unb hochgrabtger feüofttät unterliegen. 
Von ber Statur ift bie Slufgabe, bie bas 
SBeib gu erfüllen hat, ftreng oorgegeichnet, 
unb gegen bie Staturgefefee toirb ber SEenfd) 
bergeblich Sturm laufen. — ©S ift nur gu 
toünfdjen, bafe bie in biefer toichtigen focialen 
gfrage ber Sluffförung bienenbe Schrift bie 
toetiefte Verbreitung ftnben möchte. 

K. 

Scutenuth« ©rgählung üon Vhilo öom 
Salbe. ©rofceithain unb Seipgig, Vet* 
lag bon Vaumert & Stonge. 
ßer Xitel unb baS toenig gefd)tnacfüoEe 
Xitelbilb biefeS VucheS toirb bielleiit manchen 
gu bem ©tauben berleiten, eS hanble ftch 
hier um eine aufregenbe Xcnbengbidhtung. 
3ur ^Beruhigung folget fatten ©emüther, 
toeld&e mijglichft toenig lefen unb nachbettfen, 
jebocf) befto mehr fich amüftren tooEen, fei 
mitgetheüt, ba|j in ber borliegenben Xichtuug 
toeber bie Söfung einer ernften fodalpoliti* 
fcben grage berfucht, noch ein mobemeS 
Sötlb menfchlichen Sehens unb menschlicher 
©efeüfchaft grau in grau gemalt toirb. 
VhHo bom Salbe ergahlt in ber fchlichten 
brache feiner heimatlichen üftunbart nur 
baS Schicffal eines armen fchleftfchen Xorf= 


jungen, beS Seberhanfel, ber trofe feiner 
guten natürlichen Veantagung gu ©runbe 
geht, toeil et ein Xräumer ift unb fich in 
ber ihm burdh bie Seutenoth aufgegtoungenen 
SteEung eines Kuhhirten unb Sdjtoeine* 
füttererS unglücflich fühlt 2lber toie ergahlt 
er bie einfache ©efchichte? ©r fdjöpft auS 
bem3nugbrunnen feiner Sngenberinnerungen 
unb crebengt erfrifdjenbe, lautere Sahrfjcit, 
er fnüpft an bie ©rlebitiffe feines gelben 
bie lebenbigften Schilbenmgen bon Sa nb 
unb Seuten unb geigt uns in bem ©inen 
baS SlEgemetne, er bringt unfer £>erg in 
fo toarme organifche Verbinbung mit 
fretnbeit greuben unb Seiben, bafe toir alles 
baS, toas in biefem 3nbioibuum nach S3e* 
freiuug, nach Suft, Sicht unb Siebe ringt, 
als unferen eigenen Xrang nach ber £öh e 
entpfinbett. Setne ©eftalten ftnb nicht nach 
ber alten (Schablone gegeichnet, fonbern mit 
treffenben, originellen nnb ftanpathifd&en 
3ügen auSgeftattet XieS ift umfomehr 
anguerlennen, als er uns faft fämmtlidje 
Vetoohner eines XorfeS, bom Pfarrer an 
bis gum ^adittoächter bor Slugen führt. 
Selche golbenen Sorte fbricht auf 58 
ber brabe alte Sebrer ©uhle: w Xie größten 
©eifter ftnb gum frommen ber Senfchheit 
aus bem Volt gefommen. O Volf, bu 
Sungbom für ben Staat, ber 3ufouf* 
golbne SBeigenfaatl Glicht lehren nur unb 
$unft betreiben — nein, graben auch in 
gelb unb Xann: Xte Arbeit abelt Seber* 
mamtl XaS giebt bann ferngefunbeS Vlut 
unb toei&eS §aar unb 3agenbmuth." ®e* 
foubereS Sob oerbienen bie üielen, immer 
an paffenber SteEe eingelegten, ben echten 
VolfSton toahr toiebergebenben Sieber. Vhilo 
üerleiht ber VoIfSfeele Sprache, et läfet fte 
toeinen uitb Iad)en, feufgen unb fingen unb 
üerfteht baburd) bie Seele beS SeferS gu 
erheitern, gu rühren unb gu feffeln. Seine 
in flie&enben flangüotten Verfen gefchriebene 
©rgahlung entfpricht, ohne irgenbtoelche 
Sehr haftig feit gu üerrathen, in hohem ©rabe 
ber äfthetifchen gorberung ÄantS, ba& bie 
Sfunft , toenn fte nicht gur ©rfchfaffung 
führen tootte, moralifdhe 3oeen aufnehmen 
foEe: Xie Suft müffe ©ultur feinl 

N. 

Sic gvoftc i»eibcnf(haft Vornan üon 
OSfar s JJtpfing (Ctto 3Jiora). Seipgig, 
Silhelm griebrich. 

EJipRngS Vornan ift eine ©efeUfdhaftS* 
fatire, baS Siberfpiel ber Seltanjdhauung 
ßtieöfcheS in ber ©aricatur. ^ier toirb bie 
grobe Seibenfdjaft gur Xragifomöbie unb 
ber Uebermenfch, ber fich mit ber bürger* 
liehen SJtoral ohne w bie geigheit beS ©etoiffenS" 



27 % 


ZTorb unb 5ub . 


abfinbet, Imrb gum fläplichfteu SlfftaaS- 
menfcheu, ate er bag 0piel Verloren fteht 
unb nicht guft bat, ben ßtnfafc mit feinem 
geben git zahlen, fonbem lieber ben itjrn 
gebotenen Unterfdilupr annimmt. 

3ft aud) bie Semetefübrung be8 Ser* 
fafferg nicht buidjauä nüberipruch3lo8 unb 
fiitb bie Farben ftarf aufgetragen, fo mufe 
bod) aiterfannt toerben, bafe e8 moberne 
©efcHfdiaftStbpen in ibren Schiebungen *u 
©efdjebniffen, nue fie im geben jeher ©ro&= 
ftabt actuett finb, mit großer SreffftdieifMt 
gu fdjtlbern berftefjt. £a& Such feffclt ben 
gefer bon Anfang bis gu ©nbc. mz. 


©ine tbertfjbofle Sublication, bie baö 
Sntereffe jebeä Stunftfreunbefc tu böcbftem 
ä/tafee erregen tuirb, fünbigt ber ftuuft* 
berlag ber Sbotograpbifcben (§e* 
fellfdiaft in Berlin an: „Üfteiftermerfe 
aus ben Sruuftfamml ungen Seiner 
9Jiaieftcit beS 2>entfd)en Staijerfc". (SS 
banbclt fidj hier um jene Sammlung 
frangöftfdjer ©crnälbe au3 bem 18. 3al)r= 
bunbert, toeldie ba§ Wococogimmer be8 
beutfdjen taufet fdunücften uitb biefem 
Diaunte eine befonbeie SlngiehmtgSfraft 
namentlich für bie frangöfifeben Se= 
fudjer ber SSeltaufcfteHung berlielien, toeldje 
hier nidit nur einen erlefeiten fiinftlerifdjen 
©emifc fanben, fonbern audi bitrd) bic feine 
©ulbigung, toclcbe ber bcutfdje SMfer mit 
biefer Sluaftelluug ber non fyrtebrid) bem 
©rofjen gefantmelten fraitgöiifcben 9)teifter= 
teerte ber fraugofifdieu fiunft unb gugieid) 
bem großen preufiifdjcu Könige barbradjte, 


ftd) fompatbifch berührt fühlen mufeten. S)i e 
bei btefer ©elegenhett bereinigten ftunfttoerfe, 
teeldje uns nicht nur bon ber £öhe unb 
Eigenart ber frangöfiieben SMeret jener 
©poche, fonbem gugieid) bon bem gefeE* 
fdiaf tlichen geben, ber fpielertfdien ©ragte 
unb ©alanterie, bem tüitbelnben ®cift jene» 
3eitalter8 ein anfchaulicheS unb anmuthigeÄ 
Silb geben, menigftenS in sftacbbitbungeii 
gufammen gu befifcen, toirb toohl ber äßunfd* 
fo manche^ funftftnntgen SetounbeterS ber 
Originale gemefen fein. S)iefer SBunfd) 
toirb burd) biefe Sßublicatiou nun in 
fdiönfter Seife erfüllt. 5luf 27 blättern 
großen gormatö in Sßhotograbüre, toelche 
9teprobuction§art bei ber Xreue unb Sein* 
heit, mit toeldjer fte bie Urbilber mit all 
ihrer iubioibuellen Eigenart toiebergugebeit 
oermag, hier am empfeblenStoertbeften tear, 
toerben un3 bie SWeifterfchöpfungen SatteartS 
unb feiner 9lad)folgcr gancret unb fßater 
borgefiihrt. Soit Satteau finben mir neben 
„giebefcunterriebt", „$ie Ajiebe auf bem 
gauDc\ „Tag ©oncert", „$er £ang" auch 
bie in nicht aufcgeftellt geioefenen 

berühmten Silber „©infehiffung gur giebeS* 
infei" unb ,,>yirmcnid)ilt) beS ftunftfjänblerS 
©erfahrt", bie ben Salon ber S?atferin gieren, 
gancret ift mit 9 Silbern, barunter „bie 
Sängerin ©amargo" bertreten; bon ben 
SilDern Säte r3 gebührt bem „Seft im 
freien" ber ©brmplab. ©üblich fei ned) 
©harbinö „Sricffieglerin" herborgehoben. 
2>er Sr e& be£ Serfeö in Stoppe beträgt 
200 Staif. — 1— 



von Ernst Weil&nd-Lübeck. 


Abktlmingen: B. u. W. = Bühne und Welt. — D. Re. = Deutsche Revue. — D. Ru. = Deutsche 
Rundschau. — G. = Gesellschalt. - LL. - Internationale Litteraturberichte. — Kr. = Kritik. 

— L. E. = Das litteiarische Dcho — N. — Nation. — N. D.Ru. = Neue Deutsche Rundschau. 

— N. u. S. - Nord und Süd. — T. = Türmer. — W. TLtl = Wiener Rundschau. — Z. = Zu- 

kunft. 


Agrarfrage, Die. Von G. Maier. G. XVI. 
Nov. 11. 

Arndt, Ernst, Moritz. Eine biographische 
Skizze auf Grund seiner Briefe. Von 
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Bartels, Adolf und ich. Von L. Jacobowski. 
G. XVI. Deo. II. 

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Belletristik, Illustrirte. Von 0. Bie. L. E. 
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Beyschlag, Willibald. Von H. Ziegler. N. 
1900. 10. 


Bismarck. Familienvater. Von P. Nathan. 
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Deutsche Weltpolitik. Von K. Jentsch. 
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Eckstein, Ernst. Von F. Hirsch. L. E. HL 6. 


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IX. 9. 

Kultur und Ehe. Von M. Hirschfeld. Z. IX. 8. 
Kunst, Die, und die Masse, Von S. Sigliele. 
D. Re. 1900. Dec. 

Kunstausstellungen, Unsere. Von H. Ilaber- 
feld. Zeit 322. 

Leibi, Wilhelm. Von J. Elias. N. 1900. H. 

— Von R. Muther. Zeit 324. 

Lesser, Ury. Von F. Senat s. Z. IX. 8. 
Liberalismus. Von K. Jentseh. Z. IX. 8. 
Licht, Das, und die Inscenlrung. Von 
A. Appia. W. Ru. IV. 24. 

Lienh&rd, Fritz. Von E. Büchner. G. XVI. 
Nov. II. 

— Von R. M. Meyer. N. 1900. 10. 

Los von Born. Von Ludw. Gumplowiez. Z. 
IX. 11. 

Lucius, Dr., Der Minister für Landwirt- 
schaft. Von H. von Poscliinger. D. Re. 
1900. Dec. 

Luise, Königin. Briefe derselben an ihren 
Bruder Erbprinz Georg von Mecklenburg- 
Strelitz. (1794—1810.) Veröffentlicht von 
P. Bailleu. D. Re. XXVII. 3. 


Lyrik, antike und moderne. Von J. Mae hl j. 

Z. IX. 10. 

Maler, Französische. Die ältere Generation 
f. M. Von R. Muther. N. D. Ru. XI. 12. 
M&ndanika. Romant. Oper in 1 Akte von 
G. Lazarus. Dichtung von Jul. Freund. 
Erstaufführung im Hamburger Stadt-Theater. 
B. u. W. III. 6. 

Marlowe, Grabbe und Lenz. Von C. Bleib- 
treu. W. Ru. IV. 24. 

Materialismus und Mysticismus. Von 

Angelo Mosso. Z. IX. 10. 

Milde, von. Briefe an das Ehepaar v. M. Von 
P. Cornelius. N. I). Ru. XI. 12. 

Miquez. Von Franz Evssenhardt. Z. IX. 7. 
Multatuli. Von J. Schlaf. W. Ru. IV. 23. 
Musikwelt, Aus der Berliner 1900/1901. I. Von 
L. Schmidt. B. u. W. ft. 

Nietzsche in seinen Briefen. Von E. ßertz. 
Zeit 325. 

Ompteda, Georg Frhr. v., von G. Irrgang, 
N. u. S. 1901. Febr. 

Orestie des Aischylos im Burgtheater, Die. 

Von M. Burckhard. Ze t. 323. 

Pestalozzi als Völkererzieher. Von L. Stein. 
D. Ru. XXVII. 3. 

Pichler, Adolf. Von A. Brandt L. E. III. 5. 
Politische Beredsamkeit und politische 
Redner in Italien. Von Graf von Ron- 
zaglie. D. Re. 1900. Dec. 

Pradomuseum, Das. Von R. Muther. Zeit. 
321. 

Rosenmontag, von M. Burckhard. Zeit. 325. 
Rothe. Echt oder unecht? Von F. Rasg- 
mnnn. «Entgegnung auf den Artikel r F.in 
deutsches Medium“ von E. Rohn im November- 
heft von „Nei d ii. SUd u ). N. u. S. 19.>l Febr. 

— Der Fall Rothe. Von E. Bohu. N. u. 8. 
1901. Febr. 

Saint-Saena’ „Samson u. Dalila“ in 
Dresden. Von L. Hartmann. B. u. W. 
III. G. 

Scheidemantel, Karl. Von L. Hartmann. 
B. u. W. 111. G. 

Senger-Bettaque, Katharina. Von W. 

i-oltbcr. B. u. W. III. 5. 

Socialismus und Kunst. Von E. Vander- 

veldc. Z. IX. 9. 

Theater. Von den Berliner Theatern 1900/1901. 
V. Von H. St U nicke. B. u. W. III. G. 

— Von den Berliner Theatern 19*‘0/19ol. VL 
Von Ph. Stein u. H. B. B. u. W. III. G. 

— Daa Prin/.ngenten-Theater in München. 
Von Gg. Sch. B. u. W. III. 5. 

Thorwaldsens Geliebte. Von F. Noack. 
1). Re. 1900. Dee. 

Van der Velde, Henry. Von K. Schcffler. 
Z. IX. 11. 

Viebig, Clara. Von B. Litzmann. L. E. III. 5. 
Vom Kampf um die Antike. Von E. Heil- 
born. N. 1900. 11. 

Weltverein, Der. Von R. Wrcde. Kr. 195. 


Eingegangene Bücher. Besprechung nach Auswahl der Redaction Vorbehalten. 


Aus fremden Zungen. Halbmonatsschrift für 
die moderne Roman- und Novellenlittcratur 
dea Auslandes. Zehnter Jahrgang. 1900. 
Heft 23. 24. Stuttgart, Deutsche Verlags- 
Anstalt 

Bericht des Ausschusses für Volks-Vor- 
lesungen zu Frankfurt a, M. über das 
Geschäftsjahr 1899/1000 sowie Uber 


seine Thätigkeit in der Zeit von 
18901—900. Zugleich 1. Jahresbericht 
des Verbandes der Rhein-Mainischen 
Vereine und Ausschüsse für Volks- 
vorlesungen und verwandte Be- 
strebungen.“ Frankfurt a. M., Prof. Dr. 
Mannheimer, Mauerweg 12. 



276 


Horb unb 5fib. 


Berthold, Otto, Lehrgang der Zukunftsschule 
nach psychologischen Experimenten für 
Eltern, Erzieher und Lehrer dargestelit. 
Leipzig. K. O. Th. Seheffer. 

Bettelheim, Anton, Marie von Ebner-Eschen- 
bacli. Biographische Blätter. Mit 3 Bildern 
in Lichtdruck. Berlin, Gebrüder Paetel. 

Beyer, Karl, Swinegel-Geschichten, Berlin, 
Wilhelm SUsserott. 

Börries, Freiherren von Münchhausen. 

Balladen. Mit Buchselimuek von Robert 
Engels. Berlin, Breslauer & Meyer. 

Croon-Mayer, Emma, Kinderbilder. Zweite 
Auflage. Dresden, E. Piersons Verlag. 

D ähnha rdt, Oskar, Heiraatklänge aus deutschen 
Gauen. 1. Aus Marsch und Haide. Mit Buch- 
schmuck von Robert Engels. Leipzig, B. G. 
Teubner. 

Dreyfus, Albert, Feste in Moll. München, 
Verlag der Deutsch-französischen Rundschau. 

Elchlepp, Johannes, Volkstrachten aus dem 
Schwarzwald. 23 Originalaquarelle nach der 
Natur gezeichnet von Kunstmaler Issel. 
Mit einem Vorwort von Dr. Hansjaeob. 
Freiburg, Br., Johannes Elehlepps Hof- 
buehhdlg. u. Kunstverlag. 

Esohelbach, Hans, Sommersänge. Gedichte. 
Paderborn. Ferdinand Schöningh. 

Festgrabe zur Enthüllung’ des Wiener 
Goethedenkmals. Mitstrebenden und 
Freunden dargebracht vom Wiener Goethe- 
Verein. Wien, Alfred Holder. 

Haacke, Wilhelm, dfc Wilhelm Kuhnert, 
Das Thierleben der Erde. Drei Bände. 
Mit 620 Textillustrationen und 120 chromo- 
typographisehen Tafeln. Lfg. 10. 11. Berlin, 
Martin Oldenbourg. 

Halbe, Max, Ein Meteor. Eine Künstler-, 
geschiehte. Erstes und zweites Tausend. 
Berlin, Georg Bondi. 

Hertzog*, Caroline, Unsere Müllern. Ernstes 
und Heiteres aus dem Leben einer alten Post- 
beamtenlrau. Dresden, E. Piersons Verlag. 

Hymens, Henri, Brügge und Ypern. Mit 
113 Abbildungen. (Berühmte Kunststätten 
Nr. 7.) Leipzig, E. A. Seemann. 

Jahrhundert, das neunzehnte, in Bild- 
nissen. Mit Anderen herausgegeben von 
Karl Werekmeister. Lfg. 56—60. Berlin, 
Photographische Gesellschaft. 

Lübke, Wilhelm, Die Kunst des Mittelalters. 
Vollständig neu bearlwitet von Prof. I)r. Max 
Semrau. Mit 3 farbiiren Tafeln u. 43G Ab- 
bildungen im Text. Stuttgart, Paul Neff. 

Michael, Erich, Die Plärrer von Grünhain, 
Trauerspiel ln fünf Aufzügen. Leipzig, 
Adolf Banin. 

Minor, J M Goethes Faust. Entstehungsgeschichte 
und Erklärung. Erster Band: Urfaust und 
das Fragment. Zweiter Band: Der erste 
Theil. Stuttgart, J. G. Cotta’sche Buch- 
handlung Nachf. G. m. b. H. 

Müller, Alfred von, Der Krieg in Südafrika 
1899/19X) und seine Vorgeschichte. Mit 
zahlreichen Karten. Skizzen und Anlagen. 
III. & IV. Theil. Zweite, unveränderte Auf- 
lage. Berlin. Liebel’sche Buchhandlung. 


Neuwirth, Joseph, Prag. Mit 119 Abbildungen 
(Berühmte Kunststätten Nr. a) I^eipzig, E. 
A. Seemann. 

Pflug’-Harttung’, Dr. Julius v.. N apoleon L 
Revolution und "Kaiserreich. Mit Illustra- 
tionen. 1.-3. Tausend. Berlin, J. M. ßpaetli. 

Pfungst, Arthur, Laskaris. Eine Dichtung. 
Vierte Auflage (Volksausgabe). Berlin, Ferd. 
Dümmlers Verlagsbuchhandlung. 

Philipp!, ■ Adolf, Kunstgesohichtliehe Einzel- 
Darstellungen. Fünfter Band: Die Blütbe 
der Malerei in Belgien. Rubens und die 
Flamländer. Leipzig, E. A. Seemann. 

Foohh&mmer, Paul, Dantes Göttlich e Komödie, 
in deutschen Stanzen frei bearbeitet Mit 
einem l)aute-Bild nach Giotta u. E. Burnand, 
Buchschmuck von H. Vogeler-Worpswede und 
zehn Skizzen. Leipzig, B. G. Teubner. 

Rohrbeok, Friederike, Dureh’s Herz. Gedichte. 
Mit dem Bildniss der Verfasserin. Zürich, 
Caesar Schmidt. 

Schäfer, Budolf, Tragische Novellen. Dia 1 ': 
Künstlergescliichten. Dresden, E.. Piersons 
Verlag. 

Soheerbart, Paul, Tarub, Bagdads berühmte 
Köchin. Ein arabischer Culturroman. Zweite 
Auflage. Minden 1. J. C. C. Bruns. 

Seidl, Dr. Arthur, Moderner Geist in der 
deutschen Tonkunst. Vier Vorträge. Berlin, 
„Harmonie“ Verlagsgesellschnft für Litteratur 
und Kunst. 

Sonnenschein, Hellmut Prinz von, Sommer- 
licher. Kattowitz, Gehr. Böhm. 

Thesingr, Ernst & Wolf gang Lehmui, 

Musenalmanach Maiburger Studenten. Dec kel- 
zeielmung und Buchschmuck von Otto Arndt>. 
Marburg, N. G. Elwert’sehe Verlagsbucbhdl. 

Waohler, Ernst, Deutsche Zeitschrift 
XIV. Jahrgang des deutschen Wochenblattes. 
Nationale Rundschau für Politik und Volk-<- 
wirthsehaft, Litteratur und Kunst. XIV. 
Jahrgang. November 1900. Heft 3. Berlin, 
Gose & Tetzlaft. 

Wagner, Richard, Das Evangelium der Ver- 
achtung. Sociale Satire. Leipzig, Wilbeira 
Friedrich. 

Weber, Emil, Neue Märchen. Eine Sammlung 
für Erwachsene. Göttingen. Franz Wunder. 

Westermanns illustrirte deutsche Monats- 
hefte für das gresammte greistigre lieben 
der Gegenwart. 43. Jahrgang, Heft 332. 
Braunsehweig, George Westermann. 

Wildenow, Prof. Dr. Eugren, Theodor Körners 
Grabstätte. Bestattung des Dichters in 
Wöbbcliu. Geschichte seines Grabes und die 
Feiern an seinem Begräbnissplatze. Mit 
einem Portrait des Dichters und sechs in den 
Text gedruckten Abbildungen. Dresden. 
E. Heinrich. 

Zeitschrift, Deutsche. (XIV. Jahrgang des 
Deutschen Wochenblattes.) Nationale Rund- 
schau für Politik und Volkswirthseliaft, 
Litteratur und Kunst, herausgegeben von 
Dr. Ernst Wachler. XIV. Jahrg. Heft 3, 4. 
Berlin, Gose & Tetzlaff. 

Zittelmann, Katharina (K. Rinliart), Unter 
egyptischer Sonne. Roman aus der Gegen- 
wart. Berlin, Carl Dunckers Verlag. 


Rebigtrt unter DerantoortIid?Feit bes Herausgebers. 

Sdjleflfcf?» Budjbrucferet, Kunfb nnb Derlags*21nflalt v. 5. Sdjottlaenber, Breslau. 
Unberechtigter Hadjbrucf ans bem 3nhalt biefer geitfdjrift unterlagt. Ueberfefcungsmh« porbd^aü««. 





lloxb unb Sixb, 


\ n e b e u t f ch c 21 T o n a t 5 f d) r i 


I) e r cut ^ § $ a c I» e n 


rcT 

paul Ctnbcui. 


XCVI. tfaiifc. — :iUr5 \ f )01. — Ewft 288. 

TITtt einem {Xnroii itt Habiriitiq: Sierra.' 




Xv >Cm» 




tts-'yf'y 


Breslau 

5(tjl*Hfdfe £ad^r lieferet, Kan ft» uni» PetIa$s«M?ift jit 
v. r. ircbottfacnbcr. 




IXovb unb Siib. 


<£ine beutfd?e tfTonatsfcfyrift 


Jjerausgegeben 

oon 

Paul Ctrtbau. 


XCVI. Bant). — ttTärj J90}. — tyft 288. 

(mit einem Portrait in Rablrtmg: neeraj 



2Br t$ lau 

5d}(efifd}t Bndjbracf etei, Kunjl* unb Derlags'Xnßalt 
o. 5. Sdjottlaenber. 




2TCetn Jreuttö 3ofef. 

Don 

* * 



[r flammte aus ber @be eines nadi Argentinien oerfdilagenen 
beutfdjen ^ßrofefforS mit einer gtalienerin. 33on feiner 2Jtutter 
batte er bie bunflen, feu<btfd)immernben Augen, »om Sßater ben 
bobcit 2Bud>3 unb bie SBegeiflerung für jebe eble fEbat. 9ta<b feiner äufeeren 
©rfdjeinung, mit feinem fcbwärmerifdjen SBefen unb feinet flangnotten 
SCenorftimme erwedte er mir immer bie SßorfteHung eines £toubabourS. 
gn Alündien wohnten mir im felben £>aufe, er fiubirte bie SWedjte, idj 
arbeitete in ber SJibliotbef. @r mar mir ber angenefmtfie Äamerab, ben 
id) mir wünfeben fonnte. Stifts Unreines mar in feiner Seele, er war 
fcflönfieitstrunlen unb feufeb nadb alter 9titterpfüd)t, ißarfifat, ber reine 

6ineS ©ommertageS, eS mar ein ©onnabenb, forberte id) ihn ju 
einem ©pajiergange nad) bem gfarufer auf. „gdj fann nicht," erwiberte 
er, „roer weife? $eute entfdieibet fi<b oieUeic^t mein ganjeS ©efdnd. ©eb 
allein, unb Abenbs boffe i<b ®ir ein fdiöneS ©efiänbnife ju machen." 

©eine Hoffnung erfüllte fid). SBenn icfe nur erjäblen fönnte wie er, 
eS mar förmlidj beraufebenb. 33or einer SBodfe batte tt»n eine grau burcb 
ifere berüdenbe ©djönbeit fo mäditig angejogen, bafe er ibr bis ju einer 
Jtird)e gefolgt unb na<b ibr in baS ©otteSfjauS eingetreten war. ©ie war 
grofe, fdjlanf unb ooH. ©ie trug ein fdjwarjeS, enganliegenbeS Jlleib unb 
eine Art SRembranbtbut, wie fie bamats Atobe waren. Aadj feinen 
©djilberungen mufete jte non einer fagenbaften 33urg betniebergeftiegen fein, 
non einem unnabbarem SRonfaloatfcfe. ©ie mufete ihn gefeben, fie mufete 
aus feinem 29tid bie tiefe AHtfung ihrer Grfcbeinung auf ibn bemerft 
haben, gn ber Atenge ber Anbäcbtigen unb Alüfeigganger brinnen war fie 
ifem entfdjtounben. 


©iefer erfien Vegegnung waren nnbere im ßofgarten gefolgt, unb 
gofef glaubte wafrrpnefrmen, baff ne an feinen ftummen £ulbigungen ©e* 
fallen fanb. gnbeffen mar flc unter ben Slrfaben immer in ©efellfdjaft 
anberer gkrfonen. 2ln jenem ©onnabenb nun, als i<fr ifrn ju einem ©pajier; 
gange aufforberte, fratte fiel) gofef in ben Stopf gefefrt, baff fte mieber, wie 
am ©onnabenb norfrer unb genau jur felben ©tunbe, allein jut Stirdje gefren 
werbe. Sßürbe fte wirflicfr fornmen? ga, fte war ba. Sie faff auf einem 
ber Stirchenftüffle unb bjatte ben 2lrm auf bie Slüdlefrne gelegt. Unbeweglich 
faff fte ba, ihrem blaffen, f Äonen ©efifrt gaben bie großen bunflen 3lugen 
ein gefreimniffoolleS Seben. Unnahbar fdjien biefeS SSifb ju fejh, wie baS 
33ilb ber SDlutter ©otteS in SDtofaif über bent Querfifriff »oU ergreifenben 
GmfteS in ben gitgen, mit ben groffen tnafrnenben 2lugen, unb bo<fr war 
es ein Vitb fünfter Verführung. 

Gr hotte ftd) hinter fie gefefrt, fte fdjien feine Stäfre $n fühlen, unb 
als fte jur ©eite blidte unb ihr 3Kunb ein f (frier unirbifcfreS Säcfretn an; 
nahm unb bie SBimpern füfr fenften, als hätte ftfr bie burftige ©eele in 
einem langen Vlide fatt getrunfen, ba ergriff eine VetSubung feine ©hüte, 
unb er neigte ben Stopf unb brüdte einen Stuff auf ifrre #anb, wie ein 
fßilger, ber naifr tanger gafrrt am ©nabenorte nach Grlöfung f<frma<frtet 
®ie SJtabonna aus foftbaren ©teinen, erleu<frtet uon bem burefr bie bunten 
Stircfrenfenfter hereinfallenben, magififren Siffrte fah mit ihren groffen ftarren 
2lugen fjernieber, wie ft<fr jwei ©eelen in ftummer Siebe ju einanber 
fanben. 

Veim Verfaffen ber Stircfre hatte ffe ihm jugeflüffert: „SBenn ©ie mi<fr 
lieben, f«frreiben ©ie mir, iifr reife halb ab" unb bie SBohnung ba}u, aber 
feinen Flamen. $en ju erforfifren, baS war für meinen überfdjwängtitfren 
gofef ju gewöhnlidh, baS war meine ©a<fre. g<6 ermittelte, baff fte eine 
grau mar, bie einen abeligen ^Doppelnamen trug, aber wie biefer lautete, 
baS liefe mein ©ewäljrSmann, ein mürrifdjer fßortiergreis, im Unflaren. 
Stur fo riet muffte er beftimtnt, baff am folgenden ©onntag ber fDobeStag 
ber 3Jlutter ber grau Varonin war unb baff bie 3Jtutter, wäfrrenb eines 
SBefudjeS in SJlüncfren plößltifr nerfefrieben, auf bem Stirifrfrofe am ©enbUnger 
Sfror begraben lag. fDort auf bem griebffof fafr i<fr bie Varonin jum 
erften 2Me, fte war in ber Üfrat rieUeicfrt bie fcfeönfte grau, bie i<fr 
jemals gefeffen habe, ©ie hatte Ströme hingebrafrt, unb auf bem ©rabe 
las icfr ben Stamen. 

am S'ag barauf ging ein ©trauff non rothen, blaffen unb fnofpenben 
fJlofen an bie Varonin ab. gofef begleitete feine Siofenfpenbe mit folgenbem 
Verfe: 

Sie rottjen aus 9feue, 

©ie Mafien aus <Sd)ii(b, 

©tc SfnoSpen für neue 
SBeglucfenbe §nlb. 



nteiii ;f*eunb 3®f e f- 


279 


©ie oier 3 e ^ ett entfetten eigenttidE) einen ganjen Vornan, unb ich 
tonnte nicht begreifen, toie gofef, ber hoch erft am 3lnfange feiner Siebes* 
gefdßidßte ftanb unb gewiß noch feine Sdjulö auf fidß getaben ijatte, ju 
biefer ©mpfinbung gefomnten mar. ,,©aS oerfteßft ©u nicht, mein Sieber/ 
ermiberte er, „es ift Bßitung unb bodß Sßafjrtjeit. ©<hant, Sleue, Suft, ©cßulb, 
©eßnfudßt, baS ift eben bie Siebe." 

Brieflich tourbe oerabrebet, baß 3ofef bei ihrer Slbfaßrt nach $oben* 
fdjjwangau wie jufäflig ju ihr in’S Soupö fteigen unb fie bis jutit @nbe 
ber Bahnlinie begleiten foHte. ©ie gaßrt bauerte ungefähr brei ©tunbett, 
baS ©liicf mar ber jungen Siebe ijotö, bie Siebenben blieben bis auf eine 
futje ©treefe allein, unb ftofef machte in ber fdjmalen grift bie ganje 
Stufenleiter non linfifcher Befangenheit ju rafdh gewonnenem gutrauen unb 
ju glühenber Seibenfdßaft burdf. 3hre Bähe, ihre flug gewählten unb bodß 
tief empfunbenen 2Borte, baS Beben ihrer ©timme, bie Blicfe aus ben 
tiefen, feßönen 2lugen, bie Berührung ihrer &änbe, bie SJtifcßung oon 
SJtelancßolie unb firahlenbetn ©lüdf in ihrem, SGBefen hatten feine ©eele in 
einen Slaufcß beS ©ntjücfenS oerfefct. 

©ie fannte bie große, wahre Siebe fdfjon, bie nur tiefen Staturen ju* 
fommt. ©ie fdßweten Äämpfe, bie fie burdhgetnadht, bie Bittemiß, bie ihr 
jurüdfgeblieben war, ließ fie meinem greunbe geheimnißooll unb bemitleibenS* 
werth erfdheinen, unb badhte er an bas tro| Ment oerßeißenbe Sädheln 
ihres ÜJtunbeS, fo ftanb fie in feinem ©eifte als bie leibhafte Berförperung 
ber grau SJUntte ba. 

©aS nächfte SBieberfeßen ereignete fidß in $ohenf<hwangau, wo bie 
Baronin mit Bermanbten, im Greife einer ftrenggläubigen ©eneratefamilie 
lebte, unb wo fie, bie gefdhiebene grau, unter mancherlei Borurtßeilen ju leiben 
hatte. Unter bem 3 TOaw 9 c biefer Umgebung waren ben Siebenben nur 
wenige heimliche ©tunben gewährt. Oben in ber Stöße beS neuen ©dßloffeS 
ifl ein Bfafe int ÜBalbe, er heißt „bie gugenb" unb trägt feinen Barnen 
mit Siecht, benn ber Blidf oon bort auf bie bunfelgrünen BergeStücfen 
mit ben in ber ©iefe eingejmängten ©een, bem blauen 2llpfee unb bem 
grünen ©dhwanfee, auf bie Sinnen oon ^oßenfeßwangau unb baS reijenbe 
Borgelänbe gehört ju bem &errlidßflen in ber Slatur, was SKenfchenherjen 
bewegen unb rerjüngen fann. ©aneben oerflecft im Saubwalb ifl eine 
Sinbe. ©ort trafen fie fidj halb nach Sonnenaufgang, bort unter Blumen 
unb ©raS rußte er in ihren 2lrmen. 2ßie oft fpradß er bann in SJtündßen 
träumerifdh ju mit mit Sßaltßer oon ber Bogelweibe: 

Unb aus bunten SHiittjen 
SDiadjt’ ein 23ett er ba, 

23ott es ©ott uerb&ten, 

Tafa uns ©iner fab. — 

3m näcßfien ©emefter faßen wir uns in Seipjig wieber, wo 3°f e f 
fdßon einmal oor jwei gaßren ftubirt hatte, gofef arbeitete fleißig für fein 



Gpamen. Seiner gtage aber, rote er fidj ba$ Gnbe feiner Sdjroärmerei 
benle unb ob er eine Bereinigung mit ber Baronin, bie um fieben Sabre 
älter roar als er, für möglich batte, roar er roieberljolt fdjeu auSgeroidjen. 
Gineä Xageä begegneten mir auf ber ißromenabe einem älteren #errn, bem 
ber Quftijratb auf bem ©efi<f)tc gefdirieben ftanb. Qofef blieb fteben. 
„®en Sann fenne idj, id) habe bas ©efidjt fdjon ein Sat in einer merfc 
roürbigen SebenSlage oon mir gefeben, aber in welcher?" Gr badEjte nadi, 
„roo roar es bodj?" roieberf)olte er mehrmals. Stuf einmal fam eine Grs 
leudjtung, ein Grftaunen über ibn. „£öre," fagte er, „es roar im Sommer 
oor jroei Bahren, id) fab an einem Keinen £ifd> im Goncert im 9lofentbaI, 
als fidj ein £err, biefer £err ba, unb eine ®ame ju mir festen. Sie 
non äuberfter Gteganj, grob, bie eine £anb in einer feibenen Binbe, grobe 
fdjroertnütbige 2lugen, ein jarter, bunfter glaum auf ber Oberlippe, nur 
roie ein £>aud), unb bei aller ©cbroermutb ein fo bejaubernber Siebreis, unb 
je mehr i<b mir oergegenrcärtige, roie fie ba im £atnpenlid)t nor mir fab, 
roie id) lungeriffen roar, roie icb ib r bamt folgte unb fie nerlor unb fie 
£age lang fud)te, fteigt jugleiä) £elenen3 Bilb in mir auf unb 3«9 um 
3ug baSfelbe berüdenbe 2Beib." 3a roilber .fjaft ftürjte er nad) £aufe, 
um ber Baronin fein Grtebnifj s u fd^teiben unb fie ju fragen, ob fie 
bamalä roirftid) in Stofentljal roar. BofefS 2ü)nung beftätigte (id), ber 
ältere £err roar Jpeleneni ©adjiualter geroefen, unb fie batte ju jener 3eit 
eine leiste Berlefcung am Unterarm. ,,2llfo habe icb fie fdjon einmal faft 
geliebt, unberoufst. ©u ficljft, bab es eine Borljerbeftimmung giebt, ber 
liebe ©ott roollte, bab roir Beibe uns angeljörten, unb er bat nur. ben 
3rrtbum begangen, baf? er Helenen jebn 3 a b re i u ftüb auf bie 2Belt 
fontmen lieb." 

Unb für biefen Brrtljum beS Rimmels mubte mein romantifdjer 
fyreunb hüben.- 

9todj einmal roar baS liebenbe Baar in füben, nerftoblenen ©tunben 
Bereinigt, bieS Sal in Berlin, roo &elene roäbrenb beS SBinterS in ber 
groben SBelt lebte, galjrten im gefdjtoffenen Sagen bei fintenber Bac^t 
burd) bie rauf<benbe, fdjimmernbe ©robftabt, ©pasiergänge in ber Dämmerung, 
trauliche Ginfamfeit in bem Heinen eines BMrtl)Sl)aufeS . brauben 

oor bem Tiergarten. 

2luS biefer 3 e d flammen bie Berfe: 

68 fallen bie St Kitter im Nebelgrau, 

$er SDionb ftefjt hinter ben SBäumen — 

Sei) tnanble jur ©eite ber fdiönften grau, 

Stttir träumen nur, mir träumen! 

SBaS auch im langen SEageStauf 
SEie Seelen uns Bermunbe — 

SEaS tieffte Sehnen löft fief) auf 
3m ©lücf ber fEämmerftunbe. 



ITtein ;frenni> 3°f*f- 


28 \ 


9hm fjebt fuß and) bas Nebelgrau, 

8erfließt in liebten 9täumm — 

3<f) füfTe bie idjönfte, bie feligfte fjrau, 

®er 2Üonb fteljt übet ben Säumen. 

Helene war reidß, ftc roünfdßte, baß 3ofef nach SBerlin überfiebetn unb 
bort fein ©tubium beenbigen möge. Aber baju fonnte er ftdß niefit ent* 
fdßließen, er roottte in ben fallen ©ag [eben, unb feine Siebe mar bodß ju 
einem ©ämmerungSbafein oerurtßeilt. 3<b beftärfte ibn noch in bem Ser* 
Süßte, ber ibm bitter fdßroer mürbe, ba mir unfere innige ftreunbidjaft bie 
ftenntniß eine! ©ßeils oon ^eienenS Sriefen oerfcfiafft batte. ©arin febrte 
in ben oerfeßiebenfien ©eftalten ber ©ebanfe roieber: „3fi es ni<ßt ©ünbe, 
©idß an mich $u sieben, ©idß, mein Siebling, ber ©u am Anfänge ftebft, 
unb ber ©eg liegt fonnig unb beiter cor ©ir, an midß, bie fdßon ein 
gutes ©tüdf jurüdgelegt ßat unb bureb fdßredßafte ©ilbniffe unb traurige 
©inöben gefommen ift!" ©lüdeSfeßnfucßt unb 3Jtenfcßenoeradßtung, halb 
oerseßrenbeS geuer, halb falte ©ntfagung. ©inmal ersäßlte fte ibm einen 
©raum: ©ie maren jufammen im ©albe unb faßen an einem Abßang. 
©in roftrjiger, betaufdßenber ©uft mar ringsum über bem ÜJtooS unb 
^aibefraut, Siebe sogen oertraut burdb ben grünen ©runb. ©ie brüdte 
feinen ftopf an ihre Sruft unb fußte ißn »iele UJlale. Aber ptößlidß lamen 
oon oerfdßiebencn ©eiten smifdßen ben Säumen binburdb gepußte ÜDtenfdßen 
bersu unb ftaunten bie Seiben an, feine ©äugen glüfjten auf, unb er 
fdßmiegte fidß fo fejit an fte an, baß er ifjr mebe tfjat unb fte ermatte. 
3a, maS fte an ibm beglüdt butte, bas mar ber ©onnenfeßein unb ber 
©albeSbuft, bie grifeße feiner feufdßen ©eele. 2J?it feiner Siebe mar ibr 
surücfgefebrt bie füße, füße, tßöridßte Sugeubjeit! ©amt famen roieber 
ftolse ©orte: „3a, idß glaube an ©idß, ©u roirft midß nie oergeffen, man 
oergißt mich nidbt, roenn idß’S nid)t roiH." Unb als fie eS rooHte, ba 
fonnte eS mein armer $reunb nießt meßr. ©aS mar sur luftigen gafcßingS* 
Seit, als fie ißm ben leßten Srief fdßrieb unb ißn bat, fte ju oergeffen, 
unb ißn aßnen ließ, baß fie baS einfame Seben nießt länger ertragen fönne. 

3n bem milben ©eßmers über baS ©nbe feines Siebestraumes reifte 
ber 3üngling sum SDlanne. @t tßat baS ©eidße in feinem ©efen ab unb 
fudßte ©roft in ber Arbeit unb mannhafte fjeftigfeit in ritterlidßen Uebungen. 
3aßre oergingen, er mar Affeffor in Serlin, unb Sefannte ersäßtten mir 
oon ißm, baß ißm mandß’ fdßöneS 3Jtäbdßen ßotb geftnnt mar unb er tängfl 
angefangen batte, jeglidßen Siebreis am ©eibe ju genießen. Äurs oor 
feiner AuSroanberang nadß Argentinien befudßte er midß einmal, um Ab* 
feßieb su nehmen. $u feinem natürlidßen £ang su abenteuerlidßen ©rieb* 
niffen batte fuß gerabe bei ©eridßt bie Seobadßtung fo oieler ©emeinßeit, 
fo utandßer ©riumpße niebrigen SRänfefpielS gefeilt, baß ißm ber ©ntfdßluß, 
in bie grentbe su geßen unb eine oon feinem Sater oerlaffene fiacienba 
in Argentinien su übernehmen, leidfit roarb. SieHeicßt ßatte audß ein lefeteS 


282 


SBieberfeben mit feierten baju beigetragen. ®ine8 £age§ batte fidb näm* 
lieb ein oomebme« (Sbepaar an (SericfjtäfleHe gemelbet, um ein lEeftament 
ju übergeben. 6« mar Helene mit ihrem j weiten -Warnt. SHeidj unb mit 
matter Stimme batte jte auf bie fragen be« jungen Stifter« nadb 33or= 
namen, ©eburt, gamilienftanb Antwort gegeben. £)ie ftcfj einfi gtübcnb 
geliebt, waren fi<fe mie gfrentbe begegnet, unb jebeS ©efübl fehlen oerfunfen 
unter ber gefcfeaftlicfeen Verrichtung. 2luf meine fjrage, welchen (Sinbrudf 
ber ©atte, ein Diplomat, ber im Stufe glänjenber Begabung unb freier 
Sitten ftanb, auf $ofef gemalt habe, erwiberte er: „(Sr fab au«, wie 
mein älterer Araber." 

SEBieber nadb Saferen erhielt idb bie Runbe, bafe Sofef, obgleidb treu 
gepflegt non einem Wäbcfeen, mit bem er in wilber (Sb* gelebt, ben folgen 
einer Volaoerwunbung erlegen war, bie er beim UeberfaH auf fein ©ut 
burdb eine Vanbe ©audbo« nadb mutiger ©egenwebr erlitten batte. 9to<fe 
furje 3eit cor feinem SCobe batte er mir für Helenen, bie injwifcfeen SBittwe 
geworben, bie Briefe non ihrer £anb überfefeidt unb fte mit einigen Verfen 
begleitet. 3$ überbradbte ibr bie Senbung in £obenf<bwangau. Sie war 
immer nodb eine fcfeöne grau, unb Qofef lebte nodb in ihrem ßerjen. Dben 
auf ber Qugenb, nidbt weit oon bem Sinbenbaum, ber einfi milbe feine 
2lefte über ein felige« $aar gebreitet batte, wieberfeolte jte mir mit frönen 
ber SBefemutfe iu ben bunflen 2lugen feinen lebten ©rufe: 

SBaS teb gebaut, roaS idj getijan, 

(Sefüblt in Suft unb Selbe — 

3hm briebt bas grobe (Schweigen an, 

$er SDtonb gebt über bie $aibe. 

Beröärte 3lad|t, halb ift’8 gefcbeb’n, 

SDa6 i<b ©rlöfung finbe — 

$ie Sßelt, leb fab fte nie fo fcfeön 
SESie unter jener Stabe. 




Heera. 

Don 

S5u0ujt jFrfeburtj fttaufe. 

— Breslau. — 

|erbftabenb. 2JtübeS, btaffeS 3n>ielicbt fließt burdb baS fünfter. 
35er Fimmel ifi mit gleichfarbigem lofem ©eroölf bebedtt. Qm 
SBeften muß er in rotten ©lütten fteben; ein jarter Stofen* 
fcbimmer liegt noch auf öftUd^en Sßotfen. Sfber ber oerblaßt halb. 3m 
©arten not meinem gfenfter frieren aus allen ©dien unb Sßinfeln, roo 
hohe ©trauter flehen, feine, roeiße Stebel. 35er 3lbenb ift berbfilidb füßl 
unb füll, ©in fernster, erbiger ©erucb, in ben fidfj ein leidster 35uft non 
faulenben Slättem mifdbt, fteigt ju mir herauf. @3 batte bis gegen 9Rittag 
geregnet. Mitunter tropft eS nodb ein toenig uon ben mellen blättern; 
fonfit regt fidb nichts. 2lb unb ju nur löjit fidb ein bürreS Statt non bem 
Saum nor meinem genfler ab unb fällt tangfam, an ben 3n>eigen unb 
bem ©tamm fdbürfenb, non 2lfl ju Ift unb flattert bann nodb eine SBeile 
rafdbelnb am Soben bin. $n ben ©cfen meines 3i' nm erS bo<ft fdbon bas 
fDunlel; es greift mit feinen langen 2lrmen an ben SBänben hinauf, als 
roollte es fidb audb baS le|te Siebt, baS nodb an ber ©edle jittert, herab* 
langen. 3<b bin allein. 2luS einem ber Stadbbarbäufer ©laoierfpiet, non 
einem £ofe herüber bie leirige föiufif eines DrgelbreberS, ber eine 3lrie 
aus bem „©roubabour" fpielt, non einem anberen Äinberlärmen unb 
Jtinberfingen, fie fpielen „üJlariedben faß auf einem ©tein"; aber eS muß 
SllleS meü, roeit fein, mir ifi, als liänge es nur matt roie nom anberen 
Ufer beS SebenS ju mir herüber in meine ©infamfeit. ®aS bumpf ter* 
ballenbe SBogen ber ©roßfiabt, ber SBiberbaH beS SebenS, bas burdb ihre 
©tragen unb ©affen fdbäumt, madbt bie ©title um mich bet nur nodb 
ftiller. — 



28^ Zlngnft jriebrid) Kraufe ln Breslau. 

Unb meine Seele ßält geierftunbe. 

9ln biefern 2l6enb las idß jum erften 2Jtale: „©infame Seele" oon 
9teera. 

2Benn idß oon bem 33uc^ bie 9lugen aufßob «nb aus bem gleicß* 
mäßigen blaffen 2l6enblt<ßt in baS ©unfet beS Bindet« blicfte, mar es mir 
immer, als fäße idß ein fdßmaleS, blaffeS grauenantliß, mit weißer Stirn 
unter bunfel fdßattenbem $aar, leidet ßodßgejogenen SBrauen über tiefen, 
oerfonnenen 2tugen, bie fo fremb unb fragenb ausfaßen, als fönnten fie 
fidß in ben SBirntiffen biefer 2Belt nidEjt juredßtfinben, unb einem feinen 
SdEjmerjenSjug oon ben teife oibrirenben 5lafenflüge[n bis }u ben leicfjt 
ßerabgejogenen -Btunbrninfeln. Unb bie Sippen fcfimal unb tiefrotß. Qn 
ben 2lugen biefeS ©eftdßts las icß bie SBorte roieber, bie in bem 23udße 
fianben. ©urdß fie faß icß ßinab in bie ©iefen einer fettenen unb oor= 
neßtnen grauen feele, bie ißre fonft oielfältig oerfdßteierteu, leufdßen ©eßeint* 
nijfe oot meinen ftaunenben SBlidfen entßüüte. ©iefe Seele trug jene 
große Seßnfudßt, bie unS einfam werben läßt, mitten im ©ewüßt oon 
•äflenfdßen, bie ben fyüßen nimmer 9luße giebt auf ißrer SBanberung ju 
ben Sergen beS SidßtS. 

2Jtan muß biefeS Sudß ber itatienifdßen ©idßterin*) in ber ©ämtner* 
ftunbe lefen, wenn bie SBelt fidß rnübe jum Sdßlafengeßen anfdßicft, 
wenn bie Sdfjleier ber ©äntmerung bie grelle Suntßeit aller färben bämpft 
unb baS Sdßrille aller ©öne unb ©eräufdße mitbert, wenn eine füße geier 
um uns ßer unfere Seele ftiUer werben läßt unb man baS leife, rußige 
Sttßmen ber SBeltfeele ju ßören meint, bie meßr in uns. als außer uns 
ju leben fdßeint. ©emt es ift ein fonberbareS, ein ftilleS unb oomeßmeS 
Sucß, baS nidßt für ben ©ag unb feinen Särrn taugt unb nidßt für ben 
Sefepöbel gefdßrieben würbe, ber nadß brutalen ©reigniffen giert unb nadß 
immer neuen Slnftaißelungen für feine ftumpfen Heroen ledßjt. ©ine ©in* 
fame fdßrieb es für ©infame, bie eigene SBege wanbern unb in fremben 
3ungen reben. ©enen ift eS ein 2lnbadf>tSbudß für geierflunben. ©en fatten 
^Bourgeois aber, bie in ißretn befdßränften Untertßanengeifi oon ben ßeiligen 
Senfationen ber Seele nicßts aßnen, ßat bie ©idßterin in biefem wie in 
ben anberen ißrer Südßer**) nidßts ju fagen. Sie mögen woßl übet ben 


*) ©s ift mit hm llmfdjlagbilb ber ©ufe gefdjtitüdt, in ber bon fiotßar ©djmibt 
beforgten beutfcfien lUberfeßung im Verlage bon ©diufter unb ßoefflet in SBerlin erfdjienen. 

**) äußer „©infame Seele' finb bon ÜReera in beutfdjer Ueberfeßwtg erfdjienen : 
„ßpbia." dioman. Ueberfeßt bon ÜUarifdja SDUiUer. SBertin unb Seipjig, ©drnfter unb 
ßoeffier. — „©in Steft." 9ioman. Ueberfeßt bon föelene Saß. öreSlau, Sdjleftfcbe 58ud)* 
brucferei, Sunft* unb SkrlngSanffait b. ©. ©djottlatnber. — „Xfjerefa." Dtoman. Ueber« 
feßt oon Jbclene Saß. ßcipjig, iHeflam. — „$ie ©träfe." ©rjäblnng. Ueberfeßt bon 
Dr. ©iegfrieb ßeberer. ©benba. — „3m ftraurn." ©efdjidjten. Ueberfeßt bon Selene 
Saß. ©buarb ÜJtooS, ©vfurt. — „£a8 2)udj meines ©oßneS." Statbfdßläge einer Efhttter. 
Ueberfeßt bon Gntfjarina SBrenning. SreSben unb ßeibäig, Siarl 3! eigner. — „9tad) ber 
Soweit." ©rjätjlung. Sentidie SkrlagSanftalt, Stuttgart 



Zleera. 


285 


140 ©eiten biefeS fdbmalen Büchleins, aus ber trägen Schlaffheit beS Ber= 
bauungSfieberS nadb beenbetem ®iner binüberbämmern in bie fübere Be» 
roubtlofigleit beS täglichen SJtittagSfdbläfcbenS. 

Qn bem Buche fingt unb fäireit eine grauenfeele in echten, oft tief 
erfcbütternben hinten, eine fytaufeele non folget 3artbeit unb Gomplicirtbeit, 
wie fte nur bie moberne 3 e ü fdbaffen fonnte. 2UIeS 2leuberti<be ift ihr ju 
brutal, ju aufbringlidb, fie bot fidb aus bem neroenjerreibenben ©emirr ber 
SBBelt unb bem aufbringlidb wiberwärtigen Treiben ber SJtenfdben in ibr 
jurücfgejogen in fiiUe, oornebme ©infamfeiten, ©ie leibet fcbmerjlidb an 
ben Brutalitäten beS äußeren SebenS, unb barum ift all ibr ©innen unb 
fCradjten auf Berinnerlidbung, Verfeinerung, ©rbebung gerietet. 2lm 
©cbluffe beS BudbeS giebt fie felbft baS 3^1 an, nach bem fie fiebt: „®a 
in ber f£b e °rä 2lHeS unb in ber fßrapis nichts ibeal ift, fo roirb Qcber non 
uns feine 3^it am beften anroenben, wenn er bie eigene ©eele liebt unb 
pflegt, ©in Srrtbum ift es, bei 2lnberen unfer ©lücf ju fucben. $nt ©egen* 
tbeil, bas erbabenfie ©lücf gebt immer non uns felbft auf bie Sttnberen 
über. 28el<he pbpfifdbe Suft erntübet nicht? ®ie ©migfeit ber £uft ge» 
bübrt bem ©eifte, unb ber ©eift, baS ftnb mir. 3m 2lugen, jroei ßänbe, 
}toei göfeC/ einen Stunb, um ju effen, jroei Dbren, um ju bören, befifet ein 
Qeber, unb $eber toill mit biefen ©oben bie eigene greube mebren. $Do<b 
roaS bat mit folcben greuben unfere ffreube gemein? 5Die Statur bat einen 
gebeimnifjooHen ©inn, ber fidb nur einigen wenigen, befonberS fenftblen 
©idbtern unb ©ebem offenbart. ®ie Staffen leugnen ibn wie etwa ®e= 
birgSfetten, SBätber unb ©rotten baS ©djo leugnen mürben, baS fie nidbt 
fennen. 2Bel<heS ift unfer 2ßeg, unfer ©lüdf, unfere Aufgabe, wenn nidbt 
bie, auf bie innere ©timme ju bören? 

©ine ©idbterin unb Seherin oon foldber ©enftbilität, bie ben geheim* 
nifeuoDen ©inn ber Statur in fidb — benn fdbliefjlidb projiciren mir bodb 
nur 2DleS aus ttnferem inneren nadb aufjen — ju ertaufdben oermag, ift 
Steera. ber einfamen ©eele in bem füllen unb groben SBeibe, baS 
oor bem Stttar beS Qbeals unb ber Schönheit feine ©ulte feiert, bat fidb 
bie ®i<bterin felbft gegeben, nur ftcb felbft. ®aS Buch ift oon ber 
©dbreiberin — als foldbe benft fidb bie Berfafferin eine bebeutenbe unb be= 
fannte ©dbaufpieterin — man rätb: bie ®ufe — an Sarorence ©eblep, 
SJtarquiS oon SJtibblefortb gerichtet, eine tiefe, fein empfinbenbe, ariftofratifdb* 
oomebme StuSnaljmenatur mie fie felbft. 3b n labt fie binabbliden in bie 
tiefften liefen ihrer ©eele, tiefer, als fie es in feufdbet ©d;eu ihm mäbrenb 
ber 3eit ihres perfönlidben BerfehrS geftattet hat. £)aS gefdbriebene SBort 
ift nidbt fo fdbamtoS mie baS gefprodbene. 3fn ihm liegt nodb immer etroaS oon 
ber fdbamhaften Äeufdbheit beS ©ebeimnibooHen, Stieoerratbenen, Ungefagten. 
Unb fie toeib überbieS, bab ihm biefe Blätter roobl nie, nie ju ©eftdbt 
fomrnen werben. Unb fo legt fie oor ihm bie feinen unb feinften Ber* 
äftelungen ihres ©mpfinbungSlebenS btob unb erjäljit ihm oon ben geheimften 



286 


Jtugujl ^rtebiid} Kraufe in Sreslau. 


Seßnfüdjten ißreS £erjenS unb bcn tau fenb f ältigen Seiben ißreS meßr als 
einfamen Sehens. Sie läßt it»n ßineinfeßen in bie feltfamen SBanblungen 
ißreS eigenartigen Innenlebens unb beichtet i^m mit ber fcßeusfhühtenten 
3urüdßaltung einer feinen unb jart empfinbenben grauenfeete all’ bie 
bunfien ©efüßle unb Stimmungen it»rer Qugenb unb ißrer reifen ^fa^ire. 
Unb bodj liegt toie ein jarter Scf)(eier, roie ein Suft, ein £auh nodß fo 
oiel beS Ungeiagten über biefen blättern, baS man mit fein empfinbenber 
Seeie nur atmen fanit. 3®/ gerabe biefeS ungefagtc Unfagbare mäht ben 
geßeimften unb tieffien 3ieij bei SudfjeS aus. 

So bietet fuß auf biefen Blattern baS, roie mit feinem Stift auf 
jarteS Sonpapier gejeidEmete mit rounberbarer geinßeit fcßraffirte BUb einer 
mobemen toeiblidjen Bhh e / in bem man — baS Porträt ber ber Sicßterin 
feetifh feEjr oerroanbten, eben fo fenfibten Statur ber Sufe erbtüfen ju 
bürfen geglaubt fjat. 

©ine Seeie roie biefe, eingefiemmt jroifhen Sßunfh unb 2BirMi<f)feit, 
muß in taufenb ©onflicte gerätsen mit ber Slußenroelt, mit ben Surd)= 
fdjnittäs unb UnterburhfhnittSmenfdjen. 3b re tiefe, glüßenbe Seibenfdjafts 
lihfeit ntu§, abgeftoßen oon ben faiten ©ifenmauern einer nüchternen Um» 
roett, nach innen ßineinbrennen. Sarum ift fte eine Sräumematur, bie 
mehr erlebt, innerlich unb barum oerborgen erlebt, als bie Slnberen es 
roiffen; if>r reifes complicirteS Innenleben jroingt iie, eigene SBege ju geben 
unb bie ausgetretenen ©eleife einer attjugeroößnlihen Mtäglidjfeit, auf 
benen bie 2lnberen einbertrotten toie baS Kalb, baS oont Keßger jur Shiaht* 
banf getrieben roirb, ju meiben. Sie gehört ju benen, bie man Künftler 
beS Sehens nennt, weil unter ihren fcßlanfen Ringern SllleS, toaS fte be- 
rübren, ©eftalt unb gönn in ßöcßfter unb reinfter Sdbönbeit gewinnt; bie 
felbft ein Kunftroerf, eine hoffte Offenbarung ber Statur jtnb. Um fo 
fhmerjliher müffen ihr alle Berührungen mit ben febarfen ©den unb 
jeßneibenben Kanten bet Slußenroelt roerben. SaS ftnb bie unaufbörlidben 
unb unfägtidjen Qualen ihrer 3> u 9 en b/ roo fih naturgemäß bie ©onflicte 
infolge beS SlbhängigfeitSterßältniffeS p ihrer ©rjießerin fdjärfer unb 
fhmerjliher geftalten mußten, roo fie geroungen roat, ficb Sag für Sag 
oon ber blöben Subenbiueisbeit unb ber engberjigen Sußenbmoral in faft 
roher 2Beife oergeroaltigen ju taffen. Sie fühlte flöh in ber Meinen unb 
Reinlichen Umgebung „Meiner, entarteter, roie bie Sßiere bahinlebenber 
Seute" roie eine ©efangene. SaS Kißoerßältniß pnfhen ber oerjtänbniß* 
lofen, erbärmlichen Untroelt unb ihrem innerlichen Sehen hielt alle Regungen 
ihres Organismus barnieber. Sßrer Sngenb fehlte bie Siebe, oor Mem 
bie mütterliche Siebe, bie bas Sehen beS KinbeS überfonnt mit jenem ftillen 
unb heiteren Sicht, baS bis in bie fpäteften Sage einen ©lanj im §erjen 
prüctläßt. Sie hatte ihre 9Jtutter nie gefannt. Sticht etroa nie gelaunt, 
roie fo taufenb 31 obere oor ihr unb nach ißt ihre Kutter auch nie gefannt 
haben. S>aS Sehen wollte aus bem bilbfamen Sßon ißrer Seele etroaS Be* 



ZIeera. 


287 


foitbercS machen, barunt gab es if)t auch befonbere ©dbicffale: ©ie bat nie 
etrca« non ihrer SJtutter erfahren. gbee gugenb ftanb nidbt nur unter ber 
©eroalt ihrer nermeintlidjen Stante, fonbem audb unter bem läbmenben 
Sann be« ©ebanfen«, non biefen befcfjränften, gteidbgiltigen unb ungebilbeten 
fieuten abjuftammen. ®a« ifl eine ber erfdbüttembfien ©teilen be« ganjen 
Suche«, 100 fie mit einer tiefen, blutenben ©dhmerjlidliteit, in ber bie ganje 
mfye iEragif eine« Seben« meint, über biefe ©ntbe^rungen flagt: 

„3Mne ÜJiutter," fagten ©ie einft ju mir, „mar eine betoorragenbe 
grau, fie befaß einen bemorragenben Serftanb unb ein reine« ©emfith." 

Oft bat ich ©ie feitbem, mir non itjr $u erjäljlen. ©ie tbaten’S mit 
ausführlicher Sertraulidbfeit, unb biefe 9Jlittbeilungen merben mir immer 
unoergefjlidf) fein, ©ie geftatteten mir an bem ©ultu« gbeer SDlutter tF)eit= 
junebmen, unb icb lernte fte baburdb fennen unb lieben. ®ie tbeure £obte, 
non ber ©ie nur einen Slugenblidf ba« ©djroeißtudb emnorboben, ift mir 
geblieben, toäbrenb ©ie fnnroeggegangen finb. ©ie bilbet einen fEbetI 
meiner innerjlen ©eele, roefcbe icb einem Stempel nergleidbe. 

geh tneiß nidßt, habe idb ibn roirftidb gefeben, ober träumte icb ihn 
nur, jenen gotifdben Tempel, ber inmitten einer einfamen Sanbfdbaft er« 
richtet iji? SRingSum breiten fidb Sßalbungen, rubig unb buntel ift ba« 
innere, unb nur ba« biSdben Sicht, rceldbe« burdb bie bemalten ©dbeiben 
ber ©plfcbogenfenfter fällt, mirft einige marme SReftepe auf bie marmornen 
©äulen unb gliefen. 

©o fommt mir oft meine ©eele nor, toeldbe mübe ber SBelt, be« 
Sehen«, ber 3Jtenfcben ift, in ihr rube idb midb au«. $ier finbe idb bie 
©timmung be« Stempel«: tiefen grieben, ein fünfte«, feierliche« ÜJJpfierium, 
roobttbuenbe -äMandbolie, poetifdbe« ©mpfinben unb bie greube be« Mein» 
fein«. 2Iudb mir leudbtet burdb finnige« ©dbauen binburdb ein fanfte«, ge» 
bämpfte« Sicht, metdbe« bie ©räber meine« £erjen« belebt unb bie hier 
fdblummernben lobten erroedft, bie für midb allein auferfieben au« bem 
einigen Sergejfen. 

©ie hoben fein ©rab in ber ©eele, aber nacbbenflicb fi^cn ©ie oft 
an ber ©ruft glprer 'Dtutter. geh fenne ben ©tein au« gbrer Sefdbreibung. 
8Budbernber v 6pbeu bebedft fa(t gänjlidb bie gnf<fjriit unb bilbet fo einen 
©dbleier, ben nur ©ie juroeilen lüften, um ben tbeuren tarnen ju lefen. 
©ebnfudbt nadb ben grauen ÜKorgen, bie ©ie auf bem Äirdbbof gbrer 
Heimat jubradbten, befiel ©ie mitunter in biefem Sanb ber ©onne. Unter 
ben Sßölbungen be« ßoloffeum« — erinnern ©ie fidb? — fagten ©ie mir 
einmal: ©ie tniffen nicht, nrn« e« beißt, an ein ferne« ©rab ju benfen." 

$ie ’fafl fdbmerjlidbe Sejtimmtheit gbteS frone« ließ midb bamal« 
feine Slntroort finben. SDodb beute entgegne idb gbnen: „SKijfen ©ie, roa« 
e« beiß*/ an ein ©rab ju benfen, ba« man nidbt fennt unb ba« »ielleidbt 
überhaupt nicht epiftirt? ©teilen ©ie ficb biefen tiefen, unheilbaren ©dbnterj 
nor: nidbt ju roiffen, nie ju erfahren hoffen, roeffen ßinb man ift!" 



288 2Xugufl ^riebrtdj Kraufe tn Breslau. 

3a, olles ©aä, roaS Sie mir oon ber SJiutter fagten, miffe idfj. ©ie 
Siebfof ungen, bie järtlicfje Slngft, bie ©ebete, bie Sie mit gefalteten 
&ättbdE)en tjerfagen mußten, bie freunblühen Mahnungen, gut unb geregt ju 
fein; baS 33u<h, worin fte Sag um Sag 3^re gortfdjritte oermerfte, baS 
gnnje SDhifeum oon Spieljeug, bie greube, tnelcEje ber erfte Stiefel, ber 
erfte $anbfd}ut) machte . . . unb bie fanften, tiebeoollen, toachfamen Slugen, 
bie Sfinen nocf» jefct über Serge unb SJteere folgen, unb bie noch järtlidh 
bie ©ruft oon Stein butdhbringen, fdbmerjtic^ oermiffe ich fie. Sich, i<f» 
neibe 3hnen fogar baS ©tab, jenes Stücfchcn ©rbe, jenes bissen Steht, 
an bem Sie roeineitb fagen fötmen: „§ier rußt meine 3Jtutter !" 

3<h habe nichts!" — 

SDtan fü^tt, roie biefeS: „3<h h°be nichts!" jittert, toie in ihm bie 
Dual eines jerßoßenen unb jerquälten, einfamen fterjenS, baS nach ber 
ßeiligflen Siebe oerlangt, bumpf auffdhludhjtt. 

gebe neue Berührung nmrbe oon einer tieferen Sdjjmerjlidfjfeit, unb 
jeber Sag brachte ihr folclje. ©S ift ein täglicher Kampf, unb biefer Kampf 
oerftärfte noch bie große Senftbilität ihrer Statur. Um fo ftärfer mürbe 
baburch baS Bebürfniß, fich immer mehr oon ber Slußenroett in fich felbfi 
jurfidtjujiehen, in fich felbft ein gbeal aufjuridhten unb in oereljrenbent 
©ult ihm 8U bienen. Sie erjäblt, baß fie einmal mit ben Slnbercn ge® 
gangen mar, ben ©rbprinjen auf feiner ©urdfjreife burdh baS Stäbtdjen ju 
feßen. ©och im Slugenblid ber Borüberfahrt, als ber $uff<hlag ber Sferbe 
auf bem Boben bröfjnte, brängte fich bie 3Jtenge oor, fte fanf jurüdf unb 
fcßloß für einen SlugenblicJ bie 3lugen. 3h r fdhlug baS $erj jum 3er® 
fpringen oor Aufregung unb Grroartung. ©ann hörte fie ein oielfürnntiges 
Stufen: „@S lebe ber ißrinj!" Unb bann mar er oorüber. 2llS fte ben 
Kopf mieber hofc, fah f' e nur noch ben meinen geberbufch, ber in ber gerne 
oerfdhroanb. Stoch ein oolles gabt beberrfdbte bas 33ilb beS fßrinjen, ben 
fie nicht gefehen h otte, ihr ©enfen. Unb nicht bloS ein gaßr, immer trug 
fte es in ihrem £erjen unb oerehrte es roie ein £eiligthum; benn er mar 
für fie ein Spmbol — in ihm liebte fie bie „größte Schönheit, ben 
größten ©eift, ben hö<hften ©betmuth, furj, baS Unmöglidhe, Unerreichbare, 
ben Sraum . . ." Unb baS hat fie immer geliebt. 3ßre 5ittembe Seele 
quoll über oon heißen Sehnfüchten nach Sittern, roaS hinter, maS über ben 
©itigen ber SBelt ift. Sie führte eine 2lrt ©oppelbafein. gßre Slugen 

fahen mcl)r nach innen als nach außen, ©arum finb ihr frifdfj blutenbe 
unb putfenbe Sinnlidhfcit unb heißer SebenSroitte, bte ihre Kraft mit taufenb 
SBurjeln aus ber ©rbe faugen, fremb. SBie eine Somnambule roanbelt fie 
im ^albfchlaf burdh baS Seben, frembe SBege fdhreitenb, bie im ©unfein 
gehen unb bie Siiemanb fenut. Um baS ganje SBeib liegt es roie eine fülle 
Berflärung, roie ein halb oerbüttenbeS Strahlennefc, unb giebt ihr etwas 
Bifionärcs. ©arum ift iljr felbft auch immer bie Bifton „als -ein beoor® 
jugter 3 u ftnub, als eine 3ufluc()t, f>ne Bettung erfdhienen". ©iefe Ber® 


Zlcera. 


289 


innerlidjung beS SebenS ntad)t fie inbiffcrent gegen alles äußere ©efdjehene, 
baS Äörperlidje, ißhpfifthe, tritt für fie weit, weit jurüd hinter bem 
©eiftigen, fo bafj fie feiner laum noch gewahr wirb. ©aS „mit beiben 
güfjen im Sehen ftehen", baS „SebenSfieber" ift ihre Sache nie gewefen. 
©S ift, als ob fid) gleichfam bie Statur biefeS SßetbeS burd) biefeS in fid) 
felbft 3urü<fjiet)en fd)üfcen rooEte gegen aEe fchmerjlichen Serüljrungen ibreS 
fenftblen SBefenS mit ber falten Umwelt. SEeS baS, was bie ©urdjfdjnittS« 
menfcben, bte beerbe freut, ift nicht ihre fyreube; itjre greube ift reiner, 
gei iger, unb barunt »oraeljnter unb böfer als bie ber Elnberen. Sie f>at 
eine £eit lang geglaubt bie Statur rricfjt ju lieben, weil fie fte nicht fo 
liebte wie ihre Umgebung, benen Säume, Serge unb Fimmel nichts weiter 
ftnb als bie ©ouliffen, innerhalb beren fte fiel) in ermübenben unb lang* 
»eiligen, ftereotppen Spajiergängen ergeben, Sdjwißenb »or toifce, ben 
Stopf gefenft, pruftenb unb feucheitb unter ber Saft ber ©tunboorräthe, gebt 
©ins hinter bem Slnbem, forgfam acbtenb, baß bie Schuhe nicht fdjmufcig 
»erben. §ür fie ift bie Statur eine einjige, mächtige Stimmung, bie ge* 
boren im (Seifte beS Schöpfers, im EJtenfdjengeifte wieber neue intime unb 
intenftoe Stimmungen erzeugt. Unb biefe Stimmungen finb um fo fiärfer, 
je fenfibler baS SEBefen beS Sötenfdien ift. Sie fniet, wäbrenb bie anbere 
©efeBfchaft fdjmafcenb unb fauenb beim ©ffen fifet unb ringsum fettiges 
Rapier unb abgenagte &ühnerfnodjen oerftreut, abfeits non ben Elnberen, 
nor ein paar f leinen Spännen in ftiBem, jubelnbem ©ntjüden, unb in 
trunfener Etnbadjt in ihrer Setracfjtung oerloren, unb weift bie Serfudjung, 
fie ju pflttcfen, wie eine Siohheit non ftdj. Sie fdjleidjt fich aEein aus bem 
4>auS ber ©ante unb wanbert hinaus in’S fyreie. SEI lein fühlte fie fid) 
nicht mehr einfam. Unter bem Fimmel, beffen taufenb garbentöne oom 
bunfelften Slau bis jum EjeEften. Stofa fie 3 um erften EJtale bemerft, beim 
leifen ©eflüfter ber Säume um fie her, in ben Sicht« unb ©uftweEen ber 
weichen Süfte überfommt es fie wie ein Eiaufdj. ©ine mächtige greube, 
eine ftarfe, aus bem tiefften Innern queBenbe Stimmung erfaßt fte. 3« 
Mein, Ment, in Sicht, in Suft unb Schatten ift ihr eine Seele, ©ort 
braunen breitet fie in begeiftertem f^roldocFen jnriicfgebogenen fjaupteS, ben 
unermeßlichen Staunt mit bem Slid umfaffenb, bie 9lrme aus unb ruft, bie 
Seele non tiefen, frommen Schauem überronnen, breimal: „©ott . . . 
©ott . . . ©ott!" ©aS finb bie gewaltigen Etaturftimmungen, bie mit ben 
grofjen, religiöfen fo nahe nerwanbt, nieQeidjt ©ins finb — wer mag fie 
unterfdjeiben? — unb aus benen ber wunberbar große ©ebanfe beS frommen 
SßantjjeiSmuS geboren würbe. Sie lannte bie Steligion nur aus ben paar 
praftifdjen ©ebräudjen unb gebanfenlofen ©ewohnheiten ihrer fßflegerin. 
©ie äußerliche Sefolgung ritueBer Sorfdjriften, baS £erfagen torgefdjriebener 
©ebete war ihre Sache ttidht. Unb bod) war fie religiös, tief religiös. 
Stüht nur, baß fie eine hohe 3ld)tung nor bem EJtpfterium hotte, baff ein 
ernfteS, feierliches ©efühl fie ben ©empel lieben hieß, unb ihr ber ©otteS« 



290 Zlugufi ^tiebrid; Kraufe in Sveslau. 

frieben al« etwa« „Grhabene«, £ohe«, al« ber 3 u ftonb bcr oofffommenfien 
tteberwinbung ber SBelt unb ihre« dlenbs" erfdjien. ©a8 allein madjt 
bie Stetigiofität noch rticljt au«. 216er in ihr lebte bie „Seljnfudjt nadj 
©ott". 3bn fui^te fie mit jum ^intmel erhobenen SIrmen in ftemenflaren 
Städjten. ®a überriefelten it»re Seele unnennbare, geheimnifsoolle Stauer, 
eine fo tiefe, fromme, geheimnifjooll traurige 3^rtlid^feit überfant fie, baß 
ihr bie fronen über bie SBangen liefen. ®iefe Religion, bie nicht« 
weiter ift als ein ©mporgehobenfein, ein SoSgelöftfein non allem 3frbifd^cn, 
unb felige« Slthmen im Unirbifdjen, bie nichts weiter ift, al« eine fiarfe 
unb große Stimmung ber Seele, ift latent in allen ihren ©efüljlen unb 
Stimmungen, in all’ ihrem bunfeln SBünfdjen unb Sehnen. — 

Sßa« ftnb iljr alle äußeren fßerhältnijfe? Sie ift eine non tiefen 
^mpulfen bewegte Äünftlernatur, fie fdjafft au« fid) heraus neue aSerhätt; 
niffe, neue, nonteßme Sitten unb ©efefce, neue« Seben. SBa« ftnb ihr, 
bie nie ben Segen ber Familie fcnnen gelernt, bie nie fßater unb SDtutter 
unb fßerwanbte gehabt unb in ihrer Siebe ftclj gefonnt fiat, non ber Sitte, 
nom ©efdjid aufgejwungene fßerwanbte? ©ine jufäUige aSereinigung, un* 
abhängig nom SBiUen. ©iefe rolje Sleußerlichfeit einer Qahrtaufenbe alten 
©ewö^nung rerlefct ihre oornehtmfreie, ibeate Sluffaffung nom Seben unb 
feinem 3 roe d- 3h r ift bie aßahtoerroanbtfchaft bie ntenfdjenwürbigfie SBer* 
wanbtfchaft, bie einige, bei ber, unabhängig non gefefffdjaftlidhen fßacten 
unb ftercotppen nerwanbtfdfaftlidhen ©efüßlen affe gäbigfeiten, Neigungen 
unb ©rfaßrungen jur ©eltung gelangen fönnen. 

„SBenn idj 3emanb begegnen werbe, ber wie idj bie grauen üßinter* 
nebel liebt, ber nor affen Sljurmeeren, nor allen golbenen Sonnen bem 
büfteren SBalbelgrün ben Sßorjug giebt, unb ben 33or$ug giebt nor ber £ifce 
ber Äälte unb nor bem Slußenleben bem Innenleben, unb nor ber SJtuftf 
bem Sdiweigen, unb nor ber bem ©ebanfen, bann will idj fagen, 

idi habe einen aSerwanbten gefunbcn. fffienn ich Qemanb begegnen werbe, 
ber in feiner Seele lebt wie ein fjßriefter im Stempel in ehrfurdjtänoffem 
©»horfam nor bem SJtpfterium, bann will id) fagen, idj höbe einen föruber 
gefunben. ®odj, wenn je mir derjenige erfdjeinen foHte, ber mir ba« net; 
borgene .fjeiligtbunt öffnet, ba« ju ßödjfter Sdjönheit unb bcdifier ©üte 
führt, ber wirb in 2Bafjrheit mein ©efäßrte fein. 2Ber wirb ihn mir 
ftreitig machen fönnen? auf ©runb wetdjen ©cfefee« unb StedjteS?" 

£)ie Sehnfudht ihre« Seben« geht nadj einem SDtenfdien, bem fie Sille« 
fagen fann, Sille«, wa« in füfjer, banger Schmerslidifeit tief unten im £erjen 
jubelt unb fdjlud>}t unb nach Befreiung brängt unb ringt, wa« fich offen; 
baren will unb reftlo« hoch nimmer offenbaren fann, weil — wie £>e';ne 
fagt — ba« auögefprodjene SSort ohne Sdjant ift. Sie fud)t mit jitternbem 
SSerlangen ben ©efäljrten, in bem fie aufgehen fann, beffen Seele ihre 
Seele ift, ber ihrem müben ^erjen unb Äopf £eim unb Stufjeftatt bietet, 
mit bem fie, eng gefdjmicgt, waubern fann burdj bie bunflen Städte }U 



Xleeta. 291 

ben Sergen beS SicfeteS unb ben Tempeln ber Schönheit unb beS $beals, 
wo ber Traum bie jerfprungene 23elt wieber eint. 

Tod) ne weife, bafe biefe Sehnfucfet ewig Sehnfucfet bleiben mufe. 
©S giebt fein oölIigeS SBerftefecn, auch in ber Siebe nicht, eS giebt fein 
rafilofeS Slufgefeen einer Seele in ber anberen, feine Sectenoerfdjmeljnng. 
Selbft jwei gleichgefimtte Seelen werben fidh nimmer ganj offenbaren unb 
nimmer ganj uerftefeen fönnen. ©in SBobenfafe beS ungefagten Unfagbaren 
wirb immer in ber Seele beS ©inen juriidbleiben, ein heimlicher Seufjer, 
ein nerjebrenber Schmers wirb bem Slnberen nerborgen bleiben muffen, weil 
ein gtembe^ immer jwifchen ihnen (leben wirb, baS alles SBerfteljen 
binbert. „2Benn eS ihnen bie $eit geftattet, fo wirb ihnen bie Seranlaffung 
fehlen, unb wenn bie Seranlaffung oorhanben ift, fo wirb ein räumliches 
£inbernife eintreten, aber felbft wenn Urfadbe, 9lrt unb Seit jufammen* 
treffen, ift bann nicht immer noch bie Sergangenljeit norbanben, non bet 
and) nur ein Schatten jebe $reube trüben fann? Unb genügt nicht fchon 
eine blofee ©emüthSoerftimmung?" 

2tudj in ihr ift bie SiebeSleibenfdjaft einmal erwacht, aber tiefer, reiner, 
weniger brünftig als in 2lnberen. Sie fatn über ihre Seele wie ber junge 
Tag über bie feufche SJtorgenflur, ju jener $eit, ba ne baS Silb beS 
iprinjen, ben fie nicht gefeiten batte, im $erjcn trug. SEBie föftlich ift nicht 
biefe Spmbolif! G§ liegt eine fcbmerjlich füfee ißoefie über ihrer ©tjählung 
non biefer Siebe, bie weniger in ihrem Slute als in ihrer Seele war. 
Tantals war eS, als fie — ein halbes $inb — noch nicht erfannt f»atte, 
bafe bie Siebe traurig ift, als ihre Unfdmlb noch nidjts wufete non Siebes* 
mübigfeit’ als ihr nod) eine fyülle blüfeenben SebeitS unter ben güfeett quoll 
unb ihr ^erj nod) ben jitternben Sßulsfdjlag ber Statur fühlte. Später 
als baS Sehen ihr bie grobe TeSiHufiontrung gebracht hotte, bie nur benen 
erfpart bleibt, bie burch bie Siebe ber ©ötter jung fterben bürfen, als ihr 
bie Schamlofigfeiten beS Sehens bie Staioetät genommen, ohne bie Siebe 
nicht ntöglid) ift, lernte fie bie ©ntfagung, bie fdjmerjlidj nerjichtet, weil 
fie hinter bem ©lüd fein ©nbe fiefjt. „2Bie fann man glüdlich fein, wenn 
man weife, bafe SllleS nergefet? 2Bie fann man noch wünfefeen, wenn man 
erfannt hot, bafe ©fei ober ©leidjgiltigfeit aller aBiinfcfee ©nbe ift?" Tie 
Siebe taugt nur „für jrnei JUnber, bie $aub in £anb umhergehen unb 
glauben." Sie taugt nur für bie einfältigen fersen; bie rounben unb 
judenben $crjen aber, bie erfannt hoben, miiffen fich su jener &ölje er« 
heben, wo bie Siebe il)r SSefen äubert. 3n ben habilen Stegionen »er* 
hinbert bie bünne Suft bie ©ntfaltung organifd^en Sehens, aber befto wärmer 
unb reiner ftraljtt bort baS Sid)t." 

3bre Siebe fireift baruttt baS irbifche itleib ab, fie erweitert fich burch 
©ntäufeerung beS eigenen 2Bot)lS ?,ur SBettliebe, ber bie &unbetreue ber 
irbifchen Siebe nicht frommt, weil iljr nornehmfteS Streben auf einen immer 
nollfommener entwicfelten TppuS gerichtet ift. Sie wirb, jur Siebe ju allem 

»otb unb 6 Sb. XCVI. 288, 20 



292 21uguft ^rtebtitfa Kraufe in Breslau. 

©dienen, allem gbealen, allem Unfterblichen; aber gerabe barum barf fie 
nicht bie ©eelenoerfdmteljung als feöchfteS gbeal erfeljnen, benn „eine ©eete, 
bie fid) mit einer anberen »erfdjmiljt, gelangt jut Stube unb beenbigt bamit 
ihre Stiffion." Grft nach ber Trennung von bem greunbe fühlt fie ficfi 
mit itjnt oereint, „in ber gerne, im $Ber$i<ht, in ber 2lbroefenfeeit jeglicher 
gteube unb jeglichen SBerfehrS." 9tun fchroeigt aud) bie lefete ©timme ber 
SBrunft, nun hot bie Siebe alles grbifdje unb körperliche übermunben, fie 
ift unirbifch, unförperlid), un ft erblich geworben, ©ie ift Erinnerung unb 
©ebnfudjt. . klingt baS nicht wie ber webe unb boch fo f ft fie ©«htufeaccorb 
aus „gbfenS komöbie ber Siebe": 

,,Xoc5) bie Erinnerung, bie wir erwarben, 

Stellt über altem SBoItentrott 
3n ftebenfacben Regenbogenfarben 
$118 SSunberjeidjen jioifcben uns unb ©ottl" 

©aS höchfte ©lüd liegt nicht im iBefife, fonbern im 33erjid)t unb im 
SBertuft. ©0 weife ne ber Siebe neue, f<hmerjlich=füfee ©enfationen ab= 
julaufchen, bie ihre Siebe in ©wigleitsfchauern überriefeln. ©0 birgt jtdj 
in ihr trofc SlUem unb Mem in ber lebten ©de hinter aller refignirten 
SiebeSmübigfeit oor ben fcharf äugenben Sliden ber ©rfenntnife eine tiefe 
ftiüc, glüfeenbe SiebeSleibenfcfeaft unb SiebeSfebnfucbt. „SEBenn bie ©rbe iich 
in ginfternife hüHt, fo bat fie, wie ©ie wohl roiffen, alle ©onnenftrahlen 
aufgefogen. ©ie nennen bie 9tad)t rein, falt unb feufch, aber ©ie roiffen 
bodh, welche ©lutb fie hinter fich birgt, unb bafe ihre kälte ©<ham unb 
bafe ihre keufchheit ein ©bränenfdjleier ift." 

©aS ift bie Stetigion ber Gulturreifen, benen ber 2HItag ju gewöhnlich, 
baS Sehen ju ftumpf unb bie Stoffe $u biöbe ift, bie alle $eerbeninftincte 
überwunben unb in einem unenblicfe uerfeinerten, garten Innenleben fich 
felbft als gnbioibuum, als $3efonbert)eit gefunben haben. Qhnen ift bie 
greube ju oulgär, barum fudien fie ben ©ebrnetj mit berfelben jitternben 
©ehnfucht, mit bemfelben brunftigen Verlangen, mit benen 2lnbere bie Sufi 
unb ihre jauchjenben Orgien fuchen, benn, „im ©runbe genommen, ift ber 
©efemers geroiffermafeen nur eine aufeerorbentliche gorm beS ©enuffeS, eine 
eble, nieberen 9taturen unbelannte gomt, roelche ben faScinirenben 9tei$ 
beS 2lbgrunbcS hat." ©ie foften bie bitterfüfee 2Botluft beS ©dpnerjeS bis 
jur Steige auS unb finben auf bem ©runbe beS keines bie föftliche Eßerle 
beS tiefften, innerlichften unb barum unoertierbarften ©lüdSgefüfetS. ©ie 
unterliegen nicht bem ©cfjmerj, roie bie ©urdifdmittSmenfcben, fie befiegen 
ihn unb trimnphiren über ihn. ©ie roiffen mit ihren feinen ©innen auch 
im lärmenben 2llltag neue Stelobien ju erlauben uon unenblicher 2ßei<hbeit 
unb klangfftHe. ©0 führen für fie alle ©djmerjen ju einem unenblich 
ibealeti ©nbe. 

„©infame ©eele" ift baS tieffte, reiffte unb jugleich baS tppifchefte 
2Berf ber ©idjterin. ©arum höbe idj eine eingefeenbe Slnalpfe biefer 



Heera. 


293 


©üfltung oecfud^t. 2Ber weiß, baß man ein Äunftwerf Ttidjt mit groben 
$äben an bie gemeine 2Belt bei ©age! binben barf, roer bie biöbe ©ußenb= 
weilbeit »erlernt bot, bie in ben 2teußerli<hfeiten einer ©ihtung ba! primäre 
ßebt, roer mit feinem $nftincte au! ber äußeren .fjanblung bie fubtite 
fßerfönlihfeit bei Zünftler! berauljufübten »erftebt; ber mirb au<b wißen, 
baß bie ©idf)terin in ber be) proebenen Dichtung ißre Seele gegeben bat 
unb nicht ba! geiftige 23ilö ber ©ufe, roie man meint. aSielleicfjt iß bie! 
bie Slbßdjt gewefen, »ieüeidbt! 2Benn man in beut fhlicfjten unb flaren 
23itbe einer fubtilen grauenfecle, ba! biefe ©ihtung giebt, bie italienißhe 
Shaufpielerin wieberjuerfennen gemeint bat, fo liegt ba! baran, baß if>t* 
bie ©idfiterin feetifh fo »ernmnbt ift. ©! iß eine abgegriffene SBabrbeit, 
baß jebes echte ßunftwerf ein ßSerfönlihfeitlbocument ift, aber barum boef) nicht 
toeniger SBabrbeit. ©et 2Bertb bei Äunftwerfel mirb um fo größer fein, 
je unmittelbarer el beraufquiUt aul ben ©iefen ber fünftlerifhen fßftjhe. 
3n bent 23ucbe giebt bie ©icfßerin ihre ganje Seele, baß man au<b bie 
fubtilßen ©ntpßnbungen bi! in bie feinßen 2Bürjelhen »erfolgen fann. 
3Ran füblt, oßne baß el bie ©ießterin erft — i»ie ße e! in einem 
23 riefe an mich tfjut — befennen muß, baß fte in „©infame Seele" ibr 
eigene! ©efübllleben befhrieben. ©arunt eben wirft gerabe biefe ©ihtung 
fo früh, fo fdjmerilid), baß wir noh bie blutenbe 3Bunbe ju fpüren meinen, 
an ber bie 9Jabetfhnur, bie Äünßlerfeele unb Stunftwerf »erbanb, bur<b= 
-fdjnitten worben iß. 

2Bie »iel aber »on ihrem eigenen — äußeren wie inneren — Beben 
in biefe! 2Berf Ißaübergeßoffen iß, merft man erft recht, wenn man bie 
furjen autobiograpbifhen fDtittbeilungen, bie ihrem in beutfdßer Ueberfeßung 
unter bem ©itel: „3tn ©raum" erschienenen Sfisjenbanbe »orangeftettt 
finb, burcbblättert. Sie taffen einen bebeutfamen 23ticf in ben inneren ©nt* 
wirflunglgang ber ©idfßerin tbun. 

•Jteeral Beben ift arm. an äußeren Greigniffen. 3 n einem Briefe an 
mih ßbreibt bie ©ihterin: „23on meinem Beben iß nicht! ju fagen, weit 
ich el ganj fern »on ber2Belt unb ber ©efellfhaft »erbracht habe." Sb** 
3ugenb war einfam, ftitte, gleichförmig, öbe unb grau wie ein trüber 
Dßooembertag, „ein »ergrabener Shaß". 2Bie einer tebenbig ^Begrabenen 
muß ihr ju SDtutbe gewefen fein in biefen fdjier enbtofen fahren eine! 
ftumpfen, entneroenben, bi! jur ©roftlofigfeit langweiligen ©afein! unter 
alten Beuten, ferne »on Qugenbluft unb ^ugenbtljorfjeit, in einer Umgebung, 
bie ße nicht »erßanb, in ber fie eine grentbe war, eine grembe im Schoße 
ber eigenen gantilie". 33on ihren 33rübern erjäljlt fie: „Sie lachten hoch 
manchmal!" Unb bitter feßt fte Eß^u: „3h niematl!" 3bre SJJutter war 
immer fränftich gewefen, fie ßarb, all ba! 2)Mbhett faum ißr sehnte! 3aßr 
»ollenbet batte. So wühl ße, nicht wie anbere Stinber in ber Umgebung 
inniger, järtliher üDcenfhen auf. 2Son Sßiemanb würbe ße gelobt, »on 
Stiemanb getiebfoft. 3 ,0Q r liebte ße mit ber ganjen tief in ißr Qnnerßel 

20* 



29 ^ 2tngu|'t ^ricbtidj Kraafe in Bresian. 

bineinbrennenben ©lutlj ihren armen, ton bem Äampf mit bem Sehen er* 
fdjöpften unb entfräfteten 93ater, bem mit bem Sobe feiner SebenSgefäbrtin 
alle Qüufionen sufammengeftürjt waren. „6c lebte wie eine Sorte inmitten 
feiner unerroadifenen Äinber; er ttar ernft unb traurig unb ton einer 
Sanftmutb, welche feine Seelenqualen terbarg." 6t mar fdjroeigfam unb 
metandfotifcf; roie fie felbft. 2lber fie terfianben fiel) nicht, „©ejehaffen, 
um einanber ju oerfteben, gingen mir bodj ftumm neben einanber her, ohne 
uns tröften ju fönnen! @r, ber enttäufd)te ©reis, auf bie Sergangenbeit 
jurüdblidenb, xd), bas junge -Dtäödjen, mit ben terbunbenen 2lugen, bie 
2lrme nach ber 3ufunft auSftretfenb." 3hre kanten, bie mit in bem ge* 
räumigen, oben fjaufe ihres Katers (ebten, faßen ben ganzen Sag mit bem 
Stridftrumpf in ber ^anb, auf einer Stelle, in ber Mche ftapperte bie 
9Kagb, ibt ißatec las ben „fßungolo" ober tertiefte ficb in feine fdjmerjs 
tidben 6rinnerungen. 33or ibr felbft lag auf einem Sifdjdjen ein 33erg ton 
Strümpfen unb 9täl)arbeiten. Unb fie faß ben ganjen, ganjen Sag in 
bem Reinen biifteren Salon mit ber bunfeln Tapete, „bie ^änbe mit 
jmei fßaat fganbfcbuben bebeeft, mit ror fyvoft ftarrenben Ringern" unb 
arbeitete. Sraußen riefelte ber Scbnee tont grauen Fimmel herab, leife, 
gleichförmig, melandjolifcb mie fie felöft, „eine Stunbe, jroei, brei, fcd)S, 
fieben Stunben". „3nt Februar, nad) bem heiligen 2lntoniuS, an welchem 
ttad) ber SMnunq meiner kanten bie Sage länger merben, jünbete man 
jum ÜJiittageffen fein Siebt mehr an, fobalb baSietbe beenbet mar, machte 
mein 9,’ater ein Keines Sdjläfdten auf bent Sitan, eS mar mehr ein 
melandiolifdjeS träumen, unb meine Santen faßen fteif unb unbeweglich 
mit ferjeitgraber Haltung, roie ßarqatiben, an ber SBanb unb fagten ihre 
©ebete in ©ebanfen her. SaS SageSlidjt erftarb nach unb nach, juerft 
entfloß eS aus ben 6efeit, eS ftreifte bie kacheln beS DfenS, bie 3 ,l, ecfcn 
beS SioanS, bie 33ilbermljnten unb teriteilte einen 3lugenblid jroiuben 
ben meißen galten ber Vorhänge, benen es eine unbeftimmte, gefpenftifebe 
©eftalt terliel), bis plößlicb bie ginftemiß bereinbrach unb SllleS in tiefem 
Sdpteigen roie mit einem Sdjleier bebedte. -Dtan hörte bann nur noch 
ton 3eit su 3cit an ber Stelle, roo fidj bie ßöpfe meiner Santen befanben, 
ein leifeS fflüftern, baS 2lte fOJaria." 

3n biefer troftlofen ©infamfeit lebte fie nun ohne fDiutier, ohne 
Sdjroeftern, ohne Jyreunbinnen — ohne Siebe. Sie roar nicht fo glüdlid) 
tevaulagt roie anbere SUnber mit Socfenföpfcben, ' ©rübdjeit in ben SBangen, 
bie ficb luftig unb fovgloS mit ihrer 3 u trautid)feit in bie Siebe ber ©r* 
roadifenen Ijineinfdimeicbcln. Sie roar fcbüd)tcrn, fcheu unb jurjidbaltcnb. 

So Kingcn uns auS ber 3ugenb ber Dichterin bie befannten Solange 
herüber, benen mir in „©infame Seele" taufdjten unb bie uns bort fo 
ftarf an’S ^erj griffen, .öören mir nicht hier bie terbedten Duellen riefeln, 
ans benen bie mächtigen ©efübtsftröme, bie biefe Sichtung burdiraufcben, 
mit intenfitcr £cftigfeit beroorbredjenV SSie in bem fDtäbcben jenes rounber- 



XI c e r a. 


295 


Baren ©ebidjted nutzte and bei iljr bie glühenbe 2eibenfdafttid)feit ber 
gugenb, „als fie gemaltfam auflobern wollte, in bad gnnere (jineinbrentten". 
Dad erflärt bie tiefe gmterlidjfeit aller ihrer Dichtungen, gär raufdjenbe 
Vergnügungen, für Spajiergäitgc, Särm unb ^Bewegung batte fie feine 
Steigung. Dagegen lad fie mit glüljenbem Gif er Med, wad ihr unter bie 
Hänbe gericth, fcf)lecl)te wie gute Viecher, jebcd Stiid gebruefte Rapier, in 
bad bie Staufleute bie ÜBaaren einpaeften. Gincu mächtigen Ginbrucf malten 
auf ihre weiche, träumevifche Seele bie IBunbermärdjen aud „Daufenb unb 
eine Stadt", Selbft Slbenbd, wenn fie fchlafen füllte, lief? ihr bie burd bie 
SBunber orientalifdjer 3 a ''bermelten aufgeregte ißbantafie feine Stube. l'tit 
ihren Vr übern, bie im anftofeenben 3 mimei ' fdliefen, fuchte fie bie ,,ge« 
lefeuen pbantaftifden ©eenen, jene Stfelt non 3 n 'derern U ub geen ?u uer- 
roirfliden". l'tit ben glidenben garben einer immer regen, lebeitbigen 
Ginbilbungdfraft malten fie fich bie wunberbarften Vilber gegenfeitig fidj 
anregenb uub ergänjenb aud, geber 50g fich «uf Gontmanbo in fein eigened 
©dloö juriid. „Die ©flauen fatnen ihnen entgegen, beftreuten ben Vorfeof 
mit Stofen unb öffneten bie IBoblgerud nerbreitenben goittänen". Dann 
befanben fie fich im fpalntenfaal. „Die Ditmnd finb mit rofa Sltlad be> 
bedt unb mit perlen befät; perfifde Deppide bebeefen ben gufeboben; in 
ben golbenen Siteibraudfäffern brennt ©anbei hol?; bad Gi bed Vogetd Stoc 
ift an ber gewölbten Decfe aufgehängt unb fiebert bad ©lütf; bie Gunnchen 
machten bie Stunbe um bad Schloß; füfee SJtanbolinenflänge ertönten in 
ben Damarinben: uub Slloegebüfden". 

Doch ber fd)öpferifdje Drang in ihrer Seele liefe il)t nicht 3 e 'i/ fich 
lange an ber garbenpradjt frember Vielten ju beraufchen, halb fing fie, 
ber geenveiefee mübc, an, SBelten in fich felbft 3U bauen, bie oieüeid)t nidjt 
fo fchön unb glänjenb, bafür aber um fo mehr iljr eigen waren. Die 
monotone Slrbeit, bie fifeenbe Sebendweife begünftigten bie Gntwidlung ihrer 
geiftigen gähigfeiten. IBenn fie mit betn flapperuben ©tridftrumpf in ber 
£anb, in ber oben, langweiligen ©efellfdiaft ihrer Dante fafe, war ed nur 
ber Körper, ber gegenwärtig war, bie Seele war ber engen, troftlofen, 
finfteren löelt um fie her burd bie Pforte ber g^fjantafie entflohen, fie 
fefeuf fidh — Königin im Steiche ber ©eifter — eigene Steide unb be- 
»ölferte fie mit ben lebeitbigen ©eftalten iljrer Sebnfüdjte, Hoffnungen unb 
Sßünfdc. 

Dod) bainit nidt genug. Stehen biefem fdöpferifden Drang war 
ihrer Seele fdjon ber Drieb eingeboren, binabjuleudten in bie Slbgtünbe 
unb Diefen bed mcnfdlid;en Heißend, unb fie mit fdarfent Sluge ju er= 
forfden. Diefe feelifd)en Slnalpfen betrieb fie mit einer gutenfität unb — 
wie fie felbft Tagt — „mit einer Grnftbaftigfeit, bie mandmal an fßebanterie 
fireifte, mandmal fogar an Sltifemuth". Gd war in ihr etwad oon jener 
gerftörungdmanie ber SUnber, bie iljr Spieljeug jerbreden, um ?u fehen, 
wad ed inwenbig enthält. Sie, bie mit athentraubenber Segeifterung über 



296 


2tuguft ^rteötidj Ktaufe in Breslau. 


mebicinifcben SBerfett, in benen ©eijirn, Hcrj, Seher unb Sungen befdjriebett 
merben, ftfeen tonnte, am tiebften nielleicht felbft in feigem ©ränge, baS 
Seben ju erforfdfjen, ben menfdflicben Körper jertegt hätte, nutzte mit inten* 
ftner SluSbauer bie feinflen gafcrn beS mcnfdjlicfjen HerjenS blofejulegen. 
SBenn fie gentanb ermattete, uerfefete Tic fid) mit foldjer Kraft in bie (Seele 
beS Ko'mmenben, baß fie . ganj aus fid) feerauStrat. Unb noch nach ber 23e= 
gegnung lebte fie SlUeS nodfj einmal burd) unb machte bie gleichen 33e* 
megungen mit bent ©eift, bem Herjen unb ben Sternen, melcfee jene SBortc 
unb ©eften h«rnorgernfen Ratten. Sie fagt barüber felbft: „6$ bilbete 
ficb in meinem Innern jene Krnftatlifation, mie (Stenbbal fagen mürbe, 
jenes Phänomen {ebenfalls, baß id) nad) einem ©efprädfje nidf>t bamit ju* 
frieben mar, baran jurüdjubenfen, fonbem ganj unb gar in ber fßerfon 
meines gragejleHerS aufjugehen fud^te, mit einer Slnfpannung aller Sternen, 
um mir jebe feiner ©mpftnbungen ju nergegenmärtigen, fo bafe ich nicht 
mehr ich, fonbern ,er‘ mar. @S genügte mir nicht ju hören unb auf* 
junehmen, idh wollte in bie Seele. beS Spredienben eipbringen, leiben unb 
geniefeen mie er." Stuf biefe SBeife näherte fte fidh ben fßerfonen ihrer 
Umroelt, benen fie mit io grofeet Sercitroilligfeit su entfliehen geneigt mar; 
fie trat in ihre ©ebanfenmelt unb in ihre ©mpfinbungen" ein. ©iefeS 
intenfioe Innenleben machte fie gletdbgittig gegen baS äufeere Sehen, mirflidfj* 
feitSfremb unb langfam unb liefe fie ben Slnberen bumm erfdheinen. Unb 
bo<h war es nur — ahgefehen oon bem Keim einer natürlidhen Anlage — 
bie Selbfehilfe ihrer geiftigen Statur gegen bie abtöbtenbe, neroenab* 
ftumpfenbe ©intönigfeit unb Sangroeiligfeit beS täglichen Sehens um fie her* . 

So roirb baS Qugenbleben ber ©ichterin non hernorragenber SSebeutung 
für ihre fpätere Kunft. Sie befennt baS felbft: „SBenn ich oon einem 
fleinen Kreife inteHectucUen unb genialen Sehens umgeben geroefen märe, 
mürbe ich mich niemals fo auSfdhliefetidf) in mich felbft jurüdgejogen hohen, 
ich hotte bann meit meniger überlegt, beobadjtet, gefühlt, gelitten. 3$ 
bitte Sie, bas Sßort , gelitten* moht ju beachten, benn ich lege baS höcfefte 
©emicht baratif! SBenn id) bie SiebEofungen ber SJiutter, baS heitere 
Sädieln einer Schmefter, baS ©eplauber gleichgeftimmter greunbinnen — 
roeltliche gerftreuung, elegante, oberftädjlicfee Söefdhäftigungen — ober auch 
nur einfach ein feljt tfeätigeS, länblüheS Seben gehabt hotte, roer roeife, idh 
hätte meUeidjt ebenfo gefefericben, aber bie pfpcbologifche dual märe nidht 
fo lebhaft in mir geroorben, um mir gleidjfam jur jmeiten Statur ju 
merben." 

©ie meiten Steidfe ihrer Seele füllten fid) mit ©eftalten, unb jebe 
trug eine anbere fpfpfiognomie. ©aufenb SBünfdje, ©ebanfen, Sehnfüchte, 
Hoffnungen quollen in ihr auf, fie mudjfen unb behnten ficf), unb ifere 
Seele mürbe voll non ihnen. Sie tnufete fiefe non biefer güHe in ihr, non 
bem 9lcid)tt)um ihrer Seele befreien, ©amit nergafe fie jugleidj bie öbe 
SBelt ber Sangroeile unb ber ©roftlofigfeit um fie hör. gfer fyufe trat 



ZTeera. 


297 


in bic SBunberreidhe ber ©dhaffenben. „©Raffen — baS ift bie Grlöfung 
ootn Seiben unb beS Gebens 2eid)termerben." SBenn fic fdhrieb, beruhigten 
fich bie Dualen ihrer Seele, tiefer briete unb feliget Droft fenften fidh in 
ihr gemarterte^ £erj. Schreiben mar ber felige Schluff ihres DagemerfeS, 
baS Abenbgebet, mit bent fie ihre belaftete ©eele befreite oon ber unerträg* 
liehen Dual brängenber ©efül)le. Diefetit inneren Drange ift fie bei all’ 
ihrem Schaffen allein gefolgt, unb er hat fie oor Abirrungen beroahrt. 3^ rc 
Äunft hat einen weiten 2£eg genommen: $8on beit naioen ©tammetlauten: 
„3<h bin häßlich/" „SDtanta fdhilt mich immer," mit benen baS Jiinb in 
btinbem SDtittheilungSbrange alle SBittemiffe feines jungen DafeinS ficb oon ber 
©eele fdhrieb, oon ben jagen Grjähloerfudhen ber ©echjehitjährigen an, bie 
wie baS erfte tinblidhe ©efiammel ber fünftigeu Hünftlerin finb, bis ju ben 
tiefften Schöpfungen ber reifen Dichterin. Aber auf biefem weiten 2Bege 
ift fie bem ureigenften SBefen ber ftunft treu geblieben, immer waren ihre 
Dichtungen reine ipetfönlidhfeitSäuferungen, bie burcf) leine SRütffichtnabme 
auf fßublicum unb Grfolg, auf IRidjtungen, Schulen unb Gliquen je getrübt 
würben; benn ite fdhrieb immer unb immer für ficb unb nie für Anbere, 
ober gar für bie -Dienge. „Der ©dufter macht ©dhuhe für anbere Seute, 
„ ber wahre Zünftler arbeitet immer für fidh!" DaS giebt ben Dichtungen 
3?eeraS jenen eigentümlichen, faSänirenben 3ieij, ber uns bie ganje SDiacht 
ihrer Sünftlerperfönlichfeit entpfinben (äfft, fie finb 001 t jener blutenben 
fyrifdhe unb ©djmerjlidbfeit beS ©elbfterlebten, bie unS bis in bie lefcten 
Diefen unfeter Seele erfdhüttert. ,,2'otlenbung beS @efü()(S" ift für bie 
Dichterin allein bie Runft. Diefe Soüenbung ift nicht allein fpotenjirung, 
fie ift auch Differenjirung. ©0 gewinnt baS ©efühl an $utenfität unb an 
AuSbehnung. Die eigenen Dhränen, mit benen ber ßünftler malt, fdhreibt 
unb rebet, finb nidjt feine eigenen Dhränen allein. „Der echte Äünftler, 
wenn er weint, fo meint er bie Dhränen ber ganjen 2Mt." Alle $reuben 
unb alle ©dhnterjen oereinigen fidj in ber ©eele beS StünflterS wie in 
einem Srennpunft. Gr nimmt fie alte auf fid), er erlöft bie ganje 9Jtenf<h* 
heit oon ben brängenben Duafgeftihlen ber Suft unb beS SeibeS. DaS 
ift baS $eit, baS ben -Dcenfchen oon ber Äunji fommt. 

Der hödhfte ©egenftanb foldher Stunft freilich Eann nur ber 2Renfdj 
fein, bet SUenfdh in feiner ©efammterfdheinung unb in ben SBirfungen, bie 
oon ihm auf feine Umwelt auSgehen. Darum concentrirt fich auch baS 
Qntereffe ber Dichterin „auf fein ©entstehen — baS nädjfte auf bie 33e= 
jiehungen, weld)e er mit ber übrigen 28elt bat." Der fDienfch ift baS 
erfte unb baS bebeutenbfte Object ihrer ^Beobachtungen, il)t fcharfeS Auge 
bringt in bie bunfetn Sabprinthe feiner ©eele unb entbecft bie oerborgenften 
Driebfebern feines DenfenS unb ßanbelnS. Der ihrer Seele eingeborene 
Drang ju pfpdfjologifdhen Analpfen, bie gähigfeit, fidh oon fidh fclbft ab* 
jujiehen unb in ben Seelen ber Anberen aufjugehen, weift ihrer Jtunft bie 
fRidfjtung. Darum finb bie ffJerfönlidhfeiten ihrer fRomane „wie bie 



298 21 u g n ft ;frie&r«df Krattfe in Breslau. 

ÜDtalerinnen ton 2lpeHe, baS SRefuttat oietfacEjer, in ber SDtenge gemalter 
Beobachtungen." ©od) finb biefe in bcr Seele gefammelten Beob Ortungen 
nur ber ©ßon, aus bent bie fdjlanfen £änbe bcr ^ßfjatttafie giguren formen. 
9iodf) finb bie giguren tobt, noch ift ber Zünftler nur $anbroerfer, fo lange 
fie tobt bleiben. $ um Schöpfer nrirb er erft, wenn er biefen tobten 
Figuren feine Seele einbläft, trenn er fie mit feinem ©efüßlSleben begabt. 
Sttlfo wirb ber 2Renfh eine lebenbige Seele, gefdjaffen nach bem ©benbilbe 
feineä Schöpfers unb ein ©heil feines Selbft. 

2^^crefa, Spbia, (Sbittja, Saura, Biartha unb bie „©infame Seele", 
alle tragen fie barunt baS ©efühlSteben ber Dichterin in fidj, aus äßen 
leuditet batum tief tont ©runbe ihrer Seele herauf baS feltfame Slnttiß 
BeeraS. 2Bir gehören nidjt ju jenen Superflugen, ton benen bie ©icßterin 
in „©infame Seele" fpridit, bie ba benfen: „gn biefer unb biefer Stolle hat 
fid) ber Slutor felbft gefhilbert," bie jebeS 2Bort burchftöbern, um in ben 
©injelßeiten bie gnbimbualttät ju entbedeu. 2BaS mürbe es frommen, 
menn mir alle Brutalitäten beS äußeren SebenS, bie bie ©raumfeele ber 
©iditerin fo oft unb fo roh tergemaltigt hoben, im Spiegel ihrer 2Berfe 
roieberfuchen wollten? 2Biirben mir baburch ihre Seele fmben? 2Bemt mir 
aber ihren ©eftalten mit intuititent Berftehen nahen, roenn mir uns liehenb 
in ihre Seele hineinfühlen, fo roerben mir baS eigene ©efiihlsleben ber 
©iditerin roieber entbeden. ©S ift nicht jufällig. roenn bie ©idßerin bie 
©efühlstöne, bie in ber fUtanneSfeele Hingen, nidjt fo ju treffen weiß, roenn 
roir bie Btänner in ihren ©icßtun gen, bie Drlanbi, ©almi, ©arameHi, 
£ugo, 2llbert, Spiccorlni roohl fein djarafterifirt fcljen, aber ton bem in 
ben 2lbern ihrer Seele pulfirenben ©efiihlsleben nur roenig pochen hören. 
Unb brid)t bei ihnen boch einmal baS ©efüßl burd), fpüren roir ihre 
Seele, fo iß eS bie feltfame, roeidje, terträumte grauenfecle ber ©idjterin, 
biefelbe Seele, bie in ihren grauen unb 2J?äbhen herrlicher unb rounber* 
barer lebt. 

©S ift — auS äußerlichen ©rünben — nid)t möglich, baS intenßte 
©efiihlsleben, baS in ben grauengeftalten ber ©iditerin mehr ftille glüht, 
als fladernb lobert unb brennt, fo eingeßenb barjußellen roie ich eS am 
Slnfang biefer 2lrbeit mit bent ber „©infamen Seele" terfucht höbe. 2Bir 
roiirben aber bei allen biefen grauettfeelen jene gntenßtät beS Innenlebens 
unb jene Subtitität bcr ©ntpfinbung roieberßnben, bie nur bei bem 2Beibe 
ntöglidj ift. Biehr ober weniger haben fie fich alle auf ber fomnambuten 
SBanberung burd) bie ©Ijäler ber ©rbe bie Seele rounbgerieben an ben 
gelfenfanten ber 2Birflid)fcit; alle haben fie fid) aus einer troftloS lang* 
«eiligen unb oben, ober geift* unb feelenlofen Umwelt jurüdgejogen in bie 
heimlichen Bereite ber eigenen Seele. gn allen lebt jene ftiUglüfjcnbe 
£etbenf<haftlid)Eeit, bie, weil fie aus irgenb einem ©runbe nicht auflobern 
burfte, tief in fie hineingebrannt iß; allen ift bie Bifion „als ein be* 
torjugtev guftanb, als eine gufludit, eine fßettung erfdjienen." 



Hecva. 


299 


Ter SJtenfd) fleht nicfjt [oSgeloft mitten in einer SBelt jufädiger @r= 
Meinungen. 9)Jit aßen Tingen feiner Umroett ift er auf’s gnnigfte ner= 
fnüpft, mit unfiditbaren, aber unserreifjbaren gäben ift er in feinem ganjen 
©ein an bie ©rbenroelt gefeffelt. ©ein 25>efen bitbet mit ieiner Umgebung 
ein untrennbares ©anjeS. Tie tobten Tinge empfangen non if»m Seben, 
fein Seben, baS fie ooHftanbig burchbringt. Stiebt baS SJtilieu macht ben 
SStenfchen, obgleich mancherlei Stüdroirfungen geroiß nid)t abgeieugnet roerben 
follen, ber SJtenfdb fdgafft fi<h fein SJtilieu. Unb gerabe barurn fönnen mir 
bie Gigentf)ümti<bfeiten feines SBefenS in feinem SJtilieu roicberfiitben, roie 
in einem ©pieget feine förperlidie ©eftatt. Tie ©eete ber Tidjterin ift 
mit bem feinen gnftiuct begabt, ber ade, aud) bie nerborgenften 59ejieE)ungen 
beS SDtenfiben 51 t feiner SBelt aufjufpüren roeif;. gfjrer Kunft ift bie Siebe 
jum gntimen eigen, bie baS SBefen beS 3)fenfdien burd; bie ©djiiberung 
feiner Umgebung plaftifcf) ju gehalten nerftetjt. Tie ganje, weite SBett 
intereffirt bie Tiditerin nur, roenn fie mit bem SJtenfdien in S3ejiet)ung 
ftebt, roenn er ben tobten Tingen 33ebeutung unb Seben giebt. Tie Statur 
nermag roenig ©inbruef auf fie 311 mad)en, roenn fie nidit belebt roirb burch 
ben ©eift beS fDtenfdjen, roenn fie nidjt bie 33erförperung feiner ©efübte 
unb Stimmungen ift. „geh liebe bie Statur," geftetjt fie, „aber biefe 
©mpfinbung ift eine rein menfd)[id)e, tebeubige, beroegiidje. geh liebe bie 
Statur in bem, roaS fie mit bem SJtenfcben, mit itnferen ©dmierjen unb 
unferer Siebe nerbinbet." ©0 ftefjt es aud) mit ihrem Sfcrljältniß ju allen 
übrigen Tingen. $1)« Siebe fieljt in bem Kleinen bas ©rofe, im ©i^elnen 
baS SlUgemcine, att’ bie taufenb Kleinigfeiten beS SebenS fiitb itjr ber 
Sdjlüffel ju feiner ©rljabenbeit unb ©röße. greilid) fönnen fie es nidit 
fein, roenn man alle TetailS fo fiebt roie ber ©nglänber, ber auf ben fünf* 
bunbert ©eiten feiner Steifebefdireibung non nichts 2 lnbercm als oou 
©duffen, Slnfertauen, SJtnftbäumen, ©teinfoblen, noni ÜJteere, nom tpiinmel, 
»on ber Grbe, ben Sergen, ber gaitna, ber glora, ben ©teinen fpridit. 
@S geb&rt eben ©eele baju, eine ©eele, bie fidj liebeooll unb antbeilnebmenb 
in bie Sktraditung beS reichen, blübenben SebenS, baS um bie güfje beS 
Beobachters quillt, uerfenft, beren Sluge bie intimften 9ieije entbedt, beren 
Dbr bie bfimlidiften Töne erlaufest, bie mit allen Sternen baS gebeimnifj* 
nolle SBeben in ben Tingen fütjlt. Stur fo fann man jene rounberbare 
Intimität unb ©timmungSfülle in ben ßrfdjeinungen entbeden, bie bie 
Tiditerin auf ihrer erften gabrt in ber ^oftfutfebe gefunben b nt: »3<b ”>ar 
acht ober jebn gabre alt, als i<b meine erfte Steile in biefem ebrroürbigen 
Kaften unternahm — eine ganje Stacht, ohne ein 2luge ju fdjließen, in bet 
ginftemif? unb grembe fpu unb b er gefcbaufelt, meine ^plgantafie jagte 
eilenbs an ben SBagentljüren entlang unb ftreute £äube »oll perlen bei 
jebem SJtonbenftrabl aus . . . Ta roar ein itngenber ©olbat, eine feufjenbe 
grau, ein fcblafenber fßriefter, unb gentanb, ber in einem halbgeöffneten 
Garton ber ©ejeUfchaft Gbocolabenpläßdjen präfentirte." Tiefe Siebe 5 um 



300 2Xu g n ft ^rtebridj Kranfe in Breslan. 

intimen hat fie am jtamin ihrer ©rojjmutter empfangen. Das einfache 
unb boef» im Äleinen fo oicfgeftattige, intime Sehen in biefem patriard^a lifc^en 
£aufe bat fie snr Dichterin gemacht. 

9?adb all biefem wirb uuS ihre Vorliebe für bie ißrocinj, bie — fo 
roeit fie mir befannt finb — mit 2luS nähme bet „Spbia" in allen Dichtungen 
ber Sdfjauplafc bet ©reigniffe ift, nidht mehr rounbern. Sie erftärt felbfl: 
„23om fünftterifdhen Stanbpunfte aus fchroärme i<h für bie ißrooinj, fie in= 
fpirirt midi unb oerfchafft mir bie nöttjige Stufje. Qdh finbe fie erhabener 
nnb inniger, inbitibucllcr als bie ©rofjftabt, wo man, aus gurdht, anjufto^en 
unb auäjugleiten, gaitj gleichartig roirb, 100 bie ©den ftdj abfdhleifen, bie 
fßroftle fief) terfeinern unb bie färben fich cerfchmeljen, roo man fdjlieftlicfj 
baS 2lu Sieben beS lebten ÜDtobefupferS annimmt." 

Der ©ruubjug im SBefen beS 2BeibcS unb in feiner 9iatur begrünbet 
ift bie fpaffitUät im Raubein unb — barauS refultirenb — auch im 
gütjlen. ©r finbet fidh idharf ausgeprägt audh im ©harafterbilbe DieeraS 
unb ihrer ©eftalten. Diefer fJSaffüntät, bie audh burd) bie trüben ©r« 
faljrungen beS SebenS noch terftärft mürbe, oerbanft bie Didhterin bie 
3ntenfitat ihres Innenlebens. Den -Diann reijt ber in ber SöoShaftigfeit 
unb Sdjledjtigfeit ober in ihrer ©leidhgiltigfeit oerftedte 2Biberftanb ber 
Umroelt, baS SBeib jieljt fidh, wie bie Schnede, in fidh felbft juriid. Der 
Äampf ift ihr frentb. 2lufbegetjrenbe ^eftigfeiten unb roübflacfernbe Reiben« 
fdhaften fehlen ben Dichtungen 9ieeraS. Die geringe äufjere ßanblung 
fteigert fidh nirgenb unb niemals ju brainatifdher Sebenbigfeit unb ^>öf>e, 
allen ihren ©eftalten ift eine feminine 2lugft not bent Raubein eigen, baS 
nadh innen btenneitbe ©efiiht roirb nirgenb junt flainmenben 2lffect.| Selbft 
SpbiaS 2lctioität ift im ©runbe nur eine burdh bie Umftänbe mobificitte 
fßaffioität. Der fßefftmiSntuS ift bie ©runbftimmung in ben Dichtungen 
■NeeraS. ©r refultirt, rote alle ihre Äunft, aus bem ©efühl. freilich ift 
es nicht ber fpeffintiSmuS beS SfeptiferS, roetdjer 2lHeS leugnet unb ter= 
jroeifelt; eS ift berjenige beS ©laubigen, ber bulbet unb arbeitet. Denn 
ber roahre IßeffimiSmuS ift eine pofitioe SBeftanfchauung, „eine UebergangS* 
periobe 511 erroäl;fteren Realen." ©r ift eine terfeinertere, raffinirtere, 
inbttnbueHere unb erhabnere yornt beS ©enuffeS, bie fihmerjlidhe Älage ber 
©ulturhohen, bie 51t lebt, roeil ihnen baS 2eib jur Selbfterlöfung roirb, in 
beit feligcn £>onannal)gefnng ber Sdhnterjüberroinber auSfüngt, bie bem 
Sdhmerje nidit unterliegen, benen baS $beal „bie ©ntäuferung ton bem 
perfönlidien 2Bol)l unb bie leibenfdjafttidie 33cgeiftcrung für baS außerhalb 
befteljenbe ©ute ift, baS heifjt, baS Sidhgtüdlidhfühten aus bem einfad)en 
©runbe, roeil baS ©ute ejiftirt." 

Die ffornt, — um enblid) 311m Sdjtufj ton bem Inhalt ber 
Dichtungen 9i'ecraS 31t bem bleibe übeqngehen — ift niemals bie gröjjte 
Sorge ber Dichterin geroefen. Sie hat ftets banad) geftreht, gut 3U fdhreiben, 
aber nur um ben ©ebanfen ein ihrer roürbigeS ©eroanb 3U gehen. Darum 



ZTeera. 


30 { 

finb iFire Dichtungen oon einer foldien flaffifdjen 6infad)heit, fRube unb 
©röjje ber fyorm. Sie liebt bie fyorm, aber nur um beS Seifte? nullen, 
ber itjre höchfte Jfaeube, ber iFire Seibenfdjaft ift. «So ifl iFire Slnerfennung 
ber gorm ganj innerlich unb fentimental; fie ift feine grudit beS SlaifonnementS, 
fonbent be? feelifchen ©inbrudS. Sie refultirt au? ihrer Siebe jum ©efühl, 
bem eine eble unb reine $orm ju feiner I)öd)ften SMenbung Reifen muff. 

Die Dichterin nimmt eine eigene unb felbftftänbige Stellung in ber 
Sitteratur ein. Sie 2lrt ihre? Talente» läßt fidj in feine ffortnel jroängen, 
fie giebt feiner Schule, feiner Stiftung, feiner fßarfei bas 3ied)t, fie für 
ftd) ju reclamiren, ober gar mit ihrer dunft eine 2lrt litterarifchen ©ößencult 
ju treiben. Da’,u ift fie riet ju fet;r ariftofratifdje 9iatur, ber baS ©emöhn- 
lidje, ^eerbenartige riet mehr noch »erhalt ift, als baS heroufjt Schlechte, 
bie ftdh ben fßöbel fern hält wie DupbuS» unb Slalternfranfe. Sie ift 
eine SluSnabmenatur, ber alles 9iohe nnbernmrtig ift. Doch ift ihre 33er< 
adjtung nicht bie Feigheit ber SBiflenSfcbniacben, bie ber fDiaffe ju entgehen 
fu<hen, um nicht oon ihr unter bie gieße getreten ju merben. Nichts 
SRenfcblidieS ift ihr fremb, ihre Verachtung beS fßöbets refultirt auS ihrem 
.dampf mit ihm unb feinen brutalen ^nftincten. Darum barf fie mit 
föitiglicher Roheit einen Dl;ron für fid) forbern, ber fie bent Fimmel nähert. 
„Stur roer gefämpft, gelitten, miberftanben h at / barf inmitten ber SJiaffe 
baS Cßaupt erheben unb fagen: „Odi profanum vulgus et arceo!“ Die 
Dichterin ift in ihrem Sehen mie in ihrer dunft immer eigene SEege ge» 
gangen, bie roeit, weit abfeits non benen ber SJtaffe liegen. gn ihrer 
dunft giebt fie Sille?, roaS fie bat, ihre ganäe fperfönlidifeit. Unb baS ift 
»iet, benn fie ift reief). Sie giebt fie mit jener echt weiblichen, feufchen 
Schomhaftigfeit, bie fie nie ganj enthüllt unb hinter ben SEorten noch bie 
rounberbarften Steije ahnen läßt, Darum fudite fie fidh in fd;ambafter 
Scheu unb jittember Slngft oor ber Deffentltdhfeit hinter einem — ben 
horajifchen Oben entlehnten — Vfeubonpm ju »erfteden, in bet Meinung, 
hinter biefem für immer unentbedt ju bleiben. Ueber bem Sehen unb ber 
dunft ber Dichterin ftetjt ber Derfdjtoffene unb oerfchleierte Fimmel beS 
SiorbenS, „ber für bie fdiroeigiamen SJJenfchen mie gefchaffen ift," unter 
bem bie Sinne ganj ju fdiwinben feheinen, um ben ©ebanfen ißlafc ju 
machen. Sie liebt bie Sonne nicht, weil fie ju oulgär ift unb mit ihrem 
aufbringtichen Sicht in alle ©den unb SBinfel hineinleuchtet, fie liebt bie 
Dämmerung, bie um alle SEirftidifeiten bie grauen Sd)lcier beS ©ebeimnifj» 
»ollen bängt. Die Dichterin ift SEeib in ihrer ganjen dunft, fie ift eine 
feltene — »ielleid)t in ihrer Diefe unb Seltfamfeit bie erfte unb einjige 
— dünberin ber femininen ißipche mit allen ihren Sebnfüditen, Slengften, 
Dualen unb greuben, mit ihren taufenb unentbedten ^eimlidjfeiten, bie 
ft<h »or ben jubringlidjen Slugen beS SJJanneS in jitternber Scheu in bie 
hinterften SEinfel oerfried)en, eine dünftlerin, bie in fid; norbifdje Diefe 
beS @efüf)lS unb füblidie Differenjirtbeit Bereinigt. 


2luf 5m Eingang Krnolb Böcflins. 

r>on 

^Einrlrij 3ÜEper. 

— IHiinijen. — 

Dom nadjtlid? blauen l^immel träuft ber Sterne £id}t 
Kuf einer (Eobteninfel bleichen fels herab. 

<£ypreffen ragen fdjmarjen Säulen gleich empor, 

Unb Sdjatten fdjtDeben auf unb nieber an bcm Stranb. 

Dort fernher gleitet rnberlos ein fdjroarjes Boot. 

(Es branft bas Ifieer. Die IDogcntämme leucbten auf. 

(Sleidj einem Sd}langenleibe fdjiüert rings bie f luttf. 

Unb nun? — Blies bort ein (Eriton auf ber Ittufdjel nicht? 

(Ein langgejog’ner £aut — ein IDetfruf burd? bie Badjtl 
— Da naht bie Barte. (Srofj unb lautlos 3 iet|t fte l>in, 

Don Sdjaareti geller ITTäbdjenleibei* fanft bemegt. 

0ceaniben ftnb's. Kus ihren Beiden tönt 

(Ein fünftes £ieb, ein leifes f lüftern um ben Kahn. 

Dann t|inten nad}, aufjtampfcnb in ber Pnrpurffattj, 

(Eentauren, JUann unb JDeib, in langgejhecftem §ug. 

Die »irren Ittähnen flattern. Dichtes Ejaargelocf 
fliegt auf ben Bug ber Boffeleiber lang fyerab. 

Den §ug umfchnummt in »eitern Kreis ein bunt (Setfjicr: 
Delphine tai^en, bunte Schlangen ringeln fid}, 

€in filbergrauer Dradje t^ebt ftdj aus bem Itteer, 

Unb bort ein (Ehier: auf breiter Stirn ein mächtig f?orn, 

<Sro§, geigertjaft bas Kugenpaar unb buntgeflectt 

Das 3 otfge feil. — (Ein €infy>rn ijt’s. £eidjt fch»immt es Ijin 

Kuf nädjt’ger f lutf{ unb trägt auf feinem Biicfen noch 

(Ein 2Dunber»eib, ein glansummobnes, beffen Blicf 

3n’s (Sren 3 enlofe taucht unb beffen Sippe bebt 

3n lauter Klage: „Krnolb Bötflin geht bahtnl 

Don biefer fahrt, ad?, fefjrt er nimmermehr 3 urütf." 


2luf ben Eingang Urnolb Böcflins. 

— Dodj t^ält bcr Hacken an ber (Eobteninfel nid}t, 

(Er gleitet weiter in bie fernen burdj bie ZTadjt, 

Dem £anbe 3U, ba Serge wanbeln leibentrücft. 

§um Stranbe trägt ben Sdjlummernbcn ber Ittäbdjen Sdjaar 
Unb bettet it^n auf einer IDiefe Blumenpfütyr 
Hab* einem Sorbeerbain im queflenreidjen <5runb. 

UTelobifcb riefelt t>on bem Reifen IDafferflutb, 

Unb in ben Biifdjen bläß auf einer (flöte fanft 
(Ein fdjöner Ejirte feiner Siebe füjjes Sieb. 

Da fenft ßdj auf &ie b°*l c Stirn bem Sdjlummernben 
(Ein bunter (falter fliigelbreitenb, feberleid: t. 

Der Sdjläfer öffnet feine Uugen froberftaunt 

Unb trinft bie (flutb bes neuen Sidjts, bas nie erlifcf^t. 



(ßriffel, (ßolb unb (ßift*). 

<£ine Stubie in ©rün. 

Dort 

ÜHlbe +. 

^rct nach bem ©nglifdjen non IDtl^elm Sdfblermann. 

an Etat Zünftlern unb ©cfjriftftettem häufig ben Borwurf ge* 
macht, bajj ihrem SBcfen bie ©anjbeü unb Bollftänbigfeit ber 
Statur abgebe, gür ben ©urchfdmitt ifl bteö allerbingS — 
unb jwat notbwenbiger Sßeife — jutreffenb. ®enn eben in bet bewußten 
Berbichtung bet 2htfcf)auung unb Qnteniität beS 3>oede2, worin baS SBefen 
beS Äünftlerifcben beruht, liegt jugleich ein ©(erneut ber 2luS}<heibung, ber 
Begrenzung, ber 3luäroalj(. Sie für bie Schönheit ber goren Boteim 
genommenen, bie ^räoccupirten ber 2lnf<hauung, ftnb geneigt, faft alles 
Uebtige mit bem SJtafiftab ber ©ntiöertfjung ju nteffen. 

©ernioch giebt es StuSnabmen. StubenS war aujjerorbentlidjer ©e* 
fanbter in Spanien, ©oetbe StaatSminifter, s Dti(ton lateinifc^cr fßrioat-- 
fecretär Dlioet ©romwells. SopbofleS befleibete ein bürgerliches 2lmt in 
feiner Baterfiabt, SucaS ©rattach war Statbsberr unb „treuer Wiener unb 
SRatbgeber" breier fäcbfifcber Äurfürften. Unb bie mobernen $umoriften, 
©ffapiften unb SRooelliften beS heutigen Slmerila fcheinen bas $iel ihres 
©brgeijieS barin ju fuchen, bie biplomatifcben Vertreter ihres BatertanbeS 
ju werben. 

So bat auch ber ©egenftanb biefer Betrachtung, 3^b° ma ^ ©riffitbS 
SSßainewrigbt, ungeachtet feines epquifit fünftterife^en StaturedS, neben 


*) 2er Hob 03car SBilbeS, ben bie Stadjtoelt bielleidjt ben fflearbslet) ber engtifcben 
ßitteratur nennen wirb, gab bie Stnregung jur auSjugStoeifen Uebertragung biefer, bie 
©genart be8 3lutor8 befonberS fennjeWjnenben ©tnbic. 




(Srtffel, (Soli) unb (Sift. 


305 


ber Äunft nod „anbereit SUeiflern" gebient, benn biefer eigenthümlidje 
ÜWenfch roar nid^t allein ein guter SOtaler unb feiner Äunftfritifer, ein 
Antiquar unb ©antmler, ein Siebhaber non lieblichen unb ein ©enießenber 
— dilettante im urfprüngliden Segriff — non genußreichen ©ingen, 
fonbern jugleidj ein fühner Sßedfelfälfder non feincSroegS plumper Se* 
gabung, foroie ein heimlicher ©iftmifdjer non einer Unerfdrodenheit, roie 
fie in unferem ^ahrßunbert unerreicht geblieben ift. 

©iefer merftnürbige 3Jiann, non bem ein großer fpoet unferer ©age 
(Sroinburne) jutreffenb fagte, er fei gleich ftarl mit „pencil, pen unb 
poison“ (©riffel, geber unb ©ift), tourbe im ^aßre 1794 3 U GljiSroid 
geboren, ©ein Sater roar ber ©oßn eines hernorragenben StedtSanroaltS 
non ©rapS 3uu unb Ration ©arben, feine ÜJlutter bie ©ocßter beS 
Dr. ©rifnthS, beS SegrünberS unb Herausgebers ber „fDJonthtp 9teoiero", 
greunb beS berühmten SudßänblerS ©homas ©aoieS, non bem Dr. ^oßnfon 
behauptete, er fei gar fein Sudhänbler, fonbern „ein ©entleman, ber mit 
Sfichem ßauble". 2)trS. Sßaineroright ftarb im jaden Sitter non einunb« 
jioanjig fahren, inbem f ie ihrem ©öt)ndcn baS Sehen gab; ihre ©obeS* 
anjeige in ©he ©entleman’S Sliagajine ermähnt eigens ihren liebenSioürbigen 
©ßarafter unb oielf eiligen SilbungStrieb unb fügt bann bie naine Se= 
merfung fjiuju: „fie foH bie ©driften non 3Jtr. Sode fo gut nerftanben 
haben, roie nielleicht feine anbere gegenwärtig tebenbe (!) fßerfon männlichen 
ober weiblichen ©efdlechts" ! 

©ein SBater überlebte bie junge fjfrau nidt lange, unb ber fleine jarte 
Änabe fdjeint bann non feinem ©roßnater, nach beffen 1803 erfolgtem ©obe 
non feinem ©heim, ©eorge ©broarb ©riffUßS auferjogen ju fein, ben er 
fpäter oergiftete. 

©eine Äinbßeit oerbradjte er in „Sinben Houfe", einem jener fdjönen 
alten Hettenfifee aus ber „fperiobe ber ©eorge", bie leiber ben ©ingriffen 
unferer Sorflabtarditeften haben meiden müffen. ©iefem Herrenhaufe, 
mit feinen roohlgehaltenen ©artenanlagen unb ßerrtiden Saumgruppen im 
fßarf, nerbanfte er jene fdtidte, rührenbe unb leibenfdaftlide Siebe für 
bie Sffatur, bie ihn fein ganjeS Sehen nidt nerließ unb ihn für ben geiftigen 
©influß ber ©idtungen SBorbSroortßS fo empfänglid madte. 

Gr befudjte juerft bie ©dule in Hammerfinith, genannt ©hartes 
SurnepS Slcabemp. SDtr. Surnep roar ein entfernter Serroanbter beS 
Änaben unb fdeint ein 9Kann non roirflider Silbung geroefen ju fein; in 
fpäteren fahren fpridt fein ehemaliger ©düter nod oft mit Sereßrung 
non ihm als Slrdäotogen, Sfifjitofopfjen unb ganj auSgejeidnetem fßäbagogen, 
ber über ber SluSbilbung beS SerftaitbeS bie Unentbeßrlidfeit einer frühen 
moralifden 3 u d* unb Slnleitung nidt nergaß. Unter 9)tr. Surnep ent* 
roidelte ber 2 funge feine frühe fünftlerifde Segabung, unb jroar roar es 
bie SDlaterei, bie ißn am ftärfften anjog. ©ein aHererfteS ©fijjenbud ift 



306 


0scar XT>i Ibe f. 


i 

noch oorhanben, unb 9Jir.£a}titt (fein Siograph) berietet barüber, in biefen 
©fijäen „fünbete fid) ein bebeutenbeS Dalent an, oerbunben mit natürlichem 
©cfütjt". 

Grft oiel fpäter legte er bie Stunft beS ©riffelS unb beS Spinfel3 jeit= 
roeilig bei ©eite unb oerfucfite bann mit bev gebet, gleichzeitig aber mit 
©ift 5 U arbeiten. 

33 orf)cr fdfjeint er oon fnabenbaften gbeen ber Stitterromantif unb ben 
Abenteuern beS ©olbatenftanbeS l)ingeriffen morben ju fein. Gr mürbe 
©arbeinfanterift. Dcd) bie rnüften finnlofen AuSfhtoeifungen feiner 5tame= 
raben ftiefjen i^n— ©ein oerfeinerteS Stünftlertemperament mürbe baib 
beS DienfteS überbrüfiig. „Die Stunft," fhreibt er in SBorten, bie unS 
noch heute burch ihre feitfame gnbrunft eigentümlich berühren, „bie Stunft 
forberte ihren Abtrünnigen gurttcf ; in itjrem hohen reinen Ati)em mürben 
bie trüben ©innennebei rerfcfieucfjt, bie lärmenben J£?üfte geläutert, üieine 
©efühle, befledt, ftebenb heifj unb oerborrt, mürben in frifher Stühle mieber* 
geboten unb entfünbigt — einfältig, fcfjlicftt, lieblich unb flar für ©olche, 
bie reines fjerjens finb". — 

„Die Dichtungen oon 2BorDSmortb," fährt er fort, „thaten oiel, um 
ben oerroirrenben Sffiirbel }U befhmihtigen, ber ftets mit einem plöfclidien 
ieelifcben Umfdjnmng oertnüpft ift. 3h oergof? Dhränen ber ©lücffeligfeit 
unb Danfbarfeit." 

Gr nahm feinen Abfhieb aus ber Armee, angeefelt oon ihren Stafernen* 
rohbeiten unb oben fDiefctifhjoten. — ©anj erfüllt oon feiner neugeborenen 
Gutturbegcifterung Eefjrte er oorläufig jurücf nah Sinben £oufe, mohin 
ihn bie Grinnerungen ber Stinberjabre äogen. Gine fehr ernfte Äranfheit 
jerbrad) ihn (nah feinen eigenen Porten) „in ©herben mie ein irbeneS 
©efäh". Gr litt fhmer unb fheint in biefer $eit burh jenes traurige 
Dfml ber Droftlofigfeit geroanbert }U fein, aus bem fo manche mirflih 
groge, oielleiht größere ©eifter als er niht mieber herouSgefunben hoben, 
©eine jartbefaitete Aatur — mie gleihgiltig fie oielleiht bagegen geroefen 
fein mag, Anberen ©hmerj jujufügen — mar gegen eigenes Seibeti hoh'- 
fenfitio, ein ocrfcinerfer egoiftiidjer ^nftinct, ber oielen Stünftlematuren 
eigen ift. Gr fdjraf oor bem S3?efj jurüct mie oor etiraS ^affenSroerthem 
unb Unheimlichem, moburd) baS ntenfdjlihc Seben eingeengt unb oer= 
ftiimmelt roirb. 

Aber er mar jung (fünfunbjtoansig 3ohre), unb halb tauhte er mieber 
frifhbelebt aus beit „tobten fhmarjen Straffem" empor in bie befreienbe 
Höhenluft humaniftiiher Gultur. Die Jtranfhcit hotte ihn faft bis an baS 
Dijor beS DobcS gebraht — in feiner ©enefung fam ihm ber ©ebanfe, 
bte ©hrifftellcrei als Stunft auSjuübeit. „3h rief mit 3°h n SBooboitlc" 
fhreibt er, „cS märe ein ©öttcrleben: 

$a3 Fiofte Iterrticbe ®efiifjl ber 3 f it, 
iöefreit Dom ücttcnbrucf ber 2terblid)feit." 



(griffet, (Solb nnb (ßift. 


307 


•3n biefer Stelle brüdft ficb gatt$ unoerfennbar eine e<fite SeibenfcEiaft 
für litterarifdbeS Staffen aus. „©ans fübne £>inge ju feben, ju böten 
unb ju fchreiben," war jefct fein 3iel. 

Scott, ber bamatige Herausgeber beS „Sonbon dJtagajine", forberte 
iljn auf, eine golge non dluffäfcen über EünftierifcEje Sbemata ju fchreiben, 
welche er unter oerfdiiebenen p^a-ntaftifdjert ißfeubonpmen oerfafjte. ©ine 
3JiaSfe fagt unS oft mehr als ein ©eficfjt ! ©gomet 33onmot, $anuS 
SBeatbercocf (Sßetterbabn), 3San SHnfooomS, baS waren einige non bert 
groteSfen Sarnen, hinter benen er feine ©rnftbaftigfeit }U oerftecfen ober 
feinen Uebennutf) ju oerratben fucbte. Diefe Sßerfteibung machte ibn fdjnell 
ju einem ber befannteften Unbefannten. ©barleS Saittb fpric^t non bem 
„gütigen leidjtberjigen SBainemrigbt", beffen ißrofa „oortrefflicb" fei. ©r 
nahm ftdj — rnie fpäter ®iSraeli — not, bie Stabt Sonbon als ®anbp 
in SBeriounberung ju feben. Seine Eojibaren dünge, feine antifen ©ameen* 
Srujütabetn, feine citrongelben ©[acbbanbfdfjube waren roobtbefannte Bietben 
non dlegent Street unb ?ßiccabitti, ja fie würben fogar als Stnjeicben eines 
neuen Stils in ber Sitteratur angefeben, wäbrenb fein welliges bidjteS 
Haar, bie auSbrucfSootlen Slugen unb fdjlanfen weiten Hänbe ibn in bie 
gefährliche unb föftticbe — Unterfdjeibung non Jeiner Umgebung rücften. 
©S war etwas non SaljacS Sucien be SRubemprb in iljm. 

©e Cluincet) traf ihn einmal bei einem Zitier im H au fe ©hartes 
Sambs. . „ftn biefer ©efeUfchaft, lauter Sitteraten, fafe ein SDiörber," be* 
rietet Quincet) unb fefet hinju, er fei an bem £age franf gewefen, fyabe 
baS 2lntli| non ÜJtann unb 2Beib gefjafet, (ich aber bocb babei ertappt, mit 
theilnehmenber dleugier fein Gegenüber bei £if<h beobachtet ju haben, einen 
jungen SchriftfteHer, „hinter beffen gefünfielter 2lrt, fi<b ju geben, eine um 
gefünftelte ©ditbeit ber ©mpfinbung nerborgen lag". 3n dtücferinnerung 
grübelt er barüber nach, weldb’ plöbtidjer ^JfmpulS eines neuen QntereffeS 
ihn ergriffen haben mürbe, hätte er bamals geahnt, welcher furchtbaren 
Sünbe biefer jugenbliche ©afl, bem Samb fo niel SHufmerffamfeit unb 2öobl* 
wollen erwies, fdjulbig war. 

®aS Seben ÜBainemrigtbS fällt folgerichtig unter bie brei Haupt* 
abfchnitte, bie Swinburne notgefchlagen, unb man fann ihm barin ju* 
fümmen, ba§ waS SSainemrigbt uns als Schriffteller tbatfäcblicb binterlajfen 
hat, feine Unflcrblichfeit faum ju retten oermag. ©S ift oiel dJtinber* 
wertbigeS, im üblen Sinne BournalijtifcbeS barunter, neben wirtlichen 
©eifieSperlen. 

2tber nur ber ißhitifter fcbäbt eine ißerfönlidjfeit nach bem orbinären 
®ur<hf<hnittSma§ ber „ijkobuction". ®iefer junge ®anbt) juchte lieber 
etwas ju fein als etwas ju machen, ©r erfannte, bajj baS Seben felbjt 
eine Runfl ift unb nicht minber feinen eigenen Stil bat wie bie Äünjte, 
bie eS auSjubrücfen fu<hen. 2lu<h finb feine fünftlerifcben Arbeiten feines* 
wegS ohne ©ehatt unb Qntereffe. 2Bir erfahren, ba§ SBilliam Sölafe (ber 

«otb nnb 6flb. XCVI. 288. 21 


308 


Oscar tüilbe +. 


■BtpftiEer) oor einem feiner Silber in ber Sfotjal ülcabemt) fielen blieb uttb 
eä für „etroaS feßr feines" erflärte. (Seine GffapS nehmen 3Randje3 oor= 
roeg, roaS feitbem erfonnt unb eingetroffen ift. Gr fdjeint einige jener 
Sufälligfeiten ber mobemen Gultur oorauSgeaßnt ju haben, welche beute 
oon Sieten als baS ihr Gigentßümlicbe angefeben toerben! Gr fdßreibt 
über 2a ©ioconba, über bie frühen franjöfifchen SMcßter unb über bie 
italienif<be Stenatffance. Gr liebt griecßifche ©emmen, pcrftfd^e ICeppicße, 
bie£t)pnerotoma<hia, Sudß^Ginbänbe, Sncunabetn. Gr füblt ben SBertß 
fdßöner Umgebungen unb wirb nie mübe, bie Bimmer, in benen er rooßnt 
ober hätte rooßnen mögen, ju betreiben. Gr befaß jene eigentümliche 
Sortiebe für ©rün, bie in Bnbioibuen ftets ein fDierfmat oerfeinerter 
äftßetifößer Neigungen, bei ganjen Sölfern bagegen ben Seginn einer Gr* 
fcblajfung, wenn nicht einer Gntartung ber ÜRorat anjubeuten fdßeint. Sßie 
Saubetaire butte er eine befonbere Sortiebe für Äaßen, unb wie SCßeopßil 
©autier mürbe er unroiberfteßticß angejogen oon jenem „füßen marmornen 
Ungeheuer" beiberlei ©efdßlecßts, baS mir in glorenj unb im 2outre beute 
berounbern bürfen. 

3n feinen Säuberungen rote in feinen Sorfdßlägen für becoratioe 3tro 
orbnung ift freilich StancßeS enthalten, baS beuttidh geigt, roie er fidh oon 
bem falfdßen ©efcßmacE feiner 3 e 't nicht ganj emancipiren fonnte. 2lber 
e3 geht flar barauS ßeroor, baß er einer ber Griten roar, bie erfannten, 
roorin baS 2Befen beS äfthctifcf>en GEIetticiSmuS befteßt, ich meine bie innere 
Uebereinftimmung unb toaßre Harmonie aller wirtlichen Sdßönbeit, unab* 
ßängig oon B^t unb Drt, Sdßule ober SecßniE. Gr erlannte, baß beim 
SluSfdßmücfen eines StaumeS, ber nicßt jum 3^9^, fonbern junt -Jßoßnen 
eingerichtet roirb, mir niemals banadß trauten follten, eine arcßäotogifcße 
Steconftruction ber Sergangenßeit ßerauSjutifteln, noch uns mit ber fforberung 
angeblicher ßiftorifcßer ©enauigEeit unb Uebereinftimmung ju belaßen. 
Gr ßatte in biefer 2luffaffung ooHfommen Stecht. Me echte Schönheit ge* 
hört bemfelben B^talter an! Sei ber Süßnenbecoration im ßiftorifchen 
®rama ober 2uftfpiet, roo roir unS etroaS geigen taffen unb einen SCßeil 
beS SerftanbniffeS unb ißreS genießenben SiacßbicbtenS aus ber Slnfcßauung 
ber Umgebung, Bdtepocßc unb ftteibung fchöpfen foffen unb müffen, ift bas 
etroaS MbereS. ©iefe ^rage ift in meinem Gffap „Sie äßaßrß eit ber 
StaSEe" eingeßenber beantioortet roorben. 

So ftnben roir benn in feiner SibliotßeE, roie er fte betreibt, bie 
jarte £ßonoafe ber §eHenen mit ißren Eoftbar gemalten Figuren unb bem 
milben KAA02 umwogen; baßinter ßängt gleich ein Stieß nach Stichel 
ÜtngeloS iDelpßiidier Sibplle, ober ©iorgioneS ißaftorat . . . $ier ift ein 
StüdE Florentiner Stajolica, bort eine feßroere 2ampe oon irgenb einem 
altrömifdßen ©rabmal. ®icßt baneben ßoeft ein häßliches EleineS Ungetßüm, 
oietteießt ein 2are, „auSgegraben aus einem Äornfelb im fonnigen Sicitien". 
Gütige bunEIe antite Sroujen contraftiren mit bem „blaffen Schimmer jroeier 



(Srtffel, < 8 olb unb (Sift. 


309 


cbtcr ©brifti ©rucifiye, ba! eine in ©Ifenbein gekniet, ba! anbete in 
SG3acf)S mobellirt". ©r fiat feine Täfelchen mit foftbaren ©etnmen, eine 
minjige Souil Duatorje*Bonbonniere mit einer Bliniatur non tpetitot, feine 
bochgepriefenen „braunen 35iScuit-5C^eetöpfe, Filigranarbeit", feine citronen* 
farbene BfaroccosBrieftafclje unb feinen „pomonagrünen" Sebnftubt. 

3Jtan fann i^tt fi<h »ergegenwärtigen, tote er inmitten feiner Folianten, 
$upferfti<f)e unb 2lbgüffe behaglich fungegoffen liegt, ein echter Söirtuofo unb 
©onnoiffeur, bie feine alte Sammlung feiner Btarc Slntoitio! umblättemb, 
ober Turners „Liber Studiorum“, ober mit einer Supe feiitl^antifen 
©emrnen unb Gameen prüfenb, „ben £opf bei 9llepanber auf einem Dnpj 
uon jroei Schiften" ober „ba! beliebe Hochrelief in Garneol, Jupiter 
StegiodEiu!". ©r mar ein befonberer Siebbaber uon $upferfti<hen unb 
giebt manche beherjigenlwertbe 2Binfe über bie befte ÜJlet^obe, fi<b eine 
Sammlung anjulegen. 2lucb mal er über bie Bebeutung unb ben SBertb 
uon ©pplabgüffen fagt, ift oorjttglidb unb beb>er jigenöroertt). 

Süll Äunjifritifer fommt e! il)m in erfter Sinie auf bie complicirten 
Befleproirfungen an, welche bur<b ben ©inbrudf eine! Äunftwerf! fjoruor' 
gerufen werben. ©r gab nichts auf abftracte 2lbf)anblungen über „ba! 
Sßefen bei Schönen", unb bie Ijiftorifdbe F ot f^ung, bie in unfern Tagen 
fo reichhaltige Grträge geliefert fiat, lag ju feiner 3eit noch in ben SBiubeln. 
©r uerfor aber nie bie grojje grunblegenbe SBafubcit au! beu Bugen, bajj 
bie unmittelbare Sßirfung ber Siunji meber an unfern Berjtanb, noch an 
unfere ©emfitblempfinbungen appellirt, fonbent junäefift an ba! fünfilerifdbe 
Temperament, unb mehr at! einmal roeift er aulbrücflidj barauf hin, bafj 
biefe! Temperament, biefer ©efdjmad unbewufet gelenft unb aulgebilbet 
itürb bureb häufigen Gontact mit ben beften SBerfen, fo baff bal ©nb« 
ergebnife ein richtige! unb fiebere! Urteil ift 

2Bal bie moberne ftunft anbetrifft, fo geftefjt er unumwunben ju, toie 
fchwer el fei, ben richtigen Bfafjfiab für jeitgenöffifdEje Arbeit ju finben. 
©r fanb ibn nicht immer, aber im ©anjen mar fein ©efdfimad gut unb 
gefuub. ©t berounberte Turner unb Gonftabte ju einer 3^it, ba man fte 
noch beibe geringer fchäfcte at! heute, unb er erfanute, baf? für bie f)öcf)fte 
lanbfchaftliche Malerei mehr erforberlich fei al! bloßer Fleifc unb „gewiffen* 
hafte! Bbfdbreiben". Ueber Grome! „fjjaibe bei Borwidh" bemerft er, bafj 
fie beiueife, „mie uiel eine ganj feine Beobachtung ber Elemente in ihren 
-tuilben Saunen jur Belebung einer unintereffanten ©bene beiträgt". Bon 
ber populären Buffaffung ber £anbf<haft feiner Tage behauptet et, fte fei 
einfach eine Bufoäblung oon Riegeln unb Thälem, Baumftümpfen, Büfchen, 
SBaffer, SBiefen, Jütten unb Käufern; wenig mehr al! eine Topographie, 
eine SSfrt illuftrirter Sanbfarte, bei ber alle werthooHften ©lemente be! echten 
Btaler!, wie Bebel, Sichthöfe, Begenbogen unb Begenfchauer, grofje Strahlen, 
bie burch jerriffene Sßolfen brechen, Stürme unb Sternenflimmem — 
fehlen. @r befafc eine grünbliche Bbneigung gegen alle! ^Deutliche in ber 

21 * 



310 


©scar IDilbe f. 


Jfunft, unb roährenb et ben UMet Sir ©aoib SBitfie gern als ©ßrengaft 
bei ju ©if4e fab), gab er nüßtS um feine Silber. ©ie Dualitäten, 
bie et in einem ©emälbe f4aßte, waren ©ompoittion, Freiheit unb 2Mrbe 
bet Sinie, Sleuhtßum ber $arbe unb ©inbilbungSfraft. 3m Uebrtgen toar 
er feineSwegS boctrinär. „34 ^atte bafür, baß fein SBerf ber Äunft 
anberS als aus feinen eigenen ©efeßen abgeleitet werben fann: ob eS mit 
ftdj in Uebereinftimmung ift, baS bleibt bie fyrage." ©ieS ift eine feiner 
beften 2lpßoriSmen. 

®enno4 füllte er ft<f> nie ganj uubefangen in feiner Veurtßeilung 
jeitgenöffi)4er Sßerfe. „®ie ©egenwart," fagte er, „ift mir ungefähr eine 
fo angenehme Verwirrung, wie ber Slriofto beim erften ©urd^lefen . . . 
mobeme Sachen blenben müh, ich muß fie erft burch baS gemroßr ber 
3eit betrachten." @r ift gtüdlußer, wenn er über Sßatteau unb Sancret, 
StubenS, Stembranbt, ©iorgione, ©orreggio ober 2Wi4et 2lngelo fchreiben fann, 
am aUerglücfiichften, wenn er über bie ©rieten f<h reibt. Unb in feiner 33e* 
urtheilung bet großen italienifchen SJteijier ber Stenaijfance iji ein ®on non 
angeborener ©mpftnbung unb 3lufri4tigfeit, als ob er ju ftch felber fpräche . . . 

@r erfannte übrigens, baß feine äftßetifchen Vorträge, Äunftcongreffe 
ober SKaßregeln jur ^örberung ber fdjönen fünfte einen Kunftftil ßeroor* 
bringen fönnen. ©aS Volf, meint er, (ganj im ©eifte oon ©opnbee $aB) 
„muß fortbauemb bie beften Vorbilber »or äugen haben." 

HJtandjmat ift er, als 9Mer oon Veruf, fehr technifch mit feinen äuS* 
brüden. Ueber ©intorettoS ^eiligen ©eorg bemerft er: „®aS ©ewanb 
ber Sßrinjeffin, warm laftrt mit preußifch Vlau, wirb oon bem bteichgrünen 
ßintergrunb burch eine hell roftnfarbene Schärpe abgehoben; bie ooHen ©öne 
oon beiben finben gleichfam ißr ©4° rn einer tieferen Scala burch .bie 
frappladfarbenen Stoffe unb bläulüije ©ifenrnftung beS ^eiligen, jubem au4 in 
ootlem ©Iei4gewi4t gegen bie lebhaft bewegte 2ljur=®raperie im Vorbergrunbe 
unb bie tiefen Qfltoö^atten ber Sßalbungen, wel4e bie Surg umgeben." 

3« ber Siegel befaßt er fi4 mit bem ©inbrud beS SBerfeS als fünfb 
lerif4eS ©anjeS. @r war einer ber ©rften, wel4e bie eigentltöje Äunft* 
litteratur beS 19. Sahrßunberts entwidelten, bie fpäter in SRuSfin unb 
Vrowning ihre größten ©jponenten fanb. Seine Vefcßreibung oon Sancrets 
Repas italien, wo ein bunfelßaarigeS 9)iäb4en „in Verbotenes oerliebt", 
im ©tafe liegt, ift feßr grajiöS. $iet ift eine Interpretation oon Stern» 
branbts großer Äreujigung: 

„©unfelbeit — rußige, unheilbrütenbe ®unfelßeit — umhüllt bie 
gnuje Scene. Stur über bem £olj — glei4fant wie bur4 «wen gräßlichen 
Stiß in ber berußten ©ede — ein Slegenf4auer. S4mußig trübes SBaffer 
ftrömt f4wer herab, ein grifeS, geiflerßafteS Sißt oerbreitenb, entfeßlicßer 
no4 als bie fühlbare Sta4t. S4on feu4t ber ©rbe Dual, baS umbüfterte 
Jlreuj bebt, ©er 21'tnb ift tobt, ®te Suft fteßt ftill. ©in buntpfeS 
©rollen unter bem Voben: f4on fließen SJleßtere aus ber elenben -Wenge 



<5riffel, (Solb unb (Sift. 


SU 

ben $ügel hinunter. ©ie fßferbe wittern baS nahenbe ©rauen unb werben 
»or Stngft unlenfbar. ©er 2lugenblicf ift nahe, wo — non feinem eigenen 
Äörpergewicfit faft aus einanber geriffen, ohnmächtig com Slutoerluft, .ber 
jefct nur noch in bünneren Sätzen aus ben burchriffenen Senen nieberriefelt, 
Srujt unb Schläfen in <S<f»roei§ gebabet, bie fchwarje, fernere 3mtge in 
brennenbem ©obtenfteber ftebenb — $efuS auSruft : „3Jtich bürftetü" ÜJlan 
bebt 3b” 1 ben Gfftgfchwamm jum SDtunb empor . . .*) 

Gr neigt baS £aupt, unb ber ^eilige Seib bängt jetit „beS ÄreujeS 
unbewußt". Gin rotber Slifc flammt burdj ben ©unft unb erlifcht: bie 
Serge Garmel unb Sibanon Haffen auSeinanber, bie ©ee wäljt ihre 
fchwarjen, wütbenben SßeHen gegen baS Sanb. ©ie Grbe gähnt, unb bie 
©räber geben ihre ©obten betont; tnit ben Sebenben im unnatürlichem Serein 
eilen fie jufammen buttf) bie heilige ©tabt, wo neue SBunber ihrer harren, — 
ber Sorhang be$ ©empelS — ber unjerreijjbare Vorhang — ift aus ein* 
anber gerijfen non oben bis unten, unb baS Merhetligfte mit ben SKpfterien 
— bie SunbeSlabe unb ber fiebenamtige ßeuditer — finb beim &öHenfdf)ein 
ber flacternben flammen ben Slicfen ber gottoerlaffenen ÜJtenge preisgegeben ! 

SRembranbt hat biefe ©fisje nie gemalt, unb er wufjte, warum, 
©ie würbe ihre hafte Jlraft eingebüjjt haben, wenn ber räthfelhafte 
©djleier ber Unbeutlidhfeit nicht wäre, ber Spielraum für bieSor* 
fieHungSfraft läßt." — 

©iefe Interpretation, in ©<heu unb ©fjrfurcEit niebergefchrieben, (wie 
SBainewright befennt), enthält oiet beS gurdjtüaren, ja Gntfehtidhen, aber 
eine pacfenbe ©uggeftionSfraft unb &eftigfeit ber Sprache ift ihr in hohem 
tDtafje eigen. GS ift biefelbe Duelle, aus ber beute baS Sefte in ber 
mobemen fiitteratur entfprungen ift, aus bem Seftreben, malerifche ©e* 
bichte in fßrofa ju fftreiben. 

©eine Stuffaffung war oielfeitig. ©o hielt er in allen fragen ber 
Sfibnenbecoration bie Jtothwenbigfeit ber arcbäologifdhen ©enauigfeit für 
einen wefentlichen $actor. 3n ber Sitteratur bagegen liebt er baS Un* 
beftimmte, ©unfle. Gr fdjwärmte für ßeats unb oor Mem für ©heHep, 
„ben mimofenhaften, fenjitioen ©heHep". ©eine Sewunberung für SBorbS* 
morth war echt. Gr fdhäfcte SBilliam Slafe. Giner ber beften 2luSfprü<bc 
über ßunftoerftänbnifj lautet: „Unfere ftritifer fcheinen faum bie ^bentität 
aller fleime ber ©idhtung unb bilbenben ßunft ju ahnen, ebenfo wenig, 
baf? ein gortfdjritt im ©tubium ber Ginen fiets oon einer entfprechenben 
SeruoHfommnung im 33erftänbni§ ber 3tnberen begleitet ift." 

Gine ©eite feiner litterarifdhen ©hätigfeit »erbient befonbere Setonung. 
ber mobeme Journalismus »erbanft ihm ariet, im guten unb böfen ©innc. 
Gr war ber Pionier ber „orientalifdjen Sßrofa". Ginen fo glänjenben 


*) 3Wan glaubt, ber Seift eines Srimetoalb fei auferftanben in biefet ©efcfireibung. 

(©er Ueberf.) 



3(2 


(Dscar IDilbe f. 


Stil 31 t fdfireiben, bafj er ben ©ebanfen unö roie mit ©oje um* 

fdileiert, ift eine ©rrungenfdjaft unferer bebeutenbften Seitartifter non gleet 
Street, aber erfunben bat i^n „ganuS SSeathercocf". ®a biefe Seite an 
ibtn bie am roenigften roerthootle roar — fyxt fie natürlich am meifien 
©inffufj gehabt. 

Snbeffen bürfen mir nicht barüber oergeffen, baff biefer junge ©uliur* 
ntenfdj, roie idt) ©ingangS ermähnte, einer ber erfinberifcheften heimlichen 
Vergifter aller B^ten geroefen iji. 2Bie unb roann er juerfi non bem ©e* 
banfen biefer feltfamen Sünbe faScinirt rourbe, erfahren roir nicht, ba b aS 
Tagebuch, roorin er bie ^Beobachtungen unb ©rfolge feiner graufigen ©p* 
perimente aufgejeidmet hatte, leiber oerloten ober oerbrannt ift. ©elbfi in 
fpäteren fahren roar er ftets oerfchlojfen in biefem Vunft, fpradj bagegen 
mit Vorliebe non ber „Hßoejte, bie au« ben ©efühlen ber 3“neigung ent* 
fprungen ift". — 

©3 unterliegt feinem 3 ®eif®i/ ba§ baS non ihm oft gebrauchte ©ift 
Strtjchnin geroefen ift. gn einem ber foftbarften 9Unge, auf bie er fo 
eitel roar, weil fte ben feinen Sinien feiner elfenbeinjarten grauenhänbe 
erhöhten fWeij gaben, pflegte er bie ffrpftaHe ber orientalifchen nux vomica 
ju tragen, ein ©ift, baS faft gefdjmadloS, einer ganj unbegrenjteu SöSbar* 
feit fähig unb baher fdiroer entbecfbar ift. Seine geheimen ÜDtorbe fmb 
jahlrei<her geroefen (meint be Guineen), als bie jurijtifdh ihm jemals nach* 
geroiefenen. Sein erfteS Dpfer roar fein alter Dnfel, 3Jlr. SÜhomaS ©riffithS, 
ben er 1829 aus ber SBelt fdmffte, um in ben Velift non Sinben £oufe 
ju gelangen. 3m 2luguft beS nädjjfien 3 fl h teä oergiftete er 3JtrS. 3lber* 
crombie, feine Schwiegermutter, unb im barauffolgenben SDecember feine 
Schwägerin, bie rounberfdjöne ^elen 2lbercrombie. SBeShalb er bie 9Jtutter 
feiner grau töbtete, ift ferner ju fagen. Vielleicht aus Saune ober um 
irgenb ein unheimliches 3Jfachtgefut)l ju befriebigen, nielleicht aus feinem 
beftimmten egoiftifefjen ©runbe, ba ihm fein Stuften barauS enfpringen fonnte. 
2 lber ber SJtorb an fjelen 2 lbercrombie rourbe non ihm unb feiner grau 
gemeinfam ausgeführt, um in ben Vefift non einer Summe non ungefähr 
18000 ißfb. Sterling ju gelangen, roofür bas Sehen ber jungen 3>ame 
bei oerfeftiebenen VerficherungSgefellfdhaften eingetragen roar. fjetr unb grau 
SBaineroright luben bie Schroägerin jum Vefuch nach Sinben fjoufe unb 
gaben ihr nergifteteS ©elöe ju effen. ®ann gingen fie Veibe fpajieren. 
2113 fie jurüeffamen, roar fielen tobt. Sie roar ein hochgeroachfeneS fdjlanfeS 
SOtäbchen mit blonbem &aar. ©ine fehr feine SRötbeljeidjnung non ber 
£anb ihres eigenen SchroagerS epiftirt noch, in ber 2lrt beS Sir fthomaS 
Sarorence aufgefafjt. 

®ie 2 lffecuran 3 gefeHfchaften fchöpften Verbaut unb oerroeigerten bie 
SluSjaftlung ber Police, unb jroar auf ©runb tedhnifcher Ungenauigfeiten. 
3Jlit merfroürbtgem 2Jtuth ftrengte ber Vergifter einen ißrocefj beim Court 
of Chancery (©rbfchaftSgericht) an, nadjbem man übereingefommen roar. 



(Sriffel, cSolb unb (Sifl. 


313 


baß eine ©ntfheibung enbgiltig für beibe Steile Bteiben foHte. ®er 
Sßroceß jog ftd& aber fünf Sabre in bie Sänge, bann entfdjieb baS bobe 
©ericht ju Ungunften beS ÄlägerS, ber überbieS nicht erfdjienen mar. Sn 
Folge ber ißerweigerung ber ©efettfchaft, bie Summe auSjujablen, mar 
nämlich SBainewrigljt in große pecuttiäre Scb’wierigleiten geratben. S®/ er 
würbe tbatfädjlich einige HRonate barauf auf ber Strafe in Sonbon wegen 
Schulben arretirt, mäbrenb er gerabe ber bübfchen £o<f)ter eines feiner 
Selaratten ein Stäubchen brachte. ®iefe Schmierigleit würbe jmar jeitmeife 
gehoben, aber er hielt es bocb für angejeigt, ben Soben ©nglanbS ju oer* 
[affen, bis ber geeignete Seitpunft ju einer SluSeinanberfebung mit feinen 
©läubigent gefommen fei. ©r reifte nach Soulogne, jurn Sefucb beS SaterS 
ber befagten ®ame, überrebete biefen, fein Seben bei ber ißelicawGompanp 
für bie Summe non 3000 ißfb. ju oerftchern, um, fobalb bie nötigen 
Formalitäten erlebigt waren, bem alten ^jerrn einige Strpcbninfrpftalle in 
ben Staffee ju werfen, als fie eines SlbenbS ihre 9ta<btif<bcigarre jufammen 
raubten, ©igenen SBortbeil gewann er hieraus nicht, ©r wollte fich nur 
an biefer $Berft<herungSgefelIf<haft bafür rächen, bah fte bamals bie erfte 
gewefen war, bie ft<h geweigert butte, ben ißreis feiner Sünbe auSjujablen. 
Sein ©aftgeber flarb am näcbflen ®age in feinem Seifein, unb er oerlief? 
gleich barauf bie Stabt, um fofort eine Stubienreife bur<h bie malerifchen 
©egenben ber ^Bretagne anjutreten. ®ann ging er nach SßariS, wo er an* 
geblich lujuriöS lebte. Son anberer Seite wirb erjäblt, baß et mit feinem 
furchtbaren ©ift in ber ®af<he hier unb bort umberfdjlich, „gefürchtet oon 
Sitten, bie ihn tannten". S m S°bre 1837 lehrte er nach ©nglanb heimlich 
jurücf. ©in jwingenber Sauber 50g ihn hinüber. @r folgte ben Spuren 
einer Frau, bie er liebte. 

®reijebn S°hre früher hotte er, nur um eine loftfpielige Sttlajolica* 
©ottection ju befommen, eine 2Be<hfelfälf<hung an ber Sani in ©nglanb 
begangen. @r wußte, baß biefe Füllung injroifchen entbectt worben, unb 
baß fein Seben in ©nglanb nicht mehr ficher war. Unb bennoch lehrte er 
jurücf! ®ie F rau / bereu Spuren er folgte, fott oon wunberbarer Schön* 
heit gewefen fein unb — feine Seibenfdfjaft nicht erwibert buben. 

®ur<h einen 3ufatt würbe er entbecft. ©in Straßenauflauf unter 
feinem £otelfen|ier in ©ooent ©arben erregte feine Slufmerlfamfeit. Sein 
3immer lag ju ebener ©rbe. Um nicht oon außen gefeben ju werben, 
hielt er bie Vorhänge ftets jugejogen. Sn bem Slugenblicf, wo er fie ein 
wenig jurücffcblug, um bimmSjublicfen, rief ein Sorübergehenbet: „®aS ift 
SBainewright, ber Sanffälfdjerü" — ©S war Forrefter, ber berühmte SluS* 
rufer oon Soro Street. 

Slm 5. SuU würbe er in Dlb Sailp oorgefühit ®aS Urtbeil lautete 
auf lebenslängliche Serbannung nach einer Serbredfiercolonie. ®iefe Fwm 
ber „Segnabigung" bebeutete für einen Stttenfcßen oon feinen SebenS* 
anfprüchen ben lebenbigen ®ob. 



(Dscar lüilbe +. 


3H 


aBäßrenb feinet (Sefangenßhaft in 9iewgate fanten SicfenS unb 
fDlacreabp ju ihm, bie in ben Sonboner (Sefängniffen ©tubien unb 33eo6; 
Ortungen machen wollten. Gr empfing fte mit einem ftarren, h«ouS* 
forbemben SBlid, biefe Gefährten feinet befferen Sage, bie einfl als (Säfte 
an feinem Sifdj gefeffen batten. Sn einem feinet früheren GffapS fommt 
eine ©teile tor, wo et mit metfwürbiger Vorahnung fchreibt: er habe fi<h 
im Sraume als Gefangener in 9ierogate gefeben, jum Sobe terurtheilt, 
weil er ber' SBerfudjung nicht hätte roiberfteben fömten, aus bem S3ritifb 
■Btufeum einige Unica für feine ©ammtung ju fleljlen . . . Set Sraum 
mar jur 2BirfIid)feit geworben, wenn auch unter etwas abweidjenben Um« 
flänben. 

Sie Dteugierbe trieb tiele feiner alten Scannten aus ber „societv“, 
ibn aufjufuchen, unb feine Seile würbe einige SBodfien hmburch eine 3lrt 
tion ©teHbidjein für bie tomehmc SBelt jtmfchen 3 unb 5 Uhr Stach* 
mittags. 

Slber er felbft mar nicht mehr ber „gütige, leichtßerjige Jüngling", ben 
Samb gelobt hotte. Gr fdfieint terf<f)foffen unb cpnifcf) geworben ju fein. 
Sem reifen Agenten einer aSetfidjerungSgefellfchaft, ber ihn eines 9?adb= 
mittags auffuchte unb ihn in jartfühtenber SSBeife barauf bewies, baß 
bas aSerbredben hoch f<htießli<h ein leichtfinniges unb fcf)le<hteS (Sefchäft fei, 
erwiberte er fühl: 

„©ir! Sh* 9Jtänner ton ber Gitp geht alle Guren GeßhäftSfpecula* 
tionen nach unb nehmt Guer Stijtco babei. Ginige gelingen, anbere rnißs 
lingen. 9J?eine finb jufällig mißlungen — baS ift ber ganje ttnterfchieb 
jwifchen Guch unb mir. Slber Gins will ich Shnen fagen, was idb immer 
burchgefüßrt habe, unb bis jum Gnbe burd&juführen entfdjloffen bin: bie 
Stellung eines Gentleman. S<h höbe baS ftets gethan, unb ich tbue eS 
noch — auch hi«- ®S ift an biefem Orte üblich, baß feber ton ben Sn* 
habent einer SeHe SJtorgenS einmal ausfegen muß. Sch bewohne . biefe 
Sette jufammen mit einem ©teinmefcen unb einem ©hornfietnfeger, aber 
man hot mir noch niemals ben Söefen angeboten!" 

SKIS ein fyreunb ihm bie Grmorbung ber lieblichen #elen Slbercrombie 
uorhiett, jucfte er nur bie Slcbfeln unb meinte: Sa, es war furchtbar baS 
ju thun, aber fie hotte fo plumpe gfußgetenfe. 

S8on Stewgate würbe er auf eine (Meere in fßortSmouth tranSportirt 
unb bann ton bort nach 2Son Siemens Sanb mit breibunbert anberen 
Sträflingen übergeführt. Sie lieberfahrt fcfjeint feßr unangenehm für ihn 
gewefen ju fein, benn.in einem 33rief befragt er ft<h bitter barüber, baß 
er, ber unter Sichtern unb Äünftlern terfehrt hohe, mit „langweiligen 
Sanbpomeransen" jufammengepfercht wäre! Siefer SfoSbruct, ben er auf 
feine SJtitgefangenen anmenbete, braucht uns nicht ju übertafchen. GS liegt 
ein Hörnchen aßafjrbeit barin. So Stglanb ifl baS a3erbrechen feiten auf 
©ünbe unb 33oSheit jurüefjuführen: eS ifl weitaus am häufigften bie 


cSriffel, <So(& unb cßift. 


3*5 


golge oon junger unb großen (Entbehrungen. @S mag ficö an 33orb beS 
(SdjiffeS lein ©injiger befunben haben, bet eine pfyc^oEogifdh intereffante 
Statur mar. 

©eine Siebe pr ftunft fdheittt ihn troß aUebem nicht neriaffen p 
haben. Bn $obart SEoron (Tasmanien) ridhtete er ffä ein 3ltelier ein, roo 
er SportraitS malte, ©eine criminellen Steigungen fäeinen auf feine 
malerifäe Suffaffung in geroiffer SBeife ftiliftifä eingeroirft p haben, ©o 
matte er j. 33. baS 33ilbniß einer jungen SDame, baS im Qahre 1847 »on 
Sabt) Sleffington ermähnt roirb (,Life of Dicken8‘), roetdhe berietet, baß 
er es mit merfroürbiger Bineffe fo behanbelt hätte, baß ber äuSbrud 
feiner eigenen ©cßled&tigfeit in ben Bügen biefeS netten, gutßerjigen 
Stäbchens miebererfennbar mar. (ES fdßeint mir ganj gut benfbar unb 
erflärlfä, baß aus ber ©ünbe eine intenfioe EünftterifdEje Qnbioibuatität 
fopfagen potenjirt herauSroacbien fann. 

©eine heimlichen SBergiftungSoerfuche fefcte er übrigens fort, (ErwieSen 
finb jroei Bälle, roo er Seute p befeitigen oerfuchte, bie ihn beteibigt hatten. 
Slber er fäeint feine frühere ©efäidlfäfeit ganj eingebüßt p haben. Seibe 
SBerfuche fähigen fehl, unb fo richtete et benn im Bahre 1844, „non ber 
©efellfäaft SCaSmanienS grünblich angeefelt" eine SÖUtfärift um „Urlaub" 
an ben ©ounemeur ber ©olonie, ©ir Bfän ©arblep SEBilmot. ®ie 
SKotioirung barin ift für ihn fehr bejefänenb, faft rührenb. ©r fäilbert 
ffä als „oon Bbeen beftürmt, bie nach fünftterifäer gorm unb Steatifirung 
gerabep brängen, aufgefpefäert burdß ©rtebnijfe, babei pglefä ber SDtög» 
lfäfeit beraubt, nüßlfäe ober auch nur ßöflfäe unb anftänbige Unterhaltung 
p haben", ©ein ©efuch rourbe jeboch abfättigig befäieben, unb fo tröftete 
er ffä bamit, baß er bie „Paradis Artificiels“ ,in ©infamfeit genoß, 
bie nur ben Dpiumeffem befannt ftnb. 

@r jiarb 1852 an 2lpoplepie. ©r hinterließ eine SebenSgefäßrtin, bie 
feine SBerbannung getheitt hatte: eine pon ihm järtlfä geliebte färoarje 
Äaße. 

Stir fäeint biefe eigenartige, unergriinblfäe unb faScinirenbe Statut 
eines grünblfäen pfifäotogifäen ©tubiumS nfät unroürbig. ®ie SEhatfacße, 
baß er ein SBergifter war, fagt an ffä noch nfäts gegen feine Sßrofa unb 
SDtalerei. ®aß er eine tiefe edßte Siebe pr Äunft unb Statur hatte, ift 
jroeifelloS. Sßoefte unb Verbrechen, ©ultur unb ©riminaliftif finb feine 
einanber auSfäließenbe gactoren. 3fä nieiß roohl, eS giebt genug ^iftorifer 
— beffer genannt ©efäfätäfäreiber — bie ben moratifäen SDtaßftab an 
alles ©efäfätlfäe legen wollen. £>aS ift aber eine furjffätige unb tßörichte 
Angewohnheit, bie nur beroeift, roie ber moralifäe Bnftinct bis p fofäer 
^ppertrophie auSgebilbet unb überbilbet werben fann, baß er ffä auch 
überall aufbrängt, wo er nfät angebracht ift. ©o mag auch baS Urtheil 
über SEßomaS ©rifftths SBaineroright bereinft gemilbert werben, wenn erft 
bie nötßige SDiftang jroifäen feinem Sehen unb ber ©egenwart liegt. SEßir 



3*6 


®scar IDtlbe f. 


oermögen if)n nodj fautn mit jener unfelbftfüdjtigen Sljeilnafime ju betrauten, 
rote jene großen Serbredjer ber itatienifc^en $odjrenaiffance, über bie unfere 
ßeitgenoffen fo oorurtljeilSloS ju fdjreiben rotffen. 

Sie Äunfl beS oerfloffenen ^afjr^unberts roirb ibn ni<^t ganj über* 
feilen fönnen. ©djon ift er ber &elb oon SidenS „Hunted Down“ unb 
ber 33amet) in 33uloer3 „Sucretia" geroorben — ein 3eid)en feiner inten* 
fioen, nadnoirfenben ©uggejiibilität. 

gür eine Sidjtung fuggeftio ju fein, ift mandjmal oon größerer 33 e* 
beutung aß eine £I)atfad>e. 




e>ur (Erinnerung an 2löolf pikier. 

Don 

Söetnljarb 3@üti5. 

— Wien. — 



bie Ciuere. 


war mit leibet nidjt gegönnt, ben Heimgegangenen 2tttmeifter 
bet beutf<b=öfterretcbifcben Sitteratur petfönlidb Eennen ju lernen. 
So oft mir audb Begegnungen oereinbarten, Eam immer etroaS in 
S5ocfj mürben burdb meine titterarifc^e fEbätigEeit äroifdben bem 


„2Uten oom Berge" unb mir gäben gefponnen, roelcbe fidb feit bem Sabre 


1895 ju einem lebhaften unb icE) barf rntyl fagen oertrauten Bttefroecfifel 


oerbidbteten. 2tb unb ju erfreute er mich unb meine grau audb mit Eieinen 


finnigen ©a&en feiner -Kufe, für beren Beröffentlidjung ich ben ®anE 
feiner jaljlreidjen Berebrer ernten bürfte, juntai fie tbeüroeife einen neuen 
Beleg bafür liefern, baff nidbt nur ein mudjtiger ©ebanEenbidfitcr 


mar, fonbent audb ©ebicJjte, meldbe man ben fdbiiebten 2lu3bruct naioen 


©mpfinbenS nennen Eönnte, ©timmungSgebicbte f<f»rieb. gdb raiH unter 
be3 Dieters Briefen eine 2tu§roabl treffen unb biejenigen berauägreifen, 
meldbe ganj befonberS geeignet finb, auf ibn nadb mannigfaltigen Biegungen 


neue, ergänjenbe Streiflidbter ju merfen. 

SnnSbrud, 10. gebruar 96. 

... Bis pm 30. 3afjre reicht bas S3ucf) ,3u meiner 3e*t". 3n jmei Brofcfjüren ; 
„StuS bem wälichtirolifchen Kriege* unb „2Iu8 ben unb Octobertagen* erjäble ich 
oon 1848; beibe jtnb oergriffen, ich felbft tnüfete lein Ejemplar mehr aufptreiben. Sann 
fe^te id) meine Aufzeichnungen ettoa 10 3abre in bet alten SBeife fort; ich habe baS 
3Jianufcript bis auf Einzelnes berntdjtet. (SS festen mir nicht ber 2Jluf< toertb, biefe 
Singe aufpbetoabren. Sie bitteren Erfahrungen beS ßebenS haben fo ziemlich »iebeS 
BMtrjelchen oon Sitelfeit aus meinem $erjen geriffen, unb ich übertoache midi auf baS 
ftrengfte, um feinet ©cbtoäche nachzugeben. Auch hat ber Einzelne, ber nicht in baS 
öffentliche ßeben eingreift, fein Stecht, bie Xbcilnahme bä SßublifumB p beanfpruchen, 


3*8 


Bernharb Ittüng in IPten. 


unb eS ifi im ©ruttbe gleicbgiltig, ob ftcf» bie beutf4en 99ierp^itiftcr mit mir bcf^Sfäßcn 
ober nicht. 34 habe nicht einmal meine Sluffäfce oollftänbig unb fte groftentheila bem 
Sinbc überlaffen, S?ürf4ner weift über meine $rucfia4en beffer ©ef4eib als ich felber. 
©lein ©rioatleben ift unbebeutenb; bie geologifchen Unterfuchungen haben für bie 2BeIt 
andh fein Sntereffe, wenn ich auch für bie SUpengeogitofte manchen ©eitrag lieferte. 9 f hm! 
bätf ich eS nicht gethan, hätte eS ein anberer gethan; in ber Siffenfchaft ntu& bie Sßerfon 
hinter bie Sa4e gurücftreten. ©lein ©üchlein über baS $>ranta beS ©littclalterS ift Oer* 
altet unb Vergriffen, wenn ich auch fagen barf, baft ich bie Xiroler in bie ßiteratnrge* 
fchichte einfübrte. SaS hat baS für einen Sertb! Schwerlich Oiel 

©ä4ftenS erhalten Sie ben ©eubrucf einer (Stählung gu Shrem ©rioatoergnügen 
ober für 3h*e grau, wenn Sie eine folche haben. 2)aS ©üchlein ift tool nicht Wert, baft 
man ftch bamit naher befchäftige. 

So ift mir mein ßeben zerronnen, unb eS bleibt nicht Diel ©obenfafc übrig. 3*öt 
bin ich ein alter nufclofer ©enfionift. Sin meiner Seite bie altembe Tochter unb ein @nlel 
— Iefe uub ftubire i<h im Sinter, gwei ©lonate üerbringe ich abfeitS ber Strafte in einem 
halb verfallenen ©auemhaus — eine Stuine unter Ruinen! 

3ht alter ©ichler. 

27. gebruar 96. 

. . . ©leine Sluf Zeichnungen führte ich in ber früheren Seife nur Wenige Sabre 
nach 1848 fort unb habe fie bann ü erbrannt, ©lein £eben finb meine Serfe. 34 habe 
nur noch nach bem Saturn beS SMenberS ©öligen gemacht. Sie befchränfen ftch auf 
©hänologif4eS, auf geoIogif4spaIäontofogtfd)e gunbe, auf ©eifen unb SluSfliige. $a habe 
ich benn manches gu gaben gefchlagen unb bruefen laffen . . . Sn fpäteren 3af)ten habe 
ich bann wieber ©lancheS aufgefchrieben; weniger ©reigniffe als ©ebanfen unb ©infälle . . . 
©lein inneres £ebett war ftetS febr intenfto; ich bin ieborf) immer fchweigfamer geworben: 
eS ift mit mir nicht Viel angufangen. ©leine Reinen lyrica, bie ich al« ©elegenheits* 
gebidjte im weiteften Sinne bezeichnen fbnnte, habe ich h^uer noch einmal im 3ämxer 
burchgemuftert unb bis auf 60—70 Stücf vernichtet. 

$ie ©eologica finb nur für gachleute. Sie wiffen, Wir ©aturforfcher bauen an 
einem groften Tempel, ber gar nie fertig werben fann, einige Steine habe auch i4 ge* 
fchlagen, baS trägt im gangen wenig aus. gür meine ©oefte hatten bie ©aturwiffen* 
febaften ben ©ortheil, baft fie ben ©lief für PaS Xhatfächliche fchärften unb mich in ber 
fixeren Siebergabe beSfelben übten. 

©iel Oerbanfe ich auch ben bilbenben fünften, ber ©laftif gunächft baS ©laft; 
weniger ber ©lufif, wenn fte auch mein (Gefühl für ben ©hbthmuS Oerfeinerte. 34 bin 
eben ein Slugenmenfch. Sie bie Sprüche unb Epigramme anbeuteit, war mein «ppovuorf }pwv, 
um einen SlttSbrucf pon SlriftophaneS gu gebrau4en, nt4t müftig, i4 habe mi4 Pou ber 
3ugeitb bis in baS Sitter ab unb gu mit ©hilofophie befeftäftigt, Wenn auch nicht herufs* 
mäftig. 

. . . Senn i4 in ben Xagen ber ©eaction gu polittf4er Unthätigfeit perurtheilt 
War, habe i4 bod) meine ©efinnuug nie perleugnet; bie öfterrei4ifchen ©lätter waren per« 
f41offen, fo fdjrieb i4 in auswärtige unb risfirte babei Slmt unb Stellung. SllS bte 
jogenannte neue Slra anbra4, begann eS im ©Ufte gu gähren, bie gortfchrittler, bie fuh 
früher mauftg hielten, fro4en aus allen Sinfeln beroor, Wie Sürrner nach einem ©egen. 
34 war unter ben ©rünbern beS conftitutionellen ©eretnS, gog mi4 aber halb gurücf, 
ba i4 für Slnbere ni4t bie ftaftanien aus bem geuer holen wollte unb ben S4Wtnbel 
bur4f4aute. Öffent